Mit Bauwerken schafft sich der Mensch eine zweite Natur, eine eigene, bedürfnisgerechte Umwelt. Bauwerke bieten Schutz, verschaffen dem Menschen eine Atmosphäre und ein Klima, bieten Geborgenheit und Behaglichkeit.
Bauwerke repräsentieren aber auch eine Weltsicht, eine Philosophie, sie charakterisieren die Persönlichkeit der Bauherren und die sozialen Beziehungen ihrer Zeit. Nahezu alle Architekturstile und -theorien wurden durch Philosophen und deren Reflexionen mitgeprägt. Unter diesen Aspekten bilden Architektur und Philosophie eine Einheit.
So markierte Schinkel zwischen 1803 und 1815 die "Bestimmung der Architektur als Symbol des Lebens" als sein zentrales Anliegen und stützte sich bei seiner Arbeit in sehr starkem Maße auf die Philosophie Johann Gottlieb Fichtes. Die Relationen zwischen zahlreichen Denkmodellen und deren Manifestation in der Architektur stehen repräsentativ für eine Vielfalt von weiteren Verknüpfungen, Verbindungen und Analogien zwischen den beiden einander nur auf den ersten Blick fremd wirkenden Disziplinen Architektur und Philosophie. Vermittelnde Glieder dieser Einheit sind dabei vor allem Elemente der Kunst, der Kultur und der Ästhetik. Kunstformen, Zeitgeschmack und Zeitgeist manifestieren sich häufig sehr identisch in der Philosophie und in der Architektur der Epochen. So verkörpern, um nur ein Beispiel zu nennen, eine romanische und eine gotische Kathedrale unterschiedliche Gottesbilder.
Im Bewusstsein dieser Zusammenhänge hat sich Walter Benjamin mit den sozialen, architektonischen und bautechnischen Umwälzungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts befasst. In seinem fragmentarischen Passagen-Werk zeigt er am Beispiel des Baugeschehens in Paris sehr vielschichtig und detailliert auf, wie sich politische und soziale Umbrüche auch auf die maßgeblichen Leitbilder zur Gestaltung der städtischen Umwelt und in deren gebauter Form auswirken. Er sieht dabei die Vergangenheit mit einem reflektierten Gegenwartsbewusstsein an und erweckt sie dadurch zum Leben.
Der begrenzte Umfang der vorliegenden Arbeit lässt es nicht zu, das Gesamtwerk Walter Benjamins hier angemessen darzustellen und zu würdigen. Es soll in dieser Schrift deshalb nur ein Aspekt im Passagen-Werk näher betrachtet werden: Inwieweit sowohl durch Kunst und Architektur als auch durch die reale Baupraxis die Möglichkeiten der gesellschaftlichen und technischen Entwicklung dieser Zeit genutzt wurden. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Architektur und Philosophie als Verhältnis
2. Walter Benjamin: Das Passagen-Werk
2.1 Aufbau des Werks
2.2 Seine Methodik
3. Neues Baumaterial und neue Bedürfnisse
3.1 Passagen
3.2 Gasbeleuchtungen
3.3 Eisenbahnen und Bahnhöfe
4. Der Klassizismus und Historismus im Wohnungsbau des 19. Jahrhundert
5. Walter Benjamin: Ein Kind seiner Zeit
6. Auf den Punkt gebracht
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen, architektonischen und bautechnischen Umwälzungen im Paris des 19. Jahrhunderts. Anhand des Passagen-Werks von Walter Benjamin wird analysiert, wie moderne Baumaterialien wie Eisen und Glas die städtische Umwelt prägten und welche Rolle dabei die Ambivalenz zwischen technischem Fortschritt und historisierenden Gestaltungsformen spielte.
- Die Philosophie der Architektur und ihre symbolische Bedeutung
- Die Bedeutung des Passagen-Werks als geschichtsphilosophisches Konstrukt
- Einfluss neuer Baumaterialien auf Bauweise und Stadtbild
- Der Wandel des Wohnens und die Kompensation von Existenzängsten durch das Interieur
- Bahnhöfe als neue Typologie zwischen industrieller Funktion und urbaner Repräsentation
Auszug aus dem Buch
3. Neues Baumaterial und neue Bedürfnisse
Mit dem industriellen Fortschritt am Anfang des 19. Jahrhunderts veränderte sich aus unterschiedlichen Gründen vieles im Aufkommen und in der Verwendung der herkömmlichen Materialien. Ziegelsteine und Bauholz wurden in besserer Qualität industriell produziert. Das Kanalnetz ermöglichte preisgünstigere Transportmöglichkeiten in und aus allen Richtungen, sodass zum großen Teil die Differenzen zwischen den Orten ausgeglichen werden konnten.
Die Technik der Steinarchitektur basiert auf der Stereotomie, die des Holzes auf der Tektonik. Das folgende Zitat verdeutlicht die Differenzen zwischen den Materialien Eisen, Stein und Holz:
"Das Eisen ist an Festigkeit dem Stein vierzigfach, dem Holz zehnfach überlegen und hat jedem gegenüber trotzdem nur das Vierfache, diesem gegenüber nur das achtfache Eigengewicht. Ein Eisenkörper besitzt also im Vergleich mit einem gleichgroßen Steinvolumen bei nur viermal größerer Schwere eine vierzigmal größere Tragkraft."
"Das neue 'Bauen' hat seinen Ursprung im Augenblick der Industriebildung um 1830, im Augenblick der Umwandlung des handwerklichen in den industriellen Produktionsprozess."
Zusammenfassung der Kapitel
1. Architektur und Philosophie als Verhältnis: Dieses Kapitel erläutert die Einheit von Architektur und Philosophie, wobei Bauwerke als Spiegel einer Weltsicht und Zeitgeistmanifestation verstanden werden.
2. Walter Benjamin: Das Passagen-Werk: Der Autor stellt den Aufbau und die montageartige Methodik von Benjamins fragmentarischem Hauptwerk vor.
3. Neues Baumaterial und neue Bedürfnisse: Hier wird der Einfluss industrieller Materialien wie Eisen und Glas auf die Architektur und die städtische Infrastruktur, insbesondere Passagen und Bahnhöfe, untersucht.
4. Der Klassizismus und Historismus im Wohnungsbau des 19. Jahrhundert: Das Kapitel thematisiert den Konflikt zwischen technischem Fortschritt und dem Bedürfnis, alte Stile durch Verkleidungen vorzutäuschen.
5. Walter Benjamin: Ein Kind seiner Zeit: Zusammenfassung der Erkenntnisse über den Wandel des Raum- und Zeitgefühls durch die industrielle Moderne.
6. Auf den Punkt gebracht: Abschließende Reflexion über die Entwicklung der Baupraxis hin zur Auflösung von Widersprüchen zwischen Design, Technik und Zweckmäßigkeit.
Schlüsselwörter
Architekturphilosophie, Walter Benjamin, Passagen-Werk, 19. Jahrhundert, Paris, Eisenbau, Glasarchitektur, Historismus, Wohnungsbau, Interieur, industrielle Revolution, Moderne, Architekturgeschichte, Stadtentwicklung, Warenform.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Architekturphilosophie und der bautechnischen Transformation im Paris des 19. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung von Walter Benjamins Passagen-Werk.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Kernbereichen gehören die Auswirkungen industrieller Baumaterialien, die Rolle des Passagentyps als kulturelles Bindeglied sowie die psychologische Komponente des Wohnens im städtischen Raum.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie gesellschaftliche Umbrüche und technische Innovationen die Gestaltung der städtischen Umwelt beeinflussten und wie diese Prozesse philosophisch interpretiert werden können.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Autorin stützt sich auf eine Analyse des Passagen-Werks und zieht ergänzend maßgebliche Sekundärliteratur heran, um historische Einordnungen und architekturtheoretische Wertungen vorzunehmen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die methodische Einführung, die Materialanalyse (Eisen/Glas), die Untersuchung spezifischer Bauformen wie Passagen und Bahnhöfe sowie die kritische Betrachtung des Wohnens und des Historismus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Architekturphilosophie, Passagen-Werk, Industriegeschichte, Historismus, Urbanität und Warenwelt definiert.
Warum spielt der Bahnhof eine ambivalente Rolle in der Architektur?
Der Bahnhof wird als eine architekturhistorische Neuheit beschrieben, die in sich zwei Welten vereinte: die industrielle Funktion als "mi-usine" und das palastartige, repräsentative Erscheinungsbild für die Reisenden.
Wie erklärt die Arbeit den "Sammeltrieb" im bürgerlichen Interieur?
Das Einrichten und Auspolstern der Wohnung wird als Kompensationsstrategie der Bewohner gedeutet, um in einer wachsenden, anonymen Großstadt Geborgenheit und eine gesicherte Existenz zu suggerieren.
Welche Rolle spielt die Glasbeleuchtung für das Zeitgefühl?
Die Gasbeleuchtung ermöglichte die Ausdehnung gesellschaftlicher Aktivitäten in die Nacht hinein und löste damit den Lebensrhythmus von der alleinigen Bindung an das Sonnenlicht, was eine neue räumliche und zeitliche Dimension eröffnete.
- Arbeit zitieren
- Ann-Sophie Parker (Autor:in), 2013, Das Bestreben der Kunst, sich selbst zu verleugnen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270740