Unter Wortbildung verstehen wir die regelhafte Synthese neuer Wörter. Die Wortbildungslehre ist daher ein Bereich, der sowohl der Lexik als auch der Morphologie angehört.
Wortbildung stellt das wichtigste Mittel zur Wortschatzerweiterung einer Sprache dar: Die Wortfamilie um ein Simplizium kann über 500 Wörter fassen. Zusätzlich besteht die Möglichkeit der okkasionellen Wortbildung: Etwa ein Drittel aller Wortbildungskonstruktionen eines Zeitungstextes sind nicht im Wörterbuch verzeichnet.
In der Dialektologie wird der Bereich der Wortbildung selten berücksichtigt, da Dialekt gegenüber Standardsprache als defizitäres Sprachsystem betrachtet wird. Dialekt weist eine geringere Ausstattung auf grammatischer Ebene auf: Der Wortschatz ist kleiner, die syntaktischen und morphologischen Möglichkeiten sind herabgesetzt, das Inventar an grammatischen Kategorien ist geringer. Trotzdem erfüllt jeder Dialekt alle Anforderungen, die an ein funktionierendes Sprachsystem gestellt werden. Alles, was in Standardsprache ausgedrückt werden kann, kann auch in einem Dialekt ausgedrückt werden.
Unter Berücksichtigung semantischer und funktionalpragmatischer Aspekte erweist sich der Dialekt sogar als leistungsfähiger. Dialekt bietet mehr Möglichkeiten der semantischen Differenzierung als die Standardsprache.
"In der sprachlichen Beschreibung feinster Differenzierung des konkreten täglichen Lebens. z.B. den Sinnbezirken der Bewegung, der Emotionalität, der konkreten Sinneseindrücke, ist der noch voll ausgestattete Dialekt, wenn er darüberhinaus noch expansiv ist, der Hochsprache an Zahl und Nuancierung der Wörter überlegen."
Inhaltsverzeichnis
I EINLEITUNG
1 Zielsetzung
2 Theoretische Voraussetzungen
2.1 Dialekt
2.1.1 Definition
2.1.2 Wiener Dialekt
2.2 Wortbildung
2.2.1 Definition
2.2.2 Wortbildungsmorpheme
2.2.3 Wortbildungsarten
2.2.4 Verbale Wortbildungsmuster des Deutschen in historischer Entwicklung
3 Methodische Voraussetzungen
3.1 Korpus
3.2 Abgrenzung
3.2.1. Wortbildungskonstruktion vs. syntaktisches Gefüge
3.2.2 Sind Partikelverben Komposita oder Derivate?
3.3 Funktionen der verbalen Wortbildung
3.3.1 Syntaktische/grammatische Funktionen
3.3.2 Semantische Funktionen
3.3.3 Pragmatische Funktionen
II KORPUSANALYSE
1 Komposition mit Substantiven
2 Komposition mit Adjektiven
3 Komposition mit Verben
4 Komposition mit Partikeln
4.1 Trennbare Partikeln
4.2 Doppelförmige Partikeln
5 Präfigierung
6 Suffigierung
III MÖGLICHKEITEN UND FUNKTIONEN DER VERBALEN WORTBILDUNG IM WIENER DIALEKT
1 Allgemeine Ergebnisse
2 Partikelkomposition
2.1 Einfache trennbare Partikeln
2.2 Doppelförmige Partikeln
2.3 Orts- und Richtungsadverbien
2.3.1 Formale Besonderheiten zusammengesetzter Richtungsadverbien
2.3.2 Zusammengesetzte Richtungsadverbien als Verbpartikeln
3 Präfigierung
4 Suffigierung
5 Komposition mit Substantiven, Adjektiven, Verben
6 Präferierte Basisverben
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Möglichkeiten, Funktionen und Frequenzen der verbalen Wortbildung im Wiener Dialekt. Ziel ist es, das verbale Wortbildungssystem des Dialekts formal zu erfassen, funktional zu interpretieren und die Produktivität der verschiedenen Muster zu analysieren.
- Analyse verbaler Wortbildungsmuster im Wiener Dialekt anhand eines Korpus
- Untersuchung semantischer, syntaktischer und pragmatischer Funktionen
- Vergleich der Ergebnisse mit der Standardsprache
- Untersuchung des Einflusses der Sprecherperspektive und diachroner Entwicklungen
- Identifikation präferierter Basisverben im Dialekt
Auszug aus dem Buch
2.2.1. Definition
Nach Naumann (2000) definieren wir Wortbildung nach formalen Kriterien als die regelhafte Synthese neuer Wörter aus einfachen Wörtern miteinander oder mit Wortbildungsmorphemen.
