Der historische Sokrates. Quellenlage und Lehre


Examensarbeit, 2012

65 Seiten, Note: 1,0

Agnes Thiel (Autor)


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

ZEITLISTE

EINLEITUNG

I. TEIL: HINTERGRÜNDE UND QUELLENLAGE
1. Historische und philosophische Rahmenbedingungen
1.1 Die Annäherung an Sokrates über Sokratesbilder
1.2 Die Vorsokratik
1.3 Die Sophisten
1.4 Die Person des Sokrates
2. Quellenlage
2.1 Die Wolken des Aristophanes
2.2 Die Memorabilien des Xenophon
2.3 Platons Sokrates in den Frühdialogen
2.4 Aristoteles über Sokrates
2.5 Die „kleinen“ Sokratiker und andere Komödiendichter
2.6 Die Apologie Platons und der Prozess des Sokrates

II. TEIL: DIE EINHEIT VON THEORIE UND PRAXIS
1.1 Sokrates und seine Abgrenzung von der Sophistik
1.2 Der Begriff Arete bei Sokrates
1.3 Sokratische Paradoxien
1.4 Die Seelenvorstellung von Sokrates in der platonischen Apologie
1.5 Die Einschränkung des Wissensbereichs auf menschliches Wissen
1.6 Das Prüfverfahren in der Apologie

III. TEIL: DIE SOKRATISCHE ARETOLOGIE
1.1 Das Induktionsproblem und die Einheit der Tugenden
1.2 Die sokratische Tugendlehre als Aretologie

SCHLUSSBEMERKUNGEN UND RESÜMEE

LITERATUR

ZEITLISTE

507 Reformen des Kleisthenes.

469/70 Sokrates wird im attischen Bezirk Alopeke geboren. Sein Vater Sophroniskos ist Steinmetz, seine

Mutter Phainarete ist Hebamme.

462/61 Die Adelsversammlung (Areopag) wird entmachtet. Ephialtes, ihr Führer, kurz danach ermordet. In den

folgenden Jahren gibt es wichtige demokratische Reformen.

ca. 450 Die Geburt von Alkibiades. Aristophanes und frühestmögliches Geburtsdatum des Sokratesschülers

Eukleides von Megara.

446 Dreißigjähriger Frieden zwischen Sparta und Athen.

443 Perikles steigt nach der Verbannung von Thukydides zum mächtigsten Politiker in Athen auf. Er wird 15

Mal nacheinander zum Strategen gewählt.

431 Beginn des Peloponnesischen Krieges (geschrieben von Thukydides).

431-29 Sokrates ist Teilnehmer der Belagerung von Poteidaia.

430 Die Pest wütet in Athen, Perikles wird des Amtes enthoben.

428/27 Tod des Anaxagoras. Geburt Platons.

424 Teilnahme des Sokrates an der Schlacht bei Delion.

423 Uraufführung der Wolken des Aristophanes bei den Dionysia.

418/16 Geburt des Sokratikers Phaidon von Elis.

415 Beginn des Feldzuges nach Sizilien unter Leitung von Alkibiades und Nikias.

413 Niederlage Athens beim Sizilianischen Feldzug.

408 Alkibiades kehrt nach Athen zurück. Er wird rehabilitiert und wird zum Strategen mit unbeschränkter

Vollmacht gewählt.

406 Sieg der Athener in der Seeschlacht bei den Arginusen. Sokrates wird Mitglied der Ratsversammlung. Er

plädiert gegen die gesetzwidrige Hinrichtung von 10 Strategen.

404 Ende des Peloponnesischen Krieges durch Athens Kapitulation, Schreckensherrschaft der „Dreißig“.

403 Wiederherstellung der Demokratie; Kritias und Charmides fallen im Kampf.

401 Beginn von Xenophons Zug der Zehntausend.

399 Der Prozess des Sokrates und dessen Tod durch den Schierlingsbecher.

385/87 Gründung von Platons Akademie.

384 Geburt des Aristoteles.

ca. 382 Tod des Aristophanes.

368/67 Xenophons Verbannung wird aufgehoben.

ca. 355 Tod von Aischines aus Sphettos und Aristipp aus Kyrene. Ebenfalls Tod Xenophons.

347 Tod Platons.

322 Tod des Aristoteles.

EINLEITUNG

Wer war Sokrates? Und was lehrte bzw. tat er?

Für viele ist er der Stammvater der Philosophie, der, wenn nicht der größte,1 so doch der authentischste Philosoph überhaupt, ein Mann, von dem es schon in der Antike hieß, er habe die Philosophie vom Himmel auf die Erde geholt,2 konkret auf athenischen Boden. Ein Mann, der über 2500 Jahre Bewunderung hervorrief für das, was er lehrte, sich an athenisches Recht und Gesetz hielt und vor allem für die Einheit von Lehre und Leben, Theorie und Praxis eintrat und letztlich für sein mutiges In-den-Tod-Gehen sogar mit Jesus verglichen wurde.3 Sokrates - der Stammvater der Philosophie, der mit seinem Dialogisieren und kritischen Nachfragen zugleich der erste philosophische Lebensberater war.4

Überrascht ist man dann aber zu hören, dass dieser Sokrates selbst gar nichts geschrieben hat, obwohl er bekanntlich kein Analphabet war.5 Griechenland befand sich in dieser Zeit am Übergang von einer mündlich dominierten Gesellschaft zu einer Schriftkultur, was anhand des großen Dreigestirns der griechischen Philosophie deutlich wird: Sokrates hat nichts geschrieben, Platon schrieb zwar sein Leben lang Dialoge, schätzte als philosophisches Handwerkszeug aber auch den mündlichen Logos6 und Aristoteles legte sich die erste Privatbibliothek an und galt in der Alten Akademie gemeinhin als „der Leser“.7 Woher wissen wir also von Sokrates? Woher seine große Wirkungsmächtigkeit?8 Er selbst hat nichts hinterlassen, was bei der Beantwortung der beiden Ausgangsfragen helfen könnte, die im Zentrum dieser zweiteiligen Arbeit stehen. Wo muß man also suchen, um sich über Sokrates über einen `historischen Graben´ von ca. 2500 Jahren kundig zu machen?

Die Sekundärliteratur ist breit, neue Richtungen,9 die sich speziell auf Sokrates berufen schießen aus dem nicht immer akademisch genährten Boden und neue Bücher zum Thema Lebensberatung im Sinne eines sokratischen Philosophierens haben Konjunktur.10 Auch die sokratische Gesprächsführung ist Ausgangspunkt einer eigenen Richtung geworden.11 Freilich misst sich die Modernität eines Klassikers gerade daran, dass jede Generation ihn neu entdeckt und ihm immer wieder neue Seiten abgewonnen werden können.12 Wer war also diese Stechfliege von Athen, dieser Zitterrochen13 vor dem kein Bürger Athens sicher war, der noch nichts von Sozialphobie wusste, hielt er sich doch immer auf den öffentlichen Plätzen, im Gymnasium oder bei Festen auf?

Es hat den Anschein, als hätte jede Epoche und Forschergeneration ihren eigenen Sokrates nach eigener Maßgabe zurecht geschnitten und als hätten die großen Philosophen (s.u.) völlig unterschiedliche, divergierende und nicht miteinander vereinbare Sokratesbilder entworfen. Deshalb nochmals die beiden Fragen: wer war Sokrates und was lehrte er - wirklich? Diese beiden Leitfragen geben schon die Richtung der vorliegenden Zulassungsarbeit vor. Die Vorgehensweise stellt sich nach dem bisher Gesagten wie folgt dar: zuerst Polykrates und Aristoxenos - im Anschluss daran - quasi ex negativo - die übrigen Quellen prüfen, ob sich hier nicht versteckte Antworten auf die Polemik finden. Die Arbeit stellt demnach den Versuch dar, die Person und Kernsubstanz seiner Lehre zu rekonstruieren. Beides ist bei Sokrates nur schwer voneinander zu trennen. Dabei kann zwar auf eine breite Forschung zurückgegriffen und diese zu Rate gezogen werden, aber da diese in zahlreichen Aporien endete, ist die nötige Vorsicht geboten. Bei diesen Forschungsansätzen muß man insbesondere immer das jeweils gewählte Quellenfundament im Auge behalten.

