Ziel dieser Arbeit ist es nicht, eine Auflistung von Schlachten und Fakten über den Einsatz afrikanischer
Soldaten im Ersten Weltkrieg zu unternehmen, sondern vielmehr die Debatte um die
Möglichkeiten, Gefahren und Legitimation solch eines Einsatzes darzustellen. So spiegelt diese Arbeit
den Wandel innerhalb der militärgeschichtlichen Forschung wieder, weg von einer oft glorifizierenden
Schlachtenerzählung hin zu einer komplexen Darstellung des Wirkens militärischer Auseinandersetzungen
auf die gesamte Gesellschaft, Politik und Kultur der jeweiligen Kriegsteilnehmer und neutralen
Länder.
Neben der Hauptfrage, wie konkret die Polemik verlief, also mit welchen Argumentationen
und Hilfsmitteln die Kontrahenten operierten, werden Fragen die die Akteure und ihre Motive, aber
auch ihre Vorstellungswelt und Wertorientierung betreffen, aufgeworfen. Was haben bestimmte
Konzepte, wie die der „deutschen Wehrfamilie“ oder des „Volkes unter Waffen“ auf sich, und wie
wirkten sie bezüglich der Kolonialtruppendiskussion? Welchen Stellenwert hatten die Eugenik (Rassenhygiene)
und der Rassismus in der Vorstellungswelt eines Westeuropäers im 18., 19. und 20. Jh.?
Welches Bild des Schwarzafrikaners herrschte zu dieser Zeit? War dieses Bild einheitlich oder vielfältig
und welchem Wandel unterlag es? Welche Bedeutungen hatten sowohl die Technisierung des
Krieges, der Militarismus und das Auftreten der (Kriegs)Propaganda am Vorabend des Ersten Weltkrieges
auf die europäische Gesellschaft?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Das Umfeld der Debatte: Rassismus, Kolonialismus, Nationalismus und Geschlecht
