Nachhaltigkeit, Regionalisierung und strategische Allianzen. Analyse von Erfolgsfaktoren und Übertragbarkeit des BRUCKER LAND - Modells


Diplomarbeit, 1998

214 Seiten, Note: 1


Leseprobe

1 INHALTSVERZEICHNIS

2 PROJEKT BRUCKER LAND
2.1 Idee und Ziele
2.2 Konzeption
2.3 Entstehung
2.4 Betrieb
2.5 Erfolge

3 AUSGANGSPRÄMISSE
3.1 Qualitative Bewertung
3.2 Kritikansätze

4 METHODIK
4.1 Methodenentwicklung
4.2 Methodenlegitimation
4.3 Schlüsselpersoneninterviews
4.3.1 Strukturierender Leitfaden
4.3.2 Multidimensional skaliertes Diagramm

5 ANALYSE MÖGLICHER WIRKUNGSFAKTOREN
5.1 Konzeption
5.2 Akteure
5.3 Betrieb
5.4 Menschliche Faktoren
5.5 Außenwirkung
5.6 Finanzierung
5.7 Produktpolitik
5.8 Bedingungen im Landkreis Fürstenfeldbruck
5.9 Externe Bedingungen

6 KRITISCHE FAKTOREN

7 AUSPRÄGUNG DER KRITISCHEN FAKTOREN IN DEN NACHBAR- LANDKREISEN DER LANDESHAUPTSTADT MÜNCHEN
7.1 Natürliche Bedingungen
7.2 Problemdruck im Landkreis
7.3 Identifikation der Bevölkerung mit der Region
7.4 Mitmachen der Bevölkerung
7.5 Anmerkungen

8 EXKURSE
8.1 Ring um München
8.2 Anregungen, Ideen, Empfehlungen
8.3 Weiterer Forschungsbedarf

9 ZUSAMMENFASSUNG
9.1 Fazit
9.2 Summary

10 QUELLENVERZEICHNIS

11 ANHANG

2 PROJEKT BRUCKER LAND

2.1 IDEE UND ZIELE

"BRUCKER LAND ist primär eine Philosophie der Verantwortung und der Solidarität - und die Produkte sind ihre Träger."2 Dies zeigt nicht zuletzt die Namensgebung des eingetragenen Vereins: 'BRUCKER LAND Solidargemeinschaft e.V.'. Diese Leitorientierungen beziehen sich vor allem auf die Art des Miteinander von Landwirtschaft, Handwerk und Verbraucher in der Region, implizit aber auch auf andere Lebewesen, auf Menschen anderer Regionen und auf zukünftige Generationen. Kurz: Es geht1 um 'nachhaltige Entwicklung'. In der Sprache vieler bei BRUCKER LAND engagierter Personen aus kirchlichen Kreisen läßt sich das übergeordnete Ziel als 'Bewahrung der Schöpfung' formulieren. Dazu gehört auch eine 'neue alte' Wertschätzung von Lebens-mitteln (nicht: von Nahrungs-mitteln!)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Differenzierte Teilziele dieser 'Meta-Ziele' formuliert die Satzung der BRUCKER LAND Solidargemeinschaft e.V.3:

- Sicherung von Arbeitsplätzen in Landwirtschaft, Bäckereien, Mühlen, Molkereien, Metzgereien, Brauereien und Gastronomiebetrieben.

12 BRUCKER LAND

- Vermeidung langer Transportwege, die viel Energie verbrauchen und Naturschäden mit sich bringen.
- Erhalt der bäuerlichen Landwirtschaft, der natürlichen Lebensräume und der gewachsenen Kulturlandschaft.
- Information der Verbraucher über die Herkunft der Nahrungsmittel und über ihre Produktionsmethoden.
- Erzeugung pflanzlicher und tierischer Produkte möglichst frei von schädlichen Rückständen.

IDEE UND ZIELE 13

- Sicherung und Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit als natürliche Ressource.
- Rückführung der Belastung von Grund- und Oberflächenwasser.