Bei all dem darf eines nicht vergessen werden: Die Suche nach dem historischen Sokrates ist, genau wie die nach dem historischen Jesus,14 eine typisch neuzeitliche Fragestellung. Sie kam erstmals in der Zeit der Aufklärung auf und wurde in der Forschung des 19. und 20. Jahrhunderts weiter entfaltet. Sie entspringt den Eigenarten des modernen Denkens. Der historische Sokrates entspricht nicht einfach dem Bild, wie es in den überlieferten Quellen entworfen wird.15 In welchem Verhältnis stehen diese Quellen zum Wirken des historischen Sokrates? Wir wissen mittlerweile, dass es eine ganz vorurteilslose, objektive Darstellung in der Antike nie gegeben hat und wohl auch nie geben wird bzw. eine Forschung, die den neuzeitlichen Ansprüchen einer Geschichtsschreibung gerecht würde. Jeder Autor ist durch sein eigenes Denken, seine Intentionen und Ziele bei seiner Darstellung von vornherein beeinflusst.16 Das Wissen darum, dass jede Berichterstattung notwendigerweise subjektiv gefärbt und bedingt ist, hat sich mittlerweile durchgesetzt. Außerdem hat sich Verhältnis zwischen den historischen Gegebenheiten und der Darstellung bei den antiken und mittelalterlichen Autoren grundlegend geändert. Wichtig ist immer, die Intention des Autors mit zu beachten. Das Geschichtsbewusstsein der Antike ist grundverschieden von dem der Moderne. Die Moderne unterscheidet konsequent zwischen der reinen Darstellung der historischen Fakten und den jeweiligen Sinnzusammenhängen. Diese Unterscheidung kennt weder die antike und mittelalterliche noch die jüdisch-christliche Geschichtsschreibung.17 Diese kennen nur ein relativ gedachtes Sinnganzes der Geschichte, bei dem z. B. wie bei Livius und Tacitus der Sinn der Geschichte von der virtus und Verantwortlichkeit des Menschen her gedacht wird.18

Im I. Teil werden wir zunächst skizzenhaft auf die Philosophie vor Sokrates eingehen. Dass man diese Philosophen Vor sokratiker und nicht etwa Vorplatoniker oder Voraristoteliker genannt hat, zeigt bereits, welche historische Zäsur Sokrates darstellt. Da jeder noch so revolutionäre Denker in eine einmalige, unverwechselbare Zeit eingebettet ist, werden wir zunächst die Hauptmerkmale und Charakteristika des fünften Jahrhunderts v. Chr. im antiken Griechenland skizzieren. Erst dieser Vergleich mit den Vorsokratikern und schließlich der Sophistik zeigt das Neue und Revolutionäre an der sokratischen Lehre im Detail. Im Anschluss daran werden wir die schwierige Quellenlage beleuchten.19 Wie Jesus wirkte Sokrates also ausschließlich mündlich, aber weniger in gleichnishaften Reden, sondern vielmehr im Gespräch. Vorher werden wir noch die Person des Sokrates in den Mittelpunkt stellen. Bei der Quellenanalyse im 2. Kap. des I. TEILS werden neben den vier Hauptquellen - Xenophon, Platon, Aristophanes und Aristoteles - auch die sogenannten kleineren Sokratiker mit zu Rate gezogen. Hierbei handelt es sich um Sokratesschüler, von denen nur Fragmente überliefert wurden. Bei der Analyse der vier Hauptquellen und der kleineren Nebenquellen wird sich zeigen, dass besonderes Augenmerk auf die Apologie Platons und die zwar wenigen, aber wichtigen Äußerungen des Aristoteles zu legen ist. Dieses Vorgehen wird an entsprechender Stelle eingehend methodisch und historisch begründet.

Im II. TEIL wird die aus den Quellen eruierbare ethische Lehre des Sokrates anhand einer Detailanalyse insbesondere von Stellen aus den platonischen Frühdialogen behandelt. Im Mittelpunkt stehen neben den beiden ethischen Paradoxa die Tugendlehre sowie der Begriff der Tugend (Arete) an sich. Wir werden also auf den Kernbestand der sokratischen Lehre eingehen, wie sie sich mir auf Basis der vorgestellten Quellen darstellt. Dabei kann es nicht ausbleiben, dass wir die Dialogform von Sokrates thematisieren. Darüber hinaus stehen im Mittelpunkt die ethische Lehren und die Paradoxien des Sokrates, seine Seelenvorstellung, seine Einschränkung des Wissens auf das für den Menschen Wissbare sowie sein ethisches Prüfverfahren, das wir anhand der Apologie vorstellen wollen.

Im III. TEIL der Arbeit wird ein Vergleich zwischen Sokrates, Platon und der Vorsokratik angestellt, bei der es darum geht, das genuin Sokratische vom genuin Platonischen und Vorsokratischen abzugrenzen. In den Schlussbetrachtungen werden die Ergebnisse dieser Arbeit zusammengefasst, ein Resümee gezogen und ein abschließender Vergleich zwischen Sokrates, der Vorsokratik und Platon angestellt. Es wird sich zeigen, dass Sokrates ein ganz wichtiger Vorläufer für Platons Einheitsmetaphysik ist.

I. TEIL: HINTERGRÜNDE UND QUELLENLAGE

1. Historische und philosophische Rahmenbedingungen

1.1 Die Annäherung an Sokrates über Sokratesbilder

Bereits die Zeitgenossen beantworten diese oben gestellten beiden Fragen unterschiedlich, auch ihnen war er schon ein Mysterium, dessen Anziehungskraft eher noch zugenommen hat. Für die Athener war er eine stadtbekannte Größe, ein Original, das es sogar Wert war, Protagonist in mindestens einer öffentlich aufgeführten Komödie zu sein. So verschieden die Perspektiven der Zeitgenossen des Sokrates auf diesen waren, so unterschiedlich sind auch deren Sokratesbilder.20 Dem aber nicht genug! Wirft man einen Blick auf die 2500-jährige Sokratesrezeption, gewinnt man den Eindruck, jedes Zeitalter hätte sich einen eigenen oder sogar mehrere, miteinander konkurrierende Sokratesbilder entworfen! Es verwundert also nicht, dass bei einer schwierigen Quellenlage ganz unterschiedliche Sokrates-Bilder ihre jeweilige Zeit bestimmten und noch im kollektiven Gedächtnis nachwirken.21

Schon die ersten Christen sahen in Sokrates eine Art Vorläufer von Jesus.22 Wenn er schon nicht Sohn Gottes sein könne, da diese Rolle ausschließlich Jesus vorbehalten war, so müsse man vor allem seine ethische Haltung und seinen Todesmut hoch schätzen. In Sokrates sei der logos spermatikos keimhaft angelegt und in Jesus sei er schließlich ganz aufgegangen.23 Das 18. Jahrhundert24 sah in Sokrates mit Berufung auf Xenophons Erinnerungen einen lebenskundigen, praktischen Berater oder aber in Anlehnung an Platons Rede vom sokratischen Daimonion25 einen religiösen Menschen, der seinen Dialogpartnern fromme Ratschläge erteilt. Für Kant liefert Sokrates hingegen als methodisch vorgehender Denker eine „ethische Didaktik“ (GMS A 166). Den Rationalismus des Sokrates und dessen Hochschätzung der Vernunft nimmt Kant für sein eigenes kritisches Geschäft zum Vorbild (KrV, B XXXI). Noch vehementer sieht Schleiermacher in der sokratisierenden Dialektik, den akribischen Begriffsklärungen und der Wahrheitssuche „die Sache des Sokrates“.26 Vor dem Hintergrund des eigenen absoluten Idealismus und dessen vernunftimmanenter dialektischer Aufstiegsbewegung von der sinnlichen Gewissheit aufsteigend bis hin zum absoluten Geist sieht Hegel in Sokrates eine eher ambivalente Figur. Mit ihm habe sich zwar „der Weltgeist … zu einem höheren Bewußtsein erhoben“ und das „Prinzip des Geistes“ sei gegenüber sittlicher Vorstellungen aufgewertet worden, aber zugleich sei damit das sittliche Fundament der Polis zerstört worden. Es verwundert daher nicht, dass Hegel die Verurteilung des Sokrates für rechtens hält.27 Der geistesgeschichtliche Antipode Hegels, Kierkegaard, entwickelt demgegenüber bereits in seiner Magisterarbeit ein ganz anders geartetes Sokratesbild. Er begeht eine methodische Einseitigkeit, indem er sich allein auf das von Aristophanes in den Wolken entworfene Bild stützt. Nur hier fänden sich die authentischen Züge des historischen Sokrates, alle anderen Zeugnisse seien literarische Fiktionen bzw. bis zur Unkenntlichkeit übermalte Projektionen eines subjektiv gefärbten und idealisierten Sokrates. Kierkegaard findet in den Wolken Sokrates den Ironiker, der weder naturwissenschaftlich oder metaphysisch agiert, sondern vielmehr die Menschen um sich herum existentiell erschüttere.28 Hier wird also Sokrates zum ersten Existentialisten des Abendlandes stilisiert. Auch Nietzsche geht dezidiert auf Sokrates ein. Ihm ist Sokrates mit seinem „apollinischen Intellekt“ der Zerstörer der dionysischen Lebensvollzüge. Nietzsche sieht in Sokrates den „Typus einer vor ihm unerhörten Daseinsform“ bzw. „den Typus des theoretischen Menschen“, was nachhaltig die Entwicklung des Abendlandes hin zur Rationalität und weg vom Irrationalen bestimmt habe, worin Nietzsche insbesondere durch das Aufkommen des Christentums mit seinem Ressentiment gegen die starken Nomotheten eine Fehlentwicklung sieht.29 Auch in diesem Fall wird also Sokrates vor dem Hintergrund der eigenen Philosophie gelesen und gedeutet.