1.1 Rassismus und Wissenschaft im Europa des 18. Und 19. Jh.
1.1.1 Die „Verwissenschaftlichung“ des Rassenbegriffs
1.1.2 Das Bild des Schwarzafrikaners in der europäischen Öffentlichkeit des 18. Jh.
1.2 Die europäische Kolonialpolitik bis zum Vorabend des Ersten Weltkrieges
1.2.1 Die „Zivilisierungsmission“
1.2.2 Die Politik der Dissimilation
1.3 Eugenik
1.3.1 Biologismus und bürgerliche Gesellschaft
1.3.2 Kolonialismus und Eugenik
1.3.3 Militarismus und Eugenik
1.4 Nationalismus und Militarismus
1.4.1 Die „Geburtenfrage“
1.4.2 Nationalismus und Militarismus im Deutschen Reich
1.4.3 Nationalismus und Militarismus im Frankreich der III. Republik
1.5 Die französischen kolonialen Truppen zwischen 1914 und 1918
1.5.1 Zahlen und Zusammensetzung
1.5.2 Rekrutierung
II. Der „Aufruf der 93“ und die „Schwarze Schande“: die deutsche Vision vom „Ende des Abendlandes“
2.1 Völkerrecht und Kolonialtruppendiskussion
2.1.1 Kurze geschichtliche Skizze des Völkerrechts
2.1.2 Stellung und Bewertung der Kolonialtruppen durch das Völkerrecht
2.1.3 Deutsche Intervention in der Frage der Kolonialtruppen
2.2 Der „Aufruf der 93“: ein Appell an die Kulturwelt!
2.2.1 Das politische Manifest
2.2.2 Das „Manifest der 93“: Autorenschaft, Ziele und Inhalt
2.2.3 Die Reaktion des Auslands
2.3 Die „Schwarze Schande“: Propaganda gegen die Besatzung des Rheinlandes
2.3.1 Die Rheinlandbesatzung durch Frankreich – Ursache, Verlauf, Auswirkungen
2.3.2 Die Akteure der „Schwarze Schande“
2.3.3. Die „Schwarze Schande“
III. „Grande nation“ und „Force noire“: Frankreichs „zivilisatorische Mission“
3.1 „La culture coloniale“ – Selbstverständnis einer kolonialen Macht
3.1.1 Das zivilisatorische Sendungsbewusstsein der „grande nation“ in seine Kolonien
3.1.2 Kolonialer Alltag in Frankreich – zur kolonialen Durchdringung der französischen Gesellschaft
3.2 Die „Force noire“ des Generals Mangin
3.2.1 Von der Person des Generals Mangin
3.2.2 Konzept der Force noire
3.2.3 Kritik des Einsatzes kolonialer Soldaten in Frankreich am Beispiel der Force noire
3.3 Französische Antworten auf die „Schwarze Schmach“
3.3.1 Die „Weiße Schande“
3.3.2 Die militärische und kulturelle Aufwertung der „Tirailleurs sénégalais“
3.3.3 Die Wahrnehmung der Kolonialsoldaten als einzelne Individuen
Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert vergleichend die deutsche und französische Debatte über den Einsatz afrikanischer Soldaten im Ersten Weltkrieg und während der Rheinlandbesetzung. Das zentrale Ziel ist es, die moralische, rechtliche und rassistische Dimension dieser Debatte innerhalb des Spannungsfeldes zwischen militärischer Notwendigkeit und propagandistischer Stigmatisierung darzustellen.
- Rassismus und Eugenik in der europäischen Gesellschaft des 19. und frühen 20. Jahrhunderts
- Die deutsche Kampagne gegen die „Schwarze Schmach“ und deren Instrumentalisierung
- Das französische Konzept der „Force noire“ und die „zivilisatorische Mission“
- Die Rolle der Propaganda und Gegenpropaganda im Ersten Weltkrieg und der Zwischenkriegszeit
- Völkerrechtliche Argumentationen zum Einsatz kolonialer Soldaten
Auszug aus dem Buch
Die „Verwissenschaftlichung“ des Rassenbegriffs
Laut Wolkenhorst war „der Rekurs auf Rassentheorien ein transnationales Phänomen, das im späten 19. Jahrhundert in allen industrialisierten Gesellschaften an Einfluß gewann“, wobei sich in ihm „keine Rückkehr zu einem vormodernen, archaischen Weltbild manifestierte, sondern die Suche nach einem neuen, wissenschaftlich abgesicherten Wissen von Politik und Gesellschaft“. Im Rassenbegriff verbanden sich freilich zwei verschiedene semantische Traditionen: eine kulturphilosophisch-anthropologische und eine naturwissenschaftlich-biologistische. Für die erste deutlich ältere Leseart war der kulturelle und nicht der biologische Aspekt entscheidend für die „rassische“ Eigenart einer Gruppierung. Die zweite Leseart war hingegen eng mit der Vorstellung von der „Reinheit des Blutes“ verbunden und wurde durch den französischen Diplomat Arthur Comte de Gobineau in seinem „Essai sur l’Inégalité des Races“ zu einer universalhistorischen Theorie zusammengefasst.
Die zwei unterschiedlichen Deutungen von „Rasse“ lassen sich wiederum auf den Gegensatz zwischen dem Monogenismus und dem Polygenismus zurückführen. Die Anthropologie der Aufklärung stellte alle Anthropologen vor die schwierige Frage, wie sich die aus dem Naturrecht abgeleitete prinzipielle Einheit und Gleichheit der Menschheit mit dem, inzwischen empirisch beobachteten, physischen Unterschieden zwischen den Menschen erklären ließ. Anhänger des Monogenismus glaubten an eine gemeinsame Abstammung aller Menschen. Die kulturelle Pluralität wurde vorzugsweise durch die verschiedenen natürlichen Umweltbedingungen, denen die Menschen ausgesetzt waren, erklärt, und nicht aus unveränderlichen, vererbbaren biologischen Merkmalen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema ein, indem sie die rassistische und nationale Dimension der Diskussion um koloniale Besatzungstruppen im Rheinland beleuchtet und das Ziel der Arbeit als vergleichende Analyse dieser Debatte definiert.
