Die Technik-Debatte in der zeitgenössischen Psychoanalyse

Von der Selbstpsychologie Kohuts zum intersubjektiven Ansatz von Stolorow et al.: Ein Vergleich aus behandlungstechnischer Perspektive


Diplomarbeit, 2004
126 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Die Technik-Debatte in der zeitgenössischen Psychoanalyse

Inhaltsverzeichnis

Anmerkungen zur Orientierung im Text:

Danksagung

Einleitung

I. Auf dem Weg zur Selbstpsychologie
1.2 Biographischer Abriss zur Person Heinz Kohut
1.2.1 Der Weg zur Psychoanalyse
1.2.2 Narzissmus und die Person Kohuts
1.2.3 Von den Anfängen zur Selbstpsychologie

II. Fundamente der Selbstpsychologie
2.1 Frühe Annäherungen Kohuts an das Narzissmuskonzept
2.1.1 Der Einfluss Alfred Aichhorns auf Kohut
2.1.2 „Introspektion, Empathie und Psychoanalyse“ (1959)
2.1.2.1 Empathie
2.1.2.2 Introspektion
2.1.3 „Formen und Umformungen des Narzissmus“ (1966)
2.1.4 „Die psychoanalytische Behandlung narzisstischer Persönlichkeitsstörungen“ (1969)
2.1.5 Kritische Bemerkungen über Kohuts frühe Orientierung
2.1.6 Zusammenfassung
2.2 Die Geburt der Selbstpsychologie
2.2.1 Reaktionen auf Kohuts Theoriewandel
2.2.2 „Narzissmus“ (1971), „Die Heilung des Selbst“ (1977), „Wie heilt die Psychoanalyse“ (1984) und darüber hinaus: Ein Theorieabriss
2.2.2.1 Der Begriff des Selbst
2.2.2.2 Bipolares Selbst
2.2.2.3 Selbstobjekte
2.2.2.4 Ödipuskomplex im Licht der Selbstpsychologie
2.2.2.5 Selbststörungen (Psychopathologie des Selbst)
2.2.2.6 „Optimale Frustration“ und „umwandelnde Verinnerlichung“

III. Behandlungstechnik in der Selbstpsychologie Heinz Kohuts
3.1 Einleitende Bemerkungen
3.2 Elemente der Behandlungstechnik nach Kohut
3.2.1 Rahmenbedingungen für eine psychoanalytische Behandlung
3.2.1.1 Das selbstpsychologische Setting
3.2.1.1.1 Physische Merkmale des Settings
3.2.1.1.1.1 Raumgestaltung
3.2.1.1.1.2 Stundenfrequenz
3.2.1.1.1.3 Sitzungsdauer
3.2.1.1.2 Grundregel
3.2.1.1.3 Analytische Haltung
3.2.2 Theoriegeleitete und erfahrungsspezifische Behandlungstechniken
3.2.2.1 Fragen nach der Analysierbarkeit
3.2.2.2 Umgang mit Widerstand, Übertragung und Gegenübertragung
3.2.2.2.1 Widerstand und Übertragung - Grundlagen
3.2.2.2.1.1 Widerstand
3.2.2.2.1.2 Übertragung
3.2.2.2.2 Formen der Selbstobjektübertragung
3.2.2.2.2.1 Größenselbstübertragungen
3.2.2.2.2.1.1 Kreativitätsübertragung:
3.2.2.2.2.1.2 Spiegelübertragung (im engeren Sinne):
3.2.2.2.2.1.3 Alter-Ego- bzw. Zwillingsübertragung:
3.2.2.2.2.1.4 Verschmelzungsübertragung:
3.2.2.2.2.2 Idealisierende Übertragungsformen
3.2.2.2.2.2.1 Kreativitätsübertragung
3.2.2.2.2.2.2 Idealisierende Übertragung
3.2.2.2.3 Gegenübertragung
3.2.2.2.3.1 Reaktionen des Analytikers auf Größenselbstübertragungen
3.2.2.2.3.1.1 Reaktionen auf Kreativitätsübertragung
3.2.2.2.3.1.2 Reaktionen auf Spiegelübertragung
3.2.2.2.3.1.3 Reaktionen auf Alter-Ego- bzw. Zwillingsübertragung
3.2.2.2.3.1.4 Reaktionen auf Verschmelzungsübertragung
3.2.2.2.3.2 Reaktionen des Analytikers auf idealisierende Übertragungen
3.2.2.2.3.2.1 Reaktionen auf Kreativitätsübertragungen
3.2.2.2.3.2.2 Reaktionen auf idealisierende Übertragungen
3.2.2.2.4 Ergänzungen und Zusammenfassung
3.2.2.3 Deutung
3.2.2.4 Traumdeutung in der Selbstpsychologie
3.2.2.5 Nachbearbeitung der Sitzungen
3.2.2.6 Ziele der analytischen Behandlung
3.2.2.7 Abschluss der analytischen Behandlung
3.3 Zusammenfassung
3.4 Kritische Bemerkungen

IV. Der intersubjektive Ansatz
4.1 Einleitung
4.2 Zur Person und theoretischen Hintergrund von Robert D. Stolorow
4.3 Grundlagen der Theorie der Intersubjektivität in der Psychoanalyse
4.3.1 Das intersubjektive Feld und seine theoretische Verortung
4.3.2 Entwicklungspsychologische Aspekte aus Sicht der intersubjektiven Perspektive.
4.3.3 Psychopathologie im Licht der Intersubjektivität
4.4 Konvergenzen und Divergenzen zur Selbstpsychologie Heinz Kohuts
4.4.1 Konvergenzen
4.4.2 Divergenzen
4.4.2.1 Der Begriff des Selbst
4.4.2.2 Die Bi-Polarität des Selbst
4.4.2.3 Fragmentierung: isolierte Triebmanifestation als Desintegrationsprodukt?
4.4.2.4 Selbstobjekte vs. „echte“ Objekte
4.5 Zusammenfassung

V. Behandlungstechnische Implikationen der intersubjektiven Perspektive
5.1 Grundlegende Gedanken zur psychoanalytischen Behandlungstechnik aus intersubjektiver Perspektive
5.1.1 Das intersubjektive Setting
5.1.2 Die analytische Haltung: Eine kritische Bestandsaufnahme
5.1.2.1 Der Mythos von der suggestionsfreien Deutung
5.1.2.2 Der Mythos von der unkontaminierten Übertragung
5.1.2.3 Der Mythos von der Objektivität und die Frage nach der Analysierbarkeit
5.1.2.4 Der Mythos vom isolierten Geist
5.1.2.5 Die analytische Haltung aus intersubjektiver Perspektive
5.1.3 Übertragung, Gegenübertragung und Widerstand
5.1.3.1 Übertragung
5.1.3.1.1 Ziele der Übertragungsanalyse
5.1.3.2 Gegenübertragung
5.1.3.3 Widerstand
5.1.4 Traumdeutung
5.1.5 Ziele und Abschluss der Behandlung
5.1.5.1 Ziele der Behandlung aus intersubjektiver Sicht
5.1.5.2 Abschluss der Behandlung
5.2 Zusammenfassung
5.3 Kritische Bemerkungen

VI. Schlußbetrachtung

Literaturliste

Anmerkungen zur Orientierung im Text:

Im folgenden Text wurden alle Zitate mit dem Publikationsdatum der Erstveröffentlichung versehen, d.h. bei englischsprachigen Erstveröffentlichungen bezieht sich die Jahresangabe auf die englische Erstveröffentlichung. Die zitierte Stelle, soweit sie in deutscher Sprache wiedergegeben wurde, entstammt aus der deutschen Übersetzung, deren Erscheinungsdatum am Ende der deutschen Quellenangabe im Literaturverzeichnis genannt wird.

In der Literaturliste sind nur die Schriften Kohuts und Stolorow et al. sowohl mit der englischen Originalquelle wie auch mit der deutschen Übersetzung angegeben. Andere englischsprachige Autoren werden entweder mit dem Original – soweit daraus zitiert wird - oder in der deutschen Übersetzung wiedergegeben, ohne dass bei der deutschen Übersetzung noch der englischen Originaltitel hinzugefügt worden ist. Da es sich hier um einen Autorenvergleich handelt, habe ich mich entschlossen, bei der Bearbeitung der Primärquellen beider Autoren bzw. Autorengruppe eine genauere Quellenangabe einzufügen, da deren ins Deutsche übersetzte Titel teilweise mit dem englischen Original wenig übereinstimmen. Zur schnelleren Übersicht habe ich zusätzlich zur Literaturliste am Ende der Arbeit eine Liste der in dieser Arbeit verwendeten Internet-Seiten angeführt.

Der Text wurde aus Gründen der Einfachheit aus männlicher Perspektive verfasst. Jeder Psychoanalytiker soll demnach auch als Psychoanalytikerin, jeder Patient auch als Patientin gelesen werden, soweit nicht spezifische Personen genannt sind.

In den deutschen Zitaten findet sich noch die alte Rechtschreibung. Ich habe Wert darauf gelegt, keinerlei Veränderungen in den Zitaten durchzuführen, außer sie wurden mit „[]“ gekennzeichnet, um einen sinngemäßen und damit verständlichen Lesefluss zu gewährleisten.