Die Basis, auf der ein getreues Bild vom historischen Sokrates entstehen könnte, ist dadurch nicht stärker geworden. Das Schwergewicht verschob sich vielmehr unmerklich von Sokrates auf den Sokratismus. Der hatte nach der Renaissance seine zweite Blüte und erlebte im 18. Jahrhundert einen Höhepunkt: Sokrates wurde sowohl von den Aufklärern als auch den Romantikern als ihr Vorläufer in Anspruch genommen, zugleich wurde er vor allem von Hamann und Kierkegaard als religiöser Genius ins Auge gefasst.30 Dabei interpretierten Philosophen wie Hegel, Kierkegaard und Nietzsche Sokrates nur noch auf der Folie ihrer eigenen Philosophie. Sokrates wurde auf diese Weise zum Spiegel der eigenen Philosophiesysteme. Philosophiehistorie war zugleich Interpretation der Geschichte der Philosophie. Allen gemein war aber, dass sie Sokrates eine welthistorische Stellung zuerkannten, obwohl man diese Bedeutung einmal als negativen Wendepunkt Richtung Dekadenz (Nietzsche), das andere Mal als Selbstwerdung des absoluten Geistes (Hegel) interpretierte.31 Der Vereinnahmung des Sokrates war damit Tür und Tor geöffnet.32 Diese Projektion eigener Lehrer auf Sokrates sagt in der Regel mehr über die Autoren selbst und ihre Zeit als über den historischen Sokrates.

Der Facettenreichtum, dem dieser teils eklektische, teils kritikferne, einseitige und basislose Sokrates, zur Verfügung stehen musste, schien keine Grenzen zu kennen. Unter Berufung auf eine, viele oder alle (zur Verfügung stehenden) Quellen ist es tatsächlich möglich, je nach Akzentsetzung und Intention des Interpreters, Beliebiges in Sokrates hineinzulesen. Dieser unkritische Eklektizismus ist aber keine Erfindung der modernen Forschung, sondern findet sich schon in antiken Quellen wie z.B. bei Diogenes Laertius.33 Dabei geht es dem modernen Leser diverser Sokratesdarstellungen ähnlich wie es dereinst D. Hume beim Lesen verschiedener Ethik-Lehrbücher:34 Er muss feststellen, dass die Autoren von Ist-Sätzen zu Soll-Sätzen übergehen, ohne den Übergang zu kennzeichnen. Dieser „naturalistische Fehlschluss“ vollziehe sich zwar unmerklich, habe aber für die Moralphilosophie weitreichende Konsequenzen, so Hume. Ähnlich verhält es sich in Teilen der modernen Sokratesforschung, wo doch recht unreflektiert und nahezu beliebig die Quellen konsultiert wurden. Ohne es zu merken, werden da platonische, aristophanische, aristotelische und xenophontische Lehren als genuin sokratisch deklariert, d.h. Lehren der „Berichterstatter“ werden vorschnell für den historischen Sokrates in Anspruch genommen. Auch das ist ein Trugschluss.

Von dieser rein deskriptiv-vergleichenden Ebene muss aber eine zweite abgehoben werden. Bereits Aristoteles teilt uns mit, dass es sich bei den meisten Sokratesdarstellungen um sokratikoi logoi handelt, d.h. dass kein Sokratiker den historischen Sokrates im Blick hatte, sondern Sokrates als fiktiver Dialogpartner fiktive Gespräche führte. Dies schließt konkret Aischines, Antithenes, Eupolis, Hermogenes und Platon ein, kann aber auch auf Aristophanes und Xenophon ausgedehnt werden. Die Gründe hierfür werden weiter unten besprochen. Ein drittes Problem ist die Gefahr eine circulus vitiosus mit fatalen Folgen, denn ein Sokratesbild muss man zugrunde legen,35 will man einen Vergleich mit den anderen durchführen. Was ist aber, wenn wir (A) das falsche Sokratesbild zugrunde legen, (B) aufgrund der Quellenlage das einzig authentische Sokratesbild nicht überliefert ist oder (C) wenn es niemals auch nur eine einzige glaubwürdige Sokratesdarstellung gab, weil kein Sokratiker die Absicht hatte, den historischen Sokrates in den Mittelpunkt zu rücken, sondern nur mittels der literarischen Figur des Sokrates eigene Gedanken oder Lehren verbreiten wollte?!36 In den beiden letzten Fällen käme es zum gleichen Ergebnis: über den historischen ließe sich heute nichts mehr oder sehr, sehr wenig sagen. Trotz dieser Sachlage müsste streng zwischen Fall (B) und Fall (C) unterschieden werden, weil zweiter Endgültigkeit unterstellt, während ersterer durch Auffinden weiterer Quellen doch noch ausgeräumt werden könnte.

Außerdem müsste gefragt werden, ob überhaupt die Möglichkeit besteht, bei einer Vielzahl sich widersprechender oder zumindest nicht gerade ergänzender Meinungen, den historischen Sokrates auffindbar zu machen. Gesetzt den Fall, alle Sokratiker hätten Sokrates als historisch authentische Figur darstellen wollen, dann hätten wir folgende Problemlage:

(1) Jeder sieht in Sokrates etwas ganz verschiedenes, was entweder auf den Facettenreichtum von Sokrates selbst oder auf den Facettenreichtum seiner Anhänger schließen würde;
(2) Sokrates wäre aber das sie alles Verbindende, dass sie dazu bewog, sich überhaupt mit seiner

Person und seiner Lehre zu beschäftigen bzw. gerade ihn zum Sprecher bestimmter Anschauungen zu machen. War also Sokrates tatsächlich nur das undefinierbare und äußerst flexibel verwendbare Sprachrohr der Autoren des 5. und 4. Jahrhunderts? War er so facettenreich, dass man sich mit ihm über die verschiedenen Themen wie Landwirtschaft in Xenophons Oikonomikos, über die Aretelehre wie Aichines bis hin zu Platons Themenvielfalt in den Dialogen besprechen konnte? War seine Lehre das einheitsstiftende Band?

Keiner würde doch heute mit Taylor und Burnet soweit gehen, den Inhalt der platonischen Frühdialoge und Spätdialoge allein dem Sokrates zuzuerkennen. Dies würde ja auch bedeuten, dass die Geschichte des Platonismus mithin die Geistesgeschichte des Abendlandes neu zu lesen sei;37 konsequent zu Ende gedacht würde das auch die anderen Sokratiker mit in den Platonismus einschließen. Sokrates fungierte dann als der Archeget all dieser Auffassungen der Autoren des 5. und 4. Jahrhunderts, die ihn diese Lehren in den Mund gelegt haben. Diese Extremposition kann in ihrer Falschheit nur noch durch das genaue Gegenteil übertrieben werden: Sokrates sei eine rein literarische Fiktion, der nicht als lebendiger Mensch existierende Beginn einer eigenen Literaturgattung.38 Welcher und wie viele der dem literarischen Sokrates in den Mund gelegten Lehren können wir also tatsächlich auf die Waage des historischen Sokrates legen?

Etwas näher kommt man dieser Frage vielleicht, wenn man bedenkt, dass mit Aristoxenos und Polykrates39 relativ zeitnah auch eine sokratesfeindliche Richtung entsteht, die schwerlich gegen eine rein literarische Fiktion polemisierte, sondern viel wahrscheinlicher gegen ein real existierendes Subjekt. Erst aufgrund der Kritik durch Polykrates in seiner öffentlichen Rede kam es zur massiven Verteidigungsbewegung zugunsten von Sokrates, die in der Apologie Platons ihren literarischen Höhepunkt findet. Derselben Richtung müssen aber auch Xenophons Schriften zugerechnet werden, der prononciert apologetisch veranlagt ist sowie alle Schriften der anderen Sokratiker. Diese alle sind sich darin einig, dass für den gottesgläubigen und rechtschaffenen Sokrates die Todesstrafe völlig unangemessen war.

