Kultur und Natur in der Figurenbeschreibung des Innen und Außen

Am Beispiel der Rauhen Else, des Wolfdietrich und Iwein


Hausarbeit, 2013

13 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Verhältnis von Äußerlichkeit und Innerlichkeit

3. Hof und Wald, Kultur und Natur

4. Wilde Figuren
4.1 Rauhe Else, kurzer Vergleich zwischen den Versionen
4.2 Wolfdietrichs Ab- und Aufstieg
4.3 Iwein, der Fall des Helden

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

Auf Kunsternobl ze Kriechen ein gewaltiger kunig sass,

an dem tugent noch ere noch mannheite nie vergass

sein maister und sein schepfer, der in da werden liess:

an im geprast nicht mere, wann daz er ein hayden hiess.

(Wolfdietrich A, Strophe 1)

[…] und nâch der bâre gienc ein wîp,

daz er nie wîbes lîp

alsô schœnen gesach.

(Iwein, Vers 1307-09)

In diesen Zitaten[1] wird einmal in der Beschreibung Hugdiettrichs, ein andermal in der Laudines klar, die Darstellung der Protagonisten geht stets mit deren Überhöhung einher. So ist der ritterliche Held meist der Stärkste und Schönste. Auch die zu gewinnende und am Ende gewonnene Frau[2] ist in ihrer Schönheit einzigartig und von niemandem zu übertreffen. Diese Überzeichnung – denn nichts anderes kann sie sein, angesichts der ständigen Superlative – geht Hand in Hand mit der Vorstellung, es bestehe eine Übereinstimmung von Innerlichkeit und Äußerlichkeit. So sind der Held und seine ihm Angetraute stets die Schönsten ,auf Gottes Erdeʻ und zudem lässt diese äußerliche auf innerliche Tugend schließen.

Wie ist nun damit umzugehen, wenn in mittelalterlichen Texten der Held hässlich wird verwildert oder von einer Waldfigur überlistet wird? Welche Bedeutung hat im Besonderen die Natur als dem Hofe topologisch entgegengesetzt?

Im Folgenden möchte ich das Verhältnis der Innerlichkeit und Äußerlichkeit einer Figur weiter untersuchen und einen Bogen schlagen zu einem anderen (Gegensatz)Paar, dem der Kultur und Natur, da diese Aspekte häufig in einem engen Zusammenhang stehen. Anwenden möchte ich die gewonnenen Erkenntnisse auf die Figuren der Rauhen Else und des Wolfdietrichs, ergänzt durch die Analyse der Darstellungen Iweins.

2. Verhältnis von Äußerlichkeit und Innerlichkeit

Wie bereits kurz angesprochen ist die Figurendarstellung[3] in mittelalterlichen Texten eine Beschreibung in Superlativen. Hierin unterscheidet sie sich in weiten Teilen von der heutigen. Auch in der Beschreibung der inneren Zuständen der Protagonisten liegt ein Unterscheidungsmerkmal[4]. Auch werden Handlungen und Geschehnisse unter anderen Gesichtspunkten als überzeugend bzw. motiviert präsentiert. Ein weiterer Unterschied ist die Darstellung der Figuren.

In der zeitgenössischen Literatur wird man kaum eine Beschreibung einer Figur finden, die diese über alle anderen hebt und über jeden Zweifel erhaben macht bzw. den Bösen als schlechthin und absolut verachtenswert darstellt. In der modernen Literatur wird der Fokus auf Vielschichtigkeit und realistischere Charakterdarstellungen gelegt. Dies gilt natürlich weder für jedes Genre, noch für jede Epoche. Man muss jedoch ein mit dem 'dicken Pinsel' ans Werk gehen, um eine so klare Unterscheidung zu zeichnen. Für meine weiteren Ausführungen sollten diese Besonderheiten der mittelalterlichen Literatur jedoch genug von heutiger Literatur abgezeichnet sein.

Die überhöhende Form der Figurenbeschreibung trifft auf die (literarische) Vorstellung, der Parallelität von Außen und Innen. In dieser Vorstellung ist eine schöne Person eine gute Person, ein hässliches Wesen ein schlechtes. Diese Perspektive wird als Kalokagathia[5] bezeichnet. Martínková unterscheidet drei mögliche Interpretationen des Begriffs, jeweils abhängig von der Übersetzung der griechischen Herkunftsbegriffe. Diese möchte ich kurz erwähnen.

Zum einen kann man den Begriff Kalokagathia als ein harmonisches Zusammenspiel von Körper und Geist interpretieren. Diese Harmonie bzw. Einheit „is achieved by the harmonious development of the whole person.“[6] Betont werden hierbei die Ganzheit der Person und der Erziehungsaspekt, der in der (Persönlichkeits)Entwicklung eine tragende Säule darstellt.

Zum anderen kann man den Fokus auf das menschliche Gut- und Schön-Sein legen und somit fragen: „What is a beautiful and good human being?“[7] Diese Frage wird laut Martínková meist als zu komplex verworfen und in zwei Fragen aufgeteilt, die sich einzeln mit dem ästhetischen bzw. dem moralischen Aspekt beschäftigen. Diese Trennung widerspricht jedoch dem Kalokagathia-Gedanken der Einheit beider Sphären.

Als dritte Deutung legt die Autorin eine weniger gängige vor: Hier werden nicht zwei Adjektive ,schönʻ und ,gutʻ betrachtet, sondern zwei Substantive ,Schönheitʻ und ,Gutheitʻ. Diese (scheinbar) grundlegendere Perspektive ist aufgrund der Analyse der Vorannahmen, die wir in unseren Werturteilen voraussetzen, durchaus interessant.

