Wissenschaftliche Methodologie

Popper, Lakatos und Feyerabend


Hausarbeit, 2011
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung - eine kurze Geschichte der Wissenschaftstheorie

2. Karl R. Poppers Methodologie
2. 1 Induktionsproblem
2. 2 Abgrenzungsproblem
2. 3 Das Münchhausen Trilemma

3. Imre Lakatos´ Weiterentwicklung von Poppers Falsifikationismus
3. 1 Der dogmatische Falsifikationismus
3. 2 Der naive methodologische Falsifikationismus
3. 3 Der raffinierte methodologische Falsifikationismus

4. Paul K. Feyerabends Methodologiekritik
4. 1 „Anything goes“
4. 2 Inkommensurabilität
4. 3 Kritik

5. Schluss: Die Geschichte der Wissenschaftstheorie - ein Zirkelschluss?

Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung - eine kurze Geschichte der Wissenschaftstheorie

Die Wissenschaften genießen ein hohes Ansehen. Wenn etwas wissenschaftlich erwiesen oder empirisch belegt ist, beansprucht es für sich, wahr und glaubwürdig zu sein. Wenn wir etwas für wissenschaftlich halten, gehen wir davon aus, dass bei dem Forschungsprozess bestimmte Regeln eingehalten werden. Doch was ist diese wissenschaftliche Methode, die für sich beansprucht, wahre Tatsachen produzieren zu können?1 Generationen von Wissenschaftstheoretikern haben sich mit dieser Frage auseinandergesetzt:

Für die Rechtfertigungsdenker bestand die wissenschaftliche Redlichkeit darin, Bewiesenes anzunehmen und Unbewiesenes zu verwerfen. Was anfangs so simpel und einleuchtend klingt, ist problematisch. Daraufhin ist von den Neorechtfertigungsdenkern dazu übergegangen wor- den, nicht mehr das Bewiesene, sondern das Wahrscheinliche anzunehmen. Karl Raimund Popper hingegen machte zu seinem Maßstab wissenschaftlicher Redlichkeit, dass vor einem Experiment festgelegt werden muss, welche Ereignisse die angenommene Theorie falsifizie- ren,2 unter welchen Bedingungen „man gewillt ist, die eigene Position aufzugeben“3. Imre La- katos baute Poppers Forderung, Falsifizierbares zu überprüfen und Unfalsifizierbares und Fal- sifiziertes zu verwerfen, so aus, dass neue Theorien vorgeschlagen und überholte verworfen werden müssen. Paul Karl Feyerabend hingegen hat einen ganz anderen Ansatz und bezwei- felt, dass die Wissenschaft sich überhaupt gegenüber Magie, Voodoo oder anderen Wegen der Erkenntnis auszeichnet. Er sieht die Wissenschaft als moderne Religion an und die Wissen- schaftsgläubigkeit als irrational.4

Im Folgenden werde ich zuerst Poppers Methodologie beschreiben. Anfangen werde ich mit dem Induktionsproblem, in welchem erklärt wird, mit welchem Problem die Wissenschaft aufgrund ihrer häufig angewandten Methode - der Induktion - konfrontiert ist. Darauf aufbau- end wird das Abgrenzungsproblem und damit zusammenhängend Poppers Auffassung der wis- senschaftlichen Redlichkeit, die oben bereits kurz skizziert wurde, zu erläutern sein. Im ab- schließenden Abschnitt geht es um das Münchhausen Trilemma, in welchem ich erkläre, warum die oben genannten Positionen der Rechtfertigungsdenker und der Neorechtfertigungs- denker zu verwerfen sind und welchen Weg die Wissenschaft nach Popper geht bzw. gehen sollte.

Lakatos, der als Fortführer Poppers Kritischen Rationalismus´ angesehen werden kann, hat drei Arten des Falsifikationismus unterschieden: Den dogmatischen, den naiven methodologi - schen und den raffinierten methodologischen Falsifikationismus. Ich werde die Merkmale der ersten beiden Arten jeweils kurz benennen und Lakatos´ Kritik an selbigen. Letztere hat Laka- tos selbst vertreten und diese hat deutliche Unterschiede zu Poppers Falsifikationismus aufzu- weisen.

Im Vergleich zu Poppers und Lakatos´ Auffassungen, die sich in vielen Punkten ähneln, sind Feyerabends Überlegungen von ganz anderer Natur. Zunächst wird sein Plädoyer für die Methodenvielfalt „Anything goes“ erklärt. Im darauf folgenden Abschnitt wird Feyerabends Kritik an den empiristischen Wissenschaften mittels seiner Verwerfung des „Konsistenzpostulats“ und des „Invarianzprinzips“ erläutert. Darüber hinaus wird die Frage geklärt, ob der dadurch entstehende relativistische „Theoretizismus“ von Feyerabend verteidigt werden kann oder nicht. Bevor eine abschließende, zusammenfassende Darstellung erfolgt, werde ich eine Kritik an Feyerabends Methodologiekritik ausformulieren.

2. Karl R. Poppers Methodologie

Popper grenzt sich mit seiner Methodologie von den Positivisten des „Wiener Kreises“ ab, welche nach einem Verifikationsprinzip suchten. Doch ein Verifikationsprinzip würde nicht nur die Metaphysik als unwissenschaftlich klassifizieren, sondern auch die Naturwissenschaf- ten (in welcher allgemeine Gesetzmäßigkeiten nach dem Schema ∀x (Fx → Gx) behauptet werden) wie die Physik, welche als Inbegriff der Wissenschaft und somit als Prüfstein der Wissenschaftstheorie gilt.5 Denn es ist nicht die Aufgabe der Wissenschaftstheorie, die Wis- senschaft unglaubwürdig zu machen, da ihr Erfolg und ihre stetigen Fortschritte unbestreitbar sind. Mit einem solchen Unterfangen würde sich die Wissenschaftstheorie als bloße Sprach- spielerei offenbaren und somit selbst lächerlich machen. Ihre Aufgabe besteht darin, zu erklä- ren, warum die Wissenschaft so erfolgreich ist, obwohl kein erkenntnistheoretisches Funda- ment bekannt ist.

Nach Popper ist ein erkenntnistheoretisches Fundament nicht nötig, um Erkenntnisfortschritte zu machen, wie es auch die wissenschaftliche Forschungspraxis zeigt. Doch was für die Wis- senschaftstheorie von entscheidender Bedeutung ist, dass die Theorien, die Konstrukte, Arte- fakte menschlicher Geistestätigkeit sind, strengen Prüfungen unterzogen werden.6 Poppers Methodologie beginnt mit zwei Problemen, die er u.a. in „Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie“ behandelt, dem Induktions- und dem Abgrenzungsproblem, deren Lö- sung Popper in der Falsifikation sieht.

2. 1 Das Induktionsproblem

Das Induktionsproblem besteht aus zwei Teilfragen: Die erste bezieht sich auf das psychologi- sche Fundament der Erkenntnis und auf die Entstehung von Theorien7. Sie ist somit für die Psychologie und die Wissenschaftsgeschichte relevant: „Gewinnen wir Erkenntnisse, indem wir Erfahrungen verallgemeinern?“8 Diese Frage bezieht sich auf den Entdeckungszusammen- hang (context of discovery), wohingegen die zweite Frage sich auf den Begründungszusam- menhang (context of justification) bezieht, also auf die Rechtfertigung von Theorien, auf logi- sche Strukturen. Diese ist für die Wissenschaftstheorie von Bedeutung: „Lassen sich Theorien induktiv rechtfertigen[...]?“9

Die letzte Frage lässt sich nur negativ beantworten, da die Induktion keine logische Beweiskraft hat. Induktion ist das Schließen von singulären Sätzen auf Allaussagen, doch allgemeine Sätze machen Aussagen über eine unbeschränkte Anzahl von Fällen und sagen damit mehr aus, als empirisch überprüfbar ist, da wir prinzipiell immer nur eine endliche Anzahl an Beobachtungen zur Verfügung haben.10

Die einzige logisch zulässige Schlussform ist die Deduktion, welche von universellen Sätzen auf singuläre Einzelaussagen schließt. Doch die Deduktion führt nicht zu Erkenntnisfort- schritt, sondern kann nur das bereits Gewusste reformulieren, sie schließt nur, und beweist nicht.11

Egal, wie oft ein gewisses Ereignis beobachtet wird, man kann es niemals verifizieren, also deren Wahrheit feststellen, da man nicht wissen kann, ob es auch in Zukunft immer so sein wird. Demnach muss man voraussetzen, dass die Vergangenheit und die Zukunft gleich sind bzw. muss man die Voraussetzung machen, dass es überhaupt allgemeine Gesetzmäßigkeiten gibt: „Erkenntnistätigkeit beginnt mit Hypothesen, die die Erfahrungen erst ermöglichen.“12 Doch nun könnte man davon ausgehen, dass man Theorien, wenn schon nicht verifizieren, doch wenigstens wahrscheinlicher machen kann, indem die Anzahl der beobachtbaren Tatsa- chen, die diese Theorie stützen, besonders hoch ist. Doch auch das ist ein Trugschluss, eine Theorie kann sich dadurch zwar bewähren und unser Vertrauen in sie festigen, doch das macht sie nicht wahrscheinlicher.13 14. Daraus folgt, dass „Theorien [..] nicht nur gleich unbeweisbar

[sind], sie sind auch gleich unwahrscheinlich“15.

Wenn nun aber wissenschaftliche Theorien nicht durch Experimente, kontrollierte Beobach- tungen gerechtfertigt werden können, was unterscheidet die Wissenschaft dann von der Meta- physik?16

2. 2 Das Abgrenzungsproblem

Das Abgrenzungsproblem ist die Frage danach, wie man Metaphysik und Wissenschaft von- einander differenzieren kann.17 Nach Popper zeichnen sich wissenschaftliche Hypothesen, Theorien und Vermutungen dadurch aus, dass sie falsifizierbar sind, d. h., dass sie das Auftre- ten bestimmter Ereignisse verbieten: „Ein empirisch-wissenschaftliches System muß an der Erfahrung scheitern können“18. Man nimmt eine universelle Aussage an, beispielsweise: „Alle Schwäne sind weiß.“ und formuliert sie in eine negative Existenzbehauptung um: „Es gibt kei- nen nicht-weißen Schwan.“, wird letzterer nun falsifiziert, d. h. wird ein nicht-weißer (bspw. ein schwarzer) Schwan gesichtet, ist die Theorie falsifiziert und somit zu verwerfen.19

Verbietet eine Theorie keine Ereignisse, ist sie zwar nicht sinnlos (wie bei Wittgensteins Sinnkriterium20 ), gehört aber in den nicht-wissenschaftlichen Bereich.

Die Induktivisten gehen davon aus, dass der Mensch im Allgemeinen und der Wissenschaftler im Speziellen durch Erfahrungen und Beobachtungen zu Theorien gelangt. Doch Popper geht davon aus, dass jede Beobachtung bereits theoriebeladen ist und es keine reine, pure Betrach- tung der Wirklichkeit gibt. Beobachtungen gehen immer Erwartungen voraus und mit Inter- pretationen einher.21 Daher ist bei Popper die Erfahrung die Instanz zur Überprüfung von Theorien. Es kommt bei einer Theorie in Poppers Sinne nicht mal darauf an, dass sie mög- lichst mit beobachtbaren Tatsachen übereinstimmt, wichtig ist lediglich, dass sie überprüfbar, falsifizierbar ist. Und je größer die Klasse der Falsifikationsmöglichkeiten einer Theorie, desto besser ist sie zu überprüfen, desto verwundbarer ist sie und desto größer ist ihr empirischer Gehalt22, es sollen demnach möglichst kühne Hypothesen aufgestellt werden.

Wenn aus der potentiellen eine effektive Falsifikation geworden ist, dann ist die Theorie end- gültig zu verwerfen, der Wissenschaftler soll nicht versuchen, seine Theorie durch das Einführen von ad-hoc-Hypothesen / Hilfshypothesen zu retten.23

2. 3 Das Münchhausen Trilemma

Das sogenannte Münchhausen Trilemma beschreibt das Problem der Forderung nach Begrün- dungen. Ein jeder Versuch, nichts Unbegründetes zu behaupten, und das scheint eine Forde- rung wissenschaftlicher Redlichkeit zu sein24, führt in ein Trilemma: Denn wenn gefordert wird, dass eine jede Aussage zu begründen ist, verliert man sich unweigerlich in einem infini- ten Regress, da eine jede Begründung ihrerseits wieder eine Begründung braucht, oder man endet in einem Zirkelschluss. Um dem zu entgehen, wird man sich des Dogmatismus bedienen müssen, also die Begründung an einer Stelle abbrechen, indem man ungerechtfertigte Voraus- setzungen annimmt.25 Doch dies scheint eine unzulängliche Basis der Erkenntnis zu sein. Da- her berufen sich die meisten Wissenschaftstheoretiker auf den Lösungsvorschlag von Jakob Friedrich Fries, den Psychologismus:26 Es wird angenommen, dass Sätze nicht nur auf Sätze, sondern auch auf Wahrnehmungen gründen könnten27.