Auch in der neueren Forschung ist man trotz einiger wegweisender Monographien und unter Anwendung der historisch-kritischen Methode von einer communis opinio weit entfernt. K. Jaspers z.B. zählt Sokrates konträr zu Nietzsche zu den „maßgebenden Menschen“ und rückt ihn an den Anfang seines dreibändigen epochemachenden Standardwerks „Die großen Philosophen“ (1957). Hier stellt Jaspers Sokrates in die Reihe der großen Kultur- und Religionsstifter. In dieser finden sich neben Sokrates noch Laotze, Buddha, Konfuzius, Zarathustra, Pythagoras u.a. Jaspers spricht von einer „Achsenzeit“ in der Weltgeschichte, weil diese um das 6.-4. vorchristliche Jahrhundert in den verschiedenen Kulturkreisen - nahezu zeitgleich also, aber voneinander völlig unabhängig - als religiös oder philosophisch motivierte Kulturstifter aufgetreten sind.

Völlig anders ist K. Popper fokussiert. In seinem 2-bändigen Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ werden Platon, Marx und Hegel auf Grund ihrer totalitären Staatsmodelle zu Feinden der Demokratie erklärt und Sokrates´ demokratische Bestrebungen davon positiv absetzt. Sokrates sei ein entschiedener Fürsprecher demokratischer Strömungen gewesen, während der Aristokrat Platon mit seinem Konzept der Philosophenkönige autoritäre und eindeutig elitäre Züge favorisierte.40 Platons Staatsutopie sei das erste totalitäre System überhaupt.

Bei diesen zuletzt genannten Denkern bleibt die Frage nach dem historischen Sokrates weitgehend ausgeblendet. Eine dezidierte Quellenanalyse vermisst man. Ganz anders hingegen das Buch von O. Gigon, das gerade diese Frage in den Mittelpunkt stellt. Nach eingehender Prüfung aller Zeugnisse kommt er zu dem Schluss, dass der historische Sokrates hinter den schriftlichen Zeugnissen nicht mehr fassbar erscheint und damit Sokrates zur rein literarischen Fiktion avanciert.41 Konsequent zu

Ende gedacht würde dies bedeuten, Sokrates ereilt das gleiche Schicksal wie einst Jesus Christus durch das Buch von B. Strauß:42 die historische Figur wird gänzlich bestritten, alle Quellen sprächen über eine literarische Fiktion. Das war ein Fundamentalangriff auf den historischen Sokrates. Gigon kann sich tatsächlich auf die Dialogform und die Rede des Aristoteles von den sokratikoi logoi berufen. Dies entstanden im Anschluss an die öffentliche antisokratische Rede des Polykrates nach Sokrates´ Tod und führte dazu, dass Freunde und Sympathisanten des Sokrates mittels dieser Dialogform ihrem Meister ein literarisches Denkmal setzten - und zwar in Form von Dialogen.

Von dieser fundamentalen Erschütterung hat sich die Sokratesforschung nur schwer erholt. Dennoch ist es einigen Forschern gelungen an der Hyperkritik Gigons vorbei ein neues tragbares Fundament zu entwickeln. Man ging dazu über, die vier Hauptquellen in ein Verhältnis sich wechselseitiger Ergänzung und Erhellung zu stellen. Platon avancierte hierbei immer mehr zur Hauptquelle - besonders die Frühdialoge und die Apologie, die als tragfähiges Fundament gesehen wurden.43 Teilweise gelang es, den historischen Sokrates und dessen Lehre zu rekonstruieren. Dennoch sieht nach wie vor z.B. G. Böhme in Sokrates den Vertreter eines „Typus“44 und ganz im Sinne Gigons - ein Produkt von Platons Dialogen. Er sieht im „Typus Sokrates“ den Kontrastpunkt zu Homer: mit Sokrates gäbe es ganz im Sinne Ciceros eine anthropologische Wende hin zur Selbstreflexion des Menschen. Von Foucaults Einflüssen nicht frei, sieht Böhme in Sokrates den Praktiker und therapeutischen Seelsorger. Ganz anders hingegen G. Vlastos, der in seinem fundierten Buch Socrates

- Ironist and Moral Philosopher Sokrates wiederum deutlich als Person hervortreten lässt. Unter Einfluss der Sprachanalyse will Vlastos mit Berufung auf Aristoteles die Eigenständigkeit von Sokrates gegenüber Platon beweisen. Hierin sind ihm große Teile der Forschung gefolgt45 und auch diese vorliegende Arbeit wird hier ihren Ausgangpunkt nehmen. Das andere Extrem gegenüber den Ausführungen von Gigon ist ebenfalls methodisch nicht statthaft, dennoch wurde es von Taylor vorgeschlagen: er setzt die Lehren in Platons Dialogen direkt gleich mit denen des historischen Sokrates. Hier ist tatsächlich Vorsicht geboten und diese Arbeit wird sich nach eingehender Prüfung der Zeugnisse mehr an die Frühdialoge Platons, dessen Apologie und insbesondere an die wichtigen Aussagen des Aristoteles halten. Aber diese Arbeit wird auch nicht das pauschale Urteil von Vlastos übernehmen, wonach in den Frühdialogen der historische Sokrates - ein Ironiker und Moralist - zu finden sei, während er in den mittleren und späten Dialogen nur das Sprachrohr platonischer Lehren abgebe. Richtig daran ist sicherlich, dass z.B. die Politeia und der Phaidon deutlich Platons Lehren hervortreten lassen, aber ob die Fr ü h dialoge tatsächlich ein genuines Bild des historischen Sokrates abgeben,46 wird im Laufe der Arbeit zu beantworten sein. Die Wahrheit liegt - wie so oft - wohl in der Mitte, in dem Fall zwischen Gigon auf der einen und Taylor/Burnet auf der anderen Seite.

1.2 Die Vorsokratik

Die Vorsokratiker stellen eine breite intellektuelle Bewegung im Griechenland des 6. Jh. v. Chr. dar. Ihren Ausgangspunkt nahm sie in Milet mit der Denkertriade Thales, Anaximander und Anaximenes, bis sie auch auf andere Polei in ganz Griechenland übergriff. Der gemeinsame Grundgedanke aller Vorsokratiker ist den Aufbau der Welt, des Kosmos bzw. des Seins mittels natürlicher letzter Ursachen zu erklären. Während nämlich Homer (ca. 750 v. Chr.) in seiner Ilias und Odyssee und sein Zeitgenosse Hesiod in seiner Theogonie (ca. 730 v. Chr.) die Entstehung der Welt und die Ordnung in ihr mittels eines mythischen Weltbildes, in dem sich Götter lieben, streiten und aufeinander folgen, zu erklären versuchen, geben die Vorsokratiker nat ü rliche Ursachen an. Dabei lässt sich zunächst das mythische Denken wie folgt charakterisieren:

- Es handelt sich um zusammenhängende Geschichten, in denen kosmische Kräfte personifiziert durch Götter handeln;
- Es beantwortet die Fragen nach Ursprung, Entstehung und Ende sowie dem Sinn und Zweck der Welt;
- Der Mensch fühlt sich also in eine übergreifende, von den Göttern geschaffene Ordnung eingebettet;
- Damit wird Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft sowie Stagnation und Wandel erklärt;
- Der Mythos kann nicht rational, sondern nur intuitiv erfasst werden.

