Persuasion und Musik. Analyse von Plattenrezensionen im Hinblick auf ihr persuasives Potenzial


Bachelorarbeit, 2013

42 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1... EINLEITUNG

2 TEXTSORTE

3 THEORETISCHE... GRUNDLAGEN DER PERSUASIONSFORSCHUNG
3.1 Argumentation
3.1.1 Begriffsbestimmung
3.1.2 Enthymemargumentation
3.1.3 Beispielargumentation
3.1.4 Topik
3.1.5 Argumentation im Text.
3.2 Präsupposition
3.2.1 Begriffsbestimmung
3.2.2 Präsuppositionen der Produzentin / des Produzenten
3.2.3 Präsupposition im Text.
3.3 Kontext und Kontextualisierung
3.3.1 Begriffsbestimmung
3.3.2 Kontextualisierungsstrategien
3.3.3 Kontextualisierung im Text
3.4 Emotionund Sprache
3.4.1 Lexikalische und syntaktische Phänomene
3.4.2 Satzübergreifende Phänomene.
3.4.3 Emotionalisierung
3.4.4 Emotionalisierung im Text

4 RESÜMEE

5. ANHANG
5.1 Rezension
5.2 Rezension
5.3 Rezension
5.4 Rezension

6.. LITERATURVERZEICHNIS

1 Einleitung

Dass sich an der Musik die Geister scheiden, ist keine überragende Neuigkeit, sondern ein weitgehend akzeptiertes Faktum, das die Beschäftigung mit musikalischen Phänomenen erst richtig spannend machen und das nachhaltige Interesse an der Musik gewährleisten kann. Da Musikkritik stets auf die individuelle Perspektive der jeweiligen Kritikerin / des jeweiligen Kritikers angewiesen ist, herrscht gerade in dieser Textsorte - beziehungsweise natürlich generell bei Rezensionen aller Art - ein hohes Maß an Subjektivität, was dazu führt, dass sich laufend unterschiedliche Ansichten gegenüberstehen.

Es wird daher unter anderem durch Rezensionen versucht, bestimmte Ansichten bzw. subjektive Erkenntnisse - mittels persuasiver Strategien - zu prägen. Dies kann weitrei­chende Folgen mit sich bringen, da die Musikpresse eine nicht unwesentliche Rolle bei der Vermarktung eines Tonträgers spielen und in weiterer Konsequenz auch den Erfolg eines Werkes mitbestimmen kann und will.

Diese Arbeit soll sich ebendiesem Phänomen widmen. Dazu sollen vier verschiedene Rezensionen zu dem aktuellsten Album der britischen Rockgruppe Kasabian, welches den Titel Velociraptor! trägt, betrachtet und einander gegenübergestellt werden. Im Zuge die­ser Untersuchung soll vor allem darauf geachtet werden, welche Möglichkeiten sich Mu­sikkritikerInnen bieten, um ihre Erkenntnisse zu begründen bzw. den LeserInnen nachvoll­ziehbar zu gestalten. Aus dem doch eher bescheidenen Umfang dieser Untersuchung resul­tiert, dass lediglich ein exemplarischer Überblick angestrebt werden kann.

Ziel der Arbeit soll demnach sein, die expliziten und impliziten Aspekte der Persuasion in den Beispieltexten aufzudecken und dementsprechend zu zeigen, wie in der Praxis ein solcher Persuasionsprozess erfolgen kann. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, bedarf es natürlich eines einführenden Überblicks über die Persuasionstheorie. Bevor nun jedoch die Persuasionstheorie per se Behandlung findet, soll erst einmal die Textsorte Rezension näher fokussiert werden.

Erst nach der genaueren Betrachtung der Textsorte an sich und der Erörterung der je­weiligen Bestimmungen im Rahmen der Persuasionstheorie scheint es sinnvoll, die Text­beispiele in dieser Hinsicht zu analysieren und einander gegenüberzustellen. Anhand der konkreten Beispielrezensionen soll schließlich ausführlich aufgezeigt werden, wie sich Persuasion im Konkreten gestalten kann und mit welchen sprachlichen Mitteln ein solcher Persuasionsprozess herbeigeführt werden kann.

