Die Interdependenz von Plattenlabel, Produktionsfirma und Musiksender bei der Herstellung eines Musikvideos


Diplomarbeit, 2004

97 Seiten, Note: 1 / sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Definitionen

Einleitung

1 Geschichte - Die Vorläufer des Musikvideos
1.1 Visuelle Musik
1.2 Promotional Films

2 Klassifikation - Die Einteilung nach Inhalt und Aufbau
2.1 Verschiedene Musikvideo-Modelle
2.2 Ausdrucksmittel verschiedener Musikrichtungen
2.3 Das Genre und seine Verwandten
2.3.1 Musikvideo-Ästhetik
2.3.2 Pastiche und Parodie - Der Bezug zum Kino

3 Rezeption - Die Wirkung von Musikvideos
3.1 Die Menschliche Wahrnehmung
3.2 Das Zusammenspiel von Bild und Ton
3.3 Nutzung von Musikfernsehen durch Jugendliche
3.4 Jugendsubkulturen und die Auswirkung von Musikvideos auf das soziale Verhalten
3.5 Kommerzialisierung und Standardisierung

4 Produktion - Die Herstellung eines Musikvideos
4.1 Der Künstler
4.2 Die Plattenfirma
4.2.1 Die Rolle der Plattenfirma bei der Produktion eines Musikvideos
4.2.2 Musik-Marketing - Der richtige Medien-Mix bringt den Erfolg
4.2.3 Die aktuelle Krise in der Musikbranche
4.3 Die Produktionsfirma
4.3.1 Produktionsablauf
4.3.2 Regisseure und Produzenten
4.3.3 Visuelle Umsetzung von Musik
4.4 Der Musiksender
4.4.1 Die Geschichte von MTV
4.4.2 Musikfernsehen in Deutschland
4.4.3 Musiksender als Gatekeeper

5 Fazit

I Literaturverzeichnis

II Anhang
a.) Protokoll des Interviews mit Verus von Plotho
b.) Protokoll des Interviews mit Mara Ridder

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Typen von Musikvideos

Abbildung 2: Madonna "Frozen"

Abbildung 3: The Prodigy "Smack my bitch up"

Abbildung 4: Vase oder Gesicht

Abbildung 5: Intention, Mittel, Wirkung von Musikvideos

Abbildung 6: konstante Aufmerksamkeitsanteile

Abbildung 7: absoluter Betrag der Aufmerksamkeitszuwendung

Abbildung 8: drei Arten der Visualisierung von Musik

Abbildung 9: Produktionsweg eines Musikvideos

Abbildung 10: Michael Jackson "Thriller"

Abbildung 11: Madonna "True Blue"

Abbildung 12: Björk "It´s oh so quiet"

Abbildung 13: Madonna "Vogue"

Abbildung 14: Deep Forest "Sweet Lullaby"

Abbildung 15: Nine Inch Nails "Closer"

Abbildung 16: Matchbox 20 "Push"

Abbildung 17: Nirvana "Heart Shaped Box"

Definitionen

A & R

Abkürzung für Artists and Repertoire: kennzeichnet den Bereich innerhalb der Medienindustrie, besonders in der Schallplattenindustrie, in dem Künstler und Titel mit anderen Kreativfaktoren (Musiker, Produzenten, Verlage etc.) zu einem neuen Produkt miteinander in Verbindung gebracht werden.1

Abstrakter Film

Nichtnarrative Filmform, bei der vorwiegend nichtgegenständliche Bildelemente, z.B. Streifen, Flächen, Farben, rhythmisch angeordnet, eine eigene ästhetische Qualität erhalten.

Absoluter Film

Nichtnarrative Filmform, bei der Bilder realer Gegenstände, losgelöst von ihren normalen Zusammenhängen, oft rhythmisch montiert, verwendet werden, auch Visuelle Musik oder "cinéma pur" genannt.

Avantgarde

Künstler oder Künstlergruppen, die eine neue Kunst- oder Stilrichtung maßgeblich entwickeln, meist in scharfer Opposition zu herkömmlichen Strömungen. Der Begriff stammt von dem französischen Wort für „Vorhut”, also aus dem militärischen Bereich, und wird vor allem im Zusammenhang mit den sich rasch entfaltenden Strömungen der modernen Kunst des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts gebraucht. Er wird aber auch häufig auf entsprechende Bewegungen in der Literatur (...), der Musik (...), der Architektur, dem Film, der Philosophie etc. übertragen. Die Durchsetzung avantgardistischer Strömungen war meist von ästhetischen und kunsttheoretischen Reflexionen und Diskussionen begleitet. Mit dem Entstehen der Postmoderne ist der Avantgardebegriff stark verblasst.2

Marketing

Der Begriff "Marketing" bezeichnet alle unternehmerischen Maßnahmen, die darauf abzielen, den Absatz, d.h. den Verkauf eines Produktes zu fördern. Dafür sind so genannte Marketinginstrumente wie Produktpolitik, Preispolitik, Kommunikationspolitik und Vertriebspolitik notwendig.3

Metapher

Griechisch: metapherein = übertragen; bildhafter Ausdruck für einen Gegenstand oder einen abstrakten Begriff, der eigentlich einen verkürzten Vergleich beinhaltet und von den Eigenschaften dieses Gegenstands ausgeht, z. B. Flussarm, Wolkenbruch.4

Metonymie

Griechisch: metonymia = Umbenennung; Ersetzung eines Wortes oder Ausdrucks durch ein anderes, das in räumlicher, logischer, kausaler oder irgendeiner anderen Beziehung dazu steht. Beispiel: „Das Restaurant hat eine ausgezeichnete Küche” - gemeint ist, es bietet ein gutes Essen.5

Musikvideo

Musikvideos sind Filme von etwa drei bis fünf Minuten Länge, in denen ein Musikstück von einem Solointerpreten oder einer Gruppe in Verbindung mit unterschiedlichsten visuellen Elementen präsentiert wird.6 Es dient zur Illustrierung und Vermarktung eines Pop-Songs.7

Narrativ

Erzählend, berichtend8

Packaging

Marketingstrategie, deren Ziel es ist, in einer Vielzahl von Medien auf unterschiedliche Art für ein Produkt oder einen Künstler zu werben. Wird zum Beispiel eine neue CD beworben, tritt der Künstler in Unterhaltungsshows als Gast oder Performer auf, gibt Konzerte, es werden Werbeverträge abgeschlossen, es gibt Merchandising-Produkte, erfundene Skandale zu PR-Zwecken, usw.

