Liebe und Sexualität. Ein gebrochenes Verhältnis?


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2012

22 Seiten

Hendrik Kahlbach (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entwicklung des Eheideals
2.1 Aries
2.2 Dannecker

3. Die cohabitation juvenile
3.1 Die Dauerhaftigkeit der Ehe
3.2 Soziale Anerkennung
3.3 Kulturelle Homogamie
3.4 Differenz unter gleichen
3.5 Mutterschaft und duale Moral
3.6 Die vernünftige „amour fou“
3.7 Konträre Rollen
3.8 Narzistischer Laxismus – moralisierender Idealismus
3.9 Die Einstellung zur Fruchtbarkeit

4. Triebhaftigkeit und Liebe
4.1 Circulus vitiosus

5. Lust und Tabu

6. Resumé und die Zukunft der Ehe
6.1 Die offene Ehe
6.2 Die Zeit-Ehe
6.3 Polygamie

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Titel ist einem Aufsatz von Fritz Morgenthaler entliehen und wirft die Frage nach dem Verhältnis zwischen Liebe und Sexualität auf. Um allerdings nicht nur mit Worthülsen zu hantieren, steht die nähere Definition dieser beiden Begriffe nach psychoanalytischer Sichtweise im Fokus dieser Arbeit. Am Konstrukt der Ehe lassen sich die Veränderungen im Anspruch an Liebe und Sexualität historisch deutlich aufzeigen. Darüber hinaus stellt sich die Frage, welche Bedeutung Sexualität heutzutage hat sowie welche Funktionen das Sexuelle haben sollte. Die Antworten auf diese Fragen sind je nach Perspektive vielfältig und divergierend, so dass die Angelpunkte meiner Überlegungen die Autoren Martin Dannecker und Fritz Morgenthaler liefern und damit nur einen Ausschnitt der Debatte abdecken.

2. Die Entwicklung des Eheideals

2.1 Aries

In nahezu allen Gesellschaften ist bis in das 18. Jahrhundert streng zwischen der Liebe inner- und außerhalb der Ehe differenziert worden. Als Ehefrau stehen die Gebärfähigkeit und Fortpflanzung im Fokus der ehelichen Liebe. So ist die Liebe zur Frau eines anderen, in der christlichen Moralvorstellung, eine grobe Missachtung der Moral und Sitte, aber auch das allzu leidenschaftliche Begehren seiner eigenen Frau wird als schändlich empfunden. Dieses Begehren spricht man der Liebe außerhalb der Ehe zu. „Der Mann soll sich seiner Frau nicht als Geliebter, sondern als Gatte nähern“.[1]

Der Hauptzweck der Ehe bestand darin, neben der Fortpflanzung, „dem Geschlechtstrieb in einer wechselseitigen Verpflichtung der Gatten […] genüge zu tun“. So solle Lust lediglich gelöscht, aber keinesfalls gesteigert oder erhöht werden.[2] In der Ehe bilden Mann und Frau eine vollkommene, komplementäre Verbindung, die allerdings die weibliche Unterordnung vorsieht. Ausgangspunkt von Ehe bildet dabei, trotz ansonsten strengster Moralvorstellungen, die mögliche Knüpfung von Allianzen, die Ausweitung von Macht sowie finanzielle Aspekte. Es war dennoch durchaus erwünscht, dass die Liebe sich im Laufe der Zeit zwischen den Ehepartnern entwickelte. Ein Gegenbeispiel liefert dievon Wagner beschriebene Liebe zwischen Tristan und Isolde, derer es allerdings eines Zaubertrankes bedarf und die dabei auch ein tragisches Ende findet.

Mit Beginn des 18. Jahrhunderts beginnen die Dinge sich zu wandeln und man verbindet die beiden traditionell gegensätzlichen Formen der Liebe miteinander. Im Westen kommt ein Eheideal auf, dass ein Verliebtsein vorsah. Die vormals außereheliche Erotik und Leidenschaft findet, auf Kosten der Dauer und Stabilität, Eingang in die Ehe. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass diese Bündelung hin zur leidenschaftlichen und stark erotisierten Liebe relativ jung ist und sich zudem nur in einem stark beschränkten geographischen Raum, den westlichen Gesellschaften, durchgesetzt hat.