Die Vorsokratiker verzichten nicht völlig auf das Mythische,47 aber sie suchen nach natürlichen Ursachen, bei ihnen natürlich erscheinenden Erscheinungen, wie z.B. der Nilschwämme, die von Thales mit den Passatwinden erklärt und eben nicht auf Götterwirken zurückgeführt wurde.48 Deshalb ist in chronologischer Hinsicht diesbezüglich das berühmte Wort „vom Mythos zum Logos“49 durchaus richtig. Der Logos als Erklärungsmodell löst nicht sofort, aber schrittweise den Mythos ab,50 wobei sich dieser neu in Kult und Religion etabliert. Dabei zeichnet sich das logos-orientierte Denken durch folgende Merkmale aus:

- Der Mensch kann die ihn umgebende Realität mittels der Vernunft erkennen;
- Der Mensch kann Begriffe bilden und Urteile fällen, Zusammenhänge erforschen und er kann zweifeln, argumentieren und beweisen;
- Damit verlässt der Mensch ein Stück weit die göttliche Geborgenheit und wird zurück auf sich selbst geworfen. Es ist zugleich der erste Schritt auf dem Weg zur Entzauberung der Welt.51

Alle Vorsokratiker fragen entweder nach den Grundprinzipien des Seins bzw. nach dem Ursprung oder nach der Erkenntnisfähigkeit des Menschen. Dabei wendet sich die Ontologie nicht nur gegen die mythische Welterklärung, sondern auch gegen die sinnliche Gewissheit.52 Diese wird vor allem durch die beiden Antipoden Heraklit und Parmenides in Frage gestellt.53 Ethische Prinzipien sind hingegen nur in wenigen Sentenzen überliefert, d.h. Spruchweisheiten und Handlungsempfehlungen: Halte Maß, sei nicht reich auf schimpfliche Weise etc.54

Exemplarisch sei Thales von Milet (ca. 580 v. Chr.) vorgestellt, der gemeinhin als der erste Philosoph überhaupt gilt.55 Er war der Meinung, dass es für alles Seiende nur eine einzige Ursache gibt. Diese galt ihm als stofflich-materiell. Für ihn bestand alles aus Wasser.56 Dieser Urstoff sei selbst bewegt und belebt und belebe dadurch dasjenige, was aus ihm hervorgeht. Sein Schüler Anaximander setzt einen anderen Akzent: für ihn ist das Apeiron, das Unbegrenzte, also etwas Nicht-stoffliches, dieser Urstoff. Für Anaximenes, den dritten Philosophen aus Milet, war dann die Luft der Urstoff. Verdichtet sie sich, dann entstünden Dinge wie Wasser, Erde und Steine und verdünne sie sich, dann entstehe das Heiße, z.B. Feuer, dehne sie sich aus, dann entstehe das Kalte. Für die Atomisten Demokrit und Leukipp besteht dann jeder Körper aus unendlich vielen kleinsten Teilchen, den Atomen, die sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Eigenschaften zu verschiedenen Körpern, Dingen etc. zusammensetzen. Für Heraklit ist das Urfeuer diese letzte Arche: aus ihm geht mittels des Logos die von Gegensätzen bestimmte Welt hervor. Der Logos ist verantwortlich für Maß und Zahl und für den Ausgleich zwischen den Gegensätzen wie heiß/kalt, hell/dunkel etc. Interessant ist noch Parmenides, der Werden und Veränderung völlig in Frage stellt und dies auf eine Sinnestäuschung zurückführt. Das Sein selbst sei eine „wohlgerundete Kugel“ und ein Nicht-Sein existiere gar nicht. Dass ihm diesen wirkungsmächtigen Gedanken eine Göttin offenbarte, zeigt, dass sich auch die Vorsokratiker noch nicht ganz vom Mythos losgelöst hatten, sondern der Prozess vom „Mythos zum Logos“ in verschiedenen Rationalisierungsschritten sukzessive vor sich ging.57

Entscheidend an den vorsokratischen Theorien ist aber, dass die Stellung des Menschen im Kosmos noch weitgehend unbeachtet bleibt; vielmehr wird insbesondere das erste Prinzip als erste Arche, als Ursprung von allem aus dem alles entstanden ist, gesucht, benannt und auf seine Tragweite hin geprüft. Darauf geben die Vorsokratiker zwar inhaltlich verschiedene Antworten, aber die Methode ist die gleiche. Insofern kann man sagen, die Vorsokratiker leisteten die Vorarbeit für ihn: sie sorgten sich um die Prinzipien der Welt, er um den in diesen sinnstiftenden Kosmos eingebetteten Menschen.

Durch den dreifachen historischen Sieg der Griechen über die Perser in Marathon (490 v. Chr.), bei Plataäe und im Sund von Salamis (480 v. Chr.) gab es in Griechenland eine außergewöhnlich lange Friedenszeit von fast 50 Jahren. Damit war die Rahmenbedingung für eine ungeahnte kulturelle Blüte in allen wichtigen Teilgebieten Griechenlands gegeben. Das Bedürfnis nach Bildung nahm rapide zu. Darüber hinaus entwickelten die Griechen durch eine zweifache Reform des Staatsapparates die Demokratie als Staatsform.58 Diese verlangt von den Bürgern zunehmend die Fähigkeit, sich elegant ausdrücken zu können und stringent Argumente für oder gegen eine Sache zu finden. Die Griechen entwickelten sich nicht zur agonalen Streitkultur,59 sondern die Philosophie wanderte in die Städte und wandte sich den Menschen zu. Vor Gericht, bei der jährlichen Strategenwahl und vor allem in den neuen Bildungseinrichtungen wurde lautstark diskutiert. Isokrates gründet ca. 395 v. Chr. seine erste Rhetorenschule, Platon zieht 387 v. Chr. mit seiner Akademie nach. Perikles z. B., der langjährige Stratege und Führer der Demokratie, war für seine rhetorisch hochqualifizierten Brandreden berühmt.60 Es verwundert daher nicht, dass neue Bildungsbedürfnisse erwachten.

1.3 Die Sophisten

So entstand eine neue Gruppe von Lehrern, die durch Griechenland reisten und gegen ein Entgelt ihre Schüler in Rhetorik und Beredsamkeit schulten.61 Die Jugend lief den berühmtesten unter ihnen wie

Protagoras oder Gorgias regelrecht hinterher.62 Es liegt nahe, dass Sokrates, der ebenfalls öffentlich auf der Agora lehrte, von vielen Bürgern der Polis ebenfalls unter diese Gruppe der Sophisten gerechnet wurde, was aber nur zum Teil richtig ist.63 Um einer möglichen Abgrenzung den Boden zu bereiten, sei - bei allen Unterschieden im Detail - auf spezifische Merkmale der Gruppe der Sophisten eingegangen:

Kritik an der Rechtsordnung: Aufgrund ihrer Reisen stellten die Sophisten fest, dass überall andere Gesetze herrschen. Sie schlossen daraus: die Gesetze sind von Menschen und nicht von Göttern gemacht. Sind sie aber vom Menschen gemacht, kann man sie auch in Frage stellen, kritisieren und modifizieren. Die Gesetze dürften den Menschen jedenfalls nicht tyrannisieren.64

Kritik an den Moralvorstellungen: Auch die moralischen Werte sind nicht von Natur aus, sondern aufgrund von Übereinkunft bzw. Vereinbarung. Daher sind sie auch an verschiedenen Orten und zu verschiedener Zeit unterschiedlich. Werte sind also wandelbar, d.h. nicht objektiv, sondern vielmehr intersubjektiv festgelegt und sozusagen gesellschaftlich bedingt.

Kritik am Mythos, den G ö ttern und der Religion: Der Mythos dient nicht mehr allein der Welterklärung. Es herrscht ein Agnostizismus vor, d.h. die übersinnliche Welt gilt als unerkennbar. Protagoras bezweifelt z. B., dass die Menschen etwas über die Götter wissen können. Auch die Religion gilt als eine Erfindung des Menschen, z. B. bei Kritias: „Als die Gesetze verhinderten, dass man offen Gewalttaten verübte, und hier nur insgeheim gefrevelt wurde, da scheint mir ein schlauer Kopf die Furcht vor den Göttern für die Menschen erfunden zu haben, damit die Übeltäter sich fürchteten, auch wenn sie insgeheim etwas Böses täten oder sagten oder dachten.“65 Außerdem argumentierten sie, dass die angeblich göttliche Gerechtigkeit der Erfahrung der Ungerechtigkeit in der Welt widerspräche. Ihre Konsequenz war: die Götter seien nur Projektion menschlicher Gefühle. Für diese Meinung fand Xenophanes beredte Worte, wenn er meint, hätten die Ochsen oder Pferde Götter, dann wären diese ochsen- oder pferdeartig.66

Erkenntnisskeptizismus: Auch bezüglich der Möglichkeit von Erkenntnis zweifeln die Sophisten.

Über jede Sache, so sagten sie, gäbe es immer zwei verschiedene Ansichten (dissoi logoi).67 Es gibt also keine objektive Wahrheit, sondern die Menschen bestimmen, was wahr und falsch ist. Der Sophist Gorgias treibt den erkenntnistheoretischen Zweifel mit seinen drei Thesen auf die Spitze: (1) nichts existiert, (2) selbst, wenn etwas existiert, ist es doch nicht erkennbar; (3) selbst wenn es aber erkennbar sein sollte, so ist es doch nicht mitteilbar.68

Abkehr von der Naturphilosophie und Wende zum Menschen: Der Mensch steht nunmehr im Zentrum der Spekulationen und nicht mehr die erste Ursache aller Dinge. Der homo-mensura-Satz zeigt klar den radikalen Perspektivenwechsel: „Aller Dinge Maß ist der Mensch, der seienden, dass sie sind, der nichtseienden, dass sie nicht sind.“69 Das ist eine Art Slogan der aufklärerischen Sophisten.

