Arthur Schopenhauers Mitleidsethik. Grundlegende Betrachtungen

Unter Berücksichtigung der Abgrenzung zu Immanuel Kants Moralphilosophie


Hausarbeit, 2014

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitende Bemerkungen
1.1 Philosophische Grundannahmen Schopenhauers

2 Erkenntnistheoretische und metaphysische Aspekte
2.1 Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde
2.1.1 Der Verstand und die Vernunft
2.2 Die Metaphysik Schopenhauers
2.2.1 Der Wille als Ursprung allen Leidens

3 Schopenhauers Ethik
3.1 Der Egoismus
3.2 Die Bosheit
3.3 Die Charakteristik einer moralischen Handlung
3.4 Das Mitleid
3.5 Überwindung des Willens durch das Mitleid
3.6 Metaphysischer Erklärungsversuch der schopenhauerschen Ethik

4 Schopenhauers Kritik an Kants Ethik

5 Schlussbetrachtungen

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitende Bemerkungen

Die Aufgabenstellung der vorliegenden Arbeit besteht darin, grundlegende Betrachtungen zu Arthur Schopenhauers Mitleidsethik vorzunehmen. Arthur Schopenhauers Kritik an Immanuel Kants Moralphilosophie bildet einen großen Teil dieser Arbeit, da der Autor das Herausstellen der Unterschiede beider Ethiken als äußerst relevant ansieht, um Arthur Schopenhauers Mitleidsethik verstehen zu können. Schopenhauer selbst geht, in seiner Schrift „Über die Grundlage der Moral“ (1840), ausführlich auf die Unterschiede beider Konzepte ein.

Um den ethischen Entwurf Schopenhauers verstehen zu können, erscheint es dem Autor weiterhin als relevant, die Erkenntnistheorie und die Metaphysik Schopenhauers, zumindest in ihren gröbsten Zügen, zu beleuchten, da diese – laut Schopenhauer - das Fundament seiner Ethik bilden. Daher werden sowohl erkenntnistheoretische als auch metaphysische Aspekte der eigentlichen Aufgabenstellung vorangestellt.

In diesem Zuge wird Schopenhauers als Dissertation verfasstes Werk „Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“ (1813) knapp dargestellt, um die Motive menschlichen Handelns zu verdeutlichen.

Die Begriffe des Verstandes und der Vernunft bedürfen ebenfalls einer Explikation, da diese, obwohl sie in der Tradition des subjektiven Idealismus stehen, von Schopenhauer neu definiert werden.

Auf die Darstellung der Erkenntnistheorie folgt eine Ausführung über Schopenhauers Metaphysik, die in erster Linie den Willen als die allem zugrunde liegende treibende Kraft des Daseins – als das Ding an sich – ausmacht. Dieser Wille entpuppt sich im weiteren Verlauf als das Ur-Übel in der Welt, welches der vorgestellten Existenz eine absolute Sinnlosigkeit verleiht.

Im zweiten Teil dieser Arbeit werden die Kernelemente und -aussagen der Mitleidsethik dargelegt. Zentrale Gesichtspunkte sind hierbei die drei Grundtriebfedern menschlichen Handelns – Egoismus, Bosheit und Mitleid – anhand derer Schopenhauer die charakterlichen Ausprägungen in der Welt erklärt und deren Konsequenzen er für eine sinnvolle Lebensgestaltung aufzeigt. Des weiteren wird die Bedeutung des Mitleids als Zugang zur menschlichen Erkenntnis verdeutlicht und darüber hinaus erläutert, wie diese Erkenntnis zur Erlösung von allem menschlichen Leiden führen kann. Es wird jedoch klar herausgestellt, dass das Mitleid nicht als Mittel zur Verbesserung der Welt anzusehen ist, sondern als Zugang zur Negation des Willens.

Der dritte Teil dient der Auseinandersetzung mit Schopenhauers Kritik an Immanuel Kants Moralphilosophie, die sich unter anderem auf den kategorischen Imperativ und dessen Ableitung von reinen Prinzipien a priori richtet. Es werden die Hauptunterschiede beider Entwürfe dargestellt und kommentiert, wie zum Beispiel den rein deskriptiven Charakter der schopenhauerschen Ethik im Vergleich zu Kants imperativer „Sollens-Ethik“.

Im letzten Teil werden die entscheidenden Erkenntnisse dieser Arbeit hervorgehoben und eine knappe subjektive Stellungnahme des Autors zu Schopenhauers Philosophie und dessen Kritik an der kantischen Moralphilosophie hinzugefügt.

Aufgrund des vorgegebenen Rahmens dieser Abhandlung, ist es nicht möglich, auf alle Bereiche in Schopenhauers Philosophie einzugehen. Gerade seine Metaphysik des Schönen – die Ästhetik - wird weitestgehend ausgeklammert und dafür verstärkt seine Metaphysik der Natur und seine Metaphysik der Sitten behandelt.