Für Ariés, wie für Dannecker ergeben sich aus dieser Verschmelzung zweier Konstrukte, unterschiedliche Problemstellungen. Für Ariés führt dies dazu, dass heutzutage nur noch eine Form der Liebe existiert, die folgenden Wandel herbeigeführt hat:

„Die leidenschaftliche Liebe kennt keine Dauer; die eheliche Liebe, die man ihr angeglichen hat, ist auch nicht mehr von Dauer.“[3]

In seinen Augen ist die Scheidung demnach nicht die Folge oder Korrektur eines Irrtums, sondern vielmehr das inhärente Ende eines leidenschaftlichen Gefühls, dass gar nicht anhalten kann. Das heutige Kriterium einer Ehe sei, nach Ariés, die Dauer. Die „wirkliche Ehe“ manifestiert sich nicht mehr länger mittels Institutionen, der Kirche oder dem Staat.

2.2 Dannecker

Für Dannecker assoziiert das Alltagsverständnis mit dem Begriff der Ehe eine längerfristige Beziehung zwischen Mann und Frau, die grundlegend durch Liebe und Sexualität bestimmt sei. So wird heute die eheliche Sexualität nicht mehr nur mit Fortpflanzung in Verbindung gebracht, sondern viel stärker auch mit Leidenschaft, Lust und Befriedigung. Darüber hinaus steht auch der Wunsch nach Dauerhaftigkeit. Um der Leidenschaft eine andauernde Grundlage zu geben, wird heutzutage die Sexualität vor der Ehe geprüft, wie einstmals die Vermögensverhältnisse.

Die Ehe ist von der Erwartungstrias Liebe, Sexualität und Dauer durchzogen.“[4]

Die Tragik liegt nach Dannecker nicht mehr länger darin, dass sexuelle Lust aus der ausgeklammert wird, sondern vielmehr das diese eingefordert und somit auch objektiviert wird. Das hat zur Folge, dass die Sexualität gleich in doppelter Weise Grund für die Liebe wird. Am Anfang steht die sexuelle Begegnung, die Liebe erzeugen kann und später wird abflachende sexuelle Anziehungskraft zur Gefährdung der Liebe.

Es lassen sich drei wichtige Aspekte der abendländischen Ehe festhalten: Zum einen die originäre Unauflöslichkeit, die nicht nur von kirchlicher Seite verordnet wurde, sondern die auch von gesellschaftlicher und gemeinschaftlicher Seite etabliert wurde. Bis ins 12. und 13. Jahrhundert ist die Eheschließung und Heirat eine private Angelegenheit. Anschließend übernahmen die Kirche und ab dem 18. Jahrhundert der Staat die Institutionalisierung der Heirat in der Öffentlichkeit.

Auch Hegel hat sich mit den Tendenzen zur Verschmelzung der inner- und außerehelichen Ideale beschäftigt und spricht sich ganz klar dagegen aus. So ist für ihn die Liebe in der Ehe eine Empfindung, die Zufälligkeit und Sprunghaftigkeit in einen Bereich bringt, der von „Sittlichkeit“ bestimmt ist.

Für ihn bestimmt sich Ehe unter anderem dadurch, dass sie „die rechtlich sittliche Liebe ist, wodurch das Vergängliche, Launenhafte und bloß Subjektive aus ihr verschwindet“[5]

3. Die cohabitation juvenile

Der historische Kontext verrät, dass unser heutiges Ehekonzept und -verständnis nicht allzu lange zurückreicht. In der westlichen Welt nimmt heute die Zahl der Paare, die ohne Trauschein zusammenleben, stetig zu. Roussel spricht in diesem Zusammenhang von der „cohabitation juvénile“ und beschreibt damit diese neue Form des unverheirateten Zusammenlebens.[6]

[...]


[1]. Ariés, 1986: 169

[2]. ebd.: 169

[3]. Ariés, 1986: 174

[4]. Dannecker, 1992: 15

[5]. Hegel, 1970: 309f.

[6]. Rouseel, 1987: 17

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Liebe und Sexualität. Ein gebrochenes Verhältnis?
Autor
Jahr
2012
Seiten
22
Katalognummer
V270682
ISBN (eBook)
9783656615392
ISBN (Buch)
9783656615422
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
liebe, sexualität, verhältnis
Arbeit zitieren
Hendrik Kahlbach (Autor), 2012, Liebe und Sexualität. Ein gebrochenes Verhältnis?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270682

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Liebe und Sexualität. Ein gebrochenes Verhältnis?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden