Depression und Gesellschaft. Die soziokulturelle Krankheit


Seminararbeit, 2013
29 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt:

Einführung

1. Der Begriff Depression
2. Historischer Hintergrund
2.1 Vor 1950: Melancholie und Hysterie
2.2 Nach dem Zweiten Weltkrieg: Die Depression wird gesellschaftsfähig
2.3 Jahrtausendwende: Depression als Volkskrankheit

3. Die Entwicklung zur depressiven Gesellschaft in der USA

4. Die Entwicklung der Psychopharmaka-Industrie

5. Deutsche Krankenkassenreports (2000 – 2011)

6. Definition einer Volkskrankheit und die wirtschaftliche Bedeutung des Begriffs

7. Ursachen für die Verbreitung der Depressionen in unserer Gesellschaft
7.1 Gesellschaftswandel als Grund für depressive Erkrankungen
7.2 Personenbezogene Ursachen
7.3 Wandel der Arbeitswelt
7.4 Höhere Entdeckungsrate

Fazit

Einführung

„Die Depression ist eine der größten Volkskrankheiten. Dies wurde sehr eindrücklich durch eine weltweit durchgeführte Studie der WHO (Global burden of disease) bestätigt“[1]. Die Entwicklung der psychischen Erkrankung findet ihre Wurzeln zurück in der Antike, damals bekannt als Melancholie. Verfolgt durch das mittelalterliche Christentum als sündhafte Verbindung zu dämonischen Kräften, kehrt die Melancholie nach der Aufklärung in der Zeit der Romantik wiederum gedeutet als Resultat besonderer philosophischen Denkweise und leidenschaftlicher Gefühlszustände. Erst im 19. Jahrhundert beginnt die Depression als eine richtige und doch noch unbekannte Krankheit verstanden zu werden und wird ein Beschäftigungsthema vieler bekannten Psychotherapeuten und verschiedener Autoren und Ärzten. Ende des 20. Jahrhunderts sieht man die Depression schon als eine Volkskrankheit, die auf eine komplexe Weise mit dem Zustand der Gesellschaft in Verbindung gebracht wird. Die Bedeutung der Krankheit überschreitet die Grenze – „nur ein Fall für den Arzt“ und weckt auch das Interesse der Soziologen und sogar Wirtschaftsexperten.

Diese Arbeit hat die Aufgabe neben eine genauere Definition der Krankheit und ihren statistischen Hintergrund zu ermitteln, auch die sozio-kulturellen Ursachen für die Verbreitung der Depressionen aufzudecken, die tief in der gesellschaftlichen Entwicklung verwurzelt sind.

Wissenschaftler wie der französische Soziologe Alain Ehrenberg sehen das depressive Leiden als Resultat der neuen Kultur der Autonomie, in der die früheren Werte von Gehorsam und Disziplin durch moderne Eigenschaften wie Eigeninitiative und Entscheidungsfähigkeit ersetzt werden. Das bewirkt ein Bild des „erschöpften Individuums“, das sich ständig zu beweisen hat. Andere Wissenschaftler meinen jedoch, dass Depressionen kein zeittypisches Phänomen sind und in den letzten Jahren nur die Interesse über die psychische Krankheit gestiegen ist, ja sogar damit übertrieben wird, oder auch zur geschäftlichen Zwecken von der Pharmaindustrie genutzt wird.

1. Der Begriff Depression

In dem deutschen Medizingebiet sind die Versuche, die psychischen Erkrankungen und im Einzelnen die Depression zu spezifizieren und kategorisieren eher jung. Erst 1980 begannen die Spezialisten einen einheitlichen Diagnosekatalog auf Deutsch zu entwickeln, der die psychischen Störungen genauer beschreiben sollte und eine Verbindung zwischen die bisher einzeln betrachteten Fälle stellte (Simhandl. u. Mitterwachauer, 2007, S. 1).