Die Zusammenhänge von Nachhaltigkeitsdimension und zeitlichem Horizont zeigt die Zielmatrix in Tab. 2.1.1, die im wesentlichen auf den Aussagen der befragten Schlüsselpersonen basiert. (Vgl. Interviewleitfaden, Fragen Nr. 8, 9, 10 - siehe Anhang)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 2.1.1

Im Zusammenhang mit den langfristigen Zielen sei auf die Ausführungen von Glöckler verwiesen, der die hohe Bedeutung einer Unternehmensvision bzw. sogar -mission für eine wirksame corporate identity herausstellt.1 Allerdings können “zu hoch gesteckte Ziele” nach den Ergebnissen einer Umfrage bei den verantwortlichen Personen verschiedener Regionalvermarktungsinitiativen auch ein Grund für Mißerfolg sein (8 der 29 antwortenden Personen stimmten dem zu).2

2.2 KONZEPTION

Das wesentliche Charakteristikum der BRUCKER LAND Konzeption besteht darin, daß landwirtschaftliche Rohprodukte von heimischen Bauern zentral zu fairen Preisen eingekauft werden, um sie weiter an das Handwerk zu verkaufen bzw. um die Verarbeitung, das Marketing und den Verkauf an Lebensmittelläden, Supermärkte und Getränkemärkte im Landkreis zu organisieren. Alle Produkte stammen aus ‘kontrolliertem Anbau’, der als Kompromiß zwischen konventionellem und ökologischem Landbau geschlossen wurde. Dieser zeichnet sich z.B. beim Hauptprodukt Getreide durch den Verzicht auf chemische Spritzmittel im Anbaujahr aus (vgl. auch Kap. 5.1.4). Für die Endverbraucher sind alle Produkte durch ein einheitliches Design (Logo) als BRUCKER LAND-Markenprodukte zu erkennen (sogenannte ‘Dachmarkenstrategie’ - vgl. Kap. 5.5.1).

Die Konzeption wurde im wesentlichen unter dem Dach der ‘BRUCKER LAND Solidargemeinschaft e.V.’1 entwickelt, die im April 1994 gegründet wurde. Die Mitglieder des Vereins sind je drei Personen aus den fünf sogenannten 'Säulen' Landwirtschaft, Verarbeiter, Verbraucher, (Laien-)Kirche und Umweltverbände. Dies bedeutet, daß stets fünfzehn Personen stimmberechtigte Vollmitglieder der Solidargemeinschaft sind. Diese werden bestimmt für:

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Durch diese Konstruktion ist eine permanente Stimmenmehrheit der nichtwirtschaftlichen Mitglieder gewährleistet, wodurch ein Abdriften zu reinökonomischen Selbstzwecken verhindert werden könnte.

Daneben werden für jede Säule drei weitere nicht-stimmberechtigte Vertreter in den sog. 'Beirat' (Satzung § 8) entsandt. Diesem gehören darüberhinaus je ein Vertreter des Landkreises Fürstenfeldbruck und des Amtes für Landwirtschaft und Ernährung Fürstenfeldbruck an.

Als wirtschaftlich handlungsfähiges Organ agiert die ‘BRUCKER LAND GmbH’. Die juristische Form der GmbH wurde aufgrund ihrer höheren Flexibilität im Vergleich zur Genossenschaft1 gewählt. Sie wurde im April 1995 mit Unterzeichnung des Gesellschaftervertrags gegründet. Weitere Kerndokumente des umfangreichen Vertragswerks sind die Nutzungsvereinbarung für die Kollektivmarke, die Geschäftsordnung für den GmbH Beirat und die Gesellschaftervereinbarung.

Unter ihrem Dach werden das Tagesgeschäft, Buchhaltung, die ‘Regaleinsätze’, die Kapitalbeteiligungen, Anbau-, Liefer- und Abnahmeverträge, Nutzungsrechte des Markennamens, die Einführung neuer Produkte, Management, Bestellannahme sowie alle Finanztransaktionen geregelt. Diese Arbeiten werden von einem hauptamtlichen Betriebsleiter geplant und koordiniert. Dank dem Entgegenkommen des Amtes für Landwirtschaft steht der GmbH dort ein eigenes Büro zur Verfügung.

