Die literarische Sichtbarmachung Flauberts in seinem Roman "Madame Bovary" vor dem Hintergrund des Realismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Der Realismus in der Literatur
2.2 Flauberts realistischer Schreibstil am Beispiel von Madame Bovary
2.3 Erste Visualisierung von Charles Bovary

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis
4.1 Primärliteratur
4.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Sara Danius beschäftigte sich in ihrer Studie „The prose of the world“ mit der literarischen Kunst, Dinge sichtbar zu machen. Dabei nimmt sie unter anderem Bezug auf Flaubert, der ihrer Meinung nach einen Wendepunkt in der Geschichte von „la visibilité romanesque“ darstellt. Sie bezieht sich des Öfteren auf Calvino, der die „visuelle Qualität“ von Flauberts Schreibstil untersuchte. Er ist der Ansicht, dass sich die literarische Geschichte um das Thema des Sichtbaren dreht. Für ihn ist der Realismus direkt mit der Sichtbarmachung der Dinge verbunden. Die angesprochene „visuelle Qualität“ sei zunächst erkennbar bei Standhal und Balzac und wurde später von Flaubert perfektioniert. (Danius, Sara)

„Visibility in the novel begins with Stendhal and Balzac, and reaches in Flaubert the ideal rapport between word and image […] “(Calvino, Italo. S. 151f)

Dieses Zitat von Calvino verdeutlicht die einzigartige Fähigkeit Flauberts, das Geschriebene so darzustellen, dass es sich der Leser bildlich vorstellen kann. Flaubert, der zeitgeschichtlich sowohl der Romantik als auch dem Realismus zugeordnet werden kann, wird meist als ein Vertreter oder sogar als Wegbereiter des Realismus angesehen. Seine ersten Werke lassen sich stilistisch der Romantik zuordnen. Mit dem Roman Madame Bovary bricht er allerdings mit diesem Stil und kreiert eine neue Art des Schreibens, die sich durch eine hohe Sprachkunst auszeichnet, die psychologisch subtil auf den Leser wirkt. (Kluge, Daniela. S. 75) „Madame Bovary, c’est moi“ gilt als eines der bekanntesten Zitate Flauberts, womit er den Realismus, das Reale auf eine höherer Ebene stellt. Wenn er sich selbst mit seinem Werk identifiziert, so ist es aus seiner Sicht die Realität, jedoch kann man nicht von Objektivität ausgehen. Flaubert selbst dementiert jedoch Vorwürfe dieser Art und verweist auf seinen Schreibstil, der keinerlei Beurteilung seitens des Autors erkennen lässt. Zumindest nicht auf den ersten Blick.

Was Flaubert auszeichnet, ist, dass er unter Zeitgenossen und Kollegen eine außergewöhnliche Stellung hinsichtlich des Realismus einnimmt und inwiefern er stilistisch vorgeht um diese zu erreichen, wird in der folgenden Ausarbeitung das Thema sein. Als Übersicht werden zunächst kurz die Anfänge der Epoche des Realismus zusammengefasst. Anschließend werde ich exemplarisch auf einige ausgewählte Szenen aus seinem Werk Madame Bovary – Moers de Province eingehen um seinen individuellen und als innovativ bezeichneten Schreibstil zu verdeutlichen, der eine neue Kunst der Sichtbarwerdens beinhaltet.

2. Hauptteil

2.1 Der Realismus in der Literatur

Unter dem Begriff Realismus wird sowohl eine bestimmte Schreib- und Stilform verstanden, als auch die Epochenbezeichnung. Über Zweiteres lässt sich sagen, dass sich der Realismus als literarische Bewegung in den Jahren 1843 bis 1840 entwickelt hat. Der Begriff tauchte in diesen Jahren zum ersten Mal auf und wurde daraufhin immer öfter verwendet und neu definiert. Er entwickelte sich immer weiter, weshalb eine genaue Datierung der Geburtsstunde des Realismus nur schwierig möglich ist. Er wurde geprägt von dem Verlangen der Künstler, die Realität widerzuspiegeln ohne sie zu verändern, wodurch er sich auszeichnet. Gemeint ist eine Darstellungsweise, die die Welt und das Leben so abbildet, wie sie sind, ohne etwaige idealistische Überhöhung oder Verklärung. Es handelt sich dabei nicht um einen vereinzelt auftretenden Trend, sondern vielmehr um eine einheitliche gesellschaftliche Strömung, die einhergeht mit dem damaligen Zeitgeist sowie den politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten. Der Wunsch nach einer realitätsgetreuen Wiederfindung in der Kunst wurde im Zuge der Romantik immer größer. Diese Epoche gab den Menschen die Möglichkeit, gedanklich aus ihrem Alltag zu fliehen und eventuelle Sorgen zu vergessen. Damit gab sie allerdings den Rezipienten gleichzeitig eine verklärende Sicht auf die Realität, was diese zu verdrängen schien und man sich so von ihr distanzieren konnte. Die Romantik als Flucht aus dem Alltag, das Vergessen schlechter Lebensbedingungen, Armut etc. Nichtsdestoweniger bleibt die Realität bestehen und diese wurde nach einer langen Phase einer romantischen Verblendung von den Menschen in der Kunst ersehnt, da die idealistischen Phantasmen der Romantik nicht mit den wahren Lebenssituationen übereinstimmten. Es lässt sich sagen, dass die Leser durch die Kunst nicht entfliehen wollten, sondern sich darin wiederfinden und wiedererkennen wollten, einhergehend mit neuen kritischen Gesellschaftstheorien als Ausdruck eines bürgerlichen Krisenbewußtseins.

Die Konfrontation mit Krieg, soziale Probleme im Zuge der Industrialisierung etc. ließen die romantischen Illusionen endgültig platzen. Der Realismus grenzt sich so zur Romantik ab, die als Epoche versucht hat, das Ideale zu verkörpern und darzustellen. Die Industrielle Revolution sowie die damit einhergehenden Arbeiterbewegungen sind unter anderem die neuen Themen bzw. Inspirationsquellen der Künstler, sowohl Maler wie auch die Literaten. (Schweizer, Stefan. S. 17ff) Unterstützt wurde der Realismus in seiner Entwicklung von der wachsenden Autorität der Naturwissenschaften und dem Fortschritt der Technik, der Fotografie. Diese kann zweifelsohne nur die Realität wiederspiegeln. Vor diesem Hintergrund wurde daher von den Künstlern erwartet, die Wirklichkeit ebenso realitätsnah darzustellen bzw. diese abzubilden wie es bisher nur die Fotografie konnte. Indem er die sozialen und geschichtliche Situation der damaligen Gesellschaft beobachtet, versuchte der Künstler so gut wie möglich diesem Anspruch gerecht zu werden, sodass eine realistische Wiedergabe der Welt und nicht eine verschönerte Form wiedergegeben wird. Dies wurde zum Grundsatz des Realismus. Die Künstler interessieren sich für die Dinge, Menschen und Gegebenheiten wie sie wirklich sind, wobei nicht das Wohlbefinden und der Prunk der höheren gesellschaftlichen Schichten betrachtet werden soll, sondern das einfache Leben von Personen aus unteren sozialen Schichten - normale Arbeiter, Handwerker, Prostituierte etc. Eine Analyse sozialer Probleme, der sich entfaltenden kapitalistischen Wirtschaftsform und Lebensweise, sowie die sich daraus ergebenden Konflikte. All dies führte zu einer Darstellung ohne Künstlichkeit, möglichst lebensnah jedoch auch häufig zu einer Abbildung alltäglicher Härte und Grausamkeit. Eine solche Wiedergabe schlechter Lebensverhältnisse, die möglichst nahe der Wahrheit liegt, ist oftmals nicht durch bloßes Beobachten zu erreichen, sondern erfordert eine längerfristige detaillierte Dokumentation von Lebensumständen. Zusammenfassend lässt sich über den Realismus nun sagen, dass es den Künstlern wichtig wurde bzw. war, möglichst authentisch das Reale künstlerisch widerzugeben, sodass bei den Rezipienten der Eindruck erweckt wird, das Bild oder das Buch, welches sie betrachten oder lesen entspricht der unangefochtenen Realität. Der deutsche Schriftsteller Theodor Fontane hält dieses Prinzip des Realismus in einem Zitat fest

Realismus ist die künstlerische Wiedergabe (nicht das bloße Abschreiben) des Lebens

2.2 Flauberts realistischer Schreibstil am Beispiel von Madame Bovary

Flaubert optimiert dies, indem er nicht nur beobachtet und dokumentiert, sondern Experten aus dem ihm notwendigen Bereich konsultierte, um Informationen über ihm bislang unbekannte Aspekte beispielsweise im medizinischen Bereich zu sammeln, sodass deren Wiedergabe in seinen Werken der Realität entspreche. Für sein Werk „Madame Bovary“ holte er sich medizinischen Rat, da eine der Hauptfiguren „Charles Bovary“ selbst Mediziner ist. Flaubert musste dafür nicht lange suchen, da sein Vater Arzt war und er sich damit bereits etwas in der medizinischen Terminologie auskannte.

« Fils et frère de médecins distingues, M. Gustave Flaubert tient la plume comme d'autres le scalpel. » (zit. n. Sainte-Beuve, 1857)

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Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die literarische Sichtbarmachung Flauberts in seinem Roman "Madame Bovary" vor dem Hintergrund des Realismus
Hochschule
Universität zu Köln  (Romanische Seminar)
Veranstaltung
Französisch Literaturwissenschaft – Malende Dichter, Dichtende Maler
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
15
Katalognummer
V272059
ISBN (eBook)
9783656642039
ISBN (Buch)
9783656642022
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sichtbarmachung, flauberts, roman, madame, bovary, hintergrund, realismus
Arbeit zitieren
Maria Betsch (Autor), 2014, Die literarische Sichtbarmachung Flauberts in seinem Roman "Madame Bovary" vor dem Hintergrund des Realismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272059

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