Dass der Familienbegriff des Spätmittelalters sich klar von unseren heutigen Familienvorstellungen abgrenzt ist unumstritten. Die spätmittelalterliche Familie war ein hierarchisch gegliedertes Gefüge fest zugewiesener Rollenverteilungen, aus denen es kaum möglich war auszusteigen. Wie diese Beziehungskomplex konkret aussah soll nun im Folgende am Beispiel des wittelsbacherischen Hochadels näher betrachtet werden. Um die Ambitionen verstehen zu können, warum zu dieser Zeit ein so straffes und man könnte meinen auch erstarrtes Modell der Familie vorherrschte, ist es notwendig sich zumindest einführend einen Überblick über das generative Verhalten und die dynastischen Grundgedanken des damaligen Hochadels zu verschaffen.
Bereits sehr ausführlich hat sich Karl-Heinz Spieß mit dem Familienbegriff im spätmittela lterlichen Hochadel befasst. Jedoch handelt es sich bei diesem Werk fast ausschließlich um den niederrheinischen Hochadel. In meinen Ausführungen soll das Bild vervollständigt werden, indem ich von den Thesen Spieß’ ausgehen und diese mit der Geschichte und Genealogie der Wittelsbacher überprüfen werde.
Um der Vollständigkeit willen beschränke ich mich nicht nur auf die Wittelsbacher im Mannesstamm, sondern beziehe ebenso die Töchter mit ein, die vom Hause Wittelsbach in andere Höfe bzw. Linien eingeheiratet haben, und greife bisweilen auf Beispiele außerhalb des Spätmittelalters zurück. Um den Rahmen jedoch nicht zu sprengen, ist es nötig, sich haup tsächlich auf die ‚Kernfamilie’ zu beschränken, also den Familienbegriff im engeren Sinne zu betrachten und nicht als gesamter Familienverband. Außerdem lege ich den Schwerpunkt der Arbeit auf die Stellung der Kinder gegenüber den Eltern und werde das Verhältnis der Ehepartner wie das der Geschwister zueinander nur indirekt am Rande erwähnen. Untersucht habe ich ausschließlich die bayerischen Herzöge, der behandelte Zeitraum erstreckt sich demnach zufolge von Otto I. (1180) bis zum Tode Albrechts IV. (1508).
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1.Generatives Verhalten
1.1.Erhalten des Geschlechts und der Herrschaft
1.2.Gründe des Aussterbens
2.Aspekte der Familienordnung
2.1.Familienbegriff und -hierarchie
2.2.Das Verhältnis des Vaters zu den Kindern
2.3.Die geistlichen Söhne
2.4.Die weltlichen Söhne
2.5.Die geistlichen Töchter
2.6.Die weltlichen Töchter
3.Das Verhältnis der Mutter zu den Kindern
Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die spätmittelalterliche Familienordnung des Hochadels am Beispiel der Wittelsbacher Dynastie. Ziel ist es, die spezifischen Strukturen von Herrschaft, Verwandtschaft und Eltern-Kind-Beziehungen zu analysieren und mit bestehenden Thesen zur adeligen Familienforschung zu vergleichen.
- Generatives Verhalten und dynastische Kontinuität im Hochadel
- Struktur des Familienbegriffs und der internen Hierarchie
- Rollenverteilung und Erziehung von Söhnen und Töchtern
- Bedeutung der mütterlichen Vormundschaft und Erziehung
- Vergleich zwischen den Wittelsbachern und anderen Adelsfamilien
Auszug aus dem Buch
1.1.Erhaltung des Geschlechts und Stärkung der Herrschaft
Spieß sieht die „Sorge um Nachwuchs“ und somit die „generative Kontinuität“ als prägenden Leitsatz, der das Vorgehen des spätmittelalterlichen Hochadels beherrscht. Bei den Wittelsbachern wird dieser Gedanke vor allem durch Albrecht IV. bestätigt, der, nachdem er selbst lange Zeit Schwierigkeiten mit der Legitimation seiner Herrschaft hatte, sein ganzes Interesse „Haus, Dynastie und Erbrecht“ widmete. Die Voraussetzung für die Erhaltung des Stammes ist die Gründung neuer Familien, weswegen eine uneingeschränkte Vermehrung der Personenzahl am einfachsten als Vorbeugemaßnahme gegen die Gefahr des Aussterbens zu denken wäre.
Bekanntlich war aber das Mittelalter immer wieder von Spannungen geprägt, die eine Stärkung der Herrschaftsbasis zwingend machten, dies widerspricht jedoch der Zeugung möglichst vieler Erben. Eine innereheliche Geburtenkontrolle im Sinne der modernen Empfängnisverhütung barg jedoch zu viele Risiken, weder konnte Spieß diese für die von ihm untersuchten Familien konkret belegen, noch finden sich in den Chroniken der Wittelsbacher Anhaltspunkte für diese Methode.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung definiert den zeitlichen Rahmen der Untersuchung (1180–1508) und grenzt den Untersuchungsgegenstand auf die Kernfamilie der bayerischen Herzöge ein.
1.Generatives Verhalten: Dieses Kapitel thematisiert die Notwendigkeit der Nachwuchssicherung zur Erhaltung der Dynastie und analysiert die Ursachen für das Aussterben verschiedener Stammeszweige.
2.Aspekte der Familienordnung: Hier werden die hierarchischen Strukturen innerhalb der Familie, die Rollenzuweisungen durch das Familienoberhaupt sowie die spezifischen Lebenswege der Söhne und Töchter beleuchtet.
3.Das Verhältnis der Mutter zu den Kindern: Dieses Kapitel untersucht die Rolle der Mutter in der Erziehung und Vormundschaft, insbesondere bei Abwesenheit oder Tod des Vaters.
Zusammenfassung und Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und hebt das spezifische weltliche Machtbewusstsein der Wittelsbacher hervor, das sie von anderen Adelsgeschlechtern abhob.
Schlüsselwörter
Wittelsbacher, Spätmittelalter, Hochadel, Familienordnung, Dynastie, generative Kontinuität, Erbteilung, Primogenitur, Herrschaftsbasis, Erziehung, Vaterrolle, Mutterrolle, Klerikalisierung, Adel, Genealogie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Familienstruktur und dem generativen Verhalten des bayerischen Hochadels, insbesondere der Dynastie der Wittelsbacher, im Spätmittelalter.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen das Erhalten der Dynastie, die hierarchischen Strukturen innerhalb der Kernfamilie und die Erziehungsprinzipien für den Nachwuchs.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Thesen von Karl-Heinz Spieß zur adeligen Familienordnung anhand der Geschichte und Genealogie der Wittelsbacher zu überprüfen und zu ergänzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen historisch-vergleichenden Ansatz, bei dem genealogische Daten und chronikalische Quellen analysiert und mit der bestehenden Fachliteratur abgeglichen werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Bereiche der Familienordnung, der spezifischen Lebenswege (geistlich/weltlich) von Söhnen und Töchtern sowie das besondere Verhältnis der Mutter zu ihren Kindern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Wittelsbacher, dynastische Kontinuität, Hochadel, Primogenitur und die spezifischen Rollenzuweisungen innerhalb der spätmittelalterlichen Familie.
Wie unterscheidet sich die Rolle der Wittelsbacher Söhne von der Klerikalisierung?
Im Gegensatz zu anderen Adelsfamilien der Zeit strebten Wittelsbacher Söhne fast ausschließlich weltliche Macht an, weshalb eine dauerhafte Klerikalisierung kaum vorkam.
Welche Bedeutung hatte die Mutter für die Erziehung?
Die Mutter übernahm eine bedeutende Rolle, besonders wenn der Regent verstorben oder abwesend war, und agierte häufig als Vormund für ihre Kinder.
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- Tanja Bräther (Author), 2003, Aspekte der Familienordnung im Hochadel des Spätmittelalters am Beispiel der Wittelsbacher, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27127