Als primäre textliche Grundlage dienten dem Autor Schopenhauers Schriften „Die Welt als Wille und Vorstellung“ (1819), „Über die Freiheit des menschlichen Willens“ (1839) und „Über die Grundlage der Moral“ (1840), sowie als Literatur zum Thema Volker Spierlings „Arthur Schopenhauer zur Einführung“ (2002). Zur komparativen Auseinandersetzung mit der kantischen Ethik wurde hauptsächlich die „Kritik der praktischen Vernunft“ (1788) herangezogen.

1.1 Philosophische Grundannahmen Schopenhauers

Arthur Schopenhauers philosophisches Konstrukt intendiert zwar eine Aufklärung des Menschen über sich selbst, jedoch bleibt er hinsichtlich der Möglichkeit das Dasein aus seinen letzten Gründen heraus erklären zu können, skeptisch. Es geht in seiner Erkenntnistheorie um das Bewusstseins von den Dingen und nicht um die Dinge an sich. Er wertet damit die Bedeutung der vorgestellten Welt auf und geht davon aus, dass wir anhand von empirischen Untersuchungen auch Hinweise bezüglich der Beschaffenheit der uns nicht zugänglichen, transzendenten Realität bekommen können (E, 1972, S. 168 ff.).

In seiner Kritik der Kantischen Philosophie kritisiert er also diese von Kant aufgestellte Prämisse:

„Die Quelle der Metaphysik darf durchaus nicht empirisch seyn: ihre Grundsätze und Grundbegriffe dürfen nie aus der Erfahrung, weder innerer noch äußerer, genommen seyn“

(W I, S. 525).

Bei Kant heißt es außerdem im ersten Paragraphen seiner Prolegomena (1783) im genauen Wortlaut:

Zuerst, was die Quellen einer metapysischen Erkenntniß betrifft, so liegt es schon in ihrem Begriffe, daß sie nicht empirisch sein können. Die Principien derselben (wozu nicht blos ihre Grundsätze, sondern auch Grundbegriffe gehören) müssen also niemals aus der Erfahrung genommen sein: denn sie soll nicht physische, sondern metaphysische, d.i. jenseits der Erfahrung liegende, Erkenntniß sein. Also wird weder äußere Erfahrung, welche die Quelle der eigentlichen Physik, noch innere, welche die Grundlage der empirischen Psychologie ausmacht, bei ihr zum Grunde liegen. Sie ist also Erkenntnis a priori, oder aus reinem Verstande und reiner Vernunft.“ (Immanuel Kant, Prolegomena, AA [Akademie-Ausgabe] 04, S. 265 f.)

Schopenhauer gibt zu bedenken, dass Kant keinen Beweis dafür angetreten habe, dass die einzigen uns wirklich verfügbaren Erkenntnisquellen - die innere und äußere Erfahrung – unbrauchbar zur Bildung eines metaphysischen Fundaments seien. Er postuliert die Notwendigkeit einer empirischen Ausgangsbasis, um die Möglichkeit offen zu halten, Erscheinendes als etwas zu interpretieren, das Erscheinendes eines an sich Existierenden ist.

Von bedeutender Wichtigkeit ist, dass Schopenhauer davon ausgeht, die transzendentale Reflexion beziehe sich lediglich auf bewusstseinsimmanente Dinge. Erkennen hängt also unausweichlich von der Bedingung ab, dass das Subjekt erkennt und Erkennen somit immer subjektiv ist.

Zwar erinnert Schopenhauer durch diese Ausführungen an den subjektiven Idealismus, jedoch lässt er sich nicht eindeutig als dessen Vertreter bestimmen.

Er strebt eine untrennbare Subjekt-Objekt Korrelation an, da er postuliert, dass Subjektsein nichts anderes bedeutet als ein Objekt zu haben und Objektsein nichts anderes ist als vom Subjekt erkannt zu werden (vgl. Spierling, 2002, S. 44 ff.).

George Berkeleys These „ Esse est percipi“ (Sein ist Wahrgenommenwerden) stellt für Schopenhauer folglich eine „vollkommen wahre Behauptung“ (HN II, S. 247) dar, was seine Nähe zum subjektiven Idealismus bekräftigt. Das Dasein der materiellen Welt sowie ihre gesetzmäßigen Formen Raum, Zeit und Kausalität hängen folglich von der Erkenntnis ab. Der auffälligste Unterschied zwischen Berkeley und Schopenhauer besteht darin, dass Berkeley seine Metaphysik von einem göttlichen Bewusstsein tragen lässt - also endliche Geister und deren Vorstellungen in Abhängigkeit zu Gott zu stehen - während für Schopenhauer die Welt lediglich eine Erscheinung des blinden Willens ist (vgl. Spierling, 2002, S. 52).

