„Als der Abend sich auf die verödete Stadt niedersenkte, schien sie ganz ein Feuermeer zu werden: es war so hell, dass man einen Brief lesen konnte. An 100 Orten mindestens stiegen die Flammen empor und wüteten sechs Tage lang. Was das Erdbeben verschont hatte, verzehrten sie. Versteinert von Schmerz starrten Tausende nach ihnen hin, indessen Weiber und Kinder alle Heiligen und Engel um Hilfe anflehten. Die Erde bebte zugleich immerfort, mehr oder weniger, oft eine Viertelstunde ununterbrochen.“
Diese verzweifelten Worte eines Zeitzeugen des verheerenden Erdbebens von Lissabon illustrieren in erschreckender Art und Weise die grausamen Ereignisse des 1. November 1755, welche Europa noch Jahrzehnte danach beschäftigten sollten. In den frühen Morgenstunden jenen Tages, welche man ausschließlich den Feierlichkeiten zum katholischen Hochfest Allerheiligen widmen wollte, bebte in der portugiesischen Hauptstadt die Erde. Und obwohl jener Erdstoß nur ein paar Minuten andauerte , waren die Folgen jedoch von solch katastrophalem Ausmaß, dass sie sich tief in das Erscheinungsbild Lissabons sowie dem kulturellen Gedächtnis Portugals und Europas einbrannten.
So berichteten Zeitzeugen, wie der bereits Beschriebende, von einer völlig in Trümmern liegenden Stadt, die Tausende von Einwohnern unter sich begrub. Die anschließende Flutwelle aus dem Rio Tejo überschwemmte den gesamten unteren Teil der Hauptstadt, worauf gegen Abend eine gewaltige Feuersbrunst erbarmungslos alles zerstörte, was bis dahin verschont geblieben war. Insgesamt gehen die Einschätzungen zu diesem Erdbeben, welches von fanatischen Geistlichen später als „Strafe des Himmels für die in Sünde verkommende Menschheit“ bezeichnet wurde, von 10.000 bis 60.000 Opfern aus.
Neben den erheblichen menschlichen Verlusten und Tragödien waren auch die materiellen von schockierendem Ausmaß. So fielen neben den zahllosen Privathäusern nicht nur der Königspalast Johann V. samt dessen sorgfältig aufgebauten kostbaren Bibliothek, das Operntheater, das Kastell São Jorge sowie das Archiv des Torre de Tombo mit seinen wertvollen historischen Dokumenten dieser Katastrophe zum Opfer, sondern auch hunderte Adelspaläste und zahlreiche Mönchs- und Nonnenklöster.
Insgesamt wurden fast 85 Prozent aller Gebäude Lissabons zerstört, darunter viele, die einst als stolze Repräsentanten portugiesischer Hoheitsgeschichte galten. Die Rede ist von den prunkvollen Bauten des nach König Manuel I. benannten manuelinischen Architektur
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Heinrich der Seefahrer: Der historische Wegbereiter
2.1 Alfons V. – „Der Afrikaner“
2.2 João II. – „Der Vollkommene“
3. Manuel I: Der namensgebende Initiator
3.1 Entdeckungen, Eroberungen und die Errichtung des Weltreichs
3.2 Die Auswirkungen der Entdeckungsfahrten
3.3 Das Hieronymuskloster als Hauptwerk der Manuelinik
4. Vasco da Gama: Der thematische Ideengeber
4.1 Der Seeweg nach Indien & das manuelinische Dekor
4.1.1 Die religiöse Symbolik
4.1.2 Die nautische Symbolik
4.1.3 Die Übersee-Symbolik
4.1.4 Die maritime Symbolik
4.1.5 Die Königssymbolik
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit das Goldene Zeitalter Portugals und seine historischen Etappen durch die Analyse der architektonischen Symbolik und Merkmale des Hieronymusklosters in Lissabon rekonstruiert werden können. Dabei liegt der Fokus auf der Verbindung zwischen dem historischen Wirken bedeutender Akteure und der Ausprägung des manuelinischen Architekturstils.
- Historische Vorbedingungen unter Heinrich dem Seefahrer, Alfons V. und João II.
- Die Regentschaft von Manuel I. als Initiator der Manuelinik
- Der Einfluss der Entdeckungsfahrten und der Expansion auf die Baukunst
- Vasco da Gama als thematischer Ideengeber und Vorbild
- Die Bedeutung der religiösen, nautischen und royalen Symbolik im Hieronymuskloster
Auszug aus dem Buch
4.1.2 Die nautische Symbolik
Vasco da Gama brach mit einer Besatzung von insgesamt 148 Mann von Lissabon auf, die auf drei Schiffen verteilt waren. Bei diesen handelte es sich nicht um Karavellen, mit denen einst Heinrich der Seefahrer segelte, sondern um einen neuen Schiffstyp namens Nau, welcher von João de Castilho über den ornamentierten Rundbögen des Kreuzganges bildhauerisch festgehalten wurde (Abb.10). An ihnen wird sichtbar, dass die Nau nunmehr drei Masten besaß, von denen der mittlere ein dreieckiges, lateinisches Segel hatte, während die anderen beiden mit je zwei Rundsegeln ausgestattet waren. Bedenkt man hinsichtlich der noch folgenden Ereignisse, dass die Portugiesen den Arabern und Einheimischen der neu entdeckten Gebiete vor allem in Sachen Schiffsbau und Schiffstechnik sowie in der Bestückung der Flotten mit Artillerie weit überlegen waren, wird deutlich, weshalb Manuel I. der portugiesischen Nautik in der Symbolik des Manuelismo ein Denkmal setzen lies.
Mit Blick auf die Historie können durch die Kunst, die im Grunde namenlosen plastischen Schiffe des Kreuzganges als jene realen Schiffe Vasco da Gamas gedeutet werden, welche im Jahr 1497 zunächst die Kapverden-Inseln Santiagos anliefen. Von dort aus segelten sie entlang der afrikanischen Westküste direkt nach Süden, änderten dann ihren Kurs nach Südwesten, um die Windstille im Golf von Guinea zu umgehen und erneut nach Südosten zur afrikanischen Küste zu gelangen. Die Träger der Rundbögen der Klosterkirche ahmen kunstvoll das Segeltuch besagter portugiesischer Schiffe nach, welche im November 1497 nach 90 Tagen ohne Landsichtung die Sankt Helena Bucht im heutigen Südafrika erreichten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die verheerenden Auswirkungen des Erdbebens von Lissabon 1755 und stellt das Hieronymuskloster als ein bedeutendes Bauwerk vor, das trotz der Katastrophe von der Blütezeit Portugals zeugt.
2. Heinrich der Seefahrer: Der historische Wegbereiter: Dieses Kapitel analysiert die Rolle von Heinrich dem Seefahrer und seinen Vorgängern João I., Alfons V. und João II. als strategische Wegbereiter der portugiesischen Expansion und Entdeckungsfahrten.
3. Manuel I: Der namensgebende Initiator: Hier wird die Regentschaft von Manuel I. untersucht, der als „der Glückliche“ die Früchte der Vorbereitungen seiner Vorgänger erntete und den nach ihm benannten Architekturstil förderte.
4. Vasco da Gama: Der thematische Ideengeber: Das Kapitel widmet sich Vasco da Gamas Rolle als Ideengeber für die manuelinische Kunst, wobei verschiedene Symboliken in der Architektur auf seine Entdeckungsfahrten und den damit verbundenen Reichtum verweisen.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Rekonstruktion der portugiesischen Blütezeit durch die Analyse der architektonischen Symbolik des Hieronymusklosters erfolgreich nachvollzogen werden kann.
Schlüsselwörter
Manuelinik, Manuelismo, Hieronymuskloster, Heinrich der Seefahrer, Vasco da Gama, Portugal, Entdeckungsfahrten, Architektur, Symbolik, Goldene Zeitalter, Lissabon, Expansion, Weltreich, Manuel I., Schifffahrt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Zusammenhang zwischen der historischen Blütezeit Portugals im 16. Jahrhundert und dem architektonischen Stil der Manuelinik, wie er am Hieronymuskloster in Lissabon sichtbar wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die historische Expansion Portugals, die Rolle bedeutender Persönlichkeiten wie Heinrich des Seefahrers und Vasco da Gama sowie die architektonische Umsetzung dieser Ereignisse in Steinmetzarbeiten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu überprüfen, inwieweit durch die Betrachtung der architektonischen Symbole eines einzigen Gebäudes – des Hieronymusklosters – die historischen Etappen des goldenen manuelinischen Zeitalters rekonstruiert werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine deskriptiv-analytische Methode angewandt, die sich auf Bildanalysen von Reliefs und architektonischen Elementen des Hieronymusklosters stützt, ergänzt durch eine Auswertung der historischen Literatur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt chronologisch die Voraussetzungen durch die Vorgänger Manuels I., die Regentschaft Manuels selbst sowie die verschiedenen Symbolik-Kategorien (religiös, nautisch, überseeisch, maritim und königlich) im Kontext der Reisen Vasco da Gamas.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Manuelinik, Hieronymuskloster, portugiesische Expansion, Entdeckungsfahrten und die Repräsentation von Macht durch Architektur.
Warum wird das Hieronymuskloster als "Hauptwerk der Manuelinik" bezeichnet?
Da es unmittelbar in der Regierungszeit Manuels I. entstand und die Macht sowie den Reichtum der portugiesischen Blütezeit in seiner überreich mit Symbolik behafteten Steinmetzkunst in besonderem Maße widerspiegelt.
Welche Rolle spielt Vasco da Gama für die architektonische Symbolik?
Als Entdecker des Seewegs nach Indien lieferte er durch seine Taten und die erworbenen Reichtümer die Motive für die manuelinische Kunst, etwa durch Abbildungen von Schiffen, nautischen Instrumenten oder exotischen Tieren und Pflanzen.
- Arbeit zitieren
- Albrecht Kober (Autor:in), 2013, Die historische Erinnerungskraft der Manuelinik anhand des Hieronymusklosters in Lissabon, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272558