Danksagung

Ich möchte mich ganz herzlich bei folgenden Personen bedanken, die mit Rat, Hilfe, Geduld, Tröstungen, Aufmunterungen und Ablenkungen den streckenweise nicht einfachen Aufnahme-, Verdauungs- und Ausscheidungsprozess der Arbeit beigestanden haben:

- Prof. Dr. Klaus-Jürgen Bruder für sein empathisches „holding“ und „containment“ in der langen Phase der Themenwahl und der Strukturierung der Arbeit – insbesondere aber dafür, dass er mir die Möglichkeit geschenkt hat, mein psychoanalytisches Wissen im Rahmen einer Diplomarbeit um zwei weitere interessante Interpretationsmöglichkeiten zu erweitern.
- Prof. Dr. Peter Mattes für seine unermüdliche Begeisterung für die Psychoanalyse und das Durchhaltevermögen, diese Begeisterung auch im universitären Alltag über die ganzen Jahre aufrechtzuerhalten.
- Christoph Braun fürs Halten und Verwalten aller Gefühle und Geistesblitze, an die ich mich häufiger ohne seine Hilfe im Nachhinein entweder nicht erinnern wollte oder…konnte.
- Nicklas Cordes, Rüdiger Kusserow, Oliver Sonnen und Benjamin Ebeling für das Erinnern, dass es noch etwas anderes da draußen gibt, als nur die Psychoanalyse.
- Den Ablenkungsräumen KdR, Bmk und KQ samt ihren fleißigen ArbeiterInnen, in deren Sälen manch bessere Idee gereift ist, als in den einsamen Schreibtischstunden.
- Und schließlich meinen Eltern, die das zweite Studium ihres Sohnes nicht als deutliches Kennzeichen ausgeprägten Wahnsinns interpretierten, sondern stets diesen Plan emotional und…ja, ich gebe es zähneknirschend zu…auch finanziell unterstützten. Vielen Dank für Eure schier unendliche Geduld! Ach…und eines verspreche ich: Kein drittes Studium mehr J

(nur noch Doktorarbeit, Therapieausbildung 1, Therapieausbildung 2, Therapieausbildung 3…).

Einleitung

„Wenn wissenschaftliche Theorien aufeinan­derprallen, ist es nicht gesagt, dass ein Kompromiß die Wahrheit ist. Die Erde ist nicht ein Zwischending zwischen flach und rund“.

(Cooper 1980, zitiert nach Köhler 1982,

S. 353).

“The quintessential irony of the analytic relationship resides in the analyst who insists that the patient have a right to his or her own life, a right to develop a personal sense of freedom and agency.”

(William Coburn1998)[1]

In dem Feld der Psychoanalyse ist es selten, eine Arbeit über Behandlungstechnik lesen zu können, die nicht von einem praktizierenden Analytiker stammt. Es liegt in der Natur der Sache, dass Behandlungstechnik im psychoanalytischen Kontext immer an eigene Erfahrungen gekoppelt sein muss und demnach nicht unabhängig vom Erfahrungsraum gelehrt oder geleistet werden kann. Ein solches Verständnis vom Umgang mit dem Thema Behandlungstechnik ist nachvollziehbar und notwendig, da es ja um die verantwortungsvolle Behandlung von Patienten oder die Ausbildung von zukünftigen Psychoanalytikern geht.

Die vorliegende Arbeit nähert sich dem Thema Behandlungstechnik jedoch von einer anderen Seite an, welche auch ohne persönlichen Erfahrungshintergrund den Weg zur Beschreibung von Behandlungstechnik gangbar macht. Im Folgenden soll herausgestrichen werden, was bestimmte Analytiker unter Behandlungstechnik verstehen, wie sie ihre persönliche Behandlungstechnik darstellen und wie sie sie von einander abgrenzen und/oder modifizieren.

Im Zentrum stehen zwei Analytiker bzw. Analytikergruppen: Zum einen wird die Selbstpsychologie Heinz Kohuts und ihre behandlungstechnischen Konzepte dargestellt, zum anderen die der intersubjektiven Perspektive der Autoren um Robert D. Stolorow. In der Darstellung beider Konzepte soll zunächst auf die theoretischen Grundlagen der Kohutschen Selbstpsychologie eingegangen werden (Kapitel I und II). Dieser Weg wird notwendig, da sich die Theorie der Intersubjektivität von Stolorow et al. explizit auf selbstpsychologische Grundannahmen bezieht, ihr Konzept also als Ergänzung und Erweiterung der Selbstpsychologie (und darüber hinaus!)[2] verstanden wissen will. Darauf folgend soll Kohuts behandlungstechnisches Verständnis aufgezeigt werden (Kapitel III). Das Kapitel IV stellt sowohl die theoretische Konzeption der intersubjektiven Perspektive wie auch eine Gegenüberstellung zur Kohutschen Selbstpsychologie vor und leitet schließlich in Kapitel V über zu den behandlungstechnischen Konsequenzen der intersubjektiven Perspektive.

Für mich bedeutet diese Arbeit ein Fortführen eines Interesses, das durch eine vorangegangene Diplomarbeit (Müller 1999) viel Nahrung bekommen hat. War das Thema der ersten Arbeit das Verhältnis zwischen Eltern und Säuglingen resp. Kleinkindern aus psychoanalytischer und bindungstheoretischer Sicht im Hinblick auf die Phantasieentwicklung und transgenerationaler Weitergabe von Interaktionsschemata, so hat sich der Schwerpunkt in der vorliegenden Arbeit weg von der Säuglings- und Kleinkindforschung hin zur Frage des Umgang mit sog. „frühen Störungen“ im Erwachsenenalter verlagert. So folgte der Beschäftigung mit der Bindungstheorie und den neueren psychoanalytischen Theorien über den Säugling das Interesse für die Selbstpsychologie Heinz Kohuts und deren Weiterentwicklung durch die intersubjektive Perspektive. Nicht zufällig ist die enge theoretische Verbundenheit der modernen psychoanalytisch orientierten Säuglingsforschung mit den Auffassungen Kohutscher Selbstpsychologie (s. z.B. Stern 1985; Lichtenberg et al. 1995), da sie Grundlagen schaffte für eine alternative Sicht auf die Konstituierung des Selbst – weg von einer triebtheoretischen hin zu einer relational geleiteten Auffassung, welche durch die moderne Säuglingsforschung in vielerlei Aspekten Bestätigung findet.

Aber auch ein zweiter Strang des Interesses war ausschlaggebend, mich mit der Selbstpsychologie und deren Weiterentwicklung zu beschäftigen. Dieser zweite Strang könnte als ein theoriehistorisches Interesse bezeichnet werden: In den vergangenen Jahren an der Freien Universität habe ich verschiedenste psychoanalytische Richtungen kennen lernen können.[3] Dabei fiel mir auf, dass sich bestimmte Charakteristika in der Rezeption alternativer Richtungen innerhalb eines zur gegebenen Zeit vorherrschenden Theoriekonsenses des psychoanalytischen Establishments wiederholen.

Kohut wurde, wie zuvor Ferenczi, Bion, Rank, Reich usw. zunächst in seiner Arbeit sehr geschätzt, war sie doch noch zu Beginn im Rahmen der damals vorherrschenden U.S.-amerikanischen Ich-Psychologie stark verwurzelt. Doch mit zunehmender Beschäftigung seiner 1971 publizierten Ideen veränderte sich der Schwerpunkt in seiner theoretischen Verortung und machte neue Wege gangbar für die Behandlung von narzisstisch gestörten Patienten. Wie ich unter Punkt 2.2 darstellen werde, veränderte sich seine Theorie hin zu einer neuen Auffassung über Grundsätzliches in der menschlichen Motivation. Der Vorwurf ließ nicht lange auf sich warten, dass das, was diese Herrschaften täten, nun nicht mehr unter dem Namen Psychoanalyse firmieren dürfe. Unangenehme Folgen, wie hier am Beispiel Bowlbys gezeigt, ließen nicht lange auf sich warten. So schrieb Spitz (1960):

„Bowlby offers no discussion of the instinctual drives in terms of libido and aggression; he speaks of hostility and of object relations and limits himself to the behavioral level. [...] But for the purpose of explaining empirical data in terms of psycho-analytic theory, this approach is inadequate. Behavioral description has to be combined with the explication of observational facts from the economic, the dynamic, and the structural viewpoint; [...] If Bowlby wishes to do without this kind of explanation, he is entirely within his rights. However, it then ceases to be a psychoanalytic explanation, and the quotations from Freud, which Bowlby uses here, do not really apply.“ (S. 91, Hervorhebung: K. M.).

Hier wird ein Charakteristikum sichtbar, das in der Geschichte der Psychoanalyse schon immer ein sehr problematisches war: Der Umgang mit dem vermeintlichen Wissen um die sog. „Wahrheit“ – genährt durch Aussagen des Begründers der Psychoanalyse Sigmund Freud, wie z.B. der folgenden:

„Ich finde mich berechtigt, den Standpunkt zu vertreten, dass auch heute noch, wo ich länger nicht mehr der einzige Psychoanalytiker bin, keiner besser als ich wissen kann, was die Psychoanalyse ist, wodurch sie sich von anderen Weisen, das Seelenleben zu erforschen, unterscheidet, und was mit ihrem Namen belegt werden soll oder besser anders zu benennen ist“ (1914, S. 44).

Gerade dieses Thema der „Wahrheit“ beschäftigt die Autoren um Stolorow et al. Deutlich wird diese Beschäftigung, wenn man folgendes Zitat dem Freuds gegenüberstellt:

„[…] metapsychological systems of personality theories and psychoanalysis can be seen, in part, as absolutizations and universalizations of the personal subjectivity of each theorist“ (Kindler 1996, S. 1).

Ein weiteres oben angesprochenes Charakteristikum brachte der U.S.-amerikanische Philosoph und Psychologe William James anschaulich auf den Punkt, als er einmal die klassischen Stufen im Leben einer Theorie beschrieb: Zunächst wird sie als kompletter Irrsinn kämpferisch angegriffen, dann nimmt man sich ihrer an, als wäre sie augenscheinlich und demnach banal. Schließlich wird sie in ihrer Form als so großartig erkannt, dass die vorherigen Kritiker behaupten, sie hätten es ohnehin schon immer gewusst und auch vertreten (vgl. Strozier 2001, S. 227).

Ähnliches habe ich auch bei Kohut entdecken können: Wurde zunächst seine Neuerungen als ein „Rückzug ins Paradies“ (Psychoanalytisches Seminar Zürich 1983) verstanden, seine behandlungstechnischen Veränderungen nur als alter Wein in neuen Schläuchen (Cremerius 1983b), so findet sich die Selbstpsychologie wie selbst verständlich in der American Psychoanalytical Association gleichberechtigt eingegliedert (Kernberg 2000, S. 7). Auch in Europa ist sie heute eine nicht mehr wegzudenkende theoretische und praxisorientierte Dimension im Curriculum vieler Ausbildungsinstitute. Die Autoren um Stolorow hingegen scheinen sich mit ihrer Theorie der Intersubjektivität in den Augen mancher Kritiker noch in William James’ Stadium der Banalität zu befinden (s. dazu Punkt 5.3).