Zeit und Raum sowie deren Gesetzmäßigkeiten sind im Bewusstsein des Menschen vorhanden und befinden sich auf keiner separaten Ebene wie zum Beispiel im Materialismus und können a priori bestimmt werden. Das von Kant geprägte „Ding an sich“ wird vernichtet - da das vorgestellte Ding und das Ding an sich dasselbe sind - und tritt in abgeänderter Form wieder auf. (vgl. Spierling, 2002, S. 50).

2 Erkenntnistheoretische und metaphysische Aspekte

2.1 Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde

Seine Schrift „Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“ (1813), die Schopenhauer ursprünglich als Dissertation verfasst hatte, bildet das erkenntnistheoretische Grundgerüst zu seinem Hauptwerk und muss somit auch im Zuge dieser Abhandlung berücksichtigt werden. Darin heißt es:

„Alle unsre Vorstellungen stehn in einer gesetzmäßigen und der Form nach a priori bestimmbaren Verbindung.“ (G1, § 16, S. 18)

Dieses Zitat verdeutlicht, dass die Wurzel des Satzes vom zureichenden Grund die notwendige Verbundenheit aller Vorstellungen untereinander zum Gegenstand hat, beziehungsweise, dass alle Objekte des Subjekts miteinander in Verbindung stehen. Der Satz vom Grunde enthält das Gemeinsame aller apriorischen Formen der Erkenntnis und des Seins und bildet daher das Gesetz geistiger Verarbeitung des Erfahrungsmaterials. Dieser Satz gilt zwar a priori, aber nur für mögliche Erscheinungen, für das Einzelne und nicht für das Ganze des Seins. In Abhängigkeit von der Art der Objekte kann der Satz verschiedene Formen annehmen. Seine vierfache Wurzel bezieht sich auf das Werden, das Erkennen, das Sein und das Handeln:

1. Alle Veränderungen der empirischen Realität unterliegen der Kausalität (Satz vom Grund des Werdens).
2. Jedes Urteil verlangt nach seinem Grund (Satz vom Grund des Erkennens).
3. Arithmetische sowie geometrische Disziplinen gewähren formale Einblicke in die Relation der Bestandteile des Raumes und der Zeit, welche unveränderbar ist (Satz vom Grund des Seins).
4. Versucht man Handlungen zu verstehen, so werden Motive benötigt, die diese erklären (Satz vom Grund des Handelns).

(vgl. Malter, 2010, S. 15 ff.)

Diese vierfache Ausprägung des Satzes vom zureichenden Grunde stellt für Schopenhauer eine große Errungenschaft dar, die dazu führen soll, dass Philosophen detaillierter und nüchterner Rechenschaft über ihre Begründungen ablegen können und sollen. Um Schopenhauers erkenntnistheoretisches Konstrukt zu verstehen, hilft es womöglich einen Vergleich zu Platons Höhlengleichnis aus dem siebten Buch der Politeia (370 v. Chr.) zu ziehen. Die empirische, sich im Bewusstsein befindende, Welt ist für Schopenhauer vergleichbar mit der Schattenwelt in Platons Höhle. Das menschliche Bewusstsein „fesselt“ den Menschen in dieser Höhle und lässt ihm nicht die Möglichkeit, aus dieser herauszutreten.Transzendentalphilosophie bedeutet eben genau, die Annahme zu vertreten, dass sich das menschliche Erkenntnisvermögen zwangsläufig innerhalb des Bewusstseins bewegt.

Es ist von signifikanter Wichtigkeit zu verstehen, wie sich das Bewusstsein zur gegenständlichen Welt verhält. Schopenhauer beschreibt einen dem Bewusstsein immanenten Mechanismus, der uns die materielle Welt vor-stellt (W II, Kap. 22, S. 307). Das „erkennende Ich“ tritt durch diesen apriorischen Mechanismus mit dem Körper materiell in die Welt, wobei der Körper Teil der materiellen Welt, des „Außen“ ist. Dies geschieht unreflektiert, was dazu führt, dass wir glauben, die für uns wahrnehmbare Welt, sei eine von uns unabhängige. Schopenhauer nennt diese wahrgenommene Realität eine „in der Hauptsache dem Werk des Verstandes“ entsprungene (G, Kap. 21, S. 51) .

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Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Arthur Schopenhauers Mitleidsethik. Grundlegende Betrachtungen
Untertitel
Unter Berücksichtigung der Abgrenzung zu Immanuel Kants Moralphilosophie
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
24
Katalognummer
V271601
ISBN (eBook)
9783656638278
ISBN (Buch)
9783656638285
Dateigröße
940 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Arthur Schopenhauer, Mitleidsethik, Moralphilosophie, Ethik, Philosophie, Immanuel Kant
Arbeit zitieren
Sebastian Stern (Autor), 2014, Arthur Schopenhauers Mitleidsethik. Grundlegende Betrachtungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271601

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