Mobile Medien im Zwischenraum

Wie mobile Telekommunikation die Bewegung im städtischen Alltag verändert


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
22 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hägerstrand Raum-Zeit-Konzept: Lebenspfade und Beschränkungen

3 Die gesellschaftliche Bedeutung von Mobilität und Bewegung
3.1 Aggregierte Bewegungsmuster: Das "Platz-Ballett
3.2 Zwischenräume und Doing Mobility

4 Zwischenräume als Orte der Mediennutzung
4.1 Mobile Medien im historischen Kontext
4.2 Veränderung des Zwischenraums durch mobile Medien

5 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Mobile Medien sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. In 56 Prozent der Haushalte in Deutschland gibt es mindestens ein Smartphone, in 66 Prozent mindestens ein Handy (ARD/ZDF-Medienkommission, 2013). Bei den Jugendlichen sind es sogar 96 Prozent, die mit einem Mobiltelefon ausgestattet sind (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, 2013, S. 51). Für viele Menschen wäre ein Leben ohne gar nicht mehr vorstellbar: "Das Smartphone wird zur täglichen Notwendigkeit, egal ob für Mann oder Frau, Jung oder Alt." (Axel Springer Media Impact, 2013, S. 3) Das Handy ist zum ständigen Begleiter geworden - und hat somit auch einen immer größeren Einfluss darauf, wie wir uns im Alltag bewegen und welche Wege wir dabei zurücklegen. Über eine App können Landkarten abgerufen werden, in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit werden schon einmal berufliche E-Mails gelesen, und steht man im Stau, genügt ein kurzer Anruf, um eine Verabredung zu verschieben, sodass der andere nicht warten muss.

Im Verlauf dieser Arbeit soll untersucht werden, wie mobile Medien unsere Bewegungen im öffentlichen Raum der Stadt verändern. Ein besonderer Fokus soll dabei auf Zwischenräume gelegt werden, also die Wege zwischen zwei Aufenthaltsorten, also beispielsweise von der Arbeit nach Hause oder zu einer Verabredung. Die theoretische Grundlage hierfür bildet Hägerstrands Raum-Zeit- Konzept, welches im nächsten Kapitel kurz beschrieben werden soll. Desweiteren soll auf die gesellschaftliche Bedeutung von Bewegung im öffentlichen Raum und insbesondere in Zwischenräumen eingegangen werden, bevor die Veränderung dieser Bewegung sowie der Zwischenräume an sich näher beschrieben werden.

Durch die neu gewonnene Mobilität unserer Kommunikation hat das Handy also insbesondere auch den Teil unseres Alltags verändert, den wir in Bewegung verbringen. Ziel dieser Arbeit ist es, die entsprechenden Veränderungen zu beschreiben und daraus folgend einen Ausblick auf zukünftige, sowohl positive als auch möglicherweise problematische Entwicklungen zu geben.

2 Hägerstrand Raum-Zeit-Konzept: Lebenspfade und Beschränkungen

Bei der Betrachtung der Bewegungen eines Individuums ist die Beschränkung auf Bewegungen im Raum unzureichend. Stattdessen muss miteinbezogen werden, dass menschliche Bewegungen in einem Raum-Zeit-Kontext stattfinden. Hägerstrand (1970) beschreibt die Notwendigkeit dieser Sichtweise für die Regionalwissenschaft (regional science). Bei der Beobachtung der Verhaltensweisen von Individuen - einzeln wie auch aggregiert - müssen sowohl Raum- als auch Zeit- Koordinaten miteinbezogen werden (S. 10). Als Beispiel führt Hägerstrand an, dass Menschen unterschiedliche Rollen in der Gesellschaft einnehmen, sich diese Rollen aber oft gegenseitig ausschließen und jeweils nur an bestimmten Orten, in bestimmten Kontexten, im Zusammenspiel mit anderen Individuen und vor allem auch zu bestimmten Zeiten eingenommen werden. Deshalb könne die Raum- Koordinate nicht von der Zeit-Koordinate getrennt betrachtet werden:

"When, for example, in a general equilibrium model, it is assumed that every individual performs a multitude of roles, it is also implicitly admitted that location in space cannot effectively be separated from the flow of time." (ebd.)

Hägerstrand stellt stattdessen das Raum-Zeit-Konzept vor, das die Form eines "Netzes" (ebd.) haben solle, welches durch die Bewegung der Individuen in Raum und Zeit abgebildet werde. Die Grundannahme hierfür ist, dass sich Individuen vom Zeitpunkt der Geburt bis zum Tod auf Lebenspfaden mit Raum- und Zeit- Koordinaten bewegen. Dieser Lebenspfad ist in seinem Verlauf jedoch nicht vollständig frei wählbar, sondern bestimmten Beschränkungen unterworfen ("constraints", ebd., S.11 ff.). Hägerstrand unterscheidet zwischen "capability constraints", "coupling constraints" und "authority constraints" (ebd., S. 12). "Capability constraints" sind definiert als Beschränkungen aufgrund der menschlichen biologischen Möglichkeiten. Beispielsweise hat ein Individuum - ohne technische Hilfsmittel - nur eine bestimmte Sicht- und Rufweite. Zudem unterliegen Individuen den Zwängen menschlicher Bedürfnisse wie Hunger oder Schlaf. Deshalb benötigen sie einen Ort, an den sie regelmäßig zurückkehren können, um diese Bedürfnisse zu befriedigen. Hägerstrand spricht hierbei von einer "home base" (ebd.). Dieser Ort - meist die eigene Wohnung - bildet das Zentrum eines Kreises, innerhalb dessen sich das Individuum in seinem Alltag bewegen kann. Hägerstrand bezeichnet den Radius dieses Kreises als "Insel" (ebd., S. 13) und stellt diese in Form eines Prismas dar (Abb. 1). Desweiteren müssen sich Individuen im alltäglichen Leben immer wieder zu Gruppierungen zusammenfinden, sei es um zu arbeiten, zu konsumieren oder soziale Bedürfnisse zu erfüllen. Hägerstrand definiert dies als "coupling constraints" und beschreibt die Gruppierungen als "Bündel" von Lebenspfaden (ebd., S. 14). Dabei kann es sich prinzipiell um jede Aktivität und um jeden Ort handeln, an dem sich Individuen zu einem bestimmten Zweck zusammenfinden, beispielsweise eine Arbeitsstelle, eine Universität oder auch eine private Verabredung. Obwohl bei Hägerstrand die Mediennutzung grundsätzlich außen vor gelassen wird, weist er an dieser Stelle darauf hin, dass sich durch Telekommunikation neue Bündel formen können. Während beispielsweise ein Meeting im Büro ein Bündel mit physischer Präsenz darstellt, handelt es sich bei dem darauffolgenden Telefongespräch um ein Bündel mit aphysischer Präsenz oder Telepräsenz. Darauf soll in Kapitel 4.2 noch einmal genauer eingegangen werden.

Aus Gründen der Vollständigkeit soll an dieser Stelle auch noch die dritte Art von Beschränkungen eines Lebenspfads erwähnt werden: die "authority constraints". Dabei handelt es sich um Einschränkungen des Zugangs zu bestimmten Orten beziehungsweise Bündeln. "Authority constraints" können sowohl juristisch (zum Beispiel Zugang zu Eigentum) als auch gesellschaftlich (zum Beispiel Platz in einer Warteschlange) geregelt sein. "Authority constraints" werden in dieser Arbeit jedoch nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Die Bedeutung von Lebenspfade und Bündeln kann sichtbar gemacht werden, wenn diese nicht nur theoretisch betrachtet, sondern auf einen Stadtplan übertragen werden. Huisman & Forer (1998) zeigen am Beispiel des Tagesablaufs von Studenten, wie Beschränkungen im Tagesablauf (hier durch die Faktoren "home location" der Studenten, "transport options" und "scheduling", also des Stundenplans, gegeben) die "Insel" eines Individuums bestimmen. Auf einem Stadtplan abgebildet ergeben sich die zu einem bestimmten Zeitpunkt möglichen, nicht tatsächlichen, Aufenthaltsorte der Studenten (Abb. 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Hägerstrand, 1970, S. 13

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Huisman & Forer, 1998, online abgerufen

Ebenfalls deutlich werden die "Inseln" auch in einer Untersuchung von Diminescu et al. (2010), bei der Probanden mit einer Software für ihr Mobiltelefon ausgestattet wurden. Dies ermöglichte nicht nur eine potentielle, sondern eine tatsächliche Aufzeichnung der Aufenthaltsorte innerhalb eines bestimmten Zeitraums. Die Bewegungen können einfach und sehr exakt nachvollzogen werden, ohne durch eine spätere Befragung rekonstruiert werden zu müssen oder eine aufwendige Protokollierung durch den Probanden zu erfordern. Es ergeben sich deutlich sichtbare "Inseln", auf denen sich Probanden bewegen. Meist sind ihre Bewegungsmuster bestimmt durch den Arbeitsplatz, den Wohnort und die Strecke, die sie zwischen den beiden Orten zurücklegen müssen (vgl. Abb. 3) Bei einer Versuchsperson zeigte sich besonders deutlich, wie sehr wir dabei alltäglichen Routinen unterliegen: Die Orte, die in den ersten zehn Tagen des Experiments von der Versuchsperson aufgesucht wurden, machten 96 Prozent der besuchten Orte innerhalb der nächsten sechs Monate aus. (ebd., S. 26) Die Betrachtung eines kurzen Zeitraums reicht also häufig schon aus, um die langfristigen Bewegungsmuster einer Person zu bestimmen, wenn keine Ereignisse wie ein Umzug oder der Wechsel einer Arbeitsstelle vorliegen. Dies verdeutlicht die Relevanz von Zwischenräumen im alltäglichen Leben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Diminescu et al., 2010, S. 26

3 Die gesellschaftliche Bedeutung von Mobilität und Bewegung

3.1 Aggregierte Bewegungsmuster: Das "Platz-Ballett"

Neben unseren alltäglichen Verpflichtungen und Bedürfnissen, wie bereits angesprochen, sind unsere Bewegungen in der Stadt auch noch von einer Vielzahl anderer Faktoren abhängig, wie beispielsweise natürlichen Rhythmen (Tag- und Nacht-Zeiten), der Infrastruktur (öffentliche Verkehrsmittel, Straßennetz, Öffnungszeiten) oder dem Wetter. Betrachtet man die alltäglichen Bewegungen von Menschen in einer Stadt lassen sich Raum-Zeit-Routinen identifizieren, die als Aktivitätsmuster bezeichnet werden können. Aktivitätsmuster werden definiert als "aggregierte Muster der Bewegungen Einzelner" (Höflich, in Druck, S. 2). Seamon (1979) spricht in diesem Zusammenhang auch von einem "Platz-Ballett":

„Regularity and variety mark the place ballet. Their balance is a rhythm of place: speeding up and slowing down, crescendos of activity and relative quiet. The particular place involves a unique rhythm, whose tempo changes hourly, weekly and seasonally.” (S. 151)

Der Begriff des "Platz-Balletts" drückt deutlich die soziale Komponente von Bewegung und Mobilität aus. Zwar sind es zunächst einmal einzelne Individuen, die sich im Raum der Stadt bewegen, aber durch die ständige Interaktion miteinander, durch den Zwang die eigenen Bewegungen an die Bewegungen der anderen anzupassen, entsteht ein sozialer Rahmen, in dem sich alle Individuen bewegen - ein Tanz.

[...]

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Details

Titel
Mobile Medien im Zwischenraum
Untertitel
Wie mobile Telekommunikation die Bewegung im städtischen Alltag verändert
Hochschule
Universität Erfurt  (Seminar für Medien und Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
Mobile Medien im städtischen Alltag
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
22
Katalognummer
V271856
ISBN (eBook)
9783656628750
ISBN (Buch)
9783656628798
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mobile, medien, zwischenraum, telekommunikation, bewegung, alltag
Arbeit zitieren
Christina Jahn (Autor), 2014, Mobile Medien im Zwischenraum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271856

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