Im Rahmen dieser Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, welche Rolle Kompetenzfeststellungsverfahren
im Übergang Schule / Beruf von Menschen mit Lernschwierigkeiten spielen.
Der Übergangsbereich von der Schule ins Berufsleben ist von herausragender Bedeutung für die
selbstbestimmte Teilhabe an der Gesellschaft von Menschen mit Behinderungen. Eine Teilhabe am
Arbeitsleben kann nicht nur eine finanzielle Unabhängigkeit von staatlicher Fürsorge bewirken,
sondern auch ein Selbstbewusstsein und gesellschaftliche Zugehörigkeit.
In den letzten zwanzig Jahren hat sich ein Paradigmenwechsel in der Behindertenpolitik – und so
auch im Bereich des Arbeitslebens - vollzogen. Im Zuge dessen wurde der bisherige Ansatz von
Fürsorge und Ausgrenzung von Menschen mit Behinderungen durch ein Bestreben um Selbstbestimmung
und Teilhabe abgelöst.
Diese Bestrebungen wurden sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene rechtlich verankert:
So trat in Deutschland am 01.07.2001 eine Neuauflage des SGB IX in Kraft und am
01.05.2002 wurde das Bundesgleichstellungsgesetz verabschiedet.
International wurde dieser Paradigmenwechsel mit der Verabschiedung des Übereinkommens der
Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen am 13.06.2006 rechtlich verankert.
Seit dem 29.03.2009 besitzt diese Konvention auch für Deutschland Gültigkeit.
Auch diese gesetzlichen Neuerungen sorgten für Veränderungen bezüglich der Selbstbestimmung
und Teilhabe von Menschen mit Behinderung in allen Bereichen gesellschaftlichen Lebens, auch im
Bereich des Arbeitslebens.
Mit den Maßnahmen zur beruflichen Rehabilitation von Menschen mit Behinderungen wird nach
dem SGB IX das Ziel verfolgt, Menschen mit Behinderung eine selbstbestimmte Teilhabe am Arbeitsleben
zu ermöglichen. Um dieses Ziel zu erreichen, setzt der durchführende Rehabilitationsträger
– in der Regel die Agentur für Arbeit – verschiedene Kompetenzfeststellungsverfahren ein. Diese
Kompetenzfeststellungsverfahren nehmen somit eine entscheidende Rolle für den beruflichen Werdegang von Menschen mit Lernschwierigkeiten. Unklar ist, in welcher Weise die Kompetenzfeststellungsverfahren
diese Rolle ausfüllen.[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Wie man behindert wird
1.1 Modelle von Behinderung
1.2 Definitionen von Behinderung
1.3 Begriffserklärungen
1.3.1 Lernbehinderung
1.3.2 Geistige Behinderung
1.3.3 Menschen mit Lernschwierigkeiten
2. Selbstbestimmung und Teilhabe am Arbeitsleben für Menschen mit Lernschwierigkeiten
2.1 Begriffsbestimmung und Entwicklung von Selbstbestimmung und Teilhabe
2.1.1 Selbstbestimmung
2.1.2 Teilhabe
2.2 Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen
2.3 Das Sozialgesetzbuch IX
3. Das System der beruflichen Rehabilitation und Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben im Übergang Schule / Beruf
3.1 Kompetenzfeststellungsverfahren im System der beruflichen Rehabilitation
3.1.1 Begriffserklärungen
3.1.2 Kompetenzfeststellungsverfahren
3.2 Aufbau des Systems der beruflichen Rehabilitation
3.2.1 Berufsorientierung
3.2.2 Berufsvorbereitung
3.2.3 Berufsausbildung
3.2.4 Berufstätigkeit
3.3 Schlussfolgerungen
4. Der Ansatz der Unterstützten Beschäftigung
4.1 Definition und Entstehung
4.2 Grundsätze und Ziele
4.3 Phasen und Methoden
4.4 Die Maßnahme
4.5 Darstellung des Forschungsstands
5. Praxisbezogene Forschung
5.1 Qualitative Forschung
5.2 Qualitative Interviews
5.2.1 Leitfaden-Interview
5.2.2 Experteninterview
5.2.3 Leitfaden
5.3 Durchführung der praxisbezogenen Forschung
5.3.1 Sampling
5.3.2 Beschreibung der untersuchten Fachdienste
5.3.3 Auswahl der Interviewsituationen
5.3.4 Interviewverläufe
5.4 Auswahl der Auswertungsmethode
5.4.1 Qualitative Inhaltsanalyse
5.4.2 Zusammenfassende Inhaltsanalyse
5.4.3 Induktives Kategoriensystem
6. Ergebnis der Forschung
6.1 Zusammenfassung der Interviewergebnisse
6.2 Theoriegeleitete Diskussion
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle von Kompetenzfeststellungsverfahren im Übergang von der Schule in das Berufsleben für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie diese Verfahren zu einer selbstbestimmten Teilhabe am Arbeitsleben beitragen können und inwiefern sie förderlich oder hinderlich wirken.
