Depression in theoretischer Perspektive von Psychotherapie und Philosophie


Diplomarbeit, 2010

88 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhalt

Vorrede

1. Zur Lage der Depression
Parenthese I: Begriffsgeschichte – Von der Melancholie zur Depression
Parenthese II: Psychopharmaka

2. Depression in der kognitiven Verhaltenstherapie

3. Kritik an der Position der kognitiven Verhaltenstherapie

4. Depression in der psychoanalytischen Therapie

5. Kritik an der Position der psychoanalytischen Therapie

6. Ein philosophischer Ansatz
Parenthese III: Die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie

Epilog

Bibliographie

Vorrede

Ausgangspunkt und Movens dieser Arbeit war die Datenlage zum Störungsbild der Depression. Die Zahlen gaben zur Verwunderung Anlass. Ein Störungsbild, das so viele Menschen betrifft, und dies in zunehmendem Maß, erfährt, wenn man die gesamten Zahlen zugrunde legt, marginale Abhilfe. Hier tat sich die Fragestellung auf, inwieweit dies störungsbildimmanent bedingt ist oder unter Umständen an den Methoden liegt, die zu dessen Abhilfe herangezogen werden.

Eine Weiterung war das Bedenken, ob vielleicht nicht nur die hier aufgeführten Methoden eine Abhilfe unter Umständen sogar verhindern, sondern ob eine generell verfehlte Betrachtungsweise auf die Depression als solcher wirkliche Hilfeleistungen verstellt, und ob diese Frage dadurch bedingt wird, auf welches Menschenbild die Psychologie bzw. Psychotherapie zurückgreift. Um diese Gedanken zu diskutieren, wird zuerst die oben erwähnte Datenlage herangezogen und diskutiert. Ebenso wird der diagnostische, schulübergreifende Umgang mit Depressionen und ihre Klassifikation im Praxisalltag angesprochen.

Für die weiteren Erwägungen zur Depression im Folgenden ist es erheblich, ebenso eine Begriffsgeschichte zu versuchen und auf das Konzept der Melancholie zu verweisen.

Das Thema der Psychopharmakologie in Bezug auf das Störungsbild der Depression ist insofern relevant, als die philosophisch basierte Kritik hier vehement ansetzt.

Die erste Therapiemethode soll dann die kognitive Verhaltenstherapie sein. Ihre theoretische Grundlage im besonderen Bezug zum Störungsbild der Depression soll dargestellt und expliziert werden. Hier schließt sich eine erste Kritik im Positiven wie im Negativen in Hinblick auf diese Theorie an.

Als zweite Therapiemethode folgt dann die Psychoanalyse in ihrer historischen Entwicklung bzw. Theoriegeschichte in Hinblick auf die Depression und in ihrer praktischen Anwendung. Auch hier schließt sich eine analysierende Kritik in Pro und Contra an.

Das Ende, aber auch das Ziel, stellt der Versuch eines philosophischen Ansatzes zur Depression dar. Dieser Ansatz versucht sich auf Grund einer veränderten Perspektive auf das Subjekt Mensch dem Störungsbild der Depressionen effektiver zu nähern und möchte hiermit auch eine grundsätzliche Kritik am Menschenbild in Psychologie und Psychotherapie vermitteln.

Daraus sich inhaltlich ergebend soll eine partiell auf vorherige Kritik geantwortet habende, historisch jüngere Position in der Psychotherapie zu Worte kommen, die Klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie.

Fazit ist ein Epilog in Form eines Ausblicks auf Chancen und Möglichkeiten unter Hinzunahme außerpsychologischer bzw. außerpsychotherapeutischer Betrachtungsweisen, die aber dennoch im ursprünglichen, d.h. historischen Interesse beider Disziplinen standen und zukünftig auch wieder stehen könnten.

Angemerkt sei noch, dass auch schon im ersten Kapitel der Versuch kritischer Anmerkungen unternommen wird, welche im Fortlauf dann im Kapitel über den philosophischen Ansatz kulminieren sollen.

1. Zur Lage der Depression

Der Begriff Depression steht heute für die verschiedensten Facetten psychischen Leidens. In den 1940er Jahren galt die Depression dagegen lediglich als ein Symptom, das die meisten Geisteskrankheiten begleitet, und wurde weniger beachtet. 1970 war sie die am weitesten verbreitete Störung der Welt, und die Psychiater verzeichneten eine deutliche Zunahme von Depressiven unter ihren Patienten. Heute steht die Depression im Mittelpunkt des psychiatrischen Interesses, so wie vor 50 Jahren die Psychosen. Das ist ihr Erfolg in der Medizin. Und es war der Begriff Depression, der sich zu einem nützlichen Instrument wandelte, um zahlreiche Leiden zu bezeichnen und sie eventuell auch zu beheben. Darin liegt der Erfolg der Depression in der Gesellschaft.

Depressionen sind sehr häufig, sie sind die häufigste psychische Erkrankung überhaupt, gefolgt von den Angststörungen, die manchmal zusammen mit Depressionen auftreten können, und zählt zu den fünf häufigsten Erkrankungen des Menschen. Seit zwei Jahrzehnten nimmt die Häufigkeit der Diagnose Depression kontinuierlich zu[1]. Von der Weltgesundheitsorganisation wird geschätzt, dass die Depression im Jahr 2020 die zweithäufigste Erkrankung sein wird. Heutzutage leiden schätzungsweise weltweit 300 Millionen Menschen an Depressionen. In Deutschland sind das ungefähr 8 Millionen Menschen, wobei solche Zahlen mit Vorsicht zu benutzen sind, da die Dunkelziffer derjenigen Menschen, die nicht durch die Krankenkassen registriert werden, da sie keinen Arzt oder Therapeuten aufsuchen, enorm sein kann. So wird geschätzt, dass etwa nur 35 Prozent mit einer schweren Depression überhaupt behandelt werden. Die meisten depressiven Episoden verschwinden von allein. Ein Viertel wird jedoch chronisch. Um die 15 bis 30 Prozent aller Erwachsenen leiden einmal im Leben an einer mittelgradigen bzw. schweren Depression. Die Forschung spricht davon, dass 38 Prozent der an einer Major Depression leidenden Fälle genetische Ursachen haben.

Die Depression ist eine im Wesentlichen rezidivierende Erkrankung mit um vier Episoden bei der unipolaren und um sechs bei der bipolaren Störung. Mit dem Begriff der Episode wird zum Ausdruck gebracht, dass Depressionen die Tendenz haben, im Leben eines Menschen wiederholt aufzutreten und dass sie sich häufig mehrmals im Leben des Betreffenden manifestieren. Man benennt die Lebenszeitprävalenz für die typische depressive Episode mit 15 Prozent (Frauen 20-25 Prozent, Männer 7-12 Prozent[2]), für die Dysthymia mit 2-4 Prozent und für eine kurz dauernde, unter zwei Wochen bestehende, wiederkehrende depressive Störung mit 11 Prozent. Die Häufigkeit von Depressionen nimmt im Alter zu.

Depressive Störungen sind etwas, was die Menschen in zunehmendem Maße betrifft. Abgesehen von dem Leiden der Menschen verursachen diese Störungsbilder enorme Kosten im gesellschaftlichen Arbeits- und Gesundheitsbereich. Depressionen sind der zweithäufigste Grund für Berufsunfähigkeit (VDR[3], 2004). Außerdem bedeutet eine Depression ein erhöhtes Risiko für eine Herzkrankheit (kardiovaskuläre Erkrankung), und umgekehrt neigen Patienten mit einer solchen Herzkrankheit vermehrt zu einer depressiven Erkrankung.

Im Zunehmen begriffen sind besonders die psychogenen Depressionen, also diejenigen, die als umweltbedingt bezeichnet werden können. Hierfür können verschiedene Gründe angeführt werden, so etwa der zunehmende Druck am Arbeitsplatz, der drohende Stellenverlust sowie auch zu rasche Veränderungen in den Strukturen von Familie, Gesellschaft und Umwelt.

Die übrigen Depressionsformen sind über verschiedene Jahrzehnte etwa gleich häufig anzutreffen, so etwa diejenigen, die früher als endogen bezeichnet wurden und auf einer erblichen Disposition beruhen sollen, und die organisch bedingten Depressionsformen (die auf Grund einer körperlichen Erkrankung entstehen).

Anstatt von einem homogenen Krankheitsbild Depression auszugehen, muss man von einer heterogenen Gruppe depressiver Störungen sprechen. Sie reicht von depressiven Reaktionen auf belastende Lebensereignisse über chronische neurotische Depressionen und depressiv akzentuierte Persönlichkeitsstörungen bis hin zu psychotischen Melancholien und zu sekundären Depressionen, die mit schweren körperlichen Erkrankungen einhergehen. Es liegt also eine hohe Komplexität und Variabilität depressiver Erkrankungen vor, so dass eine multidimensionale Behandlungsform angezeigt wäre, was wohl in der Praxis vielerorts versucht wird, krankenkassentechnisch aber weiterhin schulbezogen abgerechnet werden soll.

Am Beginn des 21. Jahrhunderts stehen zahlreiche Behandlungsmethoden[4] der Depressionen zur Verfügung:

- Pharmakotherapien
- Psychotherapien[5]
- Elektrokonvulsionstherapie[6] (in Deutschland schwersten Fällen vorbehalten, wenn andere Therapien versagt haben (sic!))
- Lichttherapie (nur bei SAD = seasonal affective disorder = Winterdepression)
- Schlafentzugstherapie (eher eine Initial- als eine Dauertherapie)
- repetetive, transkranielle Magnetstimulation (zur Zeit noch experimentell)

Ich möchte hier noch mit einigen Worten auf die Elektrokonvulsionstherapie (EKT) eingehen. Die Verwendung von Elektrizität in der Medizin ist keineswegs eine Erfindung der Neuzeit. Diese Phänomene, als tierische Elektrizität und Reibungselektrizität bekannt, existierten schon im Altertum. Scribonius Largus[7] erwähnt die Schläge des Zitterrochens erstmals als Heilmittel in seinem Werk[8], das im Jahre 47 nach Christus erschien. Er hat diese Therapie eingesetzt gegen Kopfschmerzen. In späteren Jahrhunderten wurden die gleichen Phänomene beim Zitteraal beschrieben, der ein stärkeres elektrisches Organ aufweist als der Zitterrochen. Dass es sich bei diesen Phänomenen um elektrische Erscheinungen handelt, konnte erst im 18. Jahrhundert eindeutig nachgewiesen werden. Um die vorletzte Jahrhundertwende wurden von Neurologen und Psychiatern Elektrisier- und Faradisier-Apparate verwendet zur Behandlung von Neurosen und psychosomatischen Leiden. Mit dieser Art Elektrotherapie schienen manche Symptome heilbar zu sein. Auch Sigmund Freud soll anfänglich noch in seiner Praxis die Elektrotherapie durchgeführt, ihre Wirkung aber als suggestiv beurteilt haben[9]. Die eigentliche Elektrokonvulsivtherapie, besser bekannt als Elektroschock, wurde von Cerletti und Bini eingeführt: Dem Patienten wurden am Kopf Elektroden befestigt, und er erhielt während 1-5 Zehntel einer Sekunde 70-130 Volt verabreicht. Eine solche Behandlung wird etwa dreimal pro Woche angewendet bei einer Gesamtbehandlungszahl von 5-30mal. Die Autoren verwendeten diese Methode erstmals 1937 in Rom bei Schizophrenen. Der erste Bericht darüber wurde 1938 publiziert. Interessanterweise sagt Cerletti 1950: „Ja, meine Herren, den Menschen vom Elektroschock zu befreien, das war mein erster Gedanke, als ich ihn zum ersten Mal beim Menschen anwandte. (…) Wir arbeiten in der Hoffnung, Ihnen eines Tages sagen zu können: Meine Herren, der Elektroschock wird nicht mehr verwendet.“[10]

Die Elektrobehandlung wird besonders bei therapieresistenten (sic!) Depressionen und Katatonien (einer Form der Schizophrenie) verwendet. Vorübergehende Verwirrtheit und Gedächtnisverlust sind die hauptsächlichen – abgesehen von Schmerzen, die narkotisiert werden können, und Krämpfen – Nebenwirkungen.

Vielfältig sind die Heil- und Therapieangebote, indes die Ergebnisse muten mager an. Zahlen über Behandlungserfolge[11] schwanken je nach Einstellung der Statistiker zwischen 30 und 60 Prozent. Zudem sind die Behandlungserfolge, wenn vorhanden, wenig stabil. „50 Prozent der Patienten erleiden Rückfälle nach kürzeren psychotherapeutischen Behandlungen oder ihr Leiden geht in eine chronische Form über. Bei 20 bis 30 Prozent helfen Psychopharmaka nicht und ein Drittel der Patienten, die auf Antidepressiva reagieren, erleiden innerhalb eines Jahres einen Rückfall ( bzw. 75 Prozent innerhalb von fünf Jahren ).[12]

15 Prozent der Menschen, die an Depressionen leiden, suizidieren bzw. die Depression geht mit 4-5 Prozent Lebenszeit-Suizidmortalität einher. Die Zahl derer, die vor einer Suizidhandlung ärztliche Hilfe aufsuchen, ist recht hoch: Von denjenigen, die Suizid begangen haben, hatten 40 bis 50 Prozent innerhalb des letzten Monats, 20 bis 25 Prozent sogar eine Woche vor ihrer Selbsttötung (aus verschiedenen Gründen) einen Arzt, meist einen Nicht-Psychiater, aufgesucht. Das stützt die Annahme, dass ein Suizidversuch grundsätzlich als Hilfeschrei interpretiert werden muss. Die Zahl der Suizide ist weltweit größer als die Zahl der Kriegsopfer. Bei Männern ist der Suizid generell viel häufiger als bei Frauen. Die häufigste Risikogruppe sind Menschen, die an einer Depression leiden. Etwa 90 Prozent aller Menschen, die durch Suizid ums Leben kommen, leiden an einer psychischen Erkrankung. In erster Linie sind es depressive Menschen. Suizidalität und Depression, wenngleich oft zusammen gedacht, sind aber kein unzertrennliches Paar. Übrigens ist in diesem Zusammenhang zu bemerken, dass Psychiater auch Befürchtungen haben, Antidepressiva zu verschreiben, da diese hemmungslösend wirken, indem sie nicht nur die Stimmung aufhellen, und das zum Selbstmord führen kann. Normalerweise schützt sich das Subjekt durch die Hemmung vor der Angst, die aus einem innerpsychischen Konflikt resultiert.

Besonders suizidgefährdet sind die Menschen, die an einer manisch-depressiven Erkrankung leiden. Man geht davon aus, dass etwa 15 bis 19 Prozent der Betroffenen durch Suizid enden, d.h., das Risiko dieser Kranken, durch Suizid zu sterben, ist etwa 30mal größer als in der Durchschnittsbevölkerung.

Was fällt unter das Störungsbild der Depression? Einerseits emotionale Symptome, wie Traurigkeit, Niedergeschlagenheit, Angst, Empfinden von Leere, Reizbarkeit, Gefühllosigkeit. Aber auch kognitive Symptome, wie Grübeln, Pessimismus, Konzentrations- und Gedächtnisschwierigkeiten. Ebenso physiologisch-vegetative Symptome, wie Energielosigkeit, Schlafschwierigkeiten, Antriebslosigkeit, innere Unruhe, Appetitlosigkeit. Schließlich auch behaviorale bzw. motorische Symptome, wie allgemeine Verlangsamung und z.B. eine kraftlose Körperhaltung. Die sich auf vielfältige Weise äußernde gedrückte Stimmung ändert sich von Tag zu Tag wenig und reagiert nicht auf die jeweiligen Lebensumstände. Zudem können bisweilen Selbstverletzungen erfolgen (Borderliner). Resultat dieser nachhaltigen und zum Teil lange bestehenden depressiven Zustände ist ein andauerndes Erlöschen des Austausches mit der Außenwelt, das mit dem Verlust von Liebesfähigkeit und kreativem Schaffen einhergeht.

„Heute verstehen wir unter einer Depression eine primäre Störung der Affektivität, d.h. der Gestimmtheit eines Menschen, die anhand typischer Symptomatik mit einer gewissen Zeitstabilität und anhand eines typischen Verlaufsmusters diagnostizier- und beschreibbar ist.“[13]

Der depressiv Kranke leidet an Verlust-, Kränkungs- und Überforderungssituationen, und er betrachtet seine aktuelle Situation, aber auch seine Vergangenheit, seine Zukunftsperspektive und die eigene Person in depressiv-hoffnungsloser Weise. Als Antwort darauf bestimmen heute als therapeutisches Procedere biologische, psychodynamische und psychosoziale Überlegungen das Geschehen. Biologische Therapie geht von der Krankheit Depression und dem Wissen um neurobiologische Störungen im ZNS aus (Serotonin-Noradrenalin-Mangelhypothese). Psychotherapie geht von psychodynamischen, d.h. lebensgeschichtlich-biographischen und lerntheoretisch-kognitiven Modellen aus.

Was passiert in der Lebenspraxis? Auf Grund nachhaltiger Stimmungsverschlechterung suchen Menschen meist zunächst ihren Hausarzt auf (40-50 Prozent), wobei viele vielleicht fürchten, dass ihre schlechte Stimmungslage, gepaart mit körperlichen Anzeichen, eben auch rein körperliche Gründe haben könnte. Aber bis heute zeigen sich viele Menschen auch unwillig, von psychischen Störungen in ihrem eigenen Fall reden zu wollen. Der Hausarzt ist nun meistenfalls nicht spezialisiert auf psychische Störungen. Er verschreibt Gängiges[14]. Geht es so nicht wieder besser, wird der Patient zu einem medizinischen Kollegen geschickt, einem Neurologen oder Psychiater (30-40 Prozent). Der verschreibt in der Regel schnell und gern Psychopharmaka – und das Problem scheint erledigt. Nur 10-20 Prozent der depressiv Erkrankten suchen eine psychologische bzw. ärztliche Psychotherapie auf. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass 20-25 Prozent aller depressiv Erkrankten wegen der Schwere ihrer Erkrankung stationär vorwiegend (70-80 Prozent) in Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie behandelt werden. Das heißt entweder, die Menschen kommen erst so spät zu einem Therapeuten, was ein bestimmtes Licht auf die Vertrauens- Akzeptanzsituation der therapeutischen Behandlung wirft, oder das bestehende „ambulante“ Angebot reicht nicht aus und/ oder hilft nicht.

Schaut man auf die desolate Lage im psychotherapeutischen Bereich, d.h. bedenkt man, dass nur zwei der ungefähr 100 verschiedenen angebotenen Therapieformen von den Krankenkassen getragen werden und für diese Plätze lange Wartelisten existieren, versteht man auch, warum viele Menschen bei sich verschlechtert habendem Zustand die ambulanten psychologischen Kliniken aufsuchen, in denen Ihnen – mit der Begründung, dass die Depression ja schon sehr schwer sei – wieder Psychopharmaka verabreicht werden.

Die Kategorisierung der Patienten in ein Diagnostik-System[15] ist dem Wunsch zu verdanken, ein international vergleichbares System zu erreichen. Der an einer Depression leidende Mensch wird nun eingeteilt in eine unipolare Depression, d.h. er leidet an einer Major Depression (einzelne Episode oder rezidivierend) oder an einer Dysthymie, oder in eine bipolare Störung, welche eingeteilt wird in Form I (manische und depressive Episoden), Form II (hypomane und depressive Episoden) und in eine zyklothyme Störung (chronisch verlaufende Störung, weniger stark ausgeprägte Symptomatik in den Episoden).

Depressionsformen:

1. Manische Episoden zeichnen sich aus durch eine abnorme, anhaltend gehobene, expansive oder reizbare Stimmung von mindestens einer Woche Dauer sowie mindestens drei der folgenden Symptome gleichzeitig:

- gesteigertes Selbstwertgefühl
- Größenwahn
- vermindertes Schlafbedürfnis
- redseliger als gewöhnlich
- Drang, weiterzureden
- Ideenflucht, Gedankenjagen
- leichte Ablenkbarkeit
- Aktivitätssteigerung, Unruhe, Verhaltensexzesse, die unangenehme Folgen haben (Aufnahme von Krediten etc.)

