Gewalt an Schulen - Gewalt von Schülern gegen Lehrer - eine Untersuchung an Heidelberger Schulen


Diplomarbeit, 2004
101 Seiten, Note: 1,25

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Zur Themenwahl
1.2 Vorgehensweise

2 Angst
2.1 Allgemeine Vorüberlegungen zum Begriff der Angst
2.2 Angsttheorien
2.3 Angst in der Schule
2.4 Lehrerangst.
2.5 Formen der Lehrerangst
2.6 Zusammenhang von Angst und Aggression.
2.7 Eigene Gedanken zum Thema Angst

3 Gewalt
3.1 Definition von Gewalt in der Schule
3.2 Dimensionen von Gewalt.
3.2.1 Physische Gewalt
3.2.2 Psychische Gewalt
3.2.3 Strukturelle Gewalt
3.3 Ursachen und Gründe von aggressivem Schülerverhalten.
3.4 Chronik von Gewalttaten an deutschen Schulen
3.5 Realitätsberichte von Lehrern.
3.6 Rechtliche Grundlagen zum Umgang mit Gewaltfällen in Schulen.
3.7 Wichtige Ergebnisse der Forschung über Gewalt an deutschen Schulen.
3.7.1 Eichstätter Repräsentativbefragung zu Gewalt an Schulen
3.7.2 Gewalt in der Schule am Beispiel Bochum

4 die Heidelberger Untersuchung
4.1 Konzipierungsphase
4.2 Erhebungsphase.
4.3 Auswertung / Datenanalyse.
4.3.1 Codierung und Codeplan
4.3.2 SPSS-Programm
4.4 Ergebnisse der Untersuchung
4.4.1 Auswertung: sozialdemografische Angaben
4.4.2 Auswertung: einzelne Gewaltformen/Häufigkeiten
4.4.3 Auswertung: Einschätzungen von Gewaltentwicklungen
4.4.4 Auswertung: Sicherheitsgefühl / Angstverhalten.
4.4.5 Auswertung: Abwehrmaßnahmen.
4.4.6 Auswertung: Hilfs- und Lösungsmöglichkeiten
4.4.7 Auswertung: Zusammenarbeit von Schule und Polizei.
4.4.8 Auswertung: Verhalten bei Gewalt / gewaltbereiten Schüler.

5 Zusammenfassung und Vergleich

6 Lösungsmöglichkeiten

7 Schlusswort

Vorwort

Ich möchte mich an dieser Stelle beim Sachbereich Kriminalprävention der Polizeidirektion Heidelberg bedanken.

Ohne deren Unterstützung wäre die Umsetzung meiner Diplomarbeit nicht möglich gewesen. Zu jeder Zeit stand mir ein sehr kompetentes und hilfsbereites Team zur Seite.

Mein besonderer Dank gilt Herrn PD Dr. Hermann vom Kriminologischen Institut in Heidelberg. Er war mir bei der Erstellung des Fragebogens eine große Hilfe und begleitete neben Prof. Dr. Hermanutz von der Fachhochschule für Polizei den empirischen Teil meiner Arbeit.

Ein großes Lob und ein Dankeschön möchte ich allen Lehrerinnen und Lehrern aussprechen, die sich an der Beantwortung der Fragebögen so zahlreich beteiligt haben und somit einen maßgeblichen Anteil am Gelingen dieser Arbeit hatten.

Gewalt an Schulen

- die Gewalt von Schülern gegen Lehrer -

„eine Untersuchung an Heidelberger Schulen“

1. Einleitung

1.1. Zur Themenwahl

Denke ich an meine Schulzeit zurück, so muss ich feststellen, dass Gewalt ein immer gegenwärtiges Thema war. Die Gewalt war in so vielen Situationen und so vielen Formen vorhanden, dass ich sie damals überhaupt nicht wahrnahm. Ob ich zu jung war, um die Gewalt in ihrer eigentlichen Form zu verstehen, dass mag ich hier nicht zur Diskussion stellen, aber eines ist ganz sicher, sie begleitete mich bis zum Abschluss meines Abiturs.

Während meiner Grundschulzeit kann ich mich noch daran erinnern, dass wir oft Banden gründeten und zwischen den Schulstunden gegeneinander kämpften. Kratzen, Zwicken, an den Haaren ziehen und mit den Fäusten schlagen war nichts Ungewöhnliches. Der Respekt vor unseren Lehrern war jedoch sehr groß und so unterließen wir nach einer Standpauke unsere „Reibereien“.

Von der 5 bis zur 10 Klasse wurden diese Kämpfe immer weniger, aber es war zu merken, dass mit den Jahren auch der Respekt vor den Lehrern immer weniger wurde. Der Lehrer rückte bei vielen meiner Mitschüler immer mehr in die zentrale Rolle des Sündenbockes. Ob schlechte Noten oder Stress in der Schule, meistens war der Lehrer schuld. Manche Mitschüler riefen dem Lehrer aus der geschützten Gruppe heraus beleidigende Worte nach, machten gemeine Tafelschriebe oder traktierten in der Pause die Tasche des Lehrers.

Von der 11 bis zur 13 Klasse reifte man als Schüler so langsam heran, das „Erwachsenwerden“ stand kurz bevor, und so ließen sich einige Schüler nicht mehr alles sagen. Direkte Beleidigungen, heimliche Telefonanrufe, aber auch Beschädigungen an den Autos unserer Lehrer wurde mir von anderen Schülern zugetragen.

Die Gewaltformen steigerten sich mit den Jahren in ihrer Qualität, aber eines ist mir bis heute nicht bekannt: Dass ein Lehrer von einem Schüler körperlich angegriffen wurde. Übergriffe von Lehrern auf Schüler waren sehr wohl festzustellen, aber nicht umgekehrt. Was muss alles in einem Schüler vorgehen, der den Entschluss fasst, einen Lehrer zu attackieren?

Den Denkanstoß für das Thema meiner Diplomarbeit erhielt ich aus meiner beruflichen Tätigkeit. Wir hatten häufig Kontakt mit dem Schulpersonal, sei es durch präventive oder repressive Einsätze. Bei der Übergabe straffälliger Schüler an die Schulleitung oder Lehrerschaft, berichteten mir diese über die Zunahme verbaler Übergriffe von Schülern auf ihre Person. Sie suchten häufig Rat und waren über mögliche Verhaltensansätze dankbar. Diese Ratschläge fielen mir nicht immer leicht, da meine Erfahrungen und Erkenntnisse in diesem Bereich eher dürftig waren. Mir waren beispielsweise die erzieherischen Sanktionen der Schule auf der Grundlage des Schulgesetzes gänzlich unbekannt. Die Lehrer klagten zudem über viele ihrer Kollegen, die der Pausenaufsicht nur mangelhaft nachkommen und bei Problemen wie z.B. der Raucherecke, einfach wegschauen würden. Diese Kollegen wollen sich den Problemen und den daraus resultierenden Konflikten nicht stellen, vielmehr sind es gerade diese, denen Respektlosigkeit entgegenschlägt.

Es stellt sich für mich die Frage, ob nicht auch das Verhalten des Lehrers eine Ursache für mögliche Übergriffe seitens der Schüler sein kann?

Betrachtet man die letzten Jahre, so ist festzustellen, dass sowohl die Medienöffentlichkeit als auch die Wissenschaft vermehrt das Problem der „Gewalt an Schulen“ thematisiert. Dabei steht immer wieder aggressives bzw. gewalttätiges verbales und physisches Verhalten von Schülern gegenüber Personen und Sachen im Mittelpunkt. Von den Schulen in Amerika weiß man, dass Gewalt ein weit verbreitetes Problem darstellt. Übergriffe von Schülern auf Lehrer endeten mehrfach tödlich. Doch seit letztem Jahr wissen wir Menschen in Deutschland, dass die Gewalt nicht sehr weit weg von uns ist. Der Amoklauf von Erfurt hat gezeigt, das die extremste Ausprägung von Gewalt in jeder Schule passieren kann.

Dass es Schülerangst gibt, also die Angst des Schülers vor der Schule, vor Lehrern, vor Leistungsdruck und Überforderung, den daraus resultierenden Problemen mit den Eltern usw., ist mir bekannt.

Wie sieht es aber mit der Angst des Lehrers aus?

In der Schule Angst zu verspüren, ist mit Sicherheit nicht nur Schülersache.

„ Es gibt kein Leben ohne Angst vor dem Andern; schon weil es ohne diese Angst, die unsere Tiefe ist, kein Leben gibt; erst aus dem Nichtsein, das wir ahnen, begreifen wir für Augenblicke, dass wir leben. Man freut sich seiner Muskeln, man freut sich, dass man gehen kann, man freut sich des Lichtes, das sich in unsrem dunklen Auge spiegelt, man freut sich seiner Haut und seiner Nerven, die uns so vieles spüren lassen, man freut sich und weißmit jedem Atemzug, dass alles, was ist, eine Gnade ist. Ohne dieses spiegelnde Wachsein, das nur aus der Angst möglich ist, wären wir verloren; wir wären nie gewesen... (Max Frisch).

Ich finde dieses Thema spannend, weil es zunehmend an Aktualität gewinnt und Gegenstand meiner täglichen Arbeit ist. Ich habe mich aufgrund der geschilderten Erfahrungen entschlossen, der Gewalt- und Angstproblematik des Lehrerberufes zu nähern und mich mit dieser zu beschäftigen. Aufgrund meiner Eigenschaft als Polizeibeamter bietet sich für diese wissenschaftliche Untersuchung der Bereich Heidelberg an.

Im Mittelpunkt meiner Überlegungen stehen die Fragen:

- Gibt es im Bereich Heidelberg Gewalt von Schülern gegen Lehrer?
- In welcher Form und welcher Häufigkeit stellt sie sich dar?
- Gibt es Lehrerangst oder Unwohlsein vor bestimmten Schülern?
- Wie verhalten sich die Lehrer gegenüber gewaltbereiten Schülern?
- Welche Lösungsmöglichkeiten gibt es?

1.2. Vorgehensweise

Die methodische Vorgehensweise meiner Arbeit orientiert sich an der hermeneutischen Position, d.h. ich versuche mit Hilfe von Materialien und Lehreraussagen die Gewalt von Schüler gegen Lehrer zu erklären. Diese Ergebnisse sollen Aufschlüsse über das Verhalten von Lehrern gegenüber gewaltbereiten Schülern liefern.

Aus meiner beruflichen Erfahrung habe ich feststellen müssen, dass Ereignisse in zwischenmenschlichen Beziehungen nicht vorhersehbar sind. Es bedarf vielmehr verschiedener Erfahrungen aus der Vergangenheit, die es erleichtern, die Ereignisse zu interpretieren und Lösungsansätze zu erstellen. In diesem Sinne versuche ich in meiner Arbeit die Ursachen und Aspekte einer möglichen Lehrerangst in Zusammenhang mit Schule und Schülern zu verstehen und aufzuzeigen.

Im ersten Teil meiner Arbeit werde ich mit Hilfe der vorhandenen Literatur die beiden Hauptbegriffe Angst und Gewalt näher bestimmen. Ich werde dabei versuchen, diese Begrifflichkeiten nicht nur abstrakt zu erläutern, sondern auch einen ständigen Bezug zum Lehrer-Schüler-Verhältnis herzustellen.

Der zweite und praktische Teil dieser Arbeit, die Befragung von Lehrerinnen und Lehrern, soll Erkenntnisse über das Vorhandensein von Angst und Gewalt auf Seiten der Lehrer liefern.

Ich erhoffe mir dadurch, eine repräsentative Darstellung meiner Ziele für den Bereich Heidelberg bieten zu können. Der Polizeidirektion Heidelberg und den zu betreuenden Schulen will ich Anhaltspunkte und Daten für eine weitergehende gute Zusammenarbeit liefern. Ansatzpunkte, die im Rahmen der Präventionsarbeit sicherlich benötigt werden können.

Bei meiner Suche nach literarischen Unterlagen bin ich in der Universitätsbibliothek in Heidelberg in ausreichendem Maße fündig geworden. Das Thema Gewalt fand besonders in den Jahren von 1990 bis heute ein reges Interesse, welches die bestehenden Veröffentlichungen belegen. Publikationen über das Thema Angst/Lehrerangst waren schwerpunktmäßig in den Jahren von 1972 bis 1989 zu finden. Seit dieser Zeit wurden fast keine deutschsprachigen Werke verfasst. Eine Suche an mehreren Universitätsbüchereien brachte das gleiche Ergebnis, weshalb mir die bestehenden Werke als Grundlage für meine Diplomarbeit dienten.

Einen Hinweis für das Lesen dieser Arbeit möchte ich vorneweg kurz geben. Ich werde sehr häufig den Begriff des Lehrers verwenden, darunter ist sowohl der weibliche, als auch der männliche Vertreter zu verstehen. Wird einer von beiden implizit betrachtet, werde ich dies deutlich machen und die Begriffe Lehrer und Lehrerin benutzten.

2. Angst

2.1. Allgemeine Vorüberlegungen zum Begriff der Angst

Bevor ich auf die Ursachen und Auswirkungen der Lehrerangst eingehen werde, ist eine Erläuterung und Darstellung des zentralen Begriffs „Angst“ unumgänglich.

„Angst bezeichnet einen dem Menschen angeborenen Schutzmechanismus, der es ihm ermöglichen soll, reale Bedrohungen abzuwenden.“1 Angst wird immer dann sichtbar, wenn es sich um ein soziales Handlungsfeld mit gestörten kommunikativen Beziehungen handelt. Entscheidend für eine Störung der Beziehung ist das psychische Umfeld des Einzelnen, sein seelisches Beziehungsgefüge in Verbindung mit sozialen Gruppen.2 Der Mensch gestaltet sein eigenes psychisches Umfeld, wobei alle ihn umgebenden Personen sich als Teil des Ganzen darstellen. Er bestimmt also das positive oder negative psychische Umfeld vorwiegend selbst. Diese Erkenntnis ist insofern wichtig, als sie eine entscheidende Rolle für die Entstehung des psychischen Verhältnisses der Schüler innerhalb einer Klasse, der Schule, von Gruppen oder der Familie spielt. Ein nicht intaktes seelisches Beziehungsgefüge kann auf den Betroffenen bedrohlich wirken und Angst auslösen.

2.2. Angsttheorien

Wie in meiner Einleitung schon erwähnt, gibt es keine allgemeingültige Angsttheorie, sondern lediglich verschiedene Theorieansätze:3

1. Psychoanalytische Theorien (nach Freud)
2. Lerntheoretische Erklärungen (Miller)
3. Kognitive Theorien (Bandura)

Ich werde im folgenden nur auf die Psychoanalyse und die Kognitive Psychologie kurz eingehen, da nur diese unmittelbaren Bezug zu meinem Thema haben.

Die Psychoanalyse bezeichnet nach den späteren Theorien FREUD`s die Angst als ein primär im Psychischen begründeter Prozess, der seinerseits Bewältigungsreaktionen mit unterschiedlichen Abwehrmechanismen und daraus resultierenden Fehlhaltungen induziert.4 Der Organismus greift in bedrohlichen Situationen auf Reaktionen zurück, die sich schon einmal als zweckmäßiger Schutzmechanismus bewährt habt. „Auf die Lage des Lehrers angewandt könnte dies folgendermaßen aussehen: Eine konfliktgeladene Situation in der Klasse trägt zu erhöhtem Herzschlag, zu Hitzegefühlen, zu Schweißausbrüchen u.a. bei. Diese Reaktionen wiederum signalisieren dem Unbewussten, dass Gefahr vorhanden ist: Der Lehrer reagiert mit Angst.“5

Die Entstehung der Angst wird auf Umstände außerhalb des Individuums zurückgeführt, beispielsweise auf Störungen in sozialen Bezugsgruppen.6 Aufgrund eines mangelnden Sicherheitsgefühls stellt sich die Angst als eine Folgereaktion dar. Hierbei spielen Bezugsgruppen eine entscheidende Rolle, da sie dem Individuum Sicherheit und Geborgenheit geben und ihm somit auch das Gefühl vermitteln, anerkannt und akzeptiert zu werden.7

Die Angstentstehung ist bei jedem einzelnen Lehrer unterschiedlich und hängt ganz entscheidend von der Wahrnehmung ab. Für die Einen gehören kleine Beleidigungen zum Schulalltag dazu und führen zu keiner Reaktion. Für die Anderen können schon diese Kleinigkeiten Verhaltensveränderungen auslösen, die von Unsicherheit und Angst genährt werden.

Es ist unerheblich, zu welchem Zeitpunkt ein Lehrer die Schwelle der Wahrnehmung (z.B. bei Einschüchterungen) erreicht, entscheidend ist aber, dass hierdurch Verhaltensänderungen auftreten können. Bleibt den Lehrern in solchen Fällen die Unterstützung seitens „der Schule“ versagt, entsteht Unsicherheit und aus dieser Unsicherheit heraus kann ein Angsttrauma entstehen. Mit diesen Ausführungen will ich ganz einfach zum Ausdruck bringen, dass sich die Lehrer oft nur als Wissensvermittler sehen. Doch die emotionale Verbundenheit mit den Schülern ist besonders wichtig und diese falsche Einstellung kann die Lehrer in Kompetenzängste stürzen.8 Die Lehrer haben aber keine eindeutigen Maßstäbe für ein pädagogisch angemessenes Handeln, da sie in ihrem Studium nur mangelhaft auf diese Rolle vorbereitet werden.9 Um Konflikte austragen und um die verschiedensten Gewaltformen ausräumen zu können, ist eine konsequente Unterstützung durch „die Schule“ von Nöten.

Beim Ausfüllen ihres Fragebogens machte eine Lehrerin Angaben über das Verhalten der Schüler an ihrer Schule. Ich zitiere hierbei die Ausführungen dieser Lehrerin, die das Problem sehr treffend und umfassend beschreibt. „ An der Schule, an der ich unterrichte, gibt es keine gewaltbereiten Schüler im klassischen Sinn. Das Verhalten den Lehrern gegenüber ist vielmehr sehr häufig von Herablassung, Arroganz und Rücksichtslosigkeit geprägt. Viele Schüler halten sich - gestärkt offenbar durch vielfach akademische Elternhäuser - für das Zentrum der Welt und nehmen sich das Recht heraus, sich über alle Regeln des Miteinanders hinwegsetzen zu können. Diese Einstellung macht sich natürlich auch im Verhalten gegenüber Mitschülern bemerkbar.“10

An dieser Stelle denke ich besonders an die jungen Lehrer, die ohne Erfahrung und ohne große pädagogische Ausbildung ihren Berufsalltag beginnen. Diese Berufsanfänger registrieren schon die geringsten Verhaltensauffälligkeiten der Schüler.

BANDURA, Vertreter der sozial-kognitiven Lerntheorie (Kognitive Theorien), erklärt die Angstentstehung durch ein mangelndes Vertrauen des Einzelnen in die eigenen Fähigkeiten, mit einer Situation angemessen umzugehen.11 Somit ist es nicht die bedrohende Situation selbst, die Angst auslöst, sondern das aus der Situation resultierende Bewusstsein, keine Kontroll- und Bewältigungsmöglichkeiten zu haben. Konkret lässt sich dieser Sachverhalt so erklären, dass der Mensch, der täglich einer Reihe von unterschiedlichen Umweltbedingungen und sich ständig verändernden Situationen ausgesetzt ist, diesen zu begegnen versucht, indem er die Umweltveränderungen zunächst erfasst und bewertet. Die kognitive Verarbeitung der wahrgenommenen und bewerteten Reize ist ausschlaggebend für die darauffolgende Reaktion. Stellt die Person fest, dass eine Situation Kompetenzen von ihr fordert, die sie nicht besitzt, kommt es zur Angstentstehung und damit zur Auslösung von Angstreaktionen.12

Ein Lehrer, der aufgrund seiner Persönlichkeit nicht in der Lage ist, verhaltensauffälligen oder gewaltbereiten Schülern ernsthaft entgegenzutreten, macht sich somit selbst zum Opfer. Opfer dahingehend, dass er sich durch bedrohende Situationen in einen Angstzustand oder mindestens in einen Zustand des Unwohlseins, versetzt. Der tägliche Gang an die Schule wird zum „Martyrium“.

Mit Hilfe des Fragebogens (Fragen 6+7) will ich konkret festhalten, ob es die Angst der Lehrer vor Schülern gibt und in welcher Häufigkeit.

2.3. Angst in der Schule

Während Studien über Schülerangst schon seit Jahren ganze Bibliotheken füllen, liegen Untersuchungen der Lehrerangst in der Bundesrepublik Deutschland in ihrer Anzahl weit zurück. „Die Lehrerangst ist ein noch weitgehend tabuisiertes, verdrängtes und geleugnetes Phänomen, welches daran zu erkennen ist, dass nur sehr wenige Literaturwerke sich auf empirische Untersuchung stützen“.13 Vor ca. 30 Jahren wurde das Problem der Lehrerangst ernsthaft aufgegriffen, diagnostiziert, Gesprächskreise gegründet und Therapien entwickelt, um Lehrern aus ihrer Angst herauszuhelfen.

Bei dem Begriff „Schulangst“ liegt der Gedanke an die Angst der Schüler vor der Schule nahe. Dass jedoch die Angst der Lehrer den Schülerängsten in ihrem Ausmaß immer näher rückt, wird häufig vergessen und macht sich auch in Veröffentlichungen zu diesem Thema bemerkbar.

„Oft ist es auch nur ein Unbehagen, das der Lehrer nicht genau bestimmen kann, das ihn aber in seinen Aktionen einschränkend beeinflusst. „In vielen Situationen ist es dem Lehrer eher möglich zu sagen: Ich habe so ein komisches Gefühl bei der Sache, mir ist es nicht ganz geheuer, als zuzugeben, dass er Angst verspürt.“14

Die Darstellung der Angst in der Schule bezieht sich auf umweltbezogene Ängste, die zum einen Teil außerhalb der Schule entstehen und in diese hineingetragen und nicht abgelegt werden und zum anderen ihren Ursprung innerhalb der Schule nehmen. Umweltbezogene Ängste sind nach STRIAN zurückzuführen auf die Bedrohung der mitmenschlichen Kommunikation und der Bedrohung, nicht integriert zu werden. Sie treten dann auf, wenn es sich um ein soziales Handlungsfeld mit gestörten Beziehungen handelt und steigen mit dem Anwachsen der Kommunikationsstörungen und der Verunsicherung der mitmenschlichen Beziehungen an.15 Dies gilt für Lehrer und für Schüler gleichermaßen.

Bei den Schülern würde der Außenseiter innerhalb einer Schulklasse in diese Beschreibung passen. Es muss an dieser Stelle die berechtigte Frage gestellt werden, ob angstauslösende oder gewalttätige Übergriffe häufiger von Außenseitern der Klasse, als von integrierten Schülern begangen werden. Diese Überlegung hat sich zur Zeit der Erstellung des Fragebogens nicht gestellt und kann somit auch nicht bearbeitet und beantwortet werden. Meines Erachtens handelt es sich aber um einen sehr interessanten Ansatzpunkt.

Angst ist in einer noch auszumachenden Weise in Schulen verbreitet und besitzt dort eine bestimmte Qualität, die sich auf verschiedenste Weise äußert.16 Sie wird daher in ihren Erscheinungsformen wie Aggression, Resignation, Anpassung, Zurückhaltung etc, sichtbar. Doch diese Formen reichen für das Verstehen nicht aus.17

Für die Entwicklung pädagogischen Bewusstseins ist es unumgänglich, sich mit der Entstehung und den Ursachen von Schulangst, sei es nun die Angst der Schüler oder die Angst der Lehrer, zu beschäftigen, um ihre Erscheinungsform verstehen und interpretieren zu können bzw. den Betroffenen Hilfestellungen, Verständnis und Unterstützung anbieten zu können. Es zeigt sich, dass der Lehrer aus vielfältiger Ursache gehalten ist, mit Angstgefühlen umzugehen. Eine aus verschiedenen Gründen nur wenig genutzte Möglichkeit bietet dabei der Erfahrungsaustausch mit Kollegen, der auch eine verstärkte Selbsterfahrung ermöglicht.18

Meiner Meinung nach sind die Lehrer aber nicht in der Lage, dieses psychologische Grundverständnis zu erlernen, da es dafür einer separaten Ausbildung bedarf. Die Lehrer haben in ihrer Eigenschaft als Pädagogen die Aufgabe, Schüler nach den geltenden Normen und Werten zu erziehen und positiv zu beeinflussen. Sind sie jedoch selbst Opfer von Angst, scheint die Hilfe „von Außen“ notwendig zu sein.

In meiner Einleitung erwähnte ich, wie schwer es mir fiel, betroffenen Lehrern Hilfs- oder Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Grund hierfür war sicherlich auch das Fehlen der Kenntnisse über die Zusammenhänge der verschiedensten Formen von Angst und Aggressionen, aber auch die mangelnde Einsicht über die unterschiedlichsten Belastungen der Lehrer.

Seit den 60er Jahren wurde mit Nachdruck die Umsetzung der Schulreform vorangetrieben. Zwei Punkte standen im Vordergrund: die Überprüfung schulischer Inhalte und die Veränderung der Organisationsform. Beide Punkte wurden in der Lehrerausbildung und der Lehrerfortbildung berücksichtigt. „Bei all dem bleibt eine Frage weitgehend unberücksichtigt, die Frage nach der Person des Lehrers und des Schülers.“19 „Was sie miteinander oder gegeneinander als Personen machen, entscheidet aber letztendlich darüber, was sie aneinander bewirken. Dieser entscheidende Punkt blieb lange Zeit unberücksichtigt.“20

Beachtet man nun, dass die Arbeitsbelastung von Jahr zu Jahr zunimmt, indem die Klassen immer größer werden, knappe Kassen die Entscheidungsspielräume der Schulen zusätzlich einschränken, die Schüler sich von Jahr zu Jahr verändern, eine Vielzahl von institutionellen Veränderungen umgesetzt werden sollen, neue Unterrichtsformen und -methoden von den Lehrern erwartet werden, das Durchschnittsalter ansteigt und gesundheitliche Probleme mit diesem höheren Durchschnittsalter einhergehen, ist Hilfe und Unterstützung notwendig.21 Die Schulämter haben dieses Problem erkannt und versuchen, mit neuen Modellen wie Supervision22, Mediation23 und Schulsozialarbeit auf die Lehrerprobleme zu reagieren. An einigen Heidelberger Schulen werden diese Modelle unterschiedlich genutzt. Vor Monaten wurde beispielsweise an allen Hauptschulen, Förderschulen und einem Teil der Gesamtschule die Schulsozialarbeit eingeführt. Eine Evaluation24 über den Erfolg oder Misserfolg wird momentan durch die Kinderpsychiatrie Heidelberg durchgeführt.

Aus den vielen verschiedenen Lösungsmöglichkeiten die Richtige herauszufinden, ist nicht leicht. Diese Problematik habe ich in meinen Fragebogen mit aufgenommen und versuche damit, die positiven Lösungsmöglichkeiten beim Umgang mit Gewalt gegen Lehrer festzuhalten. Welche Lösungen mit gewaltbereiten Schülern waren erfolgreich ? (Frage 17), Welche Institutionen/Einrichtungen würden Lehrer als Unterstützung in Anspruch nehmen? (Frage 16).

2.4. Lehrerangst

Es gibt in unserer Zeit eine Vielzahl von Lehrern, die Angst haben, sei es vor Schülern, vor deren Eltern, vielleicht auch vor Kollegen, vor dem gesamten Apparat der Institution Erziehung. Lehrer, die Angst haben, schränken sich in ihrem pädagogischen Handeln ein, da sie sich nicht auf den Unterrichtsgegenstand und die Kontaktaufnahme voll und umfassend konzentrieren können, sondern häufig mit der Bewältigung ihrer Angst beschäftigt sind.25

Konflikte treten besonders häufig bei der Arbeit mit der Klasse und mit einzelnen Schülern auf. Der Lehrer kann nicht allen Wünschen der Schüler entsprechen, er muss immer wieder gegen die allgemein geäußerten Wünsche entscheiden. Diese Entscheidungen versuchen viele Schüler wiederholt zu unterlaufen, indem sie durch auffälliges Verhalten provozieren.26 Jede Provokation bedeutet für den Lehrer ein neuer Konflikt. Neben diesen innerschulischen gibt es auch außerschulische Konflikte. Klassenfahrten oder Klassenfeste bergen ihre Probleme wie beispielsweise „Alkoholgenuss“ oder „unangepasstes Verhalten der Schüler gegenüber den Lehrern“. Ein Lehrer muss versuchen, auf diese Konflikte in rechter Weise zu reagieren, sonst kann schon die Vorstellung an ein solches Ereignis Qualen und Verunsicherung auslösen.

Verspürt ein Lehrer bei solchen Situationen Angst, wird er versuchen, diese Angst durch eine Abwehrhaltung zu verdrängen. Er führt einen harten Unterrichtsstil und verweigert jede außerschulische Aktivität.27

„Dennoch muss man sich vor Augen halten, wo die Ursachen für Angst liegen können, wie, wo und wodurch sie ausgelöst werden kann. Dazu nützt es zunächst nicht viel, zwischen Furcht und Angst oder zwischen Unbehagen und Ängstlichkeit zu unterscheiden, denn alle diese Gefühle, es handelt sich gewissermaßen um eine Gefühlsgruppe, führen im Unterrichtsalltag zu Belastungen unterschiedlichen Grades“.28

Erst wenn die Ursachen der Angst bekannt sind, kann man sich darum bemühen, diese zu lindern oder gar zu beseitigen.

2.5. Formen der Lehrerangst

Es ist nicht abwegig, in diesen vielen Angstformen die Ursachen für fehlerhaftes Verhalten in bestimmten Situationen zwischen Lehrern und Schülern zu finden, die später zu gewalttätigen Übergriffen führen.

WINKEL unterscheidet demnach neun Hauptformen29 der Lehrerangst,

- Versagungsangst
- Konfliktangst
- Herrschaftsangst
- Die unbewusste Angst
- Existenzangst
- Trennungsangst
- Personenangst
- Strafangst
- Die neurotische Angst.

Ich werden im folgenden nur drei Angstformen herausgreifen, da diese für das Thema meiner Arbeit von Bedeutung sind.

1. Versagungsangst:30 Hierbei hat der Lehrer das Gefühl, nicht ausreichend sachkompetent zu sein, mit Erziehungsschwierigkeiten nicht fertig zu werden und auftauchenden Problemen hilflos gegenüberzustehen. In der Praxis stehen die Lehrer vor verschiedenen Problemen, z.B. die Schüler verweigern die Mitarbeit, treiben Unsinn oder fangen an zu rauchen. Das Gefühl, den Forderungen und Erwartungen der Schüler nicht entsprechen zu können, führt zu Hilflosigkeit und Unsicherheit, unter Umständen sogar zu Angst. Bei Lehrern entsteht durch diese Unsicherheit ein Angriffspunkt, sie verlieren ihre Souveränität.

2. Konfliktangst:31 Bei dieser Angstform kommt das zwiespältige Problem des Lehrerberufes zum Tragen: Es handelt sich um die Angst, „sich wehren zu wollen, jedoch ducken zu müssen.“ Diese erfolgt beispielsweise bei der Leistungsmessung anhand von Zensuren der sie zwar kritisch gegenüberstehen, sie dennoch durchführen. Lehrer müssen sich an Schulordnungen halten und werden dadurch oftmals in ihrem pädagogischen Handeln eingeschränkt.

3. Personenangst32 bezeichnet die Angst vor bestimmten Personen, z.B. vor einem Schüler, Kollegen, dem Schulrat. Hierbei kann die Angst aufgrund vorangegangener realer Geschehnisse begründet sein. Der Lehrer geht aus Angst vor weiteren Unannehmlichkeiten dem gewaltbereiten Schüler aus dem Weg.

2.6. Zusammenhang von Angst und Aggression

In den meisten Lehrerkollegien kursieren bestimmte Vorurteile über einzelne Schüler und Klassen. Den angestauten Aggressionen wird nicht in wenigen Fällen damit Platz geschaffen, dass erschwerte Klassenarbeiten geschrieben werden, in der Hoffnung, die Schüler werden handzahm. Lehrer, die sich auf diese Weise aggressiv gegenüber ihren Schülern verhalten, geben wenig Angst zu erkennen. Die Schüler haben zwei Möglichkeiten, entweder sie ordnen sich unter oder sie reagieren mit Aggressionen.

Was bedeutet dies nun? Die Aggressionen können während der Unterrichtsstunde zum Ausdruck kommen. Angestaute Spannungen entladen sich durch aggressives Verhalten, wobei dieses von der Gesellschaft eher toleriert wird als Angst.

Angst wird oft gleichgesetzt mit Schwäche und Unterlegenheit, Aggressionen mit Strenge, Autorität und Durchgreifungsvermögen.33 Durch Aggressionen täuschen Lehrer Selbstsicherheit vor, um den Eindruck zu erwecken, scheinbar ohne Probleme zu sein. Doch gerade durch dieses Verhalten entstehen Missverständnisse, da die Lehrer dann aggressiv wirken oder aggressiv sind, in Wirklichkeit jedoch Angst überspielen oder verdrängen wollen. Dadurch, dass Angst nicht zugelassen bzw. durch Aggressionen dargestellt wird, kommt es zu Echoreaktionen seitens der Schüler und somit zur Entstehung einer aggressiven Atmosphäre, die erfolgreiches Lehren und Lernen unmöglich macht.34

Die wenigsten Menschen hinterfragen das Erscheinungsbild des anderen, sie neigen dazu, es „einfach“ anzunehmen. Erleben Schüler ihre Lehrer aggressiv, werden sie kaum die Vermutung anstellen, dieser wolle dahinter seine Angst verbergen.

Nach BRÜCK nehmen Schüler die Aggression wahr und setzen sie mit Autorität und Strenge gleich, so dass es zu einer Verfälschung des Lehrerbildes kommt. Wahrscheinlich sehen Lehrer keine Notwendigkeit, sich die Angst einzugestehen, da sie die Überlegeneren im Schüler-Lehrer-Verhältnis sind. Wenn Lehrer jedoch an einem Kontakt und Zugang zu ihren Schülern interessiert sind, sollten sie durch ihr Verhalten ein Aggressions- und Angstecho auf Schülerseite zu vermeiden versuchen. Die Erkenntnis von einem möglicherweise sehr bedeutsamen Zusammenhang zwischen der Angst, die der Lehrer hat und derjenigen, die der Schüler hat, führt zu der Schlussfolgerung: „Demnach hätte der Schüler Angst, weil der Lehrer Angst hat, genauer, weil der Lehrer Strategien entwickelt, die seine Angst und Unsicherheit dem Schüler und womöglich sich selber verbergen müssen.“35

Diese Unsicherheit und Angst macht sich dadurch bemerkbar, dass Lehrer oft zu spät zum Unterricht kommen oder des öfteren „krankfeiern“.36 Dieses Phänomen bezeichnete Winkel als „Türklinkenfurcht“.37

2.7. Eigene Gedanken zum Thema Angst

Es war mir wichtig, die verschiedenen Ängste der Lehrer aufzuzeigen. Ich denke es wird deutlich, wie sich die Angstformen auf sein Verhalten auswirken und sich damit auch auf den Schüler übertragen können.