Doch gerade den Psychologismus lehnt Popper ab, da er Objektivist ist und somit sagt, dass die Geltung von Behauptungen „nicht durch Überzeugungserlebnisse des erkennenden Sub- jekts“28 begründet werden kann. Darüber hinaus lassen sich selbst singuläre Sätze nicht auf Wahrnehmungserlebnisse zurückführen, da auch ein singulärer Satz Universalien enthält, die sich nicht durch Wahrnehmungen konstituieren lassen. Und wenn dies sogar bei singulären Sätzen der Fall ist, trifft dies erst recht auf Theorien, welche allgemeine Sätze sind, zu.29 Des Weiteren lehnt Popper den Psychologismus aufgrund des oben erklärten Induktionsproblems ab. Statt dessen wählt Popper den Dogmatismus, also eine willkürliche Beschlussfassung. Dies ist das konventionalistische Moment in Poppers Wissenschaftstheorie. Eine Theorie lässt sich durch Basissätze überprüfen (Popper nennt Sätze, die singuläre Ereignisse beschreiben, Basissätze). Doch über ihre Geltung entscheidet der Wissenschaftler, und diese Entscheidung ist nicht begründet, sondern willkürlich.30

[...]


1 Vgl.: Chalmers: Alan F. (hrsg. u. übers. N. Bergmann, J. Prümper): Wege der Wissenschaft. Einführung in die Wis- senschaftstheorie. 2. Auflage, Berlin Heidelberg 1986. S. XIXf.

2 Vgl.: Lakatos, Imre: Die Methodologie der wissenschaftlichen Forschungsprogramme. Braunschweig 1982. S. 12.

3 Ebd. S. 7.

4 Vgl.: Chalmers: Wissenschaft. S. XXI.

5 Vgl.: Marschner, Josef: Paul K. Feyerabends Kritik an der empiristischen Wissenschaftstheorie. Wien 1984. S. 34.

6 Vgl.: Alt, Jürgen August: Karl R. Popper. 2. Auflage, Frankfurt/Main; New York 1995. S. 10.

7 Vgl.: Marschner: Feyerabends Kritik. S. 47.

8 Alt: Popper. S. 12.

9 Ebd. S. 13.

10 Vgl.: Marschner: Feyerabends Kritik. S. 34.

11 Vgl.: Lakatos: Forschungsprogramme. S. 9.

12 Alt: Popper. S. 13.

13 Vgl.: Marschner: Feyerabends Kritik. S. 48.

14 Siehe Anhang I

15 Lakatos: Forschungsprogramme. S. 10.

16 Vgl.: Alt: Popper. S. 13.

17 Vgl.: Marschner: Feyerabends Kritik. S. 32.

18 Popper, Karl R.: Logik der Forschung. 9. Auflage, Tübingen 1989. S. 15.

19 Vgl.: Marschner: Feyerabends Kritik. S. 77.

20 Vgl.: Ebd. S. 32.

21 Vgl.: Ebd. S. 41f.

22 Vgl.: Ebd. S. 43ff.

23 Vgl.: Ebd. S. 40.

24 Vgl.: Lakatos: Forschungsprogramme. S. 10.

25 Vgl.: Alt: Popper. S. 20.

26 Vgl.: The Münchhausen Trilemma. In: http://www.methodinit.org.uk/methodinit/2010/07/15/the-munchhausen-trilemma/

27 Vgl.: Marschner: Feyerabends Kritik. S. 46.

28 Ebd.. S. 47.

29 Vgl.: Ebd. S. 42.

30 Vgl.: Ebd. S. 45f.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Wissenschaftliche Methodologie
Untertitel
Popper, Lakatos und Feyerabend
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Theoretische Philosophie - Wissenschaftstheorie
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
21
Katalognummer
V272111
ISBN (eBook)
9783656636892
ISBN (Buch)
9783656636854
Dateigröße
698 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wissenschaftstheorie, Theoretische Philosophie, wissenschaftliche Methode, wissenschaftliche, Methodologie, Popper, Lakatos, Feyerabend, Kritik
Arbeit zitieren
Victoria Flägel (Autor), 2011, Wissenschaftliche Methodologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272111

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