- Paradigmenwechsel in der Behindertenpolitik (von Fürsorge zu Selbstbestimmung)
- Strukturen der beruflichen Rehabilitation in Deutschland
- Ansätze und Methoden der Unterstützten Beschäftigung
- Einsatz und kritische Reflexion von Kompetenzfeststellungsverfahren
- Qualitative Analyse der Perspektiven von Experten und Betroffenen
Auszug aus dem Buch
1.1 Modelle von Behinderung
Im deutschsprachigen Raum haben sich bislang vor allem Rehabilitationswissenschaften wie Medizin, Psychologie, Heil- und Sonderpädagogik mit dem Phänomen der Behinderung befasst. Behinderung wird aus Sicht dieser Professionen unter dem Fokus der körperlichen Schädigung bzw. Anomalie betrachtet, welche es zu therapieren, zu lindern und zu beseitigen gilt. (vgl. Waldschmidt 2005: 9) Eine Alternative zu dieser Herangehensweise lässt sich in den Disability Studies finden, einer interdisziplinären Forschungsrichtung, welche in den 1980er Jahren unter dem Einfluss behinderter Wissenschaftler_innen in den USA und Großbritannien entstanden ist. Seit Anfang 2000 gewinnen die Disability Studies auch in Deutschland zunehmend an Bedeutung und bieten die Möglichkeit, Behinderung unter einer veränderten Sichtweise, die von Geistes- Sozial- und Kulturwissenschaften geprägt ist, zu betrachten (vgl. Waldschmidt 2005: 10ff.). In diesem Rahmen sind drei Modelle von Behinderung entstanden, welche im Folgenden skizziert werden.
Das individuelle Modell von Behinderung ist in den 1970er und 1980er Jahren im Zuge eines Ausbaus des Rehabilitations- und Gesundheitswesens entstanden. Man ging davon aus, dass Menschen mit Behinderung durch medizinische und psychiatrische Behandlung soweit wie möglich an ihre Umwelt angepasst und in den Arbeitsmarkt eingegliedert werden könnten. „Rehabilitationsparadigma“ (Waldschmidt 2005: 15) verbreitete sich weltweit und ist bis heute noch die vorherrschende Perspektive. Auf der Basis dieses Ansatzes entwickelte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1980 die Classification of Impairments, Disabilities and Handicaps (ICIDH). Hier wurde zwischen Schädigung (impairment), Beeinträchtigung (disability) und Benachteiligung (handicap) unterschieden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Wie man behindert wird: Dieses Kapitel stellt verschiedene theoretische Modelle von Behinderung dar und analysiert die historische Entwicklung der Begrifflichkeiten in Deutschland.
