Psychische Belastungen in der Arbeitswelt. Handlungsbedarf für die Betriebliche Gesundheitsförderung


Hausarbeit, 2013

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Gesundheit - Belastung - Beanspruchung - Erkrankung
2.1 Die Salutogenese
2.2 Psychische Belastung, Beanspruchung, Erkrankung

3 Entwicklung, Bedeutung und Folgen der psychischen Erkrankungen
3.1 Psychische und Verhaltensstörungen
3.2 Burnout
3.3 Frühberentungen
3.4 Folgen der Entwicklung

4 Die Arbeitswelt als Auslöser
4.1 Der Wandel der Arbeitswelt
4.2 Risikofaktor oder Ressource

5 Handlungsmöglichkeiten und Akteure
5.1 Gesetzliche Rahmenbedingungen
5.2 Rahmenbedingungen für die Betriebliche Gesundheitsförderung

6 Betriebliche Gesundheitsförderung für die psychische Gesundheit
6.1 Architektur einer ganzheitlichen Betrieblichen Gesundheitsförderung
6.2 Hemmnisse der Betrieblichen Gesundheitsförderung

7 Fazit und Ausblick

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die psychischen Erkrankungen in Deutschland haben in den letzten Jahrzenten kontinuier- lich zugenommen. Im Krankheitsgeschehen rangieren die Psychischen und Verhaltensstö- rungen seit 2011 an dritter Position unter den Diagnosegruppen (F-Diagnosen, Kapitel V der Klassifikation ICD 10) bei den Mitgliedern der gesetzlichen Krankenversicherungen1 in Deutschland. Die dramatische Entwicklung sorgt für eine neue mediale und politische Wahrnehmung der Thematik, denn insbesondere in Kombination mit den Effekten des de- mografischen Wandels sind die Folgen der Entwicklung für Gesellschaft, Wirtschaft und Arbeitswelt gravierend.

Für die Krankenkassen sind die psychischen Erkrankungen auf Grund ihrer Dauer mit vie- len Krankengeldfällen verbunden. Damit rücken Möglichkeiten der Prävention psychischer Erkrankung und die Förderung psychischer Gesundheit ins zentrale Blickfeld der Kran- kenkassen und der Sozialsysteme. Ein Rückgang oder zumindest keine weitere Zunahme der psychischen Erkrankungen, liegen im Interesse aller Beteiligten. Gelänge dies, könnte man ohne Übertreibung von einer Win-Win-Win-Situation sprechen. D. h., mehr Wohlbe- finden und Gesundheit für Beschäftigte, weniger Arbeitsausfälle und Kosten sowie mehr Produktivität für Betriebe und weniger Ausgaben und Belastungen für die Sozialsysteme.

Ziel der Arbeit ist es, die instrumentellen und methodischen Möglichkeiten der Betriebli- chen Gesundheitsförderung den psychischen Erkrankungen präventiv zu begegnen und die psychische Gesundheit zu fördern, darzustellen, und die Faktoren für eine erfolgreiche Umsetzung betrieblicher Gesundheitsförderung in der Praxis zu identifizieren. In Kombi- nation mit den gesetzlichen Rahmenbedingungen und den politischen Trends in Deutsch- land, werden abschließend Handlungsansätze für eine breitere betriebliche Akzeptanz der Gesundheitsförderung diskutiert.

Hierzu ist es zunächst notwendig, ein einheitliches Verständnis der Fachbegriffe herzustel- len, die Entwicklung der psychischen Erkrankungen zu skizzieren und die damit verbunde- nen Folgen mit dem Fokus auf den finanziellen Auswirkungen zu erörtern. Es wird ge- zeigt, in welchem politischen und gesetzlichen Rahmen sich die Betriebliche Gesundheits- förderung bewegt, welche Ansätze sie zur Förderung der psychischen Gesundheit verfolgt und welche Faktoren ein Hindernis für die Umsetzung in der Praxis bedeuten.

