"In alter Zeit, in blutiger Zeit ..." Mit diesen Worten eröffnet der Sänger Arkadi Tscheidse im ersten Akt von Bertolt Brechts Theaterstück "Der kaukasische Kreidekreis" seinen Bericht über ein Geschehen aus dem mittelalterlichen Grusinien (Georgien) , das sich in der Stadt Nukha am Südhang des östlichen Kaukasus abgespielt hat. Wie im Märchen wird der Zeitraum nur vage umrissen und bleibt ungewiss. Die Lebensverhältnisse in dieser Stadt werden durch das strenge Regiment des Gouverneurs Georgi Abaschwili bestimmt, der vom Sänger als grausame Herrscher- und Ausbeuterfigur, "reich wie der Krösus", vorgestellt wird. Die eigentliche Erzählung beginnt mit einer genaueren Zeitangabe: "An einem Ostersonntagmorgen ..." An diesem Ostersonntagmorgen begibt sich der Gouverneur in die Kirche und wird von seiner "aus edlem Geschlecht" stammenden Frau Natella sowie einem "kerngesunden Kind" namens Michel begleitet. Dieses Geschehen markiert den Ausgangspunkt zweier parallel verlaufender Handlungsstränge des Dramas (die Grusche-Handlung und die Azdak-Handlung), die aber nacheinander geschildert werden, und zwar so, dass das Geschehen nach der Grusche-Handlung zum Ausgangspunkt zurückkehrt, um dann mit der Azdak-Handlung neu anzusetzen. Beide Handlungsstränge werden im 5. Akt ("Der Kreidekreis") wieder zusammengeführt. Daher kann man mit Henning Rischbieter von einem "Doppel-Drama" sprechen.
Nach den knappen einführenden Worten des Sängers handelt es sich um eine Zeit voller Entbehrungen und Gewalt, die - wie der Leser / Zuschauer gleich darauf erfährt - durch einen gnadenlosen Macht- und Unterdrückungsapparat selbstherrlicher Feudalherren bestimmt wird, deren willige Vollstrecker, die Panzerreiter, zum lebenden Symbol dieses unmenschlichen Systems werden. Im Wechsel zwischen Sängervortrag und szenischer Darstellung erzählen die Akte 1 - 3 die Geschichte des Küchenmädchens Grusche Vachnadze, die sich mit dem Soldaten Simon Chachava verlobt hat, von ihm aber kurz darauf durch die Kriegswirren dieser unruhigen Zeit getrennt wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Zum Inhalt und Aufbau des Stückes
Ein "Doppel-Drama"
Grusche-Handlung (Akte 1 - 3)
Azdak-Handlung (Akt 4)
Kreidekreis-Probe (Akt 5)
Vorspiel
Produktivitätssteigerung zum Wohle der Gemeinschaft
Sänger als Regisseur des "Spiels im Spiel"
2. Episches Erzählen
Erzähler als Vermittler
Erzählte Zeit und Erzählzeit
Introspektives Erzählen
Auktoriale Erzählperspektive
Sprache
3. Episches Theater
Aristotelisches Einfühlungs- und Illusionstheater
Kriterien des dramatischen und des epischen Theaters
Verfremdung und Historisierung als Methode der Erkenntnis
Gestus: gesellschaftliche Prägung des Verhaltens
Modell: Abbildung des gesellschaftlichen Lebens
Parabel: Veranschaulichung gesellschaftlicher Wirklichkeit durch das Bühnengeschehen
Parabelhafte Züge im "Kaukasischen Kreidekreis"
Utopie einer klassenlosen Gesellschaft
4. Epische Strukturelemente
Tradition des aristotelischen Theaters
Brechts offene Dramaturgie
Haupthandlung, Nebenhandlungen und Episoden
Synthese zwischen aristotelischer und epischer Dramaturgie
Mimesis und historische Wirklichkeit
Funktionen der Sängerfigur
Lieder und Songs
Schauspieler und Zuschauer
Erzeugung kritischer Distanz
Motivische Elemente
Spiel im Spiel
Flucht und Rettung
Gartenmotiv
Zusammenfassende Übersicht
5. Sprache als Element der Verfremdung
Teilbereich des gesellschaftlichen Gestus
Azdak: "Meister der doppel- und hintersinnigen Rede"
Verfremdung der sprachlichen Mitteilung
Volksnahe Sprache
6. Das Verhältnis von Mensch und Gesellschaft im epischen Theater
Politische Instabilität und Instabilität des Verhaltens
Abkehr vom klassischen "Helden"
Idealisierende und realistische Abbilder der historischen Wirklichkeit
Menschen als Repräsentanten gesellschaftlicher Gruppen
Utopie der klassenlosen Gesellschaft
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht Bertolt Brechts "Der kaukasische Kreidekreis" unter dem Aspekt der Theorie und Praxis des epischen Theaters. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Brecht durch den bewussten Einsatz epischer Gestaltungsmittel – insbesondere durch die Figur des Sängers, das Konzept des Gestus und die Verfremdung – die klassische Form des illusionistischen Dramas aufbricht, um eine kritische Distanz beim Zuschauer zu erzeugen und ihn zur Reflexion über gesellschaftliche Verhältnisse und deren Veränderbarkeit anzuregen.
- Analyse der narrativen und strukturellen Besonderheiten, wie die "Doppel-Drama"-Struktur und das "Spiel im Spiel".
- Untersuchung der Funktionen des Sängers als Vermittler, Regisseur und allwissender Erzähler.
- Diskussion der zentralen Brechtschen Kategorien: Verfremdung, Historisierung, Gestus und Modell.
- Herausarbeitung der kritischen Distanz zwischen Bühnengeschehen und Zuschauer sowie der damit verbundenen politischen Intention.
- Deutung der motivischen Elemente (z.B. Flucht, Garten, Spiel) im Hinblick auf ihre Bedeutung für das utopische Gesellschaftsbild.
Auszug aus dem Buch
Azdak: "Meister der doppel- und hintersinnigen Rede"
Widersprüchlichkeit und Doppelbödigkeit ergeben sich also durch die Verknüpfung unterschiedlicher oder entgegengesetzter, gesellschaftlich bedingter Eigenschaften oder Verhaltensweisen und ihre sprachlichen Äquivalente. Auf diese Weise entstehen komische, teils auch groteske und durch grobe Verzerrung oder Übertreibung erzeugte satirische Effekte, zum Beispiel in der Szene, wo Azdak den als Bettler verkleideten Großfürsten in seiner Hütte aufnimmt, ihn als "hochwohlgeborenen Stinker" (151) abqualifiziert und anfährt: "Schmatz nicht wie ein Großfürst oder eine Sau!" (ebd.). In der Verbindung von "Großfürst" und "Sau" steckt natürlich kaum verhüllte, massive Kritik am gesellschaftlichen Ausbeutersystem dieser Zeit. Diese Beispiele belegen anschaulich, dass Brecht seinen Azdak als "einen Meister der doppel- und hintersinnigen Rede" (Hahnengreß, 77) gestaltet hat.
Dieser Azdak spielt die unmenschlichen Züge einer Rechtsprechungspraxis gegeneinander aus, in der das Recht verletzt wird, wenn der Richter sich beim Urteil kratzt und "mehr als ein Drittel von ihm entblößt ist" (159), das Recht jedoch intakt bleibt, wenn zwei Angeklagte aufgehängt werden, ohne dass ein Richter bestellt ist (158). In einem solchen paradoxen System kann sich nur durchsetzen, wer sich so paradox wie Azdak verhält, der "sein gezinktes Recht" (169) austeilt und - in Anspielung auf das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern - "die Gesetze wie ein Brot" bricht (ebd.), d. h. wer als Halunke das geschriebene Recht zwar gröblich verletzt, als Retter der Unterdrückten aber zugleich der Gerechtigkeit zum Durchbruch verhilft. Trotz seines rauen Umgangstons und seiner drastischen Sprache kristallisiert sich in Azdaks widersprüchlichem Verhalten letztlich seine Mitmenschlichkeit und sein Herz für die Nöte des einfachen Volkes heraus.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zum Inhalt und Aufbau des Stückes: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die Handlungsstränge des Dramas, insbesondere die Grusche- und Azdak-Handlungen, sowie die Bedeutung des Vorspiels als Modell.
2. Episches Erzählen: Hier wird die Rolle des Sängers als Erzähler und Vermittler sowie der bewusste Umgang mit Zeitstrukturen und Erzählperspektiven im Kontext des epischen Theaters erläutert.
3. Episches Theater: Dieses Kapitel analysiert Brechts Abgrenzung vom aristotelischen Illusionstheater und führt zentrale Begriffe wie Verfremdung, Gestus und Parabel ein.
4. Epische Strukturelemente: Hier werden die dramaturgischen Komponenten des Stücks, wie das "Spiel im Spiel" und die Funktion der Lieder, detailliert auf ihre epische Wirkung hin untersucht.
5. Sprache als Element der Verfremdung: Dieses Kapitel zeigt auf, wie Sprache bei Brecht gezielt eingesetzt wird, um soziale Verhältnisse und Widersprüche offen zu legen und den Erkenntnisprozess des Zuschauers zu steuern.
6. Das Verhältnis von Mensch und Gesellschaft im epischen Theater: Der letzte Teil thematisiert die Abkehr vom klassischen Heldenbild und die Darstellung von Menschen als Repräsentanten gesellschaftlicher Gruppen zur Illustration marxistischer Geschichtsphilosophie.
Schlüsselwörter
Bertolt Brecht, Der kaukasische Kreidekreis, Episches Theater, Verfremdungseffekt, Gestus, Historisierung, Parabel, Klassengesellschaft, Azdak, Grusche, Vorspiel, Gesellschaftsmodell, offene Dramaturgie, Rollenspiel, Dialektik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Bertolt Brechts Theaterstück "Der kaukasische Kreidekreis" unter dem Gesichtspunkt der von Brecht entwickelten Theorie des epischen Theaters und dessen formaler Umsetzung.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Publikation?
Zu den Schwerpunkten zählen die Struktur des Stückes als "Doppel-Drama", die Rolle der Erzählerfigur, die Abgrenzung zum klassischen Illusionstheater sowie die gesellschaftskritische Funktion von Brechts Theaterkonzeption.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu untersuchen, wie Brecht durch spezifische epische Gestaltungsmittel die traditionelle Form des Theaters aufbricht, um den Zuschauer zu einer kritischen Haltung gegenüber gesellschaftlichen Verhältnissen zu bewegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die primäre Textquellen (Brecht) mit theoretischen Ansätzen der Epik und Theaterwissenschaft (z.B. Knopf, Müller) verbindet.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung epischer Erzählstrukturen, die theoretische Verortung im epischen Theater, die Analyse spezifischer Strukturelemente wie den Gestus und die Untersuchung der sprachlichen Gestaltung als Mittel der Verfremdung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte umfassen unter anderem den Verfremdungseffekt, die Parabel, den Gestus, die gesellschaftskritische Historisierung und die dialektische Struktur des Werkes.
Inwiefern beeinflusst das "Vorspiel" die Interpretation des gesamten Stückes?
Das Vorspiel dient als "Hintergrund" und Modell einer auf Konsens ausgerichteten Gesellschaft, das die nachfolgende Fabel als "alte, blutige Zeit" historisiert und somit den Bogen zu einer utopischen Perspektive spannt.
Warum ist die Figur des Azdak für Brechts Theaterkonzeption so zentral?
Azdak fungiert als "Meister der doppel- und hintersinnigen Rede", an dem die Widersprüchlichkeit gesellschaftlicher Verhältnisse besonders deutlich wird; er verkörpert die dialektische Figur, die durch listiges Agieren innerhalb eines Unrechtssystems Gerechtigkeit zu erreichen sucht.
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- Hans-Georg Wendland (Autor), 2014, 'Der kaukasische Kreidekreis' von Bertolt Brecht als Drama des epischen Theaters, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272394