Eine Manie ist viel schwerer zu behandeln als eine Depression, da die Betroffenen keine Krankheitseinsicht haben, sondern im Gegenteil sich ausgesprochen wohl und fit fühlen. Der Aspekt der Ab- bzw. Verleugnung ist ein zentraler Abwehrmechanismus der Manie. Der Umschlag vom Depressiven zum Manischen erklärt sich so, dass die depressiven Gefühle so unerträglich werden, dass kein anderer Weg mehr möglich erscheint als die Flucht in eine omnipotente, manische Position.

Lange nicht immer kommt es zu einem Vollbild der Manie. Nicht selten kommen hypomanische oder submanische Zustände vor, die weniger ausgeprägt sind, aber dennoch als krankhaft einzustufen sind. Die manisch-depressive Störung wurde früher manisch-depressives Irresein, später manisch-depressive Psychose genannt. Typischer Weise beginnt die manisch-depressive Störung in jungen Jahren: Die Ersterkrankung manifestiert sich in den meisten Fällen vor dem 30. Lebensjahr. Die depressiven Phasen treten meist häufiger auf als die manischen. Daher braucht es oft lange, bis die richtige Diagnose einer bipolaren Störung gestellt wird[16].

2. Depressive Episoden zeichnen sich aus durch mindestens fünf der folgenden Symptome, gleichzeitig während eines Zeitraumes von mindestens zwei Wochen (depressive Stimmung oder Interessenverlust muss darunter sein):

- depressive Verstimmung
- deutlich vermindertes Interesse oder Freude
- Gewichtszunahme/ -verlust
- Schlaflosigkeit
- Unruhe, Hemmung, Verlangsamung
- Müdigkeit, Energieverlust
- Wertlosigkeit, Schuld
- Konzentrationsprobleme
- Todeswunsch, Suizidideen[17]

Der Depressive, der sich mit dem verlorenen oder versagenden Objekt identifiziert, und der Maniker, der dessen Bedeutung verleugnet und omnipotente Objektkontrolle anstrebt, wehren beide mit Hilfe entwicklungspsychologisch früher Mechanismen die Zumutungen der depressiven Position ab.

3. In den 70ziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff der larvierten Depression vom Basler Psychiatrieprofessor Paul Kielholz geprägt. Unter einer larvierten oder maskierten Depression versteht man ein Zustandsbild, bei welchem das eigentliche depressive Element fehlt, d.h., das Leitsymptom der depressiven Verstimmung ist nicht oder nur ansatzweise feststellbar. Die typischen Störungen des depressiven Denkens fehlen, und die Kranken klagen über körperliche Symptome, wie zum Beispiel Herzklopfen, Herzstechen, Beengungsgefühl über dem Brustkorb, Schwung- und Kraftlosigkeit, Energieverlust, Schlafstörungen, Appetit- und Gewichtsverlust, Libido- und Potenzverlust. Schon etwa 40 Jahre früher wurde von somatisierter Depression gesprochen. Man verstand darunter aber eine endogene Depression, bei der körperliche Symptome im Vordergrund standen. In den modernen Klassifikationssystemen, ICD-10 und DSM-IV, wird die larvierte Depression nicht mehr aufgeführt.

Eine mögliche Ursache für die larvierte Depression könnte gesellschaftlicher Art sein: Noch immer wird ein körperliches, somatisches Leiden in der Gesellschaft eher akzeptiert als ein seelisches. Wenn jemand einen Unfall gehabt hat und beispielsweise sein Bein eingegipst ist, erhält er wesentlich mehr Zuwendung und Verständnis als jemand, der an einer seelischen Krankheit leidet.

4. Ebenso wird das Burn-out-Syndrom[18] im Zusammenhang mit Depressionen neuerdings erwähnt. Verschiedene Begriffe haben Ähnlichkeit mit dem Burnout, so etwa Betriebsneurose, Helfersyndrom, chronische nervöse Erschöpfung und Erschöpfungsdepression. In der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) ist Burnout unter Erschöpfungssyndrom zu finden. Der Begriff ist insofern nicht ganz korrekt, als das Durchbrennen ursprünglich auf Sicherungen und Stromleitungen angewendet wurde. Dieses Durchbrennen geschieht sofort, plötzlich und schnell, während es sich beim Burnout des Menschen jedoch um einen meist jahrelangen Prozess handelt. Man könnte sagen, dass über längere Zeit die Energieabgabe größer ist als der Energienachschub. Wenn die Kraftreserven des Menschen schwinden, kann es zu einem eigentlichen Erschöpfungszustand kommen, sogar zu einem depressiven Zustandsbild mit entsprechenden Suizidimpulsen. Oft sind Menschen betroffen, die zu hohe (und damit oft unrealistische) Erwartungen an sich und an ihren Berufserfolg stellen.

Hierzu eine allgemeine Definition von Burnout:

„Burnout ist ein Maßstab für die Diskrepanz zwischen dem Wesen eines Menschen und dem, was er in seiner Arbeit tun muss. Es stellt einen Verschleiß von Werten, Würde, Geist und Willen dar – einen Verschleiß der menschlichen Seele. Es ist eine Krankheit, die sich schrittweise und gleichmäßig über einen längeren Zeitraum hin ausbreitet und die Menschen in einen Teufelskreis bringt, aus dem es nur schwer ein Entrinnen gibt.“[19]

5. Diesem Störungsbild verwandt ist das Chronic-Fatigue-Syndrom. Es ist gekennzeichnet durch eine chronische Müdigkeit. Diese kann nicht durch andere Krankheiten erklärt werden und muss für die Dauer von mindestens sechs Monaten bestehen. Diese Müdigkeit bessert sich nicht durch ausreichende Ruhe und ausgiebiges Schlafen. Oft beginnt das Zustandsbild schlagartig und plötzlich, nicht selten nach einer länger dauernden Stresssituation. Von folgenden Symptomen sollten mindestens vier von acht vorliegen, um die Diagnose CFS stellen zu können[20]:

1. Störungen des Kurzzeitgedächtnisses und der Konzentration,
2. Halsschmerzen,
3. Empfindliche Achsellymphknoten,
4. Muskelschmerzen,
5. Schmerzen in verschiedenen Gelenken,
6. Kopfschmerzen einer Art, die dem Betreffenden bisher nicht bekannt sind,
7. Schlaf, der keine Erholung bringt,
8. Zustandsverschlechterung nach körperlicher Anstrengung[21].

