In Sachsen wurde das Philosophieren mit Kindern in methodischer Form im Jahre 1997 erstmals in den Lehrplan Ethik als Wahlpflichtthema aufgenommen. In dem aktuellen Lehrplan ist es „als Nachdenken über die Welt“ (LP Ethik 2004: 3) festgehalten. Zahlreiche Themen des Curriculums eignen sich für eine philosophische Betrachtungsweise: Regeln menschlichen Zusammenlebens, Familie, Tod, Zeit usw. Dadurch sollen die Kinder eine Dialoggemeinschaft entwickeln. Sie lernen zu argumentieren und begrifflich zu arbeiten.
Die Autoren dieser Seminararbeit ergänzten mithilfe dieser Seminarbeit zusätzliche praktische Inhalte während ihrer Ausbildung im Fach Ethik/ Philosophie für Lehramt an Grundschulen. Sie versuchten herauszufinden, welche Voraussetzungen die Schüler wie auch Lehrer mitbringen müssen, damit die philosophischen Gespräche mit Kindern produktiv ist.
In den Kapiteln dieser Arbeit werden zunächst allgemeine Aspekte der wissenschaftlichen Philosophie mit dem Philosophieren mit Kindern verknüpft. Des Weiteren erfolgt eine theoretische Aufbereitung durch Sichtung didaktischer Fachliteratur zur Darstellung, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten Schüler wie auch Lehrer für das Philosophieren mit Kindern mitbringen müssen. Hierzu darf eine schematische Darstellung über die Struktur (bzw. eine Art ‚Fahrplan‘) für solch ein philosophisches Gespräch nicht fehlen. Anschließend erfolgt eine Sachanalyse zum Thema Glück und den Glücksauffassungen verschiedener philosophischer Schulen, da diese Gesprächsinhalt der praktischen Umsetzung zweier geplanter Gespräche sind. Nach Durchführung dieser Gespräche wurden unter den Aspekten Verlauf, Fähigkeiten der Lehrer und Schüler wie auch einer Darstellung von ‚Anfängerfehlern‘ seitens des Gesprächsleiters analysiert. Endend werden Schlussfolgerungen in Verbindung mit dem ersten didaktischen, theoretischen Teil gezogen.
Inhaltsverzeichnis
1 Der Nutzen des Philosophierens für Kinder
2 Die akademische Philosophie und das PmK
3 Die genetische Pädagogik und das philosophisch Gespräch
4 Sachanalyse: Das Glück
4.1 Klassisch-antikes Glücksverständnis von Aristoteles: Die Nikomachische Ethik
4.2 Hellenistische Schulen und ihr Glücksauffassungen
4.2.1 Epikurs Hedonismus
4.2.2 Stoische Eudaimonielehre
4.3 Die Glückskonzeption nach Kant
4.4 Glück im Utilitarismus
5 Die praktische Umsetzung zweier philosophischer Gespräche
5.1 Philosophisches Gespräch in einer 2. Klasse (J.L.)
5.2 Philosophisches Gespräch in einer 4. Klasse (A.F.)
6 Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Seminararbeit verfolgt das Ziel, die Eignung und praktische Umsetzung philosophischer Gespräche mit Grundschulkindern am Beispiel des Themas „Glück“ zu untersuchen. Im Zentrum steht dabei die Forschungsfrage, wie Kinder philosophieren, welche methodischen Voraussetzungen sowohl für die Schüler als auch für die Gesprächsleitung notwendig sind und wie sich philosophische Reflexionsprozesse in der Grundschule produktiv gestalten lassen.
- Grundlagen des Philosophierens mit Kindern (PmK) und dessen Nutzen für die Kompetenzentwicklung.
- Verknüpfung der akademischen Philosophie mit dem kindlichen Denken und der genetischen Pädagogik.
- Philosophische Sachanalyse zum Thema Glück (von der Antike bis zum Utilitarismus).
- Analyse praktischer Gesprächsversuche in einer 2. und einer 4. Klasse.
- Reflexion über Gelingen und Herausforderungen bei der Moderation philosophischer Kindergespräche.
