Die Muridiyya und ihr Einfluss auf die Politik des Senegals im 20. Jahrhundert


Hausarbeit, 2009
17 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG

1. DIE MURIDIYYA
1.1 AHMADU BAMBA UND DIE ENTSTEHUNG DER MURIDIYYA
1.2 LEHRE UND ORGANISATION

2. MURIDIYYA UND POLITIK IM SENEGAL
2.1 DIE ÄRA LÉOPOLD SÉDAR SENGHORS (1960-1980)
2.2 DIE ÄRA ABDOU DIOUFS (1981-2000)

3. VERGLEICH

4. FAZIT

BIBLIOGRAPHIE

Einleitung

Die Begriffe Religion und Politik sind seit jeher eng miteinander verbunden. So ist aus der aktuellen Weltpolitik das Wort „Islam“ nicht mehr wegzudenken. Täglich demonstrieren uns Nachrichten über Religionskonflikte in der islamischen Welt, dass Religion bis heute eine bedeutende Rolle für die Politik eines Landes spielt. Aktuelle politische Debatten, z.B. die Integrationsfrage der zahlenmäßig steigenden muslimischen Bevölkerung in Deutschland zeugen ebenfalls von dieser Wechselwirkung.

Auch in Afrika gingen Religion und Politik mitunter sehr enge Bindungen ein. In den letzten Jahrhunderten gewann der Islam im Zuge der Islamisierung zunehmend an Bedeutung. Von den weltweit über einer Milliarde Muslimen leben heute ein Drittel in Afrika, was dem afrikanischen Islam mehr Gewicht verleiht, als in der Weltöffentlichkeit bislang angenommen wird. Die Verbreitung des Islam begann bereits vor dem 11. Jh. durch den Fernhandel mit muslimischen Händlern entlang der Sahararouten. Der Reichtum, die Schriftkultur und das islamische Wertesystem der Araber beeindruckte die afrikanischen Herrscher, die recht bald zum Islam konvertierten und ihre eigenen religiösen Traditionen mit ihm vermischten. Vom 17. bis 20. Jh. folgte unter anderem durch militante Glaubenskriege (Djihads) und damit verbundenen neuen, streng islamischen Herrschaftsverhältnissen eine flächendeckende Ausbreitung des Islam in Nord- und Westafrika. Eine tragende Rolle übernahmen dabei islamische Bruderschaften (auch Sufi-Orden), die sich ab dem 12. Jh. zu hierarchisch strukturierten Glaubensgemeinschaften verfestigten und fortan in Nord- und Westafrika verbreiteten. Die wichtigsten unter ihnen waren und sind: Quadiriyya, Tidjaniyya und Muridiyya.

In der Annahme, dass der islamische Glaube auch für die postkoloniale Politik westafrikanischer Staaten eine bedeutende Rolle spielte, begründet sich mein Interesse, die Einflüsse islamischer Bruderschaften in deren Politik näher zu analysieren. Dafür bietet sich die Muridiyya an, denn durch ihre Konzentration im Senegal lässt sich an ihr beispielhaft die Beziehung zur postkolonialen senegalesischen Politik untersuchen. Trotz eines muslimischen Bevölkerungsanteils von über 90% besitzt die Republik Senegal seit jeher eine laizistisch-säkular ausgerichtete Regierung. Inwiefern hatten muridische Glaubensführer Einfluss auf die Politik des ersten Präsidenten Léopold Sédar Senghor nach der Unabhängigkeitserklärung und wie veränderte sich die Beziehung zwischen Staat und Muridiyya nach dem Präsidentschaftswechsel 1980? Aufgrund der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen und dem neuen politischen Kurs Abdou Dioufs ist anzunehmen, dass grundlegende Veränderungen stattfanden.

Ich möchte in meiner Arbeit zunächst einen Abriss liefern über die Bruderschaft der Muridiyya, ihre Entstehung und Lehre (Kapitel 1). Anschließend untersuche ich die Wechselbeziehung zwischen der Muridiyya und der Politik im Senegal (Kapitel 2) und teile den Betrachtungszeitraum dabei chronologisch in die zwei Präsidentschaften nach der Unabhängigkeit ein. Im Vergleich (Kapitel 3) werden diese Zeiträume miteinander verglichen und Aussagen getroffen über Veränderungen und Entwicklungen der Einflussnahme.

Meiner Arbeit liegen maßgeblich die Werke von Lucy Behrman und Roman Loimeier zugrunde, die beide ausführliche Untersuchungen über die Beziehung zwischen islamischen Bruderschaften und der senegalesischen Politik liefern. Behrmans Feldforschung fand in den 60er Jahren statt und gibt deshalb nur Aufschluss über jene Zeit, während Loimeiers Abhandlungen aus dem Jahre 2001 auch die Präsidentschaft Dioufs miteinbeziehen. Des Weiteren stütze ich mich auf Rüdiger Seesemanns Werk über Ahmadu Bamba und die Entstehung der Muridiyya sowie auch auf die Forschungsergebnisse O´Briens in seinem 1971 erschienenen Werk The Mourids of Senegal.

1. Die Muridiyya

1.1 Ahmadu Bamba und die Entstehung der Muridiyya

Schon sehr früh in der Geschichte des Islam gingen einige strenggläubige cheikhs als Führer bestimmter Glaubensgemeinschaften hervor und formierten im Laufe der Zeit eine wachsende Schar von Anhängern um sich. Durch ihre religiöse Lehre und mystische Wirkung wurden sie zu Leitbildern und Vätern islamischer Bruderschaften (tariqa, arab: „Weg“, „Pfad“)1, die sich durch strenge Frömmigkeit und Untergebenheit ihrer Anhänger, eigene mystische Rituale und Gebetsformeln und hierarchische Strukturen auszeichneten. Im Zuge der Islamisierung verbreiteten sich frühe Bruderschaften, wie z.B. die Tidjaniyya und Qadiriyya in Nord- und Westafrika und fassten im 17. Jh. vor allem in der senegambischen Landbevölkerung Fuß.2 Der Gründer der Muridiyya3 Ahmadu Bamba Mbacké wurde Mitte des 19. Jh. in dem nach seiner Familie benannten Ort Mbacké im damaligen Königreich Baol geboren.4 Sein Vater war bereits ein einflussreicher islamischer Gelehrter und Mitglied der Qadiriyya, der auch Ahmadu Bamba zunächst angehörte. Durch ihn erhielt Bamba schon früh eine intensive islamische Erziehung und Ausbildung und unternahm in den 80er Jahren weite Bildungs- und Pilgerreisen.5 Er hegte eine enge Freundschaft mit dem Geistlichen Lat Dior, der eine Armee von Widerstandskämpfern gegen die zunehmend dominante Kolonialmacht der Franzosen anführte. Trotz seiner politisch grundlegend neutralen Haltung wurde Ahmadu Bamba nach dem Tod Diors zum Anlaufpunkt der Widerständler. Schnell schlossen sich Gläubige an, die in dem asketischen Einsiedler Bamba ihren neuen Glaubensführer sahen. Die Ende der 80er Jahre in Mbacké entstandene Gemeinschaft von Anhängern Bambas kann als erste, noch sehr heterogene, muridische Gemeinschaft gesehen werden, obgleich Bamba erst nach einer späteren Offenbarung die Gründung einer neuen Bruderschaft plante. Mit der Gründung der Stadt Touba als zukünftiges Zentrum der Muriden wurde am Ende des 19. Jh. der Grundstein der Muridiyya gelegt.