Die Macht der Rede: Wenn die traditionellen Werte und Vorstellungen kein Recht mehr besitzen, dann rücken an ihre Stelle Argumentation- und Überzeugungskraft. Deshalb etablierten die Sophisten eine neue Art von Rhetorik. Je überzeugender jemand argumentiert, desto eher wird er auch in der Sache siegen.70

T ä tigkeit in der Gemeinschaft: Wichtig wurde die Redekunst deshalb, weil sie auch für die Angelegenheiten der Polis und vor Gericht Relevanz besaß. Hier geht es vor allem darum, den schwächeren Logos zum stärkeren zu machen, was ihnen neben Lob und Ehrfurcht auch viel Tadel und Missgunst einbrachte.71

Bildung: Die Sophisten bildeten neben der Rhetorik noch in Fächern wie Grammatik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie aus.

Bei allen Unterschieden im Detail stimmen die Sophisten also in folgenden Punkten überein: Der Mensch wird bei ihnen zum Mittelpunkt der Philosophie; Das Denken selbst wird zum Gegenstand der Philosophie; Damit thematisieren die Sophisten erstmals die Sprache, ihre Grenzen, ihre Relevanz für die Menschen und die Gesellschaft;72 Aufgrund ihrer Kritik an den klassischen Wertvorstellungen bereiten sie den Weg für eine autonome, vernunftbegründete Moral, die sich nicht auf Religion gründet.73

Lange Zeit hatten die Sophisten in der Forschung einen schlechten Ruf als Relativisten und Zerstörer der alten Werte. Verantwortlich für diese überkritische Einstellung zu ihnen war vor allem Platon, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, seinen Lehrer Sokrates aus dem Bannkreis dieser Bewegung zu ziehen. Dabei griff er zu einer überscharfen Kritik. Unter anderem unterstellte er ihnen, Geld für ihr Bildungsangebot zu nehmen; Sokrates hingegen habe dies niemals getan. Erst die jüngere Forschung (s.u.) konnte sich von diesem einseitigen Urteil emanzipieren und zeigen, welch aufklärerische Durchschlagskraft die Sophisten für ganz Griechenland und damit letztlich für das ganze Abendland hatten. Ohne die neue Methodik und Lehren der Sophisten ist weder Sokrates, noch Platon und Aristoteles verständlich. Wir wollen uns in dieser Arbeit allerdings auf Sokrates konzentrieren.

1.4 Die Person Sokrates

Wie haben wir uns nun Sokrates vorzustellen.74 Auch hier müssen wir uns bereits auf die Quellen stützen, die glücklicherweise ein ähnliches Bild zeichnen. Sein Leben war gelebte Philosophie, und zwar gelebte Askese, Enthaltsamkeit mit einem hohen Maß an Bedürfnislosigkeit.75 Er wurde 470 v. Chr. geboren und gilt als der Begründer der klassischen Periode der griechischen Philosophie. Sokrates, Sohn eines Steinmetz und einer Hebamme, war äußerlich von kleiner, untersetzter Gestalt, hatte eine breite Stirn, Glupschaugen, trug stets die gleiche Kleidung und einen langen „Philosophenbart“. Diese äußere Häßlichkeit kontrastiert nun aber mit einer inneren, seelischen Erhabenheit, die von allen, die ihn kannten, gespürt wurde und durch zahlreiche Quellen belegt ist. Er galt als provozierender Querdenker, hielt sich einen Großteil des Tages auf den öffentlichen Plätzen Athens und hier vor allem der Agora auf, wo man ihn dann und wann in ein Gespräch mit zwei maximal drei zumeist jungen Leuten vertieft diskutieren sah.

Andererseits ist Sokrates für seine Tapferkeit im Krieg bekannt. Er nahm erfolgreich an drei Schlachten (Potidaia, Delion, Amphipolis) während des großen 27 Jahre währenden Peloponnesischen Krieges teil, an dessen Ende beide Teilnehmer, Athen und Sparta, am Boden zerstört, sich nie wieder zur alten Größe erheben sollten. Sokrates rettete hier zwei Athenern das Leben und schritt auch dann tapfer voran, als die halbe Mannschaft die Flucht ergriff.76 Dafür wird er nicht nur von seinen militärischen Vorgesetzten, sondern auch von den Polismitbürgern geschätzt.77

Außerdem wird Sokrates nachgesagt, er habe eine Art moralisches Gewissen. Dieses äußere sich in einer göttlichen Stimme, dem berühmten Daimonion. Diese innere, göttliche Stimme spricht immer dann zu Sokrates, wenn er etwas nicht tun soll. Sie ist also rein negativ konnotiert. Als Sokrates beispielsweise verurteilt wird, sagt die Stimme nicht zu ihm, er solle fliehen, obwohl er es leicht gekonnt hätte, denn seine Freunde hatten bereits alles für eine Flucht arrangiert.

Bekannt ist auch Sokrates´ Gedankenversunkenheit. Er konnte mehrere Stunden, ja manchmal die ganze Nacht über - bei Wind und Wetter - an einer Stelle stehen und nichts weiter tun als nachdenken.78 Aristoteles meinte, Sokrates habe eher destruktiv gewirkt, Xenophon meinte, Sokrates habe die Jugend in vorsichtiger Weise ermahnt und Platon ist der Auffassung, Sokrates habe seine Gesprächspartner existentiell erschüttert und zum Guten „bekehrt“. Platon bringt das Bild vom Zitterrochen (Apol.). Damit kommt Platon der Wahrheit wohl am nächsten, denn ansonsten ist die Wirkungsmächtigkeit Sokrates´ nicht nachvollziehbar. Wenden wir uns aber nun der Quellenlage zu, denn diese gibt noch mehr Aufschluss über den Facettenreichtum von Sokrates. Dass Sokrates kein Phantom war, beweist die Rede des Polykrates, wie wir uns aber Sokrates vorzustellen haben, verraten uns nur die Quellen.

2. Quellenlage

2.1 Die Wolken des Aristophanes

Schon 25 Jahre vor seinem Tod war Sokrates Gegenstand der Komödie: Aristophanes, der bekannte Komödiendichter,79 brachte ihn in seinem Stück die Wolken als Hauptfigur auf die Bühne. Die Handlung paraphrasierend: der Bauer Strepsiades ist verschuldet und muss vor Gericht. Weil er sich nicht zu helfen weiß, möchte er bei Sokrates lernen, wie man den „schwächeren Logos zum stärkeren macht“.80 Er zeigt sich aber als sehr ungelehrter Schüler und schickt daher seinen Sohn. Dieser ist von rascher Auffassungsgabe und wendet nun die neue Kunst gleich gegen den eigenen Vater an. Sokrates wohnt im Wolkenguckgucksheim und betet - statt Zeus und die übrigen Olympier - die Wolken als höchste Instanz auf. Er ist ihr Priester. Am Ende verbrennt er mitsamt der gesamten Schule.

Aristophanes stellt Sokrates demnach als Obersophisten dar. Für ihn waren die Sophisten mitverantwortlich für den um sich greifenden Werteverlust. Er stellt ihn als bedürfnislosen, ungepflegten Mensch dar, der selbst das Ungeziefer an seinem Körper noch der wissenschaftlichen Untersuchung für wert erachtet. Bei dieser Beschreibung des Habitus dürfte der historische Sokrates ganz real getroffen sein, denn immerhin sollte man annehmen dürfen, dass ein vielköpfiges Publikum das stadtbekannte Original als solches sofort erkannt hat, zumal Sokrates wohl selbst sogar anwesend

[...]


1 A. N. Whitehead, Process and Reality. An Essay in Cosmology, S. 63: “The safest general characterization of the European philosophical tradition is that it consists of a series of footnotes to Plato.”

2 Wörtlich heißt es bei Cicero: “Sokrates hat als erster die Philosophie vom Himmel heruntergerufen, sie in den Städten angesiedelt, sie sogar in die Häuser hineingeführt und sie gezwungen, nach dem Leben, den Sitten und dem Guten und Schlechten zu forschen.” Vgl. Cicero, Gespr ä che in Tusculum, V.4.10.