I. Das Umfeld der Debatte: Rassismus, Kolonialismus, Nationalismus und Geschlecht: Dieses Kapitel skizziert die wissenschaftlichen und ideologischen Rahmenbedingungen wie Eugenik und Nationalismus, die das Bild des Schwarzafrikaners in Europa maßgeblich prägten.
II. Der „Aufruf der 93“ und die „Schwarze Schande“: die deutsche Vision vom „Ende des Abendlandes“: Hier wird die deutsche Perspektive analysiert, wobei der Fokus auf völkerrechtlichen Argumenten und der propagandistischen Kampagne gegen die Rheinlandbesatzung liegt.
III. „Grande nation“ und „Force noire“: Frankreichs „zivilisatorische Mission“: Das Kapitel untersucht die französische Sichtweise, das Konzept der „Force noire“ von General Mangin sowie die Bemühungen, das Bild der afrikanischen Soldaten militärisch und kulturell aufzuwerten.
Zusammenfassung und Ausblick: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse, die unterstreicht, wie der Einsatz kolonialer Soldaten die Identität und das Selbstverständnis der europäischen Kolonialmächte beeinflusste und wie die Debatte als Instrument nationaler Politik fungierte.
Schlüsselwörter
Schwarze Schmach, Force noire, Kolonialtruppen, Rassismus, Eugenik, Erster Weltkrieg, Rheinlandbesetzung, Propaganda, Französische Kolonialpolitik, Nationalismus, Völkerrecht, Zivilisierungsmission, Militarismus, General Mangin, Tirailleurs sénégalais.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die deutsch-französische Kontroverse um den Einsatz afrikanischer Soldaten auf dem europäischen Kriegsschauplatz zwischen 1910 und 1925, insbesondere im Kontext der Rheinlandbesetzung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind Rassismus, Kolonialismus, Militarismus und Nationalismus. Zudem werden die Rolle der Propaganda sowie die ideologische Konstruktion von Fremd- und Feindbildern detailliert behandelt.
Was ist das primäre Ziel der Bachelorarbeit?
Ziel ist es, die Argumentationsmuster beider Seiten im Spannungsfeld zwischen Propaganda und Fakten aufzuzeigen und zu analysieren, wie der Einsatz kolonialer Soldaten für nationale Interessen instrumentalisiert wurde.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit verfolgt einen vergleichend-analytischen Ansatz. Dabei werden unterschiedliche Quellengattungen wie Manifeste, offizielle Regierungsdokumente, zeitgenössische Sachbücher sowie kulturelle Zeugnisse (Karikaturen, Medaillen) herangezogen.
Welche Inhalte werden schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des ideologischen Umfelds, die detaillierte Analyse der deutschen Kampagne „Schwarze Schmach“ sowie die Auseinandersetzung mit der französischen „zivilisatorischen Mission“ und dem Konzept der „Force noire“.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Forschungsarbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie „Schwarze Schmach“, „Force noire“, rassistische Stereotypisierung, koloniale Akkulturation und die mediale Inszenierung von Feindbildern geprägt.
Welche Rolle spielte General Mangin bei der Umsetzung der „Force noire“?
Als wesentlicher Vordenker und Publizist entwarf Mangin das Konzept der afrikanischen Armee. Er sah in den Kolonialsoldaten ein unendliches Reservoir an Menschenmaterial, das notwendig sei, um den demographischen Schwächen Frankreichs entgegenzuwirken.
Wie reagierte die französische Seite auf die deutschen Vorwürfe?
Frankreich setzte auf eine „Gegenpropaganda“, die die angeborene „Zahmheit“ und „Erziehbarkeit“ der Soldaten betonte, sie militärisch und kulturell aufwertete und versuchte, die Schuld für sexuelle Übergriffe auf die „Moral“ der deutschen Frauen umzulenken.
- Arbeit zitieren
- B.A. Mohamet Traore (Autor:in), 2013, „Force noire“ und „Schwarze Schmach“. Die Debatte über den Einsatz afrikanischer Soldaten in Deutschland und Frankreich, 1910-1925, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271134