„Ich bin ein Türke, ich bin aufrichtig und fleißig. Meine persönliche Pflicht ist es, meine Jüngeren zu beschützen und meine Älteren zu ehren, meine Heimat und meine Nation mehr zu lieben als mich selbst.(...)" Dieser Leitsatz Atatürks gilt als Treueschwur an die Türkische Nation, er hängt in Schulen an den Wänden und muss von jedem Schüler auswendig gelernt werden. So kommen Kinder schon früh mit türkischem Nationalismus in Verbindung. Im Unterricht lernen sie, unter welch schwierigen Bedingungen und wie heldenhaft das türkische Heer unter Führung des Großen Mustafa Kemal Atatürks, das Unmögliche erreichte, ihr Vaterland vor fremden Besatzungsmächten verteidigte und seine Unabhängigkeit gewann. Noch immer gilt es, die Republik Türkei zu bewahren und zu verteidigen. Jeder, der heute in der Türkei aufwächst und lebt, entwickelt früh ein Nationalbewusstsein. Auch wenn der Begriff „Türke“ sich damals nicht auf die Ethnie, sondern auf die Staatsbürgerschaft bezog, gilt der türkische Nationalismus heute als eher rassistisch. Auch die türkische Nationalhymne, der „Unabhängigkeitsmarsch“ (Istiklal Marşı) von Mehmed Akif Ersoy, dient auch heute zur Festigung des türkischen Nationalbewusstseins.(...) Mehmet Akif Ersoy ist einer der Hauptfiguren der türkischen Literaturszene des 20. Jahrhunderts und als Verfasser der Türkischen Nationalhymne stets präsent. Er gilt noch immer als Vorbild in Bezug auf seine Vaterlandsliebe, seinen Idealismus, seinen tiefen Glauben, seine Charakterstärke, seinen Nationalismus und als einer der Helden des nationalen Befreiungskampfes. Doch wie stand Mehmed Akif wirklich zur auftretenden Nationalismusbewegung in der Türkei und dem Verwestlichungskurs der jungen Republik? Dies ist Gegenstand der vorliegenden Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Historischer Rahmen
2. Das Leben Mehmed Akif Ersoys
3. Sırat-ı Müstakim / Sebilürreşad
4. Safahat
5. Die türkische Nationalhymne
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Leben, die politischen Ansichten und das literarische Schaffen von Mehmed Akif Ersoy, insbesondere im Hinblick auf sein Verhältnis zum Islamismus und Nationalismus im Kontext der Transformation des Osmanischen Reiches zur modernen Republik Türkei.
- Historische Einordnung des späten Osmanischen Reiches und der Tanzimat-Periode.
- Analyse von Mehmed Akif Ersoys Wirken als Islamist und Verfechter einer muslimischen Einheit.
- Untersuchung der ideologischen Ausrichtung der Zeitschrift "Sırat-ı Müstakim / Sebilürreşad".
- Deutung der inhaltlichen Entwicklung und Symbolik seines Hauptwerkes "Safahat".
- Interpretation der türkischen Nationalhymne als Ausdruck nationaler Identität und persönlicher Ideale des Dichters.
Auszug aus dem Buch
Die türkische Nationalhymne
Tagtäglich wird die türkische Nationalhymne gespielt, bei festlichen Anlässen oder Staatsbegräbnissen, bei sportlichen Ereignissen oder am Montagmorgen an jeder Grundschule der Republik. Der „Unabhängigkeitsmarsch“ (Istiklal Marşı) ist stets präsent, mit ihm der Kampf der Türken um ihre Unabhängigkeit. Kein anderer Text beschreibt die Stimmung, Sorgen und Hoffnungen der Zeit des Unabhängigkeitskrieges so deutlich, wie der „Unabhängigkeitsmarsch“.
Am 25.Oktober 1920 gab es in der Zeitung „Hakimiyeti Milliye“ einen Aufruf an alle Dichter, einen Marsch zu verfassen, „um den Kampf den unsere Nation um ihre innere und äußere Unabhängigkeit begonnen hat, auszudrücken(…).“ Mehmed Akifs „Unabhängigkeitsmarsch“ erschien am 17. Februar 1921 in Sebilürreşad und wurde am 12. März von der Großen Nationalversammlung in Ankara offiziell zur Nationalhymne ernannt. Artikel 4 der türkischen Verfassung von 1982, macht den „Unabhängigkeitsmarsch“ durch den Punkt „Unabänderliche Vorschriften“ zum „ewigen, unabänderlichen Identitätsmerkmal“.
Nationalhymnen sind ein Teil der nationalen Kultur, sie drücken die Liebe zur Heimat aus und zeigen Merkmale auf, die ein Volk zusammenhalten. Ihre Texte verarbeiten oft Geschichte und entwerfen gleichzeitig Zukunft. Im Gegensatz zu Mehmed Akifs bisherigen Gedichten, in denen immer wieder panislamistische Ideen zum Ausdruck kamen, bezieht sich der „Unabhängigkeitsmarsch“ ausschließlich auf seine Nation. Er wurde geschrieben, als viele Teile Anatoliens besetzt waren, in einer Zeit voller Hoffnungslosigkeit. Der Marsch drückt die Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit, sowie die Liebe zum Vaterland aus. Mehmed Akif widmete dieses Gedicht dem „heldenhaften Heer“ („kahraman ordumuza“) und weigerte sich, ihn in seine Safahat aufzunehmen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Historischer Rahmen: Beschreibt das politische Umfeld des ausgehenden Osmanischen Reiches, geprägt von Tanzimat-Reformen, dem Aufkommen nationalistischer Strömungen und der Suche nach einer neuen Staatsidentität.
2. Das Leben Mehmed Akif Ersoys: Skizziert die Biografie des Dichters, seine religiöse Prägung, berufliche Laufbahn und seine aktive Rolle im Befreiungskampf bis hin zu seinem Exil in Ägypten.
3. Sırat-ı Müstakim / Sebilürreşad: Analysiert die publizistische Arbeit der Zeitschrift als Sprachrohr eines panislamisch orientierten Widerstands gegen den Verwestlichungskurs und den zunehmenden Nationalismus.
4. Safahat: Erläutert das siebenbändige Hauptwerk Mehmed Akifs, in dem er seine sozialkritischen Ansichten und seine tiefe Enttäuschung über die Abkehr von islamischen Werten thematisiert.
5. Die türkische Nationalhymne: Beleuchtet die Entstehung und Bedeutung des "Unabhängigkeitsmarsches" und stellt dessen religiöse Symbolik sowie die Ambivalenz des Dichters gegenüber dem Nationalismus dar.
Schlüsselwörter
Mehmed Akif Ersoy, Osmanisches Reich, Islamismus, Nationalismus, Unabhängigkeitsmarsch, Safahat, Sebilürreşad, Tanzimat, Moderne, Vaterland, Identität, Säkularisierung, Reformen, Panislamismus, Befreiungskampf.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Leben und die politische sowie literarische Wirksamkeit von Mehmed Akif Ersoy im Kontext des Übergangs vom Osmanischen Reich zur modernen Republik Türkei.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder sind das Spannungsfeld zwischen Islamismus und türkischem Nationalismus, die Rolle der Religion in der Gesellschaft und die kritische Auseinandersetzung mit westlich geprägten Reformen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Einstellungen von Mehmed Akif Ersoy gegenüber politischen Umbrüchen herauszuarbeiten und zu klären, wie er seine panislamische Gesinnung mit seinem Einsatz für die türkische Unabhängigkeit vereinbarte.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche und historisch-analytische Herangehensweise, basierend auf der Auswertung von Primärquellen wie Akifs Gedichtband „Safahat“ und der Zeitschrift „Sebilürreşad“.
Welche Inhalte dominieren den Hauptteil?
Der Hauptteil behandelt chronologisch die historische Einordnung, die Biografie des Dichters, seine publizistische Tätigkeit sowie eine detaillierte Analyse seines literarischen Hauptwerkes und der Nationalhymne.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Schlüsselwörter umfassen Mehmed Akif Ersoy, Nationalismus, Islamismus, Osmanisches Reich, Safahat, Sebilürreşad und die Unabhängigkeit der Türkei.
Warum lehnte Mehmed Akif den westlichen Nationalismusbegriff ab?
Er sah im westlichen Nationalismus ein Instrument, das die Einheit der Umma (Gemeinschaft der Gläubigen) gefährdete und zu einer zerstörerischen Spaltung der islamischen Welt führte.
Wie veränderte sich die Rolle von "Sebilürreşad" über die Jahre?
Die Zeitschrift wandelte sich von einem Forum für religiöse und philosophische Diskurse hin zu einem expliziten Sprachrohr des Widerstands gegen Säkularisierungsmaßnahmen und Verwestlichung.
Weshalb nahm Mehmed Akif sein Werk „Unabhängigkeitsmarsch“ nicht in die „Safahat“ auf?
Er widmete das Gedicht dem „heldenhaften Heer“ als nationales Signal und grenzte es damit bewusst von seinem übrigen lyrischen Gesamtwerk ab, das primär religiös motiviert war.
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- M.A. Pinar Kehribar Yorulmaz (Autor), 2011, Mehmed Akif Ersoy und der türkische Nationalismus, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272456