Trotz des Eindruckes einer kämpferischen Front im Felde der Psychoanalyse meine ich, einen offeneren Zugang zu neuen, aber auch älteren Theorien und Theorieelementen in dem mancherorts nicht ganz so befriedet wirkenden Kanon der psychoanalytischen Schulen entdeckt zu haben. Ein reger Austausch hat begonnen, der besonders auf Kongressen über Entwicklungspsychologie und Psychotherapie spürbar wird (z.B. auf den 49. Lindauer Psychotherapiewochen 1999 mit dem Thema „Bindung und Lösung“), und die psychoanalytische Theorie und Praxis zunehmend bereichert. Meines Erachtens lässt gerade die Praxis die theoretischen Grenzen zwischen den Lagern leichter ins Wanken geraten, da hier sich der Prüfstein einer Theorie verortet. Das aus dieser praktischen Arbeit mit Patienten erwachsende „multidimensionale Denken“ (Selvini et al. 1988, S. 367) und die dadurch aufkommende, interdisziplinäre Kommunikation macht das Bearbeiten eines Themas wie die Behandlungstechnik für mich - gerade zu dieser Zeit der Veränderungen - so interessant.

I. Auf dem Weg zur Selbstpsychologie

„Das Endresultat dieses Prozesses [der umwandelnden Verinnerlichung, K.M.] ist jedoch nicht die Einverleibung der Ideale des Analytikers, sondern die Idealisierung von Werten, die im Einklang mit der Persönlichkeit des Analysanden stehen und für die Aufgaben relevant sind, mit denen er in seinem Leben konfrontiert ist“

(Heinz Kohut 1975a, S. 13 Hervorhebungen im Original).

Im Folgenden möchte ich zunächst eine historische Einbettung Kohuts und seiner Ideen und damit die wichtigsten theoretischen Grundlagen der Selbstpsychologie nennen, um für die spätere technische Debatte ein ausreichendes Fundament zu erhalten. Wie schon oben angesprochen, hat sich die intersubjektive Perspektive von Stolorow et al. aus der Kohutschen Selbstpsychologie herausgeschält. Da letztere Autorengruppe sehr stark auf das theoretische Fundament Kohuts zurückgreift, wird eine kurze Einführung für das Verständnis beider Richtungen umso wichtiger. Eine Theorie ist immer auch ein Abbild ihres Theoretikers (vgl. Ladan 2000, S. 156), daher beginne ich mit einem kurzen Lebenslauf von Heinz Kohut.

1.2 Biographischer Abriss zur Person Heinz Kohut

1.2.1 Der Weg zur Psychoanalyse

Heinz Kohut, geboren am 3. März 1913 in Wien, gilt in der psychoanalytischen Geschichte als der Begründer der im amerikanischen Exil entstandenen Selbstpsychologie. Wie sein geistiger Lehrer Freud entstammt auch Kohut aus einer nicht besonders religiösen jüdischen Familie, studierte zunächst Medizin und war durch die antisemitische Hetzjagd gezwungen aus Österreich über England zu emigrieren. Nach einem einjährigen Aufenthalt in England siedelte er schließlich in die USA nach Chicago über, wo er bis zu seinem Tod 1981 lebte.

Kohuts erster intensiver Kontakt mit der Psychoanalyse entstand noch in Wien 1938 durch persönliche Schwierigkeiten, die dem Tod seines 1937 verstorbenen Vaters folgten. Nach einer wenig erfolgreichen psychoanalytischen Behandlung bei einem Analytiker namens Walter Marseilles (vgl. Strozier, 2001, S. 49)[4] ersuchte er um eine Fortsetzung seiner Analyse bei August Aichhorn, dessen starker Einfluss in Kohuts späteren Beschäftigung mit narzisstischen Persönlichkeitsstörungen bis zu seinem Lebensende spürbar geblieben ist.[5] 1942 wollte er sich für die psychoanalytische Ausbildung am Chicago Institute for Psychoanalysis einschreiben, ist jedoch zunächst abgelehnt worden (vgl. ebd., S. 78). So begann er nach einem weiteren geglückten Anlauf 1943 seine Lehranalyse bei Ruth Eissler.

1.2.2 Narzissmus und die Person Kohuts

Die Beschäftigung mit der Narzissmusthematik kam für Kohut nicht aus heiterem Himmel. Sein Interesse ist, ohne in wilden Spekulationen zu versinken, aus seiner eigenen Persönlichkeit entwachsen, was er auch in einem Aufsatz von 1969 deutlich macht, wenn zu lesen ist:

„[…] dass es spezifische Hindernisse in meiner eigenen Persönlichkeit waren, die mir im Wege standen. Da war ein Rest von Beharren, erwachsen aus tief verwurzelten alten Fixierungspunkten, mich selbst im narzisstischen Mittelpunkt der Bühne sehen zu wollen […]“ (S. 344).

Sein Biograph Strozier nennt viele plastische Beispiele von Kohuts narzisstischem Habitus, der sogar dazu führte, dass er, wie oben angemerkt, zunächst als Ausbildungskandidat am „Chicago Institute for Psychoanalysis“ 1942 abgelehnt wurde mit der Bemerkung, er solle zunächst eine eigene therapeutische Analyse durchführen, bevor er eine Lehranalyse anstrebe. Diesbezüglich befragt, gab Paul Ornstein, ein bis heute treu ergebener Schüler Kohuts, an, dass sicherlich Kohuts eigener Narzissmus ihm damals im Wege stand (Strozier 2001, pp. 79f).

In der Geschichte der Psychoanalyse ist aber eine Affinität zu spezifischen Störungsbildern und eine daraus resultierende theoretische Neuformulierung aufgrund eigener Disposition nichts Unübliches; ja, es ist sogar ein großer Quell neuer Ideen und Konstrukte über die Wirkung und Wirkweise des Unbewussten.[6] Freud selbst ist bis heute regelmäßig Gegenstand solcher Überlegungen, die mal mehr, meistens weniger, plausible und neue Einsichten liefern.[7] Angeregt durch eigenes Erleben, entwickelte Kohut neue Ideen, welche bis heute einen nicht mehr wegzudenkenden Einfluss auf die Sichtweise psychoanalytisch orientierter Entwicklungspsychologie und Psychopathologie haben.

1.2.3 Von den Anfängen zur Selbstpsychologie

War sein frühes Werk zunächst als Ergänzung bzw. Neufassung des psychoanalytischen Narzissmusbegriffes aus Sicht der Ich-Psychologie gedacht, so hat sich im Laufe seiner Schaffensperiode (von ca. 1950 mit Abschluss seiner Ausbildung am Psychoanalytischen Institut in Chicago bis zu seinem Tod) die Selbstpsychologie als eigenständige Richtung innerhalb des Kanons psychoanalytischer Schulen etabliert – mit mal mehr und mal weniger Akzeptanz der sog. „psychoanalytic community“. Aus Kohuts (1971) Kritik des Narzissmus-Konzepts Freudscher Denkweise (1914) und der Behandlung narzisstischer Persönlichkeitsstörungen, entwuchs – in Anlehnung an seinen Analytiker August Aichhorn (1936) - das Konzept einer eigenständigen Entwicklung des Selbst. Begriffe wie bipolares Kern-Selbst, Selbstobjektbeziehungen, Größenselbstübertragung bzw. Übertragung der idealisierten Elternimago, umwandelnde Verinnerlichung oder insbesondere die Begriffe Empathie und Introspektion als genuin psychoanalytische Untersuchungsmomente wurden so in die psychoanalytische Alltagssprache getragen. Seine Idee, dass den narzisstischen Persönlichkeitsstörungen eine Erfahrung unempathischer Eltern vorausgegangen sein muss und diese mangelnde empathisch-introspektive Haltung auf Seiten der als (mehr oder weniger geeigneten) „Selbstobjekte“[8] dienenden primären Bezugspersonen sich in der analytischen Haltung Freudianischer Herkunft auf paradox-pathologisierender Weise durch die kühl-neutrale, nicht als introspektiv-empathisch empfundene Haltung des Analytikers wiederholt, was zum Scheitern analytischer Anstrengungen bei narzisstisch gestörten Patienten führen kann, revolutionierte die bis dato zumindest in den psychoanalytischen Schriften dominierende, analytisch-abstinente Haltung[9] ebenso stark, wie die Postulierung einer eigenständigen, von der Fähigkeit zur Herausbildung einer Objektliebe getrennten (aber in Bezug zur letzteren nicht unabhängigen) Entwicklung des Selbst.

Empathie und Introspektion, zwei Schlüsselbegriffe Kohuts, schon ab 1959 in schriftlicher Form zu finden[10], wurden zu neuen „Zauberwörtern“. Sein Postulat, dass nur die Daten psychoanalytisch genutzt werden können, die auf dem Wege der Empathie und Introspektion gewonnen werden können, ließen Freuds metapsychologische Spekulationen in einem kritischen Licht erscheinen. Dazu schreibt Mertens (1992):

„Empathie (im Kohutschen Sinn) tauchte als Konzept in vielen Fallseminaren und Besprechungen wie eine Wunderwaffe auf, und über nicht genügend Empathie zu verfügen, wurde in psychoanalytischen Kreisen wie eine berufliche Disqualifikation betrachtet“ (S. 105).

Die Kritik gegenüber dieser behandlungstechnischen Veränderung – weg von metapsychologischen Spekulationen aus einer neutralen Haltung heraus und hin zu einer empathisch-introspektiven Haltung in der Analyse, in der das Verständnis und die Einfühlung in die Bedürfnisse des Patienten im Vordergrund stehen - hat nicht lange auf sich warten lassen: So gibt Mertens an, dass „[a]n die Stelle des durcharbeitenden Deutens […] das Spiegeln [trat], d.h. das Eingehen auf die selbstobjekthaften Bedürfnisse des Patienten“ (ebd.). Und diese Charakterisierung verheißt nichts Gutes für den auf das triebhafte Begehren des Patienten eingestellten Widerstands-Analytikers. So wurde langsam ein Unbehagen deutlich: Kohut sei ein Rogers-Anhänger im analytischen Wolfspelz, ein „Paradies-Prediger“ (z.B. Psychoanalytisches Seminar Zürich 1983), und andere Begrifflichkeiten sind in der Rezeption Kohutscher Literatur nicht selten zu finden. Futter fand zumindest auch das Rogers-Argument dadurch, dass beide eine Zeit lang an der Universität von Chicago arbeiteten und Überschneidungen in ihren beiden Werken durchaus zu finden sind, wenn sie sich nicht sogar mit voller Wucht in das Auge des Betrachters bohren (Kahn 1996; Kahn & Rachman 1999). Beide haben sich wohl nie getroffen. Dennoch ist bei der Nähe mancher Grundannahmen durchaus zu spekulieren, dass nicht doch eine gemeinsame oder vielmehr getrennte jungfräuliche Befruchtung stattgefunden hat.

War Kohuts Bestreben zunächst nur, ein alternatives, noch immer der Freudschen Metapsychologie verbundenes Konzept zur Behandlung narzisstischer Persönlichkeitsstörungen zu finden (Kohut 1971), so wurde mit dem 1977 erschienenen Buch „Die Heilung des Selbst“ die Selbstpsychologie zu einer „eigenständigen“ psychoanalytisch orientierten Richtung, die nicht nur bei der Behandlung narzisstischer Persönlichkeitsstörungen halt machen wollte (z.B. Kohut 1984). Eine eigenständige Entwicklungspsychologie aus selbstpsychologischer Perspektive, die sogenannte Psychologie des Selbst im weiteren Sinne entstand, die das Selbst und seine Entwicklung in den Mittelpunkt seiner Untersuchungen des gesamten psychologischen Universums stellt (vgl. Kohut 1977a, S. 12f).[11]. Sie ist aus den heutigen, durch die Säuglingsforschung maßgeblich beeinflussten Schriften (u. a. Stern 1985) nicht mehr wegzudenken. Nicht nur die theoretischen Auseinandersetzungen mit einem neuen, veränderten Begriff des Selbst, sondern insbesondere die dadurch notwenigen behandlungstechnischen Impulse zeichnen ein neues Bild psychoanalytischer Kur.

Mit seinem letztem Werk vor seinem Tod 1981 mit dem Titel „How does Analysis cure ? [dt.: Wie heilt die Psychoanalyse? 1984 erschienen]“ vollendete er sein Hauptwerk „The Restauration of the Self [dt.: Die Heilung des Selbst ]“ von 1977, ohne jedoch noch sein Erscheinen erleben zu können. In diesem letzen Werk nahm er noch einmal Stellung bezüglich mancher Kritik, die sein 1977 erschienenes Buch erregte und erweiterte darüber hinaus das Wissen um die psychoanalytische Behandlung aus selbstpsychologischer Sicht.

II. Fundamente der Selbstpsychologie

Im Folgenden möchte ich einige theoretische Fundamente der sich später entwickelten Selbstpsychologie darstellen. Diese sollen dann als Grundlage für die im Kapitel III diskutierten behandlungstechnischen Implikationen sein.

2.1 Frühe Annäherungen Kohuts an das Narzissmuskonzept

2.1.1 Der Einfluss Alfred Aichhorns auf Kohut

Obwohl Kohut mit der oben genannten Schrift von 1959 erste sanfte Annäherungen an die von ihm später sogenannte idealisierte Variante der narzisstischen Übertragung geliefert hat, ist seine Beschäftigung mit diesem Thema sicher mindestens so alt, wie die bei August Aichhorn absolvierte Analyse. Denn Aichhorn kann mit Recht als einer der Urheber bezeichnet werden, der die These narzisstischer Übertragungen vertrat. Im Gegensatz zu Freud, der nicht an eine Übertragungsfähigkeit narzisstischer Patienten glaubte, da Objektbeziehung und Narzissmus für ihn zwei entgegengesetzte psychische Funktionen bzw. Positionen sind, da der Narzissmus als primär und die Objektliebe als entwicklungsbedingt spätere, sekundäre Fähigkeit angesehen wird und sich demnach Narzissmus und Objektbeziehung/Objektliebe ausschließen, schrieb August Aichhorn im Jahre 1936 einen bedeutenden Artikel über die Technik der Erziehungsberatung, in der er von einer narzisstischen Übertragung berichtete. In diesem Artikel, den er Freud zum 80. Geburtstag widmete, erläutert er die spezifischen Übertragungsmomente bei delinquenten Kindern und Jugendlichen. Um mit ihnen ein produktives Arbeitsverhältnis aufzubauen machte er sich die, von Kohut später als idealisierte Übertragung (s. u.) identifizierte Einstellung der Jugendlichen zunutze. Auch wenn Aichhorn sich noch in der Sprache der Triebtheorie ausdrückt und davon spricht, dass dieser betreffende Jugendliche „[…] überhaupt noch gar keine objektlibidinöse Beziehung zu uns gehabt […]“ (Aichhorn 1936, S. 61) hat, so schreibt er in einer bemerkenswerten Deutlichkeit über die Funktion, die bei Kohut zum „Selbstobjekt“ wurde:

„Man liebt es [das Objekt] wegen der Vollkommenheiten, die man fürs eigene Ich angestrebt hat, und die man sich nun auf diesem Umweg zur Befriedigung seines Narzissmus verschaffen möchte.“ (ebd., S. 65).

Ist bei Aichhorn noch von Befriedigung des eigenen Narzissmus die Rede, so würde Kohut das den Versuch eines durch unempathische Erfahrungen seitens der primären Bezugspersonen „inkohärent gewachsenen“, fragmentierten Selbst bezeichnen, das auf diese Weise versucht, sich als kohärentes und damit als in sich kontinuierlich ruhendes, mit zentralen Strebungen und Idealen ausgerüstetes und als unabhängiger Mittelpunkt von Antrieb und Wahrnehmung empfindendes Kern-Selbst erleben zu können (vgl. Kohut 1977, S. 155), d.h. ein Gefühl der Selbstbestimmtheit ohne übertriebene Angst vor Versagen, Versagungen oder vor dem Gefühl des Kontaktverlustes zum eigenen Selbst, was mit Hilfe der sogenannten „Selbstobjekte“ erreicht werden kann. Im Zusammenhang mit dem Wandel von der Trieb- zur Selbstpsychologie bedeutet das: Weg von der Formulierung einer (Befriedigungs-)Lust (Ich- bzw. Selbsterhaltungstriebe, später Lebens- und Todestriebe) als Triebursache – dem von Kohut als triebhaft-schuldig bezeichneten Menschen -, hin zu einer Formulierung eines erlittenen empathischen Mangels und dem daraus resultierenden Versuch einer sekundären Reparation - über den Weg des Selbstobjekts - des von ihm als tragisch bezeichneten Menschen.

2.1.2 „Introspektion, Empathie und Psychoanalyse“ (1959)

Insgesamt drei Artikel Kohuts können als einflussreichste Vorläufer der Narzissmus-Studie von 1971 gelten, die zwischen den Jahren 1959 und 1968 publiziert wurden. Der erste publizierte Impuls hin zur Selbstpsychologie war gewiss sein Artikel von 1959 mit dem Titel: „Introspection, empathy, and psychoanalysis“, in dem er die Empathie und Introspektion als Basis und Ausgangspunkt psychoanalytischer Forschung festsetzte.

2.1.2.1 Empathie

Konstrukte wie Eros und Thanatos sind nach Meinung Kohuts Annahmen einer biologischen Theorie, die mit den Mitteln einer psychoanalytischen Psychologie nicht zu erfassen sind und demnach als biologische Spekulationen bezeichnet werden müssen. Nur was durch das Sich-hineinversetzen bzw. Sich-einfühlen (Empathie) in das Gegenüber und durch das Eintauchen in die eigene innere Gefühlswelt (Introspektion) gewonnen wird, kann Gegenstand psychoanalytischer Wissenschaft werden. Es ist ein inneres Mitschwingen, vorstellbar wie eine Saite eines Instrumentes, die in Schwingungen gebracht wird durch Klänge, die auf diese Saite bzw. auf den ganzen Klangkörper treffen. Die Alltagssprache hat für dieses Phänomen passende Worte gefunden, wenn wir z.B. sagen, dass wir auf gleicher Wellenlänge liegen, dass geteiltes Leid halbes Leid darstelle, dass wir das nachvollziehen können, was uns entgegengebracht wird etc. Es ist ein emotionales Mitschwingen im Dienste der Perspektivübernahme, die physisches und psychisches Überleben sichert. Wichtig anzumerken ist, dass Kohut Empathie als ein nüchternes Untersuchungsinstrument versteht, nicht das umgangssprachliche Mitleiden, das zu vielen Missverständnissen in der Rezeption des Kohutschen Werkes geführt hat. Es kann von Therapeuten genutzt, doch ebenso im Dienste einer Diktatur missbraucht werden. Im analytischen Kontext birgt Empathie bei unreflektiertem Einsatz ein Mitagieren des Analytikers in sich, das als nicht analysierte Gegenübertragung die analytische Arbeit (im Zweifelsfall) zu blockieren droht. Um diese Gefahr zu minimieren, ist die Introspektion ebenso von größter Wichtigkeit.

2.1.2.2 Introspektion

Unter Introspektion versteht man Selbstbeobachtung. Ein Prozess, der im Gegensatz zu allen anderen psychotherapeutischen Schulen in der Psychoanalyse einen Kernpunkt der Behandlungstechnik und damit auch einen Schwerpunkt der Ausbildung darstellt. Introspektion speist sich aus psychoanalytischer Perspektive immer mit der Auseinandersetzung eigener Konflikte, die in der Zusammenarbeit mit dem Patienten auftauchen, unabhängig davon, ob sie durch den Patienten hervorgerufen werden, oder durch eigene Erlebnisse sich in der Begegnung mit dem Patienten materialisieren. Selbst beobachtung ist demnach (im besten Falle) immer mit Selbst erkenntnis in Verbindung zu setzen. Demzufolge ist aus behandlungstechnischer Perspektive auch eine dem Berufsleben ständig parallel verlaufende Supervision und ggf. weiterführende eigene Analyse zu bestimmten Zeitpunkten ein ebensolcher fester Bezugsrahmen, wie die Beschäftigung mit der Traumdeutung oder der theoretischen Übersetzung von Praxiserfahrungen. Leider habe ich die Betonung einer sich nach der Ausbildung anschließenden, kontinuierlichen Weiterführung introspektiver Erfahrungsräume in meiner Beschäftigung mit dieser Arbeit häufig vermissen müssen und als Element der Behandlungstechnik nur äußerst selten finden können (s. dazu Yalom 2002, S. 55ff).

Gepaart mit den Hauptwerkzeugen psychoanalytischer Technik - der freien Assoziation und der Widerstandsanalyse - wird, so Kohut, demnach mit Introspektion und Empathie als Beobachtungswerkzeugen die Grundlage geschaffen, die eine psychologisch-wissenschaftliche Arbeit benötigt. Mutig in seinen Überlegungen, gerade auch in Bezug zu bestimmten Settingparametern (insbesondere der Zeitfaktor einer analytischen Sitzung, was zu einer Anregung über eine mögliche Verlängerung der Sitzungsdauer führt (vgl. ebd., S. 838)), schreitet Kohut durch seine Argumentation. Er verteidigt sie auch dort, wo der Vorwurf eines Einpersonenbezugsrahmens laut wird, und packt durch die Methode der Introspektion eben jenes Argument an seiner Wurzel, da eben genau die Introspektion - gepaart mit der Einfühlung (Empathie) - „das Erleben der Beziehungen verschiedener Personen zueinander“ (1959, S. 842) möglich macht.[12]

Obwohl noch stark dem Jargon der damals dominanten Ich-Psychologie verpflichtet, formuliert er im Zusammenhang mit der Suchtproblematik von Patienten die ersten Ideen hinsichtlich seines späteren Narzissmuswerkes, in dem er folgende These aufstellt: Die dem Süchtigen als Droge dienenden Momente sind nicht durch die Vermutung zu erklären, dass es sich hierbei um den Ersatz verlustig gegangener Liebesobjekte handelt, sondern dass die Droge als Kompensation, besser: als Ersatz für fehlende seelische Strukturen dient. Die Droge als Selbstobjekt, so würde der spätere Kohut es nennen. Der Therapeut kann die in der analytischen Situation auftretende und als Abhängigkeitsübertragung verstandene Beziehungsgestaltung als einen primären Versuch des Patienten verstehen, seine brüchige oder fehlende Struktur durch die Person des Therapeuten zu stützen. Daher, so Kohut, ist eine auf Einsicht basierende analytische Technik in diesem Falle nicht ausreichend. Im Fokus der ersten Beziehungsaufnahme sollte demnach das Ziel des Erkennens und Bejahens dieses Bedürfnisses stehen:

„[…] [D]er Patient muss zuerst einmal lernen, ein System unbewusster Größenphantasien, das er mit Hilfe seiner sozialen Isolierung aufrechterhält, durch die für ihn schmerzliche Anerkennung der Realität zu ersetzen, dass er abhängig ist“ (Kohut 1959, S. 849).

Deutlich wird, wie Kohut selbst in einer 1971 zugefügten Fußnote anmerkt, dass hier schon die ersten Ausläufer des später als narzisstische Übertragung bezeichneten Momentes zu erkennen sind.

Des Weiteren kritisiert Kohut aus der Sicht des empathisch-introspektiven Standpunktes Begrifflichkeiten wie Eros und Thanatos. Jene Annahmen fußen auf einem biologischen Ansatz, der jedoch nicht mit Hilfe von Empathie und Introspektion zugänglich gemacht werden kann und damit nicht in eine psychoanalytische Psychologie passt (vgl. S. 851). Introspektion und Empathie bleiben die wesentlichen Bestandteile psychoanalytischer Forschung (vgl. ebd., S. 837) und ihre Wahrnehmungsgrenzen markieren so auch die Grenzen psychoanalytischer Forschung und Technik (vgl. ebd., S. 854).

2.1.3 „Formen und Umformungen des Narzissmus“ (1966)

Befasst sich der vorhergehende Artikel von 1959 noch primär mit den Begriffen Empathie und Introspektion, so geht der 1966 veröffentlichte Artikel „Forms and transformations of narcissim“ [dt: 1966: „Formen und Umformungen des Narzissmus“] schon direkt auf die Narzissmusthematik ein. Eine der Schlüsselaussagen dieses Textes ist die Umformulierung der Narzissmusentwicklung. Deutliche Position gegen den Freudschen Standpunkt nimmt Kohut mit dem Satz ein: „Die Antithese zum Narzissmus ist nicht die Objekt beziehung, sondern die Objekt liebe“ (S. 563, Hervorhebungen im Original). Mit diesem Satz formuliert er eine neue Theorie, dass es neben der Entwicklung der Objektbeziehung, die von einem narzisstischen Ursprung ausgeht – hin zu einer Liebe zum Objekt, in der es – ganz nach Freuds Vorstellung – um ein Streben nach Lustbefriedigung geht, eine zweite, eigenständige und von der Triebentwicklung getrennte Entwicklung existiert, nämlich die des Narzissmus als Struktur des Selbst, mit dem Ziel einer dauerhaften Stärkung und Stabilisierung des narzisstischen Selbst.[13] Seine Entwicklung ist maßgeblich von den Erfahrungen mit den primären Bezugspersonen abhängig und darf nicht verstanden werden, als eine von Objekten unabhängige Entwicklung. Wenn hier vom Selbst gesprochen wird, so versteht Kohut zunächst noch das Selbst als überwiegend narzisstisch (narzisstisches Selbst)[14] (vgl. ebd. S. 563).

Die narzisstische Entwicklung umfasst zwei voneinander unabhängige Momente. Ausgehend von der (noch in Anlehnung an Freud formulierten) These eines primär narzisstischen Zustandes, welcher im Laufe der ersten Lebensmonate zunehmend durch unvermeidbare Brüche in der empathischen Wahrnehmung der primären Bezugspersonen frustriert wird, kommt es zum Versuch der Wiederherstellung dieses primär-narzisstischen Zustandes in Form von zwei sich eigenständig entwickelnden Systemen: 1. Die Entwicklung eines „Größenselbst“ („grandioses Selbst“), als Träger exhibitionistischer Anteile des Selbst, die im Laufe der Entwicklung als Ambitionen umgewandelt werden; 2. die „idealisierte Elternimago“, als Träger idealisierender Selbstanteile, die internalisiert werden und sich als Ideale niederschlagen (vgl. ebd., S. 569ff, Milch 2001, S. 11f). Beide Narzissmusbestrebungen haben ihre eigene Entwicklung und können demnach auch jeweils spezifische Störungsbilder entstehen lassen, wenn Beeinträchtigungen durch mangelhaftes empathisches Verhalten in der auf sie treffenden Reaktion der primären Bezugspersonen erlebt werden, die stärker sind, als jede notwendigen, ubiquitär vorhandenen „optimalen Frustrationen“ (ein Begriff aus seiner späteren Theorie – s. Punkt 2.2.2.6). Wird in der Phantasie gemäß dem ersten Punkt das Selbst als Zentrum für Macht und Perfektion erlebt, so werden diese Qualitäten im zweiten Fall den Eltern zugeschrieben, durch deren Bewunderung man selbst Anteil hat und ihre Qualitäten dadurch auf das eigene Selbst scheinen. Der bekannte Ausspruch Kohuts über den „Glanz im Auge der Mutter“ (Kohut 1966, S.569) als Ausdruck mütterlicher Bewunderung beim Betrachten ihres Kindes, der dem kindlichen Selbst Kraft, Selbstbewusstsein und Stärke verleiht, steht prototypisch für die Wechselwirkung zwischen Größenselbst und Idealisierung der Eltern, was sich psychisch als »idealisierte Elternimago« im Kinde niederschlägt. Als Entwicklungslinie werden die ursprünglich idealisierten Eltern intrapsychisch zu idealisierten Werten, die es gilt anzustreben. Das kindliche Größenselbst wandelt sich schließlich in Ambitionen um, die der Persönlichkeit einverleibt werden.

Die Abhängigkeit des sich im Aufbau befindlichen narzisstischen Selbst von den Objekten der frühen Kindheit prägt alle weiteren Erfahrungen mit wichtigen Bezugspersonen im Laufe des Lebens. Jene Abhängigkeit verliert sich auch nicht in einer einmal abgeschlossenen Selbstentwicklung, sondern das Selbst benötigt dauerhaft sein Gegenüber. So ist ein Mensch, der nach Außen hin eine stattliche Anzahl von Freundschaften sein eigen nennt, vielleicht nur an diese Freundschaften gebunden, um durch sie seine eigene Person zu bestärken. Auf der anderen Seite ist ein Mensch, der scheinbar kaum mit einer solch hohen Anzahl von Freunden konkurrieren kann jemand, der reich an Objektbeziehungen ist, da sie stabil und nicht durch prädominante Selbst-Selbstobjektabhängigkeiten[15] kontaminiert sind, da er ein kohärentes Selbst besitzt und demnach nicht in übertriebene Abhängigkeiten von anderen Menschen gerät, die er zur Stabilisierung seines Selbstgefühls braucht. Der Unterschied liegt in der Verwendung der Objekte. Ersterer braucht die Freundschaften, um sich ausschließlich selbst zu stabilisieren, letzterer nennt ein stabiles Selbst sein eigen und kann den Anderen als einen von sich getrennten aber in einer reifen Beziehung mit sich verbundenen Menschen erleben. Diese Beziehungen schließen notwendige Selbst-Selbstobjektanteile nicht aus, sie drängen sich jedoch nicht in den Vordergrund und hinterlassen demnach nicht den Eindruck von reinen Abhängigkeitsbeziehungen zum Zwecke der Selbststabilisierung.

2.1.4 „Die psychoanalytische Behandlung narzisstischer Persönlichkeitsstörungen“ (1969)

Diese 1969 veröffentlichte Schrift führt wesentliche Grundbegriffe ein, die für den therapeutischen Umgang mit narzisstisch gestörten Patienten von großer Wichtigkeit sind. Narzisstische Störungen entstehen dann, wenn die narzisstischen Bedürfnisse beider Bestrebungen, die exhibitionistische und die idealisierende, traumatisiert werden, so dass eine Integration beider archaischer Strebungen in eine erwachsene Persönlichkeit im Sinne von Ambitionen und Idealen nicht oder nur rudimentär gelingt. Diese archaischen Bestrebungen bleiben dann erhalten und können nicht in eine spannungsregulierende psychische Struktur umgewandelt werden. Schwerste Störungen können zu Zuständen massiver Regression autoerotischer Natur und/oder zu Seele-Körper-Selbst-Fragmentierungen führen, die, so Kohut, psychoanalytisch nicht zugänglich sind. Narzisstische Störungen mit einer relativen Stabilität und deutlichen psychischen Verschmelzungsphänomenen in der Übertragung sind jedoch analytisch zu behandeln. Sie zeigen sich durch deutliche Übertragungskonfigurationen, die er als „Spiegelübertragung“ einerseits und „idealisierende Übertragung“ andererseits (welche später noch genauer differenziert wurde, s. Punkt 3.2.2.2.2.2.1f) bezeichnet. Beide Übertragungsformen benötigen das Gegenüber als Stabilisierung eigener narzisstischer Bedürfnisse, jedoch in gegensätzlicher Form, wobei innerhalb der Analyse eines Patienten diese Übertragungsformen meist abwechselnd zu Tage treten können und nicht nur als ausschließliche Übertragung der einen oder anderen Art vorkommen. Im Falle der Spiegel- oder auch Größenselbstübertragung wird das Gegenüber als Stützung des eigenen grandiosen Selbst, im Falle der idealisierenden Übertragung als Stützung der idealisierten Elternimago genutzt.

Als wichtige therapeutische Implikation sieht Kohut zunächst die Herstellung der jeweiligen Übertragungsform, je nachdem welcher Entwicklungsstrang prädominant ist: die idealisierte oder Größenselbstübertragung. So ist die einzig notwendige analytische Haltung aus behandlungstechnischer Sicht bei der idealisierten Übertragungsform zunächst die Annahme der Bewunderung des Patienten (vgl. ebd., S. 341). Der Hauptteil des analytischen Durcharbeitungsprozesses in der idealisierten Übertragung betrifft den Verlust des narzisstisch erlebten Objekts (vgl. S. 329). Dazu schreibt Kohut (1969):

„Das Ich wird zunehmend fähiger, die Abwesenheit des Analytikers wie auch sein gelegentliches Versagen im Verstehen zu ertragen. Der Patient lernt, dass die idealisierende Libido nicht sofort vom idealisierten Bild abgezogen werden muss und dass die schmerzlichen und gefährlichen regressiven Verschiebungen der narzisstischen Besetzungen verhütet werden können. Zugleich mit der wachsenden Fähigkeit, einen Teil der idealisierenden Besetzung trotz der Trennung zu bewahren, kommt es zu einer verstärkten Internalisierung, d. h. die psychische Organisation des Analysanden erwirbt die Kraft, einige der Funktionen auszuüben, die vorher vom idealisierten Objekt geleistet wurden“ (S. 330).

Hinsichtlich der therapeutischen Implikationen bei der Spiegelübertragung, die er noch weiter differenziert als 1. Verschmelzung durch Ausdehnung des grandiosen Selbst, 2. Alter Ego-Übertragung bzw. Zwillingsübertragung und schließlich 3. der eigentlichen Spiegelübertragung (vgl. ebd., S. 331), sieht er eine ähnliche Aufgabe: Die Mobilisierung der Spiegelübertragung steht zunächst im Vordergrund. Folglich enthüllt der Patient die Triebe und Phantasien des grandiosen Selbst und leitet damit den Prozess ein, „der zur Integration des grandiosen Selbst in die reale Ich-Struktur und zur angepassten nützlichen Umwandlung seiner Energien führt“ (ebd., S. 335). Die große Schwierigkeit in der Herstellung der Spiegelübertragung ist jedoch die Handhabung der Gegenübertragung, da der Analytiker vom Patienten nur als Spiegel infantilen Exhibitionismus gebraucht wird. Eigene narzisstische Befriedigung wird hier auf ein Minimum reduziert, was Wut, Ärger aber auch Gleichgültigkeit, Müdigkeit oder Langeweile auf Seiten des Analytikers entstehen lässt.

Aus behandlungstechnischer Perspektive fasst Kohut (1969) zusammen:

„Das Hauptziel der Durcharbeitungsprozesse in der idealisierten Übertragung ist die Internalisierung des idealisierten Objekts, die zur Stärkung der fundamentalen Struktur des Ichs des Patienten und zur Stärkung seiner Ideale führt. Das Hauptziel der Durcharbeitungsprozesse in der Spiegelübertragung ist aber die Umwandlung des grandiosen Selbst, deren Ergebnis eine Festigung des Handlungspotentials des Ichs (infolge des wachsenden Realismus der Ambitionen der Persönlichkeit) sowie eine realistischere Selbstachtung ist“ (S. 336).

Ziel ist es für Kohut, spezifische Persönlichkeitseigenschaften des Analytikers als Element einer erfolgreichen Behandlung narzisstischer Persönlichkeitsstörungen herausnehmen zu können und als Ersatz allseits wirksame Werkzeuge, wie Deutung und Rekonstruktion auf Basis neuer Erkenntnisse, einzuführen, die er mit dieser und den vorangegangenen Schriften vorlegt.

Bemerkbar wird in diesem Text noch der starke Bezug zum Ich-psychologischen Paradigma. In seinem späteren Werk ist nicht mehr die Rede vom Ich, Triebe und Libido-Verteilungen.

2.1.5 Kritische Bemerkungen über Kohuts frühe Orientierung

Trotz dieser fundierten, schon auf das erst später entwickelte selbstpsychologische Werk im wesentlichen vorausgreifenden Thesen, ist Kohut noch immer an die Sicht eines zunehmend entscheidungsfreieren Ichs gebunden, das mit Hartmanns Begriff der Ich-Autonomie (1939) einen wesentlichen Pfeiler in der Ich-Psychologie ausmacht und was die Verwässerung der ursprünglich den Trieben bedeutet und damit den dem psychischen Determinismus verpflichteten Ideen Freuds als Aufklärungslehre zutiefst zuwider läuft.[16]

Es sei kurz angemerkt: Hauptsächliches Ziel der Ich-Psychologie ist es, den adaptiven Teil von Abwehrmechanismen in den Vordergrund der Behandlungstechnik zu verlagern – im Gegensatz zur Analyse unbewusster Triebwünsche. Mehr und mehr wandelte sich daher der Fokus in der Widerstandsanalyse auf die Adäquatheit der Abwehrmechanismen und ihre zu erreichende (Funktions-)Reife. Und mit der Idee einer Funktionsreife entwickelte sich auch eine gewisse Reifemoral - ein, wenn auch eher unausgesprochenes Reifeideal. Aus Sicht der Psychoanalyse als Aufklärung eine geradezu pervertierende Lesart. Darüber hinaus benennt Mertens (1990) die Gefahr der Etablierung „verbale[r] Ermunterungstechnik[en]“ (Bd. I, S. 94), anstelle der Übertragungs- und Widerstandsanalyse (im ursprünglichen Sinne) unbewusster Inszenierungen konflikthafter Themen in der Beziehung zwischen Analytiker und Patient (vgl. ebd.).

Die Ich-Psychologie war und ist als Resultat der Amerikanisierung der Psychoanalyse anzusehen, mit all ihren verheerenden Folgen für aufklärerische Bestrebungen, Innovation und Explosivität früherer Psychoanalyseorientierung, ihrer Medizinalisierung, ihrer Behandlungsfokussierung, ja, ihrer Gleichschaltungsideologie.[17] Zur Kritik der Ich-Psychologie und ihren Ausläufern schreibt Jacoby (1983) sehr treffend:

„[…] [D]ie von Hartmann und Rapaport entwickelte wissenschaftliche Psychoanalyse [ist] weniger Ausdruck und Ergebnis strenger und notwendiger Begriffsarbeit als vielmehr »des Bedürfnisses, die psychoanalytische Theorie in den Vereinigten Staaten so zu formulieren, dass sie in die hier übliche Wissenschaftspraxis integrierbar ist«[18]. Der Preis dafür war hoch; denn die Konzentration auf Strukturen und Methoden ging einher mit einem Verlust an Phantasie und Einsicht. Die medizinische Orientierung der Psychoanalyse beförderte überwiegend wissenschaftliche Klassifizierungsverfahren im Dienste klinischer Diagnosen. Die kulturwissenschaftlichen und politischen Projekte der Psychoanalyse, die man ihr allmählich austrieb, fanden schließlich Zuflucht an den Universitäten. Von der Literaturwissenschaft bis hin zur Geschichte und Soziologie genießt die Psychoanalyse als Methode oder als Gegenstand im universitären Milieu heut erhebliches Prestige. Dennoch ist gerade dies insofern Ausdruck einer Krise, als es außerhalb der professionellen Psychoanalyse geschieht. Es ist, als würde die beste Philosophie in der Geschichtswissenschaft oder die beste Soziologie in Zeitungsredaktionen betrieben“ (S. 170).

Kohut war nach seiner Ankunft in den U.S.A. sehr bestrebt, eine nahezu perfekte Assimilation an den „American way of life“ zu vollziehen. Sicher hat dieses Bestreben auch seine Gründe in der Ausgrenzung, die er aufgrund seiner jüdischen Herkunft in Wien erleben musste. Diese Anpassung vollführte er in allen Bereichen seines Lebens und eben auch in der theoretischen Ausrichtung seiner Profession.

