Coubertin´s Wiederbelebung der Olympischen Spiele unter dem Gesichtspunkt einer Friedenserziehung


Examensarbeit, 2003
78 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort/Allgemeines
1.1 Vorwort
1.2 Einführung in das Thema
1.3 Eingrenzung des Themas
1.4 Die Quellensituation und die Erarbeitungsmethode
1.5 Der moderne Friedensbegriff als Ausgangspunkt für eine Gegenüber- stellung zum Coubertinschen „Frieden“

2. Die biographischen Hintergründe des Coubertinschen Frieden- denkens
2.1 Die adlige Herkunft
2.2 Die Situation Frankreichs und seiner Aristokratie im 19. Jahrhundert
2.3 Coubertin – ein Reformer des Erziehungswesens
2.3.1 Die Situation an französischen Gymnasien
2.3.2 Das englische Vorbild
2.3.3 Das US-amerikanische Vorbild

3. Definition, Bedeutung und Verwendung der Begriffe Sport und Frieden in Coubertin´s Schriften
3.1 Der Sportbegriff und die Rolle des Sports
3.2 Sport – Förderer der Moral?
3.3 Der Friedensbegriff
3.4 Frieden als Antagonismus
3.4.1 Frieden zwischen Konkurrenz und Solidarität
3.4.2 Frieden zwischen Patriotismus und Internationalismus

4. Die Auswirkung des Sports und der Spiele auf die Friedfertigkeit des Einzelnen
4.1 Der Kampf als Grundlage einer Friedenserziehung
4.2 Das Problem „unfriedlicher“ Sportarten
4.3 Boxen

5. Die Auswirkung des Sports und der Spiele auf den internationalen Frieden
5.1 Sport und Krieg: Eine Beziehung?
5.2 Die Bewältigung patriotischer Gefühle im Sport
5.3 Internationale Wettkämpfe
5.4 Völkerverständigung durch Sport

6. Die Olympischen Spiele
6.1 Das Modell des Olympismus
6.2 Die Realität des Olympismus und seine Zukunft

7. Ergebnisse der Untersuchung und deren Zusammenfassung
7.1 Die Grenzen der Coubertinschen Friedenserziehung
7.2 Die Untersuchungsergebnisse
7.3 Zusammenfassung und Schlusswort
7.4 Chronologie der Coubertinschen Arbeit für den Frieden und den Sport

8. Personenregister einiger ausgewählter Persönlichkeiten

9. Literatur
9.1 Bücher
9.2 Zeitschriften
9.3 Sekundärliteratur-Bücher
9.4 Sekundärliteratur-Zeitschriften
9.5 Internet
9.6 Weiterführende Literatur
9.6.1 Bücher
9.6.2 Zeitschriften

1. Allgemeines

1.1 Vorwort

Die Person Coubertin übt einen großen Reiz auf manche Menschen aus, da er der Begründer der Modernen Olympischen Spiele ist. Fasziniert von diesen internationalen Spielen mit ihrer besonderen Atmosphäre, möchte man sie nicht als Droge bezeichnen, aber diese besondere Stimmung, die sich nur sehr schwer in Worte fassen lässt, bringt viele Menschen alle vier Jahre im Sommer dazu, für circa zwei Wochen ihren Lebensrhythmus komplett umzustellen und ihre Daseinsgrundfunktionen auf Essen, Schlafen und Fernsehen zu beschränken.

Wie kam es bei mir als Autorin dazu? Nun sportbegeistert war ich schon immer und durch eigene Erfahrungen kann ich nur bestätigen, dass Wettkämpfe und die Atmosphäre herum, einen selbst in einen gewissen Zustand versetzen, natürlich auch durch den erhöhten Ausstoß von Adrenalin bedingt, der einer Sucht nahe kommt. Die größte `Schuld´ an meiner „Olympia-Sucht“ hat aber mein Besuch der Olympischen Spiele in Atlanta im August 1996. Die Atmosphäre, die vielen tausend und abertausenden Menschen aus aller Herren Länder und das gemeinsame Interesse am Sport und Wettkampf waren ausschlaggebend für diese Examensarbeit. In Atlanta beschäftigte ich mich zum ersten mal mit Coubertin. Klar, den Namen hat man schon mal irgendwie im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen gehört, aber so genau erklären, was diesen Mann mit diesem sportlichen Ereignis verbindet, können wohl die wenigsten Menschen. Das lag natürlich daran, das in Atlanta die Wiederbelebung der Olympischen Spiele genau 100 Jahre zurücklag. So standen überall lebensgroße Statuen von Coubertin mit Informationstafeln, wer diese Person ist und was er vollbracht hat. Es gab zu dieser Zeit auch einige Reportagen im US-Fernsehen, die über die Geschichte der modernen Olympischen Spiele berichteten und damit auch von Coubertin. So kam ich dazu mich näher mit den Spielen, ihrer Herkunft und Entstehung auseinander zu setzen und wandte mich dann auch den modernen Spielen und deren Initiator zu. So kam es dann zu diesem speziellem Thema.

Dieses Kapitel soll den Einstieg in dieses doch sehr komplexe und in viele verschiedene Richtungen reichende Thema für den Leser erleichtern. Es beginnt mit einer kurzen Einleitung in das Thema und einer aufgrund seiner Komplexität notwendigen Eingrenzung des Inhaltes. Wichtig ist die Herkunft meiner verwendeten Daten und Informationen, also meiner verwendeten Quellen und deren Verfüg- und Erreichbarkeit. Der letzte sehr wichtige Abschnitt, beschäftigt sich mit dem modernen Friedensbegriff, damit der Leser sich dann die ganze Arbeit hindurch in den „Coubertinschen Frieden“ leichter hineinversetzen kann.

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1.2 Einführung in das Thema

1894 trat Baron Pierre de Coubertin mit dem Plan an die Öffentlichkeit, die Olympischen Spiele zu erneuern bzw. wiederzubeleben. Etliche Zeitgenossen nahmen diese Neuigkeit mit Begeisterung auf, da sie in der Wiederbelebung der sportlichen Wettkämpfe einen sehr wichtigen Beitrag zum Frieden in der Welt sahen. So äußerte sich der Deutsche J. Bloch, ein Mitarbeiter der Zeitschrift Sport und Spiel, folgendermaßen: „Eine Reihe internationaler Begegnungen könnte in beiden Ländern eine große Begeisterung sowie brüderlich-kollegiale Verbundenheit unter den jungen Männern Deutschlands und Frankreichs erwecken und zweifellos sehr viel Gutes bewirken. Das wäre in der Tat einer jener Triumphe des Friedens, die die mit Feuer und Schwert bei weitem übertreffen...“[1]

Durch sein Engagement Ende des 19. Jahrhunderts, gilt er heute als Begründer der neuzeutlichen oder auch wie sie oft bezeichnet werden, „modernen“ Olympischen Spiele. Als IOC-Präsident schuf er eine Basis, die bis heute noch ein wichtiger Bestandteil der Olympischen Spiele ist. Coubertins Tun trug dazu bei, dass er bis heute noch als Hauptinitiator der olympischen Bewegung angesehen wird.

