Die vorliegende Arbeit befasst sich mit den kognitiven Urteils- und Entscheidungsprozessen am Beispiel von Anlagefonds. Konkreter wird untersucht, welchen Einfluss die Darstellung vergangener Wertentwicklungen bei Fondswerbung auf die Einstellung zum entsprechenden Fonds hat.
Anleger lassen sich trotz des gesetzlich vorgeschriebenen Warnhinweises, dem Disclaimer, von der vergangenen Wertentwicklung in ihrer Einstellung zu einem Anlagefonds beeinflussen. Das Ziel ist es, herauszufinden, ob diese Urteilsverzerrung bei der Einstellung zu einem Anlagefonds verschwindet, wenn der Anleger auf diese Verzerrung aufmerksam gemacht wird. Auf Basis des Flexible Correction Model wurde diese Urteilsverzerrung im Kontext der Anlagefondswerbung genauer untersucht. Das Flexible Correction Model suggeriert, dass, wenn der beeinflussende Faktor mehr ins Zentrum des Bewusstseins gerückt wird, eine Korrektur stattfindet, die den Einfluss des Faktors eliminiert oder sogar überkorrigiert. In der vorliegenden Arbeit wurde die Korrektur unter schwachem und starkem Involvement untersucht. Im Mittelpunkt stand dabei der Effekt der vergangenen Wertentwicklung auf die Einstellung vor und nach dem Hinweis auf die Urteilsverzerrung. 118 Vollzeitangestellte aus der Finanz- und Versicherungsbranche haben an diesem Online-Experiment teilgenommen. Die Ergebnisse zeigen, dass das Involvement die Art der Verarbeitung von Factsheet-Informationen beeinflusst.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Ziel dieser Lizenziatsarbeit
2. Definition der Begriffe
2.1 Anlagefonds
2.2 Wertentwicklung
3. Theoretischer Hintergrund und empirischer Forschungsstand
3.1 Fondswerbung
3.2 Kapitalmarkttheorien und Behavioral Finance
3.3 Persuasionsforschung
3.3.1 „Dual process“-Modelle
3.3.2 Das Flexible Correction Model
3.4 Anwendung des FCM auf die Fondswerbung
3.4.1 Weitere Einflussfaktoren
4. Zielsetzung/Hauptfragestellungen/Hypothesen
4.1 Hypothesen
5. Untersuchungsanlage und Methode
5.1 Forschungsdesign
5.2 Durchführung der Untersuchung
5.2.1 Pretest
5.3 Manipulation
5.3.1 Involvement
5.3.2 Wertentwicklung
5.4 Stimulusmaterial
5.4.1 Factsheets
5.4.2 Hinweistext
5.5 Stichprobe
5.6 Operationalisierung
5.6.1 Unabhängige Variablen
5.6.2 Abhängige Variable
5.6.3 Untersuchungsrelevante Kontrollvariablen
5.7 Skalierung
6. Ergebnisse
6.1 Manipulation Check
6.1.1 Kontrollvariablen
6.1.2 Weiterführende Analysen
6.2 Prüfung der Hypothesen
7. Diskussion
7.1 Ergebnisse der Bedingung mit schwachem Involvement
7.2 Ergebnisse der Bedingung mit starkem Involvement
7.3 Zusammenfassung der Ergebnisse
8. Einschränkungen der Ergebnisse
8.1 Kritik und Limitation
8.2 Diskussion der internen und externen Validität
9. Ausblick
10. Implikation
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kognitive Urteils- und Entscheidungsprozesse bei Anlagefonds, wobei der Fokus auf dem Einfluss vergangener Wertentwicklungen in der Fondswerbung liegt. Ziel der Arbeit ist es, auf Basis des Flexible Correction Model (FCM) zu prüfen, ob Anleger ihre Urteilsverzerrung korrigieren, wenn sie auf diese durch einen Hinweisreiz aufmerksam gemacht werden.
- Einfluss vergangener Wertentwicklungen auf die Einstellung zum Anlagefonds
- Rolle des "Flexible Correction Model" bei der Korrektur von Urteilsverzerrungen
- Analyse von Informationsverarbeitung unter schwachem versus starkem Involvement
- Bedeutung der gesetzlich vorgeschriebenen Disclaimer in der Finanzwerbung
- Untersuchung von kognitiven Heuristiken (Verankerungs- und Repräsentativitätsheuristik)
Auszug aus dem Buch
3.3.2 Das Flexible Correction Model
Wie ist es nun möglich, Anleger dazu zu bewegen, die Urteilsverzerrung bewusst wahrzunehmen, damit sie die Möglichkeit haben, die Einstellung zu korrigieren? Da die Entscheidungsfindung ein sehr komplexer Prozess ist, reicht es nicht immer aus, die Informationsverarbeitung durch die Intensivierung des Involvements zu steigern, um den beeinflussenden Effekt wahrzunehmen und zu korrigieren (vgl. Petty/Wegener 1993: 160). Das Flexible Correction Model (FCM) von Petty und Wegener hat sich darum mit dieser Urteilsverzerrung und den entsprechenden Korrekturmechanismen intensiver auseinandergesetzt (vgl. Petty/Wegener 1993: 160).
Die Autoren postulieren in ihrem Modell, dass hoch motiviert zu sein und die Fähigkeit zu haben, Informationen genau wahrzunehmen, nicht automatisch auch dazu führt, dass eine Korrektur der anfänglichen Einstellung stattfindet. Dies, weil man sich nicht automatisch bewusst ist, von den Faktoren aus dem Kontext beeinflusst zu werden. Manchmal ist der beeinflussende Faktor nicht salient und muss darum zuerst salient gemacht werden, um korrigiert werden zu können. (vgl. Petty/Wegener/White 1998: 95) Es muss einem Anleger also zuerst bewusst gemacht werden, dass er beeinflusst wird. Die Autoren haben folgende Bedingungen aufgestellt, unter welchen eine Korrektur der Verzerrung stattfindet:
a) Es müssen Motivation und Fähigkeit vorhanden sein, die Beeinflussung zu identifizieren, b) es muss ein beeinflussender Faktor gefunden werden, c) eine subjektive Theorie über die Richtung und Höhe des Bias muss induziert sein oder durch bestimmte Informationen generiert werden, d) der Bias muss durch offensichtliche und unscheinbare Faktoren salient gemacht werden und e) es muss eine Motivation sowie die Fähigkeit vorhanden sein, die Korrektur vorzunehmen (vgl. Petty/Wegener 1993: 162, Petty/Wegener/White 1998: 95, Schwarz/Bless 1992: 237-244, Martin/Seta/Crelia 1990: 33-34).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Urteilsverzerrung durch vergangene Wertentwicklungen bei Anlagefonds und die Bedeutung von Disclaimern.
2. Definition der Begriffe: Es werden die zentralen Begriffe Anlagefonds, Wertentwicklung sowie deren Unterscheidung zur Rendite erläutert.
3. Theoretischer Hintergrund und empirischer Forschungsstand: Dieser Abschnitt beleuchtet Fondswerbung, Kapitalmarkttheorien, Persuasionsforschung und vertieft das Flexible Correction Model.
4. Zielsetzung/Hauptfragestellungen/Hypothesen: Die Arbeit definiert Forschungsfragen zur kognitiven Verarbeitung von Werbung und leitet entsprechende Hypothesen ab.
5. Untersuchungsanlage und Methode: Hier werden das Forschungsdesign, die Durchführung, Manipulationen sowie die Operationalisierung und Skalierung der Untersuchung beschrieben.
6. Ergebnisse: Es werden die Manipulation Checks sowie die statistischen Ergebnisse der Hypothesenprüfung detailliert dargestellt.
7. Diskussion: Die Ergebnisse werden interpretiert und mit theoretischen Annahmen sowie anderen Studien in Bezug gesetzt.
8. Einschränkungen der Ergebnisse: Kritische Reflexion zu Limitationen hinsichtlich der Methodik, Validität und Konstruktmessung.
9. Ausblick: Vorschläge für zukünftige Forschung und Klärung noch offener Aspekte.
10. Implikation: Diskussion der Bedeutung der Erkenntnisse für den Anlegerschutz und mögliche Regulierungsmaßnahmen.
Schlüsselwörter
Anlagefonds, Fondswerbung, Urteilsverzerrung, Flexible Correction Model, Involvement, Verankerungsheuristik, Repräsentativitätsheuristik, Disclaimer, Finanzentscheidungen, Risikowahrnehmung, Behavioral Finance, Einstellungsänderung, Anlageverhalten, Performance, Anlegerschutz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Anleger durch Angaben zur vergangenen Wertentwicklung in der Fondswerbung beeinflusst werden und ob sie diese Urteilsverzerrung korrigieren können, wenn sie auf diese Gefahr explizit hingewiesen werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft Erkenntnisse aus der Behavioral Finance, der Werbewirkungsforschung und der Psychologie, insbesondere im Hinblick auf kognitive Heuristiken und Korrekturprozesse bei Entscheidungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist zu erforschen, ob die durch Werbung induzierte Urteilsverzerrung verschwindet, wenn der Anleger durch einen gezielten Hinweis (Disclaimer) auf diese Verzerrung aufmerksam gemacht wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung wurde als Online-Experiment mit einem 2x2-Design und Repeated-Measurement-Ansatz durchgeführt, um die Auswirkungen von unterschiedlichen Wertentwicklungsdarstellungen unter schwachem und starkem Involvement zu messen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst die theoretische Herleitung des Flexible Correction Model, die methodische Anlage der empirischen Studie, die statistische Ergebnisauswertung sowie die kritische Diskussion der Befunde.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Anlagefonds, Flexible Correction Model, Urteilsverzerrung, Involvement, Verankerungsheuristik und Anlegerschutz.
Welche Rolle spielt das Involvement der Anleger?
Das Involvement bestimmt die Art der Informationsverarbeitung: Während Anleger unter schwachem Involvement eher heuristisch entscheiden, wird bei starkem Involvement eine systematischere Verarbeitung erwartet, wenngleich die Studie hier komplexe Ergebnisse liefert.
Warum konnte die Hypothese zum schwachen Involvement teilweise nicht bestätigt werden?
Die Untersuchung deutet darauf hin, dass die Manipulation der Wertentwicklung sowie das Vorwissen der Teilnehmer (Erfahrung) einen stärkeren Einfluss hatten als ursprünglich durch die Heuristiken allein vorhergesagt.
Welche Bedeutung haben die Ergebnisse für den Anlegerschutz?
Die Arbeit verdeutlicht, dass Disclaimer nur dann effektiv sind, wenn sie salient (auffällig) genug sind, um den Anleger zur bewussten Korrektur seines Urteils zu animieren.
- Arbeit zitieren
- Michele Rellstab (Autor:in), 2012, Das Flexible Correction Model und Anlagefondswerbung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271248