Warum glaubt Wittgenstein, dass alles, was sich sinnvoll sagen lässt, auch möglich sein muss?

Eine Erläuterung anhand der Abbildtheorie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

21 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Was lässt sich nach Wittgenstein sinnvoll sagen?
1.1 Sinnvolle, sinnlose und unsinnige Sätze
1.2 Sprache und Welt
1.3 Logischer Atomismus
1.4 Namen und (einfache) Gegenstände
1.5 (Elementar-)Sätze und Sachverhalte

2. Abbildtheorie…
2.1 Logische Form…
2.2 Abbildende Beziehung

3. Beantwortung der Fragestellung

4. Literaturverzeichnis…

Siglen:

TLP: Tractatus logico-philosophicus (Wittgenstein, Ludwig)

Einleitung

Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus gilt als eines der einflussreichsten Werke der Philosophie des 20. Jahrhunderts. In diesem Werk behauptet Wittgenstein nichts Geringeres, als dass er die Probleme der Philosophie im Wesentlichen gelöst habe (TLP Vorwort). Die (Auf-)Lösung philosophischer Probleme sieht er in der Feststellung, dass philosophische Probleme gar keine echten Probleme sind, sondern nur so scheinen, als wären sie tatsächliche Probleme. Die Ursache dieser Scheinprobleme liegt nach Wittgenstein darin, dass die logische Form der Sprache, mittels derer man sich tatsächlich auf Dinge beziehen kann, durch die Alltagssprache verdeckt wird. Wenn nun die logische Form von der Sprache verdeckt wird, so besteht die Gefahr, dass man mit der Sprache über etwas sprechen kann, was keine Tatsache in der Welt ist, wie z.B. Gott, Freiheit oder die Unsterblichkeit der Seele. Die Rede von Dingen, die kein Bestandteil der Welt sind, nennt Wittgenstein unsinnig. Diese These beruht auf zwei zentralen Annahmen des TLP: Für Wittgenstein besteht zum einen die Bedeutung von Namen in ihrem Bezug zu Gegenständen und zum anderen stellen Sätze Sachverhalte dar. Sinn haben nach Wittgenstein einzig Sätze, genauer die Sätze der Naturwissenschaften. Er kommt daher im TLP zu dem radikalen Schluss, dass alle philosophischen Sätze unsinnig sind (Vgl. TLP 6.53). Wittgenstein versteht unter einem sinnvollen Satz einen Satz, der entweder wahr oder falsch sein kann. Die Wahrheit oder Falschheit eines Satzes hängt nun davon ab, was in der Welt der Fall ist. Wenn der im Satz ausgedrückte Sachverhalt tatsächlich in der Welt besteht, dann ist der Satz wahr, besteht der im Satz ausgedrückte Sachverhalt nicht in der Welt, dann ist der Satz falsch. Der Sinn von Sätzen besteht demnach in der Darstellung von möglichen Sachverhalten.

Diese Feststellung legt den interessanten Gedanken nahe, dass der Satz erst den Bereich eröffnet und zugleich absteckt, in dem mögliche Sachverhalte sein können.[1] Das Wesen oder der Sinn von Sätzen scheint hier den Bereich möglicher Sachverhalte zu bestimmen, also „den Spielraum, der den Tatsachen durch den Satz gelassen wird.“ (Vgl. TLP 4.463). Hieraus ergibt sich die Fragestellung dieser Arbeit:

Wittgenstein behauptet, dass alles, was sich sinnvoll sagen lässt, auch möglich ist. Warum glaubt er das? Wie folgt das aus der Abbildtheorie?

Zur Behandlung dieser Fragestellung werde ich in zwei Schritten vorgehen.

Im ersten Schritt werde ich erläutern, was sich nach Wittgenstein überhaupt sinnvoll sagen lässt. Hierzu betrachten wir relevante Begriffe wie Namen, einfache Gegenstände

(Elementar-)Sätze und Sachverhalte. Wir werden sehen, dass für ihn nur die Sätze sinnvoll sind, die einen möglichen Sachverhalt in der Welt darstellen. Es wird sich herausstellen, dass die Untersuchung der Darstellung möglicher Sachverhalte durch sinnvolle Sätze dasjenige ist, was bei der Beantwortung der Ausgangsfrage am besten hilft. Weiter wird sich zeigen, dass der Sinn eines Satzes darin liegt, dass er wahr oder falsch sein kann, d.h. der Sinn des Satzes liegt in der Darstellung möglicher Sachverhalte. Wie diese Darstellung möglich ist und was sie tatsächlich macht, werden wir im zweiten Schritt anhand der Abbildtheorie erläutern. Möglich ist die Darstellung durch die gemeinsame logische Form von Satz und Sachverhalt. Tatsächlich wird die Darstellung durch die abbildende Beziehung, die in einer Eins zu Eins Zuordnung der Elemente von Sätzen zu den Elementen von Sachverhalten besteht.

