Das Konzept des Finanzmarkt-Kapitalismus, das auf Paul Windolf zurückgeht, zählt zu den soziologischen Konzepten, die eine Analyse des modernen Finanzmarktes vornehmen und ist neben dem Finanzmarkt Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Mit diesem Konzept wird eine zunehmende Einflussnahme des Finanzmarktes auf die Strukturen und Strategien der Unternehmen postuliert und in Zusammenhang mit einem grundlegenden Strukturwandel des Kapitalismus gebracht. Das Konzept diente in der Vergangenheit als Grundlage verschiedener Arbeiten, mit denen z.B. aufgezeigt wurde, dass der Finanzmarkt negative Auswirkungen auf das real-wirtschaftliche Wachstum hat (Deutschmann 2008), oder dass der Finanzmarkt bzw. das Finanzmarktregime nicht nur das Produktionsregime in Deutschland (Knade 2011), sondern unterschiedliche Produktionsregime weltweit überlagert hat (Beyer 2009). Diese Überlagerungen deuten darauf hin, dass der Finanzmarkt-Kapitalismus „in die bestehenden Institutionen der einzelnen Länder eingepasst wird“. Allerdings gibt es im Bezug auf das Konzept des Finanzmarkt-Kapitalismus auch kritische Stimmen, die sich entweder auf Teilaspekte des Konzeptes, wie z.B. den Zusammenhang zwischen Finanzmarkt-Kapitalismus und Innovationen, beziehen (Hirsch-Kreinsen 2011) oder aber das Konzept als Ganzes kritisieren (Faust/Bahnmüller/Fisecker 2011). So werden die Zusammenhangs- bzw. Wirkungserklärungen des Konzeptes teilweise als „vorschnell, zu pauschal, begrifflich unscharf und empirisch nicht belegt (sofern überhaupt als empirisch überprüfbare Aussagen formuliert)“ kritisiert (ebd.: 395). Entgegen dieser Kritik wird das Konzept, wie eben erwähnt, derzeit operationalisiert und empirisch geprüft. Die vorliegende Arbeit versteht sich als ein Beitrag zur Überprüfung der Aussagekraft und Genauigkeit der theoretischen Grundlagen des Finanzmarkt-Kapitalismus-Konzeptes, um den Wert des Konzeptes für die Soziologie zu prüfen. Somit soll es um die Erklärungen und Zusammenhänge gehen, die im Konzept des Finanzmarkt-Kapitalismus enthalten sind und nicht um die empirische Prüfbarkeit oder Evidenz des Finanzmarkt-Kapitalismus. Die zentrale Fragestellung der Arbeit lautet deshalb: Welche theoretischen Schwächen hat das Konzept des Finanzmarkt-Kapitalismus?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Grundlagen der Finanzwirtschaft und des Finanzmarkt
2. Akteure und Institutionen des Finanzmarktes
2.1. Der Finanzmarkt und die Kapitalverwender
2.1.1. Grundlegendes zum Kapitalverwender
2.1.2. Unternehmensfinanzierung
2.1.3. Investor-Relations
2.2. Der Finanzmarkt und die Intermediäre
2.2.1. Grundlegendes zu den Intermediären
2.2.2. Finanzintermediäre des Finanzmarktes
2.2.3. Informationsintermediäre des Finanzmarktes
2.3. Der Finanzmarkt und die Kapitalgeber
2.3.1. Grundlegendes zum Kapitalgeber
2.3.2. Kapitalgeber als Eigentümer und Gläubiger
2.3.3. Kapitalgeber als Käufer und Verkäufer von Wertpapieren
2.4. Zusammenfassung
3. Das Konzept des Finanzmarkt-Kapitalismus
3.1. Beschreibung des Konzeptes
3.1.1. Grundlegendes zum Finanzmarkt-Kapitalismus
3.1.2. Die Funktionsweise vom Finanzmarkt
3.1.3. Investment-Fonds als zentrale Akteure
3.1.4. Boundary-Roles und Transfermechanismen
3.2. Kritik am Konzept des Finanzmarkt-Kapitalismus
3.2.1. Grundlagen im Finanzmarkt-Kapitalismus
3.2.2. Kapitalverwender im Finanzmarkt-Kapitalismus
3.2.3. Intermediäre im Finanzmarkt-Kapitalismus
3.2.4. Kapitalgeber im Finanzmarkt-Kapitalismus
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, die theoretische Aussagekraft und Genauigkeit des Konzepts des „Finanzmarkt-Kapitalismus“ kritisch zu überprüfen, um dessen Wert für die soziologische Analyse zu bewerten. Dabei soll insbesondere untersucht werden, welche theoretischen Schwächen das Konzept aufweist, indem die zugrunde liegenden Annahmen den tatsächlichen Gegebenheiten der Finanzmärkte und Akteursbeziehungen gegenübergestellt werden.
- Analyse der Grundlagen der Finanzwirtschaft und ihrer Akteure.
- Darstellung der Funktionsweise und zentralen Mechanismen des Finanzmarkt-Kapitalismus.
- Identifikation theoretischer Schwächen des Konzepts anhand der Rollen von Kapitalverwendern, Intermediären und Kapitalgebern.
- Untersuchung der Machtverhältnisse und Kontrollmechanismen durch Investment-Fonds.
- Kritische Reflexion der Annahmen über Transparenz und Anonymität auf Finanzmärkten.
Auszug aus dem Buch
3.1.1. Grundlegendes zum Finanzmarkt-Kapitalismus
Mit seinem Finanzmarkt-Kapitalismus-Konzept (FMK-Konzept) geht Windolf davon aus, "dass der Kapitalismus während der vergangenen Jahrzehnte durch einen institutionellen Wandel transformiert wurde und dass sich ein neuer Typus von Kapitalismus entwickelt hat" (Windolf 2009: 189f). Dieser neue Typus von Kapitalismus, der grundsätzlich dadurch gekennzeichnet ist, dass der Finanzmarkt bzw. Investment-Fonds die Steuerung und Struktur von Unternehmen im zunehmenden Maße beeinflussen, wird von Windolf als Finanzmarkt-Kapitalismus bezeichnet (Windolf 2005a: 14).
Der Finanzmarkt-Kapitalismus hat seinen Ursprung in den USA (Windolf 2005a: 14) und ist "hierzulande relativ neu" (Windolf 2006: 1). Beim Finanzmarkt-Kapitalismus handelt es sich um ein Produktionsregime, das sich aufgrund seiner "spezifische[n] Konfiguration von ökonomischen Institutionen", von anderen Formen des Kapitalismus, wie z.B. dem organisierten Kapitalismus, unterscheidet (Windolf 2005b: 20ff). Zu diesen Institutionen gehören: "die Aktienmärkte; die Investment-Fonds; Analysten und Rating-Agenturen [sowie] Transfermechanismen" (ebd.: 20).
Im Gegensatz zum organisierten Kapitalismus ist das dominante Finanzierungsinstrument im Finanzmarkt-Kapitalismus "nicht der Kredit, sondern die Aktie" (ebd.: 23). Darüber hinaus werden die Beziehungen der Realökonomie mit dem Finanzmarkt nicht mehr durch „relational contracting“ zwischen Unternehmung und Hausbank sondern durch die Funktionsweise von Finanzmärkten geprägt (ebd.). „Die Kontrolle, die durch Finanzmärkte ausgeübt wird, ist abstrakt, anonym und sachlich, d.h. sie erscheint nicht als persönliche Abhängigkeit, sondern durch anonyme und globale Marktkräfte vermittelt“ (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Grundlagen der Finanzwirtschaft und des Finanzmarkt: Dieses Kapitel führt in die essenziellen Funktionen von Finanzmärkten ein, erläutert die Bedeutung von Kapitalallokation, Risikotransfer und Informationserzeugung und definiert die grundlegenden Teilmärkte wie Geld-, Kredit- und Kapitalmarkt.
2. Akteure und Institutionen des Finanzmarktes: Hier werden die Rollen und Verhaltensweisen der drei zentralen Akteursgruppen – Kapitalverwender (Unternehmen), Intermediäre (Banken, Investment-Fonds, Analysten) und Kapitalgeber (Anleger) – detailliert beschrieben und analysiert.
3. Das Konzept des Finanzmarkt-Kapitalismus: Dieses Kapitel stellt das spezifische Konzept nach Paul Windolf vor, beschreibt dessen theoretische Grundannahmen und unterzieht diese im Anschluss einer kritischen soziologischen Analyse auf Basis der zuvor erarbeiteten Grundlagen.
Schlüsselwörter
Finanzmarkt-Kapitalismus, Kapitalverwender, Kapitalgeber, Finanzintermediäre, Investment-Fonds, Aktiengesellschaft, Corporate Governance, Shareholder-Value, Finanzanalyse, Rating-Agenturen, Covenants, feindliche Übernahmen, Kapitalallokation, Risikotransformation, Institutionalisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit einer soziologischen Analyse des Konzepts des „Finanzmarkt-Kapitalismus“, wie es maßgeblich von Paul Windolf geprägt wurde, und hinterfragt dessen theoretische Genauigkeit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Interaktion zwischen Kapitalverwendern und Kapitalgebern, die Rolle von Finanzintermediären sowie die Auswirkungen der zunehmenden Dominanz von Aktien und Investment-Fonds auf die Unternehmenssteuerung.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: Welche theoretischen Schwächen hat das Konzept des Finanzmarkt-Kapitalismus, wenn man seine Annahmen an den realen Prozessen und Akteurskonstellationen auf den Finanzmärkten misst?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine deduktive Herangehensweise: Zunächst werden theoretische Grundlagen zur Finanzwirtschaft erarbeitet, gefolgt von einer Vorstellung des Konzepts und einer anschließenden kritischen Gegenüberstellung und Analyse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine fundierte Beschreibung der Akteure und Institutionen, eine detaillierte Erläuterung des Modells des Finanzmarkt-Kapitalismus und eine kritische Diskussion, in der Schwachstellen wie die Rolle von Fremdkapital oder die Annahme anonymer Kontrolle aufgedeckt werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Finanzmarkt-Kapitalismus, Investment-Fonds, Shareholder-Value, Kapitalallokation, Finanzintermediäre und Unternehmenssteuerung.
Wie bewertet der Autor die Rolle der Investment-Fonds?
Der Autor stellt heraus, dass Investment-Fonds als kollektive Akteure maßgeblichen Einfluss auf die Strategien von Unternehmen ausüben, jedoch in der theoretischen Literatur oft durch eine zu einseitige Darstellung ihrer Wirkungsweise (z.B. Vernachlässigung der Heterogenität) unterkomplex beschrieben werden.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen Eigen- und Fremdkapital eine so wichtige Rolle in der Kritik?
Die Arbeit zeigt, dass das Konzept des Finanzmarkt-Kapitalismus zu stark auf die Aktie als Kontrollinstrument fokussiert ist. Die Berücksichtigung von Fremdkapitalgebern und deren Kontrollrechten, etwa durch Covenants, offenbart wichtige theoretische Lücken in der Annahme der absoluten „Herrschaft“ der Aktionäre.
- Arbeit zitieren
- Andreas Filko (Autor:in), 2013, Finanzmarkt und Finanzmarkt-Kapitalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272531