Das Alpen-Label. Eine Chance zur Vermarktung landwirtschaftlicher Erzeugnisse unter einer gesamtalpinen Qualitätsmarke


Examensarbeit, 2010

60 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Methodik

3. Die Struktur der alpinen Landwirtschaft
3.1 Landwirtschaftliche Betriebstypen
3.1.1 Acker-Alp-Betriebe
3.1.2 Wiesen-Alp-Betriebe
3.1.3 Sonderkulturbetriebe
3.2 Wirtschaftliche Betrachtung der Hauptalpenstaaten
3.2.1 Italienische Alpen
3.2.2 Französische Alpen
3.2.3 Alpengebiete in der Schweiz,österreich und Bayern
3.2.4 Slowenische Alpen
3.3 Fallstudie: Strukturwandel im Schweizer Berggebiet
3.3.1 Strukturwandel
3.3.2 Erwerbsquoten
3.4 Quo vadis, alpine Landwirtschaft?

4. Alpine Organisationen
4.1 Alpenkonvention
4.2 CIPRA
4.3 DAV - OEAV - AVS
4.4 Allianz in den Alpen

5. Alpen - Unique Selling Propositions

6. Öko-Produkte im Trend

7. Die Vision eines länderübergreifenden Alpen-Labels
7.1 Leitidee „Klasse statt Masse“
7.2 Personen und Akteure
7.3 Finanzierung
7.4 Problemfelder
7.5 Lösungsmöglichkeiten

8. Das Alpen-Label und die Vermarktung
8.1 Alpenmarketing - die Planung
8.2 Die Phasen des Marketing-Prozesses
8.3 Diversifikation alpiner Produkte
8.3.1 Horizontale Diversifikation
8.3.2 Vertikale Diversifikation
8.4 Käuferverhalten
8.5 Konsumententypen
8.6 Marktsegmentierung
8.7 Zielgruppenfindung
8.8 Markteinführung
8.9 Vertrieb
8.10 Konkurrenz
8.11 Werbebotschaft
8.12 Werbeformen
8.12.1 Klassische Medien
8.12.2 Neue Medien
8.13 Werbezeitraum
8.14 Werbedurchführung
8.15 Werbeetat
8.16 Werbezielsetzung
8.17 Homepage
8.17.1 Die Webseite des Alpen-Labels als Aushängeschild
8.17.2 Design der Firmen-Homepage
8.17.3 Keywords - Der Schlüssel zur Firmen-Webseite
8.17.4 Kennzeichen für die Kundengewinnung
8.18 Online-Shop: Eine Chance für den alpinen Lebensmittelabsatz?

9. Alpine Qualitätsmarken - Modelle in der Praxis
9.1 KOVIEH
9.2 Molkerei Berchtesgadener Land
9.3 So schmecken die Berge
9.4 BergBauer

10. Zusammenfassung

11. Literatur

1. Einleitung

Das Kühlregal im Supermarkt bietet dem preisbewussten Käufer eine Menge Auswahl bei der Erfüllung seiner Ernährungsbedürfnisse. Die verschiedenen Hersteller befinden sich im Preiskampf, wobei viele auf eine möglichst kosteneffiziente Produktion setzen, welche zu besonders günstigen Preisen an den Konsumenten weitergegeben werden.

Aufgrund neuer Produktionsmethoden und Technologien ist es möglich, Agrarprodukte in Gebieten herzustellen, welche wirtschaftlich gesehen wesentlich günstiger produzieren können als die Alpenregion. Gleichzeitig hat sich der Mensch in seinen Bedürfnissen verändert. Der Qualitätsanspruch ist zunehmend der Bevorzugung eines geringeren Preises gewichen, die Ernährung ist heute kein so zentral überwiegendes Bedürfnis mehr wie es einst war. Nahezu von einem Strukturwandel ist zu sprechen: die zunehmenden Single-Haushalte, die Orientierung hin zu Restaurants und Fast Food und auch die zunehmende Erwerbstätigkeit der Frauen manifestieren einen Wandel in der Gesellschaft, welcher sich auch stark auf die Ernährungsgewohnheiten der Menschen niederschlägt und eine andere, veränderte Nachfrage nach Lebensmitteln entstehen lässt. Aufgrund dieser Nachfrage entstehen Produktlinien, welche speziell mit dem Vorteil des billigsten Preises werben - und der Konsument dafür die Qualitätsabstriche beim Konsum des Produktes in Kauf nimmt (www.coocoi.com.).