2 Textsorte

Zu Beginn dieser Darstellung sollen grundsätzliche Überlegungen zu Textsorten im All­gemeinen bzw. zur Rezension im Speziellen im Mittelpunkt stehen, um ein solides theore­tisches Fundament zu errichten, sodass ein differenzierter Umgang mit Textsorten sicher­gestellt werden kann. Prinzipiell gibt es unüberschaubar viele Textsorten, wobei es häufig gar nicht einfach ist, diese voneinander abzugrenzen. Die Grenzen verschwimmen in vie­len Fällen, was vor allem daran liegt, dass sich viele Textsorten gleiche Definitionskrite­rien teilen und sich folglich nur in Kleinigkeiten unterscheiden.

Grundsätzlich gibt es allgemein bekannte ebenso wie relativ unbekannte, befremdlich wirkende Textsorten. Die Textsorten, mit denen wir häufig konfrontiert sind, jene „hoch­frequente^] und hochstandardisierte[n] Textsorten“ (Heinemann 2000, 507), erkennen wir intuitiv, ohne wirklich bewusst darüber nachzudenken. Das liegt vor allem daran, dass be­stimmte Strukturen und Ausprägungen immer wiederkehren und sich so im Bewusstsein der RezipientInnen verankern können.

Brinker (2010, 120) sieht Textsorten als „komplexe Muster sprachlicher Kommunikati­on [...], die innerhalb der Sprachgemeinschaft im Laufe der historisch-gesellschaftlichen Entwicklung aufgrund kommunikativer Bedürfnisse entstanden sind“. Dieser Textsorten­begriff scheint gerade deshalb stimmig, weil er die kommunikative Dimension des Phäno­mens nicht ausklammert und sich nicht allein auf formale Aspekte beschränkt.

Um auch gleich einen ersten Überblick über die Rezension im Speziellen zu bekom­men, kann man sich an der Definition Stegerts (2002, 1725) orientieren, der unter einer Rezension „ein[en] Beitrag in einem öffentlichen Medium“ versteht, „mit dem ein Journa­list ein von ihm rezipiertes Kulturereignis unter anderem beschreibt, erklärt, einordnet, deutet und/oder bewertet“.

Der Definition ist an dieser Stelle zwar nichts entgegenzusetzen, jedoch sollte eine de­tailliertere Betrachtung dieser Textsorte bei einer Untersuchung dieser Art nicht fehlen. Der Darstellung Heinemanns (vgl. 2000, 513) zufolge sind die Charakteristika einer Text­sorte auf mehreren Ebenen zu suchen, die im Folgenden kurz reflektiert werden sollen. Er spricht dabei jedoch nicht von konkreten Textsorten, sondern hält seine Erkenntnisse sehr allgemein und auf alle Textsorten übertragbar. Diese allgemeinen Überlegungen sollen nun auf den speziellen Fall der Rezension übertragen werden, um die elementaren Eigenschaf­ten dieser Textsorte in ihren grundsätzlichen Ausprägungen aufzuzeigen.

Heinemann beschreibt unter anderem die äußere Textgestaltung und das Layout als Merkmale, die zur Charakterisierung von Textsorten häufig herangezogen werden können. Die Rezension ist im Grunde nicht an ein strenges Layout gebunden, allerdings weisen alle Beispieltexte eine sehr klare Gliederung auf.

Weitere Charakteristika sind nach Heinemann in der Struktur und Formulierung zu su­chen. Zwar unterliegt die Rezension keinen streng verbindlichen strukturellen Vorgaben, was jedoch nicht bedeutet, dass es typische Elemente für diese Textsorte nicht gäbe. Ste- gert (vgl. 2002, 1726) verneint zwar das Vorhandensein von einzelnen prototypischen strukturellen Elementen, die nur für die Rezension alleine konstitutiv wären, verweist aber auf Zusammensetzungen von Bausteinen, die am ehesten in Rezensionen zu beobachten sind. Es ist beispielsweise sehr wahrscheinlich, dass RezensentInnen ein Werk nicht nur isoliert betrachten, sondern auch allgemeine Thematiken rund um den Interpreten behan­deln. Ebenso finden sich zumeist Vergleiche mit anderen Werken oder Interpreten und Be­züge zum aktuellen kulturellen Geschehen.

Nun können laut Heinemann auch der Inhalt und das Thema eine abgrenzende Wirkung haben, was auch bei den hier behandelten Beispieltexten der Fall ist. Es wird ein musikali­sches Werk beurteilt, was bedeutet, dass wir die Textsorte Rezension noch weiter subklas­sifizieren können: Hier liegen Musikrezensionen vor.

Als weitere zu beachtende Merkmale verweist Heinemann auf situative Bedingungen, durch die sich manche Textsorten voneinander abgrenzen lassen. Grundsätzlich ist die Re­zension bestimmt für eine mediale und öffentliche Umgebung, das Publikum bleibt weit­gehend anonym (vgl. zur Kommunikationssituation Stegert 2002, 1725). Da ein Musik­stück hauptsächlich dann rezensiert wird, wenn es gerade veröffentlicht wurde, lässt sich vorsichtig behaupten (verallgemeinern darf man dies jedoch natürlich nicht), dass Rezen­sionen vorwiegend zu aktuellen Werken geschrieben werden.

Abschließend sind nach Heinemann die kommunikativen Funktionen, die den verschie­denen Texten zugrunde liegen, als höchst aufschlussreiche Faktoren zu betrachten, da es auch hier verschiedene Ausprägungen geben kann. Für den Fall der Rezension können mehrere kommunikative Funktionen zum Tragen kommen. Bedient man sich dabei der oft zitierten Differenzierung Brinkers (vgl. 2000, 176), welche auch hierfür in dieser Form übernommen wird, muss eine Rezension vor allem im Zusammenhang mit der Informa­tionsfunktion betrachtet werden. Vordergründig geht es also um das Verbreiten von Infor­mationen über ein bestimmtes Kunstwerk.

Dass jedoch noch andere Funktionen eine Rolle spielen können, sollte an dieser Stelle bereits vorhersehbar sein. So ist es durchaus denkbar, dass die Kritikerin / der Kritiker die RezipientInnen davon abhalten will, ein als misslungen empfundenes Kunstwerk zu rezi­pieren. Natürlich ist auch eine explizite Empfehlung seitens der Kritikerin / des Kritikers möglich. In diesen Fällen kommt einer Rezension ganz klar Appellfunktion zu.

In diesem Zusammenhang muss auch auf den Unterhaltungswert verwiesen werden, der in vielen Fällen erzeugt werden soll und zweifelsohne auch bei Rezensionen eine Rolle spielen kann. Die Existenz der Unterhaltung als eigene textfunktionale Kategorie ist jedoch in der Forschung sehr umstritten (vgl. Burger 2000, 617), weshalb das Phänomen an dieser Stelle nur kurz Erwähnung finden soll.

Rezensionen beinhalten immer Bewertungen, die wiederum an bestimmte Perspektiven geknüpft sind: an jene der Kritikerin / des Kritikers. Diese Perspektiven sollen natürlich den LeserInnen weitervermittelt werden. Im Optimalfall kann es gelingen, dass die Rezipi- entInnen diese Perspektiven aufnehmen. Herbig/Sandig (vgl. 1994, 60) setzen jedoch weit­aus früher an. Sie beschreiben das sog. Bewertungswissen als Voraussetzung jeglichen Bewertens. Sie unterscheiden schließlich zwischen verschiedenen Gegenstandsklassen, auf die sich das Bewertungswissen beziehen kann. Die vorliegenden Rezensionen haben es ausschließlich mit einer abstrakten Größe zu tun, d. h. es wird kein konkreter Gegenstand wie ein technisches Gerät o. Ä. bewertet, sondern ein weitaus schwerer zugänglicher Ge­genstand: ein Musikstück.

3 Theoretische Grundlagen der Persuasionsforschung

Die Möglichkeit der Persuasion bildet die elementare Fähigkeit des Menschen, seine Inte­ressen bzw. Standpunkte zu verteidigen und diese durchzusetzen und muss in weiterer Fol­ge als ein entscheidender Schlüssel zur Macht betrachtet werden. Schon seit geraumer Zeit gesteht man der Persuasion daher einen hohen Stellenwert zu. Die Geschichte der Persua­sionsforschung beginnt bereits in der Antike, wo unter dem Deckmantel der Rhetorik Techniken der Persuasion und der Redekunst analysiert und bewertet wurden. Die antiken Rhetoriker entwickelten schon in dieser frühen Zeit eine recht ausgefeilte Theorie, die in vielen Punkten noch heute gültig und nachvollziehbar ist (vgl. Ortak 2004, 2).

Auch in der Alltagssprache wird persuasives Handeln durchaus explizit benannt, dazu braucht man lediglich die Lexeme überreden und überzeugen betrachten. Nun fordert die

Unterscheidung dieser Lexeme, die überhastet als synonym betrachtet werden könnten bzw. sicherlich oft auch werden, eine differenziertere Sichtweise. Zumeist wird in der For­schung ein Bedeutungsunterschied angenommen.

Nun gibt es auf der einen Seite Ansätze, welche diese Begriffe sehr allgemein trennen, wie dies beispielsweise bei Pasierbsky/Rezat (vgl. 2006, 11) der Fall ist. Überzeugen im­pliziert für sie, dass die rein sachliche Information zu einer Einstellungsänderung führt, während überreden vor allem an emotionale Aspekte gekoppelt ist. Problematisch gestaltet sich daran jedoch die Tatsache, dass diese beiden „Persuasionspraktiken“ häufig aneinan­der gekoppelt erscheinen, denn sie „wirken in der Kommunikationspraxis zusammen und haben fließende Grenzen“ (Pasierbsky/Rezat 2006, 11).

Obwohl diese Dichotomie im Sinne von Pasierbsky/Rezat durchaus plausibel klingen mag, so lassen sie doch ein wichtiges Faktum unbeachtet, das zumindest Erwähnung fin­den sollte, um einen reflektierten Umgang mit den Begriffen gewährleisten zu können. Ortak (vgl. 2004, 57) sieht in der Rationalität, die ja für die Persuasionskategorie überzeu­gen relevant zu sein scheint, ebenfalls einen emotiven Begriff, einen Wert. Damit benennt er ein Paradoxon, welches das Streben nach Differenzierung relativiert, ja beinahe unmög­lich macht. Dennoch sieht auch er die Notwendigkeit einer Trennung, und zwar in der Verwendung als „Charakterisierungshilfe verschiedener Stilarten des Sprechens“ (Ortak 2004, 58).

Bevor nun auf speziellere Phänomene der Persuasionsforschung eingegangen werden kann, müssen noch weitere wichtige Kriterien bzw. eher Einschränkungen thematisiert werden, die in einer Persuasionssituation zu beachten sind. Die Rede ist dabei von den so­genannten kommunikativen Widerständen, die den Persuasionsspielraum einer Situation erheblich verkleinern können. Der Unterscheidung Knapes (vgl. 2000, 58) zufolge können diese auf fünf verschiedenen Ebenen angesiedelt sein: auf der kognitiven, der sprachlichen, der textuellen, der medialen und der situativen Ebene.

Der kognitive Widerstand ergibt sich grundsätzlich daraus, dass eine Sprecherin / ein Sprecher niemals mit Sicherheit wissen kann, was sie / er im kognitiven System der Rezi­pientin / des Rezipienten auslöst. Damit kann das Gelingen einer persuasiven Absicht in keinem Fall gewährleistet werden, sondern ist letztendlich immer darauf angewiesen, wie bzw. ob die Rezipientin / der Rezipient auf den Persuasionsversuch eingeht und reagiert (vgl. Knape 2000, 58f.).

Unter dem Sprachwiderstand versteht man die vom Sprachsystem auferlegten Grenzen: „Kein Sprecher kann frei über eine Sprache verfügen“ (Knape 2000, 60), eine Sprecherin / ein Sprecher kann lediglich versuchen, ihre / seine Gedanken und Vorstellungen so gut als möglich sprachlich zu kodieren, um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen.

Der textuelle Widerstand bezeichnet jene Grenzen, die Produzentlnnen durch die textu­elle Gestalt auferlegt werden. Auch hier herrschen Normen, die eine Textproduzentin / ein Textproduzent beachten muss, um ein gewisses persuasives Ziel erreichen zu können (vgl. Knape 2000, 60ff.). Das Problem erwächst in diesem Fall aus der Umsetzung einer kogni­tiven Idee in einen schriftlich fixierten Text, aus der Transformation eines kognitiven Mo­dells in schriftliche Zeichen.

Einen weiteren, durchaus nicht zu vernachlässigenden Widerstand in einer Kommunika­tionssituation kann das jeweilige Medium mit sich bringen. Knape (vgl. 2000, 62f.) sieht vor allem dann Widerstand und Probleme, wenn für eine Situation ein optimales Medium nicht vorhanden ist. Medien haben ihre eigenen Gesetze, denen SprecherInnen unter un­günstigen Bedingungen unterlegen sind, denen sie sich unterwerfen müssen.

Abschließend muss nun noch auf den situativen Widerstand verwiesen werden, der die Möglichkeiten einer Kommunikationssituation erheblich einschränken kann. Knape (2000, 63) subsumiert unter diesen Begriff „alle sonstigen, die strategische Kommunikation re­stringierenden Rahmenbedingungen“. Dieser Faktor stellt gewiss den unvorhersehbarsten dar, da keine Sprecherin, kein Sprecher jemals alle möglichen situativen Eigenheiten in eine geplante Kommunikation miteinberechnen kann.

Im Folgenden soll nun auf speziellere Phänomene der Persuasionsforschung eingegan­gen werden. Die Differenzierung der auch abseits der Wissenschaft stark verbreiteten Le­xeme überzeugen und überreden sollte bereits am Beginn der Betrachtungen die Begriffs­problematik aufzeigen. Diese Begriffsproblematik, aber auch die Einschränkungen, die sich aus den soeben reflektierten kommunikativen Widerständen ergeben, müssen für die weiterführenden Betrachtungen im Hinterkopf behalten werden.

3.1 Argumentation

Auch abseits der Wissenschaft besteht weitgehend Konsens, dass die Argumentation einen zentralen Stellenwert einnimmt, wenn ein bestimmter Standpunkt gestützt werden soll. Wie Argumentation im Konkreten funktioniert und wie allgegenwärtig das Phänomen im Grunde ist, soll im folgenden Kapitel näher erläutert werden. Um auch zeigen zu können, wie sich Argumentation im Text manifestieren kann, sollen konkrete Textanalysen der theoretischen Beschreibung des Phänomens nachgestellt werden.

3.1.1 Begriffsbestimmung

In Anlehnung an das Metzler Lexikon Sprache soll folgende Definition des Begriffs Ar­gumentation zur elementaren Erörterung der wesentlichen Merkmale des Phänomens her­angezogen werden:

Typus sprachlichen]. Handelns, dessen genauer theoretischer]. Status noch im­mer umstritten ist. Versuchen, A[rgumentation]. als Sprechakt zu bestimmen, ste­hen solche gegenüber, die A[rgumentation]. eher als Sprechhandlungsfolge analy­sieren. [...] Charakteristisch]. für Argumentationen ist, dass in ihnen zwischen zwei Interaktanten strittige, konkurrentielle Wissenselemente durch verbale Inter­aktion in ihrem Status geklärt werden sollen. A[rgumentation]. kommt also für das wechselseitige Überzeugen der Interaktanten eine große Bedeutung zu. (Ehlich 2010, 57f.)

Diese kurze Textpassage suggeriert bereits die elementaren Eigenschaften von Argumenta­tion. Das Zustandekommen einer Argumentation ist zu allererst einmal gebunden an das Vorliegen eines strittigen Sachverhalts (vgl. auch Ottmers 1996, 67), wobei die Kommuni­zierenden versuchen, einen Konsens herzustellen. Erst wenn ein Streitpunkt vorhanden ist, werden Argumente - also weitgehend unstrittige Aussagen - wichtig, um einen Stand­punkt oder eine Einstellung gegenüber dem Opponenten zu verteidigen. Kienpointner (vgl. 2008, 702) beschreibt Argumente als jene Aussagen, mit denen der zentrale Sprechakt der Argumentation, das Argumentieren, vollzogen wird und erreicht damit eine gute begriffli­che Differenzierung.

Da nun das Vorhandensein eines strittigen Sachverhalts die Voraussetzung für die Ar­gumentation bildet, muss sie sich zum vordergründigen Ziel machen, dass „der bestrittene Geltungsanspruch einer Äußerung von der Mehrzahl der an der Argumentation beteiligten Teilnehmer schließlich als unstrittig akzeptiert wird“ (Ottmers 1996, 71). Dies kann durch Pro- und Kontra-Argumente - wie auch aus dem alltäglichen Sprachgebrauch bekannt - erreicht werden (vgl. Kienpointner 2008, 702f.). Dabei muss es in konkreten Alltagssitua­tionen nicht zwingend nur Pro- und Kontra-Positionen geben, sondern auch Meinungen dazwischen sind denkbar, nein vielmehr weit verbreitet. Das suggerieren unter anderem auch die Überlegungen Bayers (vgl. 2007, 144).

Gute Argumente, egal ob für oder gegen einen strittigen Sachverhalt vorgebracht, sollen jedenfalls einerseits haltbar, d. h. wahr oder zumindest sehr wahrscheinlich (im Falle de­skriptiver Argumente) bzw. richtig (im Falle normativer Argumente), und andererseits re­levant sein. Ob ein Argument relevant ist, ergibt sich aus dem Zusammenhang der These mit dem jeweiligen Inhalt des Streitpunkts. Wie aus dieser Überlegung bereits hervorgeht, werden im Allgemeinen normative Argumente, d. h. diejenigen, die nicht überprüft werden können (vgl. Bayer 2007, 153), unterschieden von jenen, die wahr oder falsch sein können und deskriptiv sind (vgl. auch Kienpointner 2008, 703). Normative Argumente verweisen dabei nicht direkt auf Sachverhalte, „sondern darauf, dass etwas wünschenswert ist oder getan werden soll“ (Bayer 2007, 153).

Ein weiteres Merkmal, das aus der Definition recht deutlich hervorgeht, ist die Be­schreibung von Argumentation im Hinblick auf ihre pragmatische Wesensart. Argumenta­tionen haben in der Regel Folgen, welche gewöhnlich die Realität beeinflussen, sie abän­dern und im Sinne der Argumentierenden in eine Richtung lenken.

Nun legt die einführende Definition von Argumentation zusätzlich nahe, dass mehr als eine Person, d. h. mehrere KommunikationspartnerInnen, in eine Argumentation involviert sein müssen, immerhin ist klar von zwei Interaktanten die Rede. Dabei können realiter weitaus mehr als zwei Personen an einer Argumentation teilnehmen. Im Hinblick auf die wechselseitige Beeinflussung wird außerdem der rationale Charakter der Argumentation durch das bereits reflektierte Lexem überzeugen impliziert.

