Produktivitätsunterschiede lassen sich nicht nur bei Wortbildungstypen (WBT) mit verschiedenen Affixen nachweisen, sondern auch bei WBT, die mit demselben Affix verbunden sind. In der Literatur gilt das Suffix -(er)ei als unterschiedlich stark produktiv. Mit dem Suffix sind nach Motsch (2004) vier WBT verbunden. Darunter gelten die Vorgangsbezeichnungen (Blödelei, Hopserei) gemeinhin als hochproduktiv, Ortsbezeichnungen (Brauerei, Druckerei) als produktiv und Gegenstands- und Kollektivbezeichnungen (Kritzelei vs. Aktei) als schwach- bzw. unproduktiv.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, anhand eines diachronisch angelegten Zeitungstext-Korpus zu untersuchen, ob sich seit 1800 eventuell Veränderungen in der Produktivität der -(er)ei-WBT nachweisen lassen und zwar (i) allgemein für alle WBT des Suffixes und (ii) im Besonderen für die Vorgangsbezeichnungen, bei denen zusätzlich überprüft werden soll, ob gefundene Veränderungen in Zusammenhang mit der Anwendungsdomäne stehen.
Dazu werden in Kapitel 2 das Suffix -(er)ei und seine Wortbildungstypen ausführlich dargestellt. Es werden (i) die Einteilung der WBT nach der Systematik von Motsch (2004) vorgestellt und begründet, (ii) distributionelle Tests zur Unterscheidung der vier WBT definiert und erläutert sowie (iii) mit der Beschreibung der semantischen Klassifizierung der Verben nach Rapp (1997) und Vendler (1967) die nähere Analyse der Anwendungsdomäne der Vorgangsbezeichnungen vorbereitet. Das Kapitel schließt mit einem kleinen Exkurs über WBT, die mit dem Vorgangsbezeichungen auf -(er)ei konkurrieren bzw. in einem komplementären Verhältnis zu ihnen stehen.
Im dritten Kapitel wird nach einer kleinen Einführung in die Korpustheorie die Methode der Korpuserstellung und Belegerhebung dargestellt. Kapitel 4 ist ganz der Produktivität gewidmet. Die theoretischen Ansätze in der Produktivsforschung werden kurz angerissen und die Vorgehensweise zur Produktivitätsbestimmung erläutert. Den Hauptteil der Arbeit bildet Kapitel 5. Dort werden die erhobenen Belege zuerst in vier synchronischen Schnitten analysiert. Anschließend werden die Befunde in den diachronischen Kontext gesetzt und ausführlich diskutiert. Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse im sechsten Kapitel.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Motivation & Zielsetzung
1.2 Aufbau der Arbeit
2 Zum Suffix -(er)ei
2.1 Einleitung
2.2 Herkunft und Geschichte
2.3 Phonologische Form
2.4 Bedeutungsgruppen von -(er)ei-Bildungen
2.4.1 Vorgangsbezeichnungen
2.4.2 Ortsbezeichnungen
2.4.3 Resultatsbezeichnungen
2.4.4 Kollektivbezeichnungen
2.4.5 Distributionelle Tests bei Zweifelsfällen
2.5 Exkurs: Konkurrierende Wortbildungstypen
2.5.1 Das Zirkumfix Ge- (-e)
2.5.2 Das Suffix -ung
2.6 Zusammenfassung
3 Zur Korpuserstellung & Belegerhebung
3.1 Hinführung
3.2 Korpusdesign-Kriterien
3.2.1 Umfang
3.2.2 Repräsentativität
3.3 Anwendung
3.3.1 Umfang
3.3.2 Grundgesamtheit
3.3.3 Auswahlverfahren
3.3.4 Korpustyp
3.4 Erhebung der Belege
3.5 Zusammenfassung & Fazit
4 Zur Produktivität
4.1 Definition und Hinführung
4.2 Messmethoden
4.2.1 Produktivitätsberechnung nach Baayen
4.2.2 Frequenz der Neologismen
4.3 Kriterien für die Produktivitätsberechnung
4.3.1 Wortbildungstypen von -(er)ei
4.3.2 Morphologische Domäne von Vorgangsbezeichnungen (WBT1)
4.4 Einflussfaktoren
4.4.1 Blockierung (blocking)
4.4.2 Stilistische Einschränkungen
4.5 Zusammenfassung & Fazit
5 Zur Analyse
5.1 Zeitabschnitt I (1800 - 1850)
5.2 Zeitabschnitt II (1851 - 1900)
5.3 Zeitabschnitt III (1901 - 1950)
5.4 Zeitabschnitt IV (1951 - 2000)
5.5 Diachronische Auswertung der Produktivitäten
5.6 Detailanalyse des Wortbildungstyps -(er)ei1
5.6.1 Zeitabschnitt I
5.6.2 Zeitabschnitt II
5.6.3 Zeitabschnitt III
5.6.4 Zeitabschnitt IV
5.6.5 Diachronischer Vergleich
6 Zusammenfassung
A Wortliste & Belegstellen
A.1 Zeitabschnitt I (1800 - 1850)
A.1.1 Vorgangsbezeichnungen (WBT1)
A.1.2 Ortsbezeichnungen (WBT2)
A.1.3 Resultatsbezeichnungen (WBT3)
A.1.4 Kollektivbezeichnungen (WBT4)
A.1.5 Unklare Wortbildungen
A.2 Zeitabschnitt II (1851 - 1900)
A.2.1 Vorgangsbezeichnungen (WBT1)
A.2.2 Ortsbezeichnungen (WBT2)
A.2.3 Resultatsbezeichnungen (WBT3)
A.2.4 Kollektivbezeichnungen (WBT4)
A.2.5 Unklare Wortbildungen
A.3 Zeitabschnitt III (1901 - 1950)
A.3.1 Vorgangsbezeichnungen (WBT1)
A.3.2 Ortsbezeichnungen (WBT2)
A.3.3 Resultatsbezeichnungen (WBT3)
A.3.4 Kollektivbezeichnungen (WBT4)
A.3.5 Unklare Wortbildungen
A.4 Zeitabschnitt IV (1951 - 2000)
A.4.1 Vorgangsbezeichnungen (WBT1)
A.4.2 Ortsbezeichnungen (WBT2)
A.4.3 Resultatsbezeichnungen (WBT3)
A.4.4 Kollektivbezeichnungen (WBT4)
A.4.5 Unklare Wortbildungen
B Kategorisierung der WBT1-Basiswörter
B.1 Zeitabschnitt I (1800 - 1850)
B.1.1 BV
B.1.2 BS
B.2 Zeitabschnitt II (1851 - 1900)
B.2.1 BV
B.2.2 BS
B.3 Zeitabschnitt III (1901 - 1950)
B.3.1 BV
B.3.2 BS
B.4 Zeitabschnitt IV (1951 - 2000)
B.4.1 BV
B.4.2 BS
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die diachrone Entwicklung der Produktivität von Substantivbildungen auf -(er)ei im Deutschen anhand eines diachronen Zeitungstext-Korpus, das in vier Zeitabschnitte unterteilt ist, um Veränderungen der Produktivität einzelner Wortbildungstypen nachzuweisen.
- Diachrone Wortbildungsforschung
- Produktivität und Frequenz im Zusammenhang
- Korpusbasierte Analyse von Zeitungstexten
- Wortbildungstypen des Suffixes -(er)ei
- Morphologische Domäne und Bedeutungsmuster
Auszug aus dem Buch
1.1 Motivation & Zielsetzung
In der Sprachwissenschaft wurde bereits häufiger festgestellt, dass diachronisch ausgerichtete Arbeiten zur Wortbildung — trotz der sich seit den 1980er Jahren tendenziell verstärkenden Wiederbesinnung auf wortbildungshistorische Fragen — selten geblieben sind (Kiesewetter, 1991). Immer öfter wird der Wunsch nach aktuellen Untersuchungen zur historisch orientierten Wortbildungsforschung geäußert — nach Arbeiten, in die neu gewonnene linguistische Erkenntnisse einfließen können, die helfen, Einsichten in die sprachliche Entwicklung zu vertiefen und die Funktionsweise des Wortbildungssystems besser zu verstehen. Kiesewetter (1991) weist darauf hin, dass in der Linguistik ein Bedarf an Studien besteht, die sich mit Fragen der Wortbildung in Bezug zum Sprachwandel beschäftigen. Eine Methode Sprachwandel nachzuweisen ist, sich mit Veränderungen der Produktivität auseinanderzusetzen. Somit sind historisch angelegte Untersuchungen zur Wortbildung, gerade wenn sie Frequenz und Produktivität einzelner Wortbildungstypen thematisieren, von besonderem Interesse für die moderne Sprachwissenschaft. Die vorliegende Arbeit will diesem vielfachen Wunsch nach aktuellen Studien nachkommen und zur historischen Wortbildungsforschung beitragen. Gegenstand dieser Untersuchung sind alle Wörter mit der Struktur ||BW|V/N + -(er)ei|N — im Speziellen die Vorgangsbezeichnungen auf -(er)ei, wie z.B. Stellengagerei, Bastelei, Kuppelei. Das Suffix und seine Ableitungen sind in der Forschung bereits von Motsch (2004), Fleischer et al. (1995), Wellmann (1975) und Kurth (1953) behandelt worden. Bis Wellmanns und Kurths Untersuchungen sind die vorliegenden Darstellungen aber eher kurz und reichen in ihrem Anspruch über einen systematischen Überblick über die mit -(er)ei verbundenen Wortbildungstypen nicht hinaus.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Stellt das Thema Produktivität von Wortbildungstypen vor, definiert die Zielsetzung der diachronen Korpusuntersuchung von -(er)ei und erläutert den Aufbau der Arbeit.
2 Zum Suffix -(er)ei: Behandelt die Herkunft, die phonologische Form, die Bedeutungsgruppen sowie konkurrierende Wortbildungstypen wie das Zirkumfix Ge- (-e) und das Suffix -ung.
3 Zur Korpuserstellung & Belegerhebung: Beschreibt die theoretischen Grundlagen des Korpusdesigns, die Auswahl der Zeitungstexte, das Vorgehen bei der Belegerhebung mittels COSMAS II und die Kriterien für das Korpus.
4 Zur Produktivität: Erörtert theoretische Ansätze der Produktivitätsforschung, stellt die verwendeten mathematischen Messmethoden vor und diskutiert Einflussfaktoren wie Blockierung und stilistische Einschränkungen.
5 Zur Analyse: Präsentiert die empirische Auswertung der vier Zeitabschnitte, vergleicht die Produktivitäten der verschiedenen Wortbildungstypen und diskutiert die diachronen Entwicklungstendenzen.
6 Zusammenfassung: Fasst die Ergebnisse der diachronen Untersuchung zusammen und diskutiert die Erkenntnisse zur sinkenden Produktivität von -(er)ei im Gesamtrahmen der Forschung.
A Wortliste & Belegstellen: Enthält die vollständige Auflistung der erhobenen Belege, kategorisiert nach Zeitabschnitten und Wortbildungstypen.
B Kategorisierung der WBT1-Basiswörter: Dokumentiert detailliert die Kategorisierung der Basiswörter der Vorgangsbezeichnungen in den jeweiligen Zeitabschnitten.
Schlüsselwörter
Produktivität, Wortbildung, Suffix -(er)ei, Sprachwandel, Korpuslinguistik, Diachronie, Zeitungstext, Neologismen, Hapax, Wortbildungstyp, Vorgangsbezeichnungen, Ortsbezeichnungen, Resultatsbezeichnungen, Kollektivbezeichnungen, Morphologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der diachronen Untersuchung der Produktivität des Suffixes -(er)ei im Deutschen anhand eines Zeitungstext-Korpus aus dem Zeitraum von 1800 bis 2000.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die historische Wortbildungsforschung, die Messung sprachlicher Produktivität, die Arbeit mit diachronen Korpora und die morphosemantische Differenzierung von Wortbildungstypen.
Was ist das primäre Ziel der Studie?
Das Ziel ist es, diachron nachzuweisen, wie sich die Produktivität der verschiedenen Wortbildungstypen des Suffixes -(er)ei über zwei Jahrhunderte verändert hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine korpuslinguistische Untersuchung durchgeführt, bei der Belege aus Zeitungstexten erhoben, in vier synchrone Phasen eingeteilt und mittels statistischer Indizes nach Baayen zur Produktivitätsmessung ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Produktivitätsmessung, die detaillierte Beschreibung der Korpusmethodik und die quantitative sowie qualitative Analyse der erhobenen Belegdaten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Produktivität, Wortbildung, -(er)ei, Korpuslinguistik, Diachronie, Sprachwandel und die morphologischen Typen der Vorgangs-, Orts-, Resultats- und Kollektivbezeichnungen.
Was ergab die Analyse bezüglich des Trends?
Die Analyse zeigt eine insgesamt sinkende Produktivität von Bildungen auf -(er)ei im untersuchten Zeitraum, wobei insbesondere die Vorgangsbezeichnungen einen deutlichen Rückgang verzeichnen.
Warum wurden gerade Zeitungen als Korpusgrundlage gewählt?
Zeitungen wurden gewählt, da sie ein breites Spektrum gesellschaftlicher Bereiche abdecken, von verschiedenen Autoren stammen und somit relativ neutral gegenüber dem individuellen Idiolekt eines Sprechers sind.
- Arbeit zitieren
- Andrea Hahnfeld (Autor:in), 2007, Quantitative Untersuchung der Produktivität deverbaler Substantive auf -(er)ei in einem diachronischen Zeitungstext-Korpus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271766