Diese Friedensarbeit und –erziehung durch Coubertin wird bis heute geschätzt. In vielen Reden, Artikeln und Büchern sind immer wieder Verweise auf die friedensfördernde Wirkung des Sports, der Olympischen Spiele und Coubertin´s Olympische Idee zu finden: „Frieden ist die Existenzgrundlage des Sports, und zugleich ermöglichen die Sportbewegungen den Athleten aller Nationen ein gegenseitiges Kennen lernen, fördern die Achtung voreinander – Momente, die die Potenzen friedlicher Lösungen in der weltweiten Auseinandersetzung der Systeme unter Beweis stellen.“[2] Oder: „In ihr [der Olympischen Idee] wurde schon in der klassisch griechischen Olympiade anerkannt, dass es die zivilisierte Menschheit kennzeichnet, den Frieden, wenn auch nur zeitweise und in bestimmten Lebensbereichen, wie in diesem Falle im Sport, über alle kriegerischen und politischen Aus- einandersetzungen hinweg zu verwirklichen.“[3]

Ob diese friedensfördernde Wirkung direkten Einfluss auf den Frieden hat, bleibt bis heute fragwürdig. Auf jeden Fall kann von einer indirekten Wirkung des Sports und der Olympischen Spiele auf den Frieden die Rede sein. Dazu Lenk: „ Sie [die Olympischen Spiele] mögen keine direkt wirksame Friedensmission haben, wie es manchmal behauptet wird, aber sie stellen ein Symbol für eine bessere und humanere Welt dar, ein Einvernehmen unter der Sportjugend, über alle nationalen und kulturellen Grenzen hinweg.“[4]

All diese Zitate und noch viele andere, hier nicht erwähnte, weil so zahlreich, haben etwas gemeinsam, sie beruhen nicht auf dem Beweis, dass die Olympischen

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Spiele eine Auswirkung auf den Frieden haben, sondern sind lediglich Annahmen

und Interpretationen.

Ein Grund dafür ist, dass Coubertin´s zahlreichen Schriften viel zu wenig Beachtung geschenkt wurde, unter der Annahme, das immer nur das „herausgefiltert“ wurde, was gerade sportlich wie auch politisch relevant war. Ein anderer Grund ist der sehr große internationale Erfolg der Olympischen Spiele vor dem Hintergrund der guten Medienwirksamkeit oder des Missbrauchs als politisches Instrument, wie z. B. der Boykott der Olympischen Spiele 1980 in Moskau durch westliche Staaten aufgrund des Einmarsches der Sowjetarmee in Afghanistan, welcher die Arbeit Coubertin´s, z. B. bezüglich einer Friedenserziehung in der Schule durch Sport völlig in den Hintergrund treten ließ.

Diese Wiederbelebung der Olympischen Spiele unter dem Gesichtspunkt einer Friedenserziehung durch Coubertin gilt es neu zusammenzufassen.

1.3 Eingrenzung des Themas

Angesichts der oftmals nur ungenügend beachteten und in Vergessenheit geratenen Schriften und Untersuchungen Coubertin´s, will diese Examensarbeit Quellen Coubertin´s zum Thema Olympische Spiele und Friedenserziehung möglichst vollständig erfassen und klären, wo und in welcher Weise seiner Meinung nach Sport und Spiele einen Beitrag zum Frieden leisten können.

Die Autorin dieser Arbeit möchte anhand der ihr zur Verfügung stehenden Texte Coubertins versuchen nachzuweisen, dass Coubertin die Olympischen Spiele und den Sport vor dem Hintergrund einer umfassenden und vor allem praktischen Friedenserziehung zu nutzen versuchte.

Dabei ist es wichtig zu erwähnen, dass der Nachweis einer Friedenserziehung im Zusammenhang mit Sport und Spielen über die eigentliche Pax Olympica hinausgeht und sich trotzdem nicht speziell mit der modernen Friedensforschung auseinandersetzen wird, abgesehen von der Verwendung des modernen Friedensbegriffes zum leichteren Verständnis. Somit wird sich die Arbeit nur auf den Coubertinschen Friedensgedanken und natürlich sich auf die Olympische Idee konzentrieren.

Der Zeitpunkt, zu dem sich Coubertin mit dem Gedanken einer Friedenserziehung auseinander setzte, nämlich zum Ende des 19. Jahrhunderts, verlangt einen Bezug auf die Struktur und Situation der damaligen Gesellschaft, speziell des Adels.

Sehr bedeutend für diese Arbeit sind auch wie Coubertin die Begriffe Sport und Frieden definierte und eben auch in seinen Schriften verwendete. Da der Friedensgedanke und auch der Sport wichtige Bestandteile einer funktionierenden

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Gesellschaft sind, sollten die Bedeutung von Spielen und Sport unter dem Gesichtspunkt einer Friedenserziehung nicht unterschätzt werden, sondern immer wieder neu erforscht und diskutiert werden.

1.4 Die Quellensituation und die Erarbeitungsmethode

Aufgrund einer bis 1986 nicht vorhandenen Bibliographie der Coubertinschen Schriften (ca. 20 Bücher, 30 Broschüren und 1100 Aufsätze und Artikel)[5], war es sehr schwierig für Forscher Zugang zu den zahlreichen Texten Coubertins zu erhalten. Auch ist eine Monographie zum vorliegenden Themenbereich nicht vorhanden. So musste sich die Autorin der vorliegenden Examensarbeit aufgrund des Zeitfaktors, der erschwerten Erreichbarkeit relevanter Quellen und der zuvor beschriebenen Eingrenzung des Themas auf die in deutschen Bibliotheken vorhandene und im Internet enthaltene Literatur beschränken.

So befindet sich ein guter Bestand an Schriften am Carl-Diem-Institut der Deutschen Sporthochschule in Köln. Eine andere umfangreiche Sammlung befand sich im Privatbesitz der verstorbenen Leiterin des oben genannten Instituts, Liselott Diem. Eine Schriftensammlung, von der behauptet wird eine der vollständigsten zu sein, befindet sich im Privatbesitz von Herrn Norbert Müller, seines Zeichens Professor an der Uni Mainz.

Ziel dieser Examensarbeit ist es, die themenrelevanten Texte Coubertins zu erfassen und zu klären wo und in welcher Weise Coubertins Neubelebung der Olympischen Spiele unter dem Gesichtspunkt einer Friedenserziehung einen Beitrag zum Frieden leisten kann.

In bezug auf die Olympischen Spiele und den internationalen Sport greift die Autorin auf andere, in sehr großer Zahl vorhandene Literatur, in Form von Artikeln und Büchern anderer Autoren zurück. Diese Autoren befassen sich allerdings oft nur indirekt mit Coubertin, sondern verweisen oft nur auf ihn. Es ist auch häufig festzustellen, dass sie in bezug auf Sport, Spiel und Friedenserziehung eher exemplarisch auf die Olympischen Spiele zurückgreifen als sie im ganzen zu sehen, als das was sie sind und das was sie ausmacht.

Für diese Examensarbeit dienten zahlreiche, den Themenbereich betreffende, von Coubertin verfasste Artikel und Bücher als Grundlage. Dies ist wichtig zu erwähnen, da Coubertin auch zahlreiche Artikel in anderen Themenbereichen, die nicht unbedingt etwas mit Sport, Erziehung und Olympischen Spielen zu tun haben, verfasst hat.

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Da die Erstellung dieser Arbeit auf einem von der Autorin gewählten hermeneutischen Arbeitsverfahren basiert, ist die Gefahr des Subjektivismus´ gegeben. Dazu:

„Der Subjektivismus der Interpretation ist ein besonders schwaches Glied der historischen Erklärung innerhalb der idealistischen Geschichtsschreibung.“[6].

Das kann bereits mit der Auswahl der Texte beginnen, welche unter dem Gesichtspunkt dieses Themas und der Erwartung eines bestimmten Arbeitsergebnisses zur Recherche und Argumentation herangezogen und selektiert werden. Ein anderer Punkt für die Auswahl bzw. Beschränkung auf bestimmte Texte ist die Fremdsprachenkenntnis. Die Autorin muss sich aufgrund nicht ausreichender Kenntnisse in der französischen Sprache, auf die in Englisch und Deutsch verfassten und übersetzten Texte Coubertins beschränken. Bei Schriftstücken, welche nur in französisch erhältlich sind, musste die Autorin auf Sekundärliteratur zurückgreifen. Um eine möglichst vollständige Erfassung von Textstellen zu garantieren, entschloss sich die Autorin, den modernen Friedensbegriff bei der Suche nach Textstellen als Grundlage zu verwenden und unter dem Gesichtspunkt einer sicheren Erkennung von friedensrelevanten Aussagen, deren Bedeutung für die gesamte Arbeit zu nutzen. Voreingenommenheit der Autorin gegenüber dem Inhalt von Texten ist nicht gegeben, da viele sehr verschiedene Quellen verwendet werden. Nach Sichtung der verwendeten Quellen ist davon auszugehen, dass Coubertin einen Großteil seines Lebens auf die Friedenserziehung durch Sport und Spiele verwendet hat.

Die Fußnoten enthalten nur Kurzangaben. Die vollständigen Quellenangaben sind dem 9. Kapitel zu entnehmen.

1.5 Der moderne Friedensbegriff als Ausgangspunkt für eine Gegenüberstel- lung zum „Coubertinschen Frieden“

Aufgrund der geschichtlichen Geschehnisse zwischen Beginn der Schaffensphase Pierre de Coubertins, Ende des 19. Jahrhunderts, und der Gegenwart und auch aufgrund der Komplexität des Coubertinschen Friedensbegriffs und des breiten Spektrums dieses Begriffes im allgemeinen, möchte die Autorin den modernen Friedensbegriff, so wie er heutzutage verstanden wird, auf die verwendeten Literaturstellen übertragen.

Der bloße Versuch einer genauen Definition, welche alle Meinungen zum Thema Frieden beinhalten soll, stößt sehr schnell an eine Grenze. ...Eine Grenze, die als fast unüberwindbar erscheint. Der Begriff des Friedens ist in seiner Erscheinung sehr komplex. So eröffnet sich sofort das Problem, ob dieser Begriff den internationalen, den sozialen und den individuellen Gesichtspunkt zusammen beinhalten oder doch nur jeder für sich betrachtet werden soll.

Folglich unterscheiden bereits bestehende Definitionen zwischen positivem und negativem Frieden. Als Beispiel dazu folgendes Zitat von Bellers und Kipke aus dem Jahre 1996: ...

„Frieden als Wert bezeichnet einen anzustrebenden Zustand zwischen oder innerhalb von Staaten oder Gesellschaften. Dabei wird unterschieden zwischen negati-

vem Frieden, den die bloße Abwesenheit von Krieg kennzeichnet, und dem weiter gefassten Begriff des positiven Friedens. Dieser beinhaltet neben der militärischen auch noch soziale und wirtschaftliche Komponenten. Der Begriff der Gewalt ist hier weiter gefasst. Positiver Frieden ist, je nach Definition, erst dann erreicht, wenn z. B. keine sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten oder Abhängigkeiten zwischen Staaten mehr existieren. Die Möglichkeiten, im Zeitalter der Massenvernichtungswaffen, dauerhaften Frieden zu schaffen, sind Gegenstand der Friedensforschung.“.[7]

Diese Definition erscheint der Autorin am sinnvollsten und verlässlichsten, sowohl in ihrem Inhalt als auch in der Bedeutung und der Anwendung für diese Examensarbeit, sowie den modernen Zeitgeist treffend.

Das Festlegen auf eine bestimmte Definition kann dem Begriff Frieden in keiner Weise gerecht werden, da es sich nicht um einen fixierten Zustand handelt. Der Mensch ist eine konfliktbereite Spezies und aufgrund dessen wird der Friedensbegriff nie genau zu fassen sein, schon gar nicht in Form einer Definition, die vielleicht nur einige Sätze umfasst. Trotzdem möchte die Autorin an dieser Stelle neben der obigen Definition auch noch eine zweite verwenden.

Dieser Definitionsversuch von Czemiel von 1986 beinhaltet eine Stelle, die für die Arbeit und vor dem Hintergrund der Wiederbelebung der Olympischen Spiele durch Coubertin eine große Bedeutung spielen:

„Friede kann... definiert werden als ein Prozessmuster des internationalen Systems, das gekennzeichnet ist durch abnehmende Gewalt und zunehmende Verteilungsgerechtigkeit. Beide sind voneinander abhängig, beeinflussen sich gegenseitig und können reziprok zur Steuerung eingesetzt werden.“[8]

Um sich die wirkliche Spannweite des Begriffes Frieden vor Augen führen zu können, soll folgende Übersicht von Nigmann helfen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Nigmann, 1995, 42.

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Wie leicht in Abbildung 1 zu erkennen ist, sind die einzelnen „Formen“ des Friedens nicht klar voneinander abgrenzbar, eher gehen sie ineinander über. Ist deswegen ewiger Frieden nicht eine Utopie? Nun, eines dürfte klar sein, nämlich dass Konfliktbewältigung der Weg aus dem Krieg hin zu einem friedensähnlichen

Zustand sein könnte. Jedoch bedarf es zu dessen Realisierung einer Erziehung zum Frieden. Wie kann man das erreichen? Der wahrscheinlich beste Weg ist die soziale Erziehung. Diese kann in der Schule stattfinden und auch mit noch früherem Einfluss in der Familie. Das absolute Gegenteil, die Abschaffung oder auch die Unterdrückung jeglichen Konfliktpotentials ist utopisch. Da erscheint die Erziehung schon realistischer. Denn der Mensch ist und bleibt konfliktbereit. Er ist zwar auch von Natur aus friedfertig, aber eben auch bereit, diese Friedfertigkeit zu verteidigen. Um Friedfertigkeit und Bereitschaft zum Konflikt zu kontrollieren, ist es nötig, wie oben bemerkt, den Menschen zum Frieden zu erziehen. Und genau das hat Pierre de Coubertin mit seiner Reformierung des Erziehungswesens und mit der Wiederbelebung der Olympischen Spiele unter anderem beabsichtigt.

2. Die biographische Herkunft des Coubertinschen Friedendenkens

Um sich nach Abschnitt 1.5 ein genaueres Bild über die Herkunft bzw. das Entstehen des Coubertinschen Friedendenkens machen zu können, welches sein gesamtes Leben, als Begründer der Modernen Olympischen Spiele, sein Wirken als IOC-Präsident und auch als Person selbst, wie einen roten Faden durchzieht, soll das folgende Kapitel einen biographischen Überblick über seine adlige Herkunft geben. Außerdem sollen die wichtigen und großen politischen Ereignisse am Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts, welche Coubertin´s Denken und Wirken entscheidend beeinflusst haben, beleuchtet werden. Die Situation an französischen, englischen und US-amerikanischen Schulen, welche er selbst in Augenschein genommen hat, kann in den Abschnitten 2.3.1 – 2.3.3 nachvollzogen werden. Das englische und US-amerikanische Erziehungssystem dienten als Vorbilder für die Coubertinsche Friedenserziehung. Auch als einem Reformer des Erziehungswesens soll ihm ein Abschnitt gewidmet werden. Der letzte Abschnitt soll die Grenzen des Coubertinschen Friedendenkens aufzeigen.

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2.1 Die adlige Herkunft

Charles Pierre Frédy de Coubertin wurde am 1. Januar 1863 in Paris als viertes und jüngstes Kind des Barons Charles Frédy de Coubertin und seiner Frau Agathe Marie Marcelle, geb. Gigault de Crisenoy, geboren. Er wuchs in einer alten und gut begüterten Adelsfamilie mit italienischen Vorfahren auf. Dieses Adelsgeschlecht hat viele hochverdiente Offiziere und Staatsbeamte hervorgebracht. Der

Stammsitz der Familie war in Mirville in der Normandie. Hier genoss der junge Coubertin die Natur. Ausritte in die freie Natur gefielen ihm besser als die strenge katholische Ausbildung an der von Jesuiten geführten École Saint-Ignace in Paris. Auch als Kind genoss er schon eine strenge, katholische Erziehung durch beide Elternteile. Diese waren auch, wie es Boulongne ausdrückt „... allerdings Legitimisten. So lehnen sie gleichermaßen das Haus Orleans, die Bonapartes sowie die Republik ab.“ „ In einer solchen Umgebung aus „inneren Emigranten“, die sich nicht einfügen können und deren Haltung völlig unzeitgemäß ist, wächst Pierre de Coubertin auf.“[9] Hier bekam er auch das französische Schulsystem zu spüren. „Coubertin erlitt dort, wie es scheint, seine ersten Traumata. Erste Reibereien, erste Schikanen, gegen die er sich sträubt und die ihn gegen den Strom schwimmen lassen.“[10] Ein Lehrer Coubertins aber begeisterte ihn für die Geschichte und die Antike. Dieser Lehrer, Pater Caron, bringt Coubertin dazu vieles nicht so hinzunehmen wie es ist, sondern den geschichtlichen Ursprung zu hinterfragen. Besonders näher bringt er dem jungen Pierre de Coubertin die Dichter, Künstler und Denker Griechenlands. Die Geschichte Griechenlands war geprägt durch die ständigen Zerwürfnisse der Provinzen untereinander. Das änderte sich nur an einem Ort, nämlich in Olympia. Diese Eigenschaft wird typisch sein für sein weiteres Schaffen. Er ist wissbegierig und versucht alte Dinge zu erneuern bzw. abzuändern und überhaupt liberal zu denken. Einen Anteil an der sich ändernden Ansicht der Dinge Coubertins hat der Soziologe Frederic Le Play. 1880 erhielt er schließlich sein Abitur. Ihm war aufgrund der militärischen Vorgeschichte und der Einstellung der Familie eine Laufbahn als Militär, Politiker oder Priester vorherbestimmt. Erben oder erwerben konnte er den Besitz seiner Eltern nicht, da er das jüngste Kind ist und zu dieser Zeit das Recht der Erbfolge noch galt.

Nach dem Eintritt in die Kadettenschule Saint-Cyr entschloss sich Coubertin jedoch nach politischen und geschichtlichen Ereignissen im Lande, wie etwa den Revolutionen von 1830, 1848 und 1870, dem verlorenen Krieg gegen die Preußen 1870/71 und dem damit verbundenem Untergang der Monarchie, der Entstehung der Dritten Republik und dem Beginn der Entstehung des Internationalismus vor der Jahrhundertwende für etwas anderes, das seinen Weg als Erzieher durch Frieden ebnen und als Initiator der Modernen Olympischen Spiele enden sollte. „Ich war schon halb in Saint-Cyr eingetreten und sah eine lange Friedenszeit mit der Monotonie des Garnisonslebens auf mich zukommen, als ich mich plötzlich zur Änderung meiner Laufbahn entschloß, mit dem Wunsch, meinen Namen mit einer großen Erziehungs- und Unterrichtsform zu verbinden.“[11] Ihm kam der Gedanke,

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dass die zu Frankreichs Ungunsten ausgegangenen Ereignisse und die innere Zerrüttung der damaligen französischen Gesellschaft ihre Ursache im französischem Erziehungssystem haben könnten. Er war sich immer der Tatsache bewusst, dass die dazu notwendigen Änderungen nicht ohne den Einfluss der Politik bzw. des Parlaments möglich waren. So besuchte er zunächst die École des Science Politiques. Schließlich studiert Coubertin ab 1883 Geschichte, Pädagogik und Philosophie mit dem Schwerpunkt des englischen Erziehungswesens, welches geprägt

war von Misstrauen und Vorurteilen, an der Sorbonne. 1883 reiste Coubertin nach England um zunächst einige Freunde an einem Jesuiten-Kolleg zu besuchen. Dort kam er zum ersten Mal das Buch von Thomas Hughes „Tom Brown´s School Days“ in Berührung. „Ich stand so vor etwas völlig Neuem und Unerwarteten, der „sportlichen Erziehung“. Es gab da einen ganzen Plan moralischer und sozialer Erziehung unter dem Deckmantel des Schulsports. Weder in England noch in Frankreich wurde davon gesprochen, oder besser gesagt, niemand maß der Sache Bedeutung bei.“[12] Pierre de Coubertin´s Bewunderung für Thomas Arnold war groß. Es faszinierte ihn wie Arnold (1795 – 1842), ein englischer Pädagoge und der Headmaster der Schule von Rugby, den Sport als gleichberechtigtes Erziehungsmittel einführte. Er diente Coubertin als Vorbild für eine von ihm geplante Reform des Erziehungswesens an französischen Schulen.

Auf dem Pariser Kongress am 25. 11. 1892 verkündet Coubertin erstmals etwas von den Plänen, die Olympischen Spiele neu einzuführen bzw. wiederzubeleben. 1894 bis 1896 wird er zum Generalsekretär des I nternationalen O lympischen K omitees (IOK oder IOC) gewählt. !896 bis 1925 wird er gar der Präsident des IOC. 1896 schließlich gelingt das Unternehmen ´Wiederbelebung`.

Die ersten Olympischen Spiele finden 1896 nach vielen Schwierigkeiten und nach genau 2672 Jahren wieder am Ort des Ursprungs in Athen statt.

Viele Reisen, wie etwa in die USA im Jahre 1893, um das dortige Erziehungswesen zu untersuchen oder immer wieder jenseits des Ärmelkanals nach England, dem Ursprungsland der „sportlichen Erziehung“ führen dazu, dass Coubertin den Olympismus (eine Wortschöpfung Coubertins, welche in seinen Schriften immer wieder zu finden ist) und seine Ideale immer weiter verbreitet.

1925 tritt Coubertin zurück. Grund dafür waren eventuell die Misserfolge der Olympischen Spiele von 1900 und 1904 und der Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Jahre 1913, welcher den Ausfall der Spiele 1916 nach sich zog, zurückzuführen ist.

Als Ehrenpräsident starb Baron Pierre de Coubertin am 02. 09. 1937 in Genf. Für die Verwirklichung seiner Träume, nämlich die Reformierung des französischen Erziehungswesens und die Friedenserziehung durch Sport und seine Ausbreitung, investierte er fast sein gesamtes Vermögen. Er hatte sich vorrangig als Initiator

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der Modernen Olympischen Spiele einen Namen gemacht und als d×e×r Reformer des Erziehungswesens in Frankreich.[13]

2.2 Die Situation Frankreichs und seiner Aristokratie im 19. Jahrhundert

Frankreich, ein Land in der Mitte Europas, hatte schon immer eine bewegte Geschichte. Doch im 19. Jahrhundert erlebte dieses ´alte` Land sehr viele massive Veränderungen und Ereignisse. Davon blieb der Adel nicht unbeeinflusst. Um nun zu verstehen, wie sehr doch Pierre de Coubertin aus der Art geschlagen war, der, wie schon der in Abschnitt 2.1 beschriebenen Biographie zu entnehmen ist, einer alten Adelsfamilie mit strenger, kirchlicher Erziehung entstammt und dessen Werdegang eigentlich schon vorherbestimmt gewesen war, ist es nötig an dieser Stelle einen kurzen geschichtlichen Überblick zu geben.

Nach der Revolution 1789 bis 1799 sind das Land und seine verschiedenen Bevölkerungsschichten tief gespalten. Ein Korse namens Napoleon Bonaparte (1769 – 1821) übernimmt die Führung der Nation. Seine Position festigt sich Napoleon durch den Rückhalt der Armee und die plebiszitäre Zustimmung in der Bevölkerung. Ein moderner Nationalismus, als Ergebnis der Revolution, garantiert eine politische und wirtschaftliche Stabilisierung des Landes. Nach der Selbstkrönung am 2. Dezember 1804 in Paris zum „Kaiser der Franzosen“[14] und seiner Heirat mit der österreichischen Kaisertochter kommt es zu einer Wiederansiedlung des während der Revolution emigrierten Adels in Frankreich. Da während der ersten Revolutionsjahre die Adelstitel abgeschafft wurden, war der Adel „durch entschädigungslose Enteignung der sachlichen Feudalrechte wie auch durch den Verkauf der Nationalgüter angegriffen ... , konnten sie seit dem Ende des 18. Jahrhunderts nie wieder jene Machtfülle und jenes Prestige gewinnen, die sie als privilegierter Stand des Ancien Régime besessen hatten.“[15]

In der Zeit von 1815 bis 1848, also im Frankreich der „Notabeln“[16], setzt sich die „grundbesitzende Bourgeoisie“[17] als die Bevölkerungsgruppe durch, die die politische Führung übernimmt. Es kommt in dieser Zeit zu zwei Revolutionen. Zunächst 1830 und später 1848. Außerdem kommt es in diesen bewegten Zeiten zu einem häufigen Wechsel auf dem Thron.

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Ludwig der XVIII. übernimmt nach Napoleons Verbannung auf die Insel St. Helena wieder den Thron von 1814 – 1824. Unmittelbar nach seinem Tod übernimmt sein Bruder Karl der X. das Zepter bis zu seiner Abdankung 1830. Louis Philippe wird am 9. August 1830 schließlich zum König gewählt. Am 23. Februar 1848 dankt dieser wieder ab. Eine linke provisorische Regierung spricht sich für die Einführung einer Republik aus. Es kommt ohne Gegenwehr des Adels zur Gründung einer Republik und zwar der Zweiten Republik. Kurzum die Aristokraten haben unter den ständigen politischen Zersplitterungen zu leiden. Zumal viele legitimistische und traditionell eingestellte Angehörige des Adels Louis Philippe als einen Parvenu ansahen und sich somit nicht in seiner Nähe aufhalten wollten. Das Sagen im Land haben nun die Republikaner: Kleinbürger, Arbeiter usw. Der

Adel ist in einer wirtschaftlich wie auch psychologisch desolaten Phase. Er setzt sich aber als Bonapartistische Bewegung durch, mit der Unterstützung des ´niederen` Bürgertums und der bäuerlichen Kleinbesitzer, da sie Angst haben, dass es zu einer soziale Revolution seitens der Bauern und Arbeitern kommen könnte. So gewinnt Louis Napoléon Bonaparte am 10. November 1848 die Präsidentschaftswahlen. Trotzdem verfügt zu dieser Zeit der Adel zusammen mit der Bourgeoisie immer noch über umfangreichen Landbesitz und politischen Einfluss.

Nach einem Staatsstreich am 2. Dezember 1851 von Louis Napoléon besteigt er genau ein Jahr später und auch genau 48 Jahre nach der Kaiserkrönung seines Onkels den Thron als Napoleon der III. Einige Erfolge in der Außenpolitik während seiner Herrschaft stärken seine Stellung. Nach wiederholten Misserfolgen in der Außenpolitik und verstärktem republikanischem Widerstand und dem Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges „als Folge einer doppelten diplomatischen Offensive, in der es der französischen Regierung um die Verhinderung der deutschen Einheit auf Kosten der französischen Machtstellung geht“[18], kommt es letztendlich zum Sturz des Kaisers. Es ist zu beobachten, dass Adlige in dieser Zeit vermehrt Kompromisse eingehen mit dem neuen Monarchen und sich wieder vermehrt dem Katholizismus zuwenden. „Durch dieses Engagement war der Konflikt mit der Republik vorprogrammiert.“[19]

Nach der Niederlage Napoléons III. bei Sedan, kommt es in Paris zu einem Arbeiteraufstand am 1. September 1870. Schließlich wird am 4. September 1870 die Dritte Republik ausgerufen.[20]

Trotz der neuen Regierungsform und der Agrarkrise ist bei den Aristokraten keine Veränderung hinsichtlich der Berufswahl zu bemerken. Sie bevorzugten immer noch die ´traditionellen Berufe` in der Politik und im Militär. Auch die Flucht des Landadels in die Stadt bleibt aus, wie es im Gegensatz dazu bei vielen Angehörigen der Bourgeoisie und anderer Schichten zu beobachten ist. Allerdings verlangt die Regierung der Dritten Republik nun auch Veränderungen von Adeligen, die z. B. als Beamte tätig sind, dass sie ein Treuebekenntnis ablegen sollen, das das Gegenteil der Werte des Adels und der Notabelngesellschaft beinhaltet. Das dieser

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Schwur so manchem schwer fiel, ist wohl unnötig zu erwähnen. Aber da sind noch andere Veränderungen, wie etwa „... antichristliche und antifeudale Parolen gegen den Einfluss der traditionellen Honoratioren...“.[21] Letztendlich aber konnten all diese Veränderungen den Aristokraten nicht viel anhaben, denn ihr Einfluss in der Politik war nach wie vor gegeben. Im Laufe der Zeit bis kurz nach der Jahrhundertwende, verliert die Landwirtschaft deutlich an Bedeutung und die einsetzende Industrialisierung ist nicht mehr von der Hand zu weisen. Folglich verlieren erst die Ländereien an Wert und dann die gesellschaftliche Stellung der Adeligen an Bedeutung. Der Adel passt sich nun allmählich, auch aufgrund seiner

schwindenden Zahl, der Gesellschaft und der ´Verlagerung` des Einflusses der verschiedenen Bevölkerungsgruppen an.[22]

Der Adel war immer darauf bedacht die familiären Traditionen aufrecht zu erhalten und die Söhne für bestimmte Laufbahnen vorzusehen, um ihren politischen Einfluss zu behalten und ihr Fortbestehen zu garantieren. Auch wenn die französische Nation im 19. Jahrhundert viele Niederlagen und große politische Veränderungen hinnehmen musste, wie eben kurz angerissen, war die Niederlage bei Sedan gegen die Preußen ein traumatisches Ereignis für jeden Franzosen. Coubertin, zu der Zeit gerade einmal sieben Jahre alt, beschäftigte dieses geschichtliche Ereignis noch Jahrzehnte später mit dem „Versagen der nationalen Waffen.“[23] Der verletzte Nationalstolz Coubertins führte zu folgender Feststellung seinerseits, nämlich dass „... es zu unseren Pflichten gehört die Rache vorzubereiten, indem wir gute Soldaten ausbilden...“[24] Trotz dieser gewaltigen Aussage blieb er im Gegensatz zu vielen Landsmännern sachlich und warnte vor Rachegelüsten: „...Frankreich kann und darf nicht hypnotisiert bleiben durch das Debakel in den Vogesen“.[25]

Coubertin verharrte nicht in einer durch Traumata ausgelösten starren Position wie die Nation, sondern versuchte positiv zu denken und nicht den alles beherrschenden Hass und Revanchismus über Hand nehmen zu lassen. Dieses Ereignis, die Niederlage in Sedan und deren gedankliche Überwindung, kann somit als eine Art Ausgangspunkt für seine Friedensarbeit gesehen werden.

Der Adel und auch alle anderen Bevölkerungsgruppen nahmen nun an, dass Frankreich dem Untergang geweiht war, weil es in dieser Phase dekadent war. Sie verfielen in eine nationale Ohnmacht, die von Pessimismus geprägt war. Aber Coubertin hielt diese Annahme für unnötig: „...unter ihren Kindern sind zu viele, die sie verzweifelt lieben, die ihren Glauben in ihr Schicksal verloren haben. Sie sehen diese im Niedergang begriffen, weil sie eine lange Vergangenheit hinter sich hat; sie vergleichen die Nationen mit Individuen und glauben sie, genauso unausweichlich wie die Menschen in ihrer Unabhängigkeit dem Altersverfall preisgegeben sind, dazu verurteilt, dekadent zu werden und unterzugehen. Aber

dies ist nur Theorie; ...[...] die Geschichte besteht aus einem Wechsel von

...

Wohlstand und Dekadenz bei allen Völkern, ob jung oder alt; und dieser Wechsel ist keineswegs schicksalsgegeben.“[26] Mit solchen Aussagen wollte Coubertin seinen eigenen Optimismus und Lebenswillen an die Nation weitergeben, vor allem an die Jugend, die nächste Generation. Denn seine Devise war: „ man tötet kein Volk, das nicht sterben will.“[27] Als eine Chance dieser Ohnmacht zu entkommen, bedurfte es als Ansatz einer Reform der Pädagogik: „Man muss das Geheimnis der Größe oder der Dekadenz einer Demokratie immer in der Schule und der Universität suchen.“[28] „So werden wir gewahr, dass < Frankreich ret-ten > ein höchst sportliches Unterfangen ist.“[29]

Mit dieser Einstellung begann Pierre de Coubertins Weg als Reformer des Erziehungswesens.

2.3 Coubertin – ein Reformer des Erziehungswesens

Der Weg als Reformer des Erziehungswesens sollte für Pierre de Coubertin nicht einfach werden. Nach einem geschichtlich gesehen sehr ereignisreichem Jahrhundert mit der `alles krönenden´ Niederlage von Sedan, galt es die eigene Nation wieder zu ermutigen die in eine Art Ohnmacht gefallen sein zu schien, und sie wieder konkurrenzfähig zu machen in Europa.

Aber wo fängt man am besten an? Wahrscheinlich bei der Jugend, welche sich in einem bestimmtem Alter noch gut formen lässt. Das dachte sich auch Coubertin: „...man kann den Menschen nur über das Kind ändern.“[30] Die einzige Chance das zu tun sah er in der Reformierung des Erziehungswesens. Seiner Meinung nach „fehlte im Schulwesen die Komponente der Männlichkeit[31], obwohl gerade sie der Schlüssel zu nationaler Größe ist. Dennoch hatte jahrhundertlang keine Regierung daran gedacht, in dieser Richtung Anstrengungen zu machen.“[32] oder „ Ich empfand stark, wie sehr Frankreich eine mannhafte schulische Erziehung braucht, das einzige Rezept für nationale Größe...“[33] „Als ich mir schon 1886 Sorgen machte wegen der unzureichenden pädagogischen Vorbereitung der französischen Jugend auf die rauhe Konkurrenz, welche die Epoche der kosmopolitischen Demokratie entbrennen lässt und in welche die zivilisierte Menschheit eintreten würde, schien es mir, dass allein eine tiefgreifende Erziehungsreform meinen jungen Landsleuten die harten Muskeln und das Allgemeinwissen geben würde, die geeignet wären, sie auf die bevorstehenden Kämpfe vorzubereiten.“[34] Das Reformieren eines,

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so scheint es, festgefahrenen Schulsystems, ist nur mit Hilfe der Politik möglich. Das war Pierre de Coubertin auch von Anfang an klar: „Allerdings bildete ich mir nicht ein, dass so etwas außerhalb der Politik möglich sein würde.“[35]

Mit dem nötigem Patriotismus und einer Reise nach England im Jahre 1883 nahmen die Dinge ihren Anfang. Dort kam er, wie schon in Abschnitt 2.1 erwähnt, erstmals mit einem Buch mit dem Titel „Tom Browns School Days“ von Thomas Arnold in Kontakt. Dieses Buch bzw. der Autor zeigten ihm Wege und Möglichkeiten, durch Sport den Nationalstolz wieder herzustellen und zu stärken, und auch die nun vorherrschende Staatsform, die Demokratie, von der Coubertin immer glaubte, dass sie sich weltweit durchsetzen würde, zu erhalten und zu festigen.

Thomas Arnold hatte Sport als ein gleichberechtigtes Mittel zur Erziehung neben der intellektuellen Ausbildung eingesetzt. Er < der Sport > spielte sogar eine große gesellschaftliche Rolle, da er die in einer modernen Gesellschaft vorkommenden Eigenschaften, wie die (demokratische) Abstimmung, die Meinungsbildung und –freiheit etc. in der Schule von Rugby zusammenbrachte. Die Schüler verließen so nicht ganz ohne Lebenserfahrung die Schule und machten dort ihre ersten Erfahrungen mit der für eine Gesellschaft typischen Charakterzüge, sondern wurden mit der ´Realität` schon in der Schule konfrontiert.

Coubertin, der „Rebroncer la France“[36], sah sich mehr als Pädagoge als ein Reformer, bewunderte offensichtlich Thomas Arnold und das Erziehungswesen der englischsprachigen Welt. Ob jetzt aber wie Eyquem in ihrer Biographie über Coubertin behauptet, die Darstellungen Taines „Notes sur l´Angleterre“[37] von 1872 ausschlaggebend waren für sein Interesse an der Reformierung des französischen Erziehungs- und Schulwesens sei dahingestellt. Vielleicht aber war es auch seine Begeisterung für Sport oder doch letztendlich erst seine erste Reise nach England und der Kontakt mit der Pädagogik eines Thomas Arnolds.

In seinen eigenen Vorstellungen von einem neugestaltetem Staat ordnet Coubertin dem Sport eine wichtige Bedeutung als integrativem Zweck zu, alle Bevölkerungsschichten Freude an der körperlichen Ertüchtigung empfinden zu lassen und Sporttreiben nicht auf eine bestimmte soziale Schicht zu beschränken.

Inwiefern das seine zukünftige pädagogische Erziehung beeinflusste und was daraus hervorging, wird in den folgenden Abschnitten und Kapiteln näher beschrieben.

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2.3.1 Die Situation an französischen Gymnasien

Die Situation an französischen Gymnasien war sehr festgefahren. Wie schon in seiner Biographie in Abschnitt 2.1 erwähnt, herrschten Zucht und Ordnung in der von Jesuiten geleiteten Schule. Typisch für diese Zeit waren Wohlverhalten, Gehorsamkeit, Selbstzucht und Widerspruchslosigkeit bezüglich dessen, was die Lehrer den Schülern beibrachten. Erst recht kein Infragestellen von Fakten. Wie schon zu ersehen an der Schulgesetzgebung vom 15. März 1850: „Eine Konservative Schulgesetzgebung – Zulassung von Klerikern zum Lehramt ohne staatliche Prüfung, Auflösung des Universitätsmonopols für Sekundarschulen (loi Falloux) – setzt die katholische Kirche wieder in ihre traditionelle Rolle als Ordnungsmacht ein; der Laizismus wird zum Kernpunkt des republikanischen Programms.“[38] 1852 – 1857 wird „aufgrund eines Ausgleiches zwischen den Parteien unter Napoleon III. der Einfluss der Kirche im Schulwesen gefördert, ohne dass dem Drängen auf Verbot antiklerikaler Organe nachgegeben würde.“[39]

Das Schulwesen war immer noch in drei Schultypen unterteilt. Die Volksschule war für die breite Allgemeinheit gedacht und bot die Elementarfächer an. Die Gymnasien ( franz.: Colléges oder Lycées) waren für eine gehobene Schulausbildung verantwortlich. Naturkundliche Unterrichtsfächer waren ebenso selbstverständlich wie Geschichte, Philosophie und alte Sprachen, wie Latein und Griechisch. Sport und somit eine fehlende Kommunikation der Schüler untereinander im Spiel oder in irgend einem anderen Unterrichtsfach, einmal abgesehen von freiwilligen Fecht- und Reitstunden, und Herausbildung des Individuums waren im Stundenplan nicht im mindesten vorgesehen. Zu den Hochschulen als dritten Typ, soll an dieser Stelle nur gesagt sein, dass sie in etwa den gleichen Charakter vorweisen wie die Gymnasien.