Wortbildungsprodukte sind sekundäre/komplexe Wörter, d.h. sie sind im Gegensatz zu primären Wörtern (Simplizia) morphosemantisch motiviert. Primäre Wörter sind morphosemantisch nicht motiviert, sondern arbiträr, d.h. es besteht kein erklärbares Verhältnis zwischen der Lautfolge und dem Bedeutungsinhalt. Der Grad der Motivation bei sekundären Wörtern ist verschieden und auch abhängig von der individuellen Einschätzung des Sprechers. Bei vielen Wortbildungsprodukten der Gegenwartssprache ist die semantische Motivation aus synchroner Sicht nicht mehr gegeben. Sie sind demotiviert/opak/idiomatisiert und werden von heutigen Sprechern als primäre Wörter eingestuft. Gleichzeitig gibt es Wörter, die als teilmotiviert/transparent bezeichnet werden. Als teilmotiviert gelten z.B. die Wortbildungskonstruktionen mit unikalen Morphemen. Als vollmotiviert/self explanatory werden Wortbildungsprodukte wie Schlafzimmer oder Haustür bezeichnet.
Bei den meisten Wortbildungsprodukten sind aber Strukturbedeutung und Gebrauchsbedeutung nicht ganz gleich, d.h. die Bedeutung des Wortbildungsproduktes ist nicht gleich der Summe der Bedeutungen der Konstituenten. Durch den Prozess der Wortbildung tritt semantische Veränderung ein, was bedeutet, dass es vollmotivierte Wortbildung eigentlich nicht gibt.
Die Grenze zwischen primären und sekundären Wörtern ist also fließend.
Zusammenfassung der Kapitel
I EINLEITUNG: Definiert die Grundlagen der Wortbildungslehre, die methodische Vorgehensweise bei der Korpusgewinnung aus dem Werk „Da Jesus & seine Hawara“ sowie die Abgrenzung von Wortbildungskonstruktionen.
II KORPUSANALYSE: Stellt die im Korpus identifizierten verbalen Wortbildungsmuster wie Komposition, Präfigierung und Suffigierung systematisch dar und segmentiert die Belege morphologisch.
III MÖGLICHKEITEN UND FUNKTIONEN DER VERBALEN WORTBILDUNG IM WIENER DIALEKT: Wertet die Ergebnisse qualitativ und quantitativ aus, analysiert die Funktionen der Wortbildung und identifiziert die präferierten Basisverben sowie die Präferenzen des Wiener Dialekts gegenüber der Standardsprache.
Schlüsselwörter
Wiener Dialekt, verbale Wortbildung, Wortbildungsmuster, Komposition, Derivation, Präfigierung, Suffigierung, Partikelverben, morphologische Analyse, semantische Funktionen, Sprachsystem, Lexikalisierung, Sprachökonomie, Wiener Mundart, Korpusanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit widmet sich der systematischen Erfassung und Untersuchung der verbalen Wortbildung im Wiener Dialekt, insbesondere im Hinblick auf deren Möglichkeiten und Funktionen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die morphologische Segmentierung von Verben, die Bestimmung der Produktivität verschiedener Wortbildungsmuster sowie die funktionale Klassifikation nach syntaktischen, semantischen und pragmatischen Kriterien.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, auf Basis eines literarischen Korpus zu ermitteln, welche verbalen Wortbildungsmuster im Wiener Dialekt realisiert werden, wie diese funktionieren und ob sie sich von standardsprachlichen Mustern unterscheiden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine korpusbasierte Analyse, bei der ein literarischer Text in Wiener Mundart morphologisch segmentiert, qualitativ und quantitativ ausgewertet und durch den Vergleich mit historischen und aktuellen Lexika abgesichert wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Korpusanalyse, in der Kompositionsarten, Präfigierung und Suffigierung vorgestellt werden, sowie einen Analyseteil, der allgemeine Ergebnisse zusammenfasst und Funktionen sowie präferierte Basisverben diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Wiener Dialekt, Wortbildungsmuster, Partikelverben, Derivation, Komposition sowie die funktionale Differenzierung durch syntaktische oder semantische Modifikation.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Wiener Dialekts im Vergleich zur Standardsprache?
Der Autor stellt fest, dass der Dialekt zwar auf grammatischer Ebene als "defizitär" betrachtet werden kann, er aber hinsichtlich semantischer Differenzierung durch Wortbildung oft leistungsfähiger ist als die Standardsprache.
Warum wird für die Analyse ein literarischer Text herangezogen?
Ein literarischer Text wurde gewählt, da Informationen über die tatsächliche Produktivität von Wortbildungsmustern aus Lexika nur bedingt gewonnen werden können und die semantische Klassifikation von Verben eine Kontextanalyse erfordert.
- Citation du texte
- Christine Lindengrün (Auteur), 2004, Wortbildung des Verbs im Wiener Dialekt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27212