Oft wird als Beginn der Krankheit eine Infektion genannt, ein Fieberzustand, eine Grippe oder eine andere Viruserkrankung, von der sich der Betreffende aber nie mehr ganz erholt. Die Krankheit chronifiziert, und die permanenten Ermüdungszustände stehen im Vordergrund und behindern den Kranken in einem Ausmaß, das zur Invalidisierung führen kann. Die Ursache für dieses Leiden ist unklar bzw. multifaktoriell. Es muss davon ausgegangen werden, dass diverse Gründe dazu führen, die Krankheit zum Ausbruch zu bringen. Es ist zum Beispiel bekannt, dass bei etwa 40 Prozent der Patienten ein verminderter Cortisol-Spiegel vorliegt. Dies könnte auf psychobiologische Prozesse als Ursache verweisen.

6. Zu guter Letzt soll noch die Postpartale Depression erwähnt werden. Depressionen können schon während der Schwangerschaft auftreten. In der Frühschwangerschaft hat etwa jede fünfte Frau Anzeichen einer Depression. Oft werden diese Symptome nicht erkannt und bleiben unbehandelt. Mit den depressiven Symptomen treten häufig auch ambivalente Gefühle auf gegenüber der Schwangerschaft. Die Schwangerschaft selbst kann ein Auslöser (Trigger) für eine Depression sein. Hormonelle und psychische Veränderungen können dafür mit verantwortlich sein. Nicht zuletzt, weil sich eine Depression in der Schwangerschaft auch auf das Ungeborene negativ auswirken kann, bedarf die betroffene Frau einer Behandlung.

Wie häufig kommt es nun vor, dass Frauen nach der Geburt in eine Depression verfallen? In diesem Zusammenhang unterscheidet man drei Störungen[22]:

1. Am häufigsten ist die kurzfristige Verstimmung, die sogenannten Heultage[23], die 3 bis 5 Tage nach der Geburt auftreten. Sie kommen bei 25 bis etwa 50 Prozent aller Wöchnerinnen vor. In dieser Zeit unterliegen die Mütter einem raschen Stimmungswechsel und zeichnen sich durch eine hohe Empfindlichkeit aus. Diese wird mit hormonalen Veränderungen in Zusammenhang gebracht. Es handelt sich um ein Stimmungstief, das jedoch nach wenigen Tagen wieder einer normalen Stimmung Platz macht. Diese kurzfristigen Verstimmungen brauchen keine Behandlung im engeren Sinne.

2. Seltener sind die behandlungsbedürftigen postpartalen Depressionen, die in den ersten Monaten nach der Geburt auftreten können. Diese betreffen immerhin 10 bis 15 Prozent der jungen Mütter. Die Depression selbst unterscheidet sich grundsätzlich nicht von anderen depressiven Zustandsbildern, doch ist zu beachten, dass hier häufig eine emotionale Labilität vorliegt und dass sich die Inhalte des depressiven Grübelns auf das Kind und das Muttersein beziehen. Entsprechend sehen auch die Schuldgefühle aus. Etwa ein Drittel dieser depressiven Mütter leidet unter Zwangsgedanken, welche die Schädigung des Kindes zum Inhalt haben. Dass viele dieser Mütter einen Eindruck von Gefühllosigkeit ihrem eigenen Kinde gegenüber verspüren, erschreckt sie und verstärkt die Schuldgefühle. Im Rahmen eines solchen depressiven Zustandsbildes können Gefühle von Zuneigung und Liebe gegenüber dem Säugling fehlen, es können sich sogar ablehnende oder feindselige Gefühle entwickeln. Beim Kind kann es schlimmstenfalls dann zu Verhaltensauffälligkeiten kommen, zu Entwicklungsstörungen im kognitiven Bereich, die unter Umständen bis ins Schulalter nachgewiesen werden können.

3. In den ersten Wochen nach der Geburt kommt es bei 1 bis 2 Promille der Frauen zu einer Psychose. Wenn eine solche Psychose ausbricht, geschieht es zumeist innerhalb der ersten beiden Wochen nach der Geburt. Eine Psychose ist gekennzeichnet durch Wahnvorstellungen und Halluzinationen, auch sogenannte Mischformen können vorkommen, die depressive und manische Komponenten aufweisen. Allerdings muss zur Kenntnis genommen werden, dass bei Frauen mit einer Wochenbettpsychose das Suizidrisiko im ersten Jahr nach der Geburt sieben Mal höher ist. Schwer depressive Mütter begnügen sich manchmal nicht mit einer Suizidhandlung, die nur sie betrifft, sondern es kann zu einem sogenannten Mitnahmesuizid (erweiterter Suizid) kommen.

Mütter, die nach der Geburt depressiv werden, haben häufig zu wenig soziale Unterstützung erhalten bzw. leben in einer problematischen Partnerbeziehung. Aber etwa ein Drittel aller Frauen, die postpartal an einer Depression erkranken, hat schon vor ihrer Schwangerschaft an einer psychischen Erkrankung gelitten.

7. Ergänzend sei noch die anaklitische Depression erwähnt. Unter gewissen Umständen können Säuglinge im ersten Lebensjahr dieser psychischen Krankheit erliegen. Ursache ist eine gestörte Entwicklung des Kindes in Bezug auf taktile Zuwendungen. Die Folge dieses Entzuges affektiver Zufuhr gegenüber Säuglingen bezeichnet man als anaklitische Depression, den totalen Entzug affektiver Zufuhr nennt man Hospitalismus.

Ein letzter Punkt spricht eine Komorbidität an, oder eigentlich auch nicht:

Ab den 1970er Jahren legt sich eine neue Gattung von Patienten auf die Couch der Psychoanalytiker. Diese Patienten machen ihnen erheblich zu schaffen, denn anders als etwa den Neurotikern gelingt es ihnen nicht, ihre Konflikte zu erkennen, sie sich zu vergegenwärtigen. Ihnen fehlt die Basis, ohne die man nur schwer eine Behandlung erfolgreich durchführen kann: die Schuld. Manchmal sind diese Patienten ängstlich, vor allem aber fühlen sie sich chronisch leer. Sie haben die größten Schwierigkeiten, etwas mit ihren quälenden Affekten anzufangen, da sie sie sich nicht bewusst machen. Ihre Repräsentationen sind dürftig, sie sind unfähig, ihre Leiden symbolisch auszudrücken: Sie sind die Gefangenen ihrer Stimmung. Diese neue Gattung hat einen Namen: Borderline-Störung, eine Störung, die an der Grenze liegt von verschiedenen Bereichen, etwas, was schwer zu bestimmen ist. Die Depression beherrscht ihr klinisches Bild.

Ein Wort noch zu Drogen bzw. Suchtmitteln und Depression. In den Ländern, in denen es eine hohe Selbstmordrate gibt, herrscht auch die höchste Rate für Alkoholismus. Dieser ist die wichtigste Manifestation der Depression bei Männern. Depressive Menschen haben wenig Fähigkeit, Frustrationen ertragen zu können. Alkoholismus und Abhängigkeit von Rauschmitteln oder Medikamenten dienen dazu, einen Ausgleich zu schaffen, und können daher als Form der Selbstmedikation der Depression betrachtet werden. Die Erfüllung durch die Sucht ist die Kehrseite der Leere der Depression.

Im Weiteren nun etwas zur Diagnostik. Hierzulande wird auf Grundlage der ICD-10 diagnostiziert. Daseinsbegründung für die ICD-10 wie für das DSM-IV ist, dass man eine Vereinheitlichung der Diagnoseerstellung erreichen wollte, was wohl hauptsächlich ökonomischem Denken geschuldet ist[24].

In der ICD-10 wird der ganze Bereich der Depression unter dem Oberbegriff affektive Störungen zusammengefasst. In neun Gruppen werden dort 53 Störungsbilder kodiert, die von der leichten depressiven Episode bis zur Manie mit psychotischen Symptomen reichen. Ein einheitliches klinisches Feld ist das sicher nicht. Die Kategorie der affektiven Störungen (F3) bildet in der ICD-10 einen Übergangsbereich zwischen der Schizophrenie (F2) und den neurotischen Störungen (F4), dessen taxinomische Zuordnung unklar ist.

Man kann die gegenwärtige Situation dahingehend zusammenfassen, dass die psychiatrische Krankheitslehre unter dem Begriff der affektiven Störungen ein weites Feld depressiver Syndrome umfasst, das keine klare nosologische Einordnung erlaubt. Zumal auch das Paradigma der modernen Schulmedizin, demzufolge Krankheiten isolierte Entitäten, Störungen bzw. nosologische Einheiten symptomatischer Dysfunktionen darstellen, die vom kranken Subjekt abstrahierend behandelt werden können, auf seelische Störungen nicht anwendbar ist.

Relevant für das Störungsbild der Depression ist also die Kategorie F für psychische Störungen, und hier F3x für affektive Störungen. Die Unterpunkte sind:

F30 Manische Episode

F31 Bipolare[25] affektive Störungen

F32 Depressive Episode

F33 Rezidivierende[26] depressive Störungen

F34 Anhaltende affektive Störungen

F34.0 Zyklothymia[27]

F34.1 Dysthymia[28]

F38 sonstige affektive Störungen

F39 nicht näher bezeichnete affektive Störungen

Nach diesen drei Stellen erfolgt nun ein Punkt (z.B. F33.x). Die Variable x steht als Platzhalter für den gegenwärtigen Schweregrad einer Depression → 0 = leicht/ 1 = mittelstark/ 2 = schwer.

Ein weiterer Platzhalter (F3x.xx) steht für das somatische Syndrom → 0 = ohne/ 1 = mit.

Im psychiatrischen Diskurs spricht man nur noch von der major depression (besonders im DSM-IV) und von depressiven Episoden. Damit möchte man die reichhaltige Phänomenologie der gedrückten Stimmungen und depressiven Erlebnisweisen (als endogene, exogene und reaktive) psychopathologisch auf beobachtbare Befunde reduzieren und als eine neuroendokrinologische Dysregulation erklären, etwa als Serotoninmangelsyndrom.

Der objektiv Kranke kommt mit seinem psychischen Problem zum Therapeuten, erfährt nach entsprechender Diagnostik Name und Nummer seiner Störung und darf nun erwarten, möglichst rasch, durch Anwendung eines wissenschaftlich geprüften, regelgeleiteten und insofern durchrationalisierten Verfahrens davon befreit zu werden. Das Interesse des Therapeuten muss dementsprechend nicht mehr dem leidenden Menschen gelten, sondern nur noch dessen Krankheit, die er zu beseitigen hat. Beide, Therapeut und Patient, sind als Subjekte völlig irrelant in diesem Setting.

Und wohl gemerkt: Man therapiert immer besser, aber man ist sich weder einig, was man behandelt, noch warum eine Therapie wirkt! Die Grenzen zwischen Depression und Traurigkeit, depressiver Krankheit und Angstzuständen, affektiver Psychose und Schizophrenie, rekurrenter Depression und Persönlichkeitsstörung sind völlig willkürlich und schlecht definiert. Dieses reale Chaos wird heutzutage lediglich kodifiziert und die faktische Verwirrung darob wird kaschiert. Depressive Zustände haben keine wirklichen spezifischen Merkmale, ihre Symptome sind von erstaunlicher Vielfalt; der Begriff Depression ist vage, er bezeichnet wenn nicht ein trauriges Gemüt, so doch wenigstens eine anormale Veränderung des Gemütszustandes, für die man keine physiologische Ursache gefunden hat. Die Depression ist die einzige psychische Störung, die derart heterogen und universell ist.

Um die notwendigen Informationen für die Diagnostik durch das ICD-10 (bzw. DSM-IV) zu erhalten, werden verschiedene diagnostische Fragebögen verwendet. Zuerst hier die strukturierten klinischen Interviews:

SKID Strukturiertes klinisches Interview für DSM-IV

DIPS Diagnostisches Interview bei psychischen Störungen (liegt auch in Form

von Mini DIPS und Kinder DIPS vor)

Außerdem kommt die Selbstbeurteilung durch Fragebögen zur Anwendung:

ADS Allgemeine Depressionsskala

BDI Beck-Depressions-Inventar

HAMD Hamilton Depressionsskala

Allen Fragebögen und Interviews ist gemein, dass sie kognitive, affektive, somatische und vegetative Symptome erfragen. Das Problem dabei ist nur, dass man – ganz im naturwissenschaftlichen Geiste und Sinne – ein Symptom gleichsetzt mit der Krankheit. Die Ätiologie wird aufgegeben.

Wesentliche Schlüsselfragen, die dem Patienten gestellt werden sollten, sind die folgenden[29]:

1. Können Sie sich noch freuen?
2. Wie steht es mit Ihrem Interesse, ist es noch wie früher?
3. Sind Sie weniger initiativ als noch vor Wochen oder Monaten?
4. Fühlen Sie sich tagsüber erschöpft, ohne Schwung?
5. Fühlen Sie sich nervös, innerlich gespannt, ängstlich?
6. Fällt es Ihnen schwer, Entscheidungen zu treffen?
7. Haben Sie Schlafstörungen?
8. Haben Sie Schmerzen, verspüren Sie einen Druck auf der Brust?
9. Haben Sie wenig Appetit, haben Sie an Gewicht verloren?
10. Haben Sie Schwierigkeiten in sexueller Hinsicht?
11. Neigen Sie in letzter Zeit vermehrt zum Grübeln?
12. Plagt Sie das Gefühl, Ihr Leben sei sinnlos geworden?

Mit einem schwer depressiven Patienten sollte dann über eine Einweisung in eine psychiatrische Klinik diskutiert werden, wenn mindestens einer der folgenden Risikofaktoren vorhanden ist:

1. Wenn der Patient allein lebt und/ oder keine Angehörigen hat,
2. wenn er deutlich suizidal ist und entsprechende Äußerungen gemacht und Impulse verspürt hat,
3. wenn die Depression ängstlich-agitiertes Gepräge hat (starke Unruhe),
4. wenn ein Patient auf eine begonnene Behandlung nicht rasch angesprochen hat,
5. wenn eine wahnhafte Depression vorliegt, wenn also Wahnsymptome vorhanden sind.

Noch ein Wort zu der Behandlung depressiv Erkrankter, unabhängig von der jeweiligen Schulausrichtung. Der depressiv Kranke ist rasch kränkbar, wobei die entstehende Wut dann nicht nach außen abgeführt bzw. interaktionell geklärt werden kann, sondern rasch zu Symptomentwicklung bzw. –verschlechterung führt, zu Rückzug. Zu Depressionen neigende Menschen sind stark beziehungsabhängig, so dass die Belastungen, die Anlässe, die mit einer depressiven Symptomatik beantwortet werden, überwiegend im Beziehungsbereich zu finden sind. Somit ist ein sensibler, empathischer Umgang mit depressiv Erkrankten nicht nur angezeigt, sondern Grundvoraussetzung für die Anbahnung einer erfolgsversprechenden therapeutischen Beziehung.[30]

Ein Therapeut muss (und ist es meist auch) in seiner Methode flexibel sein und sich der gegebenen depressiven Störung, der Persönlichkeit des Patienten, seinem Alter, seiner Lebenssituation und seinem kulturellen Hintergrund anpassen. Die Partei der therapeutischen Nichtwähler, die sich nicht auf eine einzige Grundorientierung festlegen lassen wollen, umfasst bis zu zwei Drittel aller Therapeuten.

Schulübergreifende Vorgehensweisen betonen den Vorteil, auf wenig erfolgreiche Interventionen durch rasche Methodenwechsel besonders flexibel reagieren zu können. In einer solchen sprunghaften Methodik können allerdings auch erhebliche Gefahren liegen. Es kann übersehen werden, dass die Ineffizienz einer Intervention an methodischen Fehlern der Problemanalyse und Therapieplanung liegt, dass Patienten nicht genug Zeit zur Aneignung von Anstößen gegeben wurde oder dass sie Anregungen erst mit Verzögerung nutzen können. Noch größer ist das Risiko, durch Methodenwechsel zu übersehen, wenn stagnierende Therapien an Problemen in der therapeutischen Beziehung liegen. Zu rasche Strategiewechsel sind daher kontraindiziert.

Parenthese I: Begriffsgeschichte – Von der Melancholie zur Depression

„Bei der Depression beziehungsweise der Melancholie gibt es zwar Parallelen hinsichtlich der auffälligen Antriebshemmung oder der Interesselosigkeit, die sowohl bei Depressionen als auch bei starken Trauerreaktionen feststellbar sind. Die Gefühlslage bei Depressiven ist jedoch von einem Leeregefühl gekennzeichnet, gepaart mit Selbstvorwürfen und Insuffizienzgefühlen.“[31]

Melancholie und Depression beschreiben zwei unterschiedliche Wahrnehmungsformen und Erfahrungsweisen anhaltender Niedergeschlagenheit. Anhaltende Angstzustände und Depressionen galten als Zeichen der Melancholie. Es wurde also zwischen dem wahrnehmbaren Zustand des Niedergeschlagenseins (άθυμειν, depressio) und der unsichtbaren Krankheit (μελαίνα χολή, melancholia) unterschieden. Die Depression benennt in diesem Kontext einen sichtbaren Zustand, der ein Zeichen, ein Symptom der unsichtbaren Krankheit ist. Im antiken Verständnis verhalten sich άθυμειν und μελαίνα χολή zueinander wie der Befund und die Diagnose oder, allgemeiner gesprochen, wie die Wirkung und ihre Ursache oder die Erscheinung und ihr Grund.

„Die Depression lässt sich als Verwerfung, als doppelte Verwerfung betrachten. So wird nicht nur das körperliche Begehren verworfen, sondern zugleich die Liebe, indem vorgegeben wird, nie geliebt und daher auch nie verloren zu haben. Dies unterscheidet sie von melancholischen Verarbeitungen, bei denen die Liebe nicht vollständig der Verleugnung verfallen ist, sondern im diffusen Gefühl eines Verlustes noch spürbar bleibt.“[32]

Der antike Begriff der Melancholie und der moderne der Depression markieren heute einen unterschiedlichen Sprachgebrauch zwischen den traditionsbewussten Geisteswissenschaftlern und den modernen Klinikern, denen der Begriff der Melancholie antiquiert erscheint.

Während der Begriff der Melancholie als psychiatrische Kategorie eine besonders ausgeprägte, schwere Form der Depression beschreibt, findet er in den Kulturwissenschaften eher Verwendung zur Bezeichnung einer Stimmungslage oder eines Lebensgefühls. Bisweilen wird sogar behauptet, Melancholie sei das Glück, unglücklich zu sein.

Seit den Zeiten der antiken Humoralpathologie der vier Körpersäfte (quattuor humores), die ihn geprägt hat, bezeichnet Melancholie etwas Gegensätzliches, insofern sie nicht nur für einen Zustand schwerer Gedankenleere, Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit steht, sondern auch als schwermütige Sehnsucht die Gemütsverfassung der Kreativen meint, sich zu besinnen, das heißt auch melancholisch zu sein.

Die Melancholie ist das einzige reflexive unter den vier Temperamenten. Denn wenn das sanguinische, cholerische oder phlegmatische Gemüt traditionellerweise ein (jeweils verschiedenes) Verhältnis zur Welt zum Ausdruck bringen sollte, dann dagegen das des Melancholikers wesentlich ein Verhältnis zu sich selbst: „Der zur Melancholie Gestimmte (…) gibt allen Dingen, die ihn selbst angehen, eine große Wichtigkeit“, konstatiert Kant in seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (A II, 2b).

Man kann zwei Bedeutungslinien der Genese des Topos der Melancholie auffinden: Die eine (a), medizinisch-defizitär, nimmt ihren Ausgang bei Hippokrates im 5. Jahrhundert v. Chr. Die zweite (b), aus der griechischen Philosophie herstammend, versteht Melancholie als innere Ausstattung von Genie, von großen, kritischen Geistern.

a)

Wenn sich auch bereits 2600 v. Chr. in sumerischen und ägyptischen Texten Syndrombeschreibungen schwerer Gemütsstörungen finden lassen[33], bringt doch erst Hippokrates die Krankheit auf den Begriff.

Die Entstehung des Wortes Melancholie (μελαγχολία) verweist in die antike griechische Medizingeschichte. Dort ist es vor ungefähr zweieinhalb Jahrtausenden geprägt worden und bedeutet wörtlich schwarze Galle, besser und genauer noch gesagt schwarzer Gallensaft. Zuerst erwähnt findet es sich im Corpus Hippocraticum in der Schrift Von der Natur des Menschen, welche Polybos, dem Schwiegersohn des Hippokrates, zugeschrieben wird.

Mit der Bezeichnung μελαγχολία ist dort und an anderen Stellen des Corpus Hippocraticum ein von der antiken Medizin angenommener Körpersaft (lat. humor) im Menschen gemeint, nicht ein Organ. Es wäre irreführend, würde man schwarze Galle mit unserem heutigen Verständnis der Galle als einem Organ identifizieren. Der schwarze Gallensaft der antiken Krankheitslehre von den humores (Körpersäften), der Humoralpathologie, stellte nämlich ein bloß hypothetisches Gebilde dar, dem letztlich, anders als bei den übrigen Körpersäften[34], jegliche somatische Grundlage fehlte.

Als medizinische Theorie war die Viersäftelehre vor allem darauf angelegt, das Rätsel von Gesundheit und Krankheit aufzulösen. Diese Erklärungskraft erwuchs ihr aus der Zuhilfenahme des pythagoreischen Harmoniegedankens zur empedokleischen Idee der Gemischtheit alles Materiellen. Die Gesundheit des Menschen, der als Ganzes durch die Mischung der vier den Elementen entsprechenden Körpersäfte bestimmt sei, resultierte demzufolge aus der Ausgewogenheit (Eukrasie) des Verhältnisses der humoralen Bestände, während Krankheit aus einem Ungleichgewicht (Dyskrasie) durch Vorwalten eines der Säfte begründet wurde. So heißt es im letzten Satz der medizingeschichtlichen Überlieferung über die Humores dementsprechend: „Wenn diese nicht mehr und nicht weniger als ausgeglichen vorkommen, steht der Mensch in voller Kraft.“[35]

[...]


[1] Für das Folgende: Hau, St./ Busch, H.-J./ Deserno, H. S. 7 ff.

[2] Bei Männern sind eher finanzielle Probleme depressionsauslösend, bei Frauen eher familiäre Probleme.

[3] Verband Deutscher Rentenversicherungsträger

[4] In Deutschland liegt das Schwergewicht auf den Pharmakotherapien und den Psychotherapien.

[5] Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie; Verhaltenstherapie bzw. kognitive Verhaltenstherapie; interpersonelle Psychotherapie; Familientherapie; Psychoedukation.

[6] Wird als die wirksamste Behandlungsmethode bezeichnet!

[7] Leibarzt des Kaisers Claudius

[8] Compositiones

[9] Haenel, T. (1982)

[10] Ehrenberg, Alain (2004), S. 80

[11] Hier muss gesehen werden, dass die von den Krankenkassen gelieferten Zahlen allesamt beendete Therapien betreffen. Über Abbrüche werden die Zahlen entweder nicht geführt oder nicht publiziert.

[12] Hau, St./ Busch, H.-J./ Deserno, H. S. 7

[13] Themenheft Depressionen (2001). Psychotherapie im Dialog, 2. Jhg. (4), S. 389.

[14] Baldrian, schlimmstenfalls Valium

[15] ICD-10 (national) oder DSM-IV (international)

[16] Im Durchschnitt etwa acht bis zehn Jahre!

[17] Hautzinger, M. (1998). Depression. Göttingen: Hogrefe.

[18] Interessanterweise wurde der Begriff Burnout erstmals in einer Erzählung von Graham Greene erwähnt, in der Belletristik also, und zwar 1961 (A burnt.out case). Später wurde Burnout in der amerikanischen Fachliteratur erstmals 1974 geprägt (von Freudenberger und Ginsburg).

[19] Maslach, C. & Leiter, M.P. (2001). Die Wahrheit über Burnout. Wien/New York: Springer.

[20] Info Neurologie und Psychiatrie Vol. 3, Nr. 4, S. 48-49.

[21] Man sieht hier schon, wie unbeholfen Diagnostik ist, wenn es um die Erfassung genereller psychischer Symptomatik geht. Nimmt man hier nur vier (2,3,4,6), dann hat man unter Umständen einen Fall von Grippe!

[22] Die Hebamme 16, S. 52-57.

[23] Auch Baby-Blues genannt.

[24] Interessanterweise existieren weiterhin große Unterschiede darin, aus welcher Perspektive man diagnostiziert. So kommen britische Psychologen zu anderen Ergebnissen als amerikanische, obwohl alle das DSM-IV benutzen. Die sooft beschworene Objektivität ist wie auch die anderen Gütekriterien ein sich selbst bestätigendes Konstrukt.

[25] Schwankend zwischen depressiver Niedergeschlagenheit und manischer Hochstimmung.

[26] wiederkehrend

[27] Bezeichnung für eine affektive Persönlichkeitsstörung mit instabiler Stimmungslage, die gekennzeichnet ist durch anhaltenden Wechsel zwischen leichter Depression und gehobener Stimmung.

[28] Länger anhaltende Schwermut, Melancholie

[29] Haenel, Thomas (2008), S. 21. Hier im Zusammenhang zur larvierten Depression erwähnt, dies trifft aber auf die Depression im allgemeinen zu.

[30] Man könnte vermeinen, dass eine solche Grundlage einer jeden therapeutischen Situation ist, unabhängig davon, welche psychische Störung zur Behandlung kommt. Die Alltagspraxis, welche aus den Erfahrungsberichten der Patienten erschlossen werden kann, spricht da nicht nur bisweilen eine andere Sprache.

[31] Hau, St./ Busch, H.-J./ Deserno, H. S. 48

[32] Hau, St./ Busch, H.-J./ Deserno, H. S. 138

[33] Menninger, K. (1963), S. 420.

[34] Außer der schwarzen Galle (melancholia) umfasste die Lehre noch die folgenden drei Körpersäfte, die im Gegensatz zu jener im menschlichen Leib immerhin vorhanden und nachweisbar waren: Blut (sanguis), Schleim (phlegma) und gelbe Galle (cholera).

[35] Migne PL, 40, 881 D

Ende der Leseprobe aus 88 Seiten

Details

Titel
Depression in theoretischer Perspektive von Psychotherapie und Philosophie
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Psychologie)
Note
2
Autor
Jahr
2010
Seiten
88
Katalognummer
V272486
ISBN (eBook)
9783656641155
ISBN (Buch)
9783656641131
Dateigröße
769 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
depression, perspektive, psychotherapie, philosophie
Arbeit zitieren
Roger Künkel (Autor), 2010, Depression in theoretischer Perspektive von Psychotherapie und Philosophie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272486

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