Parodie

Ironische Darstellung einer Präsentation, die kritisch aus der Distanz betrachtet wird. Verwendete Techniken sind Selbstbezugnahme, Inkongruenz, Diskrepanz und Simulation, bzw. Täuschung.9 Bei der Parodie werden sowohl das Thema als auch die Figuren der Vorlage stark verändert oder vollkommen abgewandelt, doch der Stil der Vorlage dort übernommen, wo die strikte Beibehaltung der kennzeichnenden Formmerkmale das Werk schnell ins Lächerliche zieht.10

Pastiche

Bilder, die bekannte Stars, Momente der Kinogeschichte und Darstellungskonventio- nen zitieren.11 Dabei wird beim Adressaten die Kenntnis der nachgeahmten Vorlage vorausgesetzt.

Performance

Live stattfindende künstlerische Darbietung oder Handlung;12 bei einem Musikvideo ist damit die musizierende Band, der singende Künstler oder einer oder mehrere auftretende Tänzer gemeint.

Pitch

Bei der Auftragsvergabe für ein Musikvideo werden mehrere Produktionsfirmen aufgefordert, ein Konzept und ein Angebot vorzulegen, das heißt, zu pitchen. Der günstigste Anbieter oder die beste Idee bekommt dann den Zuschlag.

Postmoderne

Ende der fünfziger Jahre geprägter unscharfer Begriff der Kultur- und Kunsttheorie, der eine Distanzierung zeitgenössischer Künstler von den ästhetischen Verfahren der Moderne beinhaltet. (...) Charakteristisches Element der Postmoderne ist ein extremer Stilpluralismus, der - etwa in der Architektur - oftmals in einer Anhäufung von Zitaten verschiedenster Kunstperioden kulminiert. Der Grundsatz, dass in Literatur, Film, Architektur und bildender Kunst nichts Neues mehr zu schaffen sei (...), führt hier zum spielerischen Umgang mit vorhandenem Material.13

Promotion

„Die arbeitsmäßigen Bemühungen, als deren Ergebnis am Ende Aufführungen eines bestimmten Tonträgerprodukts bzw. eines damit in Zusammenhang stehenden Videoclips in Radio- oder Fernsehprogrammen stehen, nennt man Promotion (ein aus dem Englischen ‚to promote’ = ‚voranbringen’ stammender Begriff).“14

Semi-Narrativ

Bezüglich des Darstellungsform eines Videoclips: halb Story, halb Performance

Einleitung

„ Writing about music is like dancing about architecture. It ´ s a really stupid thing to do. “

Elvis Costello

2004 feiert MTV seinen 23. Geburtstag. Rechtzeitig zum 20jährigen Bestehen drei Jahre zuvor erschien eine DVD mit den besten Musikvideos aus dieser Zeitspanne - „20 Years of MTV“. Unzählige Musikvideos wurden seit Beginn des Musikfernsehens produziert. Entstanden sind Clips aus unterschiedlichen Musikrichtungen und mit unterschiedlichen Intentionen; lustige, brutale, nachdenkliche Clips, die dem Auge schmeicheln oder beklemmende Gefühle auslösen.

Viele Musikvideos haben heute Kinostandard erreicht. Sie werden aufwendig und effektvoll, oft auch mit erfahrenen Filmschauspielern, von Regisseuren inszeniert. Es gibt Videos, die den dargestellten Künstler zu einer Art Gottheit erheben und Videos, die den Zuschauer abstoßen. So, wie gemalte, komponierte oder niedergeschriebene Kunst Geschmacksache ist, kommt es bei Musikvideos auf die jeweiligen Vorlieben des Betrachters an. Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten, über Musikvideos aber durchaus.

Spätestens seit dem Sendestart von MTV im August 1981 geriet das Genre Musikvideo immer mehr in den Mittelpunkt öffentlicher Diskussionen. Sind Musikvideos Kunst oder Kommerz? Kann man Musikclips als postmodern bezeichnen? Schadet das Gezeigte den Jugendlichen? Besonders in den 80er und 90er Jahren meldeten sich viele Kritiker zu Wort, die sich mit der Wirkung von Musikvideos, den ökonomischen Zusammenhängen und vor allem der Einordnung in die Postmoderne befassten. Viel beachtete Werke stammen unter anderem von den Autoren E. Ann Kaplan, Andrew Goodwin und Jack Banks. Bezüglich der gesellschaftlichen Akzeptanz ist seit der ersten Sendung von MTV eine positive Entwicklung zu erkennen.

Das Genre Musikvideo ist ständig in Bewegung. Jede Woche werden neue Clips auf den Musikkanälen gezeigt, ständig werden neue Techniken und Effekte ausprobiert und immer wieder erscheinen neue Künstler und Bands auf der Bildfläche, die oft nach kurzer Zeit wieder verschwunden sind. Dabei ist unbestritten, dass Musikfernsehen für Jugendliche heute zum Leben gehört wie das Radio oder das Internet. Was in den 80ern noch als Bedrohung für die Entwicklung der Jugendlichen verteufelt wurde, hat heute einen bedeutenden Einfluss auf Gesellschaft, Kunst, Kultur und Musik.

Diese Arbeit soll zeigen, wie sich das Genre Musikvideo seit seiner Entstehung inhaltlich und technisch verändert hat, welche Faktoren bei der Produktion eines Musikvideos eine tragende Rolle spielen und welche Auswirkungen die Politik der Musiksender auf die Vielfalt in der Musiklandschaft hat. Von der aktuellen Absatzkrise ist nicht nur die Musikindustrie betroffen, sondern auch die „Zulieferer“ der Musikvideos, also die Produktionsfirmen. Wohin könnte sich der ständig fließende Markt in der Zukunft orientieren?

Die Arbeit wird sich auf Literatur aus allen drei Jahrzehnten des Musikfernsehens beziehen, auf aktuelle Zeitungsberichte, ebenso wie auf Informationen aus Interviews mit Personen aus dem Musikbusiness.

1 Geschichte - Die Vorläufer des Musikvideos

Unvergessen sind die Bilder aus den 50er Jahren, als Elvis mit seinem einzigartigen Hüftschwung seine weiblichen Fans reihenweise in einen Zustand der vorübergehenden Bewusstlosigkeit versetzte. Oder wie die Beatles in den Sechzigern massenartige Hysterieanfälle auslösten. „Seit den BEATLES vermochte kein anderer Performer dermaßen massenmagnetisch zu wirken, seit Elvis Presley hat kaum ein anderer Rockstar die Phantasien und Sehnsüchte einer Musikkonsumenten- Generation so eindeutig bestimmt.“15

Die Popularität solcher vergötterten Musiker war nicht zuletzt auf das Fernsehen zurückzuführen. Auftritte in Musikshows trugen wesentlich zur Steigerung des Bekanntheitsgrades der Musiker und nicht zuletzt dem Absatz von Platten bei.16 John Mundy bezeichnete die Auftritte der Beatles im britischen und amerikanischen Fernsehen als Schlüsselereignis für die Popmusik, mit der die Visualisierung eine neue Stufe der Bedeutung erreichte.17

Musik mit verstärkenden Bildern zu unterlegen, ist aber nicht erst eine Idee aus jener Zeit. Schon viel früher wurde mit dem Zusammenspiel von Ton und Bild experimentiert.

1.1 Visuelle Musik

Heinz W. Burow geht bei der Beschreibung der Grundlagen visualisierter Musik einen sehr großen Schritt zurück:

„ Die Verbindung von Musik mit anderen menschlichen Ausdrucks- und Kunstformen wie Gesang, Schauspiel, Tanz ist schon seit hunderten von Jahrenäußerst beliebt. Man denke nur an die Oper, welche seit ihrer Entstehung um 1600 unzählige Menschen fasziniert hat. “18

Tatsächlich ist es eine erfolgreiche Vorgehensweise, Musik und Bilder zu verbinden, um ihnen somit größere Aussagekraft zu verleihen und Gefühle auszulösen. Doch müssen es nicht unbedingt Bilder sein, die gezeigt werden - auch einfache Formen und Farben lassen sich unendlich kombinieren.

Im 17. Jahrhundert entwickelte Guiseppe Arcimboldo ein Instrument zur Präsentation visualisierter Musik, das so genannte „grafische Cembalo“. Dieses Gerät ordnete jedem Ton eine Farbe zu und projizierte diese in den Raum. 1725 präsentierte der Jesuitenpater Louis-Bertrand Castel sein „optisches Cembalo“. Ein herkömmliches Cembalo war die Grundlage seiner Erfindung. Je nachdem, welche Taste gedrückt wurde, gab eine mechanische Vorrichtung farbige Glasscheiben hinter einem Vorhang frei, die dann bunte Formen auf die Leinwand zauberten.19

Doch erst die revolutionäre Entwicklung der Filmtechnik Ende des 19. Jahrhunderts schuf die eigentliche Grundlage für die reproduzierbare Visualisierung von Musik. Vor allem die neuen technischen Möglichkeiten boten Künstlern genügend Raum zum Experimentieren. Die Wurzeln des Musikvideos sind in den zwanziger und dreißiger Jahren der vergangenen Jahrhunderts zu finden, der sogenannten Avantgarde. Damals entstanden Kunstformen wie der Abstrakte Film oder der Absolute Film.20

Einige herausragende Avantgarde-Künstler der 20er-Jahre waren Oskar Fischinger, Walter Ruttmann, Dedley Murphy, James Whitney, Maya Deren und Kenneth Anger. Allein Oskar Fischinger produzierte zwischen 1921 und 1953 etwa dreißig visuelle Musikfilme.21 Er steuerte auch einen beachtlichen Beitrag zum Walt-Disney-Klassiker „Fantasia“ bei, der durch seine Verbindung von Performance und Musik den Videoclip bereits schon vorwegnimmt“.22

Neue technische Verfahren, mit denen erstaunliche Effekte erzielt werden konnten und die bis heute noch angewendet werden, wurden damals entwickelt:

„ Andere Künstler der Filmavantgarde setzten mit Chromakey

(Zusammenkopieren verschiedener Bilder) und Matting (Zusammenkopieren positiver und negativer Vorlagen) neue Akzente für die Bildsprache der Videoclips und nutzten dabei nicht selten die virtuose Ausdruckskraft surrealistischer Bildeffekte, wie sie von Arcimbaldo bis Magritte entwickelt worden waren. Hy Hirsh (1911-1961), der in Hollywood in den 30er Jahren als Fotograf und Filmtechniker bei den Columbia Studios arbeitete, war einer der ersten, die die Technik des optischen Kopierens einsetzten. “ 23

Musikfilme, die Ende der 60er- und Anfang der 70er-Jahre entstanden sind, gelten als erste Versuche, Musiker bei ihrer eigentlichen Tätigkeit, nämlich dem Musizieren, zu zeigen und für einen größeren Bekanntheitsgrad der Künstler zu sorgen. Wegbereiter hierfür waren die Beatles. Mit dem Low-Budget-Film „A Hard Day´s Night“ von Richard Lester gelang der Band 1964 „eine Vorform des modernen Videoclips, der einzig darauf bedacht war, das Produkt Musikgruppe als Fanartikel zu etablieren“.24 Dieser Spielfilm nahm die Schnittart von Musikvideos vorweg und zeigte, daß das Publikum einen Stil der schnellen Schnitte und der Bildermasse akzeptieren würde.

John Mundy beschreibt es folgendermaßen:

„ This shift towards the use of promo clips was clearly signalled in the early career of the Beatles. (...) Following their experience filming for the BBC documentary The Mersey Sound, directed by Don Haworth in 1963, the success of A Hard Day´s Night and Help!, and the taping of The Music of Lennon & McCartney for Granada in November 1965, the group decided to produce and videotape a series of promotional video clips ( … ). “25

Diese Serie beinhaltete unter anderem die Clips „Magical Mystery Tour“ (1967), „Yellow Submarine“ (1969) und „Let It Be“ (1969, Regie: Michael Lindsay-Hogg), die das Genre erweiterten.26

Auch Frank Zappa leistete mit seinem surrealistischen Dokumentarfilm „200 Motels“, den er 1971 drehte einen Beitrag zur Entwicklung des Musikvideos.27 Darin zeigt er das Tourneegeschehen der Mothers Of Invention in effektvoll-skurriler Ästhetik.28

1.2 Promotional Films

Der Begriff Promotional Films wäre eigentlich der treffendere Ausdruck, um Musikvideos zu bezeichnen. Denn Musiker mit kleinen Filmen zu promoten, ist seit den frühen Siebzigern eine der zahlreichen Werbemöglichkeiten, derer sich die Plattenindustrie bedient. Die Zusammenhänge werden später näher erläutert.

Klaus-Ernst Behne wagt, ein wichtiges Werk der Musikvideogeschichte als eines der ersten echten Promotionfilme zu benennen:

„ Wer ganz vorsichtig ist, wird ‚ Bohemian Rhapsody ’ der Gruppe Queen aus dem Jahre 1975 als erstes Video nennen, denn in diesem Werbefilm zu einem Poptitel wurden erstmals ausgiebig Videotechniken als optische Gestaltungs- möglichkeiten eingesetzt und etwa seit dieser Zeit ist es allgemeinüblich geworden, Popgruppen in zunehmendem Maße durch Video-Clips zu vermarkten. “29

Verschiedene Merkmale geben dem Film „Bohemian Rhapsody“ nach Auffassung Behnes die Berechtigung als Videoclip bezeichnet zu werden. Zum einen ist es die Art, wie der Regisseur Bruce Gowers Freddy Mercury im Video darstellt. Ein klavierspielender, singender Interpret vermittelt musikalische Kompetenz. Zum anderen symbolisiert die Performance Glaubwürdigkeit, denn dem Zuschauer wird vermittelt, dass es sich bei den gezeigten Bildern um die Darstellung des Textes handelt. Und schließlich werden Techniken angewandt, die in späteren Videos vielfach und verbessert wiederverwendet wurden, wie zum Beipiel rhytmischer Schnitt und visuelle Vervielfältigung der Darsteller.30

Michael Nesmith, ehemaliger Frontmann der TV-Band „The Monkees“ und späterer Musikvideo-Regisseur, brachte die Bezeichnung „Popclip von Australien nach Amerika.31 Als Pilotprojekt produzierte er 1980 zusammen mit dem späteren MTVGründer John A. Lack eine Sendung mit dem Namen „Pop Clips“, in der ausschließlich Promofilme gezeigt wurden. Sie gilt als direkter Vorgänger von MTV und debütierte auf dem Warner-eigenen Kanal Nickelodeon.32

Das Drehen von Promo-Clips und die Ausstrahlung im Fernsehen entstanden mehr -der weiniger aus einer Not heraus. Die Plattenindustrie befand sich Ende der 70er Jahre in einer schweren Krise, dem so genannten „disco disaster“33. Starke Verkaufseinbußen zwangen die Plattenbosse, sich nach neuen Alternativen für eine Weiterentwicklung umzusehen, speziell nach neuen Künstlern.34

Will Straw benennt drei wichtige Faktoren, die zu einer Veränderung der Musikindustrie und allen damit zusammenhängenden Geschäften in dieser Zeit beitrugen:

„ The most important of these changes (...) are (a) an increase in the rate of turnover of acts and records, and general intensification of the velocity of rock music and rock culture; (b) the resurgence of the 45-rpm single and the individual song as the basic units within the marketing of rock music; and (c) changes in the function of celebrity and performer identity within rock culture. Within each of these changes, the introduction of music video is one of a number of determinant factors. “35

Er betont dabei, dass die aufkommende Popularität von Musikvideos nur ein Faktor unter vielen war, die zu strukturellen Veränderungen innerhalb des Musikbusiness beigetragen haben. Er bestreitet sogar, dass dies die wichtigste Innovation in den frühen 80er Jahren gewesen sei.36

Mit der Entwicklung und der Verbreitung des Genres Musikvideo war also der Grundstein gelegt für eine neue Art der Visualisierung von Musik. Wohl kaum jemand hätte sich damals vorstellen können, welches machtvolle Instrument damit geschaffen wurde.

2 Klassifikation - Die Einteilung nach Inhalt und Aufbau

Wie bei großen Hollywoodfilmen gibt es auch bei der Gestaltung von Musikvideos gewisse Grundprinzipien und Regeln - wenn auch nicht so viele und so strenge - die sich in der kurzen Geschichte der Musikclips als wirkungsvoll und hilfreich erwiesen haben. Das Genre bietet unendliche Möglichkeiten der Visualisierung, die jedoch andererseits durch Auftraggeber und Budgets eingeschränkt werden. Videos haben selten tiefgehende Bedeutungen, meistens sind sie nur oberflächlich und plakativ. Aber immer bleibt es dem Zuschauer überlassen, was er darin liest.

2.1 Verschiedene Musikvideo-Modelle

In der Literatur finden sich verschiedene Modelle zur Klassifizierung von Musikvideos. Einer der ersten Versuche, Videos in Kategorien einzuteilen, stammt von E. Ann Kaplan. Sie hat 1987 in ihrem vielbeachteten Buch „Rocking around the clock“ fünf Hauptgruppen beschrieben. Dabei ist zu beachten, dass zu jener Zeit fast ausschließlich Rock-Videos auf MTV gezeigt wurden. Bei ihrer Einteilung bezieht sie sich eher auf den gezeigten Inhalt, als auf den konzeptionellen Aufbau der Videos.

Nach ihrem Modell können Musikvideos eingeteilt werden in Romantische, Klassische, Postmoderne, Nihilistische und Sozialkritische Videos.

Romantische Videos sind nach dem Modell Kaplans eher erzählend und legen weniger Wert auf Instrumente und die performende Band. Für gewöhnlich sind die Bilder in romantischen Videos Glieder einer Erzählkette, die die Textzeilen wiedergeben, welche von Liebe, Verlust und Wiedervereinigung handeln. Aber es ist eine schwache Erzählkette, weil das Hauptaugenmerk auf dem Gefühl von Verlust und Wiedervereinigung liegt, und nicht auf den Ursachen, Umständen oder Auswirkungen dieser Gefühle. 37 Ein Beispiel für diese Art von Video ist „Cry me a river“ von Justin Timberlake, das bei den MTV Video Music Awards 2003 den Preis für das beste Pop- Video gewonnen hat.

Klassische Videos folgen gewissen Erzählstrukturen, ähnlich dem Spielfilm-Genre.

Die Musiker werden dabei nicht unbedingt bei ihrer musizierenden Tätigkeit gezeigt, sondern übernehmen die Rollen der Schauspieler. Ein Beispiel für diese Art von Video ist „It´s my life“ von „No Doubt“, in dem die Sängerin Gwen Stefani ihre Ehemänner umbringt, um an ihr Geld zu kommen und deswegen verurteilt und hingerichtet wird.38

Postmoderne Videos sind eher Pastiche und nur wenig selbstreflexiv.39 Das bedeutet, dass sie sich bereits bestehenden Handlungen, Kostümen und Looks aus dem Kinogenre bedienen und diese entsprechend abändern. In Kapitel 2.3.2 dieser Arbeit wird näher auf diese Thematik eingegangen.

Das Nihilistische Video konzentriert sich vorwiegend darauf, Bilder von der musizierenden Band (meistens Rock- oder Punk-Bands) auf der Bühne zu zeigen. Die Kamera ist auf die Bandmitglieder gerichtet, die in oft hektischer Art und Weise ihre Instrumente spielen, während Fans ihre Arme vor der Bühne begeistert in die Höhe recken. 40 Aggression, Dynamik und Kraft stehen im Vordergrund.

Und das Sozialkritische Video schließlich, definiert sich eher durch thematische Bilder. Damit lehnt es sich gegen die dominante bürgerliche Gesellschaft auf. Es ist politische Kunst, mit der sich die Musiker in eine kritisierende Position begeben, entweder auf der linken oder der rechten Seite des Establishments.41 Während des Irak-Krieges lieferte der deutsche Rapper Spax mit „Kriegstagebuch“ einen Clip dieser Art. Das Video besteht aus zum Teil sehr schonungslosen Bildern vom Krieg und von der großen Not der Menschen.

Eine andere Art der Einteilung entsteht, wenn man Videoclips bezüglich ihres Aufbaus und den filmischen Elementen betrachtet. So lassen sich grob gesagt drei Arten herausbilden. Der Performance-Clip, das narrative Video und das Konzeptvideo. Der Performance-Clip zeigt den Künstler singend in mehreren zusammengeschnittenen Situationen. Das narrative Video erzählt um den Song herum eine Geschichte. Und das Konzeptvideo setzt auf Assoziation durch Bilder und Illustration der Musik.42

Eine genauere Einteilung liefert Holger Springsklee. Er analysiert die Typen und Auswirkungen von Video-Clips.43 Auf der Basis von etwa 250 Videoclips lieferte er schon 1985 eine erste Klassifizierung. Zwei Jahre später folgt ein erweitertes Modell.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Typen von Musikvideos44

Semi-narrative Clips

Art-Clips

Springsklee teilt Musikvideos in vier Hauptgruppen und neun Untergruppen ein. Unter dem Begriff Performance Clips sind solche Clips zu verstehen „bei denen die Darstellung der Interpreten in ihrer Tätigkeit als Musiker überwiegt“45. Diese Kategorie unterteilt er wiederum in die beiden Unterarten Konzertmitschnitt und Playback.

Beim Konzertmitschnitt soll „die Beziehung zwischen Fan und Idol, möglichst hautnah vermittelt werden“46. In der heutigen Zeit ist diese Art von Video allerdings rar geworden, weil die gezeigten Bilder den jugendlichen Zuschauer zwar mitreißen, jedoch schlecht im Gedächtnis haften bleiben. Ausnahmen bilden die in unregelmäßigen Abständen von MTV durchgeführten „Unplugged“-Konzerte und deren Mitschnitte, bei denen Künstler ihr musikalisches Können unter Beweis stellen und die auch beim Publikum hervorragend ankommen. Beispiele aus der näheren Vergangenheit sind die Konzerte von den „Fantastischen Vier“ oder den „Ärzten“.

Beim Playback-Video ist die Anwesenheit von Publikum nicht unbedingt erforderlich. Es wird keine typische Konzertsituation gezeigt, sondern der Künstler und eine besondere Performance oder Darstellung stehen im Mittelpunkt. In Madonna´s Video „Frozen“ ist nur sie, teilweise in mehrfacher Ausführung, Raben und ein Hund zu sehen. Die Location ist eine ausgetrocknete Landschaft.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Madonna "Frozen"47

Publikum wird aber gerne in Playback-Videos miteinbezogen, um der Performance mehr Authentizität zu verleihen - und außerdem sind Fans kostengünstige Statisten.48

Eine Mischform aus Performance-Clip und narrativem Clip ist die Gruppe der SemiNarrativen Clips. Oft besteht der Clip aus zwei Handlungssträngen, zum einen die Performance der Künstler und zum anderen eine dargestellte Story. Aber die Darstellung kann auch eine inszenierte Performance sein.

Es gibt Clips in denen Interpret und Statisten die Thematik des Textes zusammen darstellen, wie in Limp Bizkits „Eat you alive“. Der Sänger der Band hat ein junges Mädchen entführt, sie in einen Wald gebracht und an einen Stuhl gefesselt. Die Band hat sich vor ihr aufgebaut und Fred Durst singt sein Liebesgeständnis für die Entführte. Zum Schluss wird die Aktion von einer Gruppe von Männern unterbrochen, die auf der Suche nach dem Mädchen sind und die Band zur Flucht zwingt.

Und es gibt Clips mit Interpret und Filmszenen, in denen der Text durch Stummfilmszenen unterstützt wird. Anders als bei der Kategorie Interpretendarstellung und Story sind diese Szenen allerdings nicht Teil einer Erzählung, sondern lediglich Stellungnahmen zum Text. Die Bilder sind eher assoziativ damit verbunden. Das Video zum Song „She hates me“ von der Band „Puddle of Mudd“ gehört dieser Gruppe an. Die Musiker performen auf einer kleinen Bühne in einer engen Seitengasse. Zwischendurch werden Bilder von Jugendlichen gezeigt, die in irgendeiner Alltagssituation auf einmal ausflippen und durchdrehen. Die Bilder unterstützen zwar den Text, folgen aber keiner expliziten Erzählstruktur.

In der Kategorie der Narrativen Clips werden Clips zusammengefasst, „die in erster Linie aus Bilderfolgen bestehen, die der Zuschauer zur Story ergänzen oder zumindest als Versatzstücke einer Handlung verstehen kann“.49

Eine der drei Untergruppen bildet die Interpretendarstellung und Story. Hier wiegen sich die Anteile der performenden Künstler und der illustrierten Story - die meist den Text plus eine Interpretation darstellt - auf. „Waterfalls“ von TLC ist ein Clip dieser Kategorie. Die drei Frauen besingen, einen jungen Schwarzen, der im Ghetto lebt und droht, sozial abzurutschen. Der Text wird in einer Parallelhandlung von Schauspielern dargestellt.

Bei der durchgehenden Filmhandlung tritt der Interpret als Schauspieler auf und wird nicht als Musiker dargestellt. Ein anschauliches Beipiel ist „By the way“ von den Red Hot Chilli Peppers. In diesem Video steigt der Sänger Anthony Kiedis in ein Taxi, dessen Fahrer ein durchgeknallter Fan ist. Er entführt Kiedis, der verzweifelt versucht, während der rasanten Fahrt durch die Stadt aus dem Taxi rauszukommen. Seine Freunde eilen ihm zu Hilfe und es gelingt ihm schließlich, während der Fahrt aus dem Auto des Verrückten zu klettern.

Ebenfalls eine durchgehende Filmhandlung hat das Video zu „Smack my bitch up“ von The Prodigy, in dem die Musiker allerdings überhaupt nicht zu sehen sind, sondern nur Schauspieler. Aus der Sicht des Darstellers zeigt der Regisseur Jonas Akerlund einen Ausgehabend. Anziehen, Taxifahrt, Tanzen, Trinken, eine Prügelei und die Verführung einer Frau werden dargestellt. Das preisgekrönte und zensierte Video ist mit Drogen, Gewalt und Sex gespickt. Die Pointe gibt dem Clip zum Schluß jedoch die nötige Ironie. Der Hauptdarsteller ist eine Frau.50

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: The Prodigy "Smack my bitch up"51

Die Video-Story ist ein Clip in Kurzfilm-Länge, also mehr als zehn Minuten, mit Einleitungsszene, Hauptteil (Song) und Schlußszene. Diese Art von Clip ist allerdings nur als Gesamtkunstwerk zu verstehen und heute kaum mehr zu realisieren. Erstens wegen der immensen Kosten und zweitens würde ein solcher Clip kaum eine Chance haben, in Gesamtlänge im Musikfernsehen gezeigt zu werden. Das berühmteste Beispiel dieser Gattung ist „Thriller“ von Michael Jackson (Regie: John Landis), das kürzlich von den MTV-Zuschauern zum besten Videoclip der MTV-Geschichte gewählt wurde.

Als Effekt-Clips bezeichnet Springsklee solche Clips, die Zeichentrick- oder Computeranimationen sind.52 Diese Art ist in den letzten Jahren immer beliebter geworden. Dies liegt nicht zuletzt daran, daß Computerspiele einen hohen Stellenwert in der Freizeitgestaltung Jugendlicher einnehmen. Auch das Kino-Genre setzt verstärkt auf digitale Effekte und computergenerierte Bilder. Zeichentrick-Videos sind „Clint Eastwood“ von den Gorillaz oder „Let love be your energy“ von Robbie Williams. Die Band Linkin Park lieferte bereits zwei komplett computeranimierte Videos auf der Basis von Videospielen. Weiterhin gehören zu dieser Gruppe auch Stop-Motion-Videos, die mit Puppen arbeitet und bei dem einzeln aufgenommene Bilder zu einem Film montiert werden, z.B. „Mr. Boombastic“ von Shaggy.

