Brasiliens (Un-)Abhängigkeit vom Schwarzen Gold


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
34 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Dependenztheorie - Zentrum-Peripherie-Modell

3. Brasilianische Energiepolitik
3.1. Energiemix

4. Geschichte des Brasilianischen Erdöls
4.1. Presal Entdeckungen
4.2. Petrobras heute
4.2.1. Die politische Verflechtung zwischen Petrobras und der Regierung

5. Politische Maßnahmen im Zuge der Pre-Sal-Entdeckungen
5.1. Neue Regelungen im Pre-Sal
5.2. Konjunkturmaßnahmen
5.3. Marine

6. Internationale Bedeutung des brasilianischen Öls
6.1. Asien
6.1.1. China
6.2. Ozeanien
6.3. Europa
6.4. Afrika
6.5. Lateinamerika
6.5.1. Cuba
6.6. USA
6.7. Verkauf von Raffinerien

7. Fazit

8. Quellenverzeichnis

9. Grafiken

1. Einleitung

Schon seit einigen Jahrzehnten ist Brasilien im Erdölgeschäft tätig, jedoch hat dieser Wirtschaftssektor mit den Entdeckungen in der Pre-Sal-Zone völlig neue politische Dimensionen angenommen. Schon lange strebt Brasilien eine völlige Energieunabhängigkeit an, was bis heute jedoch noch nicht gelungen ist. Im Folgenden soll die zentrale Frage beantwortet werden, welche Abhängigkeitsstrukturen für Brasilien rund um das Schwarze Gold bestehen. Zur besseren Erklärung der Abhängigkeitsstrukturen wird auf den dependenz- theoretischen Ansatz zurückgegriffen werden. Des Weiteren werden die Rolle von Petrobras, die brasilianische Energiepolitik und -strategie sowie Verstrickungen mit dem Ausland genauer beleuchtet. Im Sinne des dependenz-theoretischen Ansatzes von Cardoso und Faletto soll sowohl auf der nationalen als auch auf der internationalen Ebene auf die Bedeutung des Erdöls für Brasilien eingegangen werden.

2. Die Dependenztheorie - Zentrum-Peripherie-Modell

Besonders während der Zeit der US-Hegemonie in den 1960er und 1970er Jahren entstanden im lateinamerikanischen Raum einige wesentliche theoretische Ansätze, welche die Situationen in den Entwicklungsländern reflektierten und gleichzeitig die lineare Entwicklung der bis dato weitverbreiteten und geläufigen Modernisierungstheorie kritisierten. Zusammengefasst werden die unterschiedlichen Ansätze als dependenz-theoretische Ansätze (Nohlen; Zilla 2000).

Enzo Faletto und Fernando Henrique Cardoso sind zwei Hauptvertreter dieser Strömung, welche sich mit ihrem gemeinsamen Werk „Abhängigkeit und Entwicklung in Lateinamerika“, erschienen 1969, einen Namen machten (Nohlen; Zilla 2000). Während der 1980er Jahre hat die Dependenztheorie mit der nachlassenden Dominanz der USA in Lateinamerika an Bedeutung und an wissenschaftlicher Applikation verloren und ist genauso wenig nicht ewig kritiklos geblieben, denn die Ursachen für hierarchische Abhängigkeitsbeziehungen werden hauptsächlich in den Außenbeziehungen gesucht, nicht aber mittels interner, nationaler Gegebenheiten und Voraussetzungen erklärt. Die klassische Dependenztheorie geht nämlich davon aus, dass sich die Peripherie in ihren Entscheidungen, welche Produktion und Konsumption betreffen, an den ökonomischen Dynamiken der Zentren orientiert. (Nohlen; Zilla 2000).

Der Ansatz von Cardoso und Faletto geht allerdings über die klassischen Ansätze der Dependenztheorie hinaus, denn die beiden Theoretiker gehen davon aus, dass eine genaue Analyse der Abhängigkeitsstrukturen nur unter der „analytischen Berücksichtigung von endogenen und exogenen, ökonomischen und politischen, prozeduralen und strukturellen Variablen [...] in ihrer Wechselwirkung“ (Nohlen; Zilla 2000) stattfinden kann. Abhängigkeit und Entwicklung kann Cardoso und Faletto zufolge gleichzeitig auf unterschiedlichen Ebenen bestehen (Nohlen; Zilla 2000). Cardoso und Faletto plädieren für eine genauere Analyse der exogenen und endogenen Faktoren, wobei ein starker Kontextbezug nicht außer Acht gelassen werden darf. „Es gelte, in jeder einzelnen Grundsituation der Abhängigkeit zu untersuchen, auf welche Weise Staat, Klasse und Produktion zusammenhängen (Nohlen; Zilla 2000).