Trotz dieser Kritik halte ich eine fundierte Kenntnis der Grundlagen verschiedener Richtungen innerhalb der Psychoanalyse für sehr wichtig, was mir auch den Grund für eine eingehende Beschäftigung mit neueren Entwicklungen in der Psychoanalyse geliefert hat. Mit diesem Exkurs im Hinterkopf möchte ich nun zu den weiteren Überlegungen kommen, die Kohut in seiner ersten, für die Selbstpsychologie als Freuds „Traumdeutung“ gleichwertig anzusehenden Initialarbeit dargelegt hat.

2.1.6 Zusammenfassung

Die in die später als Selbstpsychologie bezeichnete Theorie und Praxis Kohuts eingegangenen Eckpfeiler seiner frühen Schriften sind:

1. Empathie und Introspektion als genuin psychoanalytische Methoden zur Eruierung benötigter Anhaltspunkte über das Erleben des Selbst des Patienten;
2. eine von der Objektlibido zu trennende, sich selbständig entwickelnde und das Leben prägende, höher organisierte, narzisstische Bedürftigkeit, die nicht in Konkurrenz zur Objektliebe steht und damit auch an ihr beteiligt ist.
3. spezifische ubiquitär vorhandene, narzisstische Bestrebungen (Exhibitionismus und Idealisierung) und die dazugehörigen Übertragungsformen, wobei die eine als Größenselbst oder grandioses Selbsterleben, die andere als idealisierte Elternimago bezeichnet wird. (Beide Formen der Übertragung wurden zunächst von Kohut in der kindlichen Entwicklung als prädominant benannt. Später erkannte er das Idealisieren von Zielen und Idealen und die Selbstbehauptung als einen das ganze Leben prägenden Prozess.)
4. erste Hinweise auf das von Kohut später als Selbstobjekt bezeichnete Konzept.

2.2 Die Geburt der Selbstpsychologie

Wie bei dem Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud, so ist auch bei Heinz Kohut eine trennungsscharfe Linie zwischen seinen frühen Arbeiten und dem Beginn der eigentlichen Selbstpsychologie schwer zu ziehen. Wird von manchen Analytikern der Beginn der Psychoanalyse bei Freud mit dem gemeinsam mit Josef Breuer verfassten und 1895 publizierten Werk „Studien über Hysterie“ festgesetzt, so nennen viele erst „Die Traumdeutung“ von 1899 (mit dem Erscheinungsdatum von 1900) als die Geburtsstunde der Psychoanalyse. Auch bei Kohut wird von einigen Seiten das 1971 erschienende Werk „The Analysis of the Self“ (deutsch 1973: „Narzissmus“) als die Geburt der Selbstpsychologie angesehen. Dagegen wollen manche erst das 1977 erschienende Buch „The Restauration of the Self“ [deutsch 1979: „Die Heilung des Selbst“] als Geburtszeitpunkt verstanden wissen. Richtig ist, dass im Gegensatz zum 1971 erschienenen Buch „Narzissmus“ in „Die Heilung des Selbst“ der Bruch von der Ich-Psychologie erheblich stärker betont wird, da hier auch das erste Mal von einer Psychologie des Selbst gesprochen wird. Ersteres versucht noch, sich mit seinen Neuerungen in der Begrifflichkeit der Ich-Psychologie zu verorten. Auch der ursprüngliche Fokus auf narzisstische Persönlichkeitsstörungen weitete sich zunehmend aus. Schließlich hat man mit dem 1977 erschienenen Buch den Eindruck, dass alle Störungen primär auf Störungen des Selbstempfindens zurückzuführen sind, ja, dass sogar der so lieb gewonnene Ödipuskomplex Freudscher Prägung zu einem Anzeichen von Selbststörungen werden sollte. Mit diesem Wandel verstärkte sich auch die Kritik. So weist Kohuts Anerkennung einen deutlichen Bruch erst mit dem 1977 erschienenen Buch auf, was einleitend exemplarisch anhand von Fritz Morgenthaler deutlich wird.

2.2.1 Reaktionen auf Kohuts Theoriewandel

Fritz Morgenthaler schrieb 1973 in seiner Rezension über das 1971 erschienende Buch „The Analysis of the Self. A systematic Approach to the Psychoanalytic Treatment of Narcisstic Personality Disorders[19]:

“[…] dieses Buch, das Theorie und Praxis in sinnvoller Weise miteinander verbindet, [stellt] für den praktisch tätigen Psychoanalytiker von heute vielleicht das wichtigste Werk seit Anna Freuds »Das Ich und die Abwehrmechanismen« aus dem Jahre 1936 dar[…]“ (S. 184).

1983, kurz nach Kohuts Tod, leitet Morgenthaler das vom Psychoanalytischen Seminar Zürich herausgegebene Buch „Die neuen Narzissmustheorien: Zurück ins Paradies?“ mit einem an Kohut gerichteten offenen Brief ein, der ihn durch seinen Tod jedoch nicht mehr erreichte. Darin ist zu lesen: „Ja, man sucht Sie wirklich, Heinz Kohut, und findet Sie nicht immer am richtigen, oft am falschen Platz“ (S. 9). Eine deutliche Wandlung in der Bewertung und damit auch in der Anerkennung des Kohutschen Werkes.

Kohuts Wendung seiner theoretischen Ausrichtung ist bis heute ein sehr kontrovers diskutiertes Thema innerhalb der psychoanalytischen Gemeinschaft. Strenger (1989) schreibt in Bezug auf diese Kontroversen, dass mit Sicherheit nicht nur das durch Kohut in seiner Beurteilung neu definierte theoretische Gebäude der Psychoanalyse solch intensive Diskussionen ausgelöst hat, sondern insbesondere auch die in Kohuts Perspektive eingebetteten Visionen und Ideologien über das Menschenbild Anlass für einen solchen Streit geben (vgl. S. 599). Strenger betrachtet diese Visionen und Ideologien Kohuts aus der Perspektive eines „romantischen“ Menschenbildes, welches im Gegensatz zum „klassischen“[20] psychoanalytischen Menschenbild Freuds steht: Weg von der inneren Zerrissenheit, die als gegeben hingenommen werden muss, aber durch Aufklärung benannt werden kann, hin zu einer versagenden Umwelt als Motor neurotischen Daseins:

„Kohut tries to understand the patient’s inner world as a function of the external environment he grew up in. His case histories often show that he tries to help the patient to realize that his parents failed him, and that much of his self-hatred and self-deprecation is the result of the inability of his parents to enjoy him as a whole human being” (Strenger 1989, S. 601).

Die Schuldfrage wird von innen nach außen transferiert. Das ist brisant genug, um zu verstehen, warum bis heute diesbezüglich die Diskussionen heiß laufen.

Und nicht zuletzt durch Kohuts schwierige Persönlichkeit ist die Selbstpsychologie bis heute Gegenstand der Kritik, die, mit den oben genannten Perspektivrichtungen im Hinterkopf, in vielen Momenten mehr aus emotionalen denn aus fachlich-theoretischen Argumenten zu bestehen scheinen. In einem Papier, das als Reaktion auf einen recht polemischen Artikel von Hanly und Masson[21] (1976) erschien, in dem Kohuts Ideen kritisch betrachtet werden, beschreibt Goldberg (1976) diesen Punkt folgendermaßen:

„A psychoanalyst should do more than point out the area of disagreement and the pros and cons of one point of view versus another. In addition, in an objective, non- ad hominem way, the psychoanalytic discussants must try to find out why they disagree. Above all, this is never to be based upon personality problems of one or the other advocate but must, nevertheless, be based on something that indeed is a part of our personalities. The anger that severe disagreements seem to generate is often competitive over some singular position or status, but more often it is narcissistic rage stirred up when some inner part of our selves is attacked” (S. 69, Hervorhebungen im Original).

Diese Gefahr entsteht mit Sicherheit gerade durch die Thematik des Narzissmus, die es schwierig werden lässt, sich emotionskontrollierender in der fachlichen Beschäftigung zeigen zu können. Kohuts großer Verdienst ist es daher, den Versuch zu unternehmen, Narzissmus aus seinem negativen Bedeutungsraum zu befreien, auch wenn er sich der Wertungsgefahr nach wie vor bewusst ist, wenn er schreibt:

„In der Theorie heißt es oft, der Ausdruck Narzissmus sei kein Werturteil. Doch praktisch gesehen ist er zweifelsohne genau das. Und nicht nur im psychoanalytischen Smalltalk bedeutet »Er ist narzißtisch« soviel wie »Mieser Typ!«, und »Er verfügt über eine große Bandbreite von Objektliebe« soviel wie »Dufter Typ!« (Kohut 1987, S. 19f),

Das genau ist die Schwierigkeit, die eine wertfreie Bearbeitung erheblich kompliziert: die Wertung innerhalb der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie anhand von Begrifflichkeiten wie Reife, höhere Entwicklungsstufen, Regression, Fixierung etc. So gesehen kann das Buch von 1971 als ein Versuch der Veränderung solcher Werturteile verstanden werden – auch oder gerade weil es sich mit einer spezifischen Form von Psychopathologie beschäftigt. Denn in der Beschäftigung mit einem spezifischen Störungsbild entsteht häufig die Einsicht in eine der Störung grundlegende Lebensaufgabe, die alle Menschen betrifft. Und aus einer solchen Entdeckung heraus hat sich schließlich die Psychoanalyse begründet.

Verstand Kohut zunächst im Zusammenhang mit der Triebtheorie Freuds den Menschen als „schuldigen Menschen“ (schuldig durch inneren Widerspruch zwischen Wunsch/Trieb/Es und Realität/Ich bzw. Über-Ich), so postulierte er später jedoch, mit Hilfe der von ihm begründeten Selbstpsychologie, die Theorie des Menschen als „tragischen Menschen“ (tragisch durch die häufigere, ubiquitäre Konfrontation mit frustrierenden, unempathischen Selbstobjekten, als mit befriedigenden, das Selbst stärkenden Selbstobjekt-Beziehungen; keine Verwirklichung des Kern-Selbst ist möglich). Nach Kohut wandelt der Mensch sein Leben lang auf einem narzisstischen Pfad.