Die Bezeichnung Art-Clip wird für Clips verwendet, bei denen es nicht um die Darstellung von Stars oder Stories geht, sondern um optische Eindrücke und der Vermittlung einer gewissen Stimmung. Diese Art wird meist bei Techno- und Elektro- Songs verwendet.

Das Modell von Springsklee auf der Basis der Ausführungen von Hustwitt, Künzel und Rauh liefert eine sehr detaillierte Einteilung der Musikvideos. Es behält bis heute seine Gültigkeit, auch wenn die Einteilung bereits 1987 vorgenommen wurde. Daran lässt sich erkennen, dass sich Produzenten von Musikvideos durchaus an gewisse inhaltliche und konzeptionelle Regeln halten, weil diese sich eben bewährt haben. Die Musikvideos unterscheiden sich daher eher in ihrer technischen und gestalterischen Umsetzung.

Das am häufigsten angewandte Konzept bei der Produktion eines Clips ist das Performance-Konzept. Mindestens 80% der Videos sind nach diesem Schema erstellt.53

„ Die Performance des Musikstücks ist das Kernstück des Textes, die Schlüsseltätigkeit und das Zentrum, um das herum die Bilder und die Musik organisiert sind und das sie in einen sinnhaften Zusammenhang integriert. “ 54

Eine Einteilung von Musikvideos kann mehr oder weniger detailliert vorgenommen werden. Dabei gibt es unterschiedliche Vorgehensweisen. Die Clips können unter konzeptionellen, gestalterischen oder inhaltlichen Gesichtspunkten betrachtet werden. Oder aber nach Musikrichtung. Denn es gibt auch klare Unterschiede zwischen Rock-, Hip Hop- oder Dance-Videos.

2.2 Ausdrucksmittel verschiedener Musikrichtungen

Die unterschiedlichen Musikrichtungen entscheiden über Struktur, Form und visuellen Style des Musikvideos.55 Jedes Genre hat seine eigenen Ideologien und Aussagen, die es in Symbolen, Kleidung und Gesten ausdrückt.

Video-Performer sind Masken und Symbole für etwas, sogar wenn sie als sie selbst auftreten. Die Länge der Haare, der Tanzstil, die Gestik, der Grad an Nacktheit, der Dresscode, all das trägt dazu bei, den Musiker als Produkt und künstliche Persönlichkeit darzustellen. Das aufgesetzte Image würde auch bei anderen Personen funktionieren.56

Jeder Künstler, jede Band verkörpert eine Aussage und ein Image, die oft von Plattenfirmen und Produzenten vorgegeben werden. Der Künstler wird der Marktsituation angepasst. Natürlich spielen dabei auch Schlagzeilen in der Presse eine wichtige Rolle. Fifty Cent zum Beispiel, ein schwarzer Rapper, der von Eminem und Dr. Dre produziert wird, ist angeblich neunmal angeschossen worden und saß bereits im Gefängnis. An diesen Behauptungen wird zwar gezweifelt, aber solche Dinge sind zuträglich für sein Image. Rapper sind cool, tough, umgeben sich gerne und oft mit spärlich bekleideten Mädchen und protzen mit Autos und Schmuck.57 Dieses Image wird in Hip Hop-Videos umgesetzt und visualisiert.58 Dabei gehen die Clipproduzenten auch oft an die Grenzen der Moral und es kommt auch vor, dass ihre Videos von den Sendern zensiert werden, weil zu viel Sex oder Gewalt darin vorkommt. Ein Beispiel ist das Video „Right thurr“ von Chingy, in dem fast nackte Tänzerinnen für den Sänger und seine Freunde in einem Stripclub tanzen. Die Männer wedeln mit Geldscheinen und klapsen den Frauen genüsslich auf den Po.

Für weibliche Künstler dieser Musikrichtung ist es typisch, ein möglichst großes Repertoire an ausgefallener Kleidung zu präsentieren. Es ist nicht ungewöhnlich, dass eine Sängerin wie Beyoncé in einem Video in bis zu fünf Outfits zu sehen ist. Natürlich gehört zur Performance auch eine ausgefeilte Choreografie, die meistens in Tanzgruppen präsentiert wird.

Das typische Merkmal von Rockvideos hingegen ist, dass es die Künstler bei ihrer instrumentalen Performance zeigt. Die Bands stehen auf der Bühne oder befinden sich in irgendeiner anderen Location.59 Dabei sind Detailaufnahmen von Gitarren, Schlagzeug und Sängern die elementarsten Einstellungen.60 Ein Rockstar steht für Härte, wilde Körperbewegungen und dröhnende Lautstärke. Entsprechend sind auch Rock-Videos darauf ausgelegt, beim Zuschauer eine ähnliche Stimmung zu erzeugen wie bei einem Konzert. Schnelle Schnitte, Explosionen, digitale Effekte und die Musiker in Ekstase sind übliche Komponenten.

Bei Techno- und Dance-Videos ist die Darstellung des Musikers allerdings nicht so einfach.61 Meist sind es DJs oder Solokünstler, die den Song am Computer zusammengestückelt haben. Oft wird das Lied durch eine Geschichte illustriert, die frei erfunden und textlich nicht erwähnt ist, durch ausgelassen tanzende Menschen oder durch künstlich erzeugte Bilder und abstrakte Formen.62 Entsprechend der Beats ist auch die Schnittgeschwindigkeit in den Videos rasant, beispielsweise bei dem Clip „Fable“ von Robert Miles.63 Die Handlung des Clips ist losgelöst von der Musik. Scheinbar zusammenhangslos aneinander gereihte Bilder von einem Pärchen in einem Wohnzimmer und drei Frauen, die an der Wohnzimmerwand hängend Wasserballett machen, überlassen es dem Zuschauer, sich einen Reim darauf zu machen.64

„ Bei Fable handelt es sich um keinen Clip, der einen im herkömmlichen Sinne ‚ einfängt ’ oder konturierte Emotionen hervorruft. Er präsentiert sich vielmehr als ein Clip zum Reinschauen (ins Programm der Musikkanäle), zum Weiterzappen oder als Unterhaltung zu dem nebenbei laufenden Telefongespräch. “ 65

Musikvideos haben sich durch das Musikfernsehen zu einem eigenen Genre entwickelt, das als Ganzes betrachtet werden möchte. Videoclips stehen für eine bestimmte Ästhetik, die Enfluss auf andere Genres ausübt und ihrerseits auch durch diese beeinflusst wird.

