Faktoren pränataler Beziehung

Eine Explorationsstudie


Masterarbeit, 2013

155 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Theoretischer Teil
1. Relevanz einer pränatalen Pädagogik
2. Pränatale Psychologie als Wegweiser einer umfassenderen Wahrnehmung vor und nachgeburtlicher Entwicklungszusammenhänge
3. Die Pränatale Beziehung
3.1 Das dialogische Prinzip Martin Bubers bezogen auf die pränatale Beziehung
3.1.1 Urdistanz, Beziehung und die Grundworte Ich-Du und Ich-Es
3.1.2 Ultraschalluntersuchungen pränataler Diagnostik in Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung, Wirkung und Verantwortung in Bubers dialogischem Beziehungsverständnis
3.2 Die erste Beziehung des pränatalen Kindes
3.3 Bindungsforschung und Bindungstheorie
3.4 Forschungsgeschichte der pränatalen Bindung
3.4.1 Frühe Konzepte pränataler Bindung
3.4.1.1 Kritik an den frühen Konzepten pränataler Bindung
3.4.2 Neuere Konzepte pränataler Bindungsforschung
3.5 Begriffsklärung pränataler Beziehung und Bindung
3.5.1 Definitionsversuche pränataler Beziehung und Bindung
3.6 Faktoren pränataler Beziehung.
3.6.1 Intrasubjektive Faktoren
3.6.1.1 Persönlichkeitsfaktoren und psychische Gesundheit
3.6.1.2 Einstellungen und Vorstellungen
3.6.1.2.1 Geschlechtserwartungen
3.6.1.3 Identität, Selbstkonzept und Lebensplan
3.6.1.4 Gewolltheit/Ungewolltheit
3.6.1.5 Kindsverlust durch Abtreibung oder Fehlgeburt und Folgeschwangerschaft
3.6.2 Physiologische Faktoren
3.6.2.1 Körperliches Befinden und Risikoschwangerschaft
3.6.3 Intersubjektive Faktoren
3.6.3.1 Soziales Umfeld, soziale Unterstützung
3.6.3.2 Partnerschaft
3.6.4 Die kindliche Entwicklung betreffende und medizinische Faktoren
3.6.4.1 Bewegungen des Kindes
3.6.4.2 Pränataldiagnostik und Ultraschallbilder
3.6.5 Vorbereitende Verhaltensweisen und Gesundheitsverhalten
3.6.5.1 Geburtsvorbereitungskurs und Informationssammlung
3.6.6 Die Lebenssituation betreffende ökonomische Faktoren
3.6.6.1 Ausbildung, Einkommen und Wohnsituation
3.7 Möglichkeiten der pränatalen Beziehungsförderung
3.7.1 Möglichkeiten der direkten Kontaktaufnahme zur Förderung der pränatalen Beziehung nach Theresia Maria de Jong (2004):
3.7.2 Mutter-Kind-Bindungsanalyse nach Raffai und Hidas (1997)

II. Empirischer Teil
4. Begründung einer qualitativen Forschungsmethodik
4.1 Qualitative Grundannahmen
4.2 Vorwissen, Hypothesen und Sampling
4.3 Vertrauen als Basis konstruktiver Begegnung im qualitativen Interview
4.3.1 Vertrauensförderung, Forschungsethik und Datenqualität
5. Begründung eines kombinierten Leitfadeninterviews als Erhebungsinstrument
5.1 Das Tiefeninterview und das Problemzentrierte Leitfadeninterview
5.2 Wahl der Stichprobe
5.3 Aufbau des Interviewleitfadens
6. Darstellung und Begründung der qualitativen Auswertungsmethodik
6.1 Analyse von Leitfadeninterviews nach Christine Schmidt (2004)
6.2. Fallrekonstruktionen durch formulierende Interpretationen und Darstellung der thematisch relevanten Interviewsequenzen
7. Fallrekonstruktionen
7.1 Erster Fall: Mutter 1
7.2 Zweiter Fall: Mutter 2
7.3 Dritter Fall: Mutter 3
7.4 Vierter Fall: Mutter 4
7.5 Fünfter Fall: Mutter 5
8. Quervergleich der Fälle
8.1 Verständnis über die pränatale Beziehung
8.2 Einstellungen
8.3 Geschlechtserwartungen
8.4 Bewegungen spüren
8.5 Kinderwunsch (geplant-ungeplant, gewollt-ungewollt)
8.5.1 Kinderwunschbehandlung
8.6 Ultraschall
8.7 Vorbereitende Verhaltensweisen
8.8 Fürsorgeverhalten
8.9 Kommunikation
8.10 Soziales Umfeld und soziale Unterstützung
8.10.1 Partnerschaft
8.11 Ökonomische Lebenssituation
8.12 Identität, Lebensplan und Selbstkonzept
8.13 Fehlgeburt, Abtreibung und Folgeschwangerschaft
9. Diskussion der Ergebnisse bezugnehmend auf den Definitionsvorschlag
III. Kritischer Rückblick und Fazit
10. Grenzen, Schwierigkeiten und Möglichkeiten der Untersuchung
11. Fazit für Theorie und Praxis

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Anhangverzeichnis

Zusammenfassung

Schlüsselwörter: pr ä natale Beziehung; pr ä natale Bindung; pr ä natale Psychologie; pr ä - natale P ä dagogik; Pr ä vention, Beratung und Intervention in der Schwangerschaft

Die vorgeburtliche Beziehung von Müttern zu ihren Kindern ist als Phänomen Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Es wird der Frage nachgegangen, welche Aspekte die pränatale Be- ziehung kennzeichnen und welche Faktoren potentiell Einfluss auf das Beziehungsgeschehen nehmen können.

Die pränatale Beziehung wird von den Befragten als emotionale Verbundenheit verstanden, die durch Gefühle von Liebe, Nähe und Zugehörigkeit beschrieben wird. Eine positive Bezie- hung drückt sich durch fürsorgliche und vorbereitende, sowie dialogische Verhaltensweisen aus. Verschiedene Komponenten, sowohl auf intra- wie auch auf intersubjektiver Ebene, kön- nen das Beziehungsgeschehen beeinflussen. Auch ökonomische, medizinische und die kindli- che Entwicklung bedingte Faktoren spielen dabei eine Rolle. Der Einfluss des sozialen Um- feldes und der individuellen Lebenswirklichkeit, sowie die eigenen Lebenserfahrungen wir- ken sich dabei eher positiv oder negativ auf die Beziehung zum vorgeburtlichen Kind aus.

Der Theorieteil zeigt die Relevanz pränatal-psychologischer Erkenntnisse und die Bedeutung pränataler Beziehung für verschiedene Anwendungsfelder der Pädagogik. Die zunehmende Sensibilität für den vorgeburtlichen Lebens- und Entwicklungsraum in untrennbarem Zu- sammenhang mit der Person und Lebenssituation der Mutter skizziert die Forschungshistorie in diesem relativ jungen Forschungsgebiet. Wissenschaftliche Studien und Forschungsarbei- ten aus dem Feld der pränatalen Psychologie und Bindungsforschung dienen nachfolgend als Grundlage zur Beschreibung möglicher Komponenten und Bedingungsfaktoren pränataler Beziehung. Ein philosophisch-anthropologischer Zugang zu dieser ersten, als dialogische Be- zogenheit verstandenen Verbindung, wird durch das Beziehungsverständnis Martin Bubers gewagt. Die Begriffe „Beziehung“ und „Bindung“ werden in ihrer typischen Verwendung erläutert und differenziert. Verschiedene Definitionsvorschläge führen zu dem Versuch einer eigenen Definition von pränataler Beziehung, die anhand der Untersuchungsergebnisse disku- tiert wird.

Das methodische Vorgehen und das Forschungsdesign der Untersuchung ist durch Offenheit für die Ansichten und Erfahrungen der befragten Mütter, im methodologischen Sinne der Grounded Theorie, gekennzeichnet. Die Durchführung der Datenerhebung erfolgt mit einem kombinierten Leitfadeninterview. Die qualitative Auswertung der Interviews und die Darstel- lung der Ergebnisse werden begründet und im empirischen Teil dieser Arbeit abgebildet. Durch den Quervergleich der in den Fällen benannten Themenbereiche werden die für die Mütter relevanten Inhalte und Einflussgrößen identifiziert und abschließend als intra- und intersubjektiver Komponenten pränataler Beziehung graphisch illustriert und auf die pädago- gische Praxis hin diskutiert.

Abstract

Keywords: prenatal relationship; prenatal attachment; prenatal psychology; prenatal peda- gogy, prevention, counseling and intervention in pregnancy

The subject of this analysis is the notion of a prenatal relationship between a mother and her child. The objective of the study concerns the identification of core aspects which constitute a prenatal relationship as well as the definition of factors which could potentially influence that relationship.

The prenatal relationship was described by respondents as an emotional bond charaterized by feelings of love, closeness and a sense of affiliation. A positive relationship was expressed by a caring, preparative and dialogic behaviour. Various factors on the intra- as well as on the intersubjective level can influence the mother-child relationship. Also economical, medical and factors of the development of the prenatal child are significant. The social environment, the individual social reality and personal experiences can all have a positive or negative effect on prenatal relationships.

The theoretical part of the thesis demonstrates the relevance of prenatal-psychological studies as findings in this area can be especially useful in the broad field of educational science. Re- search history of the subject matter shows a growing sensibility of the academic community for the prenatal period of life and a sense that it is inseperably connected with the individual life situation of the mother. Scientific studies and theses in the field of prenatal psychology and bonding research form the theoretical basis of this paper in an attempt to describe compo- nents of prenatal mother-child relationships. Furthermore, this study also tries to map out a philosophical-anthropological approach to this initial, dialogically oriented bond - a notion rooted in Martin Buber’s understanding of relationships. The terms „relationship“ and „bond“ will be defined according to their specific applications. Finally, the debating of various defini- tions of prenatal relationships leads to a unquique definition of the subject matter, which will be discussed in relation to the research results at hand.

Methodologically, the paper reflects the approach of the „Grounded Theory“ by embracing the experiences and opinions of the interviewees. The empirical part of the study was conducted with the help of guided interviews which were then evaluated by means of qualitative analysis. By comparing the different subject areas of the interviews it is possible to identify the relevant factors influencing the bond between mother and child. The results will be illustrated graphically and then be discussed in relation to their practical merit.

Vorwort

Erg ä nzend zu meinem Studium der Erziehungswissenschaft absolvierte ich an der Paris Lod- ron-Universit ä t Salzburg das psychotherapeutische Prop ä deutikum. Das daraus resultierende vertiefte Verst ä ndnis f ü r psychische Zusammenh ä nge half mir bei meinem ehrenamtlichen Engagement im Bereich der telefonischen Schwangerschaftskonfliktberatung. Die Beratungs- gespr ä che sind als erste Hilfe im Sinne einer Bestandsaufnahme und wenn m ö glich, Weiter- vermittlung zu kompetenten, Alternativen anbietender Beratungszentren vor Ort gedacht. Durch die krisenhaften Schilderungen der Frauen vermittelte sich mir der Eindruck, dass die Beziehungsentwicklung ein sehr komplexes Geschehen ist, das von diversen Einfl ü ssen behin- dert werden kann. Die Komplexit ä t zeigte sich vor allem darin, dass die Emotionalit ä t und Einstellungen der Frauen zu ihren ungeplant eingetretenen Schwangerschaften im Moment der empfundenen Krise h ä ufig wenig reflektiert wurden und auch durch unbewusste Aspekte gepr ä gt waren. Durch ein empathisches Gespr ä ch, das nur gelingen konnte, wenn eine Ver- trauensbasis zu Beginn des Gespr ä chs vermittelt wurde, gelang es den Frauen meist, Zusam- menh ä nge zu erkennen, die die Annahme des Kindes und eine positive Emotionalit ä t ihm ge- gen ü ber st ö rten. Ungewollt schwangeren Frauen Unterst ü tzung zu bieten und gemeinsam mit ihnen L ö sungen f ü r ihre als problematisch empfundenen Situationen zu finden, sollte im Mit- telpunkt aller Bem ü hungen stehen. Alle Entscheidungen, die in diesem Zusammenhang getrof- fen werden, betreffen immer zwei Leben, die in wunderbarer und manchmal tragischer Weise miteinander verbunden sind. Die Arbeit mit Menschen in diesem Bereich ben ö tigt daher ein hohes Ma ß an Verantwortung.

