Die Moral der Atheisten versus die Moral der Religiösen. Wer ist der bessere Mensch?

Eine deskriptive Aufarbeitung zur Europäischen Wertestudie


Bachelorarbeit, 2011
62 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Notwendigkeit eines Säkularisierungsupdates
2.1 Wie viel wissen wir schon? Ein Literatureinblick
2.2 Demographische Daten
2.3 Die wichtigsten Begriffserklärungen
2.4 Ableitung der zu ergründenden Fragestellung

3 Empirische Vorgehensweise
3.1 Europäische Wertestudie
3.2 Das Arbeiten mit den Daten
3.3 Auswertungen zur ersten Fragestellung
3.3.1 Homophobie
3.3.1.1 Homosexuelle Eltern
3.3.1.2 Homosexualität ist in Ordnung
3.3.1.3 Homosexuelle Nachbarn
3.3.2 Sexismus
3.3.2.1 Arbeitsplätze zuerst für Männer
3.3.2.2 Frauen brauchen Kinder
3.3.2.3 Alleinerziehende Mütter
3.3.3 Fremdenfeindlichkeit
3.3.3.1 Ausländer produzieren Kriminalität
3.3.3.2 Ausländer als Gefahr
3.3.3.3 Ausländer als Belastung
3.4 Auswertungen zur zweiten Fragestellung
3.4.1 Homophobie
3.4.2 Sexismus
3.4.3 Fremdenfeindlichkeit

4 Ergebnisse
4.1 Ergebnisse zur ersten Fragestellung
4.2 Ergebnisse zur zweiten Fragestellung

5 Diskussion

Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

„Religionen sind zu schonen. Sie sind für die Moral gemacht. Da ist nicht eine hehre Lehre. Kein Gott hat klüger gedacht. Ist im Vorteil, im Vorteil“ lautet die dritte Strophe des Liedes „Stück vom Himmel“, von dem deutschen Musiker Herbert Grönemeyer (2006-2007). Dem Liedtext zufolge benötigen wir also Religionen bzw. eine Konfession, egal welche, da jeder Gott gleich klug ist, um moralisch zu sein. Dieser Aussage widmeten so einige Wissenschaftler, wie z.B. Boyer (2002), Hauser und Singer (2005) und Hauser & Pyysiaäinen (2010) einen Artikel, um darauf hinzuweisen, dass es nicht so zu sein scheint. Sinnott-Armstrong (2009) widmete diesem Thema sogar ein ganzes Buch, indem er aufräumt mit Vorurteilen gegenüber Atheisten und die Zusammenhangslosigkeit zwischen Gott bzw. Religion und Moral immer wieder betont.

Diese Einstellung, dass Religion und Moral fest miteinander verbunden sein müssen, ist in der Bevölkerung, besonders dem religiösen Anteil der Bevölkerung, weit verbreitet aber wenig bewiesen. Ein Artikel in der Washington Post mit dem Titel „Why do Americans still dislike atheists? „ thematisierte genau diese Einstellung. „Those who don’t believe in God are widely considered to be immoral, wicked and angry.“ (Paul & Zuckerman, 2011) schreiben die Autoren über das amerikanische Volk und beziehen sich dabei auf aktuelle empirische Untersuchungen. Eine von Furnham et al (1998) durchgeführte Untersuchung unterstreicht diese Anti-atheistische Einstellung. Seiner Untersuchung zufolge sind Atheisten und agnostische Personen so unbeliebt, dass viele Menschen sie ans Ende einer Liste setzen würden, wenn es um eine Nierenspende ginge. Christliche Patienten sollen bevorzugt werden, so wünscht es sich die Mehrheit der Befragten.

Der Washington Post Artikel bezieht sich zwar größtenteils auf Amerika, aber weltweit besteht dieses Problem einer Anti-Atheistischen Haltung. Der Atheismus genießt in den meisten Ländern dieser Erde keinen guten Ruf. Die Akzeptanz des Atheismus wird allerdings weniger ein Thema sein in meiner Ausarbeitung, sondern mehr die Unterschiede zwischen Atheisten bzw. Nicht-Religiösen und Religiösen in Bezug auf ausgewählte Lebensbereiche und moralischen Einstellungen.

Der Begriff „Moral“ beinhaltet eine große Auswahl an Bedeutungen. Ich werde den Begriff in dieser Arbeit als Synonym für eine tolerante und moderne Denkweise benutzen, die, wenn sie in ganz Europa vertreten wäre, es möglich machen würde in Frieden miteinander zu leben und die Rechte jedes Menschen zu akzeptieren.

In fast jedem Land gehörten und gehören Religionen zum alltäglichen Leben der Menschen. Leider nicht immer im positivem Sinne. Ein Rückblick in die Geschichte der Menschheit zeigt, dass es so gut wie keinen Krieg gibt, der nicht auf einem religiösen Hintergrund basiert. Auch heute noch sind religiöse Länder die, mit dem wenigsten Frieden und die säkularisierten Länder, die mit dem meisten Frieden

(Vision of Humanity, 2008). Religion wirkt sich auf die Politik, die Wirtschaft und besonders auf die sozialen Lebensbereiche der Menschen aus, wie z.B. Kindergärten, Schulen, Vereine usw. Ob es den Menschen bewusst ist, dass sie täglich mit dem Thema Religion konfrontiert werden, ist fraglich. Wie sähe ein Leben ohne Religion aus? Würde es den Menschen überhaupt auffallen? Würden sich die Menschen verändern? Kann eine Abwesenheit der Religion bzw. Atheismus oder Agnostizismus auch etwas Positives zum Leben der Menschen beisteuern? Was zeichnet einen Atheisten oder einen Ungläubigen überhaupt aus? Wirkt sich die An- oder Abwesenheit einer Religionszugehörigkeit auf das moralische Urteilsvermögen aus? Diese Fragen waren es, die schließlich zur Forschungsfrage dieser Arbeit führte. Genauer gesagt sind es zwei Fragen, die beantwortet werden sollen:

1. In wie weit unterscheidet sich das moralische Urteilsvermögen bei religiösen und nicht-religiösen Menschen in Hinblick auf die drei folgenden Aspekte: Homophobie, Sexismus und Fremdenfeindlichkeit? Unterscheiden sich Menschen aufgrund ihrer Konfessionszugehörigkeit in Hinblick auf moralisches Urteilsvermögen (hier: Katholiken, Protestanten, Muslime, und Orthodoxe)?
2. Ähneln sich nicht-religiöse Personen länderübergreifend, oder spiegeln Nicht-Religiöse die Einstellung der religiös lebenden Einwohner ihres Landes wieder? Mit anderen Worten, verändern sich moralische Einstellungen/Haltungen durch die Abwesenheit eines religiösen Glaubens, oder sind Nicht-Religiöse größtenteils durch die vorherrschende Kultur ihres Landes geformt und weisen keinerlei signifikante Unterschiede auf?

Die Literatur zum Thema Religion und Atheismus ist sehr umfangreich und in vielen Aspekten detailliert erforscht. Der hiergestellten Forschungsfragen am Nächsten kommt Zuckerman (2007, 2008, 2009) mit seinen Arbeiten über Atheismus, Religion, und Moral. Zuckerman (2008) kam zu dem Ergebnis, dass viele Menschen kulturell religiös sind weil sie religiöse Traditionen ihrer Kultur akzeptieren und ausleben, aber trotzdem nicht den theologischen Inhalt einer Religion akzeptieren oder verinnerlichen. Ob sich das Ergebnis Zuckermans hier anhand der zweiten Forschungsfrage bestätigen lässt, wird sich zeigen. Viele Wissenschaftler untersuchten den Unterschied zwischen Atheisten bzw. Nicht-Religiösen und Religiösen in Bezug auf deren Werte und den Glauben. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die Werte und der Glaube der Atheisten weniger nationalistisch, weniger anti-semitisch, weniger vorurteilsbehaftet, weniger rassistisch, weniger dogmatisch, weniger engstirnig und weniger autoritär ist. (Altemeyer & Hunsberger, 1992, 1997; Altemeyer, 2003, 2009; Argyle, 2000; Batson et al., 1993; Beit-Hallahmi & Argyle, 1997; Beit-Hallahmi, 2007; Greeley & Hout, 2006; Jackson & Hunsberger, 1999; Sider, 2005; Wulff, 1991). Im Folgenden wird sich zeigen, ob Atheisten bzw. Nicht-Religiöse in dieser Arbeit ebenso gut abschneiden.

Die Trennung, wen man nun als Atheist, Agnostiker, Nicht-Religiöser oder Religiöser bezeichnet, sieht Zuckerman und auch die meisten anderen oben gelisteten Wissenschaftler, als sehr kompliziert an. Die Definitionsbreite der Begrifflichkeiten gilt deshalb als potentielle Fehlerquelle dieser Thematik.

Eine der Gründe, warum mich dieses Thema interessiert, ist meine Heimatstadt Paderborn, mit überwiegend katholischen Einwohnern. Dass die meisten „katholisch“ sind ist bekannt, aber sichtbar ausgelebt wird diese Religiosität nicht. In letzter Zeit beschäftigte ich mich mehr mit dieser religiösen Identität und beschloss aus der Kirche auszutreten. Um das Thema nun in eine wissenschaftliche Arbeit umzusetzen, befasste ich mich lange mit vorhandener Literatur zu dem Thema um zu einer eigenen Fragestellung zu gelangen. Während meines Forschungspraktikums am Max-Planck-Institut Anfang 2011 erfuhr ich, dass gerade die vierte Welle der europäischen Wertestudie (im November 2010) veröffentlicht wurde. Diese beinhaltet Daten aus 47 europäischen Ländern mit mehr als 67.000 durchgeführten „face-to-face“ Interviews. Jeder Proband beantwortete 445 Items zu verschiedensten Themengebieten. Wenige Wissenschaftler arbeiteten bisher mit der neuen Datensatzwelle. In der Literatur konnte ich keine Autoren ausfindig machen, die sich mit den Items, auf die ich mich im Folgenden beziehe, arbeiten oder sich explizit meinen beiden Fragestellungen widmen. Bislang hat außerdem niemand mit den gleichen Variablen, welche ich eigens für diese Fragestellungen generierte, gearbeitet. Um einen Eindruck zu wissenschaftlichen Arbeiten mit dem Datensatz der dritten Welle der Europäischen Wertestudie zu gelangen, empfehle ich einen Blick in das Buch „The Cultural Diversity of European Unity- Findings, Explanations and Reflections from the European Values Study“ (Arts, W. & Hagenaars, J. & Halman, L., 2003), in dem interessante Auswertungen zu fast allen Items und Themen zu finden sind.

Persönliches Interesse, sowie die Entdeckung des Datensatzes waren letztendlich der Anlass, intensiver zu diesem Thema zu recherchieren und meine Bachelorarbeit diesbezüglich zu erstellen. Aber nicht nur meine persönlichen Gründe rechtfertigen meine Arbeit. Ich sehe ebenso eine enorme gesellschaftliche Relevanz des gewählten Themas. Nur 5 % (siehe Anhang 2) aller Europäer der Europäischen Wertestudie bezeichnen sich als Atheisten und gerade mal 22,1 % als Nicht-Religiös. Die Mehrheit, 67,8 % gaben sich als eine religiöse Person aus. Religion stellt für die meisten also einen Teil ihrer Identität dar und wird sich somit wahrscheinlich auch in irgendeiner Form auf ihr (alltägliches) Leben auswirken. Ob es sich auf ihr moralisches Urteilsvermögen positiv oder negativ auswirkt, und ob diese Auswirkung dem Menschen bewusst oder unbewusst ist, versuche ich im Folgenden anhand drei auserwählter Themen, Homophobie, Sexismus und Fremdenfeindlichkeit, näher zu ergründen. Diese Arbeit ist dabei einerseits als eine Art Analyse des heutigen Standes anzusehen, und andererseits als eine kritische Zusammenfassung der bisherigen Literatur und zur Thematik allgemein. Da die Säkularisierung in den letzten Jahren ein immer bedeutenderes Thema geworden ist und in den nächsten Jahren wahrscheinlich unaufhaltsam fortschreitet, ist es wichtig sich die Veränderungen der Religionsthematik und die damit zustande kommenden Auswirkungen, wie zum Beispiel die Auswirkung auf Homophobie, Sexismus und Fremdenfeindlichkeit , in regelmäßigen Abständen anzuschauen.

2 Notwendigkeit eines Säkularisierungsupdates

Die Religionsthematik erlebt gerade einen erneuten Aufstieg in der Wissenschaft, eben wegen seiner Relevanz für die Menschen (Norenzayan & Gervais, in Druck). Menschen, Werte, Lebensstile und Religion sind keine statischen Vorkommnisse auf unserer Erde. Aufgrund der, wie schon oben genannten, schnell voranschreitenden Säkularisierung und Relevanz der Religionsthematik für die meisten Menschen, ist es wichtig die Veränderungen im Auge zu behalten, zu verstehen und negative Entwicklungen wie z.B. radikale Gruppierungen oder Kriege basierend auf Religion, zu verhindern. Viele Kontroversen entstehen, da die heutige Welt nicht mehr so strikt nach traditionellen, kulturellen Werten lebt, wie es noch vor 100 Jahren der Fall war. Viele Wissenschaftler untersuchen regelmäßig den Stand der Dinge im Hinblick auf Religion. Es wird nicht grundlos sein, dass sich immer mehr Menschen von der Kirche abwenden. Wer ist der bessere Mensch? Der Atheist oder der Gläubige? Oder ist der Unterschied zwischen den beiden Fronten gar nicht so groß, wenn man sich die Lebensstile und moralischen Haltungen der Personen anguckt? Viele solcher Fragen wurden gestellt und empirisch untersucht. Im Folgenden wird ein Literaturbericht einen Einblick in den aktuellen Forschungsstand geben. Danach folgt eine eigene Auswertung mit Daten der Europäischen Wertestudie, bezogen auf die oben genannten zwei Fragestellungen.

2.1 Wie viel wissen wir schon? Ein Literatureinblick

Zum Thema Religion lassen sich Unmengen an Literatur finden. Wissenschaftler beschäftigten sich schon immer mit diesem Thema. Der Fokus dieses Literatureinblickes wird sich auf die letzten zehn Jahre beziehen, da diese Arbeit sich auf die neuste Welle der Europäischen Wertestudie bezieht und somit eine Art Update zur Religionsthematik ist. Die Literatur ist sehr vielfältig und reicht von Themen wie „Religion und Keuschheit“ bis hin zu „Religion und Steuerhinterziehung“. Eine breite und interessante Palette an Informationen also, die zusammengefasst zu einem besseren Verständnis des Lesers führen soll. Da es sich hier nur um einen Einblick handelt, werden zuerst einige kuriose und fragwürdige Literatureinblicke gegeben, gefolgt von der Literatur, die für die hier gestellte Fragestellung relevant ist.

Torgler (2006) und Parboteeah et al (2008) widmeten sich dem Thema Religion bzw. Glauben und die Auswirkung auf das Steuerhinterziehungsproblem. Die Ergebnisse besagten, dass Religiosität zu einer größeren Ablehnung von Steuerhinterziehung führt. Ein Ergebnis, dass die Wenigsten wundern wird. Aber warum? Wahrscheinlich weil wir Kirche mit Ehrlichkeit und Gutmütigkeit assoziieren. Atheisten sind demnach also die unehrlicheren Menschen, so könnte man annehmen. Guiso (2002) beschäftigt sich, im Gegensatz zu Torgler und Parboteeah et al, eher mit der Makroebene und debattiert über den möglichen Einfluss von Religion (bzw. Religionsintensität) auf das wirtschaftliche Verhalten der Menschen. Guiso findet heraus, dass Religion förderlich ist für das wirtschaftliche Verhalten, wie zum Beispiel das Einkommen. Er findet aber auch heraus, dass religiöse Personen rassistischer sind als andere und negativer in Bezug auf arbeitende Frauen eingestellt sind. Guiso erklärt, dass es einen Unterschied zwischen den einzelnen Konfessionen gibt.

Auch Barro und McCleary (2006) thematisieren in einem ihrer Artikel, wie einerseits wirtschaftliche Entwicklung und politische Organisationen das Er- und Ausleben der Religion beeinflussen, andererseits untersuchen sie wie Religiosität den Menschen als Individuum formt, in Hinblick auf Ehrlichkeit, persönliche/private Wirtschaftlichkeit und Arbeitsmoral, und wie sich dies auf die Teilnahme eines Menschen am öffentlichen Markt auswirkt. Den einzigen Zusammenhang den man hier fand, war, dass mit steigendem Glauben an die Hölle, ein Anstieg der Arbeitsmoral zu beobachten war. Barro und McCleary erkannten auch, dass der Glaube sich förderlich auf das Wirtschaftswachstum auswirkt, indem durch den Glauben individuelle Eigenschaften und Werte geformt werden. In einem weiteren Artikel zeigen Barro und McCleary (2003), dass zwischen Glauben (an Himmel und Hölle) und Wirtschaftswachstum ein positiver Zusammenhang besteht, zwischen Kirchenbesuch (Besuch der heiligen Messe) und Wirtschaftswachstum aber ein negativer Zusammenhang zu sehen ist. Dieses Ergebnis sollte allerdings skeptisch betrachtet werden, da beim Lesen des Artikels die Frage entsteht, ob die beiden Themen nicht einer totalen Zusammenhangslosigkeit unterliegen, und ob das Ergebnis nur durch Zufall und einige Messfehler entstanden ist.

Norris und Inglehardt (2004), sowie auch Bruce (2003) beziehen sich eher auf eine demographische Beschreibung. Es gibt demnach einen viel höheren Anteil an Atheisten und säkularisierten Personen in weit entwickelten Ländern bzw. Industrie- und Demokratienationen, als in Entwicklungsländern und allgemein in ärmeren Ländern. Eine Erklärung hierfür, könnte die Pluralität der Lebensstile in weiterentwickelten Ländern sein. Viele europäische Nationen bieten eine Vielfalt und Freiheit an Möglichkeiten und Lebensstilen an.

Li und Bond (2010) fanden in der Auswertung der letzten beiden Wellen der Weltwertestudie einen positiven Zusammenhang zwischen Säkularisierung (als ein Wert im Gegensatz zu Tradition) in weit entwickelten Ländern (hoher Human Development Index) und der Lebenszufriedenheit. Sie fanden aber einen negativen Zusammenhang zwischen Säkularisierung und Lebenszufriedenheit für weniger entwickelte Länder. Dieses Ergebnis ist kritisch zu betrachten. Eines der größten Probleme hierbei ist wahrscheinlich die Erhebung der Lebenszufriedenheit, da es hier kein genaues Maß geben kann und die Variable, wie auch zum Beispiel Glückseligkeit, viel zu schwer zu erheben ist. Des Weiteren ist der Angriffsplatz für Kritiker hier sehr groß, da man darauf schließen kann, dass die Lebenszufriedenheit in weniger entwickelten Ländern generell niedriger zu erwarten ist. Dies liegt aber an der Wirtschaft, Gesundheit, Bildung, Armut usw. und nicht ausschlaggebend an der stattfindenden Säkularisierung. Trotzdem haben Li und Bond natürlich gute Erklärungsansätze, die es Wert sind einen genaueren Blick darauf zuwerfen.

Nun kommen wir der Literatur näher, die für diese Arbeit interessanter ist. Halman und Luijkx (2009) erforschten mit Hilfe der dritten Welle der europäischen Wertestudie (2000), den Einfluss des religiösen Glaubens und des religiösen Aus- und Erlebens auf die moralische Haltung der Menschen in Europa. Sie kamen zu dem Schluss, dass Moral in der heutigen, individualisierten, säkularisierten Gesellschaft kein Produkt der religiösen Überzeugungen ist, sondern ganz individuell durch die persönlichen Betrachtungen der Menschen entsteht. Demnach wird das Leben und Denken der Menschen in Europa viel weniger durch Religion beeinflusst, als es wahrscheinlich im 20. Jahrhundert noch der Fall war. Moral scheint also eine persönliche Angelegenheit geworden zu sein, die auf Funktionalität, Rationalität und Autonomie basiert. Moral ist folglich keineswegs eine Eigenschaft, welche durch höhere, autoritäre, religiöse Institutionen, kreiert wird. Der Prozess der Individualisierung, bezogen auf die Auswirkung auf Religion und Moral, spielt laut Halman und Luijkx (2009), als auch bei Nevitte & Cochrane (2006), eine bedeutende Rolle für den Niedergang des religiösen Status in Europa. Als weitere Gründe nennen sie außerdem das Wirtschaftswachstum, den immer schneller ansteigenden Wohlstand, die verbesserte Bildung, Mobilität und den enormen Anstieg des technischen Wissens.

Einen sehr wichtigen Aspekt bezüglich meiner Forschungsfrage, behandelt Parboteeah et al (2008) in seinem Artikel über Moral und Religion. Er versucht anhand eines multidimensionalen Models den komplexen Zusammenhang zwischen Religion bzw. Glaube und moralischem Denken und Handeln darzustellen. Nach Parboteeah et al kann man den Zusammenhang zwischen Religion und Moral nicht an eindimensionalen Komponenten, wie z.B. der Einhaltung der zehn Gebote oder der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Konfession, erklären. Menschliches Verhalten ist dafür viel zu komplex. Vielmehr spielen mehrere Komponenten, wie kognitive Muster (persönliche und private Religionsvorstellungen und Wissen über Religion), das Verhalten (wie man sich aufgrund seiner Religiosität verhält, z.B. spenden, beten, zur Kirche gehen) und affektive Empfindungen (die emotionale und spirituelle Reaktion eines Menschen auf religiöse Autoritäten, Objekte oder Institutionen) bezogen auf Religion eine Rolle. Diese Mehrdimensionalität wird von vielen Wissenschaftlern missachtet. Die Kritik von Parboteeah et al ist zwar berechtigt aber weist gleichzeitig auf die Schwierigkeit und Grenzen dieses umfangreichen Themas hin. Als Ergebnis fanden Parboteeah et al, dass die Ausprägung der kognitiven und affektiven Komponente im Zusammenhang mit der Akzeptanz unmoralischen Verhaltens, wie z.B. Steuerhinterziehung oder Schwarzfahren, steht. Je religiöser, desto moralischer also? Auch wenn Parboteeah et al zu diesem Resultat kamen, kann man nicht den Umkehrsatz anwenden und sagen, Atheisten seien weniger moralisch.

Eine weitere Schwierigkeit, die das Thema dieser Arbeit mit sich bringt, ist die Vielfalt an Religionen und Vielfalt an moralischen Einstellungen. Drauland und Halman (2005) untersuchten mit den Daten der dritten Welle der europäischen Wertestudie die moralische und religiöse Vielfalt Europas, und kamen zu dem Schluss, dass sich kein regelmäßiges Muster erkennen lässt, dass es möglich machen würde, bestimmte Theorien zu entwickeln, um zu einer Erklärung der Situation zu kommen. Die diversen, durch Religion und moralische Haltung geprägten Lebensstile, scheinen also sehr komplex zusammengesetzt zu sein. Sie lassen sich nicht, wie auch Parboteeah et al sagten, anhand einzelner Dimensionen, wie z.B. Konfessionsmehrheit eines Landes, erklären. Laut Drauland und Halman, sowie auch bei Halman & Luijkx (2009) und Nevitte & Cochrane (2006), spielt die Individualisierung in Europa eine große Rolle für diese enorme Diversität an religiösen und moralischen Lebensformen. Demnach scheinen sich viele Menschen heutzutage ihren eigenen, ganz individuellen Glauben zu gestalten. Sie richten ihr religiöses Leben nicht nach strikt vorgegebenen Regeln und Ritualen aus, sondern geben sich womöglich selber die Freiheit zu entscheiden, was und wie viel man für den eigenen religiösen Glauben investieren möchte. Jeder glaubt woran er will. Jeder legt sich religiöse Texte aus wie er es möchte und alles ist sozusagen erlaubt? Auf einige Konfessionen mögen die Befunde Draulands und Halmans zu treffen, es gibt aber bestimmt auch Ausnahmen. Denkt man an eine zum Beispiel kleinere, radikale, islamische Gruppe, so verhält es sich gegenteilig. Keiner darf denken was er will und die heilige Schrift bzw. autoritäre, religiöse Anführer machen klare Vorschriften, wie man zu leben hat.

Zuletzt muss noch die Ausarbeitung Zuckermans (2009) genannt werden, der in einem sehr interessanten und detaillierten Essay, Zusammenhänge wie Religion und Geschlecht, Religion und Nation, Religion und Bildung, Religion und Alter, Religion und Arbeit, Religion und Politik, Religion und Homophobie, Religion und Rassismus usw. anhand gründlicher Literaturrecherche bearbeitet.

2.2 Demographische Daten zum Atheismus

Geographie: Geographisch gesehen, hat Europa, neben Japan, Südkorea und Israel (Zuckerman, 2009) die meisten nicht-religiösen Einwohner und Atheisten.

Alter: Lambert (2004) und Hayes (2000) kamen zu dem Ergebnis, dass Atheisten meist relativ jung sind. Dies besagen unter anderem auch Untersuchungen aus Amerika und Großbritannien (Keysar, 2007; Kosmin & Keysar, 2006; Voas & Day, 2007). Demnach ist die Hälfte aller Atheisten in Amerika jünger als 30 Jahre. 23 % der 18-34-jährigen Amerikaner würden sich selbst als unreligiös und ungläubig einstufen, wohingegen gerademal 10% der über 65-jährigen sich so beschreiben würden. In Großbritannien fand man noch erstaunlichere Ergebnisse. 63% der 18-24-jährigen bezeichnen sich als religionslos, wohingegen sich nur 22% der über 65-jährigen so einstufen würde. Die Ergebnisse sollten mit Vorsicht interpretiert werden, da damit gerechnet werden muss, dass die erhobenen Werte ein Resultat des Kohorten Effekts sind.

Geschlecht: Wenn es ums Geschlecht geht, so sind mehr Männer als Frauen nicht-religiös. Dieses Ergebnis konnte oft repliziert werden (Batson et al. 1993; Beit-Hallahmi & Argyle 1997; Francis 1997; Furseth 2009; Hayes 2000; Miller & Hoffman 1995; Miller & Stark 2002; Walter & Davie 1998). Eine mögliche Erklärung hierfür, könnten die sozialen Vorteile der Kirche sein, wie z.B. eine feste Gemeinschaft zu haben, welche Frauen vielleicht öfter in Anspruch nehmen als Männer.

Homosexualität: Ein Thema, welches sich noch sehr neu und modern anfühlt, so als ob es Homosexualität vor 50 Jahren noch gar nicht gegeben hätte. Oft steht das Thema zur Diskussion im Hinblick auf evolutionäre Fragen, in Hinblick auf Moral und natürlich im Hinblick auf Religion. Sherkat (2002) fand heraus, dass Homosexuelle doppelt so häufig zur Ungläubigkeit neigen, als Heterosexuelle.

Bildung: Je höher der Bildungsgrad desto mehr Atheisten bzw. Nicht-Religiöse (Argyle & Beit-Hallahmi 1975; Baker 2008; Johnson 1997; Sherkat 2008, 2003). Es besteht also eine positive Korrelation zwischen hoher Bildung und Atheisten bzw. Nicht-Religiösen. Viele Autoren sehen einen Universitätsabschluss als einen signifikanten Prädiktor, um sagen zu können, wer sich jetzt oder später im Leben zum Nicht-Religiösen hin wendet (Altemeyer & Hunsberger 1997; Altemeyer 2009; Beit-Hallahmi 2007; Hadaway & Roof 1988; Hayes 2000, 1995a; McAllister 1998; Sherkat & Ellison 1991). Kanazawa (2010) und Lynn et al (2009) gingen sogar so weit und wagten die sehr umstrittene Aussage, dass Atheisten (und Liberale) sogar einen signifikant höheren Intelligenzquotienten haben. Sie fanden einen positiven Zusammenhang zwischen Intelligenz und Atheismus. Solch heikle Aussage muss mit scharfer Kritik rechnen und sollten daher gute Erklärungsansätze bieten und ein lückenloses wissenschaftliches Vorgehen nachweisen.

In Methodenteil dieser Arbeit wird bei der ersten Fragestellung die Bildung als einzige demographische Variable mit einbezogen. Es handelt sich um eine sechs-stufige Kontrollvariable die den Bildungsgrad jedes Probanden darstellt. Hiermit soll ein möglicher Bildungsschichteffekt kontrolliert werden, denn wie die bisherige Literatur beweist, konnte häufig ein Bildungsschichteffekt, bezogen auf die Religionsthematik, festgestellt werden.

2.3 Die wichtigsten Begriffserklärungen

Atheisten und säkularisierte Personen: Als Atheist bezeichnet man jemanden, der nicht an Gott glaubt und das Konzept eines Gottes als sinnlos betrachtet (Baggini, 2003). Als säkularisierte Person, bezeichnet man jemanden, der nicht-religiös ist, uninteressiert gegenüber jeglicher Art von religiösen Themen, Institutionen, usw. ist.

(Kosmin, 2007). In dieser Arbeit wird der Begriff „Nicht-Religiöser“ bevorzugt verwendet.

Moral: Moral stammt von dem lateinischen Begriff mos, welcher so viel bedeutet wie Sitte Brauch, Gewohnheit und Charakter. Seit dem 17. Jahrhundert gilt Moral auch als Begriff für die Sittenlehre (Heidbrink, 2008, S.13). In seinem Buch „Einführung in die Moralpsychologie“ unterteilt Heidbrink (2008) den Moralbegriff in drei Kategorien. Dies erscheint mir sinnvoll und notwendig um die Komplexität des Begriffs zu ergründen und den Begriff für sich, bzw. für die eigene Forschungsfrage einzuschränken. Heidbrink unterscheidet zwischen der kognitiven Perspektive (Einfluss des Denkens auf unsere Moral), der situativen Perspektive (Einfluss der Umstände auf unsere Moral) und der emotionalen Perspektive (Einfluss der Gefühle auf unsere Moral). Eine weitere, eher knappe aber trotzdem sehr passende Definition kommt von Haidt und Graham (2007). Bei ihnen handelt es sich bei Moral um Angelegenheiten bezüglich Unheil/Nachteil, Recht/Berechtigung und Gerechtigkeit. Eine eher fragwürdige Definition ist im Duden zu finden, in dem Moral in fünf Kategorien unterteilt und definiert wird. Die erste Kategorie bezeichnet Moral hier als ein „System von auf Tradition, Gesellschaftsform, Religion beruhenden sittlichen Grundsätzen u. Normen, das zu einem bestimmten Zeitpunkt das zwischenmenschliche Verhalten reguliert.“ (Duden, 1982). Diese Definition unterstreicht die weitverbreitete Denkweise, dass Religion eine Grundlage für Moral sei. Moral wird von vielen Menschen mit Werten in Verbindung gesetzt. Werte sind individuelle Lebensprinzipien eines Menschen. Sie sind situationsübergreifende Ziele, die in ihrer Wichtigkeit, je nach Situation variieren können (Schwartz, 1992). Werte und Moral sind demnach eng miteinander verbundene Begrifflichkeiten.

In dieser Arbeit wird Moral oft mit dem Begriff „moralisches Urteilsvermögen“ ausgedrückt. In Anlehnung an Moral wird ebenfalls der Begriff „Toleranz“ in dieser Arbeit verwendet, wobei Toleranz wertend benutzt wird in Bezug auf die Akzeptanz moderner Lebensweisen (Homosexualität, Veränderte Rolle der Frau, Multikulturelle Gemeinschaften) in Europa.

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Details

Titel
Die Moral der Atheisten versus die Moral der Religiösen. Wer ist der bessere Mensch?
Untertitel
Eine deskriptive Aufarbeitung zur Europäischen Wertestudie
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
Note
2
Autor
Jahr
2011
Seiten
62
Katalognummer
V271811
ISBN (eBook)
9783656627715
ISBN (Buch)
9783656627708
Dateigröße
1598 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
moral, atheisten, religiösen, mensch, eine, aufarbeitung, europäischen, wertestudie
Arbeit zitieren
Master of Science Maike Pöhler (Autor), 2011, Die Moral der Atheisten versus die Moral der Religiösen. Wer ist der bessere Mensch?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271811

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