Es war Frederick Jackson Turner, der die Frontier in seiner These The Significance of the Frontier in American History zum ersten Mal als den Prozess definierte, der für die Amerikanisierung der Einwanderer aus diversen Ländern Europas verantwortlich gemacht werden kann. Diese These über die Signifikanz der Frontier und Grenze ist in der Amerikanistik allgemein weit verbreitet, doch bedarf sicherlich einer genaueren Betrachtung und Relativierung, wobei die Rolle der historischen Erfahrung und der literarischen Rezeption näher untersucht werden muss. Die Einbettung in einen historischen, literarhistorischen und kulturtheoretischen Kontext ist vonnöten, um die Relation von Literatur und der Frontier darzustellen sowie Kerouacs Werk hierauf zu applizieren.
Denn basierend auf der amerikanischen Frontier kommt es auch in On the Road ständig zu physischen und imaginären Grenzerfahrungen. Die Protagonisten Sal Paradise und Dean Moriarty sehen im Westen den Ort, wo sie auf den Spuren der Pioniere zum ursprünglichen Amerika zurückkehren können. Sie machen sich gen Westen auf, transformieren die Werte allerdings ins Nachkriegsamerika. So ist es noch immer die Mobilität, die essentiell für die Frontier-Erfahrung angesehen wird, aber durch die technische Neuerung des Automobils erreicht wird. Nicht mehr zur Verfügung stehender Raum wird durch Geschwindigkeit ersetzt, wobei die Straße neben dem Automobil die Plattform hierfür bietet. Bezüglich des Raums orientieren sich die Figuren zumindest anfänglich am geografischen Westen. Doch Sal realisiert, dass die physische Frontier abgeschlossen ist und Authentizität und die amerikanischen Werte auf einer anderen Ebene, die als imaginär bezeichnet werden kann, gefunden werden müssen. Um zu dieser gewünschten Authentizität zu gelangen, muss Sal zuerst den starren Rahmen des durch Konformität geprägten Nachkriegsamerikas durchbrechen. Sal gelingt dies und er gesellt sich zu marginalisierten Gruppen anderer Ethnizitäten wie Afro- oder Hispanoamerikanern oder der indigenen Bevölkerung Mexikos. Dabei wird im Detail auf die Rolle der Jazz-Musik, einer idealisierenden Wahrnehmung der Migration, Mexikos als kulturelle Projektion Amerikas und schließlich auf die Rolle der mexikanisch indigenen Bevölkerung eingegangen. Doch am Ende stellt Sal auch diese Lebensform nicht zufrieden und er verlässt die Straße, was in der Kerouac-Forschung kontrovers diskutiert wird.
Inhaltsverzeichnis
I EINLEITUNG
II DIE AMERIKANISCHE FRONTIER: HISTORISCHE ERFAHRUNG UND LITERARISCHE REZEPTION
III DIE BEDEUTUNG DER GRENZE IN ON THE ROAD
3.1 Physische Grenzerfahrung und Nostalgie
3.2 Die imaginäre Grenze in On the Road
3.2.1 "Beyond Mainstream": Ausbruch aus der Konformität
3.2.2 Die Suche nach Alternativen
3.2.2.1 Afroamerikanische Subkultur und Jazz-Musik
3.2.2.2 Migranten, Mexiko und seine indigenen Völker
3.2.2.2.1 Die mexikanische Migrationsdarstellung im Roman
3.2.2.2.2 "The Magic South": Mexiko als kulturelle Projektion Amerikas
3.2.2.2.3 Mexikos indigene Völker als Inbegriff von Authentizität
IV "UTOPIA AND PARADISE": DIE INNERE FRONTIER
V SCHLUSSFOLGERUNG
VI QUELLENVERZEICHNIS
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht Jack Kerouacs Roman "On the Road" (1957) unter dem Aspekt der Grenzerfahrung. Das primäre Ziel ist es, die physischen und imaginären Grenzübertritte der Protagonisten vor dem Hintergrund der amerikanischen "Frontier"-Mythologie und der gesellschaftlichen Konformität der 1950er Jahre zu analysieren.
- Die historische und literarische Bedeutung der amerikanischen Frontier-Ideologie.
- Die Rolle von Mobilität, Automobilen und der Straße als befreiende Instanzen.
- Die Beat-Generation als Rebellion gegen die bürgerliche Konformität und soziale Normen.
- Die Auseinandersetzung mit Identitätssuche durch das Eintauchen in marginalisierte Subkulturen.
- Die kritische Reflexion des Mythos vom "Amerikanischen Westen" und die Suche nach Authentizität.
Auszug aus dem Buch
3.2.1 "Beyond Mainstream": Ausbruch aus der Konformität
Im Amerika der Nachkriegszeit "[c]onformity and fear have replaced self-reliance and self-esteem." (Foster, 40) Martinez stellt die Konformität und den Konflikt, der sich dadurch zwischen Gesellschaft und Individuum ergibt, folgendermaßen dar:
The irony of 'progress' was itself a long-standing topic of the twentieth century. The problem of whether the modern subject can actually progress, and how one defines progress in relation to how a society-at-large defines it, has too often been reduced to a question of personal mobility in the face of constraining systemic forces or frameworks. Rather than seeking to analyze and ameliorate social or economic frameworks, the American individualist seeks to escape the 'social' or the 'communal' that becomes associated with systemic constraint. Progress is thus defined as individual prerogative. The twentieth-century American writer departed in Odyssean fashion to map the boundaries that limit his potential. It is a question of probing the walls of the prison while using one's prerogative to move as an act of personal defiance to restraint. (ebd. 11)
In On the Road wird im Kontext der vorherrschenden Gesellschaftsordnung der 1950er Jahre zu Gunsten der Individualität die Grenze der Konformität in die Nonkonformität überschritten und sich von den gültigen Moral- und Lebensvorstellungen abgewendet.
Zusammenfassung der Kapitel
I EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der Grenzüberschreitung in der amerikanischen Literatur und Vorstellung der zentralen Fragestellung.
II DIE AMERIKANISCHE FRONTIER: HISTORISCHE ERFAHRUNG UND LITERARISCHE REZEPTION: Überblick über die historische Entwicklung der Frontier-Idee und deren Einfluss auf den amerikanischen Mythos.
III DIE BEDEUTUNG DER GRENZE IN ON THE ROAD: Analyse der physischen und imaginären Grenzen im Roman, inklusive der Rolle von Mobilität, Jazz-Musik und marginalisierten Gruppen.
IV "UTOPIA AND PARADISE": DIE INNERE FRONTIER: Diskussion über das Ende der Reise und die Erkenntnis des Protagonisten bezüglich der "inneren Frontier".
V SCHLUSSFOLGERUNG: Zusammenfassung der Forschungsergebnisse und Fazit zur Bedeutung des Werks im Kontext der amerikanischen Kultur.
VI QUELLENVERZEICHNIS: Aufstellung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
On the Road, Jack Kerouac, Frontier, Amerikanisierung, Mobilität, Konformität, Beat Generation, Identitätssuche, Authentizität, Jazz-Musik, Subkultur, Amerikanischer Mythos, Individualismus, Grenzerfahrung, Nachkriegsamerika.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Jack Kerouacs Roman "On the Road" unter dem Aspekt der "Grenzerfahrung" und untersucht, wie der Autor mit den historischen und literarischen Mythen der amerikanischen Frontier spielt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft, der Ausbruch aus der Konformität, die Bedeutung von Mobilität als Metapher für Freiheit sowie die Identitätssuche der Beat-Generation.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Kerouac durch die Reisen seiner Protagonisten traditionelle amerikanische Mythen reflektiert, herausfordert und in den Kontext des Amerikas der 1950er Jahre transponiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen literatur- und kulturwissenschaftlichen Ansatz, der den Roman in seinen historischen Kontext einbettet und durch die Analyse von Sekundärliteratur zu Frontier-Diskursen und der Beat-Generation stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der physischen Grenzerfahrung (Mobilität, Straße, Auto) und die Untersuchung imaginärer Grenzüberschreitungen durch das Eintauchen in ethnische Subkulturen wie Jazz-Szenen und das Leben mexikanischer Migranten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind: Frontier, Beat Generation, Mobilität, Konformität, Identitätssuche, Authentizität, Amerikanischer Mythos und Individualismus.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Automobils in "On the Road"?
Das Automobil wird nicht nur als Fortbewegungsmittel betrachtet, sondern als "heimliche Romanfigur" und als Symbol für technische Freiheit, Fortschritt und die Kontrolle über das eigene Schicksal im Sinne der alten Pioniere.
Warum ist der Jazz für Sal und Dean so bedeutend?
Der Jazz dient als Ausdruck von Spontaneität und Authentizität. Er ist ein "nonverbales Kommunikationsmittel", das die hedonistische und improvisierte Lebensweise der Beats musikalisch spiegelt.
Wie steht der Autor zu Kerouacs Darstellung der ethnischen Minderheiten?
Die Arbeit beleuchtet die Kritik an Kerouacs teils romantisierender und ethnozentrischer Sichtweise auf Minderheiten, betont jedoch gleichzeitig, dass er durch die Thematisierung dieser Gruppen die starren Grenzen der Segregation im Roman aufbrach.
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- Martin Monzel (Author), 2012, "Crossing Frontiers". Grenzerfahrung in Jack Kerouacs "On the Road", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272484