Probleme, die sich aus der Abbildtheorie ergeben sowie die Gründe, die letztlich dazu führten, dass Wittgenstein die Abbildtheorie aufgab, können im Rahmen dieser Arbeit nicht behandelt werden.

1. Was lässt sich nach Wittgenstein sinnvoll sagen?

1.1 Sinnvolle, sinnlose und unsinnige Sätze

Grundsätzlich unterscheidet Wittgenstein zwischen sinnvollen, sinnlosen und unsinnigen Sätzen.

Sinnvolle Sätze sind für ihn solche, die mögliche Sachverhalte der Welt darstellen können, d.h. Sätze, die entweder wahr oder falsch sein können. Beispiele für sinnvolle Sätze sind wahre Sätze wie „Die Bundesrepublik Deutschland hat 16 Bundesländer“ und falsche Sätze wie „Bei McDonald´s gibt es Kaninchenfleisch“. Bei sinnvollen Sätzen muss es also möglich sein, ihre Wahrheit oder Falschheit durch Überprüfung festzustellen. Die Möglichkeit der Überprüfung der Wahrheit oder Falschheit eines Satzes ist der Vergleich des von ihm dargestellten Sachverhalts mit den Tatsachen der Wirklichkeit (Vgl. TLP 4.05f): Stimmt der im Satz dargestellte Sachverhalt mit den Tatsachen der Welt überein, so ist er wahr, stimmt der von ihm behauptete Sachverhalt nicht mit den Tatsachen überein, so ist er falsch (Vgl. TLP 2.222). Der Sinn eines Satzes besteht also in der (möglichen) Angabe von Bedingungen, die den Satz wahr oder falsch machen. Diese Bedingungen nennt man Wahrheitsbedingungen. „Die Wahrheitsbedingungen bestimmen den Spielraum, der den Tatsachen durch den Satz gelassen wird.“ (TLP 4.463).

Im Gegensatz zu sinnvollen Sätzen, die entweder wahr oder falsch sein können, stehen sinnlose Sätze, die entweder immer wahr oder immer falsch sind (Vgl. TLP 4.461). Sätze, die immer wahr sind, nennt man Tautologien und Sätze, die immer falsch sind, Kontradiktionen. Ein Beispiel für eine Tautologie ist der Satz „Wenn die Sonne scheint, dann scheint die Sonne“ und ein Beispiel für eine Kontradiktion ist „Die Sonne scheint und die Sonne scheint nicht“. Tautologie und Kontradiktion stellen keinen möglichen Sachverhalt dar, also nichts, dass wahr oder falsch sein kann (Vgl. TLP 4.462).

Neben sinnlose Sätze stellt Wittgenstein unsinnige Sätze. Unsinnige Sätze besitzen weder die Möglichkeit wahr oder falsch zu sein noch sind sie immer wahr noch immer falsch. Während sinnvolle Sätze einen möglichen Sachverhalt darstellen, d.h. entweder wahr oder falsch sein können, und sinnlose Sätze entweder immer wahr oder immer falsch sind, haben unsinnige Sätze überhaupt keinen Bezug zu den Wahrheitswerten wahr oder falsch. Unsinnige Sätze beziehen sich weder auf einen möglichen Sachverhalt, noch auf einen notwendig gewissen Sachverhalt noch auf einen unmöglichen Sachverhalt: Unsinnige Sätze beziehen sich auf gar nichts, das man in Verbindung mit Sachverhalten bringen kann und deswegen sind sie gegenstandslos. Unsinnige Sätze sind für Wittgenstein alle Sätze der Philosophie, wie z.B. „Gott existiert“ (Vgl. TLP 6.53f).

1.2 Sprache und Welt

Wittgenstein trifft im TLP eine grundlegende Unterscheidung zwischen Sprache und Welt. Im Bereich der Sprache ist die kleinste mögliche, nicht weiter teilbare und analysierbare Einheit die der Namen. Die Namen können sich zu Elementarsätzen verbinden (Vgl. TLP 4.22f) und die Elementarsätze können sich wiederum zu komplexen Sätzen verbinden (Vgl. Tugendhat / Wolf 2007: 104-126). Im Bereich der Welt ist die kleinste mögliche Einheit die der (einfachen) Gegenstände. Diese einfachen Gegenstände können sich nun zu (bestehenden oder nicht bestehenden) Sachverhalten verbinden (Vgl. TLP 2.01). Wenn nun der Sachverhalt tatsächlich in der Welt besteht, dann spricht Wittgenstein von Tatsachen (Vgl. TLP 2). Wie Wittgenstein auf diese Annahmen kommt und was das bedeutet, das werden wir uns jetzt ansehen.