3 Vgl. Guardini, Der Tod des Sokrates, München 1956.

4 D. Birnbacher und D. Krohn, Das sokratische Gespr ä ch, Stuttgart 2002 und G. Raupach-Strey, Sokratische Didaktik, S. 39 -196.

5 Ch. Kniest, Sokrates zur Einf ü hrung, S. 30 f.

6 Vgl. dazu die Arbeit von H. J. Krämer, Arete bei Platon und Aristoteles, Tübingen 1959. Krämer entwickelte ein neues Platon-Paradigma, das besagt, dass Platon neben seinen schriftlich fixierten Dialogen noch eine ungeschriebene Lehre hatte, der er inhaltlich mehr anvertraute als den Dialogen.

7 Diogenes Laertius, Leben und Meinungen ber ü hmter Philosophen, Hamburg 1996, II, 5.

8 Siehe z.B. H. Naumann, Die Gestalt des Sokrates und ihre Wirkungen auf die Weltliteratur, S. 62 - 103.

9 L. Rossetti, Neueste Entwicklungen in der sokratischen Frage, S. 391 - 433.

10 Vgl. statt vieler A. Mussenbrock. Termin mit Kant. Philosophische Lebensberatung, München 2010, S. 30 ff. 3

11 D. Birnbacher und D. Krohn, Das sokratische Gespr ä ch, Stuttgart 2002.

12 Ein Beispiel findet sich bei O. Gigon, Die Erneuerung der Philosophie in der Zeit Ciceros, S. 25 ff.

13 W. Pleger, Sokrates, S. 48 f. und 52 f.

14 Maßgeblich dazu immer noch Klaus Berger, Wer war Jesus wirklich ?, Stuttgart 31996.

15 F. Hahn, Die Frage nach dem historischen Jesus und die Eigenart der uns zur Verf ü gung stehenden Quellen, in ders. (Hg.), Die Frage nach dem historischen Jesus, Göttingen 1962, S. 7 spricht von der „notvolle(n) Aporie“, die uns die Quellenarbeit auferlegt.

16 Vgl. dazu H.-G. Gadamer, Wahrheit und Methode, Stuttgart 1999. 4

17 Vgl. dazu R. Bultmann, Geschichte und Eschatologie, 1958 und zu den Unterschieden zwischen ägyptischer, altjüdischer, griechischer und römischer Geschichtsschreibung vgl. F. Hahn, ebd ., S. 9 ff.

18 Vgl. M. von Albrecht, Geschichte der r ö mischen Literatur, Bd. 2, München 2009.

19 Hierzu bietet den maßgeblichen Forschungsüberblick K. Döring, Sokrates, die Sokratiker und die von ihnen begr ü ndeten Traditionen, S. 141 - 164.

20 So auch Fr. Ricken, Philosophie der Antike, S. 51: „Diese Zeugnisse divergieren erheblich.“

21 Vgl. J. Assmann, Das kulturelle Ged ä chtnis, München 2007.

22 Vgl. A. Patzer, Resignation vor dem historischen Sokrates, S. 145 - 156.

23 Hinter dieser Lehre steht stoisches Gedankengut.

24 Siehe dazu B. Böhm, Sokrates im achtzehnten Jahrhundert, 1966.

25 G. Figal, Sokrates, 31 ff. und H.-G. Gadamer, Sokrates und das G ö ttliche, S. 16 - 34. 6

26 Vgl. E. Martens, Die Sache des Sokrates, S. 18 f. und A. Patzer (Hrsg.), Der historische Sokrates, S. 46, 58. Vgl. auch ders., Resignation vor dem historischen Sokrates, S. 145 - 156; ders., (Hrsg.), Der historische Sokrates, Darmstadt 1987; ders., Der Xenophontische Sokrates als Dialektiker, S. 50 - 76; ders., Sokrates als Philosoph, S. 434 - 461.

27 „Das Schicksal des Sokrates ist so echt tragisch.“ Hegel, Bd. 18, S. 514.

28 „Der Ironiker ist allerdings leichter als die Welt, andererseits gehört er der Welt noch an (…) der Korb ist gleichsam jener Boden der empirischen Wirklichkeit, dessen der Ironiker bedarf.“ So S. Kierkegaard, Ü ber den Begriff der Ironie mit st ä ndiger R ü cksicht auf Sokrates, Köln 1967.

29 Fr. Nietzsche, Jenseits von Gut und B ö se, Stuttgart 1964.

30 Seebeck, H. G., Das Sokratesbild. Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Göttingen 1947. 7

31 In diesem Zusammenhang muss auch die Geschichte der Xanthippe eingereiht werden. Diese erfuhr nach anfänglicher Verunglimpfung in der Antike und Missachtung im Mittelalter erst in der Renaissance eine Aufwertung. In wirklich positiver Weise erschien sie erst in der Frauenbewegung im 20. Jahrhundert. Siehe zusammenfassend M. Weithmann, Xanthippe und Sokrates. Ein Beitrag zu h ö herem historischen Klatsch, München 2003.

32 Vgl. dazu die allgemeinen kritischen Äußerungen von O. Spengler, Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, München 11923, ND 1992, S. 21ff., 29 f., 37 f. u.ö.

33 Diogenes Laertius, II, 18 - 21.

34 Vgl. D. Hume, Untersuchung ü ber den menschlichen Verstand, Stuttgart 1986.

35 Hegel, Döring etc. hielten sich an Xenophon, Schleiermacher, Natorp etc. an Platon, Kierkegaard, Röck an Aristophanes. Aristoteles ist immer wieder mit hinzugenommen worden, vor allem in der neueren Forschung bei Patzer, Figal, Kneist und Pleger und G. Böhme, G., Der Typ Sokrates, 1988 Frankfurt am Main.

36 Dies dürfte wohl z.B. auf den Oikonomikos Xenophons oder auf Platons Ideenlehre zutreffen.

37 Whiteheads Bonmot müsste also doch nochmal einen Namensaustausch erfahren.

38 Vgl. O. Gigon, Sokrates. Sein Bild in Dichtung und Geschichte, 1979. 2 9

39 Polykrates lebte in Athen zur Zeit des Sokrates. Gegen diesen veröffentlichte er ca. 393/92 eine Anklage des Sokrates und seine Verteidigung des Busiris. Dieser öffentlichen Verunglimpfung des Sokrates haben wir eine ganze dialogisch gestaltete Literatur zu verdanken: die Sokrates-Schüler feierten ihren Meister in Form von Dialogen, bei denen Sokrates als Hauptunterredner fungiert - wie bei Platon. Vgl. dazu E. Gebhardt, Polykrates ’ Anklage gegen Sokrates und Xenophons Erwiderung. Eine Quellenanalyse von „ Mem, I.1 “ , Frankfurt am Main 1957 und dazu J.-H. Kühn, Rez. zu Gebhardt, Polykrates und Xenophon, S. 97 - 107.

40 R. Popper, Die offene Gesellschaft, Bd.: Der Zauber Platons, Bern 1957.

41 Vgl. O. Gigon, Sokrates. Sein Bild in Dichtung und Geschichte, 1979 2 . Vgl. auch A. Patzer, Resignation vor dem historischen Sokrates, S. 154 ff. und É. Strycker, Die historischen Zeugnisse ü ber Sokrates, S. 323 - 354. 10

42 D. F. Strauß, Der Christus des Glaubens und der Jesus der Geschichte, Gütersloh 1971.

43 Vgl. auch H. Drexler, Gedanken ü ber den Sokrates der platonischen Apologie, S. 177 - 201.

44 Vgl. G. Böhme, Der Typ Sokrates, 1988 Frankfurt am Main. Zum Folgenden siehe dort.

45 Z.B. A. Patzer (Hrsg.), Der historische Sokrates, S. 44 ff.

46 Vgl. H. Görgemanns, Platon, S. 38 ff.

47 Dazu F. Ricken, Philosophie der Antike, S. 13 - 47. W. Nestle sprach in dem gleichnamigem Buch vom „ Mythos zum Logos “, Stuttgart 1982 und erkannte darin einen Prozess, der mehrere Jahrhunderte dauerte.

48 G. S. Kirk u.a., Die vorsokratischen Philosophen, S. 89 ff.

49 „Logos“ meint Wort, Satz, vernünftiger Grund, Vernunft, Denkvermögen und auch Weltgesetz. Siehe dazu W.

D. Rehfus, (Hrsg.), Handw ö rterbuch Philosophie, S. 452 ff.

50 Vgl. F. Ricken, Philosophie der Antike, S. 14 ff. Ricken zeigt, dass bereits bei Hesiod diese Ablösung zu erkennen ist.

