Darstellung und Funktion künstlicher Intelligenzen im Kubrick'schen Filmkosmos


Hausarbeit, 2009
41 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. HAL unter dem Blickwinkel der KI-Forschung
2.1. Die starke KI-These
2.2. HAL 9000 - Eine erste Beobachtung
2.3. Die Analyse von HALs Fähigkeiten
2.4. Das Leib-Seele-Problem
2.5. Die Turing-Maschine
2.6. Searles Chinesisches Zimmer
2.7. Programme mit künstlicher Intelligenz
2.7.1. Eine kurze Geschichte der KI
2.7.2. Der Turing-Test
2.7.3. Weizenbaums ELIZA
2.7.4. Zusammenfassung
2.8. Schlussfazit

3. Die Funktion HALs im Kubrick’schen Universum
3.1. HAL als evolutionärer Sprung des Menschen
3.2. HAL als Zyklop
3.3. HAL als Gott
3.4. Den Ursachen auf den Grund gehen
3.5. Spielbergs A.I. - ein Vergleich
3.6. Schlussfazit

4. Schlusswort

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ziel dieser Arbeit ist die wissenschaftliche und die filmisch-fiktive Auseinandersetzung mit der so genannten starken KI- These, welche im Bezug auf das Filmschaffen Stanley Kubricks erörtert werden soll. Die starke KI nimmt eine wichtige Stellung im Feld der künstlichen Intelligenz ein und entspricht, wie es sich im weiteren Verlauf herausstellen wird, auch der von Kubrick gewählten Darstellungsweise. Bevor jedoch der genaue Ablauf im Einzelnen skizziert wird, scheint es nahe liegend, zunächst zu erläutern, weshalb a) ausgerechnet die Filmwelt Stanley Kubricks und b) die künstliche Intelligenz an sich als Gegenstand dieser Arbeit herhalten soll.

Erstgenannten Punkt scheint auf der Hand zu liegen: Jeder der 2001: Odyssee im Weltraum (1968) einmal gesehen hat, wird unweigerlich feststellen, was dieser Film für ein Erlebnis ist. Der „ultimativer Trip“, wie ihn eine Werbekampagne bezeichnete, der einen auf eine Zeitreise in die Vergangenheit und in die Zukunft nimmt, und einem hautnah den Ursprung und die Evolution des Menschen spüren lässt. Kubrick revolutionierte mit 2001 das Science-Fiction Genre: Durch nie zuvor gesehene Spezialeffekte und der Auseinandersetzung tiefsinniger philosophischer Fragen wurde er zum Vorbild zahlreicher Filmemacher. Er vermittelte dem Genre die lang ersehnte Ernsthaftigkeit, ohne diese Filme wie Alien (1979) oder Blade Runner (1982) nicht möglich gewesen wären.1 Darüber hinaus zeichnete sich Kubrick durch seinen akribischen Perfektionismus und eine - für den Anspruch dieser Arbeit nicht unwichtige - weitestgehend realistische Inszenierung aus. Es sei an dieser Stelle nur einmal erwähnt, dass er sich am Set von Marvin Minsky, einem der Pioniere der künstlichen Intelligenz, beraten liess.2

Die künstliche Intelligenz als solches ist vor allem deswegen von Relevanz, da sie einem Gebiet entspricht, das sich heutzutage immer noch in den Kinderschuhen bewegt, und den anfänglichen optimistischen Voraussagen bei weitem hinterherhinkt.3 Es ist deshalb angebracht, den Ursachen einmal nachzugehen, um so auch die gegenwärtige Rolle der künstlichen Intelligenz besser verstehen zu können. Ferner lassen sich durch ihre Beschäftigung auch Rückschlüsse auf die Funktionsweise des eigenen Verstandes und Geistes ziehen, sodass man letztlich mit der Frage konfrontiert wird, was uns als Menschen eigentlich auszeichnet.

Das Hauptaugenmerk dieser Arbeit liegt auf dem Verhalten des fiktionalen Computers HAL 9000 aus dem oben erwähnten Stanley Kubrick Film und dem Vergleich zur aktuellen und damaligen KI-Forschung. Behandelt wird hierbei die zentrale Frage: Ist es möglich einen Supercomputer zu programmieren, der, wie HAL, eigenständig denken kann, Gefühle besitzt und ein Bewusstsein hat? Darüber hinaus soll auch eine Antwort darauf gefunden werden, von welchen Standpunkten der künstlichen Intelligenz Kubrick vorbelastet war und in die Darstellung HALs einfliessen liess.