2. Selbstbestimmung und Teilhabe am Arbeitsleben für Menschen mit Lernschwierigkeiten: Das Kapitel erläutert die Begriffe Selbstbestimmung und Teilhabe sowie deren rechtliche Verankerung durch die UN-Konvention und das SGB IX.
3. Das System der beruflichen Rehabilitation und Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben im Übergang Schule / Beruf: Hier werden die Struktur der beruflichen Rehabilitation, verschiedene Kompetenzfeststellungsverfahren und der Aufbau der Rehabilitationsbereiche detailliert beschrieben.
4. Der Ansatz der Unterstützten Beschäftigung: Dieses Kapitel widmet sich dem innovativen Konzept der Unterstützten Beschäftigung, dessen Entstehung, Ziele und spezifische Methoden (wie die Persönliche Zukunftsplanung).
5. Praxisbezogene Forschung: Hier wird das methodische Vorgehen der qualitativen Studie erläutert, inklusive der Interviewgestaltung, Sampling-Strategien und der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring.
6. Ergebnis der Forschung: Dieses Kapitel präsentiert die Ergebnisse aus den Experteninterviews und diskutiert diese auf Basis der theoretischen Grundlagen.
7. Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Erkenntnisse der Arbeit zusammen und gibt Ausblicke auf notwendige Entwicklungen in der Praxis und Forschung.
Schlüsselwörter
Berufliche Rehabilitation, Kompetenzfeststellung, Selbstbestimmung, Teilhabe, Unterstützte Beschäftigung, Lernschwierigkeiten, Inklusion, Arbeitsmarkt, Qualitative Forschung, Menschen mit Behinderung, Übergang Schule Beruf, Integrationsfachdienste, Berufsorientierung, Diagnose, Arbeitsassistenz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Rolle von Kompetenzfeststellungsverfahren beim Übergang junger Erwachsener mit Lernschwierigkeiten von der Schule in das Berufsleben und deren Auswirkungen auf die selbstbestimmte Teilhabe.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft theoretische Konzepte von Behinderung mit den praktischen Strukturen der beruflichen Rehabilitation in Deutschland und untersucht den Ansatz der Unterstützten Beschäftigung als Alternative zur Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM).
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, welche Rolle Kompetenzfeststellungsverfahren im Übergangsbereich Schule/Beruf für Menschen mit Lernschwierigkeiten spielen und inwieweit diese Verfahren förderlich für eine selbstbestimmte Teilhabe am Arbeitsleben sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer qualitativen Forschungsmethode, bei der Experteninterviews mit Mitarbeitern von Integrationsfachdiensten und deren Klienten geführt und mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erstreckt sich von der theoretischen Modellbildung über die Beschreibung der Rehabilitationssysteme (inklusive Kompetenzdiagnostik) bis hin zur empirischen Untersuchung des Ansatzes der Unterstützten Beschäftigung und der Darstellung der Forschungsergebnisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Kernbegriffen gehören Berufliche Rehabilitation, Kompetenzfeststellung, Selbstbestimmung, Unterstützte Beschäftigung und Teilhabe am Arbeitsleben.
Wie unterscheidet sich die "Unterstützte Beschäftigung" vom klassischen Werkstattmodell?
Während klassische Werkstattmodelle oft in segregierten Strukturen stattfinden, zielt die Unterstützte Beschäftigung auf eine individuelle betriebliche Qualifizierung und Integration direkt auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt unter Nutzung von Unterstützungsleistungen wie Arbeitsassistenz ab.
Welche Rolle spielt die Kompetenzdiagnostik in den untersuchten Fachdiensten?
Die Kompetenzdiagnostik wird genutzt, um Stärken und Förderbedarfe zu ermitteln und potenzielle Arbeitsbereiche zu identifizieren, wobei in der Praxis ein Spannungsfeld zwischen standardisierten Testverfahren und individuell-praxisorientierten Erprobungsphasen besteht.
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- Anna-Paula Kellner (Author), 2012, Diagnosen festschreiben oder Vielfalt stärken, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271205