Auszug aus dem Buch
Die genetische Pädagogik und das philosophisch Gespräch
Die genetische Pädagogik Wagenscheins ist mit dem PmK eng verbunden. Schließlich beeinflusst die Pädagogik die Entwicklung – das Werden – des Kindes, welches in seinem Lernumfeld die Welt erkunden und verstehen lernt. Somit erweitert es aufgrund des pädagogischen Einflusses des Lehrers sein Wissen und entfaltet mit diesem wiederum seine eigene Persönlichkeit. Im Besonderen trägt die sokratische Methode für „das Erwachen geister Kräfte“ (Wagenschein 2010: 75) des Kindes bei. Da sich das sokratische Verfahren wegen der kindlichen Weltsicht und seinen Vorerfahrungen zwangsweise auf exemplarische Themen beschränken muss, ist das genetisch-sokratisch-exemplarische Gesprächsverfahren beim PmK wirksam, trotz prägnantem Schwierigkeitsfaktor aufgrund der Müßigkeit seitens der Kinder, die sich zu Beginn mit der Kommunikations- und Argumentationsweise oft schwer tun. Dass der genetische Lehrgang nicht planbar ist, erleichtert diese Problematik nicht:
Ein Programm kann sich zwar auf mehrere vorgeplante Wege verzweigen, aber es kann nie die unvorhersehbare und fließende, kontinuierliche Fülle der Möglichkeiten vorsehen, die ein streng sokratisches Gespräch in einer wachen und in sich koordinierten Gruppe zutage bringt. Auch an welchen Weg-Wendungen der Lehrer etwas sagen wird, kann er nicht vorher wissen. Denn Kinder, wenn ihr Denken erwacht ist, denken überraschend und meist auch überraschend gut. (ebd.: 98)
Demnach ist es für die Lehrkraft bzw. dem Gesprächsleiter des genetischen Lehrganges wichtig sich über die Qualitäten des genetischen Lehrens bewusst zu werden: Das Gespräch muss die Alltags- bzw. Vorerfahrungen wie auch die Umwelt der Kinder berücksichtigen. Nur so kann sich das Kind in das Gespräch ‚einwurzeln‘ und so produktiv, kreativ und kritisch denkend die Formatio – allgemeine Bildung des Menschen – erwerben. Folglich ist der Lehrgang so aufgebaut, dass die Kinder zunächst produktiv Denken, um einen problematischen Sachverhalt zu klären und eine Lösung für diesen zu finden, und diese wiederum kritisch zu reflektieren und zuletzt auf deren Umsetzung und Wirksamkeit hin zu überprüfen. Nur so macht das Kind Gebrauch „von der angeborenen Denke- und Lernlust“ (ebd.: 113), was für die Wirkungskraft des genetisch-sokratischen Lehrganges wichtig ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Der Nutzen des Philosophierens für Kinder: Untersuchung der historischen und pädagogischen Argumente für das Philosophieren mit Kindern, insbesondere zur Förderung von argumentativen und kommunikativen Kompetenzen.
2 Die akademische Philosophie und das PmK: Differenzierung zwischen akademischer und elementarer Philosophie sowie Erläuterung der Bedeutung geisteswissenschaftlicher Instrumente wie Phänomenologie und Hermeneutik im Bildungsprozess.
3 Die genetische Pädagogik und das philosophisch Gespräch: Darstellung der engen Verknüpfung von Wagenscheins Pädagogik und dem PmK, mit Fokus auf die Rolle des Gesprächsleiters als indirekter Impulsgeber.
4 Sachanalyse: Das Glück: Chronologische Aufbereitung philosophischer Glückskonzeptionen von Aristoteles über Epikur und Stoa bis zu Kant und dem Utilitarismus als notwendige inhaltliche Vorbereitung.
5 Die praktische Umsetzung zweier philosophischer Gespräche: Detaillierte Analyse und Reflexion von philosophischen Gesprächsversuchen zum Thema „Glück“ in einer 2. und einer 4. Grundschulklasse.
6 Zusammenfassung und Fazit: Synthese der Ergebnisse hinsichtlich der Anforderungen an Lehrkräfte und Schüler sowie Empfehlungen für eine gelingende Gesprächskultur im Unterricht.
Schlüsselwörter
Philosophieren mit Kindern, PmK, Glück, Aristoteles, Epikur, Stoa, Kant, Utilitarismus, genetische Pädagogik, philosophisches Gespräch, Argumentationskompetenz, Gesprächsführung, Urteilsfähigkeit, Grundschule, Ethikunterricht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen Einbettung und der praktischen Anwendung der Methode des Philosophierens mit Kindern (PmK) in Grundschulen, konkret am Beispiel des komplexen Begriffs „Glück“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Neben der allgemeinen Didaktik des Philosophierens bilden die philosophische Ideengeschichte zum Glücksbegriff sowie die Analyse konkreter Unterrichtsprotokolle aus einer 2. und 4. Klasse die Schwerpunkte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Kinder philosophische Themen erfassen, welche methodischen Werkzeuge dabei hilfreich sind und wie Lehrkräfte durch geschickte Moderation Lernprozesse unterstützen können, ohne das kindliche Denken zu stark zu beeinflussen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Autoren nutzen eine Kombination aus theoretischer Literaturanalyse (Fachdidaktik und Philosophiegeschichte) und einer empirisch orientierten Gesprächsanalyse der transkribierten Unterrichtsdebatten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine fachliche Sachanalyse zum Glücksbegriff (Antike bis Moderne) und eine detaillierte Auswertung von Gesprächsprotokollen, in denen Schüler versuchen, Fragen wie „Können Pflanzen glücklich sein?“ zu beantworten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Philosophieren mit Kindern, Glücksbegriff, Eudaimonie, Hedonismus, Argumentationskompetenz und didaktische Gesprächsführung.
Wie gehen die Autoren mit der Rolle des Lehrers in den Gesprächen um?
Sie betonen die Notwendigkeit der Zurückhaltung. Der Lehrer soll „soufflierende“ Funktionen vermeiden und stattdessen durch gezielte, indirekte Fragen das selbstständige Denken und die Argumentationskraft der Kinder fördern.
Welche Rolle spielt das „Staunen“ bei Kindern?
Das Staunen wird als zentraler Ausgangspunkt für philosophische Fragen identifiziert. Es hält das Denken in Bewegung und verhindert, dass Kinder durch voreilige Antworten der Erwachsenen in ihrer intellektuellen Entwicklung stagnieren.
- Quote paper
- BA Jennifer Lorz (Author), Alice Dvoracek (Author), 2013, Erster Versuch eines philosophischen Gespräches mit Grundschulkindern zum Thema Glück, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270737