51 Vgl. M. Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, München 2004.

52 Parmenides stellte die sinnliche Gewissheit radikal in Frage: Es gibt nur ein Sein (fr. 3), das zugleich Denken und Sein ist, das einer wohlgerundeten Kugel gleicht (fr. 8). Es ist allein mit dem Denken zugänglich. Die sinnliche Wahrnehmung dient hingegen nicht der Wahrheitsfindung. Vgl. G. S. Kirk u.a., Die vorsokratischen Philosophen, S. 269 ff.

53 Vgl. dazu G. S. Kirk u.a., Die vorsokratischen Philosophen, S. 198 ff. (Heraklit) und S. 263 ff. (Parmenides).

54 Vgl. dazu D. Gebauer, Philosophische Ethik, S. 13. Die „Sieben Weisen“ gelten als Vorläufer von Sokrates.

55 G. S. Kirk, Die vorsokratischen Philosophen, S. 109 ff. und R. Ludwig, Vorsokratiker f ü r Anf ä nger, S. 43 ff.

56 G. S. Kirk, Die vorsokratischen Philosophen, S. 97: „Die Erde schwimmt auf Wasser, welches auf gewisse Weise die Quelle aller Dinge ist.“ Vgl. dazu Aristoteles, De caelo, 983 b 6.

57 M. Weber spricht dann in seiner Protestantischen Ethik von der Entzauberung der Welt durch die protestantische Ethik und den Calvinismus mit dessen Prädestinationslehre, die eine methodisch-strenge Lebensführung der Gläubigen zur Folge hatte. Vgl. M. Weber, Die Protestantische Ethik, München 2004.

58 Diese Demokratie hat zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:

(1) Sie wird von der Mehrheit der Vollbürger getragen.

(2) Alle genießen vor den Gesetzen das gleiche Recht.

(3) Allein die persönliche Tüchtigkeit (Arete) zählt.

(4) Ein „freier Geist“ fördert eine freie Entfaltung auf allen Gebieten.

(5) Freiheit entbindet allerdings nicht vor diversen Pflichten.

(6) In allen Fragen der Gesetzgebung sind die Bürger beratend oder handelnd beteiligt. Vgl. J. Bleicken, Die athenische Demokratie, Paderborn, 1985.

59 Vgl. Ch. Kniest, Sokrates, S. 19 ff.

60 Diese Epoche endet mit einem Bruderkrieg zwischen den einstigen beiden Perserbesiegern: in den ca. 50 Jahren hatten sich die Spannungen zwischen Sparta und Athen so vertieft, dass es zu einem 27-jährigen Krieg kam, in dem ganz Griechenland einbezogen war, da jede Insel entweder auf Seiten der Spartaner oder der Athener war. Der Krieg zog sich über 3 mal 9 Jahre und verlief immer Jahr für Jahr nach einem ähnlichen Muster. Am Ende gewann Sparta mit Hilfe der Perser und Athen verlor, aber die Niederlage der Athener war zugleich eine Niederlage ganz Griechenlands, das sich nie wieder von diesem Kräfteverschleiß zu einstiger Größe erhob. In Athen kamen die Dreißig Tyrannen an die Macht, die ca. 402 v. Chr. von den Demokraten abgelöst worden. Eine der ersten Amtshandlungen der neuen Demokratie war die öffentliche Hinrichtung von Sokrates. P. Scholz, Der Proze ß gegen Sokrates. Ein ‹ S ü ndenfall › der athenischen Demokratie? S. 157-173.

Der Keim des Niedergangs begann damit zu fruchten. Vgl. Thukydides, Der Peleponnesische Krieg, Stuttgart 2000, das erste Geschichtswerk der Antike. Vgl. auch R. Zoepffel, Sokrates und Athen, S. 11 - 45.

61 Zur Sophistik siehe K. Döring, Der Sokrates des Aischines von Sphettos und die Frage nach dem historischen Sokrates, 3 - 27, B. H. F. Taureck, Die Sophisten, Hamburg 1995 und W. Pleger, Sokrates, S. 29 - 46. 14

62 Vgl. B. H. F. Taureck, Die Sophisten, S. 98 ff.

63 Man hat also Sokrates in zwar neue, aber nunmehr durch die Sophisten bekannte Kategorien gepresst, dabei aber die Neuheit seiner Lehre nicht immer verstanden.

64 Vgl. F. Heinemann, Nomos und Physis. Herkunft und Bedeutung einer Antithese im griechischen Denken des

5. Jahrhunderts, Basel 1945.

65 W. Oelmüller und R. Dölle-Oelmüller, Grundkurs Religionsphilosophie, S. 21 f. Vgl. auch 134 f., 140 f.

66 Im Grunde wird damit die berühmte Projektionstheorie von L. Feuerbach vorweggenommen, denn bereits bei Xenophanes heißt es, nachdem der Anthropozentrismus der Homerischen Götterwelt kritisiert wurde: „Doch wenn die Ochsen und Rosse und Löwen Hände hätten oder malen könnten mit ihren Händen und Werke bilden wie die Menschen, so würden die Rosse roßähnliche, die Ochsen ochsenähnliche Göttergestalten malen und solche Körper bilden, wie jede Art gerade selbst ihre Form hätte.“ Anders als Feuerbach, der damit das Wesen der Theologie auf Anthropologie reduziert wissen wollte und Gott als Ausdruck menschlicher Bedürfnisse und folglich als Erfindung ansah, postulierte Xenophanes hinter der Vielheit der Götter den einen Gott. Vgl. W. Oelmüller und R. Dölle-Oelmüller, Grundkurs Religionsphilosophie, S. 21 ff., 134 ff.

67 Vgl. Dissoi Logoi. Zweierlei Ansichten, Berlin 2004.

68 Zu Gorgias siehe R. Ludwig, Die Vorsokratiker f ü r Anf ä nger, S. 44 ff.

69 R. Ludwig, Die Vorsokratiker f ü r Anf ä nger, S. 185 f.

70 Baumhauer, O. A., Sophistische Rhetorik, Stuttgart 1986.

71 Vgl. dazu B. H. F. Taureck, Die Sophisten, S. 56 ff.

72 Berühmt war dafür Prodikos von Keos. Vgl. B. H. F. Taureck, Die Sophisten, S. 17.

73 Insofern nehmen sie das Problem der Moralbegründung im modernen säkularisierten Zeitalter vorweg. 16

74 Vgl. dazu D. Gebauer, Philosophische Ethik, S. 17 f.

75 Bekannt ist folgende Anekdote: Als er einst auf dem Marktplatz die zahlreichen Waren ausliegen sah, sagt er unvermittelt: „Ach, wie zahlreich sind doch die Dinge, deren ich nicht bedarf.“ Vgl. M. Onfray, Der Philosoph als Hund, Frankfurt 1991.

76 An diese Überlieferung knüpft B. Brecht in seiner Sokrates-Darstellung an. Vgl. B. Brecht, Der verwundete Sokrates, München 1959.

77 Vgl. W. Pleger, Sokrates, S. 52 ff. Dort auch Folgendes. 17

78 Xenophon, Memorablien, II. Bekannt ist dies auch aus dem Beginn des Phaidros.

79 Vgl. Th. Gelzer, Aristophanes und sein Sokrates, S. 65 - 93 und P. von Möllendorff, Aristophanes und der komische Chor auf der B ü hne des 5. Jahrhunderts, S. 143 - 154.

80 R. Ludwig, Die Vorsokratiker f ü r Anf ä nger, S. 199 ff. 18

Ende der Leseprobe aus 65 Seiten

Details

Titel
Der historische Sokrates. Quellenlage und Lehre
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Philosophische Fakultät)
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
65
Katalognummer
V270709
ISBN (eBook)
9783656626480
ISBN (Buch)
9783656626398
Dateigröße
733 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Aus dem Gutachten: „Der historische Sokrates. Quellenlage und Lehre“ (SomSem 2012) Die Arbeit setzt sich das Ziel einer historischen Rekonstruktion des Sokrates und seiner philosophischen Lehre. vom Umfang her liegt die Arbeit im erwartbaren Durchschnitt, sie ist klar und sinnvoll aufgebaut, vertritt eine überzeugende These und argumentiert für sie mit guten Gründen, sie ist gut geschrieben, und erfüllt alle Anforderungen an eine wissenschaftliche Arbeit. Ich möchte daher vorschlagen, die Arbeit mit der Note: sehr gut (1,0) zu bewerten.
Schlagworte
Sokrates, Arete, Dialog, Tugend, Platon
Arbeit zitieren
Agnes Thiel (Autor), 2012, Der historische Sokrates. Quellenlage und Lehre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270709

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