Die Gesellschafter der GmbH sind die jeweiligen Erzeugergemeinschaften für Getreide, Milch und Honig sowie die Solidargemeinschaft e.V.. Weitere Gesellschafter sind mit Ausbau der Produktpalette möglich.

Auch die GmbH hat einen Beirat, der mit sehr weitreichenden Kontroll-Kompetenzen ausgestattet ist - ähnlich einem Aufsichtsrat im Aktienrecht. In ihm sind die Kreissparkasse, der Bayerische Bauernverband (Kreisebene Fürstenfeldbruck) und die Solidargemeinschaft e.V. vertreten. Wichtiges Merkmal dabei ist das Vetorecht der Solidargemeinschaft e.V., mit der ein Abdriften der GmbH zu rein ökonomischen Selbstzwecken verhindert werden könnte.

Die wesentlichen Teile der Rahmenkonzeption zeigt Abb. 2.2.1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.3 ENTSTEHUNG

Der Aufbau von BRUCKER LAND war und ist ein höchst dynamischer Prozeß, der unmöglich in seinen Einzelheiten nachgezeichnet werden kann. Als wesentliche Elemente eines Projekt-Rahmenplans1 können jedoch folgende strategische Schritte definiert werden.

- Kontaktaufnahme mit potentiellen Partnern, Vertrauensbildung
- Abstimmung eines konsensfähigen Konzeptes
- Analyse der Realisierungsfähigkeit des Konzeptes
- Aufbau von Strukturen, Institutionalisierung, Klärung von Kompetenzen
- Einleitung von Umsetzungsmaßnahmen
- Monitoring und evtl. Konzeptanpassung
- Ausweitung der Aktivitäten

Die Meilensteine in der Entstehung von BRUCKER LAND:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.4 BETRIEB

Die täglichen produktbezogenen Aktivitäten von BRUCKER LAND beginnen mit dem Einsammeln der Rohprodukte bei den Landwirten, sofern diese ihre Erzeugnisse nicht an zentrale Lager anliefern. Dazu stehen einige geleaste Fahrzeuge zur Verfügung, die akkurat geplante Routen abfahren. Die Milch wird von Fahrzeugen der Molkerei Scheitz abgeholt. Für die Lagerung der Rohprodukte stehen angemietete Kapazitäten mit Kühlzelle zur Verfügung. Das Getreide muß in Dachau und Aichach gemahlen werden, weil im Landkreis Fürstenfeldbruck dazu keine au]sreichenden Möglichkeiten mehr bestehen. Bis 1996 konnte die Milch noch in der letzten Molkerei im Landkreis Fürstenfeldbruck (Mammendorf) zu Käse verarbeitet werden, die in Lizenz der Andechser Molkerei Scheitz arbeitete. Nach deren Schließung mußte die Produktion in das Scheitz-Stammwerk im Landkreis Starnberg verlagert werden. BRUCKER LAND Kartoffeln werden in Malching abgepackt, wo auch die Nudeln hergestellt werden; das BRUCKER LAND Bier wird in Maisach gebraut. Als zusätzliche Verarbeitungsmöglichkeit soll 1998 ein neuer Schlachthof die Arbeit aufnehmen und damit die Produktschiene Fleisch- und Wurstwaren ermöglichen.

Weiterzuverarbeitende Produkte werden an das Handwerk (v.a. Mehl an die beteiligten Bäcker) verkauft, verzehrsfertige Produkte an die End- Verkaufsstellen geliefert. Dazu werden von der BRUCKER LAND GmbH vorab regelmäßig Bestellungen eingeholt. All diese Tätigkeiten werden von Arbeitskräften erledigt, die aus der Landwirtschaft stammen. Mittlerweile sind auf diese Weise 20 Arbeitsplätze - überwiegend in Teilzeit - entstanden, die finanziell aus den Erlösen der GmbH getragen werden können.

