Organisation und Effizienz der (deutschen) Verwaltungen

Ist das formelle Verwaltungsmodell nach Max Weber noch Zeitgemäß?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

29 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hintergründe und Kennzeichen der traditionellen Bürokratie nach Max Weber
2.1 Verbandsformen als Ausgangspunkt für die bürokratische Verwaltung
2.2 Bürokratie / bürokratischer Verwaltungsstab als Ausdrucksform einer legalen Herrschaft
2.3 Strukturmerkmale der traditionellen Bürokratie
2.4 Auswirkungen der bürokratischen Verwaltung auf die Gesellschaft
2.5 Vor- und Nachteil der traditionellen Bürokratie
2.5.1 Vorteile der traditionellen Bürokratie
2.5.2 Nachteile und Schwierigkeiten der traditionellen Bürokratie
2.5.2.1 Allgemeine Kritik an der traditionellen Bürokratie
2.5.2.2 Schwierigkeiten der traditionellen Bürokratie aus Sicht von Luhmanns Systemtheorie
2.5.2.3 Schwierigkeiten der klassischen Bürokratie durch den gesellschaftlichen Wertewandels
2.5.2.4 Schwierigkeiten der traditionellen Bürokratie im Lichte der Bürokratietheorie von Niskanen
2.5.2.5 Herausforderungen der traditionellen Bürokratie durch neue Medien

3. Heutige Bürokratie in Deutschland

4. New Public Management als Lösungsansatz

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Niskanen-Modell

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Traditionelle Bürokratie und New Public Management

1. Einleitung

Der Bundesrepublik Deutschland wird vielfach bescheinigt, eine effiziente bürokratische Verwaltung zu besitzen. Das deutsche Verwaltungswesen wurde in starkem Maße durch die Ansätze des Sozialwissenschaftlers Max Weber (1864-1920) geprägt. Webers Bürokratie- und Verwaltungsmodell wird zugeschrieben, durch ein hohes Maß an Formalität und starren Strukturen gekennzeichnet zu sein. Es stellt sich die Frage, ob dieses Modell in Zeiten, in denen die Verwaltungen vor komplexe Aufgaben gestellt werden und schnelle Entscheidungen treffen sollen, geeignet ist. Denn zumindest bei einer oberflächlichen Betrachtung erscheint Formalität nicht prädestiniert zu sein, um flexibel auf dynamische Veränderungen reagieren zu können. In der vorliegenden Arbeit erfolgt nun eine Auseinandersetzung mit der Organisation und Effizienz von Verwaltungen, wobei der Frage nachgegangen wird, ob das Verwaltungsmodell nach Max Weber noch zeitgemäß ist.

Im Folgenden wird das traditionelle Bürokratie- und Verwaltungsmodell von Max Weber vorgestellt, wobei zunächst dessen Hintergründe aufgezeigt werden. Anschließend werden die Strukturmerkmale der traditionellen Bürokratie nach Weber untersucht. Im weiteren Verlauf werden die Vorteile und insbesondere auch die Nachteile von Webers Verwaltungsmodell diskutiert, da hieraus abgeleitet werden kann, inwiefern diese Ansätze noch geeignet sind, um gegenwärtige verwaltungsbezogene Herausforderungen zu bewältigen. Zum Schluss der Arbeit wird erörtert, in welchem Maße in Deutschland eine traditionelle Bürokratie im Sinne Webers vorherrschend ist. Ferner wird auf den neuen Verwaltungsansatz des New Public Management eingegangen, der im Vergleich zu Webers Modell informeller und flexibler erscheint.

2. Hintergründe und Kennzeichen der traditionellen Bürokratie nach Max Weber

2.1 Verbandsformen als Ausgangspunkt für die bürokratische Verwaltung

Die Entwicklung moderner Verbandsformen sieht Weber als Ausgangspunkt für eine bürokratische Verwaltung an. Im ersten Kapitel seines Werkes „Wirtschaft und Gesellschaft“ setzt sich Weber mit dem Begriff „Verband“ auseinander. Weber verstand unter diesem Terminus ein Geflecht sozialer Beziehungen, mit deren Aufrechterhaltung bestimmte Personen betraut werden. Ein Verband zeichnet sich dadurch aus, dass es einen Leiter und einen Verwaltungsstab gibt. Diese tragen Sorge dafür, dass die Struktur des Verbandes erhalten bleibt. Die Regeln, die in einem Verband vorherrschend sind, bezeichnet Weber als Verbandsordnung. Der Verwaltungsstab steht diesen Regeln in einer dualistischen Beziehung gegenüber. Zum einen legen die Regeln das Verhalten des Verwaltungsstabes fest. Zum anderen kommt dem Verwaltungsstab die Aufgabe zu, die Einhaltung der Regeln durch alle anderen Verbandsmitglieder zu überprüfen. Der zentrale Aspekt einer Verbandsordnung liegt Weber zufolge darin, dass sie festlegt, wer wem Befehle zu erteilen hat.[1]

Gemäß Weber war die Entwicklung moderner Verbandsformen auf allen Ebenen (Staat, Herr, Partei, Wirtschaftsbetrieb, Kirche, Verein, Interessenverband, Stiftung etc.) identisch mit der Entwicklung und stetigen Zunahme der bürokratischen Verwaltung.[2] Als Spiegelbild einer Bürokratisierung identifizierte Weber vor allem die großen kapitalistischen Unternehmungen. Diese würden üblicherweise unerreichte Muster straffer bürokratischer Organisation darstellen, da der Geschäftsverkehr auf Präzision, Geschwindigkeit und Stetigkeit beruhen würde.[3]

Weber sah dabei Bürokratisierung in den Verbänden als einen unaufhaltsamen Prozess an. Unter Bürokratisierung verstand Weber die wachsende Verbreitung der Merkmale, die er als Aspekte einer rationalen Bürokratie definierte.[4]

2.2 Bürokratie / bürokratischer Verwaltungsstab als Ausdrucksform einer legalen Herrschaft

Die Bürokratie ist kennzeichnend für den von Weber definierten Herrschaftstypus der legalen Herrschaft, die wiederum den anderen Herrschaftstypen der traditionalen und charismatischen Herrschaft vorzuziehen sei. Die Bürokratie ist gemäß Weber die rationalste Form der Herrschaftsausübung. Somit zeigen sich die Vorteile, die Weber der Bürokratie zuschreibt, im Hinblick auf andere Herrschaftsformen, die keine Bürokratie aufweisen.[5]

Im Herrschaftstypus der „legalen Herrschaft“ wird der Herrschaftsverband entweder bestellt oder gewählt, d.h. der Herrschaftserhalt ist von denjenigen abhängig, die den Herrschaftsverband bestellen oder wählen. Ganz grundsätzlich kann der Herrschaftsverband als bürokratischer Verwaltungsstab mit hierarchischem Aufbau und Behördencharakter angesehen werden.[6] Das typische Beispiel einer legalen Herrschaft ist der demokratische Rechtsstaat. Kennzeichnend ist dabei, dass die Regierenden (Herrschenden) vom wahlberechtigten Volk die Macht zum Regieren für einen bestimmten Zeitraum übertragen bekommen.[7] Bei der Machtausübung sind die Regierenden an Gesetze und Regeln gebunden, so dass „der Befehlende selbst gehorcht, indem er einen Befehl erlässt“[8].

Legale Herrschaften müssen gemäß Weber fünf Maximen aufweisen, die bereits erste Hinweise darauf geben, welche Regeln die Verwaltung und Bürokratie innerhalb einer legalen Herrschaft einhalten müssen:

- Es muss eine Satzung konzipiert werden, die Anspruch auf den Gehorsam der Verbandsmitglieder Anspruch erheben kann
- Das Recht muss ein System abstrakter Regeln darstellen, die in spezifischen Fällen zur Anwendung kommen. Die Verwaltung muss innerhalb der durch das Recht gesteckte Grenzen die Verbandsinteressen wahrnehmen
- Diejenigen, die die Herrschaft ausüben, müssen sich in diese unpersönliche Ordnung einfügen
- Lediglich in seiner Eigenschaft als Mitglied muss das Mitglied dem Recht gehorchen
- Nicht der Person, die Autorität innehat, muss Gehorsam geschuldet werden, sondern vielmehr der unpersönlichen Ordnung, die diese in ihre Stellung erhoben hat.[9]

Laut Weber ist die „rein bürokratische, also: die bürokratisch-monokratische aktenmäßige Verwaltung nach allen Erfahrungen die an Präzision, Stetigkeit, Disziplin, Straffheit und Verlässlichkeit, also: Berechenbarkeit für den Herren wie für die Interessenten, Intensität und Extensität der Leistung, formal universeller Anwendbarkeit auf alle Aufgaben, rein technisch zum Höchstmaß der Leistung vervollkommenbare, in all diesen Bedeutungen: formal rationalste Form der Herrschaftsausübung“[10].

2.3 Strukturmerkmale der traditionellen Bürokratie

Weber zufolge besteht die Verwaltung aus Einzelbeamten, die „persönlich frei nur sachlichen Amtspflichten gehorchen, in fester Amtshierarchie, mit festen Amtskompetenzen, kraft Kontrakts, also prinzipiell auf Grund freier Auslese nach Fachqualifikation […], durch Prüfung ermittelter, durch Diplom beglaubigter Fachqualifikation angestellt (nicht: gewählt) sind“[11]. Generell werden die verbeamteten Bürokraten mit festen Gehältern sowie mit späteren Pensionszahlungen entgolten.[12] Durch die feste Besoldung sollen die Bürokraten unabhängig von ihren Klienten werden. Dabei sollen sie uneingeschränkt das Gemeinwohl verfolgen und ihr Amt ohne Gewinnabsichten ausüben.[13] Das Gehalt der Bürokraten steht primär in Zusammengang mit dem hierarchischen Rang und der Verantwortlichkeit der Stellung. Die berufliche Laufbahn der Beamten ist dadurch gekennzeichnet, dass in Abhängigkeit des Amtsalters oder der Leistung ein Aufrücken in höhere Positionen erfolgt. Ob und wann ein Beamter aufsteigt, wird dabei vom Vorgesetzten entschieden. Die Pensionsleistungen können unter gewissen Voraussetzungen von Seiten der Verwaltungsspitze gekündigt werden, können aber stets von Seiten des Beamten gekündigt werden. Ferner bemerkt Werber, dass die Beamten einer strengen einheitlichen Amtsdisziplin und Kontrolle unterliegen.[14] In diesem Kontext gehört zu den Voraussetzungen der Bürokratie ein Prinzip fester Regeln in Form von Gesetzen und Verwaltungsreglements. Dabei herrscht eine feste Verteilung der erforderlichen, regelmäßigen Tätigkeiten vor. Auch die Befehlsgewalten, die die Erfüllung dieser Pflichten überwachen, sind fest verteilt. Von Relevanz ist hierbei, dass die betreffenden Beamten eine adäquate Qualifikation aufweisen, so dass die Verwaltungsaufgaben von den Personen ausgeübt werden, die am besten dafür ausgebildet wurden. Vor allem alle spezialisierten Amtstätigkeiten würden eine eingehende Fachschulung voraussetzen.[15] Hierfür seien spezielle Ausbildungseinrichtungen erforderlich.[16] Die Qualifikation und Fachschulung sieht Weber im Übrigen als wesentlich dafür an, dass ein Verwaltungsmitarbeiter den Beamtenstatus erhält.[17]

Grundsätzlich ist die bürokratische Verwaltung nach Weber dadurch gekennzeichnet, dass eine Herrschaft kraft Wissen erfolgt. So gehört es zum spezifisch rationalen Grundcharakter der Verwaltung, dass sie durch Fachwissen eine Machtstellung erhält. Dabei würden die Verwaltungen die Tendenz aufweisen, ihre Macht durch Dienstwissen, das im Dienstverkehr oder durch aktenkundige Tatsachenkenntnisse erworben wurde, zu steigern.[18]

Auch wenn die freie Auslese der Beamten für die Bürokratie wesentlich ist, hält Weber es prinzipiell auch für möglich, das unfreie Beamten (Sklaven, Ministeriale) in der Verwaltung tätig sind und sich in einer hierarchischen Gliederung mit sachlichen Kompetenzen befinden. In diesem Fall spricht Weber von einer Patrimonial-bürokratie, die aber nicht Webers Idealbild einer Bürokratie entspricht. Da die Amtsführung der Beamten nach festen, erlernbaren Regeln erfolgt, müssen die Beamten Kenntnisse in den Bereichen Rechtskunde und Verwaltungslehre besitzen. Eine weitere Voraussetzung der Bürokratie ist das erwähnte Prinzip der Amtshierarchie und des so genannten Instanzenzuges. Darunter ist ein fest geordnetes System von Über- und Unterordnung der Behörden zu verstehen, wobei logischerweise die obere Behörde die unteren beaufsichtigt.[19] Dementsprechend ist die klassische Bürokratie dadurch gekennzeichnet, dass alle nachgeordneten Behörden automatisch einer Rechts- und Fachaufsicht unterliegen. Diese Aufsicht weist das Recht bzw. die Möglichkeit auf, dass sämtliche Amtsentscheidungen mittels Weisungen korrigiert werden können. Ein durch Amtshierarchie gekennzeichnete Bürokratie würde allerdings auch den Beherrschten die fest geregelte Möglichkeit bieten, sich von einer untergeordneten Behörde an deren Oberinstanz zu wenden. So können die nachgeordneten Behörden Beschwerden an die vorgesetzten Behörden richten.[20]

[...]


[1] Vgl. Albrow (1972), S.42 f

[2] Vgl. Weber (1980), S.128

[3] Vgl. Seibel (1976), S.2

[4] Vgl. Weber (1980), S.128

[5] Vgl. Froschauer (2008), S.189 f

[6] Vgl. Gurkenbiehl (1998), S.128

[7] Vgl. Abels (2007), S.256

[8] Abels (2007), S.256

[9] Vgl. Weber (1980), S.125

[10] Weber (1980), S.128

[11] Weber (1980), S.126

[12] Vgl. Weber (1980), S.126 f

[13] Vgl. Benz (2001), S.131

[14] Vgl. Weber (1980), S.126 f

[15] Vgl. Weber (1980), S.551 f

[16] Vgl. Benz (2001), S.131

[17] Vgl. Weber (1980), S.126 f

[18] Vgl. Seibel (1976), S.4

[19] Vgl. Weber (1980), S.551 f

[20] Vgl. Döhler (2006), S.217

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Organisation und Effizienz der (deutschen) Verwaltungen
Untertitel
Ist das formelle Verwaltungsmodell nach Max Weber noch Zeitgemäß?
Hochschule
Universität Potsdam
Veranstaltung
Organisationssoziologie
Note
1
Autor
Jahr
2014
Seiten
29
Katalognummer
V272204
ISBN (eBook)
9783656636076
ISBN (Buch)
9783656636069
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
organisation, effizienz, verwaltungen, verwaltungsmodell, weber, zeitgemäß
Arbeit zitieren
Badir Bayramov (Autor), 2014, Organisation und Effizienz der (deutschen) Verwaltungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272204

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