Risikokinder: Bindungsentwicklung von Pflegekindern


Bachelorarbeit, 2013
18 Seiten, Note: Bachelor

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Theoretischer Hintergrund
1.1 Grundzüge der Bindungstheorie
1.2 Pflegekinder als Hochrisikogruppe

2. Bindung bei Pflegekindern
2.1 Unterbrechung bestehender und Aufbau neuer Bindungsbeziehungen
2.2 Einflussfaktor Alter

3. Psychische Belastung von Pflegekindern
3.1 Grundzüge der Bindungsstörungstheorie und Bindungsstörungen bei Pflegekindern
3.2 Multiple Unterbringungswechsel
3.3 Langzeitprobleme von Pflegekindern

4. Pflegekind - Betreuer Dyade
4.1 Perspektive der Pflegeltern
4.2 Perspektive der Pflegekinder

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Abbildungsverzeichnis

Abstract

Pflegekinder stellen aufgrund ihrer negativen Erfahrungen von Misshandlung, Vernachlässigung und Missbrauch in ihrer Herkunftsfamilie, sowie dem Erleben meist mehrfacher Bindungsabbrüche eine besonders belastete Gruppe dar. Sie entwickeln seltener sichere, jedoch häufig desorganisierte Bindungsmuster, begleitet von starken Verhaltensauffälligkeiten. Entgegen der Annahme, dass der Bruch früherer Bindungen und/oder die schlechte Qualität früherer Beziehungen nicht löschbare Spuren bei den Kindern hinterlassen, zeigen Studien, dass die Effekte früher negativer Erfahrungen durch die Möglichkeit neue positive Bindungen zu bilden, moderiert werden können. Pflegekinder können, trotz negativer Herkunftserfahrungen sichere Bindungen zu den Ersatzeltern aufbauen. Jedoch nur, wenn die Pflegeeltern autonom im Geisteszustand, fürsorglich, nährend, sensitiv sowie verfügbar sind und dem Kind eine permanente Pflege gewährleisten. Kinder, die früh, also vor ihrem zwölften Lebensmonat, bei einer Pflegefamilie untergebracht werden, entwickeln wahrscheinlicher sichere Bindungen zu ihren neuen Bezugspersonen als Kinder die spät fremduntergebracht werden. Erstere haben einerseits kürzer an Deprivation und anderen Widrigkeiten gelitten und andererseits befinden sie sich noch im Stadium der Bindungsentwicklung. Psychologische und externe Unterstützung der Beteiligten einer Pflege-Kind Dyade ist essentiell für die Entwicklung und Aufrechterhaltung einer sicheren Bindung.

1. Theoretischer Hintergrund

1.1 Grundzüge der Bindungstheorie

Die Bindungstheorie des britischen Arzt und Psychoanalytikers John Bowlby (1969/1982) bietet einen theoretischen Rahmen für das Verstehen der Adaption von Pflegekindern an Pflegeeltern. Bindung ist definiert als starkes emotionales Band, das Kinder zu bestimmten Bezugspersonen aufbauen, meistens zur Mutter als primäre Bezugsperson (Bowlby, 1969/1982). Dieses starke emotionale Band, welches sich durch emotionale Sicherheit und Vertrautheit auszeichnet, gewährt Nähe und Nähe gewährt Schutz und damit Sicherheit. Die Aufrechterhaltung von Nähe ist eine Überlebensstrategie und dient auch der Stressreduktion (Univ.- Prof. DDr. Dipl.-Psych. Lieselotte Ahnert, Vorlesung Entwicklungspsychologie, Universität Wien, 03.05.2011). Alle Kinder sind prädisponiert eine affektive Bindung zu ihrer primären Bezugsperson zu bilden, um zu überleben. Diese Bindung entwickelt sich im Laufe der ersten drei Lebensjahre (Bowlby, 1969/1982).

Die Bindungsqualität repräsentiert die Beziehung des Kindes zu ihrer Bezugsperson und ist assoziiert mit dem späteren interpersonellen Funktionieren des Kindes (Dozier, Stovall, Albus & Bates, 2001). Allerdings ist die Qualität der Bindung interindividuell unterschiedlich, abhängig von den Interaktionserfahrungen mit der jeweiligen Bezugsperson. Jene werden im inneren Arbeitsmodell gespeichert. Das innere Arbeitsmodell dient als „Set von Erwartungen an die Verfügbarkeit der Bindungspersonen sowie die Wahrscheinlichkeit, dass diese dem Kind in stressreichen Situationen Unterstützung geben“ (Berk, 2005, S.255). Es bildet somit ein inneres Modell der Umwelt, der Bindungspersonen und des Selbst (Bowlby, 1969/1982). Folglich beeinflusst das innere Arbeitsmodell die Entwicklung neuer Beziehungen, indem es die Erwartungen der Kinder und ihr Verhalten gegenüber der neuen Betreuungsperson formt.

Zudem bildet die Qualität der Bindung die Basis der Entwicklung, sowie der mentalen Gesundheit des Kindes (Bowlby, 1969/1982).

Feinfühligkeit, Sensitivität und Responsivität der Bezugsperson sind ausschlaggebende Faktoren für die Entwicklung einer sicheren Bindung zwischen Kind und Bezugsperson. Mütterliche Deprivation zerstört die Entwicklung einer sicheren Bindung (Katsurada, 2012). Eine frühe Trennung oder der Verlust von der leiblichen Mutter sind assoziiert mit akuten und langfristigen affektiven- und Verhaltensschwierigkeiten (Heinicke, 1956).

Insgesamt gibt es 4 Bindungstypen, die für die Unterschiede in der Bindungsqualität entscheidend sind. Gemessen werden sie mit der verhaltensbezogenen Methode der Fremden Situation oder dem Attachment Q-Sort. Die Fremde Situation ist eine standardisierte Laborprozedur, welche 2 kurze Trennungssituationen und zwei kurze Wiedervereinigungssituationen zwischen dem Kind und dessen Bezugsperson umfasst. Die Einschätzung der Bindungsqualität basiert hauptsächlich auf der Reaktion des Kindes auf dessen Bezugsperson während den Wiedervereinigungsphasen (Berk, 2005). Der Attachment Q-Sort misst die Bindungsqualität, in dem das Kind in seiner natürlichen Umgebung beobachtet wird und sein gezeigtes Verhalten klassifiziert wird (Univ.- Prof. DDr. Dipl.-Psych. Lieselotte Ahnert, Vorlesung Entwicklungspsychologie, Universität Wien, 03.05.2011). Sicher gebundene Kinder entwickeln aufgrund elterlicher Feinfühligkeit eine große Zuversicht in die Verfügbarkeit der Bindungsperson. Feinfühlige Mütter zeichnen sich durch eine prompte Wahrnehmung und eine unmittelbare Reaktion auf die kindlichen Signale aus (Katsurada, 2007). Die als sicher gebunden geltenden Kinder suchen aktiv die Nähe zur Bezugsperson, wenn sie aufgebracht sind und lassen sich problemlos von ihr beruhigen (Van den Dries, Juffer, Van Ijzendoorn und Bakermans-Kranenburg, 2009, S. 410).

Die Bezugsperson dient als sicherer Hafen, von dem aus das Kind sorgenlos die Umgebung explorieren kann und immer wieder zurückkehren kann. Überdies reguliert die Bezugsperson den kindlichen Stress und ist dadurch die Quelle der Sicherheit (Stovall & Dozier, 2000).

Unsicher-vermeidendend gebundenen Kindern fehlt die Zuversicht bezüglich der Verfügbarkeit ihrer Bezugsperson, zugleich erwarten sie Zurückweisung, wenn sie ihre Nähe suchen (Katsurada, 2007). Bei einer Trennung von ihrer Bezugsperson verhalten sie sich relativ indifferent und wenn die Bezugsperson wieder kommt vermeiden sie den Kontakt zu ihr, ignorieren sie (Cole, 2007). Möglicherweise aus Angst vor einer weiteren Zurückweisung.

Unsicher-ambivalent gebundene Kinder zeigen sich ängstlich und abhängig von ihrer Betreuungsperson. Sie sind sich unsicher über die Verfügbarkeit und Responsivität der Bezugsperson. Sie alternieren zwischen Nähe suchendem Verhalten und zornigem Widerstand, ihr Verhalten äußert sich zum Beispiel im Schlagen, Treten oder Beißen der Bezugsperson. Überdies sind sie in Stresssituationen nur sehr schwer zu beruhigen (Stovall & Dozier, 2000).

Für Kinder mit desorganisierter/desorientierter Bindung ist die Bezugsperson eine Quelle der Angst, und zugleich eine Quelle des Trostes. Sie entwickeln widersprüchliche, ängstliche oder externalisierte Verhaltensweisen (Katsurada, 2007). Desorganisierte/desorientierte gebundene Kinder sind einem speziellen kognitiven und relationalen Risiko in Bezug auf deren gesunde Entwicklung ausgesetzt (Cole, 2005).

Ein Kind braucht, besonders in frühen Jahren, eine stabile, permanente und sichere Beziehung zu einem nährenden, liebenden Pfleger, um sich gesund entwickeln zu können (Bowlby. 1988; Stovall & Dozier, 2000). Die biologischen Eltern, welche im Idealfall die sichere Basis für das Kind repräsentieren, also eine Quelle der Sicherheit darstellen, werden in Fällen von Missbrauch zur Bedrohung für das Kind (Nowacki & Schoelmerich, 2010). Chronische Misshandlung durch eine Bezugsperson führt typischerweise zu unsicheren Bindungen, was wiederum mit Psychopathologie korreliert. Folman (1998) behauptet, dass eine unsichere Bindung in der Kindheit das Kind höchstwahrscheinlich dazu prädisponiert negativ auf spätere stressreiche Erfahrungen zu reagieren.

1.2 Pflegekinder als Hochrisikogruppe

Ein Pflegekind lebt vorübergehend oder dauerhaft bei einer Pflegefamilie, also nicht bei den leiblichen Eltern und wird von jener betreut. Ein Pflegekind kann direkt von den Erziehungsberechtigten in eine Pflegestelle gegeben werden oder es findet eine Vermittlung durch das Jugendamt satt (http://de.wikipedia.org/wiki/Pflegekinder).

Die Vorteile von Pflegefamilien gegenüber anderen Alternativen der Fremdunterbringung sind vielfältig. Sie umfassen eine bessere psychologische Entwicklung der Kinder, eine größere Wahrscheinlichkeit der Familienwiedervereinigung und verbesserte Zukunftsaussichten der Kinder (Brown, 2008).

Aktuelle Studien berichten, dass über 90 % der Pflegekinder jedwede Form der Misshandlung erfahren haben (Minnis, Everett, Pelosi, Dunn & Knapp, 2006; Tarren-Sweeney & Hazel, 2006). Misshandlung, Vernachlässigung, elterliche Substanzabhängigkeit oder psychische Probleme der Eltern, sowie Familieninstabilität sind die Hauptursachen für eine Fremdunterbringung des Kindes. Zusätzliche Belastungen für die Kinder stellen die Trennung von den leiblichen Eltern, Perioden der Unsicherheit, emotionale Umbrüche, sowie die Notwendigkeit der Anpassung an eine neue Umgebung dar (Lang, 2010). Überdies trägt die Belastung durch die genannten Risikofaktoren möglicherweise zu höheren Graden an kognitiver Beeinträchtigung bei Pflegekindern bei (Ponciano, 2012). Da die Risikofaktoren bei Pflegekindern meist aggregiert auftreten wird jene Population als Hochrisikostichprobe gehandelt (Tarren-Sweeney & Hazel, 2006). Die Aussetzung all dieser Widrigkeiten erhöht das Risiko für Bindungsunsicherheit, Bindungsstörungen, Verhaltens- und emotionale Probleme sowie für psychische Störungen (Minnis et al., 2006). Wie bereits angedeutet, hat die Mehrheit der Pflegekinder ein Modell von gefühlslosen, unzuverlässigen und nicht vertrauenswürdigen Eltern verinnerlicht (Folman, 1998). Die geringe Verlässlichkeit der leiblichen Eltern kann zu einem tiefen Misstrauen und der Unfähigkeit führen, gesunde reziproke Beziehungen einzugehen (Halpern, 1993, zitiert nach Lang, 2010, S. 11).

Van den Dries et al. (2009) stellten fest, dass Pflegekinder aufgrund ihrer negativen Herkunftserfahrungen seltener sichere, jedoch häufig desorganisierte Bindungsmuster entwickeln. In diesem Kontext ist es fragwürdig, ob Pflegekinder, welche bei dem Eintritt in eine Pflegefamilie meist als unsicher oder desorganisiert gebunden gelten, überhaupt eine sichere Bindung zu den Ersatzeltern aufbauen können oder ob ihre bestehenden, überwiegend unsicheren Bindungsmuster unveränderbar sind. Bowlby (1988) nimmt an, dass korrektive Bindungserfahrungen vermutlich einen früheren Schaden kompensieren können.

Den Einfluss des Alters in Bezug auf die Bindung in einer Pflegefamilie gilt es auch näher zu betrachten. Diesbezüglich behauptet Tarren- Sweeney (2008), dass eine Veränderung der Arbeitsmodelle als Konsequenz veränderter Bedingungen möglich ist, „…at least until age 20 months, infant attachment systems are flexible to changes in parenting style“ (S.18).

Die Risiken liegen jedoch nicht nur, wie meist erwartet, in den Herkunftserfahrungen der Kinder, sondern auch in den Erfahrungen, die sie nach der Fremdunterbringung machen, siehe multiple Unterbringungswechsel. Jedoch verläuft die Entwicklung nicht bei allen Pflegekindern schädlich, ein ausschlaggebender Faktor hierfür ist die Resilienz der Kinder. Ob und in welchem Ausmaß ein Kind Fähigkeiten zur Problembewältigung besitzt, ist wesentlich für den Erfolg bei der Fremdunterbringung und fungiert als Indikator positiver oder negativer Verhaltensweisen (Merritt & Franke, 2010). Pilowsky (1995) postuliert, dass Kinder, die weniger resilierend sind und limitierte Fähigkeiten zur Problembewältigung besitzen, öfters externalisierte Verhaltensweisen zeigen.

Zusammenfassend benötigen jene stark belasteten Kinder zweifelsohne unterstützende, dauerhafte, sowie pflegende Bindungen zu fürsorglichen, liebevollen Pflegeltern, welche sie schätzen, unterstützen und vor weiteren Gefährdungen ihres körperlichen, geistigen oder seelischen Wohls in ihrer Herkunftsfamilie schützen (Daniel, 2011b; Swick, 2007).

2. Bindung bei Pflegekindern

2.1 Unterbrechung bestehender und Aufbau neuer Bindungsbeziehungen

Die Unterbringung bei einer Pflegefamilie gibt dem Kind die Möglichkeit neue Bindungen aufzubauen, welche öfters sicher und organisiert sind, als die existierenden Beziehungen zu ihren biologischen Eltern (Stovall & Dozier, 2000). Pflegekinder treten jedoch meist, aufgrund ihrer negativen Herkunftserfahrungen, mit unsicheren oder desorganisierten Bindungserfahrungen in das Pflegesystem ein. Mangelhafte oder misshandelnde Betreuung ist oft verbunden mit der Entwicklung unsicherer Bindungen (Crittenden, 1985). Je schwerwiegender Kinder in ihrer Herkunftsfamilie misshandelt wurden, desto negativer nehmen sie die Beziehung zu ihren Pflegeeltern wahr (Lang, 2010).

Ponciano (2012) vermutete, dass desorganisiert gebundene Kinder versuchen Reaktionen in ihren Ersatzeltern auszulösen, die ihre negativen Pflegeerfahrungen bestätigen und es ihnen möglicherweise an Strategien fehlt, um sensible Pflege hervorzurufen oder entsprechend auf sie zu antworten. Wenn die Kinder Verhaltensweisen einer unsicheren Bindung in eine neue Pfleger- Kind Dyade mitbringen, kann dies für die Ersatzeltern befremdend wirken oder als Last empfunden werden. Simultan bringen Pflegeltern ihre eigenen Bindungsgeschichten in die Interaktion mit dem Ziehkind, welches ihr Pflegeverhalten beeinflusst (Ponciano, 2012; Stovall & Dozier, 2000).

Des Weiteren wäre zu erwähnen, dass Kinder, die fremduntergebracht werden ihre primäre Bezugsperson verlieren und damit auch die originäre Bindungsbeziehung (Stovall & Dozier, 2000). Die Trennung von den leiblichen Eltern ist ein einschneidendes sowie schmerzhaftes Erlebnis für die Kinder, ungeachtet der Qualität der Beziehung. Denn auch nachlässige und misshandelnde Eltern werden von ihren Kindern als Beschützer wahrgenommen (Bowlby, 1969/1982). Kinder zeigen oftmals gravierende kurz- und langfristige Reaktionen auf den Verlust der primären Bezugsperson (Bowlby, 1969/1982). Sie umfassen beispielsweise „depressive withdrawal, resistance to care, inability to be soothed, or excessive clinging behavior“ (Stovall & Dozier, 2000, S. 135). Diese schwierigen Verhaltensweisen des Kindes führen oftmals zu Frustration bei den Ersatzeltern, welche wiederum die Chance des Kindes eine sichere Bindung zu entwickeln, erheblich minimiert. Dem Aufbau einer sicheren Bindung zu den Pflegeeltern stehen somit einige Hindernisse im Weg.

Dozier, Stovall, Albus & Bates (2001, S. 1475) behaupten, dass Kinder, welche einen Bindungsbruch erlebt haben, eine hohe Wahrscheinlichkeit haben desorganisierte Bindungsstrategien zu entwickeln, es sei denn es kümmern sich nährende, pflegende Ersatzeltern um sie. Die Qualität der Beziehung zwischen Ziehkindern und ihren Pflegeeltern ist also entscheidend für die Bindungsentwicklung. Anfangs haben die Pflegeeltern vor allem die Aufgabe den Kindern in ihrem Kummer, ausgelöst durch die Trennung der vorherigen Bezugsperson, beizustehen, sie zu trösten, für sie da zu sein und sie über die neue Situation wahrheitsgetreu zu informieren. Dieses Verhalten der Pflegeeltern ist entscheidend für die Verarbeitung des Verlusts und einer gesunden Entwicklung des Kindes (Bowlby, 1980; Folman, 1998). „Adult denial of children`s pain obstructs the chidlren`s resolution of the trauma“ (Folman, 1998, S. 30). Das Kind würde diese Ablehnung als weiteres emotionales Verlassenwerden wahrnehmen und folglich als Bestätigung, dass ihm niemand hilft, beziehungsweise, dass es mit seinen Problemen abermals alleine gelassen wird (Folman, 1998). Dies würde in weiterer Folge den Aufbau einer sicheren Bindung stark negativ beeinflussen, da es die inneren Arbeitsmodelle der Kinder in ihrem suboptimalen Bild der Bezugsperson bekräftigen würde und sich das Arbeitsmodell konsequenterweise nicht positiv moderieren ließe. Responsive und sensitive Pflege prognostiziert die Entwicklung einer sicheren Bindung zwischen dem Kind und dessen Bezugsperson (Dozier, Stovall, Albus & Bates, 2001).

Stovall & Dozier (2000) untersuchten in ihrer Studie, ob der Geisteszustand der Pflegeltern einen Einfluss auf die Bindungsentwicklung des Pflegekindes hat. „Parent`s state of mind regarding attachment is currently the most powerful predictor known of infant attachment quality intact dyads… (Stovall& Dozier, 2000, S. 135). „Attachment state of mind refers to the way in which adults process thoughts and feelings regarding their own attachment experiences“ (Dozier et al., 2001, S. 1468). Der Geisteszustand der Eltern wurde mit dem Adult Attachment Interview gemessen. Stovall und Dozier (2000) gingen davon aus, dass nur diejenigen Kinder, die früh, also vor ihrem 12. Lebensmonat, sowie bei einem Pflegeelternteil mit autonomer Geistesverfassung untergebracht werden, eine sichere Bindung bilden können. Eltern mit autonomer Geistesverfassung können Bindungen frei und unbeeinflusst beurteilen, sie sehen sich selbst als gesund und haben eine positive Bindungsentwicklung in ihrer Kindheit durchlebt. Wohingegen Pflegeeltern mit einem nicht autonomen Geisteszustand an einem ungelösten Verlust oder Trauma leiden. In Folge dessen zeigen sie unbewusst ängstliches oder beängstigendes Verhalten. Wenn das Kind nach Nähe und Fürsorge bei seiner Bezugsperson sucht, nimmt es die Bezugsperson als beängstigend wahr, was die Entwicklung einer desorganisierten Bindung sehr wahrscheinlich macht (Cole, 2005; Dozier et al., 2001). „…foster caregiver trauma predicted insecure attachment“ (Cole, 2005, S.44). Überdies sind Personen, welche in ihrer Kindheit selbst Opfer von Missbrauch wurden und ihre Umwelt demzufolge als bedrohlich wahrnehmen, überwachsam in Bezug auf die Kontrolle ihrer Kinder, da sie jene vor allen möglichen Gefahren schützen wollen (Cole, 2005). Dieses überbesorgte Beobachten resultiert oft in desorganisiertem Bindungsverhalten bei Kindern. Pflegeltern brauchen demzufolge Unterstützung „in understanding how their own childhood experiences of childhood trauma and anxious concern for the infant can make it difficult to respond to the relational needs of the infant in care“ (Cole, 2005, S. 57). Ein weiterer Faktor, der zu besonderer Wachsamkeit der Pflegeeltern führen kann, ist die Tatsache, dass sie von den Kinderwohlfahrtsorganisationen sehr genau und auch des Öfteren spontan überprüft werden. „Case workers sometimes perform unexpected visits“ (Cole, 2005, S. 57).

Die Studienergebnisse von Stovall und Dozier (2000) ergaben, dass Kinder die vor ihrem zwölften Lebensmonat (früh) bei Pflegeeltern mit autonomem Geisteszustand untergebracht werden, mit großer Wahrscheinlichkeit eine sichere Bindung entwickeln. Es müssen somit beide Kriterien für die Entwicklung einer sicheren Bindung vorherrschen. Wohingegen Kinder, die nach ihrem zwölften Lebensmonat (spät) bei Pflegeeltern mit nicht autonomen Geisteszustand untergebracht werden, überwiegend unsichere Bindungen entwickeln. Mit anderen Worten: Je später die Unterbringung des Kindes bei Pflegeeltern mit nichtautonomen Gemütszustand und folglich je länger die Gefährdung durch Misshandlung sowie durch belastende Bedingungen, desto unwahrscheinlicher ist die Entwicklung einer sicheren Bindung. Überdies fanden Stovall-McClough & Dozier (2004) heraus, dass sich das Bindungsverhalten jüngerer Kinder schneller stabilisiert als jenes älterer Kinder. Für die meisten jüngeren Kinder entwickelt sich ein stabiles Bindungsverhalten in den ersten 2 Wochen der Fremdunterbringung, wohingegen es bei älteren Kindern bis zu 2 Monaten dauern kann.

Ponciano (2012) fand heraus, dass Pflegemütter sich typisch entwickelnden Kindern gegenüber, welche von ihnen als leicht zu pflegen wahrgenommen werden, sensibler verhalten, im Vergleich zu Kindern mit Entwicklungsverzögerungen oder Entwicklungsstörungen, da sie jene mit komplexer, fordernder Pflege assoziieren. „…children with developmental delays may require more effort and care from their caregiver for a longer period of time“ (Ponciano, 2012, S.72). Die Wahrnehmung der kindlichen Pflegebedürfnisse beeinflusst also die Qualität der Interaktionen (Ponciano, 2012). Der Einfluss des Verhaltens des Pflegers, im speziellen der mütterlichen Sensibilität, gilt als Prädiktor einer sicheren Bindung.

Oosterman und Schuengel (2008) definieren elterliche Sensitivität als unterstützende Präsenz der Eltern während den Aktivitäten des Kindes und als respektvollen Support bei den Versuchen der Kinder Autonomie zu entwickeln. Typisch entwickelt meint normales Ess- und Schlafverhalten, ein geringer Bedarf an Medikamenten, sowie ein altersgerechtes Verhalten. Entwicklungsverzögerungen beziehen sich auf zeitliche Verschiebungen in Bezug auf Wachstum, Sprache und kognitive Entwicklung (Ponciano, 2012). Zudem verhalten sich Nährmütter weniger sensibel gegenüber Kindern mit multiplen Unterbringungen. De Schipper, Oosterman & Schuengel (2012) bestätigen die Assoziation zwischen elterlicher Sensitivität und Bindungsqualität. Der Aufbau einer sicheren Bindung zwischen Pflegekind und Pflegeeltern ist also möglich, wobei der Einfluss des Grades an sensibler Pflege entscheidend ist (Ponciano, 2012).

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Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Risikokinder: Bindungsentwicklung von Pflegekindern
Hochschule
Universität Wien  (Institute of Psychology)
Veranstaltung
Bachelorseminar
Note
Bachelor
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V271353
ISBN (eBook)
9783656636137
ISBN (Buch)
9783656636106
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
risikokinder, bindungsentwicklung, pflegekindern
Arbeit zitieren
Anna Philipp (Autor), 2013, Risikokinder: Bindungsentwicklung von Pflegekindern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271353

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