Eine spezifische Situation ergibt sich in unserem konkreten Fall durch die Schriftlich­keit der Untersuchungstexte, denn es gibt keine spontane Möglichkeit, der Meinung der Kritikerin / des Kritikers unmittelbar zu widersprechen, was impliziert, dass man von einer monologischen Argumentationssituation auszugehen hat (vgl. Ottmers 1996, 69). Dennoch sind Gegenpositionen zu schriftlichen Plattenrezensionen prinzipiell möglich. Die Kritike­rin / der Kritiker muss einerseits davon ausgehen, dass in Abwesenheit über die Rezension gesprochen und diskutiert wird, andererseits jedoch darf auch eine schriftliche Reaktion nicht ausgeschlossen werden. Allein durch die Möglichkeit einer - wenn auch nicht spon­tanen - Reaktion ergibt sich eine übergeordnete dialogische Argumentationssituation, in welche die monologische eingebettet ist (vgl. Ottmers 1996, 70).

Die Rhetorik widmet sich nun zwei möglichen, grundlegenden Argumentationsverfah­ren: der Enthymem- und der Beispielargumentation.

3.1.2 Enthymemargumentation

Die Enthymemargumentation geht in der Form, wie sie noch heute eine Rolle spielt, auf Aristoteles’ Rhetorik zurück. Bei dieser Art der Argumentation handelt es sich um ein de­duktives Verfahren, d. h. es wird vom Allgemeinen auf das Besondere geschlossen (vgl. Ottmers 1996, 74). Um einem strittigen Sachverhalt Gültigkeit zu verleihen, müssen als unstrittig empfundene Aussagen herangezogen werden, die nun - als Argumente - Plausi­bilität stiften sollen (vgl. Ottmers 1996, 73). Natürlich funktioniert das genauso, wenn ge­gen einen gewissen Streitpunkt argumentiert werden soll.

Im Optimalfall weist dieses Argumentationsmuster drei Komponenten auf: das Argu­ment selbst, das mithilfe einer Schlussregel in die Konklusion überführt wird (vgl. Ottmers 1996, 74). Unter der Schlussregel versteht man dabei die Schlussfolgerung, die das Argu­ment mit der Konklusion in Verbindung bringt. Die Konklusion bezeichnet als Resultat der Argumentation den im Optimalfall nicht mehr strittigen Schlusssatz. Natürlich tauchen solche Argumentationsstrukturen im Alltag häufig abweichend von dieser Idealform auf, indem bspw. nicht alle Bestandteile explizit genannt werden und folglich hinzugedacht werden müssen. Erwähnenswert ist an dieser Stelle auch, dass die Enthymemargumenta­tion „auf spezifischen, teils alltagslogischen, teils konventionalisierten Schlußverfahren“ (Ottmers 1996, 74) aufbauen kann, mit denen sich im Detail die sogenannte Topik beschäf­tigt. Darauf wird noch näher einzugehen sein.

3.1.3 Beispielargumentation

Die zweite Form der Argumentation, die Beispielargumentation, unterscheidet prinzipiell zwischen induktiven und illustrativen Beispielen (vgl. Janich 2010, 134). Bei den indukti­ven Beispielen kommt das umgekehrte Verfahren zum Tragen wie bei der Enthymemar- gumentation: Es wird vom Besonderen auf das Allgemeine geschlossen, aus Beispielen wird eine Regelhaftigkeit konstruiert. Anders als bei der enthymemischen Argumentation muss dabei die Schlussregel erst gebildet werden und kann nicht einfach aus der Topik ab­geleitet werden (vgl. Ottmers 1996, 82). Daher scheint die stringente, erfolgreiche Gestal­tung einer Beispielargumentation dieser Art wesentlich schwieriger zu sein als die der Enthymemargumentation. Im Grunde handelt es sich bei der induktiven Beispielargumen­tation um eine Form der Verallgemeinerung (vgl. Ottmers 1996, 83).

Das illustrative Beispiel hingegen dient laut Janich (2010, 134) eher zur „Verstärkung einer enthymemischen Argumentation“ und stellt damit eine Möglichkeit zur Veranschau­lichung einer bereits geäußerten Konklusion dar. Mit einem illustrativen Beispiel soll also eine Argumentation noch nachvollziehbarer gestaltet werden und damit überzeugender wirken. Ottmers (vgl. 1996, 84) verweist aber auch darauf, dass die Grenzen zwischen il­lustrativem und induktivem Beispiel oft nicht leicht auszumachen sind.

Natürlich funktioniert Argumentation nicht immer auf diese einfache Art und Weise, wie vielleicht nun nahegelegt. Kommunikation beschränkt sich nur selten auf das einmali­ge Durchlaufen einer dieser Argumentationsverfahren. Vielmehr wird zumeist eine Viel­zahl von Argumenten vorgebracht. Dadurch ergibt sich häufig eine komplexe Struktur, die auf den ersten Blick keinesfalls leicht zu durchschauen ist. Bayer (vgl. 2007, 148) schlägt bei der Betrachtung von komplexeren Argumentationen deshalb vor, zu Beginn erst einmal die hierarchische Argumentationsstruktur herauszuarbeiten. Dazu muss geklärt werden, welche Aussagen sich auf welche beziehen und was als Spitzenformulierung, wie Bayer (vgl. 2007, 150) benennt, zu klassifizieren ist.

3.1.4 Topik

Es wurde bereits kurz darauf hingewiesen, dass sich die Topik mit verschiedenen Schluss­verfahren beschäftigt, die für Argumentationen herangezogen werden können, um in wei­terer Folge die Plausibilität der Argumentation zu gewährleisten (vgl. Ottmers 1996, 87). Zusätzlich sieht Meyer (2007, 164) zwei weitere Bedeutungen im Terminus Topos: Wäh­rend man unter Topoi einerseits auch die „Fundorte für Gedanken oder Ideen für eine Re­de“ versteht, steht ein Topos andererseits für „einen Gemeinplatz (locus communis) und dient so als Ausgangspunkt für eine thematisch vorgegebene Ausarbeitung“. Dabei bauen die heutigen Untersuchungen zur Topik auf einer sehr langen Tradition auf, die Überle­gungen Aristoteles’ haben sich im Kern bis zur heutigen Topikforschung gehalten.

Traditionellerweise werden nun zwei verschiedene Arten der Schlussregeln unterschie­den. Ottmers (vgl. 1996, 87) differenziert hierbei zwischen alltagslogischen und konventi- onalisierten Schlussverfahren, wobei diese Unterscheidung auch für diese Arbeit aufge­griffen werden soll. Meyer (vgl. 2007, 164ff.) trennt im Prinzip nach denselben Kriterien, verwendet aber eine andere Terminologie. Sie differenziert zwischen Beweisformeln und Scheinbeweisen. Nun darf die Topik aber nicht auf die bloße Existenz gewisser Schlussre­geln reduziert werden, denn auch gesellschaftlich geprägte Überzeugungen sind in der To­pik gespeichert und werden in Argumentationen miteinbezogen (vgl. Ottmers 1996, 90).

[...]

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Persuasion und Musik. Analyse von Plattenrezensionen im Hinblick auf ihr persuasives Potenzial
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz  (Germanistik)
Note
2
Autor
Jahr
2013
Seiten
42
Katalognummer
V271266
ISBN (eBook)
9783668074477
ISBN (Buch)
9783668074484
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Persuasion Argumentation Überzeugen Überreden Emotionalisierung Textstrategie Textlinguistik Text Analyse Textanalyse Rezension Rezensionen Plattenrezension Plattenrezensionen Textlinguistik Linguistik persuasiv persuasive Kommunikation
Arbeit zitieren
BA Christoph Lederhilger (Autor), 2013, Persuasion und Musik. Analyse von Plattenrezensionen im Hinblick auf ihr persuasives Potenzial, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271266

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Persuasion und Musik. Analyse von Plattenrezensionen im Hinblick auf ihr persuasives Potenzial



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden