„Harte Schale, weicher Kern“. Zur Entwicklung der Identitätswahrnehmung des Mannes in Europa


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Identität des Mannes - Maskulinität

3. Gemeinsamkeiten und Unterschiede der historischen Entwicklung der Rolle des Mannes im Westeuropäischen Raum

4. Neue Männlichkeitsmodelle
4.1. Vaterrolle
4.2. Metrosexualität

5. Schlussbetrachtung

6. Quellenverzeichnis
6.1 Literatur
6.2 Zeitschriften / Zeitungen
6.3 Internet

7. Erklärung

1. Einleitung

Die folgende Arbeit zum Thema Ä‘Harte Schale, weicher Kern‘ - Zur Entwick- lung der Identitätswahrnehmung des Mannes in Europa“ befasst sich mit der Frage nach der männlichen Identität in (West-)Europa. Basierend auf dem Werk ÄXY - Identität des Mannes“ der französischen Philosophin Elisabeth Badinter wird dabei in ausgewählten Fällen auf die Situationen in Deutschland und in Frankreich eingegangen.

In einem ersten Schritt soll die männliche Identität umrissen werden: Was bedeutet es ein Mann zu sein, welche Eigenschaften muss dieser innehaben, um die männliche Identität zu manifestieren. Unterliegt die Identitätsfindung des Mannes einem natürlichen Prozess oder ist sie künstlich konstruiert? Ferner werden grundlegende Begrifflichkeiten geklärt.

Der zweite Teil der Arbeit widmet sich der historischen Entwicklung der Rolle des Mannes. Das Ende des Zweiten Weltkriegs wird bei der Untersuchung ei- nen wichtigen Zeitpunkt einnehmen. Insgesamt soll ein historischer Abriss über die Veränderungen männlicher Ideale bis zum heutigen Zeitpunkt dargestellt werden. Prägende Ereignisse für die Entwicklungen werden die Emanzipation der Frau sowie die 68er-Bewegung sein. Es wird hierbei eine Abhängigkeit zwischen der gesellschaftlichen Veränderung und der neuen Identitätsfindung des Mannes hergestellt. Durch den kontrastiven Zusammenhang zwischen Mann und Frau wird in einigen Fällen Bezug auf die Identität der Frau genom- men werden.

Das folgende Kapitel untersucht die Identität des Mannes zum aktuellen Zeit- punkt. Im Rückblick auf das vorherige Kapitel werden neue Entwürfe männli- cher Identität aufgezeigt. Dabei wird insbesondere auf die Entwicklung der Va- terrolle im Laufe der Zeit, sowie auf das relativ neue Phänomen der Metrosexu- alität eingegangen.

Abschließend soll ein zusammenfassender Überblick über die getroffenen Erkenntnisse gegeben werden.

2. Identität des Mannes - Maskulinität

Um die Identität des Mannes beschreiben zu können, müssen zunächst einige Begriffe geklärt werden.

Was ist eine Identität? Bedeutet Identität gleich Rolle? Was ist Männlichkeit? Was ist ein typischer Mann? Gibt es männliche Eigenschaften oder Verhaltensweisen? Wo liegt die Grenze zwischen Mann und Frau?

Bei der Beantwortung der Fragen über das Geschlecht ist es von großer Bedeutung, eine Abgrenzung zwischen dem genetischen Geschlecht (sexe), das durch den genetischen Code eines jeden Menschen festgelegt wird, und dem kulturellen Geschlecht (gender), also dem Bild über ein Geschlecht und die Aufgabenwahrnehmung von Mann bzw. Frau.

Im Folgenden wird vorwiegend der Begriff des kulturell geprägten Geschlechts (gender) verwendet.

Vor dem Hintergrund eines kulturell geprägten Bilds der Geschlechter wird die Ansicht der französischen Philosophin Elisabeth Badinter deutlich, die die Mei- nung Michael S. Kimmels teilt, dass ÄMaskulinität und Feminität […] relationelle Konstruktionen“1 sind. Das Rollenbild einer Frau bzw. eines Mannes war vor dem Jahrhundert der Aufklärung noch eine feste Vorstellung, die sich zusam- mensetzte aus einem Rang, Platz und einer kulturellen Rolle in einer Gesell- schaft. Es ging dabei weniger darum, sich von dem biologisch konträren Lebe- wesen abzugrenzen und sich über diese Abgrenzung zu definieren.2

Heute steht dieser Gegensatz zwischen Mann und Frau im Mittelpunkt der Dis- kussion über die Identität des Mannes bzw. der Frau. Badinter stellt dazu fest, dass Ädas Männliche […] ein Aspekt des Menschlichen [ist], und die Männlich- keit ein relationeller Begriff, da man ihn nur in Bezug auf die Weiblichkeit defi- niert.“3

Entgegen der Auffassungen, die noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorherrschten, sieht die französische Feministin Badinter die Männlichkeit nicht als naturgegeben an. Im Gegenteil, für sie ist der Mann ein Konstrukt, welches durch erhebliche Anstrengungen zu erkämpfen ist. Badinter sagt auch:

Der Mann ist eine Art Artefakt, und als solches läuft er beständig Gefahr, bei einer Unzulänglichkeit ertappt zu werden. Konstruktionsfehler, Unzulänglichkeit der männlichen Maschinerie, kurz: ein Versager. Der Ausgang des Unternehmens ist so ungewiss, dass der Erfolg hervorgehoben zu werden verdient.4

Im Kontrast dazu stehen die Mädchen, die durch die Menstruationsblutungen auf natürlich-biologischem Wege zu einer weiblichen Identität gelangen.5

Badinter zufolge ist der Mann schon als Junge einer enormen Identitätssuche unterlegen. Um Äein Mann“ zu werden, was für eine Person männlichen Ge- schlechts als oberstes Ziel in der heutigen Gesellschaft angesehen wird, gilt es sich abzugrenzen. Badinter erläutert, dass die Abgrenzung in dreifacher Weise geschehen muss:

Von einer Frau geboren, in einem weiblichen Bauch ausgetragen, ist das männliche Kind, im Gegensatz zum weiblichen, einen Großteil seines Lebens zur Differenzierung verdammt. (…) Um seine männliche Identität kundzutun, muss es sich und die anderen gleich dreifach überzeugen: dass es keine Frau, kein Säugling, kein Homosexueller ist.6

Laut Badinter ist zudem in weiten Teilen der Gesellschaft die Heterosexualität eins der deutlichsten Zeichen für Männlichkeit. Der Vorzug einer Frau vor einem Mann in einer Liebesbeziehung stellt die dritte Abgrenzung dar.7 Badinter be- schreibt dies auch mit den Worten Ä(…) indem er das Gespenst der Identität bannt: eine Frau zu haben, um keine zu sein“8.

Weiter erläutert sie, dass ÄHomophobie9 [ein] (…) unabdingbarer Bestandteil der heterosexuellen Männlichkeit [ist]“10.

Deborah S. David und Robert Brannon nennen vier ÄImperative“, die erfüllt sein müssen, um Männlichkeit eines Mannes zu behaupten:

- ÄNo Sissy Stuff“ - nichts Weibisches
- ÄThe Big Wheel“ - Forderung nach Überlegenheit in Bezug auf die anderen Men- schen
- ÄThe Sturdy Oak“ - Unabhängigkeit und das alleinige Verlassen auf sich selbst
- ÄGive’em ell“ - sich stärker zu erweisen als die anderen, notfalls mit Gewalt11.

Badinter meint dazu:

Der Mann, der sich diesen vier Imperativen unterwirft, ist der Supermann, der lange Zeit die Massen zum Träumen brachte, herrlich verkörpert im Bild des Marlboro-Mann, dessen Plakat überall auf der Welt zu sehen ist. (…) Zu einer gewissen Zeit träumten alle Männer davon, so zu sein wie er (…) Kurz: beinhart, ein Äpsychischer Krüppel“, eher zum Sterben gemacht als dazu, zu heiraten und Babies zu tätscheln.12

Dieser Aussage Badinters merkt man die Kritik an dem einseitigen Männerbild, das durch die Werbung in den 60er Jahren vermittelt wurde, deutlich an.

3. Gemeinsamkeiten und Unterschiede der historischen Entwicklung der Rolle des Mannes im Westeuropäischen Raum

Es handelt sich um eine Erweiterung der Möglichkeiten, kulturell Mann oder Frau zu sein, wie sie bisher historisch nicht bestanden haben. (…) Das ist historisch neu und bedeutet keine bedrohliche Krise von Männlichkeit, sondern eine historische Chance.13

Die im vorigen Kapitel erläuterte Abhängigkeit zwischen der Frau und dem Mann trägt auch in der weiteren Entwicklung der Identität der Frau einschneidende Entwicklungen der Identität des Mannes mit sich.

Bis etwa 1945 herrschte das patriarchalische Männerbild in Europa vor. Mann- Sein wurde mit (körperlicher) Stärke14 beschrieben, mit Entscheidungsmacht, Rationalität und Objektivität. Es gab männliche und weibliche Eigenschaften15, die zum Teil auch heute noch den Geschlechtern zugeschrieben werden. So auch George L. Mosse:

Maskulinität wurde von Anfang an als großes Ganzes betrachtet: Körper und Seele, äußeres Erscheinungsbild und innere Tugendhaftigkeit sollten eine Einheit bilden, ein perfektes Konstrukt, bei dem jedes Teil an seinem Platz saß.16

Mosse und Badinter17 gehen von dem Mann als ein durch die Gesellschaft geprägtes Konstrukt aus. Diese Vorstellung von einer ÄKonstruktion der Männlichkeit“ erlaubt den Rückschluss auf die Möglichkeit der Dekonstruktion18, welche ab Mitte des 20.Jahrhunderts durch verschiedene Ereignisse ausgelöst wurde. Die Dekonstruktion des traditionellen Männlichkeitsbildes verhalf zu einer Konstruktion neuer Vorstellungen von Männlichkeit.

Doch der Weg zu einer Veränderung der alten Vorstellungen über ein Ämännliches Ideal“19 war von einigen Hindernissen geprägt, denn Ädie Männlichkeit sollte die existierende Ordnung vor den Gefahren der Moderne schützen“.20

Was erstmals nach dem ersten Weltkrieg durch die Frauenbewegungen, die für allgemeines Wahlrecht eintraten, aufkam, verschwand mit der erneuten patriar- chalischen Gesellschaft des Dritten Reiches. Ohne große Wiederstände wurden den Männern die Ätypisch männlichen“ Aufgaben zugesprochen, und die Frauen wendeten sich wieder ihren vorigen primären Aufgaben zu: den des Kinderkrie- gens und des Haushalts.21

Erst die 70er Jahre brachten eine deutliche Veränderung in den (Rollen-) Ver- hältnissen zwischen Mann und Frau.22 Während der Frauenbewegungen forder- ten diese Rechte ein, die den Männern bis dahin eigen waren; kämpften für ei- ne Gleichberechtigung auf dem Arbeitsmarkt und erkämpften die Möglichkeit einer individuellen Lebensgestaltung durch die Lockerung der Abtreibungsge- setze und die Einführung der Antibabypille. Badinter dazu: Äsie [die Frauen] haben einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, das männliche Ideal ins Wan- ken zu bringen“.23

Die Veränderung der Position der Frau in der Gesellschaft und die damit ein- hergehende neue Identität der Frau brachten den Mann zum Zugzwang. Er war durch den fortwährenden Kontrast zum weiblichen Geschlecht und die Definiti- on als Gegenteil zur Frau dazu genötigt, sich neu zu definieren. Doch schnell wurde deutlich, dass die Suche nach einer inhaltlich präzisen Festlegung von Männlichkeit und Weiblichkeit wie in und seit der Aufklärung (…) ins Leere laufen [würde], selbst wenn diese Suche derzeit aus verständlichen Gründen betrieben (…) [wurde].24

[...]


1 Badinter, Elisabeth : XY - die Identität des Mannes. München, Piper, 1993, S.22.

2 Vgl. Ibd., S.19.

3 Badinter, XY, S.22.

4 Ibd., S.15.

5 Vgl. Corneau, Guy : Père manquant, fils manqué. Que sont les hommes devenus ? Montréal, Les éditions de l’Homme, 1989, S͘21͘

6 Badinter, XY, S.48.

7 Vgl. Ibd., S.122.

8 Badinter, XY, S.122.

9 Homophobie: Der Begriff wurde 1972 von George Weinber geprägt, der ihn folgendermaßen definierte: ͣ ngst davor, mit Homosexuellen in Berührung zu kommen“͘ Laut Badinter ist Homophobie der Hass auf weibliche Eigenschaften bei Männern.

10 Badinter, XY, S.143.

11 Vgl. David, Deborah S. /Brannon, Robert: The Forty-Nin Percent Majority: the Male Sex Role. [O.O.], Addison-Wesley, 1976.

12 Badinter, XY, S.161.

13 Schmale, Wolfgang: Geschichte der Männlichkeit in Europa (1450-2000), Wien, Böhlau, 2003, S.270.

14 Vgl͘ Jokisch, Rodrigo: ͣSkizzen einer beschädigten Männer-Identität“͘ In: Rodrigo Jokisch (Hg.): Mann- Sein. Identitätskrise und Rollenfindung des Mannes in der heutigen Zeit. Hamburg, Rowohlt, 1982, S.13f.

15 Vgl. Lawlor, Robert: Die Seele des Mannes. Der spirituelle Weg zu einer neuen männlichen Sexualität und Identität. München, Heyne, 1993, S.17f.

16 Mosse, George L.: Das Bild des Mannes. Zur Konstruktion der modernen Männlichkeit. Frankfurt am Main, Fischer, 1996, S.11.

17 In nlehnung an Simone de Beauvoir: ͣOn ne naît pas femme, on le devient͘“ formulierte Elisabeth Badinter: ͣMan wird nicht als Mann geboren, man wird es͘“

18 Vgl. Badinter, XY, S.43.

19 Mosse, Das Bild des Mannes, S.9.

20 Ibd., S.9.

21 Vgl. Von Canitz, Hanne-Lore: Väter. Die neue Rolle des Mannes in der Familie. Düsseldorf, Econ, 1980, S.76f.

22 Schmale, Wolfgang: Geschichte der Männlichkeit in Europa (1450-2000), Wien, Böhlau, 2003, S.237.

23 Badinter, XY, S.177.

24 Schmale, Geschichte der Männlichkeit in Europa, S.239.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
„Harte Schale, weicher Kern“. Zur Entwicklung der Identitätswahrnehmung des Mannes in Europa
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Romanistik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
18
Katalognummer
V271053
ISBN (eBook)
9783656627203
ISBN (Buch)
9783656627227
Dateigröße
1014 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
harte, schale, kern, entwicklung, identitätswahrnehmung, mannes, europa
Arbeit zitieren
Laura Breuer (Autor), 2011, „Harte Schale, weicher Kern“. Zur Entwicklung der Identitätswahrnehmung des Mannes in Europa, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271053

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