Hierbei sollen jedoch keineswegs rein technische Fragen erläutert werden, z.B. ob Spracherkennungssysteme heutzutage ebenso fortgeschritten sind, wie die Kommunikationsfähigkeiten HALs, sondern in erster Linie die philosophische Problematik der künstlichen Intelligenz diskutiert werden. Fragen, ob sich unser Bewusstsein künstlich reproduzieren lässt und, so wie es die Anhänger der Kognitionswissenschaft propagieren, ob unsere kognitiven Prozesse letztlich Datenverarbeitungsprozesse sind.4 Um sich diesen Fragestellungen zu nähern, wird zunächst von der Leib-Seele-Problematik ausgegangen, während die konträren Ansichten jener philosophischen Kernfrage anhand der Turing- Maschine einerseits und Searles Gedankenmodell, dem chinesischen Zimmer, andererseits veranschaulicht werden. In einem zweiten Schritt soll die künstliche Intelligenz auch mittels konkreterer Methoden, wie dem Turing Test und dem Computerprogramm ELIZA, einem kritischen Blick unterzogen werden. Ich werde zu dieser Problematik gezielt eine Stellung beziehen, um mir über HALs Fähigkeiten letztlich auch ein Urteil bilden zu können.

Unabgängig dieser rein auf Forschungsergebnissen beruhenden Urteilen, ist es jedoch auch nicht minder interessant, die Kubrick’schen Ansichten über die künstliche Intelligenzen selbst zu analysieren, was den zweiten Teil dieser Arbeit ausmachen wird. HALs Rolle in 2001 spiegelt nämlich den erkenntnistheoretischen Umstand wieder, in dem sich der Mensch durch seine mediale Ausbreitung in seiner eigenen Existenz bedroht fühlt. Der Film gibt uns eine mögliche Deutung auf die Frage, weshalb wir überhaupt das Bedürfnis haben, künstliche Intelligenzen mit kognitiven Fähigkeiten und menschlichen Zügen zu erschaffen und spürt auf diese Weise die Ursachen jenes „Evolutionsprungs“ auf.

Letzterer Punkt scheint hierbei besonders diskussionswürdig zu sein, sodass die Betrachtungsweise eines weiteren Films mit einer ähnlichen Thematik nahe liegt. Dazu wird HAL s spezifische Funktion den Androiden aus Steven Spielbergs Film A.I. - Künstliche Intelligenz (2001) gegenübergestellt5, während die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede bezüglich ihrer Schlussfolgerungen auf den Menschen belichtet werden.

2. HAL unter dem Blickwinkel der KI-Forschung

2.1. Die starke KI-These

Bevor in diesem Teil der Arbeit das Verhalten von HAL analysiert und auf die Problematik der starken KI bezogen wird, ist es angebracht, zunächst zu erörtern, was die starke KI-These überhaupt ist. Die künstliche Intelligenz schöpft ihre Ziele aus der Vorstellung Maschinen zu bauen, die den geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Menschen entsprechen. Diese Fähigkeiten sind grundsätzlich Fähigkeiten, die der Intelligenz bedürfen6, denn Intelligenz setzt voraus, dass man beispielsweise eine Sprache verstehen kann, ein Schachspiel gewinnt oder Musiknoten lesen kann.

An diesen drei Beispielen wird bereits ersichtlich, dass diese Fähigkeiten auch noch eine Anzahl unterschiedliche Grade an Intelligenzen besitzen. Ein Schachspiel beispielsweise ist immer durch eine Mindestanzahl an gültigen Zügen beschränkt und basiert letztlich auf einem logischen System. Die Fähigkeit eine Sprache zu verstehen, scheint hingegen weitaus komplexer. Ihr Sinn ergibt sich nicht alleine aus dem Verständnis einzelner Wörter heraus, sondern auch aus ihren unzähligen Kombinationsmöglichkeiten. Hinter diesen Regeln verbirgt sich ein System, das wohl nicht einmal vom Menschen selbst eindeutig definiert werden kann.

