Ironie als pragmatisch stilistisches Mittel am Beispiel der journalistischen Darstellungsform Kolumne


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
47 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

I. Theoretische Grundlagen
2. Ironie versus Lüge
3. Theorien der Ironie
3.1. Implikaturtheorie P. Grice
3.1.1. Generelle und partikuläre Implikaturen
3.1.2. Ironie – eine konversationelle partikuläre Implikatur
3.2. Sprechakttheorie Austin/Searle
3.2.1. Ironie als Sprechakt
3.2.2. Ironie als indirekter Sprechakt
3.2.3. Ironie als uneigentlicher Sprechakt
3.3. Vergleich
4. Begriffsbestimmung der journalistischen Darstellungsform Kolumne

II. Empirische Analyse
5. Materialgrundlage
6. Methodisches Vorgehen
7. Strategien der Ironie in der journalistischen Kolumne
7.1. Humor
7.2. (Un-)Höflichkeit
7.3. Sarkasmus
7.4. Lob und Tadel
8. Analyseergebnisse und Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Nicht ausschließlich in Diskursen der Linguisten bezüglich indirekter Sprechhandlungen, sondern womöglich in den Vorstellungen Jedermanns taucht Ironie als sprachliches Phänomen auf. In literarischen Texten wird Ironie ebenso als beliebtes Stilmittel verwendet wie auch in der alltäglichen Interaktion zweier Gesprächspartner. Gießmann (1977, 420) ist der Ansicht, dass „[g]rundsätzlich […] die Fähigkeit zur ironischen Verwendung von Sprache zu den Möglichkeiten jedes Sprechers [gehört]. Ebenso ist grundsätzlich jeder fähig, Ironie zu erkennen.“ Dessen ungeachtet wird die Produktion und Rezeption der Ironie in Kommunikationssituationen sowohl vom Sprecher als auch vom Hörer nicht in jedem Fall bewusst realisiert, sondern erfolgt oftmals intuitiv. Betrachtet man diese scheinbar allgegenwärtige sprachliche Technik etwas gezielter, erscheinen einige offensichtliche Fragen als unausweichlich. Auf welche Weise wird das Verständnis von Ironie zu einem erfolgreichen Unterfangen, wenn der Sprecher seine Worte absichtlich umständlich wählt, indem er semantisch von dem abweicht, teilweise sogar das Gegenteil dessen sagt, was er ursprünglich meinte. Aus welchem Grund geht der Sprecher das Risiko ein, missverstanden zu werden? Dies entspricht nicht der Sprachökonomie. Warum sollte man einen indirekten Ausdruck wählen, wenn eine direkte Wortwahl die Situation vereinfacht?

Mit dieser Arbeit soll sich der Ironie aus verschiedenen Betrachtungsperspektiven genähert werden, um die komplexen Strukturen ironisch behafteter Äußerungen, im Hinblick auf deren Strategien zu eruieren. Die Grundlage bildet dabei zunächst die Klassifikation des Ironiebegriffs selbst, dessen Bedeutung sich von der der Lüge strukturell geringfügig, aber dennoch entscheidend differenziert. Anschließend werden die Ironietheorien von Herbert Paul Grice, John Langshaw Austin und John Searle in den Fokus gerückt, mit deren Hilfe die Ironie in ihrer Struktur aufgeschlüsselt und erklärt wird. Nachdem die Gegenüberstellung beider Theorien zusammenfassend die Vor- und Nachteile für die Einordnung der Ironie in die Sprachmodelle offenlegt und auf die Konstitution der Kolumne als Medium der Empirie eingegangen wurde, beginnt der analytische Abschnitt dieser Arbeit. Ziel ist es, die Ironie als ein für die Textsorte Kolumne charakteristisches pragmatisches Stilmittel nachzuweisen, deren Strategien[1], je nach Kontext der Kolumne, verschieden motiviert sein können.

I. Theoretische Grundlagen

2. Ironie versus Lüge

Bevor die Ironie in die verschiedenen Theorien eingeordnet wird, soll eine Definition der Ironie unter der Abgrenzung zur Lüge vorgenommen werden. Knox (1973, 25f.) beispielsweise charakterisiert Ironie anhand von vier Definitionen:

1. Das Gegenteil von dem sagen, was man meint,
2. etwas anderes sagen, als man meint,
3. tadeln durch falsches Lob und loben durch vorgeblichen Tadel,
4. jede Art von Spott.

Diese vier Auslegungen, die Knox konstatiert, genügen Rosengren (1986, 43) nicht, um Ironie als Ganzes zu klassifizieren. Allenfalls beschreiben die ersten drei Definitionen verschiedene Facetten der Ironie, womit aber keinesfalls alle inbegriffen sind. Die vierte Aussage setzt die ersten drei voraus, geht aber weit über den Ironiebegriff hinaus, sodass damit kein konkreter Anhaltspunkt für eine genaue Bestimmung von Ironie gegeben werden kann. Alle Definitionen von Knox beinhalten zwar Eigenschaften der Ironie, separieren sich aber in keinem Punkt von denen der Lüge (vgl. ebd.). Exakt diesem Problem nimmt sich Rosengren (1986, 44) an und erklärt, dass die wörtliche Sprechhandlung bei einer ironischen Äußerung analog zur Lüge keinen Wahrheitsgehalt besitzt. Der Sprecher lügt dennoch nicht, da er nicht die Absicht hat, dass der Hörer dem Glauben schenken soll, was er sagt. Lüge und Ironie liegen angesichts dieses einen gemeinsamen Merkmals sehr nahe beieinander, unterscheiden sich aber in einem anderen. Um diesen Unterschied, der Lüge und Ironie voneinander trennt, zu abstrahieren, kann man im Fall der Lüge folgende Formel anwenden: Der Sprecher äußert eine Behauptung p, glaubt aber das Gegenteil von p. Der Hörer soll p glauben. Im Gegensatz dazu verhält es sich bei der Ironie wie folgt: Der Sprecher äußert eine Behauptung p, glaubt aber das Gegenteil von p. Der Hörer soll das Gegenteil von p glauben. (vgl. ebd., 44)

Falkenberg (1982, 101) spezifiziert in seiner Theorie die Lüge als alleiniges Produkt von Behauptungen. Der Glaube, der den Grundstein einer jeden Lüge ausmacht, kann lediglich durch Behauptungen Ausdruck verliehen bekommen. Aus diesem Konstrukt lassen sich die Glückens-, Gelingens- und Erfolgsbedingungen für die Lüge ableiten, welche in Analogie zu den Behauptungen exakt dieselben sind (vgl. ebd., 101).[2] Das Ziel dieser Überlegung ist es, die Lüge von dem Status als eigenen Sprechhandlungstyp, abzugrenzen. Falkenberg (1982, 99) veranschaulicht den Sachverhalt folgendermaßen: „Die Lüge ist kein besonderer illokutionärer Akt, sondern ein Behauptungsakt unter der zusätzlichen Bedingung, daß der Behauptende unwahrhaftig ist.“

Der Unterschied von ironischen Behauptungen im Vergleich zur Lüge findet sich darin wieder, dass der Hörer nicht glauben soll was der Sprecher äußert, sondern etwas anderes, möglicherweise sogar das Gegenteil. Betrachtet man diesbezüglich erneut die Glückens-, Ge-lingens- und Erfolgsbedingungen, so liegt es auf der Hand, dass die der Ironie weder mit denen der Lüge noch mit denen der Behauptung konform gehen (vgl. Rosengren 1986, 45 f.). Sowohl Lüge als auch Ironie unterscheiden sich demzufolge in ihren Merkmalen von den konventionellen Sprechhandlungen. „Vielleicht sind es sprachliche Handlungen, die erst in einem Kommunikationsprozess selbst entstehen und nur durch Einbeziehung dieses Prozesses konsistent definiert werden können“ (ebd., 48).

