Wie organisieren unautorisierte Migrantinnen ihr Leben? Wann und wo werden sie in der Einwanderungsgesellschaft sichtbar und welche Rollen nehmen sie ein? Wie können sie in der sozialen und arbeitsrechtlichen Bewegung in den USA verortet werden? Die Arbeit klärt diese Fragen vor allem mithilfe neuer und emanzipatorischer Ansätze der Gewerkschaftsbildung.
Politische und ökonomische Transformationsprozesse werden dazu als Resultat von Globalisierung, Migrationsströmen und ihrer Auswirkungen auf den internationalen Arbeitsmarkt, der weltweiten Umstrukturierung von Arbeitsverhältnissen sowie dem Abbau der sozialen Sicherungssysteme skizziert. Andererseits werden aber auch die direkten Taktiken, Praktiken und Strategien sozioökonomischen Handelns, Politiken, Denkweisen und die Frage der Repräsentation von Migrantinnen, welche als aktive Akteure in diesem Entwicklungsprozess gesehen werden, herausgestellt.
Die Arbeit stützt sich unter anderem auf die Analyse von ExpertInnen-Interviews, Primärquellen, Zeitungsartikeln und wissenschaftlichen Publikationen. Um einen adäquaten Eindruck vermitteln zu können, wurden neben diesen Zugängen auch direkte Gespräche mit haupt-und ehrenamtlichen Organisatoren, Kampagnenleitern, Mitgliedern und vor allem mit den beteiligten Akteurinnen geführt.
Gliederung
1. Einleitung
Kontext der Erhebung
Zentrale Fragestellungen
2. Theoretisch-konzeptioneller Rahmen
Begriffserklärungen
2.1 Literaturüberblick
Zugang zum Untersuchungsgegenstand
2.2. Forschungsdesign und Methodik
ExpertInneninterviews
Qualitative Auswertung
3. Theoretische Ansätze der Migrationsforschung
3.1 Migrationstheoretische Ansätze – interdisziplinäre Betrachtungen
Das Neoklassische Modell
Theorie des dualen Arbeitsmarkts
Historisch-strukturelles Modell und Weltsystemtheorie
Migrationssystemtheorie und neue Ansätze
3.2 Netzwerke und transnationale soziale Räume
3.3 Die Autonomie der Migration
3.4 Migration, Arbeit und Geschlecht
4. Reise ins ›gelobte Land‹ - Transnationale Migration in die USA
4.1 Wirtschaftsabkommen, Migrationspolitiken und ihre Auswirkungen auf
Wanderungsprozesse am Beispiel Mexiko – USA
Entwicklungen von 1848 bis 2. Weltkrieg
Das Bracero-Programm und erste arbeitsrechtliche Organisierungen
Amnestisierung und transnationale Wirtschaftabkommen
Entwicklungen nach 9-11 bis heute
4.2 Regionale und sektorale Konzentration migrantischer Arbeitskraft
und Differenzierung nach race-class- gender und Aufenthaltstitel
4.2.1 Sektorale Konzentration und Segmentierung nach Ethnizität
Differenz und Identität
Residentiale Konzentration und transnationale Communities
4.2.2 Differenzierung nach Status und Aufenthaltstitel
Exkurs Aufenthaltstitel
Differenzierung nach Geschlecht
4.3 Migration und Arbeit am Beispiel Kalifornien und der Bay Area
4.4 Zugang zum Arbeitsmarkt und gesetzliche Grundlagen
Auslegung rechtlicher Grundlagen
Castro vs. Hofman Plastic
4.5 Beschäftigungsverhältnisse (undokumentierter) MigrantInnen
4.5.1 Hotel- und Gastronomiegewerbe
4.5.2 Domestic Work
4.6 Barrieren und Schwierigkeiten für arbeitsrechtliche Organisierung
5. Gewerkschaftliche Interessenvertretung von MigrantInnen
und die Positionierung der US-amerikanischen ArbeiterInnenbewegung
5.1 Krise und Wandel der Gewerkschaft als soziale Bewegung
5.2 ›Organizing is Mobilizing‹
– taktische & inovative Strategien arbeitsrechtlicher Organisierung
Exkurs: Ablauf von Organzing-Kampagnen
5.3 Verortung von MigrantInnen in neuen Arbeitskämpfen
5.3.1 Gewerkschaftliche Organisierung von MigrantInnen in den USA
und ihre Partizipation in der ArbeiterInnenbewegung
5.3.2 Organisierung undokumentierter MigrantInnen
5.3.3 Organisierung von Repräsentation von Migrantinnen
– eine weitere Herausforderung für Gewerkschaften?
5.4 Gegenwärtige Entwickelungen der US- Gewerkschaften
und die Zukunft der ArbeiterInnenbewegung
›Change to Win‹ und die widersprüchliche Transformation
des Hoffnungsträgers
Wie viel Führung und wie viel Mitbestimmung vertragen
die Gewerkschaften
5.5 Perspektiven aktueller ArbeiterInnenkämpfe und die Zukunft
der US-Gewerkschaften als Bündnispartner für MigrantInnen
5.6 alternative Organisierungsansätze: ein Vergleich
Worker Center
Home Town Associations
6. Resümee
– MigrantInnen als Träger sozialer und politischer Transformationen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle von Migrantinnen in der US-amerikanischen Gesellschaft und ihre Partizipation in der Arbeiterbewegung. Das Hauptziel besteht darin, die Bedingungen zu analysieren, unter denen insbesondere Migrantinnen – häufig in prekären und undokumentierten Beschäftigungsverhältnissen – als sichtbare politische und soziale Subjekte auftreten können und welche strukturellen Barrieren sowie gewerkschaftlichen Organisierungsansätze ihre Teilhabe beeinflussen.
- Soziale und gewerkschaftliche Organisierung von Migrantinnen in den USA.
- Die Analyse von Handlungsspielräumen und Partizipationsmustern von Migrantinnen in Arbeitskämpfen.
- Untersuchung von Barrieren durch Machtkonstellationen, Aufenthaltstitel und Geschlechterrollen.
- Bewertung gewerkschaftlicher Strategien wie Organizing und die Rolle alternativer Ansätze (Worker Center, Home Town Associations).
Auszug aus dem Buch
4.2.1 Sektorale Konzentration und Segmentierung nach Ethnizität
Die Integration von Migrierenden auf dem Arbeitsmarkt in den USA ist im Besonderen geprägt durch wirtschaftliche Nachfrage und Wettbewerb. Anhand der Theorie des ›split labor market‹ kann die ökonomisch bedingte Segmentierung am Arbeitsmarkt skizziert werden. Es wird davon ausgegangen, dass Einheimische weitgehend auf dem sekundären, während Angehörige der Minderheiten überwiegend auf dem primären Dienstleistungsmarkt beschäftigt sind. Hierbei kann es durchaus vorkommen, dass qualifizierte Personen durch die Migration eine 'Dequalifizierung' ihrer Arbeitskraft erleben, die geprägt ist durch eine ›cultural division of labor‹: Denn neben klassenspezifischen Merkmalen können Faktoren wie Ethnizität und Nationalität für die Inklusion bzw. Exklusion migrantischer Arbeitskraft – wie auch die unterschiedliche Bezahlung für gleich geleistete Arbeit – ausschlaggebend sein. Diese Art von Arbeitsteilung kann allerdings zur ›Unterschichtung‹ ethnischer Minderheiten und der Segmentierung der Arbeitskraft führen. Diese Differenzen können den Arbeitenden bewusst werden und Gefühle von Solidarität mit Angehörigen anderer ethnischen Gruppierungen, welche auf dem Arbeitsmarkt einer ähnlichen Situation ausgesetzt sind, entstehen lassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die globale Migrationsdynamik ein und skizziert die besondere Bedeutung der Arbeitsmigration für die USA sowie die Zielsetzung der vorliegenden Forschungsarbeit.
2. Theoretisch-konzeptioneller Rahmen: Dieses Kapitel erläutert die interdisziplinären Forschungstränge sowie zentrale Begrifflichkeiten und Methoden, die zur Analyse der komplexen Handlungsrahmen und Migrationsprozesse herangezogen werden.
3. Theoretische Ansätze der Migrationsforschung: Hier werden zentrale theoretische Modelle wie das neoklassische Modell, die Theorie des dualen Arbeitsmarktes und Ansätze zur transnationalen Migration und Autonomie der Migration interdisziplinär diskutiert.
4. Reise ins ›gelobte Land‹ - Transnationale Migration in die USA: Dieses Kapitel analysiert das Beziehungsgeflecht zwischen den USA und Mexiko, die Auswirkungen wirtschaftspolitischer Entscheidungen auf Migrationsströme sowie spezifische Arbeitssektoren wie Hotelgewerbe und Domestic Work.
5. Gewerkschaftliche Interessenvertretung von MigrantInnen und die Positionierung der US-amerikanischen ArbeiterInnenbewegung: Das Kapitel untersucht den Wandel der US-Gewerkschaften, die Einführung von Organizing-Strategien und die Herausforderungen bei der Organisierung von MigrantInnen und Frauen.
6. Resümee: Die Schlussbetrachtung fasst Migrantinnen als Trägerinnen sozialer und politischer Transformationen zusammen und reflektiert ihre Rolle als aktive politische Subjekte in der US-amerikanischen Arbeiterbewegung.
Schlüsselwörter
Migration, USA, Migrantinnen, Gewerkschaften, Organizing, Arbeitskämpfe, undokumentierte MigrantInnen, Prekarisierung, Geschlecht, Ethnizität, transnationale Räume, ArbeiterInnenbewegung, Arbeitsmarktsegmentierung, Empowerment, Third Sector.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit befasst sich mit der sozialen und gewerkschaftlichen Organisierung von Migrantinnen in den USA und untersucht deren Partizipation in aktuellen Arbeitskämpfen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Auswirkungen von Migrationspolitiken, die Arbeitsmarktsegmentierung nach race, class und gender, die Rolle transnationaler Netzwerke sowie gewerkschaftliche Strategien zur Organisierung von migrantischen Arbeitskräften.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das Ziel ist zu klären, inwieweit Migrantinnen als sichtbare Subjekte in den USA agieren, welche Barrieren sie bei der Interessenartikulation behindern und welche neuen Ansätze der Organisierung erfolgreich für ihre Belange sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einem qualitativen Forschungsdesign unter Einbeziehung von Experteninterviews, einer Dokumentenanalyse sowie teilnehmender Beobachtung (Datentriangulation) innerhalb der San Francisco Bay Area.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert theoretische Migrationsansätze, die historische und aktuelle Migrationspolitik zwischen Mexiko und den USA, die Arbeitsbedingungen in spezifischen Sektoren (Hotelgewerbe, Domestic Work) sowie die Reaktion der US-amerikanischen Arbeiterbewegung auf diese Entwicklungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird wesentlich durch Begriffe wie Migration, gewerkschaftliche Organisierung, prekarisierte Arbeit, transnationale Communities und intersektionale Differenzierung definiert.
Welche Rolle spielt die "San Francisco Bay Area" in der Arbeit?
Die Region dient als primärer Untersuchungsort, da sie aufgrund ihrer hohen räumlichen Konzentration von Migranten und ihrer Vorreiterrolle bei sozialen Bewegungen für die Untersuchung der Mikro- und Mesoebene besonders aussagekräftig ist.
Warum ist der Begriff "Domestic Work" für die Analyse so bedeutsam?
Dieser Sektor ist beispielhaft für die informelle, häufig unsichtbare und prekarisierte Arbeit von Migrantinnen, die kaum durch arbeitsrechtliche Standards geschützt ist, aber dennoch zentral für die Reproduktion des gesellschaftlichen Alltags ist.
- Arbeit zitieren
- Constanze Lemmerich (Autor:in), 2009, No more invisible? Soziale und gewerkschaftliche Partizipation von Migrantinnen in den USA, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271786