Doch nicht weit von diesen Lebensmitteln findet sich im Regal auch andere Kost, welche nicht selten durch besondere regionale Bezüge geprägt ist. Besonders bei Milch und Käse werden die Alpen häufig als Herkunftsort angegeben. Dieser alpine Bezug ist keine Randnotiz, sondern wird dem Konsumenten auf auffällige Art, beispielsweise durch besonders einprägsam gewählte Schrift und Bilder, gezielt vermittelt. Hintergrund dafür ist der Hinweis auf besondere Qualität, welche die Alpen-Milch und den Berg-Käse gegenüber der dagegen anonym wirkenden Massenware auszeichnen sollen.

An dieser Stelle würde der Kaufentscheid sicherlich zu Gunsten der Bergprodukte ausfallen. Allerdings lässt der Blick auf das Preisschild viele Konsumenten umdenken. Denn der Käufer steht nun vor der Wahl: Auf der einen Seite steht die Qualität eines alpinen Produkts aufgrund des biologischen Anbaus für viele Menschen außer Frage. Andererseits lässt der Preis den Konsumenten doch zu dem des Massenerzeugnis schielen, der - abhängig vom Produkt - um ein Vielfaches geringer ist und wiederum mehr finanzielle Spielräume für andere Güter lässt. Und bei vielen Menschen, besonders in wirtschaftlich unsicheren Zeiten, fällt die Entscheidung letztlich zu Ungunsten des alpinen Qualitätsproduktes.

Dennoch zeichnet sich in den letzten Jahren ein Trend zu landwirtschaftlichen Erzeugnissen aus biologischem Anbau ab. Begünstigt wurde dieser durch Lebensmittelskandale wie die BSE-Krise, jedoch zeigt sich die Nachfrage nicht als temporäre Reaktion auf Tierseuchen und ähnliches, sondern konnte in den letzten Jahren weiter steigen (www.tagesschau.de). Diese Gelegenheit stellt eine Chance für den Alpenraum dar, den Absatz Ihrer Produkte bei zielgerichteter Vermarktung auszubauen.

Was kann Menschen bewegen, trotz höherem Preis die alpinen Produkte zu kaufen und den angeschlagenen landwirtschaftlichen Sektor zu unterstützen? Diese und weitere Fragen sollen in dieser Arbeit im Kontext zu einer gesamtheitlichen alpinen Vermarktung unter einer Qualitätsmarke stehen und erörtert werden. Dazu wird die Theorie sowie die Chancen und Probleme der alpinen Vermarktung mittels eines solchen Alpen-Labels sowie die praktische Umsetzung der Produktlinien und deren Marketing im Mittelpunkt stehen. Auch einige im Alpenraum aktive Vereinigungen werden kurz vorgestellt und bestehende, regional operierende Qualitätsmarken sowie die Unternehmen dahinter vorgestellt. Zunächst soll jedoch ein Überblick über die landwirtschaftlichen Gegebenheiten und die wirtschaftliche Situation im Alpenraum die Notwendigkeit dieses Vorhabens unterstreichen.

2. Methodik

Während der Erstellung der vorliegenden Arbeit wurden verschiedene Arbeitsmethoden angewandt. Zum Einen wurden Informationen aus vielen Fachbüchern, Aufsätzen und anderen Quellen im Kontext der Thematik gesammelt, analysiert, bewertet und aufbereitet.

Ferner kamen mehrere Experten zu Wort, deren Ansichten aus schriftlichen Quellen teils wörtlich, teils indirekt zitiert wurden. Auf die selbe Weise fanden auch die Beiträge aus persönlich geführten Interviews den Einzug, welche direkt den entsprechenden Themenbereichen zugeordnet wurden. Weite Teile der Arbeit, welche sich mit der Marketingtheorie alpiner Produkte befassen, basieren auf den allgemeinen betriebswirtschaftlichen Vermarktungsgrundsätzen aus den jeweiligen zitierten Fachbüchern. Diese wurden vom Autor in den Zusammenhang mit dem Marketing der alpinen landwirtschaftlichen Erzeugnisse gebracht. Die Theorie der gesamtheitlichen alpinen Vermarktung unter einer Qualitätsmarke wurde unter Inbezugnahme aller diesbezüglich zur Verfügung stehenden Quellen und Meinungen entworfen und vom Autor erweitert.

3. Die Struktur der alpinen Landwirtschaft

Um die landwirtschaftliche Nutzung im Alpengebiet geographisch vorstellbar und greifbar zu machen, sind hier die wesentlichen Strukturen und ihre derzeitige wirtschaftliche Stellung kurz beschrieben:

Abb.1: Agrarstrukturregionen im Alpenraum

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(TAPPEINER, U. et al. 2006: S.29)

In der Arbeitsintensiven Intensivkulturregion herrscht ein vorwiegend mildes Klima, welches den Anbau eben dieser Intensivkulturen wie Obst, Wein, Gemüse, aber auch Blumen begünstigt. Die oft kleinen Betriebe arbeiten sehr produktiv bei einer hohen Arbeitsintensität. In diesen Regionen sind die Hofaufgaben vergleichsweise gering, auch die landwirtschaftlich ungenutzten Flächen verändern sich kaum. Der Arbeitsintensiven Intensivkulturregion ist daher eine durchaus stabile wirtschaftliche Situation zu attestieren.

Pessimistischer ist die Gesamtlage hingegen in der Arbeitsextensiven Ackerbauregion zu bewerten. Charakterisierend für diese Gebiete sind Gunstlagen mit wenig Hangneigungen, gemäßigten Höhenlagen und geringer Reliefenergie. Der Ackerbau und Dauerkulturen kennzeichnen die landwirtschaftliche Nutzung dieses Gebiets. Die Anzahl der Aufgaben dieser meist großen Betriebe dieses Strukturtyps ist verhältnismäßig hoch.

In der Grünlandwirtschaftsregion ist neben der Spezialisierung auf die Viehwirtschaft auch der Tourismus eine tragende wirtschaftliche Säule. Die Region zeichnet sich durch hohe ökonomische Stabilität aus, was an den geringsten Betriebsaufgaben aller Strukturtypen und einem ausgeglichenen Wanderungssaldo deutlich wird.

Die Kleinstrukturierten Grünlandbetriebe weisen eine sehr geringe landwirtschaftliche Nutzfläche und hohe Arbeitsintensitäten auf. Diese Arbeitsintensität beruht jedoch im Vergleich zur Arbeitsintensiven Intensivkulturregion auf einen Mangel an Alternativen. Immer mehr Flächen werden zur Brache. Auffällig ist zudem das überdurchschnittlich hohe Alter der Betriebsinhaber.

Im Landwirtschaftlichen Rückzugsgebiet ist die Reliefenergie und die Hangneigung vielerorts sehr hoch. Die aufwändige Bewirtschaftung dieses Gebiets drückt sich einerseits in der geringen Betriebsstruktur, zum anderen im hohen Prozentsatz an brachliegenden landwirtschaftlichen Nutzflächen aus. Das Agrarwesen hat sich in dieser Region nahezu vollständig zurückgezogen.

In der Strukturbereinigten Haupterwerbsregion müssen im Vergleich die meisten Betriebe aufgeben. Allerdings bleibt der zu erwartende hohe Zuwachs an brachliegenden Agrarflächen aus. Dies begründet sich dadurch, dass sich die Hofaufgaben meist auf Nebenerwerbsbetriebe beschränken, während sich die Landwirtschaft meist auf intensiv bewirtschaftete Haupterwerbsbetriebe konzentriert. Im allgemeinen ist die Struktur und Dynamik nicht direkt mit den übrigen Regionen vergleichbar - die Strukturbereinigte Haupterwerbsregion ist besonders auf schweizerischem Terrain sehr großflächig, weshalb die Vorgänge wesentlich von der eidgenössischen Agrarpolitik geprägt sind.

Die Alpine Normalregion bewegt sich in Richtung einer Nebenerwerbslandwirtschaft. Nur ein vergleichsweise geringer Anteil der Erwerbspersonen verdient sein Geld im Agrarwesen, die Betriebsaufgaben sind moderat. Die Bedeutung der Alpinen Normalregion als Tourismusziel beschreibt in Zusammenhang mit der steigenden Anzahl an Nebenerwerbsbetrieben die Entwicklung dieser Region.

Die Region der Großbetrieblichen Rindertierhaltung verfügt aufgrund von moderaten Höhenlagen und dem verhältnismäßig flachen Relief, hohen Anteilen an landwirtschaftlichen Nutzflächen und einem hohen Faktor an Beschäftigen in der Landwirtschaft über einen starken Agrarsektor. Die Höfe sind per Definition meistens als Großbetriebe zu klassifizieren, welche von den jungen Inhabern meist hauptberuflich geführt werden. Fast alle Unternehmen sind auf Weideviehhaltung spezialisiert, kein anderer Strukturtyp kann eine derart hohe Spezialisierung aufweisen

(Tappeiner, U. et al. 2006: S. 27ff).

3.1 Landwirtschaftliche Betriebstypen

Die vielfältigen Betriebstypen im Alpenraum lassen sich in 3 Hauptkategorien zusammenfassen.

3.1.1 Acker-Alp-Betriebe

Acker-Alp-Betriebe finden sich in den Französischen Alpen (ohne Alpenrand Grenoble - Genfer See), in den italienischen Alpen mit Ausnahme von Südtirol, in den Kantonen Wallis und Tessin sowie in Teilen von Graubünden und dem Oberinntal. Der Ackerbau ist hier traditionell stärker ausgeprägt als die Viehzucht. Im europäischen Vergleich zeigen sich die Strukturen aufgrund der Vielzahl an kleinen Betrieben, der hohen Besitzzersplitterung und der Realteilung nachteilig. Die Acker-Alp-Betriebe gehen in allen Ländern stark zurück, lediglich an den Gunststandorten finden sich noch höhere Konzentrationen von großen Betrieben.

In den Talböden werden Spezialkulturen angebaut, im Gebirgsraum dominiert die Viehwirtschaft. Letztere arbeitet zwar wirtschaftlich rentabel, jedoch unter hoher Belastung der Umwelt und nicht im Sinne der ökologische Nachhaltigkeit.

3.1.2 Wiesen-Alp-Betriebe

In weiten Teilen der Schweizer Alpen, den Bayerischen Alpen, den Österreichischen Alpen mit 9 Ausnahme des Oberinntals, in Südtirol und dem Alpenrand Grenoble-Genfer See finden sich Wiesen-Alp-Betriebe. Im Gegensatz zu den Acker-Alp-Betrieben ist hier die Viehwirtschaft seit jeher dominanter gewesen. Die geringe Parzellierung, das Anerbenrecht und die großen Höfe prägen diese Region. Wirtschaftlich gesehen stehen die Betriebe vergleichsweise gefestigt da, sind aber seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der Zahl stark zurückgegangen, während sich die Betriebsgrößen erhöhten. Auch die Betriebe, die strukturell betrachtet die besten Voraussetzungen genießen, waren von den Rückgängen betroffen.

3.1.3 Sonderkulturbetriebe

Auf den großen inner- und randalpinen Talböden mit dem günstigen Klima der inneralpinen Trockenzonen und Einflüssen aus der Mittelmeerregion sind im vergangenen Jahrhundert Betriebe entstanden, welche sich auf den Anbau von Sonderkulturen (Gemüse, Obst, Wein) konzentrieren. Aufgrund der modernen Struktur und zeitgemäßen Art der Produktion konnten sich die Betriebe und ihre Erzeugnisse am europäischen Markt behaupten.

Während bei den Wiesen-Alp-Betrieben eine Substanzerhaltung oder eine Substanzstärkung, unter der Voraussetzung der Abkehr von wirtschaftlich und umwelttechnisch bedenklichen Monostrukturen, plausibel erscheint, ist die Situation bei den Acker-Alp-Betrieben stark reformbedürftig. Diese Form der Landwirtschaft wird nur fortbestehen können, wenn sich der Anbau und die Strukturen ändern. Potentiale sind durchaus vorhanden, da die traditionellen Produkte wie Kastanien, Kräuter und Beeren als Qualitätsprodukte am Markt gute Absatzchancen haben.

Nahezu alle Betriebe haben sich lange Zeit gemäß der traditionellen Landwirtschaftspolitik auf hohe Produktionsquantität und niedrige Preise fokussiert. Diese war jedoch im Preiskampf nicht ausreichend und führte zu wirtschaftlichen Schwierigkeiten und einem nicht mehr umweltverträglichen Anbau, welcher auch dem Landschaftsbild nicht zuträglich war. Aufgrund der geringen Erfolgsaussichten der alten Konzeption liegt eine Möglichkeit zur Rückkehr zu wirtschaftlicher Stabilität und Stärke in einem Strategiewechsel. Demnach sollen mit Qualität statt Quantität die Ressourcen des Alpenraumes wieder rentabel an den Verbraucher gebracht werden.

3.2 Wirtschaftliche Betrachtung der Hauptalpenstaaten

Betrachtet man die Alpen hinsichtlich ihres landwirtschaftlichen Outputs genauer, lassen sich 10 folgende Ergebnisse, differenziert auf Länderebene, der wesentlichen Alpenstaaten feststellen:

3.2.1 Italienische Alpen

In den italienischen Alpen sind die landwirtschaftlichen Betriebe zwar in hoher Zahl vorhanden, sind jedoch meist stark überaltert und wirtschaftlich betrachtet kaum konkurrenzfähig. Extrem geringe Viehzahlen und die sehr geringe Anzahl an Betrieben, welche haupterwerbsmäßig agieren können, untermauern dies.

Trotzdem existieren durchaus moderne Großbetriebe, wie etwa Tierfabriken, Molkereien und Unternehmungen, welche sich in erster Linie auf Obst, Wein und Gemüse spezialisiert haben. Die Nahrungsmittelproduktion im italienischen Teil der Alpen wird davon zu einem erheblichen Teil bestimmt. Ausgehend vom Stand des Jahres 1992 waren immerhin etwa die Hälfte des wirtschaftlichen Outputs von Obst- und Weinbaubetrieben von geringer Fläche dominiert. Die kleineren Betriebe hingegen können unter gleichbleibenden Bedingungen einen baldigen Kollaps kaum vermeiden.

Die Ausnahme im italienischen Alpenbereich stellt Südtirol dar: Sowohl die Förderung der Landesregierung als auch die im Landesvergleich einzigartigen Strukturen der Agrarwirtschaft ließen die Betriebe bisher weiterhin fortbestehen. Lediglich ein Rückgang der landwirtschaftlichen Betriebe von 0,6 Prozent in den Jahren von 1982 bis 1990 beweisen eine vergleichsweise gute wirtschaftliche Ausrichtung. Keine andere Region im Alpenraum kann eine derart geringe Zahl an betrieblichen Aufgaben vorzeigen.

3.2.2 Französische Alpen

Die französischen Alpen können zwar mit 54 Prozent auf einen relativ hohen Anteil an Haupterwerbsbetrieben verweisen, doch die Anzahl der Betriebe insgesamt ist verhältnismäßig gering. Zahlreiche alteingesessene kleine Betriebe sind längst verschwunden - noch weitaus früher, als dies in der italienischen Alpenregion der Fall war.

Die modernen Betriebe in den klimatisch günstigen Tallagen sind ackerbaulich hoch spezialisiert, in den Südalpen finden sich vor allem sehr große Viehbetriebe.

3.2.3 Alpengebiete in der Schweiz,Österreich und Bayern

Hier fällt bei der genauen Betrachtung der landwirtschaftlichen Nutzung die vergleichsweise hohe Zahl an Viehwirtschaftsbetrieben auf. Verglichen mit dem weiteren Alpenraum sind diese Unternehmungen zwar wirtschaftlich potent, dennoch sind die Rückgänge auf allen drei Landesebenen nicht von der Hand zu weisen.

Das Schlusslicht bildet hinsichtlich dieser Betrachtung das Land Österreich, welches nur einen Prozentsatz von 36 an Haupterwerbsbetrieben vorweist. Allerdings relativiert sich diese auf den ersten Blick wirtschaftlich prekäre Lage durch die hohe Anzahl an Nebenerwerbsbetrieben und dem Einkommen aus dem Tourismus.

Besser dagegen geht es den schweizer Betrieben, doch der Spitzenreiter hinsichtlich den betrieblichen Viehmengen stellt die Bayerische Bergwirtschaft.

3.2.4 Slowenische Alpen

In den slowenischen Alpen trifft man im Vergleich zum restlichen Alpengebiet auf komplett gegensätzliche Strukturen und Voraussetzungen. Hier ist die Landwirtschaft stark vom Sozialismus geprägt. Planmäßig sollte hier der primäre Sektor vom Staat gelenkt und großbetrieblich organisiert werden, was jedoch im Grenzgebiet der slowenischen Alpen nicht konsequent durchgesetzt wurde. Die Strukturen aus den Vorkriegsjahren, welche meist sehr klein ausfielen, bleiben daher vielerorts erhalten.

Mit der Privatisierung nach dem Ende des sozialistischen Regimes stieg die Anzahl an Betrieben wieder stark an. Dennoch sind die Betriebe meist äußerst klein und von schlechter Ausstattung, was sich auch in der Zahl der Haupterwerbsbetriebe manifestiert: Eine Quote von lediglich 19 Prozent lässt vermuten, dass der baldige Rückgang hier kaum aufzuhalten ist. (BÄTZING 2009: S. 205f)

3.3 Fallstudie: Strukturwandel im Schweizer Berggebiet

Die Entwicklung und die Probleme im Schweizer Berggebiet sind in weiten Teilen stellvertretend für die des gesamten alpinen Raumes. Die Schweizer Landwirtschaft befindet sich seit der Globalisierung der Märkte unter starkem Preisdruck und ist in hohem Maße von den Subventionen des Bundes abhängig (TAPPEINER et al. 2003: S. 40ff). Zudem ist der gesamtwirtschaftliche Beitrag ziemlich gering. 2003 lag der Anteil der Landwirtschaft bei lediglich 1,3 Prozent des BIP. Hohe Bedeutung genießt die Milchviehwirtschaft, welche bevorzugt in den Bergregionen betrieben wird. Weitverbreitet ist auch der Anbau von Kartoffeln, Weizen und Gerste, welche eher in Tallagen und im Mittelland angebaut werden. (NUSSER 1997: S. 197, de.encarta.msn.com).

An dieser Stelle soll der Strukturwandel und die Auswirkungen auf die Erwerbstätigkeit anhand detaillierter Zahlen verdeutlicht werden.

3.3.1 Strukturwandel

Der Strukturwandel in der Schweizer Alpenregion ab 1970 manifestiert sich in den abnehmenden Arbeitsplätzen in der Landwirtschaft und der Industrie bei gleichzeitiger Zunahme des Dienstleistungssektors (Abb. 2 und Abb. 3)

Abb. 2 Entwicklung der Sektoralstruktur nach Arbeitsplätzen (Zentren)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(HORNUNG, RÖTHLISBERGER 2005: S. 59)

Abb. 3 Entwicklung der Sektoralstruktur nach Arbeitsplätzen (Umland)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(HORNUNG, RÖTHLISBERGER 2005: S. 59)

Aus den Abbildungen wird zunächst ersichtlich, dass der Strukturwandel in der Schweiz sowohl in den Berggebieten als auch in den Nichtberggebieten einsetzt.

Ferner zeigt sich eine stetige Entwicklung der Dienstleistungen zum wirtschaftlich dominanten Sektor. Während die Zentren in den Bergregionen bereits zu Beginn der 70er Jahre die meisten Arbeitsplätze im tertiären Sektor auswiesen, erfolgte die Wende im Umland erst Mitte der 80er Jahre (HORNUNG, RÖTHLISBERGER 2003: S.5 8). Die nachfolgende Grafik beschreibt die Sektoralstrukturen genauer.

Abb. 4 Anteile wohnhafter Erwerbstätiger in den jeweiligen Sektoren

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(HORNUNG, RÖTHLISBERGER 2005: S. 53)

Im Vergleich zum Schweizer Mittelland arbeiten in den Bergregionen verhältnismäßig viele Menschen in der Landwirtschaft oder in industriellen Betrieben. Der Anteil an Beschäftigten im Dienstleistungsbereich hingegen offenbart sich als vergleichsweise gering (Abb. 4).

Das Umland zeigt sich hinsichtlich der Sektoralstruktur im Mittelland und der Bergregion recht ähnlich. Betrachtet man ausschließlich die Zentren, fällt auf, dass die Unterschiede zwischen beiden Gebieten deutlich ausgeprägter sind (HORNUNG, RÖTHLISBERGER 2003: S. 53).

Diese Erkenntnisse sind jedoch nicht bedingungslos auf jede Region übertragbar. Die Sektoralstruktur im Schweizer Berggebiet zeigt sich heterogen: In manchen voralpinen Regionen wie dem Oberen Emmental oder dem Luzerner Berggebiet ist der Anteil an Erwerbstätigen in der Landwirtschaft am höchsten. Traditionelle Industrieregionen (Jura, Glarus) wiederum weisen die meisten Beschäftigten im sekundären Sektor aus. In touristisch geprägten Gebieten wie den Berner Alpen oder dem Tessin sind die Menschen überwiegend im tertiären Sektor beschäftigt (HORNUNG, RÖTHLISBERGER 2003: S. 55).

3.3.2 Erwerbsquoten

Die Erwerbsquote beschreibt den Anteil an Personen, welche einer beruflichen Tätigkeit nachgehen oder suchen, an einer bestimmten Vergleichsgruppe. Bei der folgenden Betrachtung wird zwischen Bruttoerwerbsquote und Nettoerwerbsquote unterschieden.

Die Bruttoerwerbsquote im Berggebiet geht von der Gesamtheit aller (regionalen) Erwerbspersonen aus und setzt diese in Relation zur Gesamtbevölkerung in dieser Region. Gemäß dieser Rechnung läge die Bruttoerwerbsquote bei 51,4 Prozent. Der Landesdurchschnitt liegt mit 54,2 Prozent um fast 3 Prozent höher.

Die Nettoerwerbsquote legt einen etwas differenzierten Rechenweg zugrunde, indem sie die Erwerbspersonen auf das Alter zwischen 15 und 64 Jahre beschränkt und ihren Anteil an der Gesamtbevölkerung in der selben Alterskategorie misst. Mit 77,6 Prozent liegt die Nettoerwerbsquote nun deutlich näher am entsprechenden Landesdurchschnitt, der hier 78,9 Prozent beträgt.

Anhand dieser Zahlen und ihrer jeweiligen Diskrepanz ist unter anderem zu erkennen, dass die Erwerbsbeteiligung im Berggebiet geringer ist als im Nichtberggebiet. Allerdings fällt der Unterschied bei Betrachtung der Nettoerwerbsquote nicht mehr so deutlich aus wie bei der Bruttoerwerbsquote. Der Grund dafür liegt in der Ausklammerung der Bevölkerung unter 15 und über 64 Jahren, die im Berggebiet demnach vergleichsweise stark vertreten ist (HORNUNG, RÖTHLISBERGER 2003: S. 60ff).

Betrachtet man die Erwerbsquoten geschlechterspezifisch, ist festzustellen, dass Frauen sowohl im Berggebiet als auch im Nichtberggebiet in geringerem Umfang erwerbstätig sind als Männer. Darüber hinaus sind Frauen im Berggebiet zu einem geringeren Anteil erwerbstätig als die Frauen in der übrigen Schweiz (nach der Netto-Berechnung). Vergleicht man auch hier die Zentren mit dem Umland, ist zu erkennen das Frauen in den Zentren höhere Nettoerwerbsquoten aufweisen (HORNUNG, RÖTHLISBERGER 2003: S. 63).

3.4 Quo vadis, alpine Landwirtschaft?

Wie in den vorliegenden Tendenzen deutlich zu erkennen ist, stehen der Landwirtschaft aktuell einige Herausforderungen bevor. Noch dramatischer zeigt sich die prognostizierte Entwicklung in der näheren Zukunft, und dies in allen Ländern für nahezu sämtliche Anbauformen. Ohne einschneidende Veränderung scheint vielerorts ein Kollaps kaum abwendbar. Daher wurden von verschiedenen Experten des Alpenraums bereits Lösungsvorschläge entwickelt, welche teilweise die Grundlage für die Idee einer gesamtalpinen Vermarktung unter einer einheitlichen Qualitätsmarke bildet.

- Nachhaltige Landnutzung

Die Landwirtschaft im Alpenraum hat nur dann eine Zukunft, wenn sie nach hohen ökologischen Standards ihre Arbeit fortsetzt. Dies muss konsequent beherzigt und von allen Betrieben als oberste Priorität angesehen werden. Auch für die alpine Vermarktung, auf welche in der vorliegenden Arbeit der Fokus gesetzt ist, ist diese verträgliche Art der Bewirtschaftung von enormer Wichtigkeit.

- Qualitätsstandards

Die Alpine Landwirtschaft kann auf Dauer nicht mit der Massenproduktion in der Lebensmittelindustrie Schritt halten. Deshalb muss der quantitative Anspruch an die Produkte in den Hintergrund gestellt werden, um gleichzeitig die Möglichkeiten zu schaffen, die Produktion stark an hohen Qualitätsansprüchen auszurichten. Dies schafft die Basis für eine regionaltypische, beziehungsweise sogar ortstypische Differenzierung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Für die Vermarktung dieser Güter ist der hohe qualitative Standard eine unverzichtbare Grundlage.

- Vernetzung mit anderen Wirtschaftsbranchen

Um die Berglandwirtschaft zusätzlich zu fördern, ist es ratsam, alle Wirtschaftskräfte im Alpenraum zu bündeln und mit dem Agrarsektor zu koppeln, um Synergieeffekte aufbauen und nutzen zu können. Besonders naheliegend erscheint eine enge Verflechtung mit der Tourismusbranche. Hier können Urlauber direkt für landwirtschaftliche Erzeugnisse der Bergregionen sensibilisiert werden und auch über die näheren Hintergründe der Produktion aufgeklärt werden, was möglicherweise Verständnis für die wenig komfortable Situation der Bauern und Betriebe erweckt und zum Kauf alpiner Produkte bewegt. Besonders ein Urlaub auf einem bergbäuerlichen Anwesen würde sicherlich die Solidarität mit der jeweiligen Region und den Alpen insgesamt erhöhen. Hier sind sowohl die Landwirte als auch die Tourismusverbände gefordert, aufeinander zuzugehen und diese neuen Wege zu beschreiten, welche für beide Seiten viele Potentiale und Vorteile verspricht (BÄTZING 2009: S. 205ff).

Eine Veranschaulichung, welche diese drei Leitgedanken beinhaltet, wäre das Beispiel einer idealtypischen Wertschöpfungskette, wie sie BÄTZING formulierte. Auf Grundlage der Aufwertung einer Schafrasse, welche als selten und fast ausgestorben gilt, können mehrere Wirtschaftszweige profitieren.

Die Zucht auf den Almen würde hierbei ganz gezielt auf nachhaltiger Basis beruhen und die Qualität strengstens überwacht werden. Das wertvolle Endprodukt, das Fleisch des Tieres, würde dann auf verschiedene Weise vermarktet, entweder direkt in Restaurants in der Region in Form von regionaltypischen Gerichten oder auf anderen Vetriebswegen.

Die Schafswolle wiederum könnte handwerklich genutzt werden. Hierbei ist die Weiterverarbeitung zu verschiedenen anderen Produkten denkbar, welche dadurch einen starken regionalbezogenen Charakter erhalten. Diese Individualität kann wiederum als ein Synergieeffekt zu weiteren Branchen, wie zum Beispiel der des wirtschaftlich wichtigen Tourismus fungieren. Geführte Wanderungen zu den Weidegebieten der Schafe könnten den wirtschaftlichen Output beider Branchen stärken.

Natürlich sind derartige Wertschöpfungsketten kaum von Einzelpersonen aufzubauen und zu organisieren. Um diese Wirtschaftsweise effektiv zu gestalten, sind demnach ganz neue Strukturen notwendig (BÄTZING 2009: S. 241f).

[...]

Ende der Leseprobe aus 60 Seiten

Details

Titel
Das Alpen-Label. Eine Chance zur Vermarktung landwirtschaftlicher Erzeugnisse unter einer gesamtalpinen Qualitätsmarke
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
60
Katalognummer
V271847
ISBN (eBook)
9783656641834
ISBN (Buch)
9783656641858
Dateigröße
1960 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
alpen, marketing, label, qualität, deutschland, Österreich, Italien, schweiz, bergprodukte, berge, bergregion, gourmet, spezialitäten, natur
Arbeit zitieren
Philipp Preischl (Autor), 2010, Das Alpen-Label. Eine Chance zur Vermarktung landwirtschaftlicher Erzeugnisse unter einer gesamtalpinen Qualitätsmarke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271847

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