Die Darstellung des Krieges in Keyserlings Erzählung „Nicky“


Hausarbeit, 2014

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Aufnahme des Krieges in der

zeitgenössischen Literatur

2. Keyserling und der Krieg

3. Darstellung des Krieges in „Nicky“
3.1 Ein neuer Gemeinschaftssinn
3.2 Ästhetizismus vs. Patriotismus
3.3 Das „hässliche“ am Krieg

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Wie hätte der Künstler [und darin ist auch der Schriftsteller eingeschlossen], der Soldat im Künstler nicht Gott loben sollen für den Zusammenbruch einer Friedenswelt, die er so satt, so überaus satt hatte! Krieg! Es war eine Reinigung, Befreiung, was wir empfanden, und eine ungeheure Hoffnung!“[1]

So äußerte sich Thomas Mann 1914 in der Zeitschrift „Die Neue Rundschau“ und sprach damit wohl vielen Intellektuellen seiner Zeit aus der Seele.

Die anfängliche Kriegsbegeisterung der deutschen Bildungseliten erscheint aus heutiger Perspektive angesichts der Gräuel des 1. Weltkriegs sicherlich befremdlich. Doch gilt es zu betonen, dass die Menschen 1914 noch nicht die Millionen von Toten, die Länge von vier Jahren oder die letztendliche Sinnlosigkeit des Unternehmens vor Augen hatten. Sie sahen den Krieg als einen „Krieg der Kulturen“ an, in dem es galt, die Einzigartigkeit der deutschen Kultur zu behaupten. Insbesondere viele Schriftsteller, so auch Thomas Mann, meinten darüber hinaus in diesem eine Chance zu erkennen, aus bisherigen Mustern auszubrechen und sich künstlerisch neu zu orientieren. Negative Stimmen waren in dieser Kriegsausbruchs-Euphorie eine Seltenheit.

Der deutsche Schriftsteller Eduard von Keyserling befasst sich in seiner Erzählung „Nicky“[2], welche die Anfangszeit in den Blickpunkt nimmt und bereits 1915 veröffentlicht wurde, als intellektueller Zeitzeuge außergewöhnlich kritisch mit dem Thema „Krieg“. Demnach wird es spannend sein, sich im Folgenden vor dem beschriebenen Hintergrund näher mit diesem Text auseinanderzusetzen, wobei die Kriegsdarstellung jederzeit im Fokus stehen soll. Herauszustellen wäre, wie Keyserling den Krieg in „Nicky“ inszeniert, als auch, ob hierdurch eine Haltung des Autors selbst erkennbar wird. Zudem ist von Interesse, wie die zuvor beschriebene Darstellung im Gesamtkontext der damaligen Literatur anzusiedeln wäre.

Hierfür ist es zunächst von Nöten, einen historischen Überblick darüber zu geben, wie der 1. Weltkrieg von Schriftstellern der Zeit von 1914-1918 generell aufgenommen wurde, bevor im Weiteren explizit auf Eduard von Keyserling und sein Werk in Bezug auf die Kriegsthematik eingegangen werden soll. Schließlich gilt es im Fazit die Darstellungsweise mit dem Autor in Verbindung zu bringen und diese vor dem literarischen Kontext der Zeit zu betrachten.

Zum 1. Weltkrieg finden sich in der Sekundärliteratur zahlreiche Werke. Herauszustellen wäre hier der Sammelband „Kultur und Krieg: Die Rolle der Intellektuellen, Künstler und Schriftsteller im Ersten Weltkrieg“[3], u.a. herausgegeben von Mommsen, welcher die hier gewählte Thematik aufgreift.

Keyserlings Werk ist dagegen in der Forschung bisher wenig berücksichtigt worden. So ist schon zu der Erzählung „Nicky“ generell wenig Literatur zu finden. Dennoch ist mit Alm-Lequeux‘s Buch „Sein Werk und der Krieg“[4] bereits eine ausführliche Grundlage für die vorliegende Arbeit geschaffen worden.

1. Aufnahme des Krieges in der zeitgenössischen Literatur

Thomas Manns oben zitierte Worte werden sowohl bei Anz als auch bei Häntzschel als Beispiel für die Ablehnung der Kultur im Kaiserreich bis 1914 gewählt.[5] Da diese negative Wertung, wie bei Mann, mit einer „Friedenswelt“ in Verbindung gebracht wurde, sehnten sich viele Intellektuelle und Künstler nach Veränderung, welche der Krieg ihnen brachte.[6] „Sie feierten ihn als Ereignis schöpferischer Neuerung“[7], so bei Anz treffend beschrieben. Die anfängliche Euphorie über diesen sogenannten „Krieg der Kulturen“ konnte auch durch ausländische Appelle an die deutschen Intellektuellen, sich doch vom Militarismus loszusagen und eine unabhängige Gesinnung zu bewahren, nicht gedämpft werden. Ganz im Gegenteil: Nach Mommsen identifizierten sie sich nur umso stärker mit der deutschen Reichspolitik.[8]

In Bezug auf das Lager der Schriftsteller lässt sich jedoch sagen, dass die gehegten Hoffnungen in die Erneuerung der Literatur durch den Krieg bereits 1914 schon nicht mehr allseits geteilt wurden. Häntzschel weist darauf hin, dass die Zahl der Veröffentlichungen nach Kriegsbeginn rapide in die Höhe geschnellt ist[9]. Wie auch Schumann[10] bezieht er sich anschließend auf den Rezensenten Julius Bab, wenn er betont, dass es jedoch keineswegs die Besten waren, die hier schrieben: „Das Genie fühlt sich durch die Wucht der Tatsachen gelähmt, der Dilettant[…] ermuntert“[11].

Bab entwarf eine Hierarchie vom Dilettanten über den Journalisten, zum Autor bis hin zum Dichter. Ohne näher auf die einzelnen Kategorien eingehen zu wollen sei gesagt, dass Bab unter dem Besten von diesen, dem Dichter, denjenigen verstand, welcher eine individuelle Persönlichkeit und das direkt Erlebte in sich vereint.[12] Er konnte jedoch in seinen Rezensionen nur selten Werke von, nach seinem Urteil, wahren „Dichtern“ hervorheben.[13] Demnach stellt sich die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass nur ein geringer Teil namhafter Schriftsteller die Kriegsliteratur der Zeit bereicherte.

Häntzschel beantwortet diese Frage damit, dass, anders als in vorherigen Kriegen, das Kriegserlebnis aufgrund der allgemeinen Wehrpflicht zu einer Art „Massenempfindung“ geworden war. Es sei kein Abstand mehr zwischen Publikum und Schriftsteller vorhanden gewesen, wodurch die für einen Dichter nach Bab wichtige persönliche Komponente an Wert verloren habe.[14] Dieser Ansatz lässt sich vielleicht durch Schumann stützen, welcher herausstellt, dass dennoch auch bekannte Autoren, wie Hermann Hesse, Rainer Maria Rilke oder Hugo von Hofmannsthal, an der literarisch verarbeiteten Kriegseuphorie beteiligt waren. Als Gemeinsamkeit dieser hebt er dabei insbesondere ihre Distanz zum eigentlichen Kriegsgeschehen hervor.[15] Es lässt sich demnach vermuten, dass die genannten somit eher dazu bereit waren, sich literarisch zu betätigen, als viele ihrer Kollegen, welche unmittelbar vom Krieg betroffen waren.

Die sogenannten kanonisierten Autoren waren es dann auch, die den eigentlichen „Kulturdiskurs“ der Zeit führten[16]. Während sich die Mehrheit der neu aufgekommenen Kriegsliteraten durch rein kriegsverherrlichende und patriotische Werke hervortat, rechneten Hofmannsthal, Hauptmann oder Mann in Aufsätzen und Zeitschriftenartikeln mit der Kultur der Vorkriegsjahre ab, um den Krieg gleichzeitig als Möglichkeit für eine kulturelle Erneuerung zu präsentieren.[17] Zudem betont Schumann, dass sowohl bei Hesse als auch bei George und Rilke das durch den Krieg entstandene neue Gemeinschaftsgefühl in Gedichten betont wurde. Jedoch sei es ihnen, im Gegensatz zu anderen Autoren, viel mehr darum gegangen herauszustellen, dass der Krieg ihnen, den Künstlern, die Möglichkeit biete, sich mit anderen Menschen, den Kriegern, geistig zu verbinden.[18]

Trotz der literarischen Werke war die Meinung dieser namhaften Autoren zum Kriegsgeschehen an sich jedoch nicht gleichsam ausschließlich positiv. Während beispielsweise Mann bis zuletzt an der Kulturfördernden Eigenschaft dessen festhielt, ist bei Hauptmann zumindest im Oktober/November 1918 ein Umschwenken zu erkennen angesichts der Massen an Todesopfern, die der Krieg gefordert hatte. Hesse dagegen hatte sich von Anfang an durch pazifistische Äußerungen positioniert, wobei er dennoch in Gedichten, wie „Der Künstler an die Krieger“, von seiner klaren Position abzuweichen scheint.[19]

Insgesamt lässt sich sagen, dass spätestens ab dem Frühjahr 1916 nach Mommsen ein Umdenken bei der Mehrheit der Intellektuellen stattfand. Auf die anfängliche Euphorie folgte eine nüchterne Auseinandersetzung mit dem Kriegsgeschehen, wobei aktive Kriegsgegner jedoch weiterhin eine Seltenheit blieben.[20] Auch wenn einige Schriftsteller wie Mann an ihrer Linie festhielten, hatte sich die Hoffnung in eine erneuerte deutsche Kultur nicht erfüllt, was einen allmählichen publizistischen Rückzug der kanonisierten Autoren zur Folge hatte[21]. So äußerte sich etwa Stefan George: „Dieser Krieg ist nicht unser Krieg“[22].

2. Keyserling und der Krieg

Eine lange Zeit über wurden Keyserlings Werke als unpolitisch abgetan und vorrangig unter stilistischen Gesichtspunkten untersucht. Der wie beschrieben bis zuletzt kriegsbegeisterte Thomas Mann hatte Keyserling gar in einem Nachruf die Bezeichnung des „Schriftstellers“ abgesprochen, da dieser nach ihm nie durch kritische Äußerungen oder auch nur eine eigenständige Meinung auf sich aufmerksam gemacht hätte.

Seit den 70er Jahren bemüht sich die Forschung nun das Urteil über den Dichter zu revidieren und insbesondere seine Gesellschaftskritische Haltung in den Vordergrund zu stellen. Auch in Bezug auf das Thema Krieg sind sehr wohl, ganz entgegen Manns Äußerungen, Stellungnahmen des Autors vorhanden.[23]

Ähnlich wie von Hesse sind dabei auch von Keyserling sehr unterschiedliche Beurteilungen der Kriegssituation überliefert, wenn nicht in noch drastischerer Form. So bezeichnete er den Krieg 1917 als eine „Weltkatastrophe“ und auch von seinem Neffen Otto von Taube ist überliefert, dass Keyserling den Krieg als eklig beschrieben habe. Dennoch ist ebenso anzubringen, dass dieser in Zeitungsartikeln, Kurzgeschichten oder auch in zwei längeren Erzählungen (eine davon „Nicky) teilweise durchaus die positiven Auswirkungen des Krieges auf die Gesellschaft thematisiert hat.[24]

Auch Keyserling wurde von dem sogenannten „August-Erlebnis“ mitgerissen. Wie andere Schriftsteller begrüßte er in seinen Artikeln (beispielsweise in „Das Wunder von heute“) die einigende Kraft des Krieges, weg von der Individualität hin zu einem neuen Gemeinschaftsgefühl. Ebenso das intensivere „Fühlen“ der Menschen an sich durch den Kriegsausbruch spielte für ihn eine große Rolle, wie er in seinem Artikel „Über die Vaterlandsliebe“ beschreibt.[25]

[...]


[1] Mann bei Häntzschel, Günter: Literatur und Krieg. Aspekte der Diskussion aus der Zeitschrift „Das literarische Echo“, in: Wolfgang J. Mommsen [hrsg.]: Kultur und Krieg: Die Rolle der Intellektuellen Künstler und Schriftsteller im Ersten Weltkrieg, München 1996, S. 210.

[2] Von Keyserling, Eduard: Nicky, in: Eduard von Keyserling: Schwüle Tage. Erzählungen, Zürich 2005, S. 231-299, im Folgenden unter der Sigle „N“.

[3] Mommsen, Wolfgang [Hrsg.]: Kultur und Krieg: Die Rolle der Intellektuellen Künstler und Schriftsteller im Ersten Weltkrieg, München 1996.

[4] Alm-Lequeux, Antonie: Eduard von Keyserling. Sein Werk und der Krieg. Mit unveröffentlichten Texten von E. v. Keyserling, Paderborn 1996.

[5] Vgl. Häntzschel, Günter: Literatur und Krieg, S. 210; Vgl. Anz, Thomas: Vitalismus und Krieg, in: Wolfgang J. Mommsen [hrsg.]: Kultur und Krieg: Die Rolle der Intellektuellen Künstler und Schriftsteller im Ersten Weltkrieg, München 1996 S. 237.

[6] Vgl. Anz ebda.

[7] Ebda. S. 236.

[8] Vgl. Mommsen, Wolfgang J.: Einleitung: Die deutschen kulturellen Eliten im Ersten Weltkrieg, in: Wolfgang J. Mommsen [hrsg.]: Kultur und Krieg: Die Rolle der Intellektuellen Künstler und Schriftsteller im Ersten Weltkrieg, München 1996, S. 2f.

[9] Vgl. Häntzschel: Literatur und Krieg, S. 211.

[10] Vgl. Schumann, Andreas: „Der Künstler an die Krieger“. Zur Kriegsliteratur kanonisierter Autoren, in: Wolfgang J. Mommsen [hrsg.]: Kultur und Krieg: Die Rolle der Intellektuellen Künstler und Schriftsteller im Ersten Weltkrieg, München 1996, S. 221.

[11] Bab bei Häntzschel: Literatur und Krieg, S. 211.

[12] Vgl. ebda. S. 212.

[13] Vgl. Schumann: „Der Künstler an die Krieger“, S. 221.

[14] Vgl. Häntzschel: Literatur und Krieg, S. 212.

[15] Vgl. Schumann: „Der Künstler an die Krieger“, S. 222f.

[16] Vgl. ebda. S. 233.

[17] Vgl. ebda. S. 227 – 232.

[18] Vgl. ebda. S. 224 – 226.

[19] Vgl. ebda. S. 229.

[20] Vgl. Mommsen: Einleitung: Die deutschen kulturellen Eliten im Ersten Weltkrieg, S. 11-13.

[21] Vgl. Schumann: „Der Künstler an die Krieger“, S.233.

[22] George bei ebda. S. 233.

[23] Vgl. Alm-Lequeux: Eduard von Keyserling. Sein Werk und der Krieg, S.7.

[24] Vgl. ebda. S. 34.

[25] Vgl. ebda. S. 34-37.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung des Krieges in Keyserlings Erzählung „Nicky“
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Modelle der Textarbeit: Verlorene Welten. Eduard von Keyserling
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
22
Katalognummer
V272474
ISBN (eBook)
9783656640073
ISBN (Buch)
9783656640066
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Keyserling, Nicky, Krieg, Keyserling Nicky, Keyserling Krieg, Eduard von Keyserling
Arbeit zitieren
Jana Katczynski (Autor:in), 2014, Die Darstellung des Krieges in Keyserlings Erzählung „Nicky“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272474

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