Die American Psychiatric Association hat den Anfang gemacht mit der Entwicklung von einem verfeinertem Diagnoseschemas mit 180 Krankheiten, basierend auf dem US-amerikanischen Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) . 1982 wurde es auch in Deutsch übersetzt, konnte sich jedoch nicht durchsetzen.[2] Es wurde von der Weltgesundheitsorganisation (World Health Organisation – WHO) durch das System International Classification of Diseases – ICD ersetzt. Seit 1992 wird die ICD 10 als diagnostisches Klassifikationssystem für die Gebührenrechnung in Deutschland verwendet (Hoffmann u. Schauenburg, 2009, S. 2). Allerdings ist zu vermerken, dass das deutsche System lediglich nur auf die Beschreibung der Diagnosen spezialisiert ist, ohne dass die entsprechenden Ursachen festgelegt sind, während letzteren im amerikanischen DSM-IV genauer erläutert werden (Neumann u. Dietrich, 2005, S. 22). Als Kritik an beiden Systemen zu äußern ist, dass ethische, kulturelle und geschlechtsspezifische Faktoren in Verbindung mit Depression nicht berücksichtigt werden, was die genaue Unterscheidung zwischen verschiedene psychische Krankheiten weiterhin erschwert (Wolpert 2008, S. 46).

Komplizierter wird die medizinische Klassifikation und Diagnosestellung dadurch auch, dass sich viele psychische Erkrankungen und einzelne Symptome ähneln und tief miteinander verbunden sind. Klares Beispiel dafür ist die Angststörung, die als eigendefinierte Krankheit, nicht unmittelbar als Merkmal der Depression zu deuten ist, gleichzeitig aber fast die gleichen Symptomen aufweist. Hier muss sich der Arzt allein für eine der beiden Diagnosen entscheiden. Ähnliches gilt auch für Alkoholsucht.  Neigung zum Alkoholkonsum allein ist keine Schlussfolgerung für die Feststellung von Depression. Trotzdem sind viele Alkoholkranke auch depressiv, werden aber hauptsächlich als Suchtkranke in der Statistik geführt.

In der alltäglichen Sprache hat der Begriff der depressiven Erkrankungen, eher eine Bedeutung im Sinne von emotionaler Niedergeschlagenheit und beeinträchtigte Verfassung (Müller u. Volz 2006, S. 9). Diese Definition bezieht sich mehr auf einem Gefühlzustand und kann medizinisch gesehen nicht als Depression gedeutet werden und ist auch der Grund wieso die depressiven Erkrankungen häufig unterschätzt werden. Für die Eingrenzung der Krankheit und um sich um eine Definition der Depression festzulegen, ist die so genannte „depressive Episode“ des ICD-Code F32 relevant, auch unter dem englischen Begriff „Major Depressive Episode“ bekannt. Sie wird unter den drei Krankheiten der unipolaren Störungen[3] geteilt, die weiterhin zu der Hauptgruppe der affektiven Störungen gehören. Von dem Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information wird im ICD 10 – GM Version 2009 die Krankheit folgendermaßen definiert:

„Bei den typischen leichten (F32.0), mittelgradigen (F32.1) oder schweren (F32.2 und F32.3) Episoden, leidet der betroffene Patient unter einer gedrückten Stimmung und einer Verminderung von Antrieb und Aktivität. Die Fähigkeit zur Freude, das Interesse und die Konzentration sind vermindert. Ausgeprägte Müdigkeit kann nach jeder kleinsten Anstrengung auftreten. Der Schlaf ist meist gestört, der Appetit vermindert. Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen sind fast immer beeinträchtigt“.

Die depressive Episode ist eine der häufigsten Formen der affektiven Erkrankungen. Als eine Episode wird die Krankheit betrachtet, da sie nur über eine temporelle Zeitspanne zu diagnostizieren ist (ohne Behandlung meist sechs bis zwölf Monate). Im Laufe der Episodendauer ist die Niedergeschlagenheit ständig präsent und von dem Betroffenen selbst nicht kontrollierbar. Dabei zeigen sich jedoch keine zusätzlichen Symptome von anderen psychiatrischen Erkrankungen wie Manie, Psychose oder Schizophrenie. Bei einer Wiederholung der depressiven Episode, was bei mehr als der Hälfte der Patienten der Fall ist, spricht man von einer „rezidivierende depressive Episode“ (F33). Eine nicht adäquate Behandlung depressiver Störungen, kann damit zu einem chronischen Verlauf der Krankheit führen (DAK-Gesundheitsreport 2005, S. 57).