2 Gesundheit - Belastung - Beanspruchung - Erkrankung

Die Betrachtungen der psychischen Belastungen in der Arbeitswelt verfolgen je nach Dis- ziplin und Zielsetzung differenzierte Perspektiven und Ansätze. Zusätzlich gibt es zahlrei- che Fachbegriffe, die unterschiedlich verstanden werden. Insbesondere bestehen Verständ- nisdifferenzen zwischen den wissenschaftlichen Experten und den im Alltag betroffenen Menschen. Einführend wird das Verständnis von Gesundheit, psychischer Belastung, Be- anspruchung, Fehlbelastung und Erkrankung im Rahmen der vorliegenden Arbeit erläutert.

2.1 Die Salutogenese

Die Grundlage für die Betrachtungen der psychischen Belastungen in der Arbeitswelt und Maßnahmen der Betrieblichen Gesundheitsförderung in der vorliegenden Arbeit bildet das salutogenetische Modell nach Antonovsky. Krankheit und Gesundheit werden nicht als zwei Gegensätze begriffen sondern sind die Pole in einem Gesundheits-Krankheits- Kontinuum. Das Zusammenwirken von Risiken und negativen Stressoren auf der Krank- heits-Seite und Ressourcen sowie dem individuellen Kohärenzgefühl auf der Gesundheits- Seite bestimmen den Standort auf der Skala des Kontinuums. Im Rahmen des Modells hat Antonovsky den Kohärenzsinn geprägt. Demnach wird der Gesundheits- bzw. Krankheits- zustand eines Menschen wesentlich durch individuelle, psychologische Einflussgrößen bestimmt - die Grundhaltung eines Individuums gegenüber der Welt. Kohärenz wird dabei als Stimmigkeit und Zusammenhang verstanden, die aus drei Aspekten gespeist werden. Das Gefühl von Verstehbarkeit, d.h. Informationen und Situationen einordnen und struk- turieren zu können. Das Gefühl von Handhabbarkeit, d. h., das Vertrauen eines Men- schen in seine Fähigkeiten, schwierige Situationen und Probleme bewältigen und lösen zu können. Das Gefühl von Sinnhaftigkeit, d. h., einen Sinn und eine Bedeutung in Aufgaben zu sehen, die es daher Wert sind, angegangen zu werden (Antonovsky, S. 34, f.; Bengel, Strittmeier, Wittmann, S. 18, ff.).

Für Interventionen der Betrieblichen Gesundheitsförderung bedeutet dies, Risiken, Belastungen und Stressoren in der Arbeitswelt zu reduzieren und gleichzeitig Ressourcen auf betrieblicher und individueller Ebene zu stärken und aufzubauen. Dabei ist sowohl ein verhältnis-, als auch ein verhaltensorientiertes Vorgehen wichtig.

2.2 Psychische Belastung, Beanspruchung, Erkrankung

Die Betrachtung der psychischen Belastungen im Arbeitsalltag und deren Formen und Auswirkungen bedarf zunächst einer Einordnung der damit zusammenhängenden Begriffe im gesundheits- und arbeitswissenschaftlichen Verständnis.

In der Psychologie und der Stressforschung wird das transaktionale Stressmodell von La- zarus für die Erklärung der Entstehung von Stress2 herangezogen. Hierbei spielen die psy- chischen Bewertungs- und Bewältigungsprozesse die entscheidende Rolle und erklären, warum sich psychische Belastungen individuell unterschiedlich auswirken. Das Verhältnis von Belastungen und Beanspruchung wird in der deutschsprachigen Arbeitswissenschaft mit dem Belastungs-Beanspruchungskonzept nach Rohmer & Rutenfranz aus dem Jahr 1975 erklärt. Standen zunächst die Umgebungsbelastungen im Mittelpunkt der Betrachtun- gen, wurde das Konzept seit den 1980er Jahren zunehmend bezüglich psychischer Belas- tungen und Beanspruchungen eingesetzt (Bamberger, S. 8, ff.). In der DIN ISO 10075-1 werden Psychische Belastungen als „die Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und psychisch auf ihn einwirken” bezeichnet. Damit sind sowohl kognitive Vorgänge wie Denken, Lernen und Gedächtnisfähigkeiten, als auch informative und emotionale Vorgänge gemeint. Hierzu gehören Sinneseindrücke und Wahrnehmung, Empfindungen, Gefühle und Motivation des Menschen (DIN ISO 10075- 1,2000).

Psychische Belastung ist demnach neutral. Eine Aufgabe kann für die eine Person aktivie- rend und anregend sein, während eine andere Person darunter leidet und Stress empfindet. Psychische Belastung kann positive oder negative Effekte auf den Menschen haben. Bei- spielsweise, ist eine Person von einem bevorstehenden Auftritt vor vielen Leuten geplagt und kann bereits Nächte vorher nicht schlafen, während eine andere Person dieselbe Situa- tion als anregend empfindet und Erfolg verspürt. Dabei können kurzfristige Stresssituatio- nen, aktivierend und motivierend wirken, während sich dauerhafte Stresszustände negative Effekt für die Gesundheit haben (Breucker, S. 5 ff.). Besteht ein Gleichgewicht zwischen den Anforderungen von außen und den individuellen Ressourcen und Leistungsvorausset- zungen des Individuums, wirkt die Belastung positiv. Die persönlichen Leistungsvoraus- setzungen werden individuell durch Merkmale, Eigenschaften und Verhaltensweisen des Menschen bestimmt. Hierzu zählen Fähigkeiten, Erfahrungen und Kenntnisse des Einzel- nen, aber auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten sowie Motivation, Einstellungen, Bewältigungsstrategien und Resilienz. Grundsätzliche Voraussetzungen, wie der Gesund- heitszustand eines Menschen, das Alter, das Geschlecht, soziale Stellung oder die aktuelle Verfassung, spielen ebenfalls eine Rolle für den Umgang mit psychischen Beanspruchun- gen (Joiko, S 9 ff.).

Ist das Gleichgewicht nicht gegeben, kommt es zu einer negativen Ausprägung der psychi- schen Belastung bzw. zu Über- oder Unterforderung. Diese Auswirkungen, ob positiv oder negativ werden als Psychische Beanspruchung bezeichnet. Die DIN ISO 10075, definiert Psychische Beanspruchung als die „individuelle, zeitlich unmittelbare und nicht langfristi- ge Auswirkung der psychischen Belastungen im Menschen, in Abhängigkeit von seinen individuellen Voraussetzungen und seinem Zustand.“ D. h., Psychische Belastungen be- schreiben die objektiv auf jeden Menschen gleichermaßen einwirkenden Faktoren des Ar- beitssystems, während die psychische Beanspruchung die subjektiv individuell unter- schiedliche Verarbeitung und Bewältigung der Effekte meint (Oppolzer, S. 14).

Befindet sich das Verhältnis von psychischer Belastung und Beanspruchung in einem ne- gativen Verhältnis, können die Belastungen durch die Ressourcen nicht mehr kompensiert werden. Ob in der Folge eine psychische Fehlbeanspruchung entsteht, ist von der Dauer und der Intensität der psychischen Beanspruchung abhängig. Oppolzer unterscheidet drei Arten von psychischen Fehlbeanspruchungen. Die wichtigste Form stellen Stresszustände dar. Werden sie subjektiv als anhaltend dauerhaft empfunden, führen sie zu Angst, Unruhe, Nervosität, Gereiztheit sowie Schlaf- und Essstörungen bei den betroffenen Personen. Eine weitere Form der psychischen Fehlbeanspruchung benennt Oppolzer mit der psychischen Ermüdung. Es kommt zu einer vorübergehenden Beeinträchtigung der psychischen und physischen Leistungsfähigkeit. Die Intensität ist abhängig von der zuvor empfundenen Fehlbeanspruchung. Monotone, sich immer wiederholende Tätigkeiten, wie beispielsweise an zahlreichen industriellen Arbeitsplätzen, können zur psychischen Sättigung führen. Betroffene leiden unter Müdigkeit, Schläfrigkeit und Leistungsabnahme.

Alle anhaltenden psychischen Fehlbeanspruchungen erhöhen mittel- bis langfristig das Risiko an schwerwiegenden Leiden zu erkranken.

3 Entwicklung, Bedeutung und Folgen der psychischen Erkrankungen

Die psychischen Erkrankungen werden in der Öffentlichkeit zunehmend wahrgenommen und erhalten von Politik, Medien und Wissenschaft größere Aufmerksamkeit als noch vor einigen Jahren. Hintergrund ist der besorgniserregende Anstieg der psychischen Erkran- kungen, die eine immer bedeutendere Rolle im Krankheitsgeschehen spielen. Daten des Bundes-Gesundheitssurveys 1998/1999 zeigen laut Weber, dass 41 % aller Deutschen mindestens einmal in ihrem Leben an einer psychischen Gesundheitsstörung erkranken, jeder dritte Deutsche lässt sich professionell behandeln (Weber, S. 21). Fest machen lässt sich das an den Zahlen der Gesundheitsberichterstattung des Bundes, den Arbeitsunfähig- keitsdaten der Krankenkassen und den Daten zur Frühverrentungen der Deutschen Renten- versicherung aufgrund psychischer Erkrankungen. Weitere Indikatoren wie die Inan- spruchnahme von Medikamenten, psychotherapeutischen Therapien oder Klinikaufenthal- ten bleiben in dieser Arbeit unberücksichtigt.

3.1 Psychische und Verhaltensstörungen

Im Wesentlichen bestimmen sechs große Diagnosegruppen das Krankheitsgeschehen. Dies sind die Muskel- und Skeletterkrankungen, die Atemwegserkrankungen, Verletzungen, Herz- und Kreislauferkrankungen, die Verdauungserkrankungen sowie die Psychischen und Verhaltensstörungen. In der ICD-10-Klassifikation gehören die Psychischen und Verhaltensstörungen zu den F-Diagnosen.

Seit Ende der 1990er Jahre verzeichnen die Gesundheitsberichterstattung des Bundes und die Arbeitsunfähigkeitsdaten der Krankenkassen eine dauerhafte Zunahme der Psychischen und Verhaltensstörungen. Die Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen stieg bundesweit von 41 Millionen in 2008 auf 59,2 Millionen im Jahr 2011 (BAuA, 2012, S. 56). Die Darstellung der Entwicklung bezieht sich beispielhaft für die Arbeitsunfähigkeitsdaten der Krankenkassen auf die Datenanalysen aus dem Fehlzeiten-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) für das Jahr 2012 (Badura, 2013).

Gegenüber dem Referenzjahr 2000 sind die Arbeitsunfähigkeitsfälle unter den bundesweit AOK-Versicherten bis zum Jahr 2012 um fast 140 % gestiegen. Sie erreichten einen Anteil aller Erkrankungsfälle von 5 % in 2012. Die durchschnittliche Dauer der Psychischen und Verhaltensstörungen ist mit 24,9 Fehltagen deutlich länger als in den übrigen relevanten Diagnosegruppen3. Damit haben die Psychischen und Verhaltensstörungen trotz der rela- tiv geringen Fallzahl große Wirkung auf die Arbeitsunfähigkeitstage und den Kranken- stand. Die Betroffenen zählen besonders häufig zu den Langzeiterkrankten, die nach der sechswöchigen Entgeltfortzahlung vom Arbeitgeber, Krankengeld über die Krankenkasse beziehen. Dies ist nicht nur für die Betriebe und die Betroffenen eine besondere Belastung, sondern auch für die Krankenkassen. Unter diesem Gesichtspunkt erhält diie Prävention der Psychischen und Verhaltensstörungen eine besondere Bedeutung. Mit eiinem Anteil von 10,1 % aller krankheitsbedingten Ausfalltage notierten die Psychischen und Verhaltensstö- rungen in 2012 an vierter Position der Diagnosegruppen. Ein Anstieg von 166,6 % gegen- über 2000. Seit 2006 ist ein starker jährlicher Anstieg zu beobachten, der 2012 einen be- eindruckenden Höchststand erreicht (Badura, 2013, S. 291). Parallel dazu stieg auch der Gesamtkrankenstand nach dem Tiefststand von 4,2 % auf 4,9% im Jahr 2012. Da alle an- deren Diagnosegruppen konstant blieben bzw. abgenommen haben, sind Psychischen und Verhaltensstörungen für den Anstieg verantwortlich. Andere Krankenkassen weisen ähnli- che oder noch deutlichere Zahlen aus. Unter den BKK-Versicherten verursachten die Psy- chischen und Verhaltensstörungen 13,2% aller Arbeitsunfähigkeitstage und erreichten in 2011, hinter den Muskel-Skeletterkrankungen und den Atemwegserkrankungen erstmalig Rang drei der Diagnosegruppen (Wilhelmi, 2012, S. 467). Besorgniserregend ist dabei, dass keine Trendwende in Sicht ist und die Verbreitung weiter zunehmen wird. Laut We- ber gehen Schätzungen davon aus, dass die Psychischen Erkrankungen bis zum Jahr 2020 den zweiten Rang unter den Diagnosegruppen eingenommen haben werden

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Arbeitsunf ä higkeitstage der AOK Mitglieder nach Krankheitsarten, 2001-2012, Indexdarstellung (2000=100%), Badura, 2013, S. 291.

Ein differenzierter Blick auf das Krankheitsgeschehen zeigt die besonderen Eigenheiten der Psychischen und Verhaltensstörungen. Frauen sind wesentlich h ä ufiger von Psychi- schen und Verhaltensst ö rungen betroffen als M ä nner. Mit 12,7% aller Fehltage aufgrund Psychischer und Verhaltensstörungen haben nur die Muskel- und Skeletterkrankungen (21,3 %) und die Atemwegserkrankungen (13,3 %) in 2011 mehr Ausfalltage bei den Frauen verursacht. Unter den Männern rangieren die Psychischen und Verhaltensstörungen an fünfter Position und waren für 7,0% der Fehltage verantwortlich (Badura 2012, S. 316- 317). Frauen sind häufiger von somatoformen und affektiven Störungen betroffen. Alleine 30% aller aufgetreten Arbeitsunfähigkeitstage bei den Frauen entfielen 2008 auf die De- pressive Episode, weitere 16,5% auf Anpassungsstörungen. Bei den Männern sind diese beiden Unterdiagnosen ebenfalls führend, jedoch leiden sie deutlich häufiger an Suchter- krankungen durch Alkohol und Tabak als die Frauen (K. Heyde, K. Macco, S. 37-40).

Ein weiteres Charakteristikum der Psychischen und Verhaltensstörungen sind die unterschiedlichen Werte in den Branchen. Während der Dienstleistungsbereich, inklusive der Pflege und Sozialarbeit sowie das Versicherungsgewerbe jeweils mehr als 13 Arbeitsunfähigkeitsfälle je 100 AOK-Versicherter aufweisen, sind es im Baugewerbe 6,6 Fällen (Badura, 2012, S. 330). Auch hier zeigen sich je nach Aufgabe, Tätigkeit und Beruf deutliche Unterschiede in der Häufigkeit von Psychischen und Verhaltensstörungen. Eine Rolle spielt auch die Geschlechtsverteilung in den Branchen.

3.2 Burnout

Eine weitere Diagnose, die bei Betrachtung der Entwicklung der Psychischen Erkrankun- gen eine Rolle spielt ist das Burnout. Es wird als Zustand physischer und psychischer Er- schöpfung verstanden und geht laut Definition von Maslach und Shirom aus dem Jahr 1983 mit drei wesentlichen Elementen einher: die emotionale Erschöpfung, die Depersona- lisation und die verminderte Leistungszufriedenheit (Weber, S. 75). Burnout ist nicht den F-Diagnosen der ICD-10-Klassifikation zugeordnet, sondern hat die Codierung Z73 und gehört zu der Kategorie „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewälti- gung“. Burnout kann daher von den Ärzten lediglich als Zweitdiagnose und Zusatzinfor- mation diagnostiziert werden. Erkrankungen aufgrund von Burnout finden sich somit nicht in den Werten der Psychischen und Verhaltensstörungen wieder, sondern werden geson- dert betrachtet.

Auch die Arbeitsunfähigkeiten aufgrund von Burnout sind in der vergangenen Dekade deutlich angestiegen. Im Jahr 2004 wurden 0,8 Arbeitsunfähigkeitstage je 100 AOK- Mitglieder verursacht, 2011 waren 9,4, eine Zunahme um das Elffache. Dabei zeigen sich auch hier starke geschlechtsspezifische Unterschiede. Während Burnout bei den Frauen 13,3 Arbeitsunfähigkeitstage je 100 AOK-Mitglieder verursachte, waren es bei den Män- nern 6,5 Ausfalltage (Badura, 2012, S. 337-339).

3.3 Frühberentungen

Die Daten der Deutschen Rentenversicherung zeigen ebenfalls einen deutlichen Anstieg der Frühberentungen4 aufgrund psychischer Erkrankungen (Abbildung 2: Anteil der Diagno- segruppen an den Frühberentungen, BAuA, 2012, S. 58Abbildung 2). Auch hier ist im Zeit- raum zwischen 2000 und 2011 eine deutliche Zunahme zu verzeichnen, während die ande- ren Diagnosegruppen rückläufig waren. Im Jahr 2000 wurden 24,2 % aller Frühberentun- gen von Psychischen und Verhaltensstörungen verursacht, 2011 waren es 41,4 %. Dies entspricht einer Steigerung der Fallzahlen von über 40 %. Zwar ist das Zugangsalter bei Frauen gegenüber 2008 um 0,3 Jahre auf 48,6 Jahre in 2011 und bei den Männern um 0,6 Jahre auf 48,1 Jahre gestiegen, jedoch treten die Frühberentungsfälle gegenüber anderen Diagnosegruppen deutlich früher ein. Frühberentungen infolge von Muskel- Skeletterkrankungen treten durchschnittlich mit 53,3 Jahren bei den Frauen und 54,6 Jahren bei den Männern auf. Diese Entwicklung hat enorme Auswirkungen auf die Sozialsysteme. Insbesondere durch die Belastung des Rentensystems (BAuA, S. 56, ff.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Anteil der Diagnosegruppen an den Fr ü hberentungen, BAuA, 2012, S. 58

[...]


1 Pflicht- und freiwillige Mitglieder der Gesetzlichen Krankenversicherung mit Krankengeldanspruch, ohne Rentner und mitversicherte Familienangehörige{Deutschland 2012 #4D: 56}

2 „Als unangenehm empfundener Zustand, der von der Person als bedrohlich, kritisch, wichtig und unausweichlich erlebt wird. Er entsteht besonders dann, wenn die Persona einschätzt, dass sie ihre Aufgaben nicht bewältigen kann“ (Joiko, 2010).

3 durchschnittliche Fehltage: Herz- und Kreislauferkrankungen 17,1, Verletzungen 15,9, Muskel- und Ske- letterkrankungen 15,4 Tage, Atemwegserkrankungen 6,4 Tage, Verdauungssystem 6,3 Tage (Badura, 2012).

4 „Frühberentung bzw. Rente wegen verminderter Erwerbsfähigkeit bezeichnet den vorzeiitigen Eintritt in den Ruhestand, zumeist auf Grund einer chronischen Erkrankung, die zu einer Minderung der Erwerbsfähigkeit,

d. h. der Einschränkung oder des Verlustes der Fähigkeit, den eigenen Lebensunterhalt durch Erwerbstätigkeit zu verdienen, geführt hat“ (BAuA, 2012, S. 58).

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Psychische Belastungen in der Arbeitswelt. Handlungsbedarf für die Betriebliche Gesundheitsförderung
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Gesundheitswissenschaft)
Veranstaltung
Master of Health Administration
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
25
Katalognummer
V270660
ISBN (eBook)
9783656622369
ISBN (Buch)
9783656622352
Dateigröße
968 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
23 Seiten
Schlagworte
psychische Beanspruchungen, psychische Belastungen, psychische Beanspruchung, psychische Erkrankung, Gesundheitsförderung, Arbeitswelt, Wandel der Arbeit, Salutogenese, Gesundheitsmanagement
Arbeit zitieren
Oliver Hasselmann (Autor), 2013, Psychische Belastungen in der Arbeitswelt. Handlungsbedarf für die Betriebliche Gesundheitsförderung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270660

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Psychische Belastungen in der Arbeitswelt. Handlungsbedarf für die Betriebliche Gesundheitsförderung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden