Soziale Sicherungssysteme in wohlfahrtsstaatlichen Institutionen bedingen ihre eigene Akzeptanz durch die Ausgestaltung ihrer Merkmale. Oder werden sozialpolitische Entscheidungen über die Ausgestaltung sozialer Sicherungssysteme umgekehrt von den verbreiteten Moralvorstellungen beeinflusst? Die Überprüfung dieser Wechselwirkungen zwischen Akzeptanz und Sozialpolitik ist Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Im Fokus steht dabei die Untersuchung von Akzeptanzproblemen und Akzeptanzunterschieden mittels sozioökonomischer Erklärungsansätze. Zunächst dient die Akzeptabilitätstheorie nach ULLRICH zur Erklärung unterschiedlicher Akzeptanzgrade sozialer Sicherungssysteme in der Bundesrepublik Deutschland. Mit Hilfe verschiedener Akzeptabilitätsthesen versucht er Unterschiede in der Akzeptanz von Sicherungssystemen aus soziologischer Perspektive zu begründen, stößt dabei jedoch an Grenzen, die im Rahmen der Arbeit aufgezeigt werden.
Im nächsten Schritt werden sozioökonomische Erklärungsansätze hergeleitet, wobei zunächst die zentralen Eigenschaften des sozialen Sicherungssystems in Deutschland beschrieben werden. Im Anschluss erfolgt die Darstellung eines neuen Verhältnisses von Sozialstaat und Markt und wie dieses die Moralvorstellungen und die Akzeptanz der Adressaten sozialer Sicherungssysteme beeinflusst. Danach soll eine Übersicht ausgewählter mikroökonomischer Theorien Erklärungsansätze zum menschlichen Verhalten in einer Solidargemeinschaft wie dem Sozialstaat liefern und anhand eines aktuellen Beispiels konkretisiert werden. In einer abschließenden Betrachtung werden die gewonnenen Erkenntnisse schließlich zusammengefasst und vor dem Hintergrund eines nach größtmöglicher Akzeptanz strebenden Wohlfahrtsstaates interpretiert.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Zur Akzeptabilität sozialer Sicherungssysteme nach ULLRICH
3 Sozioökonomische Erklärungsansätze
3.1 Ausgewählte Prinzipien sozialstaatlicher Institutionen
3.2 Sozialstaat und Markt: ein Konflikt zwischen Moral und Eigeninteressen?
3.3 Erklärungsansätze aus der mikroökonomischen Theorie
4 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkungen zwischen der Akzeptanz wohlfahrtsstaatlicher Sicherungssysteme und deren struktureller Ausgestaltung aus einer sozioökonomischen Perspektive, wobei insbesondere die moralischen Vorstellungen und das individuelle Eigeninteresse der Adressaten im Fokus stehen.
- Akzeptabilitätstheorie nach Ullrich zur Erklärung von Akzeptanzgraden
- Sozioökonomische Erklärungsansätze und das Spannungsfeld von Sozialstaat und Markt
- Mikroökonomische Theorien zur Analyse von Verhalten in Solidargemeinschaften
- Analyse aktueller Herausforderungen wie "Fördern und Fordern" und Freifahrerverhalten
Auszug aus dem Buch
3.2 Sozialstaat und Markt: ein Konflikt zwischen Moral und Eigeninteressen?
Die Akzeptanz sozialer Sicherungssysteme ist in erster Linie auf eine positive Einstellung zum Wohlfahrtsstaat angewiesen. Dieser steht, bezogen auf die Bundesrepublik Deutschland, jedoch unter immer größerem Legitimations- und Rechtfertigungsdruck. Verschuldungsgrad, finanzielle Ineffizienz und Instabilität sowie falsche Anreizbildung sind nur einige Kritikpunkte, die den Wohlfahrtsstaat und seine Institutionen zunehmend infrage stellen. MAU erklärt in seinen Ausführungen die Funktionsweise des Wohlfahrtsstaates und die damit verbundenen Anerkennungsprobleme zum einen damit, dass wohlfahrtsstaatliche Institutionen nicht interessenneutral sind und somit immer für Kontroverse sorgen. Hierzu bedient er sich der gleichen Dualismustheorie wie PIES, nach der das Anerkennungsproblem vor allem aus einer Ungleichheitsaversion der Bürger und deren Angst vor Benachteiligung gegenüber anderen resultiert. Ein wichtiger Treiber von Interessenunterschieden sind nach MAU nicht nur die individuellen Belange des Einzelnen, sondern die großen visionären und grundsätzlichen Divergenzen parteipolitischer Überzeugungen.
Betrachtet man die parteipolitische Struktur Deutschlands, so lässt sich diese in zwei grobe Richtungen unterscheiden. Ohne dabei die Begriffe „links“ und „rechts“ oder „rot“ und „schwarz“ allzu plakativ verwenden zu wollen, dienen sie geradezu hervorragend zum Verständnis sozialpolitischer Kontroverse. Während die sozialorientierten Parteien eine stärkere Tendenz zum Ausbau des Wohlfahrtsstaates erkennen lassen, streben die liberal-demokratischen Lager eher nach dem in 3.1 dargestellten aktivierenden investiven Staat. Empirische Untersuchungen in Ost- und Westdeutschland haben ergeben, dass die Akzeptanz sozialer Sicherungssysteme, insbesondere auch der Arbeitslosenversicherung, in den neuen Bundesländern deutlich größer ist als in der alten Bundesrepublik. Dies würde zum einen die Universalitätsthese von ULLRICH stützen, da im Osten Deutschlands deutlich höhere Arbeitslosenquoten herrschen. Zum anderen spiegelt sich hier die Parteinähe der Bevölkerung wider, welche in den neuen Bundesländern angesichts der staatssozialistisch geprägten Vergangenheit und einer insgesamt höheren Erwartung an den Wohlfahrtsstaat aufgrund struktureller Probleme tendenziell eher „links“ gerichtet ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, ob sozialpolitische Entscheidungen die Akzeptanz beeinflussen oder umgekehrt, und skizziert das Vorgehen mittels sozioökonomischer Erklärungsansätze.
2 Zur Akzeptabilität sozialer Sicherungssysteme nach ULLRICH: Dieses Kapitel erläutert die Akzeptabilitätstheorie mit ihren drei zentralen Thesen (Universalitäts-, Sozialversicherungs- und Rezipiententhese) und deren empirische Validität.
3 Sozioökonomische Erklärungsansätze: Hier werden die Mechanismen der Umverteilung, das Verhältnis von Markt und Staat sowie mikroökonomische Modellannahmen wie der Homo oeconomicus auf die Akzeptanz wohlfahrtsstaatlicher Institutionen angewendet.
4 Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und betont, dass Akzeptanzprobleme aufgrund der komplexen Interessenlagen nie vollständig behoben werden können, die Theorie jedoch wertvolle Orientierungshilfen bietet.
Schlüsselwörter
Wohlfahrtsstaat, soziale Sicherungssysteme, Akzeptabilität, soziale Gerechtigkeit, Umverteilung, Sozialpolitik, Markt, Eigeninteresse, Moralvorstellungen, Homo oeconomicus, Freifahrerverhalten, Solidargemeinschaft, Gefangenendilemma, Versicherungszwang, Leistungsgesellschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Faktoren, die die gesellschaftliche Akzeptanz von sozialen Sicherungssystemen in wohlfahrtsstaatlichen Institutionen beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die Akzeptabilitätstheorien, die Mechanismen der Umverteilung, das Spannungsfeld zwischen ökonomischen Zielen und sozialer Solidarität sowie die moralischen Beweggründe der Akteure.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, Akzeptanzunterschiede mittels sozioökonomischer Erklärungsansätze nachvollziehbar zu machen und aufzuzeigen, wie unterschiedliche Systemmerkmale die Zustimmung in der Bevölkerung beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse sozioökonomischer und mikroökonomischer Konzepte sowie der Anwendung spieltheoretischer Erkenntnisse auf sozialpolitische Fragestellungen.
Welche Aspekte werden im Hauptteil vertieft?
Der Hauptteil behandelt die Akzeptabilitätsthesen nach Ullrich, die Prinzipien der Umverteilung, das Verhältnis von Moral und Eigeninteresse im Sozialstaat sowie mikroökonomische Ansätze zum Verhalten in Solidarsystemen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Wohlfahrtsstaat, Akzeptabilität, Umverteilung, Solidarität, Eigeninteresse, Freifahrerverhalten und das Prinzip von Fördern und Fordern.
Wie unterscheidet sich die Akzeptanz zwischen Ost- und Westdeutschland laut der Arbeit?
Empirische Daten zeigen eine höhere Akzeptanz gegenüber Sicherungssystemen in den neuen Bundesländern, was auf eine stärkere Parteinähe zu sozial orientierten Programmen und die dortige historisch geprägte Erwartungshaltung zurückgeführt wird.
Inwiefern beeinflusst das „Gefangenendilemma“ die Akzeptanz des Sozialstaates?
Das Gefangenendilemma illustriert, dass allein die Möglichkeit zur Normverletzung oder zum Freifahrerverhalten ausreicht, um bei anderen Mitgliedern einer Solidargemeinschaft Misstrauen und Ausbeutungsangst zu erzeugen, was die Kooperation und damit die Akzeptanz des Gesamtsystems gefährdet.
Was ist mit dem „investive turn“ in der Sozialpolitik gemeint?
Dies beschreibt einen Paradigmenwechsel hin zu einer produktivistisch-investiven Sozialpolitik, bei der nicht mehr nur der soziale Schutz im Fokus steht, sondern die Förderung von Humankapital und die Eigenverantwortung der Adressaten für die wirtschaftliche Entwicklung.
- Arbeit zitieren
- Stefanie Elzholz (Autor:in), 2012, Erklärungsansätze zur Akzeptanz sozialer Sicherungssysteme wohlfahrtsstaatlicher Institutionen aus sozioökonomischer Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271438