Letztlich gelangen die BRUCKER LAND Produkte zu den Endverbrauchern, die dafür einen leicht höheren Preis als für konventionelle Produkte vergleichbarer Qualität bezahlen. Einige Beispiele empfohlener Verkaufspreise in DM (Stand Juni 1997):

Großabnehmer sind Kantinen, das Kreis-krankenhaus und Gastronomiebetriebe.

Ein entscheidender Teil des laufenden Betriebs ist auch die ständige

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 2.4.1

Quelle: BRUCKER LAND Gmbh

Öffentlichkeitsarbeit. Da die Lokalpresse sehr wohlwollend zu BRUCKER LAND steht, ist auf diesem Wege eine Grundversorgung der Bevölkerung mit Informationen gewährleistet. Dazu muß aber ein hohes Maß an Aktionswerbung kommen, die überwiegend in Form sogenannte 'Regaleinsätze' geschieht. Dabei wird - auch in Ermangelung großer Werbeetats - mit viel Kreativität und ehrenamtlichem Einsatz gearbeitet. Landwirte und freiwillige Förderer stehen dabei direkt an den Verkaufsstellen, z.B. im Supermarkt, Rede und Antwort für die Verbraucher. Durch diesen direkten Kontakt wird die Produzenten-Konsumenten-Beziehung bewußt gemacht und gestärkt.

2.5 ERFOLGE

Der bisher am deutlichsten sichtbare Erfolg von BRUCKER LAND ist die mittlerweile sehr breite Produktpalette. Sie reicht von Brot, Semmeln über Milch, zwei verschiedene Käsesorten, Kartoffeln, Nudeln, Hartweizengrieß, diverse Gemüsearten, Apfelsaft und Honig bis zum Bier. Der Bekanntheitsgrad der BRUCKER LAND Produkte im Landkreis Fürstenfeldbruck liegt bei über 90 Prozent1, der Monatsumsatz der GmbH bei ca. DM 160.000. Zu den Erfolgen gehören auch die bereits erwähnten 20 neu geschaffenen Teilzeit-Arbeitsplätze.

Im Jahr 1996 wurden ca. 1.300 t Getreide auf fast 300 ha Vertragsanbaufläche geerntet, 5.000 Pfund Honig produziert und 475.000 l Milch erzeugt, wovon 170.300 l zu 21,5 t Käse verarbeitet wurden.

Produktionsdaten:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 2.5.1

Nahezu alle Landkreisbäcker (22 Betriebe) mit insgesamt 76 Verkaufsfilialen verarbeiten BRUCKER LAND Mehl nach den vertraglich geregelten Produktionsrichtlinien. Sieben große Bäckereien haben sogar ihr gesamtes Brotsortiment umgestellt. Auch in 27 Metzgereien können BRUCKER LAND Produkte erworben werden. Abbildung 2.5.2 zeigt die örtliche Verteilung der Verkaufsstellen.

Als besonderer Erfolg von BRUCKER LAND gilt die Öffnung aller im Landkreis ansässigen Großhandelsunternehmen, namentlich Tengelmann (9 Filialen), AEZ (regionale Handelskette, 4 Filialen), HL (4), Neukauf (4), Katra (3), Edeka (3), REWE (3), Spar (2), Minimal (2), REWE-Nahkauf (2). Dort wird BRUCKER LAND mittlerweile sehr geschätzt aufgrund seiner professionellen Arbeit hinsichtlich Marketing, Logistik und Produktqualität sowie selbstverständlich aufgrund der deutlichen Absatzzahlen. Bei Milch erreicht BRUCKER LAND in einigen Märkten einen Marktanteil von 15 Prozent, bei Brot sogar bis zu 30 Prozent.1 So stellt auch die Lokalpresse fest: "BRUCKER LAND hat sich fest am Markt etabliert."2

Auch ökologische Auswirkungen sind bereits eindeutig festzustellen. So werden aufgrund von BRUCKER LAND jährlich mindestens 5.000 l Fahrzeugtreibstoff eingespart, was einer Schadstoff-Entlastung von 11.6 t CO2 und 1,1 t NOx entspricht. Auch eine Verringerung des Einsatzes von 1.700 l Pflanzenschutzmitteln und Wachstumsregler sowie von mehreren Dezitonnen synthetischer Düngemittel sind BRUCKER LAND gutzuschreiben.3

Nach übereinstimmenden Aussagen der BRUCKER LAND Akteure wäre es vermessen, mit dem bisher Erreichten unzufrieden zu sein. Dennoch wird selbstverständlich weiter daran gearbeitet über weitere Schritte den übergeordneten Zielen näherzukommen. Dazu gehört langfristig die Wiedererrichtung von Verarbeitungsstrukturen wie einer Klein-Molkerei u.a. Zur Vervollständigung der Produktpalette sind Fleisch, Milchprodukte, weitere Gemüsearten, Eier, Holz und Holzprodukte im Gespräch. Es existieren auch bereits Planungen für nach- wachsende Rohstoffe wie Raps und Holzhackschnitzel. Konkret ist auch die Errichtung einer Futtermittelbörse geplant, um die landkreiseigene Futterbeschaf- fung zu erleichtern.

Einige gesellschaftliche Gruppierungen beklagen, daß BRUCKER LAND den Umstieg auf den ökologischen Landbau noch nicht erreicht habe. Da dies jedoch nicht Teil des internen Konsenses ist, kann dies derzeit nicht realisiert werden. Im September 1997 begann BRUCKER LAND mit einem zusätzlichen Öko-Brot den Aufbau einer eigenen ‘Öko-Schiene’. Die Reaktion der Verbraucher wird zeigen, ob auch diese Produkte nachgefragt werden.

Als Indiz für den Erfolg sind sicherlich auch die ungezählten Anfragen aus anderen Regionen bezüglich einer möglichen Übertragbarkeit des BRUCKER LAND Modells zu werten. Unzweifelhaft fungiert also BRUCKER LAND vielerorts als Vorbild und regt dort zu tiefgreifenden Diskussionen an.

Aus diesen kurz skizzierten Fakten wird die Einschätzung der, im Rahmen der vorliegenden Diplomarbeit befragten, Schlüsselpersonen zu Erfolg bzw. Mißerfolg von BRUCKER LAND verständlich. 23 von insgesamt 24 dazu befragten Schlüsselpersonen attestieren BRUCKER LAND eine der zwei höchsten Erfolgskategorien (siehe Abb. 2.5.1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2.5.2

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle:BRUCKER LAND GmbH

3 AUSGANGSPRÄMISSE

Wissenschaft ist kein Selbstzweck. Sie muß sich jederzeit auch vor einem ethischen Hintergrund rechtfertigen können, besonders um sich nicht ungewollt in den Dienst einer unverantwortbaren Sache zu stellen. Wie Dörner1 eindrucksvoll aufzeigt, bergen oftmals gut gemeinte Maßnahmen die Gefahr, unerwünschte Nebeneffekte zu zeitigen oder gar kontraproduktiv zu wirken. Die Ursachen dafür liegen in den meisten Fällen in der Unkenntnis von Rahmenbedingungen, in falschen Prämissen, in der Dynamik, Intransparenz und in der Komplexität eines Systems. Nachhaltige Entwicklung ist zweifellos eine enorm komplexe Thematik. Sie wird hier im Sinne der Definition des Wuppertal Instituts2 (siehe Kapitel 1.3.3) als normative ‘Meta’- Prämisse akzeptiert.

Zu überprüfen bleibt also, ob die darauf basierende ‘Sub’-Prämisse (BRUCKER LAND Modell = nachhaltig) überhaupt haltbar ist bzw. ob es eine nachhaltige Entwicklung möglicherweise sogar behindern könnte. Dieser Anspruch stößt auf prinzipielle Probleme:

- Eine wünschenswerte ex-post Evaluation der Effekte von BRUCKER LAND ist schon deshalb wenig sinnvoll, weil dieses Projekt erst seit drei Jahren existiert. Gerade die übergeordneten Ziele wie z.B. die Veränderung des öffentlichen Bewußtseins können aber nur sehr langfristig erreicht werden.