Die staatlichen Schulen ähneln einem militärischem Gebilde. Disziplin ist alles, was zählt. Ebenso wie in den Klosterschulen, wird keinerlei Widerspruch akzeptiert.[40] „Die Schule wurde zum Gefängnis, der heranwachsende Jugendliche wurde, wenn auch nicht wie ein Sträfling, so doch mindestens wie ein Angeklagter behandelt, und die Hauptbeschäftigung seiner Lehrer war es, um ihn einen Wall von Misstrauen zu errichten, mit dem Ziel, ihm mehr ´Gehorsam und Respekt` einzuflößen.“[41]

Am 27. Januar 1880 wird der Sport als Schulpflichtfach „Gymnastik“ in den französischen Lehrplan per Gesetzbeschluss aufgenommen. „Die Gymnastik wurde als Vorstufe weiterer militärisch-patriotischer Ausbildung der Jungen und jungen Männer verstanden.“[42]

Doch was nützen alle möglichen Gesetze und Verordnungen durch die Politik, den Sport als ein Pflichtfach einzuführen, wenn doch die Lehrer, die Schüler, die

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Eltern und der Rest der französischen Nation nicht den wahren Hintergrund der sportlichen Erziehung und den Zweck, z. B. einer Sozialisation und Friedfertigkeit untereinander verstehen?

Auch das Erziehungswesen konnte sich dem neuen Zeitalter, dem der Demokratie und der einsetzenden Industrialisierung, nicht völlig verschließen. Die Mehrheit der Gesellschaft verlangte nach Reformen bzw. das gesellschaftliche Leben betreffende Veränderungen. Und diese Reformen gehen auch oder besser sollten nicht an der Pädagogik und an der Erziehung der nachkommenden Generation vorbei. Diese Generation musste mit den Problemen und neuen Verantwortungen, die eine neu gestaltete Umwelt nach sich zieht, zurechtkommen und sich damit auseinandersetzen, um die anhaltende Stagnation und Desorientierung der französischen Nation Einhalt zu gebieten. „Im allgemeinen laufen die meisten der großen nationalen Fragen auf eine Erziehungsfrage hinaus, besonders in den demokratischen Staaten.“[43]

[...]


[1] CDI, 1970, 4 .

[2] Kleine, L./ A. Weiß, 1983,807.

[3] Schelsky, H., 1973, 7.

[4] Lenk, 1984, 9 – 14.

[5] Vgl. Müller, N., 1987, 41.

[6] Schleier, H., 1975, 59.

[7] Bellers/ Kipke, 1996, 292f.

[8] Czemiel, 1986, 47. In: Nassmacher, 2002, 371.

[9] Boulongne, 1976, 84. In: Schulke, 1976.

[10] Boulongne, 1975, 46. In: Nigmann, 1995, 28.

[11] CDI, 1974, 11.

[12] CDI, 1974, 12.

[13] Sämtliche biographische Daten wurden aus folgender Literatur entnommen:

- CDI (1996): Olympische Erinnerungen.
- CDI (1974): Einundzwanzig Jahre Sportkampagne (1887 – 1908).
- IOC (2000): Olympism. Selected Writings.

- Eyquem (1972): Pierre de Coubertin. Ein Leben für die Jugend der Welt.

[14] Loth, 1985, 186.

[15] Haupt, 1990, 289. zit nach: Jardin, A./ A. J. Tudesq, 1973, o. S. In: Wehler.

[16] Loth, 1985, 192.

[17] Loth, 1985, 192.

[18] Loth, 1985, 212.

[19] Haupt, 1990, 298. zit. nach: Locke, 1974, o. S. In: Wehler .

[20] Vgl. Loth, 1985, 192 – 212.

[21] Haupt, 1990, 301. In: Wehler .

[22] Vgl. Haupt, 1990, 299 – 305. Schmale, 2000, 227 – 239. Middel/Höpel, 1999, 175 – 194.

[23] Nigmann, 1995, 28. Nach: Coubertin, 18941, 307.

[24] Nigmann, 1995, 29. Nach: Coubertin, 18942. 244

[25] Nigmann, 1995, 29. Nach: Coubertin, 18942, 244.

[26] Nigmann, 1995, 30. Nach: Coubertin, 1887, 15.

[27] Nigmann, 1995, 31. Nach: Coubertin, 1901, 110.

[28] Nigmann, 1995, 31. Nach: Coubertin, 1896, 125.

[29] Nigmann, 1995, 31. Nach: Coubertin, 1910, 153.

[30] Nigmann, 1995, 32. Nach: Coubertin, 18892, 361.

[31] < Virilité >: Männlichkeit, Mannbarkeit oder mannhaftes Wesen. Das Erziehungsziel Coubertin´s

an französischen Schulen.

[32] CDI, 1974, 15.

[33] Nigmann, 1995, 31f.. Nach: Coubertin, 1937, 704.

[34] Nigmann, 1995, 31. Nach: Coubertin, 1937, o. A.

[35] CDI, 1974, 11.

[36] Umminger, 1972, 12. In: Eyquem.

[37] Vgl. Eyquem, 1972, 40.

[38] Loth, 1985, 206.

[39] Loth, 1985, 209.

[40] Vgl. Eyquem, 1972, 69.

[41] CDI, 1966, 9.

[42] Schmale, 2000, 232.

[43] CDI, 1966, 65.

Ende der Leseprobe aus 78 Seiten

Details

Titel
Coubertin´s Wiederbelebung der Olympischen Spiele unter dem Gesichtspunkt einer Friedenserziehung
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Leibesübungen)
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
78
Katalognummer
V27165
ISBN (eBook)
9783638292856
Dateigröße
888 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Sehr vielseitig und breitgefächerte Arbeit inkl. Coubertin´s Biographie, Politik Ende 18./19. Jh., Pädagogik, Sportarten etc. Manche Zitate sind in Englisch und Französisch.
Schlagworte
Coubertin´s, Wiederbelebung, Olympischen, Spiele, Gesichtspunkt, Friedenserziehung
Arbeit zitieren
Doreen Knape (Autor), 2003, Coubertin´s Wiederbelebung der Olympischen Spiele unter dem Gesichtspunkt einer Friedenserziehung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27165

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