Ich möchte diese drei Perspektiven nicht weiter ausführen, jedoch noch zusammenfassend sagen, dass man den Begriff der Kalokagathia – zumindest in Bezug auf das antike Griechenland – mit dem Unterbau der Erziehung, der Anthropologie und der Ontologie verstehen und deuten kann. Deutlich wird in allen Fällen, dass eine Dualität angenommen wird, der es gerecht zu werden gilt. „Besonders in der ritterlichen Kultur erwartet man […] vom Helden, daß er gut, (wenn männlich) tapfer, aber zugleich schön ist“[8].

Die bisherigen Ausführungen haben sich auf positiv gezeichnete Figuren bezogen. Man kann die Vorstellung einer Zusammengehörigkeit von äußerer und innerer Qualität jedoch auch bei den negativ konnotierten Charakteren finden. So sind die Gegenspieler der Helden häufig nicht nur böse, sondern entsprechen körperlich bzw. äußerlich nicht dem höfischen Schönheitsideal.

Der Schluss von äußerlichen auf innere Eigenschaften funktioniert demnach auch bei negativen Attributen[9]. So wird „erkennbar, wie das Schöne in der mittelalterlichen Literatur zusammen mit dem Erhabenen an das sittlich Gute und das Häßliche zusammen mit dem Komischen an das sittlich Böse gebunden sind.“[10]

[...]


[1] Zitate aus Quellenwerken markiere ich im Fließtext, andere Literatur in den Fußnoten.

[2] „Daß die Schönheit der besungenen und beschriebenen Damen auch alle anderen Qualitäten bedeutet, ist stillschweigend vorausgesetzt oder ausdrücklich postuliert – oder umgekehrt gesagt: auch die ,güeteʻ einer Frau ist oft nichts anderes als ihre ästhetisch-erotische Ausstrahlung.“ Max Wehrli, Literatur im deutschen Mittelalter. Reclam, Stuttgart 1984, S. 157.

[3] „Durch Idealisierung, d.h. Auswahl und Ergänzung, vermag die Dichtung das Schöne reiner auszuprägen, als es in der Natur gegeben ist; in ihr erweist sich der Dichter als Schöpfer.“ Hennig Brinkmann, Schönheitsauffassungen und Dichtung vom Mittelalter bis zum Rokoko, in: ders. (Hg.), Studien zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur. Pädagogischer Verlag Schwann, Düsseldorf 1966, Bd. 2, S. 293.

[4] „Die unterschiedliche Darstellung, [sic!] der ,Naturʻ verweist auf eine Komplexität, die den Zeitgenossen selbst bewußt ist, aber nicht wie in der Neuzeit darstellbar erscheint als psychologische Mehrdimensionalität des Einzelhelden. Für die Darstellungsmöglichkeiten des Mittelalters ist die Komplexität am ehesten thematisierbar dadurch, daß sie auseinandergelegt wird in unterschiedliche Personen oder zugeordnet wird verschiedenen Zustandszeiten einer Person, ihrem Auftreten auf verschiedenen Schauplätzen.“ Horst Wenzel, Ze hove und ze holze – offenlîche und tougen, in: Gert Kaiser &Jan-Dirk Müller (Hg.), Höfische Literatur, Hofgesellschaft, höfische Lebensformen um 1200. Droste, Düsseldorf 1983, S. 284.

[5] Der Begriff leitet sich ab aus kalos – schön und agathos – gut und „drückt damit den doppelten Aspekt des Ästhetischen und Ethischen aus, unter dem die Griechen die menschliche Trefflichkeit zu betrachten pflegen.“ Klaus-Dieter Zacher, Kalokagathia, in: Peter Prechtl &Franz-Peter Burkhard (Hg.), Metzler Lexikon Philosophie, Metzler, Stuttgart 20083, S. 285.

[6] Irena Martínková, Three Interpretations of Kalokagathia, in: Peter Mauritsch (Hg.), Körper im Kopf. Antike Diskurse zum Körper. Grazer Universitätsverlag, Graz 2010 , S. 19.

[7] Ebd., S. 23.

[8] Roberto De Pol, Urjâns ''ungehiure''. Überlegungen zur Sein-Schein-Problematik und zur Kalokagathie bei Wolfram, in: Prospéro, Bd. 7, 2000, S. 57.

[9] Wie es im Laufe der Arbeit genauer bei der Figur der Rauhen Else, in der B Version des Wolfdietrichs, deutlich wird.

[10] Rupprecht Rohr, Die Schönheit des Menschen in der mittelalterlichen Dichtung Frankreichs, in: Theo Stemmler (Hg.), Schöne Frauen – schöne Männer. Literarische Schönheitsbeschreibungen. Gunter Narr, Tübingen 1988, S. 90.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Kultur und Natur in der Figurenbeschreibung des Innen und Außen
Untertitel
Am Beispiel der Rauhen Else, des Wolfdietrich und Iwein
Hochschule
Universität Stuttgart
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
13
Katalognummer
V271102
ISBN (eBook)
9783656631019
ISBN (Buch)
9783656630999
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kultur, natur, figurenbeschreibung, innen, außen, beispiel, rauhen, else, wolfdietrich, iwein
Arbeit zitieren
Lisa Atzler (Autor), 2013, Kultur und Natur in der Figurenbeschreibung des Innen und Außen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271102

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