Antike Demokratie außerhalb Athens

Das Beispiel Syrakus


Seminararbeit, 2012

18 Seiten, Note: 2,0

Anis Grün (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die athenische Demokratie und ihre machtpolitische Ausbreitung

3. Die Einführung einer Demokratie: Das Erythrai-Dekret

4. Das Beispiel Syrakus

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die folgende Arbeit wird sich mit der antiken griechischen Demokratie jenseits des athenischen Bodens befassen. Dabei wird zunächst einmal – ausgegangen von der Demokratie ab Mitte des fünften Jahrhunderts in Athen selbst, als die radikalste und am ausführlichsten dokumentierte – auf die Verbreitung und Etablierung demokratischer Elemente in den griechischen Poleis allgemein eingegangen: Existierten weitere Verfassungen im griechischen Umland Athens, welche man explizit als Demokratien bezeichnen kann? Und wenn dies zuträfe, wie konnten diese entstehen und sich entwickeln? Im Zuge dessen werden zudem die jeweiligen Voraussetzungen genauer beleuchtet, die in den griechischen Landschaften vorherrschen mussten, um eine Demokratie überhaupt dauerhaft möglich zu machen. Darauf folgt, anhand zwei konkreter Beispiele der Poleis Erythrai und Syrakus, zum einen eine detailliertere Vorstellung der Einführung einer Demokratie außerhalb Athens sowie ein punktueller Vergleich der demokratischen Institutionen des sizilianischen Syrakus und der Athens.

Was den Forschungsstand angeht, so muss als eine treffende Voraussetzung Jochen Bleickens Kommentar bezüglich dieses Themas in seiner Monographie Die athenische Demokratie zur Kenntnis genommen werden: „Eine Geschichte der Demokratien außerhalb Athens gibt es nicht, und sie wird es aufgrund der desolaten Quellenlage auch wohl kaum jemals geschrieben werden können.“[1] Abgesehen davon weist Bleicken dennoch zu Recht auf einige Darstellungen hin, die einerseits die athenische Demokratie inklusive ihrer ‚Ausläufer‘ recht umfassend beleuchten (Le Monde grec et l'Orient von Edouard Will, Zur Entstehung der griechischen Demokratie außerhalb Athens von Wolfgang Schuller) und andererseits auf solche, welche brauchbare Einblicke in die Geschichte der athenischen Demokratie als Machtinstrument liefern. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Quellen, und zwar um jene von den ‚großen Autoren‘ wie Aristoteles, Thukydides etc., sowie um eine Vielzahl in Inschriften festgehaltener Dekrete, die von Verfassungsumstürzen berichten. Bei allen Schriften der antiken Autoren muss davon ausgegangen werden, dass diese zum Teil sehr einseitig geschrieben sind. So kann es beispielsweise vorkommen, dass Thukydides allein aufgrund seines athenischen Hintergrundes die verfassungspolitischen Vorgänge in Syrakus unwillentlich falsch oder unzureichend darstellt. Deshalb bietet es sich im Fall Syrakus an, den sizilianischen Geschichtsschreiber Diodor ebenfalls in die Ausführungen zu integrieren. Zum Thema Syrakus werden zudem die Verfassungsgeschichte von Syrakus (W. Hüttl) und die Monographie Democracy beyond Athens (E.W. Robinson) in die nun folgende Abhandlung mit einzubeziehen sein.

