Realistische Wende in der Erwachsenenbildung

Qualifikation als neue Form der Bildung


Hausarbeit, 2013

12 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Qualifikationsbegriff – Warum Bildung überwinden?
2.1 Göttinger Studie – Angriff auf den klassischen Bildungsbegriff
2.2 Robinsohns Überlegung zu einer empirisch fundierten Bildung

3 Konsequenzen der Qualifikationsforschung für die Erwachsenenbildung/Weiterbildung
3.1 Grundlegende Thesen
3.2 Dequalifizierung und Entberuflichung oder Humansierung des Arbeitsmarkts

4 Methodische Schwächen der Qualifikationsforschung

5 Resümee

6 Literatur

1 Einleitung

In den 1960/1970er Jahren gab es einen Umbruch in der Deutschen Bildungslandschaft, der so massiv war, dass seine Auswirkungen heute nach wie vor zu spüren sind. Die realisitsche Wende der Erziehungswissenschaft war eine, von einer eher geisteswissenschaftlich geprägten Wissenschaft hin zur Erziehungswissenschaft sozialwissenschaftlicher Prägung. Heute sieht man die Auswirkungen im schulischen Bereich an Phänomenen wie der PISA-Studie. Für den Bereich der Erwachsenenbildung und der Weiterbildung geht die realistische Wende mit der Emergenz von privaten Bildungsträgern, wie z.B. VW Coaching, und der Ökonomisierung der Bildung einher.

Kennzeichnend für den Beginn des Diskurses um Bildung nach sozialwissenschaftlicher Maßgabe in den 1960er und 1970er Jahren ist der Qualifikationsbegriff. Anstatt des klassischen Bildungskanons sollten für die verschiedenen Tätigkeiten eines Erwachsenen Qualifikationen empirisch erarbeitet und für deren Vermittlung dann ein Curriculum erstellt werden.

Ich setze mich in meiner Arbeit mit der Entstehung des Qualifikationsbegriffs im Rahmen curricularer Forschung auseinander. Ziel ist es, die Anfänge des Diskurses um den Qualifikationsbegriff und die Notwendigkeit dieses Konstrukts in der Erziehungswissenschaft, seine Bedeutung und seine Leistungsfähigkeit zu verstehen. Dabei gehe ich zunächst darauf ein, warum einige Wissenschaftler sich überhaupt vom klassischen Bildungsideal trennen wollten. Danach widme ich mich den Konsequenzen der Qualifikationsforschung für die Erwachsenenbildung/Weiterbildung und schließlich wende ich mich den methodischen Problemen, die in der Qualifikationsforschung angelegt sind, zu.

2 Der Qualifikationsbegriff – Warum Bildung überwinden?

2.1 Göttinger Studie – Angriff auf den klassischen Bildungsbegriff

Die von den Wissenschaftlern Willy Strezelewicz, Hans-Dietrich Raapke und Wolfgang Schulenberg verfasste Studie „Bildung und gesellschaftliches Bewusstsein“ von 1966 ging erstmals der Frage nach, welcher Typ Mensch am häufigsten bzw. was für Menschen eher weniger an einer weiterbildenden Maßnahme teilnehmen und was die Gründe dafür sind. Als Ergebnis der, auch als „Göttinger Studie“ bekannt gewordenen, Arbeit stellte sich heraus, dass weiterbildende Maßnahmen am häufigsten von jungen, aufstiegsorientierten Männern aus dem urbanen Umfeld besucht wurden. Es zeigte sich in der Studie auch, dass diese Menschen ihre eigene Bildung als etwas selbst Erschaffenes und selbst Erarbeitetes sahen und daher auch nach einem mehr an Bildung und Aufstieg strebten. Demgegenüber verstanden die bildungsferneren Arbeiterschichten Bildung als etwas, dass sie trotz Mühen nicht erreichen können, als ein Gut derer da oben, wie Ärzte oder Rechtsanwälte.[1] Für sie war Bildung keine Triebfeder für gesellschaftliche Integration, vielmehr war sie für sie etwas, dass ihre obere soziale Grenze markierte. Ein Medium der Ausgrenzung also, wohingegen man die Weiterbildung für die, die sich weiterbilden, auch als gesellschaftliche Verpflichtung verstehen kann. Also mit einer deutlichen Ambivalenz.[2]

Wie war also Bildung zum Zeitpunkt der Studie im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert? Wie die Auswertung verdeutlicht als Mittel zum Aufstieg, als gesellschaftliches Statussymbol und als Erwartung aber ebenso als soziale Grenze. Die Idee von Bildung als Persönlichkeitsreichtum trat im Bewusstsein der Gesellschaft in den Hintergrund.[3] Der klassische Bildungsbegriff hatte versagt[4].

2.2 Robinsohns Überlegung zu einer empirisch fundierten Bildung

Logisch wie auch chronologisch knüpfen die Überlegungen Saul Robinsohns aus seinem Werk „Bildungsreform als Revision des Curriculum: und ein Strukturkonzept für Curriculumentwicklung“ von 1967 an die „Göttinger Studie“ an.

Robinsohns Idee war es, statt eines humanistischen orientierten Lehrplans ein sozialwissenschaftlich begründetes Curriculum zu erarbeiten. Dadurch wollte er den traditionsbeladenen deutschen Bildungsbegriff aufbrechen und sich dem angelsächsischen Bildungssystem annähern, weswegen er auch die lateinische Bezeichnung Curriculum für Lehrplan aus diesem Kulturraum übernahm.[5]

Robinsohn sah in Deutschland drei verschiedene Reformbestrebungen, die das gesamte Schulsystem betreffen, also nicht nur die Erwachsenenbildung/Weiterbildung, die aber aus unterschiedlichen Gründen die wesentliche Ideologielastigkeit des Bildungsbegriffs nicht überwinden können.[6]

So fehlt es der ökonomisch-statistischen Reformbewegung an Möglichkeiten, weiche Konstrukte wie Bildung überhaupt zuverlässig zu messen. Entsprechend sind statistische Modelle der pädagogischen Praxis störungsanfällig.[7] Des Weiteren können ökonomisch-statistisch Begründete Reformen Bildungsideale nur hinnehmen, jedoch keine eigenen erschaffen. Dort sind sie auf dritte Stellen angewiesen.[8]

In der sozial-politischen Position sieht Robinsohn den Versuch, allen Menschen einen gleichberechtigten Zugang zur Bildung zu ermöglichen und damit tendenziell eine Gegenposition zur ökonomisch-statistischen Effizienzlogik.[9] Robinsohn verwirft aber auch diese Reformbestrebung als unzweckmäßig, da eine unsystematische Entwicklung der Strukturen und Funktionen von Bildungseinrichtungen schließlich ihre „Sprengung“ bedeuten würde.

„Eine wirkliche Berücksichtigung sozialen Wandels muß an inhaltliche Normen rühren, die für das System konstitutiv sind; sie können nicht als vorgegeben hingenommen oder als 'beliebig' abgetan werden.“ Robinsohn 1975, S. 7

Robinsohn setzt sich daher im Zuge einer Umgestaltung der Bildungsideale und Bildungsziele auch für eine Anpassung des Bildungssystems ein.[10] Offensichtlich bleibt jedoch das Problem bestehen, dass auch diese Reformbewegung nichts gegen die klassische Bildungsidee an deutschen Bildungsinstitutionen unternimmt. Diese nicht grundsätzlich neu entwirft.

Die dritte Reformbewegung nennt Robinsohn „den Ansatz von der Organisation und Technik“ des Unterrichts oder auch die „Rationalisierung des Unterrichts“. Er bezeichnet damit das „einführen einer effizienten Unterrichtsmethodik“, sprich das Ausrichten des Unterrichts an wissenschaftlichen Erkenntnissen darüber, wie Unterricht nachhaltig gestaltet werden kann. Allerdings stellt auch dieser Prozess keine Überarbeitung des Bildungsideals dar, sondern ein Überdenken der Wissensvermittlung.

[...]


[1] Siebert 1988 S. 245 ff.

[2] Kade et al. 1999, S. 58

[3] edb.

[4] Siebert 2012, S. 41

[5] Robinsohn 1975, S. 1

[6] Robinsohn 1975, S. 3

[7] Robinsohn 1975, S. 4

[8] Robinsohn 1975, S. 5

[9] Robinsohn 1975, S. 7

[10] Vgl. „Form folgt Funktion“ Robinsohn 1975, S. 10

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Realistische Wende in der Erwachsenenbildung
Untertitel
Qualifikation als neue Form der Bildung
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
12
Katalognummer
V272100
ISBN (eBook)
9783656634065
ISBN (Buch)
9783656634034
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
realistische, wende, erwachsenenbildung, qualifikation, form, bildung
Arbeit zitieren
Lennart Sieg (Autor:in), 2013, Realistische Wende in der Erwachsenenbildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272100

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