Medienstrategien in Big Brother und Peter Weirs "Die Truman Show"


Hausarbeit, 2010
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Begriffserklärung: Was ist Reality TV?

3. Das Phänomen Big Brother
3.1. Vorstellung der Spielsituation
3.2. Formatdefinition
3.3. Die Darstellungsweisen der Kandidaten
3.4. Inszenierung - Zwischen Authentizität und Fiktion
3.4.1. Vermittlung von Authentizität
3.4.2. Big Brother als Teil eines Handlungsrahmens
3.4.3. Das Zusammenspiel beider Darstellungsebenen

4. Medienstrategien im Film „Die Truman Show“
4.1. Inhaltsangabe
4.2. Medienstrategien
4.2.1. Die Gemeinsamkeiten
4.2.2. Die Unterschiede
4.3. Evaluierung: Eine zeitgemässe Satire?

5. Schlusswort

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als der Film Die Truman Show des australischen Regisseurs Peter Weirs 1998 in die Kinos kam, sollte die Flut an Reality-TV Formaten im Fernsehen erst noch anrollen. Der Film - eine Satire auf das moderne Medienzeitalter - schildert das Leben eines Versicherungsangestellten, der ohne sein Wissen der Star einer Fernsehserie ist. Zwei Jahre später startete in Deutschland dann schliesslich die Sendung, die als erfolgreichster Ableger des sogenannten performativen Realitätsfernsehens gilt und eine Fülle weiterer Reality-Shows nach sich zog. Gemeint ist die Sendung Big Brother, die nach dem niederländischen Vorbild zum ersten Mal am 1. März 20001 im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde und bis zum heutigen Zeitpunkt neun Staffeln umfasst. Das Format, das darauf ausgelegt ist, eine Gruppe Freiwilliger 24 Stunden am Tag in einem Wohncontainer zu filmen und Gegenstand einer Unterhaltungssendung werden zu lassen, löste zu Beginn eine „tiefgehende moralische Entrüstung“2 aus. Die Show war Anlass für eine heftige Debatte in den Medien, die den Produzenten vorwarfen, den gesellschaftlichen Voyeurismus und die Enttabuisierung des Privaten zu fördern.3 Auch wenn die Quoten seit der dritten Staffel zunehmend sanken4 und das medienethische Interesse an Big Brother mittlerweile in den Hintergrund gerückt ist, so tauchen doch immer wieder neue Ableger intimer Unterhaltungs- und Orientierungsshows im Fernsehprogramm auf.

Grund genug, das Phänomen Reality TV in dieser Proseminararbeit kritisch zu betrachten. Dabei soll ein besonderes Augenmerk auf die Inszenierungsstrategien von Big Brother und Die Truman Show gelegt werden. Die zentrale Fragestellung lautet: Inwiefern stellt Peter Weirs Film eine zeitgemässe Satire auf die Medienwelt dar? Um sich dieser Problematik zu nähern, muss zunächst die Inszenierung Big Brothers untersucht werden. Es soll deutlich werden, wie sich authentische und fiktionale Darstellungselemente mischen, um auf dieser Weise einer einseitigen Medien-Rezeption entgegen zu wirken. Ich werde mich hierbei nicht nur auf entsprechende Fachliteratur stützen, sondern auch auf meine eigenen Seherfahrungen zurückgreifen.

Diese Beobachtungen werden im zweiten Teil der Arbeit mit der Untersuchung eines Beispiels aus der Populärkultur ergänzt. Die Medienstrategie gängiger Reality-Formate, die aus der Analyse Big Brothers gewonnen wurde, soll nun mit derer des Films Die Truman Show verglichen werden. Eine Inhaltsangabe wird zunächst einen generellen Überblick über den Film gewähren, während die gegenwärtige Bedeutung des Films mittels einer Form- Untersuchung der Satire überprüft wird. Es soll die Wechselbeziehung zwischen dem Gegenwartsbezug des Films einerseits und seiner satirischen Überspitzung andererseits beleuchtet werden. An konkreten Beispielszenen wird dabei ersichtlich, inwiefern Die Truman Show aus Big Brother gängige Darstellungsweisen übernimmt und inwieweit der Film von diesen abweicht. Anhand dieses Verhältnisses kann schliesslich ein Urteil über die Relevanz des Films in der heutigen Zeit gefällt werden. Nämlich einerseits, indem die Nähe zu gegenwärtigen Medienstrategien festgestellt wird und andererseits, indem Rückschlüsse auf die intendierten Aussagen des Films gezogen werden können.

2. Begriffserklärung: Was ist Reality-TV?

Bevor die Medienstrategien von Big Brother untersucht werden, soll eine kurze Erläuterung dessen folgen, was Reality-TV genau ist und was Reality-TV alles sein kann. Auf diese Weise kann die hier zu untersuchende Fernsehsendung und der Film Die Truman Show innerhalb dieses Genres eingeordnet werden. Reality-TV, wie es der Name bereits impliziert, zielt auf eine Form von Fernsehprogrammen ab, die eine vermeintliche Wirklichkeit darstellen wollen. „Vermeintlich“ deswegen, weil sie sich bei ihrer Darstellung sowohl dokumentarischen als auch fiktionalen Darstellungselementen bedienen,5 wie es später bei der Analyse der Inszenierungsstrategie Big Brothers deutlich werden wird.

Heutzutage dominieren hauptsächlich zwei Typen des Reality-TVs unsere Fernsehlandschaft: Zum einen sind dies sogenannte Reality-Soaps, die Kandidaten „in Spielsituationen ausserhalb ihrer normalen Lebenswelt“6 zeigen (Bsp. Big Brother und Survivor) und zum anderen sogenannte Docu-Soaps, die „nichtprominente Menschen in ihrer direkten Lebensumwelt“7 portraitieren. Zu letzteren können die Sendungen COPS, die Polizisten bei der Arbeit zeigen, und Die Super Nanny - eine Erziehungshelferin bei der Schlichtung von Familienproblemen - gezählt werden. Von herkömmlichen Dokumentationen heben sich diese Formate insofern ab, dass sie nicht auf einem festen Drehbuch basieren, sondern stattdessen Momente des Zufalls und der Spontanität als Teil der Sendung integrieren. So kann bei einer Docu-Soap über die Finanzschulden eines Familienvaters schon einmal ein plötzlicher Familienstreit dazwischengeraten. Die Menschen werden also innerhalb ihres Alltags gefilmt, um auf diese Weise inhaltsspezifische Intentionen der Produzenten und Authentizität zu vereinen. In Reality-Soaps hingegen werden die Kandidaten nicht innerhalb ihrer eigenen, sondern in einer ihr fremden Lebenswelt gefilmt. Zudem nehmen sie an einem Spiel teil, da die Kandidaten meistens um den Gewinn einer Geldsumme gegeneinander antreten. Aber auch hier lassen sich die intimen Merkmale von Docu-Soaps antreffen: Da sich die Bewohner in einer sozialen Gruppe etablieren müssen, entsteht für sie mit fortlaufender Zeit ebenfalls ein neuer Alltag und damit Verbunden auch eine Form von Privatleben.8 Demnach steht also auch hier die Vermittlung eines Echtheitsgefühls stets im Vordergrund. Neben den oben genannten zwei Typen haben sich auch weitere Formate wie beispielsweise Beziehungs-Soaps und Casting-Shows etabliert, welche sich den genannten Darstellungsweisen ebenso bedienen und sie auf neue Weise miteinander kombinieren.9

Es bleibt also festzuhalten, dass Reality-TV Sendungen aus mehreren Unterkategorien bestehen, in denen teils soziale Probleme und teils Spielsituation im Vordergrund stehen und dass sie als bindendes Glied der Einblick in die Privatsphäre des Menschen auszeichnet. Im Falle von Big Brother haben wir es darüber hinaus mit einer Reality-Soap zu tun. In einem weiteren Schritt soll nun eine genauere Formatbestimmung dieser Sendung erfolgen, um das Rollenverhalten der Bewohner und schliesslich auch die Inszenierungsstrategien nachvollziehen zu können. Zunächst erfolgt jedoch ein Einblick in die Spielprinzipien von Big Brother, um sich mit sich mit der extremen Situation, in der sich die Kandidaten hinein begeben, besser vertraut zu machen.

3. Das Phänomen Big Brother

3.1. Vorstellung der Spielsituation

Die Sendung Big Brother zeichnet sich darin aus, dass eine bestimmte Anzahl Teilnehmer (in der ersten Staffle zehn) eine gewisse Zeitspanne an Tagen (in den ersten Staffeln 100) in einem Wohncontainer miteinander verbringen müssen. Dieser Wohncontainer ist dabei nur mit den nötigsten Mitteln eingerichtet und von der Aussenwelt abgeschottet. Das ganze Haus ist kameraüberwacht, während die Kandidaten ausser nachts stets Mikrofone tragen. Innerhalb des Spiels müssen die Bewohner eine Reihe von Tages- und Wochenaufgaben absolvieren, wobei sie bei Erfolgen mit einem erhöhten Budget für die Nahrungsmittel-Versorgung belohnt werden. Alle zwei Wochen müssen die Kandidaten jeweils zwei Personen unter ihnen nominieren. Das Fernsehpublikum entscheidet dann per Telefonabstimmung, welcher der nominierten Kandidaten das Haus verlassen muss. Der Letzte der übrig bleibt, erhält schliesslich die Gewinnsumme. Auch wenn die Teilnehmer 24 Stunden am Tag gefilmt werden, strahlt RTL2 jedoch nur eine ca. 45 minütige Zusammenfassung wochentags aus. Diverse Webdienste erlauben allerdings auch die ganztägige Überwachung. Am Wochenende wird die Sendung zusätzlich mit Gesprächsrunden zwischen Verwandten und Prominenten, sowie Live-Schaltungen ergänzt. Daneben werden die Nominierungsvideos ausgestrahlt und der Verlierer des Zuschauer-Votings bestimmt.10

Diese Spielbeschreibung soll nur exemplarisch gelten. Die Regeln variieren von Staffel zu Staffel und von Land zu Land, so wurde beispielsweise in der dritten Staffel ein „Maulwurf“ eingeführt, der für ein zusätzliches Spannungselement sorgte,11 während ab der vierten Staffel das Haus in mehrere, voneinander abgegrenzte Bereiche unterteilt wurde. In den Grundzügen blieb die Fernsehshow ihrem Spielablauf jedoch treu.

3.2. Formatbestimmung

Unter dem Punkt 2. Was ist Reality-TV? wurde bereits deutlich, dass Big Brother eine RealitySoap ist. Nun soll noch eine weitere Differenzierung zur Formatbestimmung erfolgen, um zu erkennen, aus welchen Fernsehformaten Big Brother letztlich besteht. Denn Fernsehsendungen sind häufig Hybride, die sich nicht nur aus neuen, sondern oftmals auch aus bereits etablierten Genres zusammensetzen.

Lothar Mikos stellt fest, dass es sich bei Big Brother um eine Sendung mit vierfachem Rahmen handelt. Sie sei zunächst eine „verhaltensorientierte Spielshow“.12 Damit ist eine Gameshow gemeint, die Leistungs- und Persönlichkeitsspiele in den Vordergrund rückt und Kandidaten in Situationen bringt, die von ihnen bestimmte Verhaltensweisen verlangen. Innerhalb von Big Brother zeigt sich dies zum einen darin, dass die Bewohner Tages- und Wochenaufgaben lösen müssen, die eine Zusammenarbeit in der Gruppe erfordern. Zum anderen müssen sie jedoch auch den Anforderungen des Fernsehpublikums gerecht werden, um bis zum Ende der 100 Tage zu bestehen. Eine weitere Rahmung stellt die Orientierung an Daily Soaps dar. Von ihnen werden dramaturgische Elemente wie Spannungsbögen und Cliffhanger entlehnt, die in den täglichen Zusammenfassungen eingesetzt werden13 (eine genauere Analyse bezüglich der Dramaturgie der Sendung wird noch folgen). Ferner handelt es sich bei Big Brother auch um eine „partizipative Show“,14 da die Zuschauerbeteiligung ein wichtiges Moment darstellt, das über Gehen und Bleiben der Bewohner entscheidet und somit einen gewaltigen Einfluss auf ihre Lebenssituationen ausübt. Zuletzt sind in der Sendung noch Elemente der Talk-Show vorzufinden. Diese treten in Form wöchentlicher Abendsendungen auf, in denen in Gesprächsrunden über aktuelle Themen im Big Brother-Haus geredet wird.15

Zusammengefasst handelt es sich bei Big Brother laut Mikos um eine „doppelte Inszenierung“,16 einerseits auf der Ebene einer Spielshow und andererseits auf der Ebene einer Daily Soap. Zusätzlich stellt Big Brother ein Format dar, das zum „performativen Realitätsfernsehen“17 gezählt werden kann.

[...]


1 Vgl. Lothar Mikos et al.: Im Auge der Kamera. Das Fernsehereignis Big Brother, Berlin 2000 (= Beiträge zur Film und Fernsehwissenschaft, Bd. 55), S. 14.

2 Rainer Winter: „Die Hoffnung auf Sex“, in: Sonderheft der Zeitschrift medien praktisch 3 (2000), S. 61.

3 Ronald Uden: „Medienethische Vernunft“, in: Sonderheft der Zeitschrift medien praktisch 4 (2001), S. 54.

4 Vgl. Lothar Mikos et al.: „Big Brother als globales Fernsehformat“, in: Sonderheft der Zeitschrift medien praktisch 4 (2001), S. 57.

5 Vgl. Manuela Pietraß: Bild und Wirklichkeit. Zur Unterscheidung zwischen Realit ä t und Fiktion bei der Medienrezeption, Opladen 2003, S. 54.

6 Joan Kristin Bleicher: Art. „Reality-TV“, in: Günter Bentele et al. (Hg.): Lexikon Kommunikations- und Medienwissenschaft, Wiesbaden 2006, S. 237.

7 Ebd.

8 Vgl. Mikos 2000, S. 29.

9 Vgl. Bleicher 2006, S. 238.

10 Vgl. Mikos 2000, S. 14-16.

11 Joan Kristin Bleicher: „Die Dramatisierung der Privatheit in neuen Sendungskonzepten“, in: Martin K.W. Schweer et al. (Hg.): Das Private in der ö ffentlichen Kommunikation. 'Big Brother' und die Folgen, Köln 2002 S. 54.

12 Mikos 2000, S. 25.

13 Vgl. ebd., S. 27.

14 Ebd., S. 28.

15 Vgl. ebd.

16 Ebd.

17 Ebd. S. 29.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Medienstrategien in Big Brother und Peter Weirs "Die Truman Show"
Hochschule
Universität Basel  (Institut für Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Populärkultur und Medien – Schlüsselbegriffe und Fallbeispiele
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
24
Katalognummer
V272224
ISBN (eBook)
9783656636113
ISBN (Buch)
9783656636090
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
medienstrategien, brother, peter, weirs, truman, show
Arbeit zitieren
B.A. Andrea Würth (Autor), 2010, Medienstrategien in Big Brother und Peter Weirs "Die Truman Show", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272224

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