Ich will für mich die Überlegung im Raum stehen lassen, dass die Ursachen für gewalttätige Übergriffe von Schülern gegen Lehrer nicht immer bei den Schülern zu suchen sind. Vielmehr bietet sich eine kritische Betrachtung der gesamten Situation und der Einflussfaktoren an, so dass in manchen Fällen der Lehrer oder die Lehrerin nicht schuldlos dastehen dürften. Interessant fand ich den Zusammenhang zwischen Angst und Aggression. Wie leicht kann aus einer Unsicherheit, für die unterschiedliche Abwehrmaßnahmen ergriffen werden, eine aggressive Stimmung entstehen, die möglicherweise in Gewalthandlungen endet. Es ist daher wichtig, die Probleme einer jeden Schule, der Lehrer und der Schüler konsequent zu erforschen und gleichzeitig präventive Arbeit zu leisten. So sollten bereits im Studium pädagogische Handlungsmuster vermittelt und diese in der Praxiszeit immer wieder in Form von Fortbildungsmaßnahmen wiederholt werden.

Ich habe in diesem Kapitel die Ängste der Lehrer ausführlich beschrieben. In den meisten Fällen dürften die wahren Ursachen für gewalttätige Übergriffe von Schüler gegen ihre Lehrer kaum aufzudecken sein. Ob es falsche Verhaltensweisen der Lehrer waren oder eine höhere Gewaltbereitschaft bei den Schülern, kann nicht beantwortet werden.

In meiner späteren Analyse des Fragebogens werde ich konkret darauf eingehen, inwieweit die Angst und Gewalt bei den Lehrern der untersuchten Heidelberger Schulen vorhanden ist.

In den folgenden Kapiteln werde ich zuerst die verschiedenen Gewaltformen bearbeiten und im Anschluss eine Chronik über begangene Gewalttaten aufführen.

3. Gewalt

3.1. Definition von Gewalt in der Schule

Als zentraler Begriff wird das Wort Gewalt meist mit dem Zusatz „Phänomen" verwendet. Die Fülle der verschiedenen Definitionen für diesen Begriff wird immer größer, je mehr man sich in die umfangreiche Literatur zu diesem Thema einarbeitet.

Dabei zeigt sich, dass nicht nur sehr verschieden ist, was ein jeweiliger Mensch unter Gewalt versteht, sondern dass die Erklärungsversuche für dieses Phänomen immer unter einem ganz bestimmten Aspekt erfolgen.

Allgemein wird zwischen physischer und psychischer Gewalt unterschieden, hinzu kommt die Unterscheidung zwischen direkter (personaler) und struktureller Gewalt.

Alle Definitionen stimmen wohl darin überein, dass physische und personale Gewalt unter den Gewaltbegriff fallen. Strittig wird es hingegen in der Frage, ob auch psychische Gewalt zu erfassen sei. In meiner Arbeit werde ich diese Form der Gewalt mit berücksichtigen und über meine Fragebögen abfragen (dem Opfer selbst muss psychische Gewalt nicht unbedingt bewusst sein, körperliche Gewalt lässt sich schwerlich verstecken).38 Ähnliches gilt für die strukturelle Gewalt. In meiner Arbeit lehne ich mich an die Gewaltdefinition von Hurrelmann an. Seine Auffassung von Gewalt und die darüber gemachte Formulierung enthalten die Phänomene, die ich bei der Entwicklung des Fragebogens den Fragen zugrundelegte.

Folgende Definition halte ich für verständlich und umfassend: "Gewalt in der Schule umfasst das gesamte Spektrum von Tätigkeiten und Handlungen, die physische und psychische Schmerzen oder Verletzungen bei den im Bereich der Schule handelnden Personen zur Folge haben oder die auf die Beschädigung von Gegenständen im schulischen Raum gerichtet sind."39

3.2. Dimensionen von Gewalt

In meinem Fragebogen werden unter Frage 2 die möglichen Gewaltarten behandelt. Dieses macht eine grundsätzliche Einteilung und Erläuterung der verschiedenen Gewaltformen notwendig.

Die meisten Forscher, Wissenschaftler und Professoren unterteilen den Begriff der Gewalt in drei verschiedene Bereiche:

1. Physische Gewalt
2. Psychische Gewalt
3. Strukturelle Gewalt

Die unterschiedlichen Gewaltformen untergliedern sich in einzelne Begrifflichkeiten und haben oft ineinandergreifende Zusammenhänge.

3.2.1. Physische Gewalt

Der Begriff der physischen Gewalt umfasst die körperliche Gewalt gegen Personen (Gewalttätigkeiten) und Sachen (Vandalismen).40

a) Gewalttätigkeiten (Gewalt gegen Personen)

„Der Begriff der Gewalttätigkeiten bezieht sich vor allem auf bewusst und gewollt herbeigeführte Körperverletzungen. Also um Formen der körperlichen Zerstörung, die eine Verletzung oder Einschränkung zur Folge haben, also die Gewalt, die Menschen anderen Menschen zufügen“.41

Das Spektrum reicht von leichten Rempeleien bis zu schweren Schlägereien und sexuellen Übergriffen. Erfährt ein Lehrer von einem Schüler eine solche Form der Gewalt, so ist dieses der physischen Art zuzurechnen (Frage 2: ich wurde verletzt).

b) Vandalismen (Gewalt gegen Sachen)

Als vandalistische Handlungen (auch mittelbare Gewalt genannt) sollen solche Verhaltensweisen angesehen werden, die sich in schädigender und normverletzender Weise gegen Schulinventar und/oder Eigentum von Lehrern richten.

Die Schüler setzen als Mittel die eigenen körperlichen Kräfte oder Waffen ein. Unter Schädigung versteht man die teilweise oder vollständige Zerstörung von Sachen (Frage 2: mein Eigentum wurde beschädigt).

Unter physische Gewalt fallen auch solche Erlebnisse, bei denen zusätzlich psychische Schäden auftreten - indem Angst vor erneuten Übergriffen oder große Unsicherheit auftreten. Diese psychischen Folgen können sehr viel langwieriger anhalten als der ursprüngliche gewaltsame Akt.

3.2.2. Psychische Gewalt

Psychische Gewalt findet ausschließlich zwischen Menschen statt. Ausübende und Betroffene sind immer eine oder mehrere Personen.42 Es zählen hierzu vor allem:

- Verbale Aggressionen, wie z.B. Beleidigungen oder üble Nachrede
- Drohungen mit Gewalt gegen Personen oder Sachen, um den anderen zu einem bestimmten Verhalten zu veranlassen, wie z.B. Nötigung oder Erpressung
- Diskriminierungen.

Psychische Gewalt verursacht oft vielfältige Schädigungen wie Konzentrationsschwäche, Unfähigkeit zur Meinungsäußerung und zum Argumentieren eigener Positionen, Angst, Resignation, Verzweiflung, Unsicherheit, mangelndem Selbstvertrauen, Minderwertigkeitsgefühlen, Depressivität, Misstrauen (Frage 2: ich wurde angeschrieen, beschimpft, beleidigt).

Psychische Gewalt kann nicht nur auf der verbalen, sondern auch auf der nonverbalen Ebene (Körpersprache/Stinkfinger) ihren Ausdruck finden. So muss die bewusste Nichtbeachtung und Isolierung eines Mitschülers ebenso als psychische Gewalt angesehen werden, wie die ausdrückliche verbale Äußerung.

Die verschiedenen Mittel psychischer Gewalt verstärken sich, wenn sie kombiniert werden. Das einfachste ist dabei die direkte Drohung, durch die jemand in Angst und Unsicherheit versetzt wird.

Die Existenz psychischer Gewalt in Form von Mobbing43 kann ich anhand einer Lehreraussage belegen, die ich an dieser Stelle mit einbringen möchte. Eine Lehrerin berichtete, sie werde von ihren Schülern sehr oft lächerlich gemacht und ausgelacht. Die Gründe sind sehr vielfältig, Kleidung, Figur, Frisur, Alter und mangelnde Computerkenntnisse. Sie fühlt sich dadurch verunsichert.

3.2.3. Strukturelle Gewalt

„Weder unter den Begriff der physischen, noch unter den der psychischen Gewalt fallen hingegen die Phänomene, die man mit dem von dem Politikwissenschaftler Galtung geprägten Begriff der „strukturellen Gewalt“ meint.“44 Entscheidendes Kriterium für seine Einteilung ist hierbei das Fehlen eines Akteurs der Gewalt ausübt.

Strukturelle Gewalt der Institution Schule zeigt sich in Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen, in hierarchischen Strukturen und in schulischen Maßnahmen wie Notengebung, Versetzung und Ordnungsmaßnahmen.45

[...]


1 Strian, S. 21

2 Strian, S. 21

3 Jendrowiak, S. 109

4 Strian, S. 21

5 Raether, S. 72

6 Strian, S. 21

7 Sullivan in: Strian, S. 23

8 Raether, S. 41

9 Raether, S. 42

10 Ausführungen einer Lehrerin in einem Fragebogen

11 Bandura in: Strian, S. 26

12 Strian, S. 27

13 T. Katschnig in: Erziehung & Unterricht, Heft 1/2002, S. 17

14 Jendrowiak, S. 112

15 Strian, S. 118

16 Winkel, S. 25

17 Riemann, S. 15

18 Jendrowiak, S. 133

19 Brück, S. 9

20 Brück, S. 10

21 J. Jene in: Wirtschaft plus, Ausgabe 2/2003, S. 17

22 „pädagogische Fallbesprechungen“

23 Gehl, 2003, S. 99:“Vermittlung zwischen zwei Streitparteien mit Hilfe einer neutralen, außenstehenden Person, die von allen Seiten akzeptiert wird.“

24 frz. evaluation: Abschätzung, Bewertung // Brockhaus, Die Enzyklopädie, Band 6, 1996, S. 716:“Bei der Analyse eines gegebenen Faktums ist Evaluation die Einschätzung der Wirkungsweise, Wirksamkeit und Wirkungszusammenhänge.“

25 Brück, S. 165

26 Raether, S. 50

27 Raether, S. 51

28 Jendrowiak, S. 127

29 Winkel, S. 126 in: Jendrowiak, S. 11

30 Winkel, S. 62

31 Winkel, S. 63

32 Winkel, S. 66

33 Brück, S. 164

34 Brück, S. 165

35 Brück, S. 165

36 Brück, S. 167

37 Winkel, S. 61

38 Mainzer Schriften, S. 4

39 Hurrelmann, S. 365

40 Mainzer Schriften, S. 4

41 Theunert, S. 90

42 Mainzer Schriften, S. 5

43 Tillmann, : “Mobbing ist gekennzeichnet durch eine Opfer-Täter-Beziehung, bei der unterlegene Personen dauerhaft gequält und drangsaliert werden.“

44 Galtung S. 57 in: Mainzer Schriften, S. 5

45 Mainzer Schriften, S..5

Ende der Leseprobe aus 101 Seiten

Details

Titel
Gewalt an Schulen - Gewalt von Schülern gegen Lehrer - eine Untersuchung an Heidelberger Schulen
Hochschule
Fachhochschule Villingen-Schwenningen - Hochschule für Polizei
Note
1,25
Autor
Jahr
2004
Seiten
101
Katalognummer
V27175
ISBN (eBook)
9783638292948
Dateigröße
904 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Diplomarbeit beschäftigt sich mit der Problematik 'Gewalt von Schülern gegen Lehrer' im Bereich Heidelberg. Als Ausgangspunkt wurden an insgesamt 15 Schulen (bestehend aus Gymnasien, Realschulen, Hauptschulen, Förderschulen, berufsbildende Schulen und einer Gesamtschule) Fragebögen verteilt und 334 Lehrkräfte zur Angst und Gewaltproblematik zwischen Schülern und Lehrern befragt. Dies entsprach einer Rücklaufquote von 50,3 Prozent.
Schlagworte
Gewalt, Schulen, Schülern, Lehrer, Untersuchung, Heidelberger
Arbeit zitieren
Markus Schmitt (Autor), 2004, Gewalt an Schulen - Gewalt von Schülern gegen Lehrer - eine Untersuchung an Heidelberger Schulen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27175

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