Durch die schnell steigende Zahl von Mitgliedern wurde die Muridiyya von den Franzosen zunehmen als Bedrohung angesehen.6 Die zweite Hälfte Ahmadu Bambas Leben war deshalb von den Auseinandersetzungen mit der französischen Kolonialmacht geprägt. Obwohl sich Bambas neutrale, fast gleichgültige Haltung gegenüber der Kolonialmacht zeitlebens kaum änderte, wurden ihm immer wieder oppositionelle Kampfhandlungen vorgeworfen.7 Seine zweimalige Verbannung ins Exil nach Gabun, bzw. Mauretanien, verbunden mit zahlreichen Mythen und Heldengeschichten über seine Person, beschleunigte das Anwachsen und die Ausbreitung der Muridiyya jedoch umso mehr. Zu Beginn des 20. Jh. wurde die militärische Verwaltung der Kolonie allmählich gegen eine Zivilverwaltung ersetzt. Die hierarchisch organisierte Struktur, Disziplin und Unterwürfigkeit der muridischen Landbevölkerung erwiesen sich als sehr hilfreich für die indirekten Herrschaftsformen der Franzosen über die indigene, senegalesische Bevölkerung und vorteilhaft für ihre wirtschaftlichen Interessen. Anstelle einer gewaltsamen Bekämpfung entschieden sich die Franzosen deshalb für eine Friedenspolitik und Kooperation mit den Glaubensführern der Bruderschaften.8

Ein erster Beweis hierfür war die finanzielle Unterstützung des von Ahmadu Bamba geplanten Baus einer Moschee in Touba, die 40 Jahre später als größte Moschee Westafrikas fertiggestellt wurde.9 Touba als Ort seiner ersten Offenbarung wurde nach dem Tod Ahmadu Bambas am 19.07.1927 zu seiner Grabstätte und damit bis heute zum wichtigsten Pilgerziel der Muriden.

1.2 Lehre und Organisation

Nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch früherer Königreiche, den Umstrukturierungen durch die Djihads und der Ausbreitung der Franzosen im 19. Jh. erwuchs in der Bevölkerung zunehmend das Bedürfnis nach religiösen Leitbildern und politischen Autoritäten. Unter den Anhängern der Muridiyya war hauptsächlich die ethnische Gruppe der Wolof vertreten, die mehr als ein Drittel der Bevölkerung Senegals ausmachte und durch ihre ebenfalls hierarchische Gesellschaftsordnung und ihr ländliches Feudalsystem die Lehre der Muriden schnell annahm. Eine wichtige Rolle spielten die Marabuts, strenggläubige islamische Gelehrte, die meist aus einer einflussreichen Familie stammten und durch ihre Frömmigkeit, ihr Wissen und asketische Lebensweise eine autoritäre Stellung in der islamischen Gemeinschaft einnahmen.

Die enge klientelistische Beziehung zwischen den Marabuts und ihren Schülern, den Talibés,10 galt als Hauptorganisationsform der Muridiyya. In sozioökonomischen Institutionen, den sogenannten Daras, arbeiteten Talibés oft viele Jahre lang auf den Feldern ihrer Marabuts und wurden im Gegenzug dazu nach islamischer Tradition erzogen und unterrichtet und durch den Baraka gesegnet.11 Durch Hingabe, Gehorsam und Unterwerfung wurde das Ziel angestrebt, nach Verlassen der Dara nicht nur ein eigenes Stück Land, sondern auch das „diesseitige und jenseitige Heil“ zu erlangen. Bezeichnend für die Muridiyya im Vergleich zu anderen Bruderschaften war die Betonung der harten körperlichen Arbeit, hauptsächlich im Erdnussanbau, als „Teil der Religion und des Gebets“.12

Ahmadu Bamba galt als ein von Gott ausersehener Mittler und Heilbringer, dessen „göttlicher Befehl“ durch die Marabuts auf die Talibés übertragen werden sollte. Nach dessen Tod wurde seine Position durch den Kalif-Général ersetzt, der fortan das Oberhaupt der Muriden verkörperte. Hinsichtlich der für die Muridiyya charakteristischen sozialen Organisation und wirtschaftlichen Dominanz in den ländlichen Gebieten, begannen die Franzosen im 20. Jh. zunehmend mit den Marabuts zu kooperieren und legten damit den Grundstein für eine Einbeziehung der Bruderschaften in die Politik der Kolonialverwaltung und darüber hinaus.