2. Die athenische Demokratie und ihre machtpolitische Ausbreitung

Einleitend in dieses Kapitel muss die Prämisse aufgestellt werden, dass bis zur Mitte des fünften Jahrhunderts wohl ausschließlich eine Demokratie im engeren Sinne im Fall der Polis Athen vorzufinden war. Denn eine Entwicklung, die zu einer solchen Staatsform führte, war kein kollektiver Prozess, sondern höchst individuell und die Demokratie konnte „schon von ihren besonderen Organisationsformen her nicht das Produkt einer allgemeinen, sondern nur das einer ganz besonderen, nämlich der athenischen Entwicklung sein.“[2] Zwar ist das Thema dieser Arbeit nicht die athenische Demokratie als solche, jedoch muss zwangsläufig von dieser ausgegangen werden, da die Forschung auf die wichtige Rolle Athens mit seiner Demokratie als einflussreiches Vorbild für umliegende Poleis hinweist.[3] Außerdem ist die Verfassung Athens die am besten dokumentierte im antiken Griechenland: Allein sie wurde nicht nur, wie Verfassungen anderer Städte, fragmentarisch, sondern als Ganzes überliefert.[4] Gegen Athen als die fortschrittlichste Stadt bezüglich einer ausgelebten Demokratie ab Mitte des fünften Jahrhunderts könnte zwar dennoch sprechen, dass es vereinzelten Schriften nach schon vor dem fünften Jahrhundert demokratische Tendenzen oder gar demokratische Verfassungen in wenigen Städten gegeben haben soll (u.a. in Achaia, Megare und Mantineia).[5] Da diese Aussagen allerdings auf fragmentarischen und unklaren Überlieferungen beruhen, gibt es keine Gewissheit über die Existenz solch früher Demokratien, weshalb sich diese Arbeit an der oben genannten Prämisse – Athen als die erste, wahrhaft gelebte Demokratie anzusehen- halten wird. Des Weiteren kommt hinzu, dass in den einschlägigen Quellen herauszulesen ist, dass bis zur ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts ein nichtdemokratischer oder auch oligarchischer Verfassungstyp vorherrschend war, wie z.B. in Sparta, Sikyon, Samos, Chios, auf Lesbos, Korinth und Mytilene.[6] In Athen verhielt es sich jedoch so, dass die Abwehr der Perser (490-479 v. Chr.) nur durch die besitzlosen Theten der Unterklasse erfolgreich war, denn diese wurden nach dem Flottenbauprogramm des Themistokles als unentbehrlich angesehen, weil sie als Ruderer für die neu gegründete Kriegsflotte eingesetzt wurden („[…] das Schiffsvolk, dem man den Sieg bei Salamis und durch ihn die Obergewalt der Athener auf dem Meer verdankte […]“).[7] Das daraus resultierende politische Bewusstsein der Theten führte mit zu einer Radikalisierung der zuvor nur wenig angewandten demokratischen Maßnahmen in Athen. Wolfgang Schuller gibt hier zu bedenken, dass man erst nach den Perserkriegen von einer „gelebten Demokratie“[8] sprechen könne, obwohl die jeweiligen Institutionen bereits vorher Bestand hatten. An dieser Stelle verweist der Autor auf Aristoteles, der in seiner Schrift Politik diesen Umstand verdeutlicht:

„Endlich findet auch der Übergang statt aus der vorväterlichen (pátrios) Demokratie in die neueste, indem da, wo die Staatsmänner zwar durch Wahl, aber ohne Rücksicht auf Schatzung besetzt und die Wahl vom ganzen Volke vollzogen wird, die nach Ämtern Lüsternen durch Volksschmeicheleien es endlich dahin bringen, daß[!] das Volk zum Herrn auch über die Gesetze (nomos) wird.“[9]

Als ein weiteres Indiz für die seltene Durchführung demokratischer Abstimmungen o.ä. führt Schuller überdies an, dass vor den siegreichen kriegerischen Schlachten gegen die Perser nur wenige in Stein gehauene Volksbeschlüsse des athenischen Demos existierten.[10] Der 477 gegründete Erste attische Seebund führte schließlich dazu, dass sich die Masse des im Seebund kämpfenden Demos stetig vergrößerte und mehr Nichtbesitzende zu Besitzenden Bürgern wurden, die politische Ansprüche stellten.[11] Wenn man den Aufzeichnungen des Thukydides in seinem Werk über den Peloponnesischen Krieg Glauben schenkt, so bekommt man den Eindruck, dass der Großteil der Bündnispartner Athens mehr oder weniger demokratisch war, wobei nicht klar ist, welche Einflüsse neben dem Athens, der hierbei unbestreitbar ist, die Städte dazu gebracht hat, ihre Verfassungen demokratisch auszurichten.[12] In der Zeit nach dem erfolgten Aufstieg Athens liegen schließlich klare Hinweise in Quellen vor, die für die Existenz demokratischer Verfassungstypen sprechen, allerdings ist es in einigen Fällen so gut wie nicht möglich auszumachen, wie die Demokratie an diesen Orten entstehen konnte. Wenn man von der am Anfang des Kapitels aufgeführten Prämisse ausgeht, so muss daraus geschlussfolgert werden, dass sich die demokratischen Verfassungen außerhalb Athens nicht unabhängig vom athenischen Beispiel herausbilden konnte, da es in den umliegenden Poleis eben jene notwendigen Voraussetzungen für eine Volksherrschaft nicht gegeben hat.[13] Den großen Einfluss, den Athen im 5. Jahrhundert genoss, führte dazu, dass es auf machtpolitischer Ebene anderen Städten die Demokratie oktroyierte. Als Beispiele für eben jene aufgezwungenen Verfassungen, werden unter anderem Erythrai, Chalkis/Euböa und Kolophon genannt, die nach Auseinandersetzungen mit Athen und dem Abfall aus dem Seebund wieder eingegliedert wurden und welche daraufhin zu einer demokratischen Verfassung übergehen mussten.[14] Belegt wird die These von einem Oktroi der athenischen Verfassung dadurch, dass sie in verschiedenen Dekreten überliefert wurden und gestärkt wird sie durch die Tatsache, dass alle frühen bekannten Demokratien außerhalb Athens im athenischen Machtbereich lagen.[15] Die Forschung ist sich auch darüber einig, dass viele von ihnen wahrscheinlich nach einer gegen Athen gerichteten Revolte eingerichtet worden sein müssen.[16] Was eine freiwillige Ausrichtung einer Verfassung nach demokratischen Maßstäben angeht, so findet man wiederum bei Thukydides einen aufschlussreichen Kommentar bezüglich der böotischen Städte:

„On the matter of Boetia both he and Hippocrates were in communication with a number of men in the Boetian cities who wanted to change the existing order and turn it to democracy on the Athanien pattern.“[17]

An dieser Stelle wird die Vorbildfunktion Athens deutlich, denn man kann davon ausgehen, dass hier ein aktiver Wille seitens einiger Böotier bestanden hat, eine Demokratie zu erschaffen und die Verfassung Athens hier als Ideal angesehen wird. Ob und wieweit die böotische Verfassung danach den demokratischen Maßstäben Athens entsprochen hat, ist fraglich, jedoch kann man höchst wahrscheinlich von einem Wandel ausgehen: In der Hellenika von Oxyrhynchos ist nämlich nachzulesen, dass das Recht auf politische Mitbestimmung zuvor an einem Vermögenszensus geknüpft war.[18] Wolfgang Schuller bezeichnet eine solche Einschränkung als typisch für den Verfassungstypus der „Hoplitenpoliteia, Timokratie, Isonomie oder ähnlich, also zwar keine Adelsgesellschaft mehr, aber auch keine Demokratie.“[19] Weitere Beispiele für eine Entwicklung zur Demokratie aus der jeweiligen Stadt selbst heraus, stellen unter anderem Argos und Elis dar, weil diese nicht im Machtbereich Athens lagen und trotzdem als Demokratien bezeichnet werden konnten.[20] Wie schon erwähnt, wurden die meisten Demokratien jedoch künstlich, durch äußeren Druck und gewaltsam von Athen eingeführt. Ein Herrschaftsmittel der Athener wurde also der aktiv herbeigeführte Verfassungsumsturz, den auch Thukydides im Zuge der geplanten Sizilien Expedition aufführt:

[...]


[1] Bleicken, Jochen: Demokratie, S. 677.

[2] Bleicken: Demokratie, S. 487.

[3] Vgl.: Ebda., S. 487.

[4] Vgl.: Brock/Hodkinson: Alternatives, S. 4.

[5] Vgl.: Schuller: Entstehung, S. 435.

[6] Vgl.: Ebda., S. 436.

[7] Aristoteles: Politik, 1304a 22-24.

[8] Schuller: Entstehung, S. 435.

[9] Aristoteles: Politik, 1305a 25 f.

[10] Vgl.: Schuller: Entstehung, S. 435.

[11] Vgl.: Ebda., S. 435.

[12] Vgl.: Meiggs: Empire, S. 208.

[13] Vgl.: Bleicken: Demokratie, S. 487.

[14] Vgl.: Bleicken: Demokratie, S. 487.

[15] Vgl.: Ebda.

[16] Vgl.: Ebda.

[17] Thukydides: Krieg, IV, 76, 2.

[18] Schuller: Entstehung, S. 436.

[19] Ebda, S. 436.

[20] Vgl.: Ebda., S. 439.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Antike Demokratie außerhalb Athens
Untertitel
Das Beispiel Syrakus
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V271738
ISBN (eBook)
9783656628941
ISBN (Buch)
9783656628934
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
antike, demoktratie, athens, beispiel, syrakus
Arbeit zitieren
Anis Grün (Autor), 2012, Antike Demokratie außerhalb Athens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271738

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