Die Wandmalereien im Hessenhof zu Schmalkalden und der Versroman "Iwein" von Hartmann von Aue


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

I. Zielsetzung der Arbeit und Erläuterung des inhaltlichen Aufbaus

Die nachfolgende Ausarbeitung liegt den in Schmalkalden befindlichen Iwein- Wandmalereien aus dem 13. Jahrhundert zu Grunde. In ihrer kompositorischen Anlage beziehen sich die Fresken auf den Inhalt des von Hartmann von Aue um 1203 verfassten gleichnamigen Versromans Iwein, welcher der ritterlich-höfischen Artusdichtung zuzuschreiben ist. Da in diesem hochmittelalterlichen Bilderzyklus von der Schriftvorlage nur rund die Hälfte der 8166 Verse thematisch eingebracht und umgesetzte wurde, soll bei dieser Arbeit der literarische Aspekt, aus dem die Malereien hervorgehen, nicht als zentraler Untersuchungsgegenstand behandelt werden. Auf eine umfassende Analyse oder Wiedergabe des Iwein-Stoffes wird daher weitgehend verzichtet. Zu Beginn dieser Arbeit möchte ich an erster Stelle einige Fakten und Informationen zur ritterlich-höfischen Dichtung zusammentragen und damit einen Einstieg in die weiteren Ausführungen zur Iwein-Illustration anbieten. Die beiden nachfolgenden Punkte nehmen exemplarisch Bezug auf den Zyklus und legen Daten und Befunde zu der Forschungsgeschichte, dem Entstehungszusammenhang, Raum und Lage der Malereien sowie einer möglichen Datierung und Auftraggeberschaft dar. Im Anschluss folgt eine kurze Ausführung zu der Technik und Farbigkeit der Abbildungen. Als ein weiterer Aspekt wird über die bildliche Darstellung des Zyklus ein kurzer Einblick in den Inhalt der Erzählung gegeben. Der nächste Abschnitt setzt sich intensiver mit dem Darstellungsstil, der Bildkomposition und der Erzählstruktur auseinander. An letzter Stelle ist es mir ein Anliegen, die relevantesten Thesen zu den Überlegungen von Funktion und Intention des Werkes festzuhalten und in diesem Zusammenhang meine eigenen Ideen und Betrachtungen einfließen zu lassen. Die Quellen- und Forschungslage zu dem behandelten Thema erweist sich als äußerst umfangreich. Über die Jahre hinweg konnten dank kunstgeschichtlicher Untersuchungen einige nachweisbare Erkenntnisse gesammelt und schriftlich fixiert werden. Desweiteren liegen diverse noch unbestätigte Theorien und Ansätze in der Forschungsliteratur vor, insbesondere bezüglich der Fragestellungen zu Funktion, Auftraggeberschaft und Datierung der Wandmalereien.

II. Anmerkungen zur ritterlich-höfischen Literatur

Bereits in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts setzte sich eine literarische Entwicklung in Gang, die das lebendige und anschauliche Erzählen in den Fokus stellte und eine Abgrenzung zu den tadelnden Lehrsätzen der bis dato üblichen sakralen Lektüre ermöglichte.[1] Dennoch bot die aufblühende ritterlich-höfische Literatur des 13. Jahrhunderts seiner Leserschaft nicht nur unterhaltsame und vergnügliche Aspekte an, sondern diente darüber hinaus auch als eine Art Unterweisung in tugendhaften und moralischen Verhaltensnormen, an der sich der Rezipient orientieren konnte. Der Entwurf von fiktiven Rittergeschichten in der Literatur hatte vorzugsweise didaktischen Vorbildcharakter, obwohl die konstruierten inhaltlichen Sachverhalte zumeist phantastisch und idealistisch anmuteten. Der Leser bzw. Hörer musste die fingierten Darstellungen auf die Aspekte der Wirklichkeit beziehen, um die entscheidenden weltlichen Prinzipien und Lebensweisheiten zu entnehmen.[2] Die Literatur verwies oftmals auf Stoffe des alltäglichen Lebens und forderte das Individuum zur Selbstreflexion auf.[3] Diese Romane legitimierten jedoch auch die Ideologie und Autorität des Adels, illustrierten die übergreifenden Geltungsbedürfnisse oder Machtverhältnisse und ertüchtigten seine Adressaten zur Beurteilung und Identifizierung der eigenen gesellschaftlichen Zugehörigkeit.[4] Im 13. Jahrhundert wurde Literatur primär vorgetragen, somit ‚gehört‘ und nicht im Stillen rezipiert.[5] Das Erzählen und der Vortrag am Hof waren daher ein charakteristisches gesellschaftliches Ritual und verbindlich für die mittelalterliche Wissensvermittlung.

III. Der Iwein-Zyklus in Schmalkalden I: Die Malereien im Kontext von Forschungsgeschichte, Datierung und Entstehungszusammenhang

Die ersten Publikationen der Iwein-Fresken in Schmalkalden stammen aus dem Jahre 1896. Das Vorhandensein der Wandmalereien in den Kellergewölben des Hessenhofes konnte bereits 34 Jahre zuvor von den Wissenschaften verzeichnet werden,

jedoch wurde in der Darstellung zu diesem Zeitpunkt noch kein thematischer Bezug zum Iwein-Zyklus ausfindig gemacht. Seit 1977 werden fortlaufend diverse Maßnahmen zur Wiederherstellung und zum Schutze der Gewölbemalereien durchgeführt. 2005 wurden die Fresken durch Mittel des Freistaates Thüringen in einem wissenschaftsübergreifenden Projekt auf Gefährdung der Substanz hin und in Bezug auf präventive Konservierungsmaßnahmen analysiert. Der „mit Salzen und Feuchtigkeit stark belastete Putzuntergrund [konnte] mit einem speziellen Mörtel stabilisiert werden“[6]. Zudem ist die Denkmalpflege darum bemüht, „die Klimatisierung der Räume und [die] Desinfektion der mit Pilzen befallenen Oberflächen“[7] zu gewährleisten. Der Raum mit den Malereien ist gegenwärtig und voraussichtlich auch in Zukunft nicht öffentlich zugänglich. Da der Zustand der Wandmalereien im Allgemeinen eher schlecht ist und nur wenige Anhaltspunkte zur genauen Entstehungszeit preisgibt, lassen sich vor allem in Hinblick auf die malerische Technik, den Stil und die abgebildeten Bildkomponenten nur vage Vermutungen zu der Datierung des Werkes anstellen. Zweifelsohne sind die Malereien eigenständig, d.h. erst nach der Errichtung des Gebäudes um 1210/1220 aufgetragen, denn „der zuunterst liegende Mörtel [zeigt] in seiner Versinterung einen zeitweiligen Oberflächenabschluss“[8]. Die in der Forschungsliteratur häufig bestimmte Entstehungsphase des Werkes erstreckt sich über eine Zeitspanne zwischen den Jahren 1215 bis 1250. Für die Einordnung der Malereien in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts spricht Möllers wissenschaftliche Abhandlung. Er datiert das Bildprogramms zwischen 1222 und 1241, wobei er sich in der Argumentation „auf Vergleiche von Details der Schmalkaldener Malerei mit Siegeln und Stempeln der thüringischen Landgrafen“[9] stützt, eine Gegenüberstellung zu ähnlichen zeitnahen Kunsterzeugnissen vornimmt und einen Blick auf die potenzielle Auftraggeberschaft wirft.

Bonnet nimmt dagegen ein zeitliches Charakteristikum in den zackenartig dargestellten Gewandfalten der Zeichnungen an und sieht hier eine Relation zu der sächsisch-thüringischen Darstellungspraxis der 1230/40er Jahre.[10]

Eine weitere detailliertere zeitliche Abgrenzung könnte nach Weber möglicherweise den Fokus auf die in den Zyklus eingearbeiteten architektonischen Objekte erlauben. Nach dieser Betrachtungsweise lässt sich der Ursprung des Werkes etwa auf die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts zurückführen, da die verarbeiteten Formen und Ornamente romanischer Herkunft sind und noch keinen Bezug auf die gotische Baukunst nehmen.[11] Eine zeitlich spätere Einstufung der Iwein-Fresken nimmt Loomis bei seinen Überlegungen vor. Dabei bezieht er die Illustration der Rüstungsteile als Untersuchungsgegenstand ein und mutmaßt eine Datierung um 1250.[12]

IV. Der Iwein-Zyklus in Schmalkalden II: Die Malereien im Kontext von Lage und Umgebung, Erhaltungszustand und möglicher Auftraggeberschaft

Die Iwein-Fresken befinden sich in einem nunmehr unterirdischen Raum, welcher als eingeschlossener Gebäudeteil im nördlichen Trakt des so benannten Hessenhofes in der thüringischen Stadt Schmalkalden liegt. Die Existenz dieses hochmittelalterlichen Bildprogramms als zierende Raumausstattung der ursprünglich „romanischen Bausubstanz“[13] offenbart sich infolge des „frühneuzeitlich geprägten äußeren Erscheinungsbild[es]“[14] des Haupthauses am Neumarkt nicht auf den ersten Blick. Der Ursprung des trapezartig angelegten Raumes, welcher die Fresken beherbergt, geht auf die Errichtung des Anwesens in den Jahren 1210-1220 zurück. Nachdem Schmalkalden im Disput um die herrschaftlichen Machtverhältnisse zwischen Otto IV. und Philipp von Schwaben im Jahre 1203 zertrümmert wurde, kam es wohl angesichts städtischer Wiederaufbaumaßnahmen „in der Regierungszeit Hermanns I. oder unter Ludwig IV“[15] zur Gründung des Hessenhofes.

[...]


[1] Vgl. Bonnet, Anne-Marie: Rodenegg und Schmalkalden. Untersuchungen zur Illustration einer ritterlich-höfischen Erzählung und zur Entstehung profaner Epenillustration in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts, München 1986, S. 6.

[2] Vgl. ebd., S. 11.

[3] Vgl. ebd., , S. 5.

[4] Vgl. ebd., S. 12.

[5] Vgl. ebd., S. 6.

[6] „Entwarnung für Mittelalter-Malerei zur Iwein-Sage in Schmalkalden“ (dpa/th, 2007)

URL: http://www.artefacti.de/abstrakte-kunst/index.php/kunst-nachrichten-2009/46-dezember-2008/2385-entwarnung-fuer-mittelalter-malerei-zur-iwein-sage-in-schmalkalden.pdf, Stand: 20.09.2012.

[7] Ebd.

[8] Hauck, Nicola (u.a.): Die Iwein-Darstellungen im Hessenhof von Schmalkalden. Eine Studie zur bildlichen Umsetzung des höfischen Romans, 2007, in: Museum Schloss Wilhelmsburg (Hrsg.): Nova Historia Schmalcaldica Bd. 4, Schmalkalden 2007, S. 36.

[9] Ebd., S. 37.

[10] Vgl. Hauck, S. 37.

[11] Vgl. ebd., S. 36.

[12] Vgl. ebd., S. 36f.

[13] Bonnet, S. 76.

[14] Meckseper, Cord: Wandmalereien im funktionalen Zusammenhang ihres architektonisch-räumlichen Orts, in: Lutz, Eckart Conrad; Thali, Johanna; Wetzel, René (Hrsg.): Literatur und Wandmalerei I. Erscheinungsformen höfischer Kultur und ihre Träger im Mittelalter, Tübingen 2002, S. 263.

[15] Hauck, S. 32.

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Details

Titel
Die Wandmalereien im Hessenhof zu Schmalkalden und der Versroman "Iwein" von Hartmann von Aue
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Kunstgeschichtliches Institut)
Veranstaltung
Literatur und Wandmalerei im Mittelalter
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
16
Katalognummer
V271342
ISBN (eBook)
9783656634720
ISBN (Buch)
9783656634713
Dateigröße
375 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wandmalereien, hessenhof, schmalkalden, versroman, iwein, hartmann
Arbeit zitieren
Sabine Wollmann (Autor), 2012, Die Wandmalereien im Hessenhof zu Schmalkalden und der Versroman "Iwein" von Hartmann von Aue, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271342

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