3. Theorien der Ironie

Die Ironie als Untersuchungsgegenstand der Linguistik wird bis heute von vielen Sprach-wissenschaftlern mit Hilfe verschiedenster Theorien, die unter anderem aufeinander aufbauen, zum Teil einander auch widerlegen, analysiert. Mit Blick auf diese Thematik erweisen sich zwei renommierte Theorien als unumgänglich. Eine davon wird Grice zugeschrieben, in der er Ironie als eine konversationelle Implikatur konstatiert, die auf einem Verstoß gegen die Maxime der Qualität beruht. Demgegenüber positioniert sich die Sprechakttheorie von Austin bzw. Searle, die Ironie im Sinne einer indirekten oder uneigentlichen Sprechhandlung beschreiben. Beide Theorien werden als Gegenstand der folgenden Kapitel erläutert und gegenübergestellt.

3.1 Implikaturtheorie P. Grice

Die Theorie von Paul Grice gilt als eine der angesehensten und einflussreichsten Theorien der Pragmatik. Nach Auer (1999, 94) wird die Implikatur[3] als ein „Kunstwort“ von Grice eingeführt um einen Schlussprozess zu umschreiben, der nötig ist, um das Gemeinte aus dem Gesagten herauszufiltern.

Als Voraussetzung der Identifikation von Implikaturen muss Meibauer (2001, 24 f.) zufolge davon ausgegangen werden, dass Kooperation als Grundlage jedes kommunikativen Verhaltens vorliegt. Zu dieser Erkenntnis kam Grice und entwickelte basierend auf diesem Gedanken das Kooperationsprinzip sowie vier Konversationsmaximen, die nicht als moralische Norm, sondern vielmehr als Regeln rationalen Verhaltens verstanden werden sollen (vgl. ebd., 24 f.). Den Ausgangspunkt für einen effizienten Informationsaustausch sieht Grice in der Befolgung des Prinzips und der Maxime (vgl. Auer 1999, 96), die im Folgenden definiert werden.

Kooperationsprinzip:

Mach deinen Beitrag zur Konversation genau so, wie es der Punkt der Konversation, an dem er erfolgt, erfordert, wobei das, was erforderlich ist, bestimmt ist durch den Zweck oder die Richtung des Gesprächs, in dem du dich befindest.

Konversationsmaximen:

a) Maximen der Quantität
1. Mache deinen Beitrag so informativ, wie es der gegenwärtige Konversationszweck verlangt.
2. Mach deinen Beitrag nicht informativer, als verlangt.
b) Maximen der Qualität Versuche, einen wahren Beitrag zu geben.
1. Sage nichts, was du für falsch hältst.
2. Sage nichts, für dessen Wahrheit du keine adäquaten Gründe/Beweismittel anführen kannst.
c) Maxime der Relevanz Sei relevant.
d) Maximen der Modalität Sei klar.
1. Vermeide obskure Ausdrucksweisen.
2. Vermeide Doppeldeutigkeit.
3. Sei kurz (vermeide unnötige Weitschweifigkeit).
4. Verwende die richtige Reihenfolge. (Meibauer 2001, 25)

Verfolgt man Gespräche zweier Kommunikationspartner, lassen sich Verletzung einzelner Maxime während der Interaktion kaum vermeiden. Dafür führt Grice unterschiedliche Gründe an. Eine bewusste Irreführung des Hörers durch den Sprecher kann ebenso als Ursache der Maximenverletzung in Frage kommen wie der fehlende Wille das Gespräch fortzuführen oder etwas nahelegen zu wollen, ohne es auszusprechen. „Grice geht deshalb davon aus, daß die Konversationsmaximen, wenn sie denn durch den Sprecher augenscheinlich verletzt wurden, dafür auf einer anderen, tieferen Ebene dennoch befolgt wurden“ (Lapp 1992, 65). Diese Annahme führt im Folgenden dazu, dass der Kommunikationspartner die Intention, die wirklich in der Äußerung des Sprechers verborgen liegt, jedoch aus dem wörtlich Gesagtem nicht abzuleiten ist, anhand dessen erschließen kann, als dass er trotz einer Maximenverletzung des Sprechers von einer kooperativen Haltung ausgeht (vgl. ebd.).

Beispiel 1 (Lapp 1992, 65)

A: Wo ist Hans?
B: Da steht eine dampfende Kaffeetasse
.

Betrachtet man die Antwort von B auf die Frage von A, wird in dieser Situation auf den ersten Blick die Maxime der Relevanz verletzt, woraus ein unkooperatives Verhalten resultieren würde (vgl. ebd.). Bei genauerem Hinschauen ergibt sich eine andere Situation, in der sich B nur scheinbar unkooperativ verhält. Wenn man davon ausgeht, dass die Relevanz von B´s Äußerung für die Beantwortung der Frage von A gegeben ist, kann im Nachhinein die Implikatur in B´s Gesprächsbeitrag erschlossen werden. B´s Aussage: Da steht eine dampfende Kaffetasse, kann gegebenenfalls darauf hinweisen, dass Hans vor wenigen Augenblicken das Haus/den Arbeitsplatz verlassen hat.

Auch die Ironie wird nach Grice durch Nichtbeachtung einer Maxime, genauer der Qualitätsmaxime, eingeleitet. In diesem Zusammenhang gilt es noch einem weiteren Aspekt – dem Unterschied zwischen genereller und partikulärer Implikatur – Beachtung zu schenken, damit Ironie als solche erfasst werden kann.

3.1.1 Generelle und partikuläre Implikaturen

In der Theorie von Grice werden letzten Endes zwei Arten von konversationellen Implikaturen unterschieden. Auf der einen Seite die Generellen, die ohne Hintergrundinformation erfolgreich erschlossen werden können, und auf der anderen Seite die partikulären Implikaturen, dessen Verständnis auf einem bestimmten Kontext beruht. Zunächst wird sich den generellen Implikaturen zugewandt.

Beispiel 2 (Meibauer 2001, 33)

Ich habe Herrn Schmitz mit einer Frau getroffen.

In diesem Fall implikatiert die Äußerung eine Frau auch ohne speziellen Kontext, dass damit nicht seine Frau gemeint ist (vgl. Meibauer 2001, 33). Als Auslöser für diese generelle Implikatur fungiert an dieser Stelle die Verwendung des unbestimmten Artikels, woraufhin der Hörer gemäß der Maxime der Quantität (Mache deinen Beitrag so informativ, wie es der gegenwärtige Konversationszweck verlangt. Mach deinen Beitrag nicht informativer, als verlangt.) davon ausgeht, dass der Sprecher seine Frau gesagt hätte, wenn damit die Ehefrau gemeint gewesen wäre. Im Gegensatz dazu lässt sich an dem folgenden Beispiel von Levinson unschwer die Relevanz eines Kontextes für die Deutung der partikulären Implikatur registrieren.

Beispiel 3 (Levinson 2000, 138)

A: Was um alles in der Welt ist mit dem Braten passiert?
B: Der Hund sieht sehr zufrieden aus.

Die Implikatur, die in der Antwort von B verborgen liegt – der Hund hat den Braten gefressen – kann nur als solche identifiziert werden, wenn der Kontext, der aus der Frage von A hervorgeht, die notwendigen Informationen liefert (vgl. Levinson 2000, 138). Rückblickend auf das Kooperationsprinzip sowie auf die Konversationsmaximen von Grice ermöglicht allein die Annahme von A, dass sich B kooperativ verhält und die Äußerung – auch wenn es nicht den Anschein macht – der Maxime der Relevanz entspricht, das Erschließen der konversationellen partikulären Implikatur. „Vornehmlich die partikularisierten Implikaturen gehen aus einem offenen, als solchen erkennbaren Verstoß gegen eine Konversationsmaxime hervor; gerade sie entstehen dadurch, daß eine entsprechende Maxime ausgebeutet wird“ (Rolf 1994 128).

Die Frage, ob der Ironie eine Verletzung oder Befolgung einer Konversationsmaxime zugrunde liegt bzw. sie eine notwendige kontextuelle Bindung aufweist, ist Gegenstand des nächsten Kapitels.

3.1.2 Ironie – eine konversationelle partikuläre Implikatur

Ironie entsteht laut Grice aus der Missachtung der Qualitätsmaxime, wodurch sie von der Implikaturtheorie erfasst und aufgeschlüsselt werden kann.

Beispiel 4 (Levinson 2000, 121)

A: Teheran liegt in der Türkei, Herr Lehrer.
B: Und London liegt in Armenien, stimmt`s?

Sprecher B (Lehrer) reagiert mittels einer offensichtlich inhaltlich falschen rhetorischen Frage auf die Antwort von A (Schüler). Die Unwahrheit, die aus der Äußerung von B hervorgeht und zumindest auf wörtlicher Ebene die Qualitätsmaxime von Grice verletzt, erkennt A als von B beabsichtigt an, da anzunehmen ist, dass ein Akademiker London nicht als Teil Armeniens versteht. Weiterhin vermutet der Schüler, dass hinter der Reaktion des Lehrers eine kooperative und relevante Motivation steckt, was ihn demzufolge die ironische Absicht erkennen lässt. Meibauer (2001, 28) erklärt dazu, dass im Fall von Ironie eine scheinbare Verletzung der Qualitätsmaxime vorliegt, die sich durch die Unwahrheit auf wörtlicher Ebene bemerkbar macht (vgl. ebd.). An diesem Beispiel kommt der partikuläre Charakter der Implikatur deutlich zum Vorschein. Es bedarf zweifellos Hintergrundwissen, um die wörtliche Ebene auszuschalten und die intendierte Ironie herauslesen zu können. Bei separater Betrachtung der Aussage von B wäre dieser Schlussprozess nicht möglich. Grice konstatiert in seiner Theorie zwar die Bedingungen, unter denen ein Hörer ironische Äußerungen dekodiert, jedoch kann nach Lapp (1992, 71) die Gricesche Analyse, aufgrund ihrer Beschränkung auf die Verletzung der Qualitätsmaxime, nicht dem gesamten Umfang alltagssprachlicher Ironie gerecht werden.

3.2 Sprechakttheorie Austin/Searle

Einen weiteren Meilenstein – womöglich sogar das Kernstück der Pragmatik – setzte John L. Austin mit seiner Theorie der Sprechakte (vgl. Meibauer 2001, 84). Die Alltagssprache galt dabei als sein Untersuchungsgegenstand, bei der er diverse Deklarativsätze entdeckte, die „offenbar keines Wegs geäußert werden, um wahre oder falsche Aussagen zu machen“ (Levinson 2000, 249).

Beispiel 5 (Levinson 2000, 249)

Ich entschuldige mich. à Entschuldigung
Ich gebe dir mein Wort. à Versprechen

Nach Austin (1972, 110) wird mit dieser Art von Sätzen nicht nur etwas gesagt, sondern auch etwas getan, woraufhin etwas in der Welt eine Veränderung erfährt (vgl. ebd., 110). John R. Searle griff nach seinem Studium bei Austin diesen Ansatz auf, entwickelte ihn weiter und konstatierte als wesentliches Kriterium, dass Äußerungen als Handlungen gelten können. Meibauer (2001, 85 f.) erklärt als Merkmale, die diesen Handlungen innewohnen, zum einen, dass das Ausführen der Handlung eine Veränderung in der Welt bewirkt. Zum anderen muss die Veränderung auf das Eingreifen des Handelnden zurückzuführen sein. Des Weiteren muss die Handlung auf einer Intension basieren und zusätzlich auf die Fähigkeiten des Handelnden zurückzuführen sein. Searle untergliedert den Sprechakt in drei Teilakte – Äußerungsakt, propositionaler Akt, illokutionärer Akt.[4] In manchen Arbeiten findet an dieser Stelle ein vierter Akt – der perlokutionäre Akt – bei dem die Berechtigung als Akt im engeren Sinne noch als umstritten gilt, Berücksichtigung (vgl. ebd.). Zusammenfassend analysiert die Sprechakttheorie demnach „die Relation zwischen einer Äußerung und einem sprachlichen Handlungstyp in einer Äußerungssituation“ (ebd., 85).

3.2.1 Ironie als Sprechakt

Um die Ironie in das Sprechaktmodell von Austin und Searle zu integrieren, muss der Rahmen der bisherigen Überlegungen erweitert werden. Denn sowohl Austin „[…] hatte Ironie und andere Formen nicht-wörtlichen Sprechens noch explizit aus seinen Überlegungen ausgeschlossen“ (Lapp 1992, 88), als auch Searle, der „[…] sich nur am Rande für Ironie und die mit ihrer Beschreibung verbundene Problematik [interessierte]“ (ebd., 89), untersuchte dieses Problem nicht zufriedenstellend. Rosengren (1986, 42) charakterisiert die Ironie als „[...] eine echte Herausforderung an die Sprachhandlungstheorie.“ Offensichtlich besteht die Möglichkeit mit ironischen Äußerungen Handlungen zu vollziehen, wie es im folgenden Beispiel der Fall ist.

Beispiel 6 (Lapp 1992, 91)

Der Angestellte kommt anstatt um 8 Uhr morgens um 12 Uhr mittags. Der Chef sagt: „Guten Morgen.“

Durch diese Äußerung Guten Morgen führt der Chef auf ironische Weise eine Handlung, nämlich die des Tadels, aus. Jedoch Ironie mit dem Sprechakt auf dieselbe Stufe zu stellen, wäre, aufgrund dessen, dass Ironie mit Hilfe mehrerer Sprechakttypen (Fragen, Aufforderungen, etc.) ausgedrückt werden kann, nicht angemessen. Explizit dazu äußert sich Lapp (1992, 91) indem er feststellt, dass „[…] die Rede von ironischen Sprechakten irreführend“ ist und „[m]it diesem Sprachgebrauch nahegelegt [wird], es gebe einen Sprechakttyp Ironie.“ Die Ironie scheint demzufolge auf anderer Ebene zu liegen.

3.2.2 Ironie als indirekter Sprechakt

Wie bereits im Kapitel 2.1 dieser Arbeit angesprochen, liegt der ironischen Äußerung eine Diskrepanz auf wörtlicher und inhaltlicher Ebene zugrunde. In diesem Zuge wurde unter anderem von Rosengren (1986) versucht, Ironie als indirekten Sprechakt zu charakterisieren. Zunächst wird sich jedoch der Theorie der indirekten Sprechakte selbst zugewandt. In seinem Aufsatz Indirekte Sprechakte erklärt Searle (1993), dass Sprechhandlungen auch auf indirektem Wege geäußert werden können.

Beispiel 7 (Searle 1993, 53)

Student X: Komm, wir gehen heute Abend ins Kino.
Student Y: Ich muss für eine Prüfung lernen.

In der Äußerung von Y werden gleichzeitig zwei Illokutionen transportiert. Die wörtliche Illokution, bei der es sich um eine Feststellung handelt, bezeichnet Searle als die sekundäre. Dagegen liegt in der primären Illokution des Sprechers Y seine tatsächliche Intention – die Ablehnung – versteckt (vgl. Searle 1993, 53 f.).

Infolgedessen „begrenzt [Searle] sein Indirektheitsprinzip explizit auf die Fälle, bei denen durch die Ausführung einer Handlung zusätzlich eine weitere, die eigentlich intendierte, ausgeführt wird und verweist überall dort, wo zudem Propositionen verändert werden, auf Grice` Konzept der konversationellen Implikatur.“ (Hartung 1998, 37)

Paradoxerweise hat die Implikaturtheorie mit Searles Theorie nichts gemein, woraufhin er sich in einem anderen Beitrag von ihr abgrenzt und sie letzten Endes als unzulänglich erklärt (vgl. ebd.). Der indirekte Sprechakt beruht auf einer Uminterpretation des illokutionären Aktes, sodass aus der sekundären Illokution die primäre entsteht. Kann demzufolge eine ironische Äußerung zu einem indirekten Sprechakt erklärt werden? Man könnte auf den ersten Blick in Versuchung geraten, diese Vermutung zu bestätigen, da man bei einer ironischen Äußerung analog zum indirekten Sprechakt eine Uminterpretation vornehmen muss, um die verborgene Intention zu entschlüsseln. Beispiel 8 wird diese Vermutung widerlegen:

Beispiel 8 (Groeben/Scheele 1984, 337)

P2 fährt P1 im Laufe eines Gesprächs an, daraufhin P1 zu P3: „Ist sie nicht sanft wie ein Engel?“

In dieser Frage, wird anstatt der Illokution die Proposition uminterpretiert, um das Gemeinte herauszufiltern. „Die illokutive Rolle wird nicht umfunktioniert“ (Rosengren 1986, 51), denn es handelt sich nach wie vor um eine Frage, wenn auch um eine rhetorische. Es liegt Ironie vor, das Kriterium des indirekten Sprechaktes ist nach Searle aber nicht erfüllt. Wenn man Beispiel 7 und Beispiel 8 zusammenfassend betrachtet, kann daraus schlussfolgernd gesagt werden, dass nicht alle indirekten Sprechakte per se als ironisch zu fassen sind und nicht alle ironischen Äußerungen mit Hilfe indirekter Sprechakte umgesetzt werden. Schlussfolgernd kann Ironie nicht mit einem indirekten Sprechakt gleichgesetzt werden. Natürlich gibt es auch Beispiele, die sowohl das Kriterium der Ironie als auch das der Indirektheit in sich vereinen.

Beispiel 9 (Lapp 1992, 96)

„Ich stelle fest, daß die Beteiligung im Seminar heute mal wieder umwerfend ist.“ (Wenn jeder weiß, dass sie es nicht ist)

Die Ironie wird in diesem Fall durch das Uminterpretieren der Proposition (die Beteiligung war schlecht) in eine indirekte Sprechhandlung gehüllt, die dadurch gekennzeichnet ist, dass sich aus der sekundären Illokution ich stelle fest (Feststellung/Behauptung) die primäre – ich fordere auf es besser zu machen – ableitet.

3.2.3 Ironie als uneigentlicher Sprechakt

In Anlehnung an die vorherigen Überlegungen lässt sich Ironie weder als indirekter noch als direkter Sprechakt beschreiben. Basierend auf diesen Erkenntnissen versuchen Groeben/Scheele (1984) diese Problemstellung durch die Differenzierung der Termini indirekt und uneigentlich zu lösen. In diesem Zusammenhang wird darauf aufmerksam gemacht, dass der „[…] Begriff des uneigentlichen Sprechens für Dissoziationen auf propositionaler Ebene und [der] des indirekten Sprechakts für solche auf illokutiver Ebene vorzubehalten [ist]“ (ebd., 46). Da alle ironischen Äußerungen bezüglich der Proposition eine Veränderung erleben, kann folglich die Ironie als ein uneigentlicher Sprechakt definiert werden. Zusätzlich besteht, neben der direkten Ausführung, die Möglichkeit, dem uneigentlichen Sprechakt durch Veränderung der Illokution einen indirekten Charakter zu verleihen (vgl. ebd.).

Dissoziation auf propositionaler Ebene

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Groeben/Scheele 1984, 47)

Ironische Äußerungen sind demzufolge in jedem Fall uneigentliche Sprechakte, die sich entweder direkt oder indirekt manifestieren. Die Theorie, die Ironie als uneigentlichen Sprechakt beschreibt, hat nach Lapp (1992, 111) keine Gültigkeit, da es Beispiele gibt, bei denen, das von Groeben/Scheele aufgeführte notwendige Kriterium der Ironie – die Dissoziation auf propositionaler Ebene – nicht nachgewiesen werden kann (vgl. ebd.).

Beispiel 10 (Rosengren 1986, 55)

Du darfst mir beim Aufwaschen helfen.

Bei diesem Beispiel, entsteht die Ironie nicht etwa durch den Kontrast auf propositionaler Ebene, sondern auf illokutiver, bei der aus einer vorgeblichen Erlaubnis eine Aufforderung resultiert.

3.3 Vergleich

Nachdem sich in den vorangegangenen Kapiteln einer systematischen Einordnung der Ironie in die Theorien beider Sprachwissenschaftler gewidmet wurde, erfolgt nun eine Gegenüberstellung der Implikatur- und Sprechakttheorie, um deren Gültigkeit für die Erfassung der Ironie zusammenzufassen. Der Ansatz von Grice, in dem er versucht, Ironie in seine Theorie zu integrieren, basiert auf der Verletzung der Qualitätsmaxime. Rosengren (1986, 63) bewertet diesen Versuch als unzureichend, da in seiner Theorie weder ironische Fragen noch ironische Aufforderungen Berücksichtigung finden (vgl. ebd.). Fakt ist, dass anhand dieser Theorie rekonstruiert werden kann, „[…] wie ein Hörer bei einer konkreten Äußerung deren kommunikative Bedeutung ermittelt […]“ (Hartung 1998, 43), sie jedoch keine Angaben über die Art der Äußerung und den Kontext macht. Defizite der Implikaturtheorie ergeben sich vor allem im Hinblick auf die Funktion der Ironie für die Interaktion und darauf, warum die ausgewählte Äußerung überhaupt ironisch ist. Demzufolge kann nach Hartung (1998, 43) dieser Ansatz als Analyseinstrument für ironische Äußerungen keine Verwendung finden. An anderer Stelle erzeugt die Theorie von Grice wiederum positive Resonanz, durch die darauf aufmerksam gemacht wird, dass „[d]urch das Konzept der konversationellen Implikatur […] Grice den Begriff der Ironie erfolgreich in sein pragmatisches Modell integriert [hat]“ (Lapp 1992 ,71).

[...]


[1] Die Strategien der Ironie werden im empirischen Teil unter Punkt 7 im Einzelnen erläutert und an ausgewählten Beispielen der Kolumne belegt.

[2] Die Glückens-, Gelingens- und Erfolgsbedingungen sind bei Falkenberg (1982, 107) ausführlich aufgelistet.

[3] In dieser Arbeit wird mit dem Begriff Implikatur ausschließlich auf die konversationelle Implikatur verwiesen.

[4] Für präzisere Ausführungen vgl. Meibauer (2001, 86 f.), Levinson (2000, 258).

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Ironie als pragmatisch stilistisches Mittel am Beispiel der journalistischen Darstellungsform Kolumne
Hochschule
Universität Bayreuth
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
47
Katalognummer
V271893
ISBN (eBook)
9783656629665
ISBN (Buch)
9783656629658
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ironie, pragmatisch, Pragmatik, Searle, Austin, Sprechakttheorie, Implikaturtheorie
Arbeit zitieren
Sören Stübner (Autor), 2013, Ironie als pragmatisch stilistisches Mittel am Beispiel der journalistischen Darstellungsform Kolumne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271893

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