Um jene unterschiedlichen Grade an Intelligenzen zu ordnen, unterteilte man die künstliche Intelligenz in zwei Gebiete, nämlich in die starke KI, die der Gegenstand dieser Arbeit ist, und in die schwache KI. Letztere behandelt vordergründig konkrete Anwendungsprobleme, Probleme, die sich nicht aus einer allgemeinen Intelligenz erschliessen lassen, sondern eine spezifische Tätigkeit voraussetzten, denn besagtes Schachspiel oder das Rechnen von Gleichungen verlangen genau genommen nur eine oberflächliche Betrachtungsweise und kein tieferes Verständnis der Sache selbst.7 Hier kommt stattdessen die starke KI ins Spiel, deren Fähigkeiten auf der bereits erwähnten allgemeinen Intelligenz beruhen. Ihr Ziel ist letztlich die kognitiven Fähigkeiten des Menschen zu modellieren, d.h. „mentale Zustände“8 zu erzeugen, Maschinen zu bauen, die wie Menschen wahrnehmen können, Gefühle empfinden, Meinungen haben, ihre Wünsche und Absichten äussern, in kürze: Eine Form von Bewusstsein haben. Während die schwache KI-These voraussetzt, dass Maschinen jene kognitiven Leistungen nur simulieren können, sind die Vertreter der starken KI-These hingegen der Meinung, die Maschinen können diese kognitiven Leistungen selbst erbringen.9

Laut Holm Tetens definieren sich die mentalen Zustände ausserdem durch „drei bemerkenswerte Eigenschaften.“10 Sie besitzen erstens eine bestimmte kausale Rolle, d.h. mentale Zustände sind in einem kausalen Ursachengeflecht verwoben und erzeugen wiederum neue mentale Zustände, zweitens haben sie einen Inhalt, sie beziehen sich also auf etwas, und drittens, mentale Inhalte werden „ innerlich erlebt“.11

Dieser Überblick über die starke KI-These und ihre Herleitung soll nun erstmal ausreichen, sodass die gewonnenen Ergebnisse in einem nächsten Schritt auf die Filmfigur HAL übertragen werden können. Betonen möchte ich an dieser Stelle jedoch noch, dass die starke KI weiterhin „nur“ eine These ist. Sie erhebt keinen Wahrheitsanspruch, sondern bleibt in erster Linie ein theoretisches Konstrukt ihrer Schöpfer.

2.2. HAL 9000 - Eine erste Beobachtung

HAL 9000, dessen Initialen für H euristic AL gorithm stehen12, ist der fiktionale Computer aus Kubricks Film 2001: Odyssee im Weltraum und ist sowohl Motor als auch Nervensystem des Raumschiffs Discovery. Seine Aufgaben bestehen in erster Linie darin, das Raumfahrzeug von der Erde zum Jupiter zu fliegen und für das Wohl der Besatzung zu sorgen. Daneben ist HAL für die Telekommunikation verantwortlich, indem er einkommende Nachrichten der Erde empfängt, gleichzeitig ist er aber auch selbst Kommunikationspartner für die Astronauten.

Drei Mitglieder der Besatzung befinden sich im künstlichen Dauerschlaf und werden von HAL überwacht, die Restlichen, Dr. Poole und Dr. Bowman, begleiten HAL auf ihrem Flug zum Jupiter. Sie führen Kontrollen durch und arbeiten Schichtweise mit HAL zusammen.

Neben diesen rein funktionalen Tätigkeiten wurde HAL auch noch mit einer vertraulichen Aufgabe belastet, die der Besatzung bis zur Ankunft am Jupiter verwehrt bleiben sollte und sich erst gegen Ende des Films in Form einer Videobotschaft offenbart:

Guten Tag, meine Herren. Hier ist eine wichtige Meldung, die vor Ihrem Start aufgenommen wurde und die bisher aus Gründen allerstrengster Geheimhaltung während des Unternehmens nur Ihrem HAL-9000-Bordcomputer bekannt war. Jetzt, wo Sie sich im Bereich des Jupiters befinden und die ganze Mannschaft einsatzbereit ist, können Sie die Meldung hören. Vor 18 Monaten wurde der erste Beweis für die Existenz von intelligentem Leben ausserhalb der Erde entdeckt. Wir fanden auf dem Mond einen Monolith, der 15 Meter unter der Oberfläche in der Nähe des Kraters Tycho vergraben war. Ausser einer sehr kräftigen Strahlung, die auf Jupiter gerichtet ist, bleibt der 4 Millionen Jahre alte Monolith völlig inaktiv. Sowohl sein Ursprung als auch sein Zweck sind bisher noch ein ungelöstes Rätsel.13

HAL ist also nicht nur für eine sichere und komfortable Reise zum Jupiter zuständig, möglicherweise dehnt sich sein Aufgabenfeld auch auf die Suche und Kontaktierung oben erwähnter ausserirdischer Intelligenz aus.

Im Film tritt HAL nur durch die Darstellung eines roten Auges in Erscheinung. Er besitzt nicht die Möglichkeit wie Bowman und Poole sich frei in der Discovery zu bewegen, sondern ist durch seine „Einverarbeitung“ in das gesamte Raumschiff stark in seinem Bewegungsapparat eingeschränkt. Seinen Körper kann HAL nur indirekt mit der Zuhilfenahme von Werkzeugen ausweiten, was z.B. in der Szene deutlich wird, als HAL die Kontrolle der Raumschiffsgondel von Poole übernimmt.

HAL besitzt sowohl ein Sprechsystem, als auch ein Spracherkennungssystem, die es ihm ermöglichen mit Bowman und Poole auf natürliche Weise zu kommunizieren. Seine Sprache kann als gelassen, monoton und gleichmässig bezeichnet werden, jedoch ist er in seiner Wortwahl keinesfalls ausdruckslos. Der Moderator eines Interviews, das zu Beginn des hier untersuchten Kapitels ausgestrahlt wird, attestiert HALs Sprechweise einen gewissen Stolz. Im Dialog mit den Astronauten ist er ausserdem höflich („Entschuldige, Frank.“, „Vielen Dank für das unterhaltsame Spiel.“) und besorgt.

HAL, im Dialog mit Dave, macht sich „Gedanken“ über „ihr Unternehmen“ und hinterfragt die Absichten ihrer Reise („Aber ich konnte mich nie ganz von dem Verdacht befreien, dass einige sehr merkwürdige Dinge mit diesem Unternehmen verbunden sind.“) und den Entschluss „Dr. Hunter, Kimball und Kaminsky schon im Dauerschlaf an Bord zu bringen.“ Er fragt zudem nach dem „kausalen Zusammenhang“ zwischen seinen „Beobachtungen und Sorgen.“

In einer Szene bittet HAL Dave seine Zeichnungen vor seine Linse zu halten. Auf ihnen sieht man die im Dauerschlaf befindlichen Besatzungsmitglieder. HAL ist nicht nur imstande ihre gezeichneten Gesichter korrekt zu identifizieren, sondern urteilt zudem über Daves Zeichenkünste, dass er „viel dazugelernt“ hat.

Im weiteren Verlauf des Films, teilt HAL Bowman und Poole mit, dass er einen Fehler in der „AE-35-Einheit“ entdeckt hat. Die Einheit ist wesentlich für die Kommunikationsfunktion der Discovery und fällt laut HAL in „72 Stunden zu 100%“ aus. Sie beschliessen gemeinsam mit der Bodenkontrolle die Einheit auf ihren Defekt hin zu überprüfen und sie anschliessend zu ersetzen. Mit einer der drei Gondeln (kleine Raumschiffe, die für Reparaturzwecke eingesetzt werden) entnehmen sie das defekte Modul an der Oberfläche der Discovery und untersuchen es gemeinsam mit HAL. Bowman und Poole können jedoch keinen Fehler in besagter AE-35- Einheit finden, das Modul scheint völlig in Takt zu sein. HAL ist darüber sehr erstaunt und findet keine Erklärung für seinen (möglichen) Irrtum: „Es ist rätselhaft. Ich erinnere mich nicht, dass so etwas schon einmal vorgekommen ist.“ Er beschliesst daraufhin, dass Bowman und Poole die Einheit wieder in Betrieb nehmen und abwarten, bis sie ausfällt. „Dann müsste es sehr leicht sein, die Ursache zu finden.“ Die Bodenkontrolle stimmt diesem Plan zu, weist die Astronauten jedoch gleichzeitig daraufhin, dass sich HAL nach den Ergebnissen ihres 9000-Zwillingcomputers geirrt haben muss.

Bowman und Poole kommen zum Entschluss, dass sie HAL nicht mehr vertrauen können. Wenn er mit seiner Prognose falsch liegt, wären sie dazu genötigt, sein System herunterzufahren („Alle Funktionen des Unternehmens stehen unter seiner Kontrolle. Wenn es sich erweist, dass er fehlerhaft arbeitet, müssen wir ihn abschalten.“).

Als Poole die AE-35-Einheit wieder einsetzen will, kommt es jedoch zu einem Zwischenfall: HAL hat die Kontrolle über die Gondel erlangt, die Poole für die Reparaturarbeit zuvor verlassen hat, und steuert mit ausgefahrenen Greifarmen auf den hilfslosen Astronauten zu. Dieser treibt daraufhin in die Weiten des Weltalls hinaus. Bowman hat das Szenario von einem der Fenster innerhalb der Discovery beobachtet und eilt schnell zur Hilfe: Mit einer weiteren Gondel macht er sich auf den Weg Poole zu retten. Nachdem Bowman mit dem reglosen Körper Pooles wieder auf die Discovery zusteuert und HAL befielt das Gondelschleusentor zu öffnen, ignoriert dieser Bowmans Anliegen zunächst und missbilligt es: „Es tut mir Leid, Dave, aber das kann ich nicht tun.“ HAL hat das Gespräch zwischen Bowman und Poole heimlich mitverfolgt, indem er ihre Lippen las, und weiss nun, dass sie vorhaben seine Gehirnfunktion zu beenden. Er sieht das Gelingen ihrer Mission ohne seine Anteilnahme in Gefahr („Das Unternehmen ist zu wichtig. Ich darf nicht erlauben, es zu gefährden.“) und fühlt sich letzenendes dazu genötigt, alles in seiner Macht stehende zu tun, um sein Ausschliessen zu verhindern: „Ich weiss, dass ihr geplant habt, mich abzuschalten. Und ich glaube, dass ich das nicht zulassen darf.“ HAL erkennt überdies auch, dass Bowman seinen Helm vergass und keine Möglichkeit besitzt, zurück in das Innere der Discovery zu gelangen.

Während Bowman trotzdem einen Weg zurück in das Schiff findet, indem er sich in die Notluftschleuse hineinkatapultieren lässt, vernichtet HAL die Lebensfunktionen der drei schlafenden Astronauten. Bowman macht sich daraufhin sofort auf den Weg zu HALs Rechenzentrum um ihn vom System abzukoppeln. Gleichzeitig versucht HAL Bowman davon zu überzeugen seine Aktion zu überdenken: „Ich weiss, dass bei mir nicht alles in Ordnung gewesen ist. Aber ich kann dir zuverlässig versichern, dass bald alles wieder vollkommen in Ordnung sein wird.“ Er empfindet letztlich auch Angst, als dieser dabei ist seine Rechenmodule herauszuziehen: „Ich habe Angst. Ich habe Angst, Dave. Mein Gedächtnis schwindet. Ich spüre es.“ Bevor HALs Aktivität vollkommen von Bowman beendet wird, nimmt HAL den Zustand seiner „Geburt“ ein und singt das Liedchen Hänschen Klein. Seine Stimme wird tiefer und langsamer. Und verstummt.

2.3. Die Analyse von HALs Fähigkeiten

Wir haben nun einen ersten Überblick über HALs Aufgabenbereich, seine Funktionsweise und seine spezifische Rolle als eigenständiger Charakter im Film erhalten. Um sich der Kernfrage zu nähern, ob der Bau eines solchen Supercomputers grundsätzlich möglich ist, muss man sich jedoch zunächst die Frage stellen: Welche kognitiven Eigenschaften besitzt HAL?

Dass HAL kognitiven Eigenschaften besitzt, scheint offensichtlich: Er kann sprechen und zuhören, hegt Zweifel, trägt die Verantwortung seiner Mission, und schliesslich, er fühlt sich durch die Absichten Bowman und Pooles bedroht und hat Angst. Es ist nun angebracht diese Formen der Bewusstseinswerdung genauer zu betrachten, sie zu erweitern und sie schliesslich zu kategorisieren.

HAL Fähigkeiten zu sprechen und zu hören, ist ein Teil seiner Sinnesfunktionen. Es fällt auf, dass er sich durchwegs adäquat und verständlich ausdrückt, ohne sich zu versprechen oder sich im Ton zu vergreifen. Dadurch durchschauen wir ihn zwar ein Stückweit und erkennen seine maschinelle, künstliche Herkunft, jedoch muss man hier klar die Funktion berücksichtigen, die ihm zugeteilt wurde. HAL wurde nämlich nicht mit der Absicht entwickelt, in seiner Sprechweise möglichst menschlich zu wirken. Sein Zweck ist es Probleme zu lösen und demnach entspringt sein Sprachstil auch seiner funktionalen Natur.

Trotzdem scheint HALs Sprachfähigkeit nicht völlig rational zu sein, denn er wurde, wie es Bowman im BBC-Interview sagt, auch dazu programmiert Gefühle zu haben, sodass sich der Umgang mit ihm erleichtert. Seine Fähigkeiten Gefühle zu empfinden, werden in vielerlei Hinsicht kenntlich gemacht. Wie bereits erwähnt, scheint HAL Stolz zu sein, als er gefragt wird, ob der HAL-9000 Serie jemals ein Fehler unterlaufen sei: „Die Computer der Serie 9000 sind die besten, die je gebaut wurden. Kein Computer dieser Serie machte je Fehler oder gab unklare Informationen. Wir alle sind 100%ig zuverlässig und narrensicher.“ Ausserdem ist er selbstbewusst („Ich glaube noch immer mit grösster Zuversicht an das Unternehmen.“) und äussert seine Angst, als Bowman ihn abzustellen droht.14

[...]


1 Diese Schlussfolgerung beruht auf meinen eigenen Beobachtungen innerhalb des Science-Fiction Films.

2 Vgl. David G. Stork: „Scientist on the Set: An Interview with Marvin Minsky“, in: David G. Stork (Hg.): HAL ’ s Legacy. 2001 ’ s Computer as Dream and Reality, Massachusetts Institute of Technology, 1997, S. 20.

3 Vgl. Manuela Lenzen: Natürliche und künstliche Intelligenz. Einführung in die Kognitionswissenschaft, hg. von Thorsten Bonacker und Hans-Martin Lohmann, Frankfurt/M. 2002, S. 50.

4 Ebd., S. 23.

5 Da der Film A.I. massgeblich von Kubricks Entwürfen beeinflusst war, scheint der Übergriff Kubrick ’ scher Filmkosmos in dieser Arbeit trotzdem sinnvoll.

6 Vgl. Holm Tetens: Geist, Gehirn, Maschine. Philosophische Versuche über ihren Zusammenhang, Stuttgart 1994, S. 106.

7 Vgl. John R. Searle: „Geist, Gehirn, Programm“, in: Walther Ch. Zimmerli/Stefan Wolf (Hg.): Künstliche Intelligenz. Philosophische Probleme, Stuttgart 1994, S. 233.

8 Tetens 1994, S. 8.

9 Vgl. Lenzen 2002, S. 16.

10 Tetens 1994, S. 107.

11 Ebd., S. 108.

12 Vgl. Leonard F. Wheat: Kubrick ’ s 2001: A Triple Allegory, London: The Scarecrow Press, 2000, S. 71.

13 Die zitierten Dialogauszüge des Films stammen direkt aus der Untertitelspur der DVD. Ich werde sie in diesem Kapitel nicht mehr einzeln kennzeichnen.

14 Vgl. Wheat 2000, S. 69.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Darstellung und Funktion künstlicher Intelligenzen im Kubrick'schen Filmkosmos
Hochschule
Universität Basel  (Institut für Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Mediengeschichte als Menschheitsgeschichte - Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
41
Katalognummer
V272160
ISBN (eBook)
9783656636267
ISBN (Buch)
9783656636250
Dateigröße
769 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darstellung, funktion, intelligenzen, kubrick, filmkosmos
Arbeit zitieren
Andrea Würth (Autor), 2009, Darstellung und Funktion künstlicher Intelligenzen im Kubrick'schen Filmkosmos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272160

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