Im Folgenden möchte ich einige theoretische Eckpfeiler, die für die anschließende Betrachtung der Behandlungstechnik relevant sind, herausarbeiten. Begriffe, die als immanente Elemente der selbstpsychologischen Behandlungstechnik gelten, werden im Kapitel über die Behandlungstechnik Kohuts gesondert beschrieben.

[...]


[1] http://www.selfpsychology.com/deepthoughts/1998-1.htm. Stand: 05.05.04.

[2] s. dazu Punkt 4.3.1.

[3] Ein etwas zu selbstverständlich klingender Satz, da die Möglichkeiten zum Kennenlernen psychoanalytischer Grundlagen und ihren verschiedenen theoretischen Richtungen zunehmend eingeschränkt werden. Die Möglichkeit zur Nutzung psychoanalytisch relevanter Themen bei Diplomarbeiten und -prüfungen wird in schätzungsweise vier bis fünf Jahren ganz versiegt sein. Gründe dafür liegen nicht nur im Rahmen der allgegenwärtigen Kürzungsmaßnahmen, sondern auch ganz deutlich auf organisations- und vor allen Dingen berufspolitischer Ebene. Die Psychoanalyse ist, wie die Kritische Psychologie, eine bis heute eine sehr unbequeme wissenschaftliche Denkrichtung, deren universitäres Fortleben (-vegetieren wäre hier wohl besser angebracht) an den Mauern allumfassender Medizinalisierung und (damit zusammenhängender) Operationalisierung besiegelt zu werden scheint.

[4] Wie Strozier (2001) zu berichten weiß, kam in den 1970er Jahren noch ein kleiner Kontakt zwischen beiden Männern zustande: „Much later, in the mid-1970s, after Marseilles had returned to Germany, he looked up Kohut, who was giving a lecture in Munich at the university. He asked, »Did I damage you much?« Kohut replied politely, »No, you just took things much too fast.«” (S. 49).

[5] s. Punkt 1.2.3.

[6] So ist Kohuts Verständnis des Narzissmus nicht wie bei Freud als eine Durchgangsstufe zu reiferen Persönlichkeitsstukturen zu verstehen, sondern nimmt eine eigene, sich parallel zu anderen Strukturen entwickelnde, lebenslang anhaltende Persönlichkeitsposition ein. Ähnliches findet sich bei Alfred Adler, der mit dem Begriff der Organminderwertigkeit als Hort des später sich entwickelnden Minderwertigkeitskomplexes, eigene Erfahrungen mit körperlichen Beschwerden (Rachitis, Stimmritzenkrampf (vgl. Rattner 1972, S. 8)) in höchst interessanter und praktisch wie theoretisch nutzvoller Weise zur Basis der Individualpsychologie machte. Auch C.G. Jungs Erarbeitung seiner Archetypen-Theorie ist ohne große Bemühungen seinen eigenen Erfahrungen mit psychotischen Episoden zuzurechnen, ohne in Gefahr laufen zu müssen, ihm oder den o.g. Autoren die Sinnhaftigkeit und therapeutische Nützlichkeit ihrer Überlegungen abzusprechen.

[7] Ironischerweise lässt die Masse solcher Publikationen mehr Spekulationen über ihre Verfasser zu als dass sie konstruktive Anregungen zu einem tieferen Verständnisses von Freuds Persönlichkeit bieten (s. dazu z.B. Selg 2002, Masson 1984, Krüll 1979 etc.)

[8] Zur Erläuterung dieses Begriffes, s. Punkt 2.2.2.3.

[9] Hochinteressant ist die Tatsache, dass Kohut 1970 in einem für die American Psychoanalytic Association erstellten Memorandum, in dem es um die Suche nach Gründen für den damals herrschenden Mangel an innovativen psychoanalytischen Beiträgen ging, gerade jene Gründe selbst herausarbeitete, unter denen er nach seinem Bruch mit der herrschenden Orthodoxie zu leiden hatte. Das Memorandum betont die Zögerlichkeit der Ausbildungsinstitute in ihrem Mut, sich auch einmal den etwas schwierigen Bewerbern zu widmen, die „nach ihrer strukturellen Elastizität, die Hoffnung auf kreative Beiträge erweck[en], aber auch das Risiko mangelnder Disziplin und schwer voraussagbarer Handhabung der klinischen Situation in sich [bergen]“ (Kohut 1970 [1971, S. 743]. Es scheint, als ob er sich in seiner eigenen Ambivalenz beschreibt, da er ja gerade im Begriff war, als angesehener „Mainstreamer“, sein wegweisenden, nicht für alle sehr bequemen ersten Beitrag zur späteren Psychologie des Selbst zu verfassen, nämlich Narzissmus von 1971. Es ist bemerkenswert, dass diese Koinzidenz nicht mit einem Wort in dem sonst sehr lobenswert recherchierten Werk von Strozier (2001) erwähnt wird. Richter nimmt dieses Memorandum in seinem Buch „Bedenken gegen Anpassung“ (1995) auf, verknüpft aber die dortigen Aussagen nicht mit der damaligen Situation, in der sich Kohut befand, sondern verortet ihn in dieselbe Riege der mit Recht als angstvoll, vor der narzisstischen Bedrohung fliehenden, als orthodox zu beschreibenden Ich-Psychologen (vgl. S. 81f).

[10] Dieser wichtige Artikel wurde zunächst im November 1957 anlässlich der 25-Jahr-Feier des Chicagoer Instituts für Psychoanalyse gehalten und 1959 zuerst im Journal of the American Psychoanalytic Association, VII veröffentlicht. In Deutschland erschien dieser Titel in Psyche, 25, 1971, S. 831-855.

[11] Die Psychologie des Selbst im engeren Sinne versteht Kohut als Psychologie, die das Selbst als einen Inhalt des psychischen Apparates sieht. Diese Sichtweise wird in seinem 1977 veröffentlichten Buch „Die Heilung des Selbst“ nur noch am Rande diskutiert. Im Laufe seiner späteren Veröffentlichungen verliert dieser zweite Ansatz durch seiner impliziten Verpflichtung der traditionellen Ich-psychologischen Metapsychologie gegenüber fast gänzlich an Bedeutung – ein psychologisches Gebäude, das Kohut ab 1977 (fast) ganz aufgibt.

[12] An dieser Stelle möchte sich Kohut jedoch von bestimmten Termini wie interpersonelle Beziehung, Interaktion, Transaktion etc. abgegrenzt wissen, da er diese der Sozial- und nicht der psychoanalytischen Psychologie zuordnet. Hier wird schon ein erster und wichtiger Unterschied zu der Position Stolorows et al. deutlich (s. Punkt 4.4).

[13] Was genau das Selbst ist und wie es sich vom Ich und vom Narzissmus unterscheidet, wurde ab 1971 deutlicher (s. Punkt 2.2.2f).

[14] In dem dieser Schrift folgenden Abhandlung „Die psychoanalytische Behandlung narzisstischer Persönlichkeitsstörungen“ (Kohut 1969, S. 321) merkt Kohut in einer Fußnote an, dass der Begriff des narzisstischen Selbst eine tautologische Bezeichnung sei und durch den Begriff grandioses Selbst zu ersetzten ist.

[15] Der Begriff des Selbstobjektes taucht in dieser Schrift noch nicht auf. Für eine genauere Definition s. Punkt 2.2.2.3.

[16] Hinsichtlich der Nähe zu Hartmanns Ich-Autonomie, s. Kohuts Reinterpretation in Punkt 3.2.1.1.2.

[17] Dem geneigten Leser, der sich nicht an dieser sich noch immer fortschreitenden Verengung „psychoanalytischer“ Sichtweisen infizieren möchte, sei geraten, das Werk von Lacan, die Beiträge von Pohlen (1991, 1995, 2001) aber auch die kritischen Schriften von Fallend und Nietzschke (1997), Richter (1995) und Jacoby (1983) kennen zu lernen. Insbesondere bietet Pohlen für klinisch Interessierte eine sehr erfrischende Neufassung psychodynamischen Verständnisses in seinem neuesten Werk „Eine andere Psychodynamik“ (2001, gemeinsam mit Bautz-Holzherr verfasst).

[18] Kovel, J. (1978). Things and Words. Psychoanalysis and Contemporary Thought, 1, 31-32 (zit. n. Jacoby (1983, S. 171 & Anmerkung S. 227).

[19] Unverständlich bleibt mir, warum der Haupttitel in der deutschen Übersetzung von 1973 schlichtweg als „Narzissmus“ verkürzt wurde.

[20] Zur Problematik des Begriffs der „klassischen Psychoanalyse“ siehe Will (2003).

[21] Interessant ist, dass Masson durch seine 1984 publizierte Schrift „Was hat man dir, du armes Kind, getan?“ bei dem psychoanalytischen Establishment in Ungnade gefallen ist, weil er genau das stark machen wollte, was Kohut mit seiner Bewertung des Umfeldes und dessen Auswirkungen auf die psychische Entwicklung des Selbst in den Vordergrund stellte: die Wiederentdeckung der sog. Verführungstheorie.

Ende der Leseprobe aus 126 Seiten

Details

Titel
Die Technik-Debatte in der zeitgenössischen Psychoanalyse
Untertitel
Von der Selbstpsychologie Kohuts zum intersubjektiven Ansatz von Stolorow et al.: Ein Vergleich aus behandlungstechnischer Perspektive
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2004
Seiten
126
Katalognummer
V27213
ISBN (eBook)
9783638293211
ISBN (Buch)
9783638702560
Dateigröße
2781 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Technik-Debatte, Psychoanalyse
Arbeit zitieren
Dipl.-Psych., Dipl.-Päd. Knuth Müller (Autor), 2004, Die Technik-Debatte in der zeitgenössischen Psychoanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27213

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