1.3 Logischer Atomismus

Eine Gemeinsamkeit von Sprache und Welt ist, dass beide aus zusammengesetzten Elementen bestehen. Z.B. ist der Satz „Stefanie schneidet Zwiebeln.“ aus den sprachlichen Elementen „Stefanie“, „schneidet“, „Zwiebeln“ und „.“ zusammengesetzt, genau so wie ein Stuhl aus den materiellen Elementen seiner vier Beine, seiner Lehne sowie seiner Sitzfläche zusammengesetzt ist. Dies ist der Grundgedanke des logischen Atomismus: (Sprachliche und materielle) Komplexe sind aus Teilen zusammengesetzt. Diese Komplexe lassen sich nun durch logische Analyse in ihre Bestandteile aufgliedern. Sowohl den Satz „Stefanie schneidet Zwiebeln.“ als auch den Gegenstand des Stuhles kann man durch logische Analyse in ihre Elemente zergliedern. Diese Elemente sind jedoch auch zusammengesetzt und können daher weiter in einfachere Elemente aufgegliedert werden. Z.B. kann das Element der Stuhllehne in einfachere Elemente zergliedert werden, nämlich in die Lehnfläche selbst, in die Stützen der Lehnfläche sowie in Schrauben etc. Das Element der Schraube kann seinerseits wiederum zergliedert werden in Schraubenkopf und Gewinde etc. Diesen Prozess der logischen Analyse kann man soweit fortsetzen, bis man auf einfache Elemente stößt, die nicht weiter analysiert und zerlegt werden können. Im Bereich der Sprache bezeichnet Wittgenstein diese nicht weiter zu analysierenden, grundlegenden Elemente als Namen und im Bereich der Welt sind diese fundamentalen Elemente einfache Gegenstände (Vgl. TLP 3.202, 2.02 u. 2.021).

1.4 Namen und (einfache) Gegenstände

Unter Namen versteht Wittgenstein einfache Zeichen (Vgl. TLP 3.202) mittels derer man sich sprachlich auf einfache Gegenstände beziehen kann. Wittgensteins Annahme, dass Namen Gegenstände bedeuten (Vgl. TLP 3.203), kommt dadurch zustande, dass Namen Gegenstände in Sätzen vertreten können (Vgl. TLP 3.22). Das können sie genau dann, wenn die Kombinationsmöglichkeiten der Namen in Sätzen den Kombinationsmöglichkeiten von (einfachen) Gegenständen in Sachverhalten entsprechen (Vgl. TLP 3.21). Auf diese Feststellung werden wir später zurückgreifen. Die Korrelation von Namen und einfachen Gegenständen kommt durch einen mentalen Akt einer Person zustande, indem sie willkürlich Namen und einfache Gegenstände in Beziehung setzt (Vgl. TLP 3.42 u. Hacker 1986: 73f). Wie diese Korrelation zwischen Namen und einfachen Gegenständen zustande kommt, interessiert Wittgenstein im TLP nicht, da dies Aufgabe der Psychologie sei (Vgl. TLP 4.1121). An dieser Stelle gilt es festzuhalten, dass wir es bei Namen und einfachen Gegenständen mit einer Eins zu Eins Korrelation zwischen Sprache und Welt zu tun haben.

[...]


[1] Es muss an dieser Stelle betont werden, dass Sätze im wörtlichen Sinn keinen Bereich „eröffnen“ oder „abstecken“. Diese beiden Ausdrücke beschreiben metaphorisch jedoch sehr gut den Eindruck, den man vom Verhältnis zwischen Sätzen und Sachverhalten bekommen kann, wenn man sich vor Augen hält, dass der Sinn von Sätzen die Darstellung möglicher Sachverhalte ist.

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Details

Titel
Warum glaubt Wittgenstein, dass alles, was sich sinnvoll sagen lässt, auch möglich sein muss?
Untertitel
Eine Erläuterung anhand der Abbildtheorie
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Autor
Jahr
2014
Seiten
21
Katalognummer
V272748
ISBN (eBook)
9783656650676
ISBN (Buch)
9783656650645
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
warum, wittgenstein, eine, erläuterung, abbildtheorie
Arbeit zitieren
Marcus Gießmann (Autor:in), 2014, Warum glaubt Wittgenstein, dass alles, was sich sinnvoll sagen lässt, auch möglich sein muss?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272748

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