2. Muridiyya und Politik im Senegal

Mit der Verfestigung kolonialer Verwaltungsstrukturen im 20. Jh. stellte sich die Frage, wie die mehrheitlich islamische Bevölkerung mit ihren Traditionen, Rechten und Sozialstrukturen integriert werden könnte. Die Skepsis einer feindlich gesinnten Haltung blieb sowohl auf Seiten der Franzosen als auch bei den Bruderschaften erhalten. Ein Erbschaftsstreit nach dem Tod Ahmadu Bambas und die damit verbundene Spaltung der Muridiyya nahm der Kolonialmacht jedoch die Furcht vor einer einheitlichen islamischen Oppositionsbewegung.13 Man merkte schnell, dass sich die Marabuts durch finanzielle Zuwendung und Duldung ihrer islamischen Tradition als Verbündete gewinnen ließen.

Auf diese Weise gewann Léopold Sédar Senghor nach der Gründung seiner Partei Bloc Démocratique Sénégalais (BDS) 1948 die Gunst des muridischen Kalif-Général Falilou Mbacké und verschaffte sich damit die Unterstützung großer Teile der Landbevölkerung als Vorteil gegenüber seinem Konkurrenten Lamine Guéye.14 Unter den Stimmberechtigten der Städte befanden sich kaum Muriden, deshalb geriet die Muridiyya erst nach Ausweitung der Wahlberechtigung 1946 und endgültig nach dem Beschluss des allgemeinen Wahlrechts durch das Loi Cadre (Rahmengesetz) 1956 ins allgemeine politische Interesse.15,16 Da die Talibés ihrer Marabuts auch in Hinsicht deren politischer Ausrichtung streng untergeben waren, konnten so die Stimmen der muridischen Bauernschaft allein durch die politische Überzeigung weniger einflussreicher Marabuts gewonnen werden. Auf diese Weise wurde die Verbindung zwischen Senghor und dem Oberhaupt der Muriden zu einer politischen Strategie, die wesentlich dazu beitrug, dass Senghor 1960 das Amt des ersten Präsidenten der Republik Senegal antrat.

[...]


1 Mabe 2004: 108

2 O´Brien 1971: 58

3 Die Bezeichnung für diese Bruderschaft leitet sich nicht, wie bei den meisten, von dem Namen des Gründers ab, sondern kommt von dem arab. Wort murid, das „Schüler“ bedeutet (Brändli 2007: 1).

4 Über das Geburtsjahr Ahmadu Bambas existieren unterschiedliche Quellen. Für gewöhnlich wird der Zeitraum 1850- 1855 angegeben (Seesemann 1993: 127).

5 Seesemann 1993: 128

6 Überlieferungen zufolge soll die Zahl von ca. 5000 Anhänger im Jahr 1900 bis Mitte des 20. Jh. auf über 400.000 angestiegen sein.

7 Hierbei ist zu erwähnen, dass Ahmadu Bamba oft aus den eigenen Reihen der Muridiyya als „Held und Gegner des Kolonialismus“ gefeiert wurde, obwohl politische Aktivitäten nicht nachgewiesen werden können (Seesemann: 1993: 185-186 und 190).

8 Seesemann 1993: 156

9 Seesemann 1993: 158

10 Zu den Talibés gehörten anfangs nicht nur Gläubige, sondern auch ehemalige Krieger, Sklaven und einfache Arbeiter (O´Brien 1971: 40).

11 Bamba soll gesagt haben: „Work for me and I shall pray for you“ (Behrman 1970: 61).

12 Seesemann 1993: 220

13 O´Brien 1971: 264

14 Lamine Guéye unterstützte daraufhin Cheikh Mbacké, mit dem er 1949 gemeinsam die Pilgerreise nach Mekka unternahm, der dem Kalifen aber deutlich unterlegen war (O´Brien 1971: 267).

15 Loimeier 2001: 132-133

16 Die Zahl der Stimmberechtigten erhöhte sich von 200.000 im Jahr 1946 auf 655.000 im Jahr 1951 (O´Brien 1971: 266).

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Muridiyya und ihr Einfluss auf die Politik des Senegals im 20. Jahrhundert
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Afrikanistik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
17
Katalognummer
V271935
ISBN (eBook)
9783656629474
ISBN (Buch)
9783656629467
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Muridiyya, Bruderschaft, Senegal, Ahmadu Bamba, Senghor
Arbeit zitieren
Sabine Forkel (Autor), 2009, Die Muridiyya und ihr Einfluss auf die Politik des Senegals im 20. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271935

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