Die Erfahrungen aus dieser Beratungsarbeit sch ü rten mein Interesse, das Ph ä nomen dieser Beziehung zu dem sich entwickelnden Kind im Mutterleib besser verstehen zu wollen um so einen Beitrag zur Sensibilisierung dieser Thematik und manchmal auch Problematik zu leis ten. Als P ä dagogin erhoffe ich mir eine Erweiterung erziehungswissenschaftlicher Bem ü hun gen zur Pr ä vention, Intervention und Beratung auf diesem Gebiet.

Danksagung

Meiner Mutter danke ich besonders f ü r jegliche Form der Unterst ü tzung.

Meinem Vater, Michael und Dennis danke ich f ü r ihre Art der Unterst ü tzung.

Corinna und Jakub, ein gro ß es Dankesch ö n f ü r den Beistand und Rat, der mir geholfen hat, diese Herausforderung anzunehmen.

Besonderer Dank gilt Herrn Prof. Dr. Anton Bucher, f ü r die Bereitschaft, diese Arbeit zu be treuen. F ü r seine Vorlesung „ Psychologie des Gl ü cks “ , bei der sich die Idee zum Thema der Masterarbeit entwickelte und seine konstruktive Kritik, die diese Arbeit bereicherte. Den Frauen, die mir ihr Vertrauen geschenkt haben, danke ich f ü r die Offenheit, ü ber ihr Mutter-Sein und -Werden mit mir zu sprechen.

Einleitung

Gegenstand dieser Forschungsarbeit ist die vorgeburtliche, also pr ä natale Beziehung der Mutter zu ihrem Kind. In unserer Alltagssprache werden die Begriffe „Beziehung“ und „Bin- dung“ häufig verwendet. In der wissenschaftlichen Diskussion, werden diese Konstrukte meist mit spezifizierten Bedeutungen besetzt. So kam es beim Erarbeiten der Thematik dieser Arbeit zu Fragen, wie: Was ist mit dem Begriff der vorgeburtlichen Mutter-Kind Beziehung gemeint und wie entwickelt sich diese Beziehung? Was verstehen Mütter darunter? Wie zeigt sich diese Beziehung? Was beeinflusst diese Beziehung? Antworten auf diese Fragen können für die Praxis interessant sein, sowohl in präventiver, wie auch in intervenierender Hinsicht. Verschiedene Forschungsgebiete zeigen die Relevanz der frühesten menschlichen Prägungen auf. Besonders sei hier auf die Bindungsforschung, die Hirnforschung und Epigenetik, psy- chosomatische Medizin, die Resilienzforschung und die pränatale Psychologie verwiesen. Auch das pränatale Lernen gerät immer mehr in den Blick der Forschung und zeigt ein neues, spannendes Forschungsfeld, was auch von pädagogischer Relevanz ist.

Aus Sicht des ungeborenen Kindes ist die Zeit der Entwicklung im Mutterleib ein in vielerlei Hinsicht grundlegender Abschnitt des Lebens, der von den darauf folgenden Lebensabschnit- ten nicht losgelöst betrachtet werden kann. Schon Freud merkte an: „Intrauterinleben und ers- te Kindheit sind weit mehr ein Kontinuum, als uns die auffällige Caesur des Geburtsaktes glauben läßt.“ (Freud, 19261925, S. 278). Auch für die Mutter ist die Zeit der Schwanger- schaft, eine Zeit großer Veränderungen. Eine sensible Phase, in der eine Integration der neuen Lebenssituation in das bisherige Leben erfolgen sollte. Ein unterstützendes Umfeld kann ei- nen Beitrag dazu leisten, dass diese Anpassungsleistung gelingen kann. Auch professionelle Begleiter und Berater haben großes Potential, Frauen in dieser Entwicklungsphase zu unter- stützen. Ziel dieser Abschlussarbeit ist es, für den pränatalen Beziehungsaufbau zwischen Mutter und Kind zu sensibilisieren. Mehr Verständnis und Bewusstsein über dieses komplexe, individuelle Geschehen des Beziehungsaufbaus auf Seiten von Professionellen, wie auch bei den Angehörigen und den Müttern selbst, kommt den Frauen und ihren Kindern zugute. So- wohl in der pädagogischen Erwachsenenbildung als auch in der Jugendarbeit, ist ein mögli- cher Rahmen gegeben, um präventiv und intervenierend tätig sein zu können.

Die vorliegende Arbeit ist in drei Hauptteile gegliedert. Der erste Teil dieser Arbeit behandelt den theoretischen Bezugsrahmen des durch die Fragestellung fixierten Forschungsgegenstan- des. Die pädagogische Relevanz der Fragestellung wird aufgezeigt. Im anschließenden Kapi- tel erfolgt ein Überblick über die pränatale Psychologie, als grundlegende wissenschaftliche Disziplin, für eine umfassendere Wahrnehmung menschlicher Entwicklungszusammenhänge. Das dritte Kapitel betrachtet die pr ä natale Beziehung aus verschiedenen Perspektiven. Einen anthropologisch-philosophischen Zugang ermöglicht die Auseinandersetzung mit dem dialo- gischen Beziehungsprinzip Martin Bubers. Auf die erste Beziehung aus der Perspektive des pränatalen Kindes, wird im darauf folgenden Abschnitt eingegangen. Nach einem Überblick über Bindungsforschung und Bindungstheorie, werden frühe und aktuelle Forschungsergeb- nisse aufgezeigt und damit über den Stand der wissenschaftlichen Auseinandersetzung auf diesem Gebiet aufgeklärt. Der Begriffsklärung pränataler Beziehung und Bindung, schließen sich Definitionsvorschläge an. Eine eigene Definition wird formuliert. Nachfolgend werden verschiedene, in der Literatur beschriebene Faktoren benannt, die einen Einfluss auf die prä- natale Beziehung nehmen können. Das dritte und letzte Kapitel des Theorieteils, endet mit einer Beschreibung von Möglichkeiten den pränatalen Beziehungsaufbau zu fördern.

Der zweite Hauptteil ist empirisch ausgerichtet. Er beinhaltet die Begründung der Wahl der qualitativen Forschungsmethodik und des verwendeten Interviewverfahrens und beschreibt das Vorgehen der Datenerhebung. Die qualitative Auswertungsmethode wird im anschließen- den Kapitel aufgeführt und begründet. Nach der Darstellung der Fallrekonstruktionen, erfolgt ein Quervergleich der Fälle, anhand der geschilderten Komponenten, die als Einflussfaktoren auf die pränatale Beziehung identifiziert werden konnten. Zum Abschluss des Empirieteils, werden die Ergebnisse bezugnehmend auf den aus der Literatur entwickelten Definitionsvor- schlag, diskutiert.

Im dritten Hauptteil erfolgen eine kritische Rückschau, sowie Schlussfolgerungen aus den Untersuchungsergebnissen, im Hinblick auf ihre theoretische und praktische Relevanz.

Zur besseren Lesbarkeit ist in dieser Arbeit die pragmatische Schreibform des generischen Maskulinums gewählt worden.

Alles Vollendete wird angestaunt, alles Werdende unterschätzt.

(Friedrich Nietzsche)

I. Theoretischer Teil

1. Relevanz einer pränatalen Pädagogik

Für ein Pädagogikstudium mit dem Schwerpunkt „Beratung und Intervention“ ist eine präna- tale Pädagogik mindestens aus zweierlei Perspektiven interessant: aus der der Eltern und der des Kindes.

Erwachsenenbildungsprogramme ermöglichen eine frühe Auseinandersetzung zum Thema Elternschaft und sensibilisieren für die bio-psycho-soziale Entwicklung des Kindes. Hierzu gibt es bereits verschiedene Angebote, wie zum Beispiel das „SAFE-Sichere Ausbildung für Eltern“ Programm, bei dem es darum geht, Eltern bereits ab der Zeit der Schwangerschaft zu „schulen“, um eine sichere Bindung zum Kind aufbauen zu können. Dem Kind soll dadurch ermöglicht werden, nach der Geburt eine ebenso sichere Bindung zu seinen Bezugspersonen aufzubauen. Entwickelt hat das Konzept Dr. med. Karl Heinz Brisch, der als Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, seit Jahrzehnten zum Bereich der früh- kindlichen Entwicklung, zu Fragestellungen der Entstehung von Bindungsprozessen und ihren Störungen forscht und publiziert (vgl. Brisch, 2008). Auch den ungarischen Psychoanalyti- kern György Hidas und Jenö Raffai geht es um frühe Prävention durch Intervention. Sie ent- wickelten in den 90er Jahren eine Methode der Schwangerschaftsbegleitung, die sie „Mutter- Kind-Beziehungsanalyse“ nennen. (Hidas & Raffai, 2006). Die Begriffe „Beziehung“ und „Bindung“ werden von den Autoren synonym verwendet. Die Autoren weisen auf ihre Be- obachtungen hin, dass Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft mit ihnen in einen guten inneren Kontakt gekommen sind, sich nach der Geburt besser entwickeln, als Kinder, denen diese Form der vorgeburtlichen Zuwendung nicht zu Teil werden konnte. Wobei sie die Wichtigkeit des gesamten Umfeldes von Mutter und Kind während der Schwangerschaft be- tonen. Die emotional-psychische Entwicklung des ungeborenen Kindes wird durch den mit all diesen Personen ständig und aktiv geführten Dialog wesentlich bestimmt. Hidas und Raffai (2006) verstehen unter dem „Umfeld“ das interpersonelle Kontaktsystem der Mutter und des Vaters, wie auch den chemisch, hormonellen Haushalt der Mutter. Die Bedeutung der Bezo- genheit biologischer und psychischer Art von Mutter und Kind wird in den folgenden Kapi- teln erläutert. Mutter und Kind sollten in einer pränatalen Pädagogik als jeweils eigenständige Personen mit eigenen Bedürfnissen gesehen werden, die in der Zeit der Schwangerschaft in mehrfacher und komplexer Weise miteinander in Verbindung stehen. Ein vertieftes Wissen über diese Zusammenhänge kann sich sowohl für die Gesundheit der Frau, wie auch für die Entwicklung des Kindes prä- und postnatal günstig auswirken.

Schwangerschaft ist eine Phase großer Veränderungen im Leben einer Frau. Wimmer- Puchinger (1992) beschreibt Schwangerschaft als Krise und macht auf die Anpassungsleis- tung werdender Mütter aufmerksam. Die meisten Schwangerschaften sind nicht geplant, aber dennoch gewollt. Eine hohe Zahl ist nicht geplant und auch nicht gewollt, was häufig zum Abbruch der Schwangerschaft führt. Hier stellt sich die Frage, welche Möglichkeiten der In- tervention es in Zukunft geben wird, um allen Betroffenen einer solchen Entscheidung das Trauma eines Schwangerschaftsabbruchs zu ersparen. Eine pränatale Pädagogik kann für den Bereich der Schwangerschaftskonfliktberatung sensibilisierend und unterstützend wirksam werden, indem auf das sensible Beziehungs- und mögliche Bedingungsgefüge für den Bereich des pränatalen Beziehungsaufbaus aufmerksam gemacht wird. Viele Krisen können als berei- chernde Wendepunkte erfahren werden und eine Chance zu einer intensiven Auseinanderset- zung mit der eigenen Person, in retrospektiver, aktueller und zukunftsorientierter Weise sein. Für das sich entwickelnde Kind kann es die Chance eines guten Lebensbeginns sein. Untersu- chungen weisen auf Zusammenhänge von der Ungewolltheit von Kindern und problemati- schen Entwicklungen hin, was die Notwendigkeit von Begleitung und Unterstützung zeigt. Levend und Janus (2000) geben hierzu in ihrem Buch Drum hab ich kein Gesicht. Kinder aus unerw ü nschten Schwangerschaften mit verschiedenen Autorenbeiträgen einen Überblick. Mit der gleichen präventiven Intention fand im November 2009 unter dem Titel „Mit Würde ins Leben treten“ ein internationales Symposium des Netzwerks „Lebensbeginn“ in Salzburg statt. Hierbei handelt es sich um eine Initiative für interdisziplinäre Begleitung rund um Schwangerschaft, Geburt und frühe Kindheit. 320 Teilnehmer aus dem gesamten deutschen Sprachraum wie Hebammen, Gynäkologen, Ärzte, Pädagogen, Psychologen und Psychothe- rapeuten, Mitarbeitern von Elternberatungsstellen und Eltern-Kind-Zentren, Sozialarbeitern sowie Fachkräfte aus Pflegeberufen diskutierten mit 35 Experten den Lebensbeginn aus einer ganzheitlichen Sicht. Ziel des Wochenendes war eine bessere Vernetzung der verschiedenen Berufsgruppen, sowie eine Fortbildung zu Bereichen der pränatalen Entwicklung und Bedürf- nissen von Eltern und Kindern, um ihre Kenntnisse an Eltern und professionelle Helfersyste- me weitergeben zu können. Die Zusammenhänge von günstigen Rahmenbedingungen auf die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes wurde von den verschiedenen Teilnehmern beschrie- ben und die Zeit vor, während und nach der Geburt als Kontinuum betrachtet, in dem unterschiedlichste Entwicklungs- und Lernschritte stattfinden.