Wenn auch nicht mehr alle Komponenten der Dependenztheorie zweifellos angewandt werden können, so stellt das Zentrum-Peripherie-Modell eine brauchbare Schablone zur Darstellung von Abhängigkeitsbeziehungen dar.

1, die Ebene der strukturellen Abhängigkeit: Die strukturelle Abhängigkeit beschreibt die Beziehung zwischen dem Zentrum und der Semi-Peripherie. Im Kontext der Dependenz- Theorie ist Zentrum mit den USA gleichzusetzten. Das Zentrum übt dabei auf die Semi­Peripherie Dominanz aus, welche in Form unterschiedlicher Komponenten ihren Ausdruckt, besonders aber in der Form des ungleichen Tausches sowie in Form hoher Gewinntransfers transnationaler Konzerne, findet, und somit die Struktur der strukturellen Abhängigkeit bildet. (Nohlen; Zilla 2000) „Dieses ungleiche Verhältnis von Importgütern (Industriegütern) und Exportgütern (Primärgüter) solle zu einer dauerhaften Verschlechterung der Austauschverhältnisse (Terms of Trade) für rohstoffexportierende Länder führen“ (Schublach 2011:21). Die strukturelle Abhängigkeit ist der Grund dafür, dass in Entwicklungsländern (in der Semi-Peripherie) keine Entwicklung - wie es das Stufenmodell der Modernisierungstheorie vorschlägt - stattfindet, denn zuerst müsste die strukturelle Abhängigkeit vom Zentrum durchbrochen werden, um tatsächlich eine eigene Entwicklung in Gang setzen zu können. Die Dependenztheorie schlägt dabei vor, dass Abhängigkeit nur durch Industrialisierung zu überwinden sei, um den Industrialisierungsprozess in Gang zu setzen, bedarf es dabei staatlicher Wirtschafts- und Interventionspolitik, wodurch die nötigen Grundlagen für ein nachhaltiges und stabiles Wachstum geschaffen werden sollen (Schublach 2011:21).

2, die strukturelle Heterogenität: Neben der Ebene der strukturellen Abhängigkeit (Zentrum- Semi-Peripherie; beispielsweise USA - Brasilien), welche eigentlich immer auf der Ebene der Nationalstaaten zum Ausdruck kommt, reproduziert das Modell der strukturellen Heterogenität, welches der Ausdruck des Abhängigkeitsverhältnisses zwischen der Semi­Peripherie und der Peripherie ist, das Modell der strukturellen Abhängigkeit. Auf der Ebene der strukturellen Heterogenität wird die Peripherie der strukturellen Abhängigkeit zum Zentrum, von welchem wiederum die „untergeordnete“ Peripherie abhängig ist. Im Falle Brasiliens sind beispielsweise ländliche Gebiete weitgehend von den urbanen Zentren - allen voran Säo Paulo und Rio de Janeiro - abhängig. Denn die strukturelle Abhängigkeit findet nicht nur Ausdruck im permanenten Abfluss von Ressourcen, sondern verändert auch die Strukturen innerhalb der nationalen Gesellschaft (Nohlen; Zilla 2000).

In einer graphischen Darstellung, welche den theoretischen Ansatz von Faletto und Cardoso im Kontext der Entstehung der Theorie deutlich machen soll, können die Strukturen folgendermaßen abgebildet werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zwar sind, wie bereits erwähnt, die unterschiedlichen Ansätze der Dependenztheorie in den vergangenen Jahren mit der zurückschreitenden US-Dominanz und der des Bretton-Woods­Systems etwas in Vergessenheit geraten, doch zu Unrecht, denn das Zentrum-Peripherie- Modell muss nicht als holistischer Erklärungsansatz dienen, sondern kann viel mehr auch dazu herangezogen werden, Teilaspekte von Abhängigkeitsstrukturen genauer zu beleuchten. Selbst wenn die US-Dominanz in Lateinamerika heute weitgehend - ausgenommen sollen hier besonders Kolumbien und Mexico werden - über keine besondere Bedeutung mehr verfügt, bedeutet dies noch lange nicht das Ende aller Abhängigkeitsstrukturen. Ähnlich sieht dies Schmalz, welcher argumentiert, dass Brasilien seine Außenabhängigkeit in den letzten Jahren reduzieren konnte, was einerseits ein Resultat interner Politiken andererseits ein Resultat von veränderten internationalen Bedingungen ist:

„Denn Außenwirtschaftspolitik ist der Ort, der den entscheidenden Dreh- und Angelpunkt im Verhältnis von Nationalstaat und Weltwirtschaft, in hohem Maße sogar zwischen Innen- und Außenpolitik darstellt. Sie ist eine wichtige Ebene, auf der die politischen Auseinandersetzungen und die Veränderungen interner wie externer Machtverhältnisse stattfinden, weil sie zu einem erheblichen Teil davon abhängen, um welchen Ausschnitt des weltmarktintegrierten Reproduktionszusammenhangs der jeweilige Nationalstaat seine politische Klammer schlägt“ (Schmalz 2007:50f.).

Die angeführte vereinfachte graphische Darstellung soll im Folgenden in Frage gestellt werden, es soll aufgezeigt werden, inwiefern, dieses Modell für die brasilianische Abhängigkeit von Erdöl im Rahmen der brasilianischen Energiepolitik heute über Gültigkeit verfügt. Obwohl die brasilianische Energiepolitik über einen weitaus breiteren Energiemix verfügt, soll hier die brasilianische Erdölpolitik besprochen werden, dennoch werden andere Energiequellen in diesem Zusammenhang Erwähnung finden müssen, da sich sonst nur schwer ein rundes Bild der brasilianischen Erdöl-Energiepolitik beschreiben lassen würde.

3. Brasilianische Energiepolitik

Zwar gelangt es Brasilien 2006 mit einer Produktion von 1,9 Mio. Barrel von seinen Erdölimporten unabhängig zu werden, doch kommt das Land nicht herum, teures Leichtöl zu importieren und billigeres Schweröl zu exportieren, denn die eigenen Kapazitäten zur Weiterverarbeitung sind für den nationalen Bedarf nach wie vor nicht ausreichend (Maihold; Müller 2012:307).

Die Euphorie der Ölunabhängigkeit, welche 2006 von Präsident Lula noch als „zweite Unabhängigkeit Brasiliens“ angepriesen wurde (Suhr 2008:59), war jedoch bereits im Jahr darauf, 2007, wieder verflogen, denn Brasilien musste 12% seines Treibstoffes importieren, da die eigenen Raffinerie-, Lager- und Verteilungskapazitäten mit dem raschen Wirtschaftswachstum und der wachsenden nationalen Fahrzeugflotte nicht mehr Schritt halten können. Immer wieder kommt es daher zu Versorgungsengpässen (Busch 2012a/ Suhr 2008:68). Laut Maihold und Müller ist ein chronischer Investitionsmangel schuld daran, dass die Erdölautarkie aufgrund rückläufiger Produktion bereits 2007 nicht mehr aufrechterhalten werden konnte (Maihold, Müller 2012:320). Die brasilianische Regierung sieht jedoch von offizieller Seite keinen akuten Handlungsbedarf, in einer Presseaussendung vom 31. August 2009 wurde folgendes verlautbart: „Today the Brazilian economy is sound and well-balanced, the country has an diversified industry and is self-sufficient in petroleum“ (Secretariat of Social Communication 2009a).

Auch das erste Quartal 2013 ist für diese Tendenz bezeichnend, denn der Anstieg des brasilianischen Verbrauchs und der langsame Ausbau eigener Kapazitäten tragen wesentlich zu einem Handelsbilanzdefizit bei. Aufgrund der massiv ansteigenden Binnennachfrage sank das für den Export zur Verfügung stehende Volumen an Ölprodukten. Um knapp 20% gingen die Lieferungen an den größten Abnehmer, die USA, im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahresquartal zurück (Brasilnews 2013). Laut eines Berichts der Energy Information Administration sehen die brasilianische Produktion und der Verbrauch folgendermaßen aus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Suhr identifiziert in der brasilianischen Energiepolitik, welche durch Unabhängigkeit zu außen- und sicherheitspolitischen Zielen beitragen soll, drei wesentliche Ziele:

„Die Strategie nationale Anteile in der Ölindustrie zu erhöhen, ist durch viele politische Vorgaben bedingt und hat drei Ziele - erstens die Abhängigkeit der gesamten nationalen Erdölindustrie vom Ausland zu verringern, zweitens mehr Brasilianer am Erfolg des wachsenden Sektors, der mittlerweile zehn Prozent des brasilianischen BIP ausmacht, teilhaben zu lassen und schließlich drittens, einen ,richtigen‘ Selbstversorgungsstatus des Landes zu erreichen“ (Suhr 2008:68).

Brasilien setzt dabei auf einen breiten Mix der Energiequellen, dazu zählt nicht nur der Ausbau der Förderung von Erdöl, sondern auch Investitionen in andere Bereiche der Energiegewinnung wie alternative Energieträger sowie Wasserkraft und Atomenergie (Quiroga 2011:4).

Besonderes Ziel ist dabei die Energiesicherheit, Brasilien möchte seine Quellen für die nächsten Jahre und Jahrzehnte sichern und verfolgt dabei vor allem eine nationale Strategie der Energiesicherung, welche möglicherweise im Erdgasstreit mit Bolivien seine Wurzeln hat. „Seit 2003 haben Brasilien und Argentinien bereits zwei Mal in bolivianischen Regierungskrisen vermittelt. Zu einem Eklat kam es nach der Verstaatlichung des bolivianischen Erdgassektors, von dem vor allem der brasilianische Staatskonzern Petrobras als Hauptinvestor betroffen war. Innenpolitisch durch die bevorstehenden Wahlen unter Druck griff Lula in den Konflikt ein. Kurz darauf trat der bolivianische Energieminister zurück. Ende Oktober wurde ein Kompromiss mit Petrobras ausgehandelt. Danach wird Petrobras nur 50 Prozent Förderzinsen und Steuern zahlen müssen statt der 82 Prozent, die das Nationalisierungsdekret vorgesehen hat“ (Gratius; Zilla 2006:4).

Für Sannes und Narciso gehören allerdings weitere Faktoren, nicht nur die Unabhängigkeit von Importen, zu einer erfolgreichen Strategie der Versorgungssicherheit, nämlich:

- „Quantität und Qualität der Energieressourcen
- Technologisches Know-How in Bezug auf den gesamten Prozess: Förderung, Raffinieren, Wasserkraftwerke, Transport etc
- Zugang zu Finanzierung, da der Energiesektor ganz besonders kapitalintensiv ist und der Erfolg auf Skalenerträgen beruht
- Transportinfrastruktur (insbesondere Pipelines und Leitungen)
- Zugang zu Verbrauchermärkten“ (Sennes und Narciso 2009 zitiert nach Maihold; Müller 2012:306).

3.1. Energiemix

Ein weiterer wichtiger Faktor für die brasilianische Energiepolitik ist die Exportfähigkeit seiner Energieprodukte sowie die Rentabilität. „Die Bereiche Öl, Gas, Äthanol und Biodiesel versprechen hohe Profite, insbesondere im Exportgeschäft. Das dürfte ein treibendes Motiv sein“ (Suhr 2008:78).

Schon seit mehreren Jahrzehnten setzt Brasilien wesentlich auf die Produktion von Ethanol, welches aufgrund hoher Skalenerträge und technologischem Fortschritt immer konkurrenzfähiger wird (Maihold; Müller 2012:314).

[...]

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Brasiliens (Un-)Abhängigkeit vom Schwarzen Gold
Hochschule
Universität Wien
Note
1
Autor
Jahr
2013
Seiten
34
Katalognummer
V271254
ISBN (eBook)
9783656627500
ISBN (Buch)
9783656627494
Dateigröße
1880 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
brasiliens, abhängigkeit, schwarzen, gold
Arbeit zitieren
Claudia Fallmann (Autor), 2013, Brasiliens (Un-)Abhängigkeit vom Schwarzen Gold, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271254

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Brasiliens (Un-)Abhängigkeit vom Schwarzen Gold


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden