Helden im Sport. Die Darstellung des Kletterers Wolfgang Güllich und die Rolle seines Todes


Seminararbeit, 2012

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Heldenbegriff
2.1 Helden in ihrer Geschichte und heute
2.2 Die Heldeninitiation
2.3 Helden im Sport
2.4 Heldentum und Tod

3. Der Dokumentarfilm als audiovisuelles Medium
3.1 Die Besonderheiten audiovisueller Medien
3.2 Die Funktionen audiovisueller Medien
3.3 Der Dokumentarfilm

4. Wolfgang Güllich – ein Held?
4.1 Wolfgang Güllichs Potential zum Helden
4.2 Darstellung Wolfgang Güllichs vor dessen Tod
4.3 Darstellung Wolfgang Güllichs nach dessen Tod

5. Resümee

6. Literatur

Anhang I

"Das Gehirn ist der wichtigste Muskel beim Klettern."

"Es ist schon richtig, dass beim Klettern an Einfingerlöchern der Finger extrem beansprucht wird. Allerdings werden die restlichen Finger vollkommen geschont."

"Man geht nicht nach dem Klettern einen Kaffee trinken, sondern Kaffeetrinken ist Teil des Kletterns."

„Noch nie habe ich das Leben in seiner Schönheit so intensiv erfahren, wie an zwei Fingerspitzen frei über dem Abgrund hängend.“

[Wolfgang Güllich (1960-1992)] [1]

1. Einleitung

Am 31. August 1992 erlag der Kletterer Wolfgang Güllich den Folgen eines Autounfalls. Nicht jeder kannte ihn. Gesehen haben ihn dennoch Millionen von Menschen – als Stallone-Stuntdouble in dem Film „Cliffhanger – nur die Starken überleben“, dessen Premiere er selbst nicht mehr miterlebte. Er war einer derjenigen, die das Klettern als einen Sport etablierten. Unter Seinesgleichen war er hochgeschätzt. Seine immer wieder erstaunlichen Leistungen wurden sehr bewundert, seine Persönlichkeit noch mehr. Mit seiner Bescheidenheit und seiner Zielstrebigkeit, seinem Umgang mit Menschen und seiner Lebenseinstellung beeindruckte er viele. Sein Leben war vorbildlich, sein Tod tragisch. Er ist als Held von uns gegangen. Oder doch nicht? Diese Frage versucht diese Arbeit nicht zu beantworten. Welche Frage sie jedoch behandelt, ist, ob er als Held dargestellt wurde, und ob es Anzeichen dafür gibt, dass sein früher Tod mit nur 31 Jahren (*23. Oktober 1960) zu einer heldenhafteren Darstellung führte als sie es vor dem 31. August 1992 war.

Um diese Frage beantworten zu können, benötigt es zunächst eine Idee des Heldenbegriffs und welche Rolle diese im Sportsystem spielt. Die Bedeutung des Todes – insbesondere eines frühen Todes – in diesem Zusammenhang wird anschließend erläutert.

Bevor die Analyse eines Kurzportraits[2] zu Lebzeiten Güllichs und die Analyse des Dokumentarfilms „Jung stirbt, wen die Götter lieben[3] erfolgen, wird noch auf die Besonderheit dieses audiovisuellen Mediums eingegangen.

2. Der Heldenbegriff

Der Begriff „Held“ ist sowohl innerhalb als auch außerhalb des Sportsystems nur unscharf formuliert.[4] So kann lediglich eine Annäherung daran stattfinden.

2.1 Helden in ihrer Geschichte und heute

Der antike Held ist jemand mit übermenschlichen Fähigkeiten, der deshalb eine Stellung zwischen Göttern und Menschen einnimmt.[5] Auch heute liegt die Faszination an solchen Persönlichkeiten darin, dass sie das Sichtbare mit dem kaum Erklärbaren verbinden und somit Außeralltägliches zeigen.[6] Einerseits erfüllt der Held damit stellvertretend den Wunsch des Menschen nach Exzellenz und andererseits ermöglicht er eine Identifikation auf der Basis von Ähnlichkeiten.[7]

Das Potenzial zum steten Hinausschieben der Leistungsgrenzen ist bereits anthropologisch im Menschen angelegt.[8] Die Massenmedien und damit auch die Öffentlichkeit sind es dann, die diejenigen, die diese Höchstleistungen erbringen, in Interaktionsprozessen zu Stars, Idolen oder auch zu Helden etikettieren.[9] Die hierfür erforderlichen besonderen charakterlichen und körperlichen Fähigkeiten sind in den potentiellen Heroen bereits vorhanden, welche diese dann in einer sozialen Situation, in der diese gefordert werden, zur Entfaltung bringen. Der Heldenstatus muss erarbeitet und Fremderwartungen müssen erfüllt werden. Für die Etikettierung als Held genügt Begabung also alleine nicht. Entscheidend hierfür ist vielmehr die Bereitschaft, sich für die Gemeinschaft und ihre tragenden Werte aufzuopfern,[10] womit „[d]er ‚totale‘ Einsatz des Helden […] im Kontrast zur funktional spezifischen Einbindung des einzelnen in die Rollensysteme ausdifferenzierter Gesellschaften [steht]“[11]. In der heutigen Gesellschaft jedoch wirkt auch der Held in seiner Rollenspezialisierung in dem jeweiligen System (z.B. Sportsystem), in dem er sich befindet.[12] Ebenso ist der „kollektive Wertbezug“ einer eher individualistischen Interessenslage gewichen.[13]

2.2 Die Heldeninitiation

Das Ritual, durch das jemand zum Helden wird, ist dabei typisch und wiederholt sich seit Herakles in seinen Grundzügen: „Auszug, Konfrontation, Erfüllung, erfolgreiche Rückkehr oder (sozialer) Tod“[14]. Die verschiedenen Phasen der Heldeninitiation sind also das Überwinden innerer Widerstände und der hiermit verbundene Entschluss, das eigentlich Unmögliche zu versuchen. Die dabei vorgefundenen Widerstände und erfahrenen Leiden werden in Kauf genommen. Es kommt zu einer Bewährungsprobe, im Verlauf deren auch Angst bzw. Furcht empfunden werden kann und überwunden werden muss. Das Leben bzw. die körperliche Unversehrtheit sind der Einsatz, das Handlungsfeld ist zeitlich und räumlich begrenzt. Neben dem triumphalen Empfang, den der Held bei der Rückkehr erhält, gewinnt er durch den „Eingang in das kollektive Gedächtnis […] eine Art Unsterblichkeit“[15].

2.3 Helden im Sport

Spitzensportler zeigen außeralltägliche Leistungen und erfüllen damit eine wichtige Bedingung, als Helden etikettiert werden zu können. Zusätzlich besitzt der Sport durch die Ermöglichung von Interessensverschränkungen in differenzierten Gesellschaften eine höhere „Heldenerzeugungskompetenz“[16] als alle anderen Sozialbereiche. Während von den „Alltagshelden“[17] nur zeitweise die Rede in den Massenmedien ist, spricht Bette sogar von einer „Monopolisierung der Heldenrethorik zugunsten des Sports“[18] und Schmitz vom zum Teil inflationären Gebrauch des Heldenbegriffs.[19] Eisenberg geht noch ein Stück weiter und meint, der Sportheld sei durch die „Inflation der Sportsieger“[20] zu einer tragischen Figur geworden.[21] Die Struktur, durch die Helden im Sport erzeugt werden, bringt Bette folgendermaßen auf den Punkt:

„Es sind […] häufig tatsächliche oder antizipierte Notsituationen, die Menschen im Sport zu Helden machen. […] Sporthelden sind deshalb als Sozialfiguren anzusehen, die mit ihrem beherzten und manchmal auch aufopfernden Handeln letztlich auf strukturell und künstlich hergestellte Not- und Gefährdungssituationen reagieren“[22].

In seiner Heldentypologie beschreibt er u. a., dass sich aufgrund von Unterschieden in den Anforderungsprofilen der Sportarten, der Wirkdauer des Sportlers sowie dessen Körperhabitus und performativer Qualitäten auch unterschiedliche Heldentypen ergeben.[23]

Eine Frage, welcher Bette in seiner Heldentypologie nicht nachgeht, ist diejenige, ob es eine Art von „sportartspezifischem Heldentum“ gibt bzw. geben kann, oder ob sich dies mit dem Begriff des Helden ausschließt. Denkbar wäre eine „imagined community“[24], die sich auf die Ausübenden der jeweiligen Sportart beschränkt. In der folgenden Analyse spielt dies insbesondere deshalb eine Rolle, weil sich Güllich als Kletterer in einem Randgebiet des öffentlichen Sports bewegte.

2.4 Heldentum und Tod

Wie bereits unter 2.1 beschrieben, nimmt der antike Held eine Stellung zwischen Menschen und Göttern ein. Er unterscheidet sich insbesondere durch seine kurze Lebensspanne von Gottheiten, kämpft jedoch gegen dieses „menschliche Schicksal“[25] an, indem er sich „in Extremsituationen wagt“[26], dabei seine Kraft verbraucht und häufig jung stirbt. Nach der heidnischen Idee des Heldentums verhilft ihm der frühe Tod zu größerem Ruhm.[27]

So wie dem verstorbenen Helden noch Macht zugesprochen wird, werden auch Sporthelden nach deren Tod verehrt.[28] Der Held von gestern wird häufig mehr geschätzt als aktuelle herausragende Sportler. Sie haben im Gegensatz zu gegenwärtigen Sportgrößen den Vorteil, keine abnehmende Leistungsfähigkeit mehr vor sich zu haben.[29] Denn den Heldentitel kann der Sportler durch schlechte sportliche Leistungen auch wieder verlieren.[30] Und da hinter dem „Erzeugen und Zerstören ihrer Helden“[31] soziale Motive der Gesellschaft stehen, kann er dies auch durch das Symbolisieren „falscher“ Werte.[32] Der „Heldenstatus ist [auch] deshalb immer prekär und labil, weil die Konkurrenz eigene Heldenansprüche stellt. Der Spitzensport ist insofern ein System, das Helden sowohl hervorbringen als auch symbolisch töten kann“[33].

„Selbst der neuzeitliche Sportheld muß in treuer Befolgung des Leistungsprinzips beständig seinen Ruhm aktualisieren, lebt also auf der Ansehensebene sozusagen von der ‚Hand in den Mund‘. Dies erleichtert in einer das Leistungsprinzip als Legitimation für Statuszuweisungen nutzenden Gesellschaft die Mystifizierung des Sportlers als Helden“[34].

Der Held muss sich also nicht nur den Erwerb des Heldenstatus`, sondern auch dessen Erhalt erarbeiten. Dass die entsprechende Kompetenz, um dies in Wechselwirkung mit der Öffentlichkeit zu schaffen, nicht jeder ehemalige Held besitzt, wird an den vielen Abstiegen und so manchem unerwarteten Comeback deutlich.[35]

3. Der Dokumentarfilm als audiovisuelles Medium

3.1 Die Besonderheiten audiovisueller Medien

Zu den wichtigsten Medien gesellschaftlicher Kommunikation zählen heutzutage audiovisuelle Medien – insbesondere Filme.[36] Die Besonderheiten des Mediums „Film“ sind v. a. die Bewegung, die in den Bildern zu sehen sind, dass der Kommunikationsvorgang über die gesprochene und geschriebene Sprache läuft, die Zeit festgehalten ist, sich alles wiederholen lässt und die Wahrnehmung sowohl über den Gehör- als auch über den Sehsinn stattfindet. Der Film ist damit „der Realität so ähnlich, aber nicht die Realität an sich“[37].

3.2 Die Funktionen audiovisueller Medien

Die wichtigsten Funktionen dieser Medien in der heutigen Zeit sind:

- Sozialisationsfunktion (Informationen über Umwelt)
- Rekreations- und Gratifikationsfunktion (Ablenkung, Unterhaltung, psychische Stimulierung, Entspannung)
- Eskapismusfunktion (Flucht aus dem Alltag in neue Realität)
- Voyeurismusfunktion (Zugang zu Geheimnissen und Neuem)
- Domestizierungseffekt (Fremdes wird ins Wohnzimmer gebracht)
- Illusion des „Dabeiseins“ (Teilhabe am Weltgeschehen)[38]

Einige dieser Funktionen unterstützen die Bildung von Heldenfiguren. Wie oben beschrieben, ermöglicht der Held Identifikationen und erfüllt stellvertretend Wünsche. Dabei spielt es eine entscheidende Rolle, dass „[m]it der Abbildung von Wirklichkeitsaspekten […] unser ganzes theoretisches, praktisches, soziales etc. Wissen [dazu] aufgerufen [ist], an der Bedeutungserzeugung des Films mitzuarbeiten“[39]. Der Film hat dementsprechend auch etwas mit Gesellschaftskritik zu tun und der Tatsache, dass es auch anders sein kann.[40] Durch die Direktheit, die einem ein Film bietet, ist man gewissermaßen live dabei, wenn jemand anderes, dem man „gar nicht so unähnlich“ ist, aufregendes, fremdes, neues, anderes erlebt und erreicht.

[...]


[1] Güllich, W. (1960-1992a)

[2] Ballenberger, T. & Hepp, T. (1991)

[3] Roeper, M. & Schmoll, J. (2002)

[4] vgl. Emrich, E. & Messing, M. (2001), S. 43

[5] vgl. Horsmann, G. (2000), S. 64

[6] vgl. Gabler, H. (1999), S. 426

[7] vgl. Emrich, E. & Messing, M. (2001), S. 50

[8] vgl. Emrich, E. & Messing, M. (2001), S. 43; Gehlen, A. (1964), S.46ff

[9] vgl. Emrich, E. & Messing, M. (2001), S. 43 und S. 52

[10] vgl. Emrich, E. & Messing, M. (2001), S. 50ff; Eisenberg, C. (2010), S. 129

[11] Emrich, E. & Messing, M. (2001), S. 51f

[12] vgl. ebd., S. 50f und S. 63

[13] vgl. ebd., S. 51f und S. 64

[14] Emrich, E. & Messing, M. (2001), S. 51

[15] ebd.

[16] Bette (2007), S. 8

[17] ebd., S. 7

[18] vgl. Bette (2007), S. 7f

[19] vgl. Schmitz (2010), S. 3

[20] Eisenberg (2010), S. 133

[21] vgl. ebd.

[22] Bette (2007), S. 14

[23] vgl. ebd. S. 12

[24] ebd. S. 16

[25] Hermes, K. (2007), S. 6

[26] ebd.

[27] vgl. ebd., S. 6

[28] vgl. Hermes, K. (2007), S. 6f und S. 21; Emrich, E. & Messing, M. (2001), S. 52

[29] vgl. Eisenberg (2010), S. 135

[30] vgl. Bette (2007), S. 15

[31] Dewald (2005), S. 213

[32] vgl. ebd.

[33] ebd.

[34] Emrich, E. & Messing, M. (2001), S. 63f

[35] vgl. Bette (2007), S. 16ff

[36] vgl. Grassl, M. (2007), S. 12f

[37] Grassl, M. (2007), S. 14f; vgl. S. 12

[38] vgl. Grassl, M. (2007), S. 12f

[39] ebd., S. 91

[40] vgl. Kuchenbuch, T. (2005), S. 280

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Helden im Sport. Die Darstellung des Kletterers Wolfgang Güllich und die Rolle seines Todes
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für Sportwissenschaft und Sportzentrum)
Veranstaltung
Sportwissenschaftliches Arbeiten/Forschen aus sozialwissenschaftlicher Perspektive
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V271884
ISBN (eBook)
9783656641537
ISBN (Buch)
9783656641506
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sport, Soziologie, Sportsoziologie, Helden, Klettern, Güllich, Heldenmythos, Tod, Heldendarstellung, Massenmedien, Wolfgang, Antike, Heldeninitiation
Arbeit zitieren
Michael Schmitt (Autor), 2012, Helden im Sport. Die Darstellung des Kletterers Wolfgang Güllich und die Rolle seines Todes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271884

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