[...]


1 Vgl. Burow, 1998, S. 325.

2 Vgl. Microsoft Encarta Enzyklopädie Professional 2003, Stichwort: Avantgarde.

3 Vgl. Burow, 1998, S. 144.

4 Vgl. Microsoft Encarta Enzyklopädie Professional 2003, Stichwort: Metapher.

5 Vgl. Microsoft Encarta Enzyklopädie Professional 2003, Stichwort: Metonymie.

6 Vgl. Neumann-Braun/Schmidt, 1999, S. 10.

7 Vgl. Monaco, 2000, S. 113.

8 Vgl. Microsoft Encarta Enzyklopädie Professional 2003, Wörterbuch: narrativ.

9 Vgl. Curry, 1999, S. 181.

10 Vgl. Microsoft Encarta Enzyklopädie Professional 2003, Stichwort: Parodie.

11 Vgl. Curry, 1999, S. 191.

12 Vgl. Microsoft Encarta Enzyklopädie Professional 2003, Wörterbuch: Performance.

13 Vgl. Microsoft Encarta Enzyklopädie Professional 2003, Stichwort: Postmoderne.

14 Burow. 1998, S. 154.

15 Graves/Schmidt-Joos, 1990, S. 384f.

16 Vgl. Neumann-Braun/Schmidt, 1999, S. 11; Schmidt, 1999, S. 94.

17 Vgl. Munde, 1999, S. 190.

18 Burow, 1998, S. 130.

19 Vgl. Moritz, 1987, S. 19f.

20 Vgl. Monaco, 2000, S. 9.

21 Vgl. Moritz, 1987, S. 34.

22 Moritz, 1987, S. 42.

23 Moritz, 1987, S. 48.

24 Vgl. Microsoft Encarta Enzyclopädie Professional, 2003, Stichwort: Beatles.

25 Mundy, 1999, S. 207

26 Vgl. Microsoft Encarta Enzyclopädie Professional 2003, Stichwort: Beatles.

27 Vgl. Weibel, 1987, S. 139.

28 Vgl. Weibel, 1987, S. 138; Microsoft Encarta Enzyclopädie Professional 2003, Stichwort: Zappa, Frank Vincent.

29 Behne, 1987, S. 113.

30 Vgl. Behne, 1987, S. 114.

31 Vgl. Banks, 1996, S.29; Goodwin 1992, S. 30; McGrath 1996, 27ff., (zit. nach Schmidt, 1999, S. 95).

32 Vgl. Schmidt, 1999, S. 95; Denisoff, 1988, S. 25.

33 Denisoff, 1988, S.22.

34 Vgl. Denisoff, 1988, S. 22.

35 Straw, 1993, S. 7.

36 Vgl. Straw, 1993, S. 4.

37 Vgl. Kaplan, 1987, S. 59.

38 Vgl. Kaplan, 1987, S. 61f.

39 Vgl. Kaplan, 1987, S. 57.

40 Vgl. Kaplan, 1987, S.60.

41 Vgl. Kaplan, 1987, S. 65.

42 Vgl. Schwichtenberg, 1992, S. 116ff (zit. nach: Neumann-Braun/Schmidt, 1999, S.13).

43 Vgl. Springsklee, 1987, S. 127ff.

44 Quelle: modifiziert übernommen aus: Springsklee, 1987, S. 130ff.

45 Springsklee, 1987, S. 129.

46 Springsklee, 1987, S. 129.

47 Quelle: Reiss/Feineman, 2000, S. 71.

48 Vgl. Behne, 1987, S. 115.

49 Springsklee, 1987, S. 129.

50 Vgl. Schmidt, 1999, S. 307.

51 Quelle: Reiss/Feineman, 2000, S. 37.

52 Vgl. Springsklee, 1987, S. 135.

53 Vgl. Wulff, 1999, S. 263.

54 Wulff, 1999, S. 264.

55 Vgl. Mundy, 1999, S. 241.

56 Vgl. Williams, 2003, S. 158.

57 Vgl. Kurp/Hauschild/Wiese, 2002, S. 57.

58 Vgl. Monaco, 2000, S. 113.

59 Vgl. Wulff, 1999, S. 264f.

60 Vgl. Walser, 1993, S. 158.

61 Vgl. Doderer/Neumann-Braun, 1999, S. 296.

62 Vgl. Pfadenhauer, 1999, S. 294f.

63 Vgl. Doderer/Neumann-Braun, 1999, S. 284.

64 Vgl. Doderer/Neumann-Braun, 1999, S. 289f.

65 Doderer/Neumann-Braun, 1999, S. 290.

Ende der Leseprobe aus 97 Seiten

Details

Titel
Die Interdependenz von Plattenlabel, Produktionsfirma und Musiksender bei der Herstellung eines Musikvideos
Hochschule
Hochschule Mittweida (FH)  (keine Angaben)
Note
1 / sehr gut
Autor
Jahr
2004
Seiten
97
Katalognummer
V27121
ISBN (eBook)
9783638292481
Dateigröße
3937 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interdependenz, Plattenlabel, Produktionsfirma, Musiksender, Herstellung, Musikvideos
Arbeit zitieren
Anja Seifried (Autor), 2004, Die Interdependenz von Plattenlabel, Produktionsfirma und Musiksender bei der Herstellung eines Musikvideos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27121

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