Der Mediziner, Neurobiologe und Psychotherapeut Joachim Bauer, beschäftigt sich mit den Lernprozessen von Säuglingen auf neurobiologischer Ebene. Er geht der Frage nach, wie Spiegelneuronen und Genaktivierungen im Laufe der Entwicklung des Kindes durch Bezie- hungserfahrungen geprägt werden, wie Empathie und Beziehungsfähigkeit entstehen kann. Dazu schreibt er:

„Zu den beliebten Irrtümern unserer Zeit gehört die verbreitete Meinung, der wesentliche Schlüssel zum Gelingen unserer Entwicklung sei ausschließlich in den Genen zu suchen. Tatsächlich haben Beziehungserfahrungen und Lebensstile, die immer auch mit einer Aktivierung bestimmter neurobiologischer Systeme einhergehen, einen gewaltigen Einfluss sowohl auf die Regulation der Genaktivität, als auch auf Mikrostrukturen unseres Gehirns.“ (Bauer, 2006, S. 59).

Für Bauer (2006) liegt die Fähigkeit, in Kontakt zu einem Gegenüber treten zu können, in dem Beziehungsangebot einer Bezugsperson. Von klein auf erfahren und lernen wir durch zwischenmenschliche Resonanz. Resonanzmuster werden verinnerlicht. Das Bewusstsein von sich selbst bildet sich durch den „Spiegel“ des anderen.

Inge Krens, Psychotherapeutin mit dem Schwerpunkt der pränatalen Psychologie und Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie und Psychotherapeut (2008, S. 95) wenden sich mit ihren Forschungen der pränatalen Lebenszeit zu und beschreiben, dass auch das pränatale Kind von Anfang an auf „Empfang“ eingestellt ist. Es ist von Beginn an auf „Beziehung“, „Kontakt“ und damit auf „Lernen“ ausgerichtet. Wenn das Neugeborene auf die Welt kommt, hat es al- les das, was es scheinbar „automatisch“ mit auf die Welt bringt, bereits intrauterin erfahren, kennen gelernt und geübt, schreibt Hüther (2005) über die pränatalen Einflüsse auf die Ge- hirnentwicklung. Das oben aufgeführte Zitat Bauers, ließe sich daher auf die pränatale Ent- wicklungszeit übertragen, indem Beziehungserfahrungen und Lebensstil durch die bio- psycho-soziale Lebenswelt, die durch die Mutter als Lebens- und Erfahrungsraum zur Verfü- gung steht, vermittelt werden. Das Verständnis eines lebenslangen Lernens wird durch das Berücksichtigen der vorgeburtlichen Lebenszeit erweitert. Verschiedene Formen des Lernens sind bereits vor der Geburt möglich. Hepper (2005) widmet sich in seinem Beitrag dem feta- len Lernen und beschreibt anhand von Studienergebnissen Habituationslernen auf Geräusche, sowie auf taktile Reize. Auch klassische Konditionierungen und Expositionslernen, bei dem ein Lerneffekt auf einen gezielt dargebotenen Reiz untersucht wird, wurden erforscht. So be- schreiben Hepper (2005) und Hüther (2005) den Effekt, dass Neugeborene die Stimme der Mutter - gegenüber einer anderen weiblichen Stimme - bevorzugen. Auch regelmäßig gehör- tes (Märchen, Lieder und ähnliches) werden erinnert und bevorzugt, wenn sie vorgeburtlich regelmäßig gehört wurden. Das pränatale Kind wird durch seine Umgebung geprägt, auch endokrinologisch und gustatorisch, was Hüther (2008) eindrucksvoll beschreibt. So wird auch die emotionale Befindlichkeit der Mutter über biochemische Prozesse vermittelt. An Angst und Stress, wie auch an freudigen Gefühlen nimmt das vorgeburtliche Kind teil, durch die Hormone, den Herzschlag, die Sauerstoffzufuhr, über die Art der Bewegungen und die Stim- me der Mutter.

Der Anatom Blechschmidt (1982) beschreibt bereits die Frühfunktionen des Embryos als Verhaltensweisen und deutet damit an, das die menschliche Entwicklung nicht rein somatisch zu beurteilen ist, sondern auch als Ausdruck des lebendigen und psychischen Menschen interpretiert werden sollte. Die Individualität des Kindes von der Befruchtung an, wird als das Wesentliche beschrieben, dass im zeitlichen Verlauf zur Weiterentwicklung kommt. Die Personalität, die von Beginn an gegeben ist, kommt dadurch zur Entfaltung.

Fedor-Freyberg (1983) hebt die Bedeutung der pränatalen Lebenszeit, die in den letzten Jahrzehnten zunehmend erkannt wurde hervor:

„Die pränatale Phase im Leben eines Individuums ist vielleicht die wichtigste und ent- scheidenste für sein ganzes Leben und zwar vom psychologischen wie auch vom phy- siologischen Standpunkt aus. In dieser Zeit bilden sich alle Organe und Strukturen des biologischen Organismus und in dieser Zeit werden die Grundzüge der kommenden Persönlichkeit festgelegt. Das Kind lernt im Uterus und bereitet sich für das postnatale Leben vor, übt die für das Überleben notwendigen adaptiven Mechanismen“ (Fedor- Freybergh, 1983, S. 28).

Eine auf die pränatale Lebenszeit sensibilisierte Pädagogik hat die Ganzheitlichkeit des Menschen und seiner Entwicklung von seiner Entstehung an im Blick. Sie kann dadurch salutogenetisch wirksam werden und bleibt nicht bei der Kind-Perspektive stehen, sondern schließt, wie es die pränatale symbiotische Dyade zwischen Mutter und Kind bedingt, die Mutter, sowie ihr multidyadisch wirksames Lebensumfeld, in ihren präventiven Ansatz mit ein. Die intraindividuelle Situationsspezifität sowie die sozio-ökonomischen Lebenssituationen der Mütter müssen ebenfalls berücksichtigt werden, wenn beraterische Maßnahmen, Erwachsenenbildungsprogramme oder vorgeburtliche Präventionen und Interventionen nicht an der Lebens- und Erlebenswirklichkeit der Frauen vorbeigreifen sollen.

Aufgezeigt wurde in diesem Kapitel, wie ein vertieftes Verständnis der vorgeburtlichen Ent- wicklungszusammenhänge durch die Forschungsergebnisse der Pränatalen Psychologie ent- stand. Im folgenden Kapitel wird die Forschungsgeschichte dieser noch jungen Fachrichtung näher beschrieben. Sowohl in der Theorie der verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, wie auch in deren praktischer Umsetzung, ist die Integration der Ergebnisse anderer For- schungsfelder - der Blick über den eigenen Tellerrand - eine Voraussetzung, um zielführend agieren zu können. Interdisziplinarität kennzeichnet die Struktur pränataler Forschungs- und Anwendungsfelder.

2. Pränatale Psychologie als Wegweiser einer umfassenderen Wahrnehmung vor und nachgeburtlicher Entwicklungszusammenhänge

Die pränatale Zeit des Lebens ist erst in den letzten vier Jahrzehnten vermehrt in den Fokus der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit genommen worden. Gross (1982) schreibt wie Sandor Ferenczi bereits seit den 20iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts dem pränatalen Leben auch psychische Existenz zugestand. Auch seine Schüler Winicott und Balint bezogen das vorgeburtliche Leben in ihre Forschungen mit ein und förderten so die Entwicklung, die Schwangerschaft als eine prägende Phase, sowohl für die Mutter als auch für das Kind zu begreifen.

Die Tatsache, dass sich das Kind „im Verborgenen“ - also nicht mit dem bloßen Auge sichtbar - entwickelt, hat es lange Zeit schwer gemacht, Erkenntnisse über diese Phase des menschlichen Seins und Werdens gewinnen zu können.

Janus (1994) erklärt die Entwicklungslinien hin zu einer Pränatalen Psychologie mit den kul- turellen und wissenschaftlichen Veränderungen im vergangenen Jahrhundert. Ausgehend von psychoanalytischen Strömungen entstand langsam ein Bewusstsein für die Verbindung vor- geburtlicher und nachgeburtlicher Erfahrungen und deren Auswirkungen, obwohl lange Zeit die Meinung herrschte, Neugeborene könnten keine Schmerzen empfinden und daher auch ohne Narkose operiert werden. Auch Phänomene wie Hospitalismus traten aus Unwissenheit über die Beziehungsbedürfnisse kleiner Kinder auf. In den 60er und 70er Jahren kam es zu einer Lockerung des kulturellen Milieus, in dem das Weiterdenken der vorgeburtlichen Erfah- rens- und Erlebenswelten ermöglicht wurde. Entwicklungen, wie die größere Sensibilität für Neugeborene und eine sanfte Form der Geburt (Leboyer 1982), die Entwicklung von Ultra- schallaufnahmen und das damit Sichtbarwerden des Kindes im Mutterleib, sowie die Ergeb- nisse der nachgeburtlichen Bindungsforschung, förderten die Aufmerksamkeit für den Le- bensanfang (vgl. Janus, 1994).

Nixdorff (2009) definiert die Pränatale Psychologie nach Häcker und Stapf (2004) als „ein Teilgebiet der Entwicklungspsychologie, dem die Annahme zugrunde liegt, dass psychische Einflüsse von der schwangeren Frau und der Umwelt auf das ungeborene Kind übergehen (Häcker & Stapf, 2004, zitiert nach Nixdorff, 2009, S. 12).

Die Pränatale Psychologie ist dabei, sich als Teildisziplin der Psychologie zu etablieren. Sie ist ein relativ junger wissenschaftlicher Forschungsbereich, der sich seit ca. 40 Jahren konti- nuierlich entwickelt und organisiert. Ihre Wurzeln liegen in der psychologischen Theorie der Psychoanalyse Sigmund Freunds, die sich der Erforschung und Therapie unbewusster Vor- gänge in der menschlichen Psyche gewidmet hat. Aus ihr hat sich ein Bewusstsein für unbe- wusst ablaufende Zusammenhänge entwickelt, das in verschiedenen tiefenpsychologisch aus- gerichteten Schulen weiter gedacht und erforscht wurde. Mit der Äußerung: „Intrauterinleben und erste Kindheit sind weit mehr ein Kontinuum, als uns die auffällige Caesur des Geburts- aktes glauben lässt.“ (Freud, 19261925 , S. 278), legt Freud einen wichtigen Grundstein für weitere Auseinandersetzungen zum Thema prä- und perinataler Zusammenhänge.

Rottmann (1974) macht darauf aufmerksam, dass die psychoanalytische und entwicklungspsychologische Forschung dann jedoch lange Zeit Halt vor der Schwelle der Geburt gemacht habe. Dass das Neugeborene als „tabula rasa“ auf die Welt kommt, war lange Zeit weit verbreiteter wissenschaftlicher Konsens.

Ferensci und Rank, zwei Schüler Freuds, gelten als Pioniere der Pränatalen Psychologie mit ihren Überlegungen zum vorgeburtlichen Kind. Bereits in den zwanziger Jahren des vergan- genen Jahrhunderts setzten sie sich mit diesem Thema auseinander. Otto Rank publizierte 1924 Das Trauma der Geburt (vgl. Janus, 1994 & Rottmann 1974). 1923 promovierte Gustav Hans Graber, ein schweizer Psychoanalytiker. Seine Dissertation mit dem Titel Die Ambiva- lenz des Kindes erschien 1924. Graber gilt ebenso als ein Begründer der pränatalen Psycholo- gie. Das vorgeburtlich Seelische nennt er in Anlehnung an den Gelehrten C. G. Carus „das unbewusste Selbst“ (Reiter, 2004). In Salzburg fand 2004 unter der Leitung von Univ. Prof. Alfons Reiter ein dreitägiges Symposium mit dem Titel Vorgeburtliche Wurzeln der Indivi- duation - Symposium zur Wiederentdeckung von Gustav Hans Graber (1893-1982) statt. Ziel war, seine Ideen für die Forschungen der heutigen Zeit fruchtbar zu machen und „die Bedeu- tung der vorgeburtlichen Lebenszeit für die Persönlichkeitsentwicklung, die Individuation und die Konsequenzen für Psychotherapie und Entwicklungsbegleitung“ (Reiter, 2004) aufzuzei- gen.

Sowohl in der Grundlagenforschung, wie auch in ihren typischen Handlungsbereichen der Schwangerschaft und Geburt, ist die Pränatale Psychologie als interdisziplinäre Disziplin zu sehen. In Wien wurde 1971 die Internationale Studiengemeinschaft für Pränatale Psychologie (ISPP) von Dr. Gustav Graber gegründet (vgl. Gavrilovic, 2008, Janus, 1994, 2002). Ausge- hend von psychoanalytisch orientierten Denkmodellen einer Pränatalen Psychologie, inspi- riert durch Graber, Caruso und Kruse, wurden die theoretischen und methodologischen Kon- zepte durch Einbeziehung der Entwicklungspsychologie, vertreten durch Schindler, und der Embryologie Blechschmidts weiterentwickelt (vgl. Laznia, 2005, S.12). Es entstand eine Plattform zur Diskussion dieser theoretischen und methodologischen Konzepte Pränataler Psychologie auf Symposien, durch Einbeziehung der Forschungsergebnisse verschiedener Vertreter der einzelnen Fachrichtungen, wie Psychologen, Psychotherapeuten, Embryologen, Genetiker, Hirnforscher, Physiologen, Gynäkologen, Kinderärzte, Hebammen, Kinderkran- kenschwester, Pädagogen, Philosophen und Soziologen.

Die Psychoneuroendokrinologie von Schwangerschaft und Geburt fungierte als Bindeglied zwischen Psychologie und Medizin, wodurch auch Gynäkologen, Neonatologen, Kinderärzte und Endokrinologen ein vermehrtes Interesse für die Forschungsschwerpunkte der ISPP zeig- ten. Mit der Entwicklung primär-präventiver Konzepte öffnete sich die ISPP vermehrt gegen- über anwendungsbezogenen Berufsgruppen, hier vor allem Hebammen und Geburtsvorberei- terinnen, den Sozialpädagogen, Sonderpädagogen und Erwachsenenbildnern. Interdisziplina- rität wird in der seit 1986 folgerichtig umbenannten „Internationalen Studiengemeinschaft für Prä- und Perinatale Psychologie und Medizin“ (ISPPM), als Bereicherung und Voraussetzung einer ganzheitlichen Betrachtungsweise der vorgeburtlichen Lebensphase verstanden. David Chamberlain (2010), selbst ein Gründungsmitglied und als Psychologe und Psychotherapeut Redakteur der Fachzeitschrift „Journal of Prenatal and Perinatal Psychology and Health“, beschreibt, wie 1983 Forscher aus Kanada und den USA gemeinsam den Nordamerikanischen Verband für Prä- und Perinatale Psychologie (Association for Prenatal and Perinatal Psycho- logy and Health, APPAH) gründeten, weil in den großen, bereits bestehenden Berufsverbän- den kein Raum für Aufsätze und Symposien aus ihrem Fachbereich war. Alle zwei Jahre fin- det seitdem ein internationaler Kongress zum Thema Prä- und Perinataler Psychologie statt (vgl. Chamberlain 2010).

APPAH und ISPPM stehen seit vielen Jahren in einem regen Forschungsaustausch. Bei der europäischen ISPP kam es 1986 zur Namenserweiterung der Studiengemeinschaft in „Interna- tionale Studiengemeinschaft für Pränatale und Perinatale Psychologie und Medizin (ISPPM). Seit 1989 wird im International Journal of Prenatal and Perinatal Psychologie and Medicine auch auf englischer Sprache publiziert. Die ISPPM beschreibt sich selbst als „eine internatio- nale, in Deutschland eingetragene gemeinnützige Fachgesellschaft, die sich der wissenschaft- lichen Erforschung der frühesten Phase der menschlichen Entwicklung vor, während und nach der Geburt sowie ihren lebenslangen Auswirkungen widmet“ (www.isppm.de). Am 3.Juni 2005 entstand so die Charta der „Rechte des Kindes vor, während und nach der Geburt“ in Anlehnung an die UN Konvention zu den „Rechten des Kindes“. Die ISPPM begründete dies folgendermaßen:

„Die Forschungen zur frühen Entwicklung des Kindes, (…) belegen, dass das indivi- duelle und soziale Leben des Kindes bereits vor der Geburt beginnt. Die Zeit vor, wäh- rend und nach der Geburt ist als Kontinuum zu betrachten, in dem unterschiedlichste Entwicklungs- und Lernprozesse miteinander verwoben, voneinander abhängig und aufeinander bezogen sind. Das Fundament unserer grundlegenden Gefühle von Si- cherheit und Vertrauen wird in dieser Zeit gelegt. Eine Grundvoraussetzung für eine gedeihliche Entwicklung ist eine wechselseitige Bezogenheit. Auch das Kind vor der Geburt ist schon ein eigenständiges menschliches Wesen.“ (Linder, 2008, S.11).

Den Aspekt der „wechselseitigen Bezogenheit“ gilt es in den nächsten Kapiteln näher zu be- trachten. Mutter und Kind sind aufeinander bezogen, sie stehen stets auf verschiedene Art und Weise in Beziehung. Die ISPPM begreift den „prä- und perinatalen Lebensabschnitt als erste ökologische Situation des Menschen, untrennbar verknüpft mit der Mutter und ihrer Umwelt, in der Art eines kontinuierlichen Dialogs“ (zitiert nach der Homepage der ISPPM: www.isspm.de).

Besonders die Erfahrungen aus der Praxis der Schwangerschaftskonfliktberatung zeigen, dass die Beziehung einer Mutter zu ihrem ungeborenem Kind durchaus beeinträchtigt und Störfak- toren unterworfen sein kann - eine Bezogenheit stark ambivalent sein kann, oder gar vermie- den wird. Auch für Frauen in einer erwünschten Schwangerschaft sind ambivalente Gefühle nichts Unbekanntes. Aus der Sicht der Frau, handelt es sich in der Zeit der Schwangerschaft, um eine komplexe, durch vielerlei Faktoren beeinflussbare Zeit der Veränderung, die auch als Bedrohung empfunden werden kann. Gerade für praktische Arbeitsfelder wie pädagogisch- psychologische Erwachsenenbildung im Sinne der Psychoedukation und Prävention, wie auch für die Schwangerschaftskonfliktberatung, oder früher Interventionen für Mutter und Kind, wären Forschungsergebnisse hilfreich, die für diese komplex zusammenhängenden Faktoren und Einflüsse sensibilisieren könnten. Eine verbesserte Anamnese und damit die Möglichkeit, individuellere Copingstrategien für als krisenhaft und belastet erlebte Schwangerschaften zu erarbeiten, wäre ein mögliches Einsatzgebiet eines vertieften Verständnisses der Knüpfung der ersten zarten Bande zwischen einer Frau und ihrem Kind in ihrem jeweiligen intra- und intersubjektiven Kontext.

Zum klareren Verständnis bedarf der Begriff der Beziehung, wie er in dieser Arbeit verstanden wird, einer Spezifizierung und Abgrenzung zu meist ähnlich verwendeten Begriffen, wie dem der Bindung.

Am Anfang ist Beziehung.

(Martin Buber)

3. Die Pränatale Beziehung

Schwangerschaft kann als „Beziehungsgeschehen“ bezeichnet werden, das auf verschiedenen Ebenen stattfindet (vgl. Kohler-Weiß, 2008). Das sich entwickelnde, vorgeburtliche Kind steht mit der Mutter in untrennbarer Weise in Beziehung. Es besteht ein direkter, wechselseitiger Kontakt über verschiedene Kommunikationskanäle. Gegenseitige Bezogenheit kann daher als das Wesen von Schwangerschaft bezeichnet werden.

Für Watzlawick (2011, S. 13) beinhaltet Kommunikation neben der Mitteilung durch Worte auch „alle paralinguistischen Phänomene“, wie z. B. Tonfall, Schnelligkeit oder Langsamkeit der Sprache, Pausen, Lachen, Seufzen, aber auch die Körperhaltung, Körpersprache - im Grunde jegliche Art sich zu verhalten. Watzlawick (2011, S. 13f.) spricht in diesem Zusam- menhang von der „Unmöglichkeit, nicht zu kommunizieren“, da Verhalten immer Mittei- lungscharakter besäße und Kommunikation darstelle, was wiederum andere beeinflusse, auf das Verhalten zu reagieren.

Nach Krüll (2011) stellt die im Mutterleib beginnende physisch-psychische Kommunikation zwischen Mutter und Kind die wichtigste Grundlage für die gesunde Entwicklung des pränatalen Kindes dar.

Für Martin Buber (1973) ist „Beziehung“ ein anthropologisches, dialogisches Prinzip, was Menschsein ausmacht. Seine philosophisch-anthropologischen Ausführungen, werden zu Beginn dieses Themengebietes über die pränatale Beziehung vorgestellt und es erfolgt der Versuch, Bubers Ansichten auf auch auf das vorgeburtliche Verständnis des „Menschseins durch und in Beziehung“ anzudenken.

„Die erste Beziehung“ des pränatalen Kindes (Krens, 2001), wird im Anschluss an die Ausführungen Bubers aus pränatalpsychologischer Sicht beleuchtet und stellt den Versuch dar, die Perspektive des Kindes in der Beziehungsdynamik zur Mutter aufzuzeigen.

Eine Betrachtung der pränatalen Bindungsforschungsgeschichte schließt sich an und zeigt, wie sich der pränatale Forschungsbereich, inspiriert von der postnatale Bindungsforschung, entwickelt hat und leitet in das Feld der Definitionsvorschläge pränataler Bindung ein. Die

Erläuterung früherer Definitionsversuche zeigt auf, welche Unterschiede zu früheren Be- griffsverständnissen bestehen und in welche Richtung sich die pränatale Bindungsforschung entwickelt.

Begriffliche Genauigkeit ist eine Voraussetzung von kommunikativer Validität. Beim Studi- um der Literatur hat sich gezeigt, dass es keine einheitliche Verwendung des pränatalen Be- ziehungs-, bzw. Bindungsbegriffs gibt. Der pränatale Bereich der Beziehungsentwicklung ist noch am Anfang seiner Erforschung. Eine Abgrenzung und begriffliche Klarstellung zu ande- ren Wissenschaften ist immer noch Teil der Grundlagenforschung Pränataler Psychologie und Bindungsforschung. Gegen Ende dieses Kapitels wird daher eine eigene Definition vorge- stellt, um zu verdeutlichen, wie in dieser Arbeit der Begriff der pränatalen Beziehung verstan- den wird. Der Definitionsvorschlag wird im empirischen Teil der Arbeit den Ergebnissen der Auswertung der erhobenen Interviews gegenübergestellt und ggf. ergänzt oder angepasst.

Das vielschichtige und auch geheimnisvolle Phänomen der vorgeburtlichen Beziehung zwischen Mutter und Kind wird in den folgenden Abschnitten nachgezeichnet, was immer als Versuch einer Annäherung an dieses Thema verstanden werden sollte. Ziel dieser Annäherung ist ein vertieftes Verständnis für den emotionalen Zugang der Mutter zu ihrem pränatalen Kind - der pränatale Beziehungsaufbau - der in jedem Fall individuell erfolgt, denn es handelt sich um das spezifisch psychische Erleben der Mutter während der Zeit vor der Geburt, was der Psychosomatiker Walter Dmoch als „ein vorbereitendes Verhalten in einem sozialen Raum“ bezeichnet, das durch Beobachtung, Befragung und Beschreibung wissenschaftlich fassbar ist (Dmoch, ohne Jahr, zitiert nach de Jong, 2011).

Mögliche Komponenten des pränatalen Beziehungsaufbaus werden aufgezeigt, die sich durch Studien und wissenschaftliche Beiträge annehmen lassen. Sie bilden die Grundlage für den eigenen Definitionsvorschlag von pränataler Beziehung, der im empirischen Teil dieser Arbeit anhand der durchgeführten Befragungen und Mittels qualitativer Auswertung der Leitfadeninterviews ,mit den Ergebnisse der Analyse verglichen wird.

Abschließend werden in der Literatur genannte Möglichkeiten zur vorgeburtlichen Beziehungsförderung beschrieben.

3.1 Das dialogische Prinzip Martin Bubers bezogen auf die pränatale Bezie- hung

Martin Buber, ein österreichisch-jüdischer Religionsphilosoph, setzte sich in seinen philoso- phischen Werken vor allem mit dem Thema des Dialogs als anthropologisches Prinzip und seinem damit zusammenhängendem Verständnis über den Menschen, die Welt und Gott aus- einander. Sein Hauptwerk trägt den Titel „ Ich und Du “ und behandelt das Verhältnis des Menschen zu Gott und zum Mitmenschen, aber auch zu den Tieren und Dingen der Welt. Sein Menschenbild wird geprägt durch existentielle, dialogische und religiöse Prinzipien.

Martin Buber (1973) äußert sich auch konkret zum intrauterinen Mensch-Sein:

„Das vorgeburtliche Leben des Kindes ist eine reine naturhafte Verbundenheit, Zueinanderfließen, leibliche Wechselwirkung; wobei der Lebenshorizont des werdenden Wesens in einzigartiger Weise in den des tragenden eingezeichnet erscheint; denn es ruht nicht im Schoß der Menschenmutter allein. Diese Verbundenheit ist so welthaft, daß es wie das unvollkommene Ablesen einer urzeitlichen Inschrift anmutet, wenn es in der jüdischen Mythensprache heißt; im Mutterleib wisse der Mensch das All, in der Geburt vergesse er es. (…) Und sie bleibt ihm als geheimes Wunschbild eingetan. (…) die Sehnsucht geht nach der welthaften Verbundenheit des zum Geiste aufgebrochenen Wesens mit seinem wahren Du. (…). Jedes werdende Menschenkind ruht im Schoß der großen Mutter: der ungeschieden vorgestaltigen Urwelt. Von ihr auch löst es sich ins persönliche Leben, (…)“ (Buber, 1973, S.28f.).

Buber (1973, S. 29) beschreibt die Ablösung von der leiblichen Mutter als „plötzlich und katastrophal“, verliert das Kind dadurch doch die naturhafte Verbundenheit. Jedoch eröffnet sich ihm eine neue Möglichkeit, die geisthafte Beziehung des Ich-Du, was als „Beziehungsstreben“ als „wortlose Vorgestalt des Dusagens“ im Kind verwurzelt ist und sich mit dem Geboren-Werden vollzieht (vgl. Buber, 1973, S. 31). Buber (1973) spricht in diesem Zusammenhang vom „Apriori der Beziehung“, dem „eingeborenen Du“

Die „geistige Realität der Grundworte“ des geborenen Kindes erheben sich damit nach Buber (1973) aus der naturhaften Verbundenheit des vorgeburtlichen Kindes. Für Buber (1973) wird „Sein“ als „Beziehung“ verstanden (vgl. Waldl, 2002, S. 16).

Es bleibt ungeklärt, ob Buber selbst seine Äußerungen zum vorgeburtlichen Mensch-Sein erweitern oder anpassen würde, wenn er mit den Erkenntnissen über die pränatale Lebenszeit von heute vertraut wäre. In dieser Arbeit wird es gewagt, seine philosophischen Ausführun- gen auch auf das vorgeburtliche Sein zu übertragen und in diesem Sinne ein Menschenbild darzustellen, das die Beziehungsfähigkeit und Beziehungsnotwendig des vorgeburtlichen Kindes mit einbezieht. Für Buber (1973, S. 18) schließt die „unmittelbare Beziehung ein Wir- ken am Gegenüber ein“, was durch die Forschungsergebnisse der Pränatalen Psychologie und Pränatalen Bindungsforschung in dieser Arbeit umfassend belegt wird. Buber (1973, S. 22) schreibt: „Im Anfang ist Beziehung: als Kategorie des Wesens“ und meint damit die dem Menschen immanente Möglichkeit in Beziehung zu treten und Notwendigkeit durch das Erkanntwerden durch ein Du, das eigene Sein im Ich zu begreifen, was dem Menschen durch ein transzendentes Du gegeben ist (vgl. Buber, 1973, S. 31). Das Ich des Kindes müsse sich dabei am Du entwickeln und stabilisieren (vgl. Waldl, 2002, S.17).

Im Folgenden werden die Grundbegriffe Bubers erläutert.

3.1.1 Urdistanz, Beziehung und die Grundworte Ich-Du und Ich-Es

Buber stellt sich die Fragen: „Wie ist der Mensch möglich?“ und „Wie kann er sein Mensch- sein verwirklichen?“ Er beschreibt das Prinzip des Menschseins als „kein einfaches, sondern ein doppeltes“. Der Mensch kann sein Menschsein demnach nur in einer „doppelten Bewe- gung“ verwirklichen - in der „Urdistanzierung“, die Voraussetzung für die zweite Bewegung des „in Beziehung treten“ ist (Buber, 1950, zitiert nach Waldl, 2002 S. 8 & Waldl, 2002, S.8). Hier liegt nach Waldl (2002, S.8) die besondere Fähigkeit des Menschen, „weil er, anders als das Tier, die Welt um sich herum als von ihm losgelöst, für sich seiend erkennen kann“ und es erst dieser Differenzierungsakt möglich macht, mit der Welt in Beziehung zu treten. Durch die Urdistanz ist es dem Menschen möglich in Beziehung zu treten - er hat die Wahl. Er kann Stellung beziehen durch zwei Grundhaltungen, die Buber (1973) als die Grundworte „Ich-Du“ und „Ich-Es“ beschreibt - was Waldl (2002) weiter als „doppelte Beziehungsmölichkeit zur Wirklichkeit“ beschreibt. Für Buber (1973) verwirklicht sich durch das In-Beziehung-treten das Menschsein, da es dem menschlichen Wesen immanent ist, in Beziehung zu sein.

„Es gibt kein Ich an sich, sondern nur das Ich des Grundworts Ich-Du und das Ich des Grundworts Ich-Es. Wenn der Mensch Ich spricht, meint er eins von beiden (...) Ich sein und Ich sprechen sind eins“ (Buber, 2008, S. 4). Das Ich könne, wie Waldl (2002) erläutert, nicht lösgelöst, absolut und nur für sich seiend, denkbar sein. Im Grundwort Ich-Du entsteht Be- gegnung im Hier und Jetzt: „Die Ich-Du-Welt ist unmittelbar, zeitlos, sie ist absolut, sie kennt nicht die Begrenztheit durch Zeit und Raum. Wenn wir ´Du´ sagen, umweht uns ein `Hauch des ewigen Lebens`“ (Waldl, 2002, S. 12). Das Grundwort Ich-Du könne dabei nur mit dem ganzen Wesen gesprochen werden (Buber, 1973), wodurch sich der Mensch vom Objekt ab- hebt und durch das Du zum „gegenwärtigen Gegenüber“ wird. Und weiter erklärt Buber (1973, S.8): „Wer Du spricht, hat kein Etwas zum Gegenstand (…) Du grenzt nicht. Wer Du spricht, hat kein Etwas, hat nichts. Aber er steht in Beziehung.“ Das Grundwort Ich-Du steht also für Begegnung und Beziehung, was Buber (1973) immer als gegenseitiges-dialogisches Geschehen darstellt, geprägt von Gleichheit (vgl. Waldl, 2002).

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ (Buber, 1973, S. 15). Damit meint der Autor, dass das Leben, das sich in der Gegenwart vollzieht, als das Seiende in der unmittelbaren Beziehung zu einem Du realisiert wird. „So ist die Beziehung Erwähltwerden und Erwählen, Passion und Aktion in einem“ (Buber, 1973, S.15).

Für Buber hebt der Mensch sich von den Dingen der Welt durch seine besondere, dialogische Beziehungsfähigkeit ab, was das spezifisch Menschliche kennzeichnet: „Man suche den Sinn der Beziehung nicht zu entkräften: Beziehung ist Gegenseitigkeit (…) Stehe ich einem Men- schen als meinem Du gegenüber, spreche das Grundwort Ich-Du zu ihm, ist er kein Ding un- ter Dingen und nicht aus Dingen bestehend“ (Buber, 1973, S.12), sondern „das Ich des Grundworts Ich-Du erscheint als Person und wird sich bewusst als Subjektivität (…) (Buber, 1973, S.65). Das „Ich-Du-Verhältnis“ bedingt sich nach Buber (1973, S. 123) in einer „um- fangenden Wechselseitigkeit“.

„Die verlängerten Linien der Beziehungen schneiden sich im ewigen Du“ (Buber, 2008, S.71) - im transzendenten Du.

3.1.2 Ultraschalluntersuchungen pränataler Diagnostik in Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung, Wirkung und Verantwortung in Bubers dialogi- schem Beziehungsverständnis

In der wechselseitigen Beziehung wirkt der Mensch nach Waldl (2002) im Verständnis Bu- bers (1973) durch Liebe, wobei „Liebe“ nicht primär ein Gefühl ausmache, sondern zwischen zwei Menschen geschehe, in dem das Gegenüber in seiner Ganzheit wahrgenommen werde und er so erkannt werden könne. Liebe sei dabei „die Verantwortung eines Ich für ein Du“, so Buber (1973, S.19).

Buber (1973) beschreibt die Zusammenhänge, wie eine „personale Vergegenwärtigung“ ver- innerlicht und damit realisiert werden kann. Die Wahrnehmung des Menschen könne auf drei verschiede Arten geschehen - „beobachtend, betrachtend und innewerdend“. Beobachten und Betrachten seien „monologische Arten der Wahrnehmung“ bei dem „das Gegenüber Objekt“ bliebe und der Mensch daher distanziert sei. „Für den Beobachter besteht der Mensch aus Aussagen, Körpersprache und Physiognomie. Zwischen dem Beobachter und seinem Gegen- über kann keine Begegnung stattfinden“ (Waldl, 2002, S. 23). Der Betrachter hingegen sei „unbefangen“. „Es interessieren ihn nicht einzelne Züge, sondern die Existenz als solche“

(Waldl, 2002, S. 24).

„Dem Betrachter und dem Beobachter ist das gemeinsam, daß sie eine Einstellung haben, eben den Wunsch, den vor unsern Augen lebenden Menschen wahrzunehmen; sodann, daß dieser für sie ein von ihnen selber und ihrem persönlichen Leben abgetrennter Gegenstand ist, der eben nur deshalb `richtig´ wahrgenommen werden kann; daß somit das, was sie so erfahren, ob es nun wie beim Beobachter eine Summe von Zügen oder wie beim Betrachter eine Existenz ist, ihnen weder Tat abfordert noch Schicksal zufügt (…)“ (Buber, 1973, S. 151).

An dieser Stelle lässt sich ein vorsichtiger Vergleich zur pränataldiagnostischen Ultraschall- untersuchung herstellen. Wenn Ärzte und Eltern die Konturen des auf dem Bildschirm abge- bildeten, vorgeburtlichen Kindes anschauen können, ist es möglich, dies in einer betrachten- den oder beobachtenden Art zu tun. Wobei beide Möglichkeiten der Wahrnehmung eine Dis- tanzierung zum objekthaften Gegenüber schaffen. Sorgen und Ängste über eventuelle Fehl- bildungen könnten eine emotionale Distanz der Eltern zu ihrem abgebildeten Kind begünsti- gen. Ein sich-ganz-Einlassen wird möglicherweise unterdrückt. Das Kind in seiner körperli- chen Erscheinung beurteilt und untersucht. Seine Existenz in seiner Ganzheit als Person even- tuell noch nicht verinnerlicht. Auch in der Präimplantationsdiagnostik herrscht die Wahrneh- mung des Gegenübers in beobachtender und betrachtender Weise vor.

Verantwortung beginnt nach Buber (1973) jedoch mit ganzheitlicher Wahrnehmung des Gegenübers, was Buber (1973, S. 151) als „dialogische Art der Wahrnehmung“ bezeichnet und meint damit das „Innewerden“ mit einem Du: „Eines Menschen innewerden heißt also im besonderen seine Ganzheit als vom Geist bestimmte Person wahrnehmen (…)“:

„Solch ein Innwerden ist aber unmöglich, wenn und solang der andere mir das abgelöste Objekt meiner Betrachtung oder gar Beobachtung ist, denn ihr gibt sich diese Ganzheit und gibt sich diese ihre Mitte nicht zu erkennen; es ist erst möglich, wenn ich zu dem andern elementar in Beziehung trete, wenn er mir also Gegenwart wird. Darum bezeichne ich das Innewerden in diesem besonderen Sinne als personale Vergegenwärtigung“ (Buber, 1973, S. 284).

Innenwerden geschieht als Wirkung durch das Antworten auf ein „Gesagtbekommen“, wenn „mir etwas sagt, mir etwas zuspricht, mir etwas in mein Leben hineinspricht“ (Buber, 1973, S. 152). Verantwortung zu übernehmen bedeutet dabei für Buber (1973), auf das, was wir erle- ben, was wir sehen, hören und spüren zu antworten, denn „leben heißt angeredet werden“ und „echte Verantwortung gibt es nur, wo es wirkliches Antworten gibt“ (Buber, 1973, S. 161). Um eine Antwort auf sich nehmen zu können, ist immer eine Entscheidung notwendig, „denn die Verbundenheit der Beziehung braucht den entschiedenen, den ganzen Menschen“ (Waldl, 2002, S. 26).

„Dieser Mensch ist nicht mein Gegenstand; ich habe mit ihm zu tun bekommen. Vielleicht habe ich etwas an ihm zu vollbringen; aber vielleicht habe ich nur etwas zu lernen, und es kommt nur darauf an, daß ich `annehme´“ (Buber, 1073, S. 152).

Das Gegenüber wird in seiner Ganzheit angenommen, mit allem, was zu ihm gehört, seiner Einzigartigkeit. Durch das Antworten auf das Innegewordene entsteht für Buber (1973) erst die Verantwortungsübernahme - eine echte Begegnung und Beziehung, die das spezifisch menschliche Dasein und Leben ausmacht.

3.2 Die erste Beziehung des pränatalen Kindes

Die Lebenszeit in der Gebärmutter stellt Krens (2001) als Zeit der ersten Beziehung des vor- geburtlichen Kindes dar, in der das pränatale Kind an einer Beziehungsdynamik teil hat und aus deren Resonanzen lernt. Die Beziehung zur Mutter wird dadurch nicht einfach als Ich-Du- Beziehung verstanden, sondern als Bindungsbeziehung, die sich über chemisch-emotionale Austauschprozesse, Berührungen, Laute und Schwingungen, bewusste und unbewusste Kommunikation, sowie über Abhängigkeiten konzipiert. Den Begriff „Beziehung“ definiert Krens als „eine einzigartige und in ständigem Wandel begriffene Dynamik zwischen mindes- tens zwei Organismen, die mehr oder weniger abhängig voneinander sind, einander nah sind und/oder sich gegenseitig anziehen“ (Krens, 2001, S. 128). Dabei beschreibt die Autorin sehr anschaulich, in welcher Form das „Mutter-Objekt“ dem pränatalen Kind in den verschieden Entwicklungszeiträumen begegnet: als Eizelle, Eierstock, Eileiter, Plazenta, Fruchtwasser, Nabelschnur, Gebärmutter und Geburtskanal. Mit all diesen mütterlichen Strukturen intera- giert das sich entwickelnde Kind in Form einer befruchteten Eizelle, als Morula, Blastocyst, Embryo und Fötus, bis zu seiner Geburt. Die physischen-emotionalen Wahrnehmungs- und Beziehungsmöglichkeiten unterschieden sich daher, was die pränatale Beziehung in hohem Maße differenziert sein ließe (vgl. Krens, 2001). Für Krens (2001) ist es daher ein existenziel- les Faktum „in Beziehung zu sein“ und der „Beziehungsraum“ des pränatalen Kindes stelle eine Notwendigkeit für seine physische und emotionale Entwicklung dar. Den Beginn dieser Beziehung datiert die Autorin aus verschiedenen Blickwinkeln. Biologisch gesehen benennt sie den Zeitpunkt der Empfängnis: „Wo Leben ist, ist Beziehung“ (Krens, 2001, S. 129), denn der Organismus entwickele und strukturiere sich von diesem Moment an in seiner jeweiligen Beziehungsdynamik durch konstante Interaktion auf verschiedenen Ebenen, die Krens als

„Lernerfahrungen“ und „Anpassungsleistungen“ bezeichnet. Ergänzend führt sie an, „dass, das Kind nicht in ein Vakuum empfangen wird, sondern in eine physische, emotionale, sozia- le und spirituelle Ökologie“ (Krens, 2001, S.130), und meint damit ebenso Gedanken, Wün- sche, Erwartungen, Befürchtungen und unbewusste Motivationen, die zukünftige Eltern ei- nem eigenen Kind gegenüber haben können, noch bevor es entstanden ist. Die verschiedenen intra- und interindividuellen Umstände, in die hinein ein Kind empfangen wird, wirken sich ihrer Ansicht nach auf die pränatale Entwicklungsphase und die postnatale Lebensphase des Kindes aus. Auch das pränatale Kind scheine demnach physiologische und emotionale Be- dürfnisse zu haben, denen im Sinne der Bindungstheorie „gut genug“ begegnetet werden müsse, so Krens (2001) und meint damit, dass die postnatale „Feinfühligkeit“ der Mutter in eine pränatale „organismische Resonanz“ übersetzt werden müsse, indem der mütterliche Or- ganismus mit den wandelnden Bedürfnissen des pränatalen Kindes resoniere. Möglich sei dies durch gute Ernährung, genug Bewegungsraum, der Bereitschaft zu kontrahieren und zu ex- pandieren, Hormone, die „freundlich genug“ seien und so Gedanken und Gefühle lieferten, die „warm genug“ seien, um das Stressniveau des pränatalen Kindes zu begrenzen. Krens, 2001 knüpft damit an pränatale Bindungsforschungen an, die davon ausgehen, „dass die Cha- rakteristika der ersten Beziehung als organismische Prägungen in das implizit-prozedurale Gedächtnis als körperliche, verhaltensmäßige, emotionale und kognitive Muster ,erinnert´ werden und dadurch u.U. einen wesentlichen Einfluss auf die weiteren emotionalen Interakti- onsmuster des Kindes bis ins Erwachsenenalter nehmen können“ (Krens, 2001, S. 134). Kri- tisch merkt sie an, dass nicht jede vorgeburtliche Lebenszeit als „paradiesisch“ beschrieben werden könne. Aus ihrer therapeutischen Arbeit könne sie von Fällen berichten, in denen das gebärmütterliche Leben mehr Ähnlichkeiten mit einer Hölle gehabt habe, die irgendwie über- lebt worden sei. So würden Ängste von Abreibungsüberlebenden auf Erfahrungen von Todes- und Existenzangst in der vorgeburtlichen Lebenszeit hindeuten. Für Krens (2001) ist der Bin- dungsbegriff, der sich aus der klassischen Bindungstheorie heraus entwickelt hat und sich auf die postnatale Lebensphase bezieht, seinen Charakteristika nach auch auf die pränatale Le- benszeit übertragbar.

Das Konzept der Bindungstheorie geht zurück auf John Bowlby und Mary Ainsworth und wird im nächsten Abschnitt vorgestellt, bevor der Forschungsweg der pränatalen Bindungsund Beziehungsforschung aufgezeigt wird.

3.3 Bindungsforschung und Bindungstheorie

Bevor sich Wissenschaftler gezielt mit der vorgeburtlichen psycho-somatischen Entwicklung des Menschen befassten, forschte John Bowlby, ein englischer Arzt und Psychiater mit kin- deranalytischer Ausbildung, über die Einflüsse von Umweltbedingungen bei der Genese psy- chischer Störungen und zu den negativen Folgen früher Mutter-Kind-Trennungen. Seit den 1950er Jahren beschäftigte ihn die Frage, was die Natur des Bandes zwischen Mutter und Kind ausmacht. In dieser Zeit begann auch seine Zusammenarbeit mit Mary Ainsworth, einer amerikanischen Psychologin (vgl. Stumm, Pritz, Gumhalter, Nemeskeri & Voracek, 2005). Gemeinsam gelten sie als Begründer der Bindungstheorie, die Bowlby 1969 unter Einbezug von Begriffen aus Ethologie, Kybernetik und Psychoanalyse formulierte (vgl. Nixdorff, 2009). In seinen frühen Darstellungen „Bindung“ (1969), „Trennung“ (1973) und „Verlust“ (1980) relativiert er die vorherrschende triebtheoretische Sichtweise der Entstehung von Be- ziehungen und vertritt stattdessen die Theorie eines unabhängigen Bindungsbedürfnisses. Kindliche Angst, Kummer und Trauer erklärt Bowlby als Reaktion auf ein unerfülltes Bin- dungsbedürfnis. Das seiner Annahme nach biologisch determinierte Bindungssystem existiere bereits bei Säuglingen eigenständig. Durch Unsicherheit, Einsamkeit, Erschöpfung oder Krankheit würden typische Bindungsverhaltensweisen (attachment) wie Lächeln, Schreien, Rufen, Anklammern und Nachfolgen ausgelöst, die das aktivierte Bindungssystem gekenn- zeichneten. Bei der Bezugsperson aktiviere dies das Fürsorgeverhalten (maternal behavior, bonding). Ziel dieser Verhaltensweisen des Kindes sei die angeborene Neigung, körperliche Nähe einer vertrauten Person zu suchen und aufrechtzuerhalten, um das Gefühl von Sicherheit zu erfahren. Damit wird es ethologisch und funktional als zweckgerichtet beschrieben. Die jeweiligen interaktiven Erfahrungen mit den vertrauten Bindungspersonen führten zu unter- schiedlich erlebten Bindungsqualitäten, die das Kind in unterschiedlichen Organisationsmus- tern verinnerliche, die auch als innere Arbeitsmodelle bezeichnet werden (vgl. Stumm et al., 2005; Oerter & Montada, 1998). Mary Ainsworth hat hierzu einen wesentlichen Beitrag ge- leistet, indem sie die unterschiedlichen Bindungsqualitäten in die Kategorien: sicher, unsi- cher-vermeidend und unsicher-ambivalent klassifiziert hat. Ainsworth, bereicherte die Bin- dungstheorie Bowlbys, indem sie der rein biologischen Sichtweise eine emotionale und inter- individuelle Ebene hinzufügte. Für sie war die Feinfühligkeit der Mutter (bzw. prägenden Bezugsperson), die entscheidende Determinante für die sich im ersten Lebensjahr entwi- ckelnde Bindungsqualität (vlg. Stumm et al, 2005). Zur empirischen Untermauerung ihrer bindungstheoretischen Überlegungen entwickelte Ainsworth (1978) ein quasi-experimentelles Setting - den „Fremde-Situation-Test“. Zu einem späteren Zeitpunkt fügte sie den desorgani- siert-gebundenen Bindungstyp ihrer Klassifikation hinzu. Bis heute bilden die vier Bindungs- typen der bindungstheoretischen Überlegungen Ainsworths die Beurteilungsgrundlage zur Ermittlung von Bindungsqualitäten. Auch Bowlby entwickelte sein Konzept der inneren Ar- beitsmodelle weiter, mit dem Ergebnis, dass in der Art und Weise, in der sich ein Kind von seinen relevanten Bindungspersonen wahrgenommen fühlt, das Selbstkonzept geformt wird (vgl. Krebs, 2010). Nachfolgende Untersuchungen zeigten, dass der Bindungstyp keine Per- sönlichkeitseigenschaft des Kindes, sondern die Charakteristik einer spezifischen personenbe- zogenen Bindung aus der Perspektive des Kindes ist (vlg. Oerter & Montada, 1998). Krebs (2010) und Oerter und Montada (1998) beschreiben, wie die Annahme der Stabilität von Bin- dungsrepräsentationen zu weiteren Forschungen auf diesem Gebiet, sowohl bei Kindern (Main & Cassidy, 1988; Jacobsen et al., 1994; Grossmann & Grossmann, 1991 und Wartner et al., 1994), wie auch zu den Bindungsrepräsentationen von Erwachsenen (George et al, 1985) führten. Im Rahmen dieser Untersuchungen wurden zahlreiche Messinstrumente entwi- ckelt, die eine breite Anwendung von Bindungsforschung ermöglichte (vgl. Krebs, 2010).

Oerter und Montada (1998) beschreiben die Theorie der Erscheinungen verschiedener und relativ stabiler Bindungsqualitäten damit, dass sicher gebundene Kinder ein inneres Bild von der Welt und ihren sozialen Interaktionspartnern entwickeln, in dem die Vertrauenspersonen verlässlich sind. Besonders wichtig sei dies in bedrohlich erlebten Situationen. Das Kind kön- ne dadurch auch das Selbstbild einer geachteten und kompetenten Person aufbauen. Diese Darstellung von Oerter und Montada (1998) weist hin auf Zusammenhänge zwischen sicheren Bindungserfahrungen und Faktoren, die die Förderung von Resilienz begünstigen. Mit Resili- enz bezeichnen Brooks und Goldstein (2007) die psychische Widerstandskraft, die Krisen und Niederlagen meistern lässt und Schicksalsschläge bewältigen hilft. Es ist die Fähigkeit, das Leben zu bewältigen und an ungünstigen Lebensumständen nicht zu zerbrechen. Die Autoren verweisen in vielfältiger Weise auf die Möglichkeit, durch das empathische elterliche Verhal- ten eine Eltern-Kind-Interaktion zu gestalten, die dem Aufbau einer stabilen, widerstandsfähi- gen Psyche und Persönlichkeit des Kindes dient. Hier sind direkte Zusammenhänge mit dem Verständnis der „Feinfühligkeit“ von Bezugspersonen nach Ainsworth et al. (1978) zu erken- nen. Ein Unterschied liegt in der Ausweitung des empathischen Umgangs der Eltern mit dem Kind auf die gesamte Kindheit und Jugendzeit (vgl. Brooks & Goldstein, 2007). Auch Bucher (2009) zeigt in seinem Werk: „Psychologie des Glücks“, die Verbindungen einer sicheren Bindung und der Fähigkeit glücksfördernder Tätigkeiten auszuüben, ohne darüber instruiert worden zu sein. Alberti (2005) geht davon aus, dass in der pränatalen Zeit das Urvertrauen entstehen kann, was auf die Förderung einer resilienten Persönlichkeitsentwicklung schließen lässt. Für Nixdorff (2009) ist eine gute vorgeburtliche Beziehung der Mutter zum Kind ein entscheidender Grundbaustein für die Entwicklung von Autonomie, Persönlichkeit und sozialer Kompetenz. Darauf deuteten verschiedene Studien in diesem Forschungsfeld hin. Pränatale Psychologie und Bindungsforschung zeigen auf, welchen prägenden Einfluss frühste Eltern-Kind Interaktionen auf eine positive oder negative Lebensentwicklung haben können. In ihrer Forschungsarbeit über den Einfluss der pränatalen Mutter-Kind-Bindung auf die intrauterine Fetalaktivität und die postnatale Bindung im Alter von 6 Monaten kommen Niederhofer und Reiter (2001) zu dem Schluss:

„Postnatal attachment, which can be seen as the base for cognitive and emotional representations, also exists prenatally. “Allowed to be or not to be” seems to be determinded in the very early pregnancy and represents the base for postnatal attachment.” (Niederhofer & Reiter, 2001, S.33).

In Anlehnung an die Ergebnisse aus der pränatalen Psychologie und Medizin deklarieren die Autoren, Bindungsforschung solle nicht länger postnatal beginnen. Damit teilen sie die Meinung einer wachsenden Zahl von Forschern, deren erste Bemühungen, die Beziehung zwischen Mutter und Kind im Verlauf der Schwangerschaft zu ergründen, bereits vor einigen Jahrzehnten begannen. Dies soll im folgenden Kapitel dargestellt werden.

3.4 Forschungsgeschichte der pränatalen Bindung

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Bindungsforscher lieferten einen wichtigen Beitrag zum Verständnis frühkindlicher Entwicklung und der Förderung einer gesunden Entwicklung durch angemessen Umgang der Mutter, bzw. einer anderen Bezugsperson mit ihrem Kind. Für Medizin und Psychologie waren und sind die Erkenntnisse aus diesem Forschungsfeld daher von großer Bedeutung. Eine Ausbreitung dieser Relevanz erfolgte in den letzten drei Jahrzehnten international auf ein breiteres Spektrum von wissenschaftlichen Disziplinen und schließt vermehrt die pränatale Lebenszeit mit ein.

Im Verlauf dieses Kapitels werden sowohl die frühen, wie auch neue Konzepte zur pränatalen Bindungsforschung vorgestellt.

3.4.1 Frühe Konzepte pränataler Bindung

Im englischsprachigen Raum begannen in den 50iger und 60iger Jahren erste Beschreibungen und Erklärungsversuche vom Erleben einer Schwangerschaft. Die Perspektive ging nun vom mütterlichen Erleben und Verhalten aus, was einen Unterschied zur klassischen Bindungsfor- schung Bowlbys und Ainsworths darstellt. Krebs (2010) beschreibt in ihrer wissenschaftli- chen Auseinandersetzung zur pränatalen Bindungsforschung ältere Konzepte und stellt Deutsch (1945), Bibring (1959) und Benedek (1959) als Vertreter einer psychodynamischen Sichtweise vor, die Schwangerschaft und die Entwicklung der Bindung zum Kind mit narziss- tischen innerpsychischen Prozessen von Seiten der Mutter her verstanden. Sie gingen davon aus, dass der Fötus mit fortschreitender Schwangerschaft für die Mutter zunehmend zu einem realen Objekt würde, was dazu führe, dass der Fötus einerseits als Erweiterung ihrer selbst, und andererseits auch als eigenständiges Objekt angenommen und geliebt würde (vgl. Krebs, 2010).

Die weitere schrittweise Entwicklung einer pränatalen Bindungsforschung entstand aus ver- schiedenen Beobachtungen zu mütterlichen Trauerreaktionen nach vorzeitigem Kindesverlust. Eine Krankenschwester aus Chicago, Reha Rubin, die sich der Pflege und Begleitung von werdenden Müttern widmete, kam zu der Vermutung, dass eine postnatal-emotionale Bezie- hung zum Kind in pränatalen Vorgängen begründet liegt, da die Trauer der Frauen auch auf- trat, wenn sie keine Möglichkeit zu körperlichem Kontakt hatten. Rubin (1975) formulierte darauf hin vier Aufgaben, die eine Frau vor der Geburt bewältigen müsse: (1) „seeking safe for self and baby“, (2) „ensuring that the baby is accepted by significant others“, (3) “binding- in”, and (4) giving of herself“. Diese vier Bereiche stellen ihrer Ansicht nach das Gerüst der psychischen Erfahrung einer Schwangerschaft dar. Rubin (1975) benutzte dabei nicht den Begriff „attachment“/Bindung und konzentrierte sich größtenteils auf behaviorale und emoti- onale Aspekte der Mutter ihrem vorgeburtlichen Kind gegenüber (vgl. Brandon, Pitts, Denton & Stringer, 2009 und Krebs, 2010). Rubin (1975) beschreibt die Veränderungen bei der Mut- ter mit den Worten:

“By the end of the second trimester, the pregnant woman becomes so aware of the child within her and attaches so much value to him that she possesses something very dear, very important to her, something that gives her considerable pleasure and pride” (Rubin, 1975, S. 145).

Einen weiteren Beitrag zur pränatalen Bindungsforschung lieferte Judith M. Lumley (1982), eine Perinatal-Epidemiologin aus Australien. Der Einsatz von Ultraschall im Verlauf der

Schwangerschaft inspirierte sie, den Einfluss dieser Visualisierung des vorgeburtlichen Kin- des in den verschiedenen Entwicklungsstadien auf die mütterliche Bindung zu untersuchen. Sie interviewte Erstgebärende über deren Vorstellungen dem heranwachsenden Kind gegen- über. Dabei fiel ihr eine Zunahme der mütterlichen Vorstellungen von einer sich real entwi- ckelnden Person im Verlauf der Schwangerschaft auf (vgl. Lumley, 1990). Den Beginn dieser Wahrnehmung des ungeborenen Kindes als reale Person definiert Lumley (1982) als Beginn der Mutter-Kind-Beziehung. Bindung/attachment in der Schwangerschaft sei die “established relationship with the fetus in imagination,” als eine “real person” (Lumley, 1982). 30% der Mütter waren ab dem ersten Trimester der Schwangerschaft fähig, das pränatale Kind als rea- le Person wahrzunehmen. Im zweiten Trimester waren es bereits 63% und im dritten Trimes- ter 92%. Dabei gaben die Frauen, die bereits im ersten Trimester diese Wahrnehmung hatten, die Einschätzung an, dass der Verlust des Kindes enorme Trauer auslösen würde. Diese Gruppe von Frauen sprach zudem häufiger mit ihren Kindern und streichelten in der 36. Schwangerschaftswoche (SSW) häufiger liebevoll ihren Bauch, als die Frauen, die diese Wahrnehmung erst in einem späteren Trimester angaben. Umgekehrt zeigte sich in der Grup- pe, die auch nach den ersten spürbaren Bewegungen ihres Kindes nicht fähig waren, den Fö- tus als reale Person wahrzunehmen, die Erwartung, bei einem Verlust weniger Trauer zu ent- wickeln, als in der ersten Gruppe. Ebenso wurden weniger häufig Vorbereitungen hinsichtlich der Geburt und Ankunft des Kindes getroffen (vgl. Lumley 1980, nach Krebs 2010).

Eine amerikanische Psychologin, Leifer (1977) untersuchte ebenfalls das Schwangerschaftserleben von Erstgebärenden und bezeichnete die Zeit der Schwangerschaft als eine Phase emotionaler Veränderungen und rapider Rollenwechsel, sowie persönlicher Reifung (vgl. Brandon et al., 2009). Zu diesem Schluss kam sie, durch drei charakteristische Verläufe von Bindungsentwicklungen, die sie beobachtete:

1) Mütter, die sich wenig emotional gebunden fühlten und den Fötus und seine Bewegungen teilweise als Eindringling empfanden. In dieser Gruppe war die Schwangerschaft oft nicht geplant und von körperlichen Beschwerden begleitet. Selbstwertbezogene Ängste, gepaart mit einem geringen Selbstwert, waren ein dominierendes Merkmal dieser Frauen. Persönliches Wachstum beobachtete Leifer (1977) in dieser Gruppe nicht.
2) In dieser Gruppe zeigten die Frauen eine mittlere Anpassung an ihre Schwangerschaft. Ambivalente Gefühle wurden vermehrt beschrieben. Ängste und Stressempfinden waren un- auffällig. Ein Verbundenheitsgefühl mit dem Fötus wurde ab dem Zeitpunkt der Wahrneh- mung erster Gefühle bestätigt. Diese Bindung wurde als relativ stabil bis zur Geburt beschrie- ben. Teilweise wurden Persönlichkeitsentwicklungen in dieser Gruppe beobachtet.
3) Frauen der dritten Gruppe schilderten hingegen schon früh eine starke emotionale Bindung zum Kind, die durchgehend bis zu den Messzeitpunkten nach der Geburt anhielt. In dieser Gruppe war auffällig, dass sich Ängste vor allem auf gesundheitliche Bereiche bezogen. Eine persönliche Reifung und ein erhöhtes Selbstwertempfinden wurden festgestellt.

Leifer (1977) zeigte in ihren Untersuchungen eine Verbindung zwischen einem niedrigen Bindungsniveau zum Ende der Schwangerschaft und einem niedrigen Bindungsniveau sieben Monate nach der Geburt auf. So nahm sie an, mütterliche Gefühle entwickelten sich entlang eines prä- und postnatalen Kontinuums. Leifer (1977) erkannte durch ihre Beobachtungen die Komponenten der psychologischen Anpassung und der Persönlichkeitsentwicklung im Schwangerschaftserleben von Frauen, die auch in der Zeit nach der Geburt in postnatalem mütterlichen Interaktionsverhalten wirksam sein konnten. (vgl. Brandon et al., 2009 & Krebs, 2010).

Mecca Cranley, studierte Kinderkrankenpflege und entwickelte in ihrer Doktorarbeit ein multifaktorielles Modell pränataler Bindung. In ihrer Übersichtsarbeit baute sie auf die vorangegangenen Forschungen von Deutsch (1945), Rubin (1975) und Leifer (1977) auf. Ihr Modell setzt sich aus sechs Aspekten mütter-fetaler Bindung/maternal-fetal attachment (MFA) zusammen, die sie in ihren Studien indentifizierte: „Differentiation of self from fetus“, „Interaction with the fetus“, „Attributing characteristics to the fetus“, „Giving of self“, „Role-taking“, und „Nesting“ (Cranley, 1981a, zitiert nach Brendon et al., 2009, S. 4).

Cranley entwickelte aus diesen sechs Charakteristika pränataler Bindung ein theoretisches Konstrukt und ein Messinstrument zur Erhebung der Mutter-Kind-Bindung „Maternal Foetal Attachment Scale“ (MFAS), das vor allem Verhaltensweisen und Einstellungen von schwan- geren Frauen erfasst. (vgl. Cranley, 1981). Sie ging davon aus, dass in dem Ausmaß, in dem Frauen Verhaltensweisen zeigen, die Zuneigung und Interaktion mit ihrem ungeborenen Kind ausdrücken, pränatale Bindung repräsentieren: “The extent to which women engage in beha- viors that represent an affiliation and interaction with their unborn child” (Cranley, 1981, S. 282).

Muller (1990, 1993) benutzte in ihren Forschungen das von Cranley (1981) entwickelte Mess- instrument (MFAS) und zweifelte nach widersprüchlichen Ergebnissen das Konstrukt Cran- leys zur Erklärung der pränatalen Mutter-Kind-Bindung an. Für Muller schienen Phantasien und Wünsche eine wichtige Rolle bei der pränatalen Bindung zu spielen. Sie formulierte pränatale Bindung als “The unique relationship that develops between a woman and her fetus. These feelings are not dependent on the feelings the woman has about herself as a pregnant person or her perception of herself as a mother” (Muller, 1993, S. 201).

Brandon et al. (2009) beschreiben Mullers erweitertes Verständnis des pränatalen Bindungs- geschehens. Die frühen Erfahrungen, die eine werdende Mutter mit ihrer eigenen Mutter ge- macht habe, würden zu verinnerlichten Repräsentationen, die nachfolgende Beziehungs- und Bindungsverhältnisse zu Familie, Partner und Freunden beeinflussen könnten führen. Diese Prozesse könnten eine Frau sogar daran hindern, sich an eine Schwangerschaft anzupassen und eine Bindungsbeziehung zu ihrem pränatalen Kind aufzubauen. Aufgrund ihrer For- schungsergebnisse konstruierte Muller (1993) ein eigenes Messinstrument, das „Prenatal At- tachment Inventory“ (PAI), das sich ausschließlich auf emotionale Komponenten kon- zentriert.

Auch der australische Forscher James Condon bezweifelte Cranleys Grundannahmen zur prä- natalen Bindung. Er ging zurück zu Bindungstheorien der Forschung mit Erwachsenen und bezeichnet Bindung als „emotional tie“ oder „psychological bond“, das im Wesentlichen durch die Erfahrung mütterliche Liebe entsteht. Sie kann beschrieben werden als eine sich entwickelnde Beziehung, in welcher die Mutter anstrebt: „To know, to be with, to avoid sepa- ration or loss, to protect, and to identify and gratify the needs of her fetus” (Condon, 1993). Etwas später formulierte er eine einfache Definition, wonach pränatale Bindung als „the emo- tional tie or bond which normally develops between the pregnant woman and her unborn child“ beschreibt (Condon, 1997). Das von ihm entwickelte Messinstrument „Maternal An- tenatal Attachment Scale“ (MAAS) konzentriert sich vor allem auf die Gefühle und Gedan- ken, die die Mutter ihrem Kind gegenüber hat.

Brandon et al. (2009) verweisen auch auf Forschungen, die sich mit der väterlichen Bindung zum pränatalen Kind befassen. So haben bereits Weaver und Cranley (1983) und Condon (1985) die Hypothese entwickelt, dass neben der mütterlichen Bindung (maternal attachment) auch eine väterliche Bindung (paternal attachment) existiere (vgl. Brandon et al., 2009). Cran- ley adaptierte für Untersuchungen seinen Fragebogen (MFAS) und formulierte den Paternal Fetal Attachment Scale (PFAS). Auch spätere Untersuchungen widmeten sich der väterlichen Beziehung zum vorgeburtlichen Kind (vlg. Wilson et al., 2000; Lorensen, Wilson, & White, 2004 und Pretorius et al., 2006 zitiert nach Brandon et al., 2009). Die Ergebnisse ihrer For- schungen sind leider aufgrund der uneinheitlichen Messinstrumente schwer zu vergleichen und oft widersprüchlich, was ein generelles Problem pränataler Bindungsforschung aufzeigt.

3.4.1.1 Kritik an den frühen Konzepten pränataler Bindung

Krebs (2010) bemängelt an der bis dato erfolgten vorgeburtlichen Bindungsforschung das Fehlen einer allgemeingültigen Definition des Konstrukts der pränatalen Bindung. Sie be- schreibt die aufgeführten Konzepte als sich gegenüberstehende Auffassungen. Cranley (1981) vertrete dabei eine multidimensionale, kognitiv-behaviorale Ansicht, Muller (1990; 1993), sowie Condon (1993) beschreibt sie als Vertreter emotional basierter, eindimensionaler Mo- delle. Krebs (2010) kritisiert bei den Ausführungen Cranleys (1981), dass emotionale Aspekte weitgehend unbeachtet bleiben und fragt sich, ob mütterliche Einstellungen und Verhaltens- weisen die Kernkomponenten der pränatalen Bindung darstellen. Für sie sind beide Bereichen leicht fehl zu deuten, was zu Verzerrungen der Ergebnisse einer eingeschätzten Qualität prä- nataler Bindung führen könnte. Auch Condon (1993) kritisierte bereits an Cranleys Konzept, fast ausschließlich Einstellungen und Verhaltensweisen zu betrachten, um das Phänomen ei- ner Beziehung zwischen Mutter und Kind hinlänglich zu beschreiben. So kann eine Bezie- hung, in der viele negative Verhaltensweisen und Einstellungen gezeigt werden, trotzdem ,mehr´ sein als das, was offenkundig zu sehen ist (Krebs, 2010, S. 13).

Auch Muller (1990; 1993) betrachte das Konstrukt pränataler Bindung eingeschränkt, indem sie sich ausschließlich auf emotionale Aspekte konzentriert und Einstellungen und Verhaltensweisen der Mutter außer Acht lässt.

Condon (1993) stelle das emotionale Gefühl, das allgemein als „Liebe“ bezeichnet wird, in den Mittelpunkt seiner Betrachtung, was prinzipiell schwierig zu beschreiben sei. Hier müsste spezifiziert werden, was jede einzelne Mutter unter diesem Gefühl versteht. Weiter bezweifle Condon (1993), dass es sinnvoll ist, Gefühle, die die Mutter dem Kind gegenüber hat und Gefühle, die sie der Schwangerschaft gegenüber hegt, zu unterscheiden. Für Krebs (2010) sind dies zwei zu trennende Bereiche, da sich bei Frauen in den Gefühlen einer Schwangerschaft gegenüber häufig innere Auseinandersetzungen mit dem eigenen Körperbild, Rollenoder gesellschaftlicher Vorstellungen vermischen. Daraus könne sich ein verzerrtes Bild der eingeschätzten pränatalen Bindung ergeben (vgl. Krebs, 2010).

Diese drei doch sehr unterschiedlichen Konzeptualisierungsversuche zeigen die jeweiligen Erklärungsversuche der frühen pränatalen Bindungsforscher auf. Neuere Definitionen streben es an, die behavioralen, kognitiven und emotionalen Zugänge zum Konstrukt der vorgeburtlichen Mutter-Kind-Bindung zu vereinen.

3.4.2 Neuere Konzepte pränataler Bindungsforschung

Das Forscherteam Doan und Zimerman (2003) versteht das vorgeburtliche Bindungsgesche- hen eingebettet in ein ökologisches System, was auf die Komplexität pränataler Beziehung hindeutet. Sie beschreiben pränatale Bindung als ein abstraktes Konstrukt, das die enge Be- ziehung zwischen einem Elternteil und dem Fetus kennzeichnet, welche schon vor der Schwangerschaft bestehen kann. Das Konstrukt der pränatalen Bindung hänge dabei mit kog- nitiven und emotionalen Fähigkeiten zusammen, sich ein anderes menschliches Wesen vor- stellen zu können:

„Prenatal attachment is an abstract concept, representing the affiliative relationship between a parent and fetus, which is potentially present before pregnancy, is related to cognitive and emotional abilities to conceptualize another human being, and develops within an ecological system” (Doan & Zimerman, 2003, S. 110).

Pränatale Bindung ist für Doan und Zimerman (2003) demnach ein multidimensionales Kon- strukt, das in seiner Erforschung, Prävention und Intervention hinsichtlich seiner kognitiven, emotionalen und umweltbedingten Aspekte betrachtet werden sollte. Dieses Verständnis vor- geburtlicher Eltern-Kind-Beziehung bedarf weiterer Untersuchung, vor allem dahingehend, welche Faktoren die Beziehung zwischen Mutter und nach Doan und Zimerman (2003), auch dem Vater und dem vorgeburtlichen Kind beeinflussen können. Einen Beitrag hierzu versucht diese Arbeit zu leisten.

Krebs (2010) schlägt ein weiteres Konzept als theoretischen Ausgangspunkt zur Erfassung der pränatalen Bindung vor, das sie EEKÖB-Modell nennt. Es verbindet entwicklungsbedingte, emotionale, kognitive, behaviorale und ökologische Gesichtspunkte, die Krebs (2010) aufgrund von Ergebnissen aktueller Forschungen in ihrer Diplomarbeit identifizierte.

Aus den nachfolgend aufgeführten Kernkomponenten bildet sich die Abkürzung für ihr Mo-

dell, die sich nach Krebs (2010) in folgenden Ausprägungen zeigen können:

Entwicklungsbedingte Komponenten:

- Spüren von ersten Kindsbewegungen

Emotionale und Psychische Komponenten:

- Angst
- Kernkomponente: Beschützerinstinkt

Kognitive Komponenten:

- Einstellungen

Ökologische Komponenten:

- (un-)geplante Schwangerschaften
- Beziehungen zu Anderen/zum Partner/soziale Unterstützung Medizinisches Umfeld: Pränataldiagnostik
- Kulturelle Faktoren
- Biologische Faktoren

Behaviorale Komponenten:

- Informationssammlung
- Spielen (gegenseitige Interaktion)
- Sprechen
- Bauchstreicheln
- Gesundheitsverhalten

Pränatale Bindung definiert Krebs (2010) auf diesem Hintergrund als:

„Die Beziehung zu dem ungeborenen Kind, die sich vor allem in dem Bedürfnis, das Kind zu beschützen ausdrückt und sich mit fortschreitender Schwangerschaft entwickelt. Sie drückt sich einerseits in Verhaltensbedingten wie auch in emotionalen Komponenten aus und muss im jeweiligen biologischen, sozialen, medizinischen und kulturellen Kontext betrachtet werden“ (Krebs, 2010, S. 58).

Anhand einer Grafik stellt Krebs (2010) ihr Konzept dar:

Abbildung 1: Grafische Darstellung des EEKÖB-Modell nach Krebs (2010, S. 57)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei der grafischen Darstellung des EEKÖB-Modells zeigt sich deutlich die Identifizierung pränataler Bindung mit dem Bedürfnis das Kind zu beschützen. In wie weit Mütter dies selbst so beschreiben würden, sollte noch geprüft werden. Für Krebs (2010) bestärkt das Bedürfnis der Mutter nach Schutz des vorgeburtlichen Kindes die Annahme, einer biologischen Grund- lage pränataler Bindungsentwicklung. Sie übernimmt hier die Erkenntnisse von Sandbrook und Adamson-Macedo (2004), wonach pränatale Bindung, nicht als das von Condon (1993) mit dem Begriff „Liebe“ bezeichnete „emotional tie or bond“ ausmache, sondern häufiger mit dem Bedürfnis, das Kind zu beschützen, verwechselt würde. Weiter sollte betrachtet werden, ob die pränatale Beziehung mit fortschreitender Schwangerschaft zunimmt, oder bereits zu Beginn der Schwangerschaft sehr stark ausgeprägt sein kann, was Leifer (1977) und Muller (1990; 1993) andeuten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 155 Seiten

Details

Titel
Faktoren pränataler Beziehung
Untertitel
Eine Explorationsstudie
Hochschule
Universität Salzburg  (Fachbereich Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
Pädagogik/Erziehungswissenschaft, Pränatale Psychologie, Beratung: Prävention und Intervention
Note
1
Autor
Jahr
2013
Seiten
155
Katalognummer
V270785
ISBN (eBook)
9783656617686
ISBN (Buch)
9783656617679
Dateigröße
1916 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
pränatale Beziehung, pränatale Bindung, pränatale Psychologie, pränatale Pädagogik, Schwangerenberatung, prenatal attachment, Prävention und Intervention von Konfliktschwangerschaften
Arbeit zitieren
Annika C. Botzke-Hoch (Autor), 2013, Faktoren pränataler Beziehung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270785

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