Weltweit beträgt die Menge an diagnostizierten Fällen von depressiver Episode bei etwa 10% und wird damit zu einer der häufigsten psychischen Erkrankungen. Die  Erwartung ist, dass sie bis Jahr 2020 an zweiter Stelle der häufigsten Erkrankungen allgemein, stehen wird. Die Suizidrate beträgt etwa 5%, d. h. die Krankheit wird für jeder 20. Betroffener tödlich ausgehen (Hell 2007, S. 58).

2. Historischer Hintergrund

Einen weiteren wichtigen Aspekt um die komplexe Bindung der Krankheit an den gesellschaftlichen Prozessen zu veranschaulichen, ist die Geschichte der ersten Berichten über depressive Symptome und die Entwicklung, von einer undefinierten, psychischen Erkrankung zur festgelegten Diagnose der psychotherapeutische und psychosomatische Wissenschaft, eine Krankheit die wegen der stark gestiegenen Zahlen der angemeldeten Fällen, heutzutage oft als Volkskrankheit bezeichnet wird.  Ausführlicher zu dem Begriff kommt es in dieser Arbeit im Punkt 5.

2.1. Vor 1950: Melancholie und Hysterie

Die Wurzeln der medizinischen Versorgung für Menschen mit seelischen Störungen findet man schon in dem Mittelalter. Jedoch die Vorstellung von der Krankheit war völlig anders, die unbekannten und sehr ungewöhnlichen Symptome wurden aus einer religiösen Sicht gedeutet, womit die Betroffenen meistens als von Dämonen besessen und unheilbar angesehen wurden. (Ehrenberg 2004, S. 28, 29). Die ersten speziellen Einrichtungen für psychisch kranke Patienten findet man erst seit dem 19. Jahrhundert. Eine Differenzierung zwischen den verschiedenen Erkrankungen gab es aber in den sogenannten „Irrenhäusern“ nicht. Die Patienten wurden unter dem Sammelbegriff „Geisteskranke“ gestuft und oft anhand brutaler Umgangsformen und Gewaltprozeduren behandelt (Simhandl u. Mitterwachauer 2007, S. 2). Doch leider bezeichneten genau solche umstrittenen Methoden die ersten Schritte in der stationären Behandlung von psychischen Störungen. Insgesamt war das Thema Geisteskrankheiten für die „normale“ Bevölkerung bis in die 1940er fremd, was eine ängstliche Einstellung bewirkte, so dass die Betroffenen vollkommen aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurden. Spuren dieser Einstellung sind leider bis heute, trotzt ausführlicherer Aufklärung, noch zu betrachten (Steger 2007, S. 24).

Damit blieb die Depression ein von der Bevölkerung isoliertes Phänomen, das von der Medizin auch nicht ausreichend erklärt wurde. In der Zeit der Aufklärung wird der bedrückte Seelenzustand, jetzt auch „Melancholie“ genannt, als Resultat der Spaltung des Individuums zwischen Glück und Unruhe. Die Vernunft trifft auf die Welt der Leidenschaft und Träume (Ehrenberg 2004, S. 31). Somit wird die Problematik der Depression ein Beschäftigungsgegenstand der Literatur und Philosophie und gilt in dem Sinne teilweise als Beweis für Außergewöhnlichkeit und Genialität in den Bereichen der Kunst und des Denkens. Bis auf Weiterem sind Melancholie und Langeweile gar ein Differenzierungsmerkmal zwischen Aristokratie und Bürgertum und die unprivilegierten Gesellschaftsklassen. „Denn der gemeine Mann kennt weder Langeweile noch Einsamkeit“ (Lepenies, S. 83. Im Buch).

Ehrenberg (2004, S. 135) findet die Ursachen für die Verbreitung der Depression ab dem 19. Jahrhundert vor allem in der industriellen Revolution. Die Veränderung in der Gesellschaft macht sich am meisten spürbar bei der Klassenzugehörigkeit, beziehungsweise die Möglichkeit sich daraus zu befreien. Immer mehr Chancen eröffnen sich jetzt den unteren Bevölkerungsschichten, sich in dem gesellschaftlichen Wohlstand zu steigern. Doch im Gegenteil zu früher, wo das eigene Schicksal schon von der Geburt an entschieden wurde (z.B. in einer Bauernfamilie zur Welt zu kommen) und das Individuum einfach damit zu leben hatte, bestimmen in der Zeit der Industrialisierung die eigenen Fähigkeiten und Kenntnissen den Lebenslauf. Dieser Gesellschaftswandel bringt mit sich aber einen gestiegenen psychischen Aufwand, der möglicherweise auch Depressionen verursachen kann. Ein konkretes Beispiel dafür als Symbol der Modernität dieser Zeit gibt Ehrenberg (2004. S. 42-44) mit den Eisenbahnunglücken des 19. Jahrhunderts: „Die Eisenbahn hat die moderne Vorstellung vom Unfall geprägt“,  es entstehet ein neues Bild des psychischen Leidens, verursacht durch technisches Versagen und menschliches Handeln[4]. Zum ersten Mal versucht man eine Verbindung zwischen psychische und körperliche Beschwerden festzustellen, wie zum Beispiel Rückenbeschwerden, Kopfschmerzen, Amnesien und Lähmungen. Das zeichnet die ersten Versuche psychische Störungen zu kategorisieren und realitätsnah zu beschreiben. 1870 entsteht der Begriff der „Hysterie“, als „leichte“ Geisteserkrankung ohne Wahnvorstellungen.

2.2 Nach dem Zweiten Weltkrieg: Die Depression gewinnt an Popularität

Eine Riesenveränderung in der Psychiatrie nach 1950 war die Erfindung der Neuroleptika und Antidepressiva. 1952 wurde das Chlorpromazin entdeckt, mit eine sehr positive Auswirkung auf Depressionen und als Bestandmittel der ersten Psychopharmaka (Mehr dazu im Punkt 4). Diese Innovation ermöglichte eine medikamentöse Behandlung von psychischem Leiden und führte zu einer beschleunigten Forschung auf diesem Gebiet. Die Fortschritte dabei wurden immer öfter zum Thema internationaler Kongresse und Konferenzen. Psychiater richteten sich selbständig in eigenen Praxen ein, die medizinische Interesse für psychische Erkrankungen stieg immens (Ehrenberg 2004, S. 106-108). „Zwischen 1965 und 1970 wurde die Depression für die Allgemeinmediziner zu einer alltäglichen Erscheinung. Sie wurde gesellschaftsfähig und das psychische Leben trat aus seinem Schattendasein“[5]. Es war jetzt kein Tabu auch in den Medien das Thema zu behandeln. Es entstand die gesellschaftliche Akzeptanz. Die depressive Störungen lösten sich von der Vorstellung der Wahnsinnigen und richteten sich auf alltägliche Problemsituationen, die jeder einzelnen betrafen  (ebd., S. 133, 134). 1970 äußert sich Lehmann (zit. nach Ehrenberg 2004, S. 123) auf einem Kongress, dass die Depression zur am meisten verbreiteten Krankheit der Welt wird mit einer 10% Quote der Betroffenen. Gleichzeitig beginnt auch die Diskussion über den Verwendungsmissbrauch des Depressionsbegriffs.

[...]


[1] www.deutsche-depressionshilfe. de, Die zitierte Studie stammt aus dem Jahr 2001 und besagt, dass in diesem Jahr die Depression die „Volkskrankheit“ mit den schwersten Auswirkungen war.

[2] Im amerikanischen Raum ist die aktuelle Version DSM-IV weiter in Gebrauch.

[3] In Abgrenzung zur bipolaren Störung, bei der sich depressive und manische Zustände abwechseln. Weitere unipolare Störungen sind die Dysthymien und Anpassungsstörungen

[4] Im Gegensatz zu den bisherigen Unglücksformen der Naturkatastrophe oder des Krieges

[5] Ehrenberg 2004, S. 83

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Depression und Gesellschaft. Die soziokulturelle Krankheit
Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
29
Katalognummer
V270973
ISBN (eBook)
9783656630500
ISBN (Buch)
9783656630494
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Depression, Volkskrankheit
Arbeit zitieren
Kaloyan Tsonev (Autor), 2013, Depression und Gesellschaft. Die soziokulturelle Krankheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270973

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