Homosexuelle Pflegeeltern

Die Bedeutung der Genderperspektive für Pflegekinder und ihre Pflegeeltern


Hausarbeit, 2010
22 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt:

0.Einleitung und Thema

1.Vorgehen und Methode

2.Theoretische Prämissen

3.Auswertung

4.Paraphrasen und Anschlussfragen

5.Theoretische Rückbindungen und Fazit

6.Schluss

Literatur

0. Einleitung

Die „Identität des Nichtidentischen“ beschreibt nach Erikson (1995) auf abstrakter Ebene den besonderen Zustand, in dem sich – freilich neben anderen Randgruppen der Gesellschaft – homosexuelle Pflegeeltern im Kontext der überwiegenden Zahl heterosexueller Pflegeelternschaften befinden. Mit der fortschreitenden rechtlichen Gleichstellung homosexueller Lebensmodelle und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Anerkennung von alternativen Partnerschafts- und Familienmodellen steigt auch die Attraktivität von Familienersatzmodellen – gerade wenn leibliche Fortpflanzung nicht oder nur unter besonderen Vorkehrungen und Rechtsarrangements möglich ist. Aus dieser Perspektive kann der Wunsch von Lesben und Schwulen nach Pflegeelternschaften als familiäre Normalisierung betrachtet werden – auch wenn es sich im speziellen Fall der Pflegschaft erstmal um eine familienergänzendes Angebot handelt.

Ohne hier irgendwelchen Ergebnissen der Arbeit vorzugreifen stellt sich jedoch die Frage, wie es homosexuellen Pflegeeltern und allen darüber hinaus beteiligten Akteuren – nicht zuletzt den Pflegekindern – mit dem relativ neuen Phänomen gleichgeschlechtlicher (Pflege-)Elternschaft ergeht. In dieser Arbeit soll deshalb der Frage nachgegangen werden, welche Chancen und Probleme homosexuelle Pflegeelternschaft mit sich bringt, und zwar mit besonderem Augenmerk auf die Genderfrage. Noch präziser gefasst: Welche Rolle spielt die gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierung der Pflegeeltern im Leben der Pflegeeltern selbst, der Pflegekinder, der abgebenden leiblichen Eltern? Welche Rolle spielt die soziale Konstruktion der gleichgeschlechtlichen Elternschaft für alle Beteiligten?

1. Vorgehen um Methode

Zur Umsetzung der Arbeit wird primär ein verstehender Ansatz gewählt. Weder die Exegese und Rekonstruktion theoretischer Fragen zur Konstruktion des sozialen Geschlechts und zur Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Lebens- und Familienmodelle soll hier im Vordergrund stehen, noch die Auswertung statistischer Daten. Als Erkenntnisgrundlage dienen die qualitativen Leitfadeninterviews, die Cordula de la Camp im Jahr 2001 mit gleichgeschlechtlichen Pflegeeltern geführt hat (vgl. de la Camp 2001). Ziel ist eine hypothesenbildende Analyse des vorliegenden Textmaterials. Die Interviews von Cordula de la Camp bieten sich auch gerade deswegen an, weil mit dem zugrunde gelegten Leidfaden die Motivationen der aufnehmenden Pflegeeltern sowie Diskriminierungsformen, die Pflegschaftsprozesse auf allen Akteursebenen betreffen, abgefragt werden (ebd.: V f.).

Das Sampling der fünf zur Auswertung herangezogenen Interviews habe ich an einem Querschnitt orientiert, der sowohl lesbische (Maria und Ursula sowie Sabine und Isodora) wie auch ein schwules Pflegeelternpaar (Frank und Hartmund) beinhaltet, als auch jeweils eine Pflegefamilie mit allein erziehender Lesbe (Ingo) und einem allein erziehendem schwulen Mann (Freya) (vgl. ebd. 1-108; 167-200; 231-240) .

Die Interviews werden mit der Methode des „zirkulären Dekonstruierens“ nach Jaeggi, Faas und Mruck (1998) ausgewertet. Sie machen in ihrem Text „Denkverbote gibt es nicht – Vorschlag zur interpretativen Auswertung kommunikativ gewonnener Daten“ (Jaeggi 1998) den Vorschlag, die Auswertung kleinerer qualitativer Erhebungen in einer Art Pendelbewegung zwischen qualitativ erhobenem Text und intuitiver Ideen- sowie Kategorienbildung durch rekursive Verdichtung zu vollziehen. Dieses Auswertungsverfahren bietet sich in Bezug auf das vorliegende Textmaterial gerade deswegen an, weil die Pendelbewegung zwischen subjektiver Erzählung zur Thematik gleichgeschlechtlicher Pflegeelternschaft in den Interviews einerseits und das Ziel der Befragung, allgemeine Aussagen zur Besonderheit homosexueller Pflegschaften zu machen, durch diese Methodik gewährleistet ist. Die Abstraktion erfolgt beim zirkulären Dekonstruieren kontrolliert und schrittweise, und kann so das „Drama der subjektiven Verzerrung, der selektiven Vorinterpretation schon durch die Transkription“ (Jaeggi 1998) vermeiden. Jaeggi und ihre Co-Autorinnen bieten gerade für Haus- und Diplomarbeiten, bei denen der Erhebungs- und Auswertungsumfang und die für qualitative Forschung existentielle rückversichernde Forschungsgemeinschaft (Multiperspektivität einer Interpretationsgemeinschaft) begrenzt ist, eine saubere Methode.

Diese Methode sieht folgende Auswertungsschritte qualitativer Interviews vor, die bei der Auswertung Berücksichtigung fanden. Die einzelnen Schritte sind jeweils aufeinander bezogen und beziehen sich auf Einzelinterviews:

- Die Formulierung eines Mottos für den gesamten Text.
- Eine Nacherzählung des Textes, in der die wesentlichen Gesprächsinhalte zusammengefasst werden und so erste Interpretationsschwerpunkte gesetzt werden.
- Die Stichwortliste, deren Ziel es ist, an Hand einer Auflistung „gehaltvoller Begriffe“ sehr nah am Text erste Interpretationsschwerpunkte zu setzen.
- Der Themenkatalog: Aus der Stichwortliste werden Themen extrahiert und Oberbegriffe gebildet.
- Bei der Paraphrasierung werden auf der Grundlage des Themenkatalogs entweder einzelne Themen zu Metathemen zusammengefasst, und/oder ein einzelnes Thema des Themenkatalogs wird ausdifferenziert.
- Die Herausarbeitung zentraler einzelinterviewspezifischer Kategorien bildet den Schlusspunkt der Auswertung am einzelnen Interview. Hierbei werden kleine Theoriebausteine, die in der Paraphrasierung noch auf der Basis alltagswissenschaftlicher Hypothesen der Interviewten dargestellt sind, ausgearbeitet im Sinne einer umfassenderen Hypothesenbildung.

Sobald bei Jaeggi u.a. mehrere Einzelinterviews nach dieser Methodik behandelt sind, folgt die Phase des systemischen Vergleichs dieser Interviews. Dabei wird in einer sog. „Synopsis“ eine qualitative Auswertung der zentralen Kategorien aller durchgeführten Interviews gemacht. Die Häufigkeit der interviewspezifisch gewonnen zentralen Kategorien bezogen auf alle Interviews gibt Aufschluss über die Relevanz dieser Kategorien. Die häufigsten gelten als die relevantesten für die Verdichtung und abschließende Darstellung der Ergebnisse.

Ziel der Interviewauswertung ist es, Identitätskategorien oder –typen zu schaffen, die einerseits in einer individuellen Vielfalt und Vielschichtigkeit dargestellt sein sollen, andererseits aber auch auf ihre überindividuelle Exaktheit geprüft und allgemeingültig sind.

2. Theoretische Prämissen

Nach Erik Erikson drückt Identität eine wechselseitige situative Beziehung aus – einerseits zwischen dem Individuum in seiner kontinuierlichen Übereinstimmung mit sich selbst (die als "Selbst" erlebte innere Einheit der Person), andererseits mit seiner Identifikation mit bestimmten Gruppen (Erikson 1996: 461f). Gerade aber für Randgruppen wie Schwarze, Migranten oder Homosexuelle kann der Teil der Identitätsbildung, der sich aus der Interaktion zwischen einer Person und seiner Umwelt ergibt, auf Grund der gesamtgesellschaftlich heterosexuellen Orientierung schwierig sein. Da Menschen mit gleichgeschlechtlicher Orientierung vom Mainstream abweichende Merkmale besitzen (i.e. gleichgeschlechtliche Lebensmodelle; Auflösung des zweigeschlechtlichen Elternschaftsprinzip Vater-Mutter), gewinnen auch Identifikationen, die auf die gleichgeschlechtliche Pflegeelternschaft zurückzuführen sind, eine von heterosexueller Pflegeelternschaft abweichende Bedeutung. Worin diese besteht, wird in der Auswertung zu berücksichtigen sein.

Die überdurchschnittlichen Kommunikationsanforderungen, die an gleichgeschlechtliche Pflegeeltern und ihre Kinder gestellt werden, sollen ebenso thematisiert werden. Diese ergeben sich auch aus einer Spannung, die nach Mead (1998) zwischen dem „I“ als persönliche, vorsoziale und subjektive Instanz der Persönlichkeit, und dem „Me“ als einer gesellschaftlich-objektiven und überpersonalen Instanz entsteht. Goffman (2002) benutzt für die äußere, gesellschaftliche Zuschreibung von Identität den Begriff der „sozialen Identität“. Gerade für Randgruppen, wie z.B. auch Homosexuelle, ist, vor dem Hintergrund des hegemonial heterosexuellen Geschechtsmodells, der von außen zugeschriebene Identitätsanteil konfliktreicher. Im Extremfall kann dieser, wenn er nicht erfüllt wird, bis zum Ausschluss aus der gesellschaftlichen Gruppe oder bis zur Verleugnung einer Abweichung, d.h. Anpassung und Selbstaufgabe des Individuums führen.

Darüber hinaus können diese theoretischen Ankerpunkte durch den diskriminierungstheoretischen Ansatz der Intersektionalitätsforschung ergänzt werden. Dabei stehen die Folgen individueller Diskriminierungserfahrungen in Familie und Gruppen auf Grund abweichender sexueller Orientierung und deren Einfluss auf die Identitätsentwicklung von Individuen im Vordergrund.

Ein weiterer theoretischer Aspekt entsteht aus der Genderfrage. Mit den konstruktivistischen Ansätzen der Queer-Theory Anfang der 1990er Jahre wurde das Konstrukt einer homosexuellen Identität gänzlich in Frage gestellt, gerade auch, weil die individuellen Lebenserfahrungen zu vielschichtig und unterschiedlich seien, Menschen über unterschiedliche Bildungsgrade und Herkunftsverhältnisse geprägt seien. Die Queer-Theory stempelte Bezeichnungen wie „schwul“, „hetero“ oder „bisexuell“ als gesellschaftlich konstruierte normative Konstrukte ab und forderte dazu auf, auf die Kategorie des Geschlechts als ganzes zu verzichten (vgl. Marla Morris 2000). Bezüglich der Auswertung der Interviews stellt sich hier die Frage, inwieweit die o.g. geschlechtlichen Kategorisierungen von homosexuellen Pflegeeltern als relevant empfunden werden. Elisabeht Tuider (2001: 175) greift Anfang dieses Jahrtausends den Ansatz der Queer-Theory insofern auf, als dass sie den individuellen Bedeutungszuwachs bei der (Selbst-)Bestimmung der eigenen geschlechtlichen Identität akzeptiert und die Übergänge zwischen Geschlechterlabels als fließend ansieht. Gleichzeitig distanziert sie sich von der in der Queer-Theory gängigen normativen Utopie der Gleichwertigkeit verschiedener sexueller Orientierungen: „Von einer verinnerlichten Überzeugung bezüglich der Gleichwertigkeit verschiedener sexueller Orientierungen und verschiedener Geschlechter (bzw. Menschen) kann keine Rede sein. Die gegenwärtige Thematisierung von Sexualität und Geschlecht kommt noch keiner Enthierarchisierung gleich. Solange für die Toleranz, Akzeptanz und Aufwertung einer Sexualform oder eines Geschlechts geworben werden muss, kann keine reale Gleichstellung erfolgen. Hoffnung auf Veränderung besteht aber dann, wenn geradliniges Denken aufgegeben und Norm, Normalität und Selbstverständlichkeiten zum Thema gemacht werden, ebenso wie die damit verbundenen Unübersichtlichkeiten und Widersprüche.“ Ob dieser Ansatz tragend für die Selbst-Identifizierung homosexueller Pflegeeltern sein kann, wird sich zeigen.

3. Auswertung

Ziel der Auswertungsmethode des zirkulären Dekonstruieren ist es, induktiv hypothesenbildend und theoriegenerierend zu arbeiten. Insofern wurden die analysierten Interviews nicht nur auf die in der Forschungsfrage und in der vorgestellten Theorie formulierten Fragen und Prämissen hin untersucht. Darüber hinaus wurde angestrebt durch die einzelnen Abstraktionsschritte der Auswertung eigene Hypothesen und Kategorien zu schaffen. Es wird dennoch gleichsam versucht, die theoretisch aufgeworfenen Fragen im Anschluss daran zu beantworten (Kap. 5).

Alle in den Interviews aufgeworfenen Themen, die sich nicht unmittelbar auf die Betreuungsleistung bzgl. der spezifischen psychischen Problemlagen der Pflegekinder und das daraus resultierende Verhalten gegenüber den interviewten Pflegeeltern und deren Umgang damit beziehen, lassen sich unter vier Metathemen subsumieren: Normalisierung, Rollenverteilung, Diskriminierung und Emanzipation. Dabei wurde deutlich, dass der weitaus umfangreichste Themenblock mit dem Thema Diskriminierung zusammenhängt – was selbstverständlich auch meiner genderorientierten Fragestellung sowie dem umfangreichen Leitfadenblock in den Interviews von Cordula de la Camp geschuldet ist. Das Thema Diskriminierung lässt sich dabei noch mal in positive Diskriminierung ausdifferenzieren. Und es ist oftmals auch mit dem Thema Emanzipation von Pflegeeltern und Pflegekindern verwoben.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Homosexuelle Pflegeeltern
Untertitel
Die Bedeutung der Genderperspektive für Pflegekinder und ihre Pflegeeltern
Hochschule
Fachhochschule Potsdam
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V271829
ISBN (eBook)
9783656637042
ISBN (Buch)
9783656637028
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
homosexuelle, pflegeeltern, bedeutung, genderperspektive, pflegekinder
Arbeit zitieren
Dominik Sommer (Autor), 2010, Homosexuelle Pflegeeltern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271829

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