- Eine Evaluation dürfte den status quo nicht mit dem status ante vergleichen, sondern mit dem theoretischen status quo, der bei Fortführung des früheren Trends heute zu vermuten wäre. Es ginge also um die spekulative Frage: "Was wäre ohne BRUCKER LAND geschehen?"

- Keine der tatsächlich feststellbaren Veränderungen sind monokausal auf BRUCKER LAND zurückzuführen.

- Die Arbeit mit einer bedürfnisorientierten Definition von 'nachhaltiger Entwicklung' verlangt nach einer Objektivierung des 'Bedürfnisbegriffes’. Dieser ist aber "von sozialen und kulturellen Vereinbarungen und Standards abhängig."3 Suffizienz ist nur im gesellschaftlichen Diskurs, nicht jedoch wissenschaftlich festzulegen.

- Aufgrund der konsequenten Ganzheitlichkeit von "nachhaltiger Entwicklung" kann dieser Ansatz nicht hinreichend operationalisiert, geschweige denn verifiziert werden. Mit empirischer Eindeutigkeit kann nachhaltige Entwicklung höchstens falsifiziert werden.

Aus den genannten Gründen lautet deshalb die zu prüfende Ausgangsprämisse: “BRUCKER LAND ist tendenziell mit einer nachhaltigen Entwicklung vereinbar.”

Die Richtigkeit dieser Prämisse kann im vorgegebenen Rahmen nur anhand von Plausibilitätsüberlegungen und qualitativen Bewertungen geprüft werden, jeweils überwiegend in Form von kritischen Auseinandersetzung mit denkbaren Vorwürfen.

3.1 QUALITATIVE BEWERTUNG

Zur Kausal-‘Verwandtschaft’ von Regionalisierung und Nachhaltigkeit

"Die Dezentralisierung der Entscheidungsfindung, ... ist der Schlüssel zur Umsetzung nachhaltiger Bewirtschaftungsstrategien."1 Dieses Zitat aus der Agenda 21 spiegelt die Tatsache wider, daß Regionalisierung in wichtigen Aspekten a priori nachhaltigkeits-fördernde Züge aufweist. So ist "Dezentralisierung in sozialer und politischer Hinsicht als wichtige Strategie anzusehen, um direktere, überschaubarere Beziehungen und unmittelbarere Erfahrungen zu ermöglichen."2 Direktere Ursache- Wirkung-Feedbacks sind aber die Voraussetzung für einen verantwortungsvolleren Umgang mit der Mit-Welt. Regionalisierung wirkt grundsätzlich auch risikomindernd, weil die in einer und aus einer Region heraus realisierbaren Handlungen stets reversiblere Effekte als zentrale Groß-’Lösungen’ (z.B. Kernkraft)3 bewirken. Für Regionalisierung sprechen auch thermodynamische Überlegungen, weil Diversität (im Gegensatz zum monopolisierten Weltmarkt) die sicherste Antwort auf die "partielle Unvorhersagbarkeit unserer Welt und Umwelt" ist.4

Bezug zur Agenda 21:

Eine Strategie, die beansprucht, eine nachhaltige Entwicklung zu fördern, muß mindestens auch wesentliche Ziele der Agenda 215 unterstützen. In diesem Kontext weist BRUCKER LAND Zielübereinstimmungen besonders mit folgenden Kapiteln der Agenda 21 auf:

- 4 Veränderung der Konsumgewohnheiten
- 9 Schutz der Erdatmosphäre
- 10 Integrierter Ansatz für die Planung und Bewirtschaftung der Bodenressourcen
- 14 Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft und ländlichen Entwicklung - 32 Stärkung der Rolle der Bauern

Die Einschätzung der Schlüsselpersonen:

Trotz der prinzipiellen Unmöglichkeit einer Vollevaluierung ist es wichtig, Trends zu erkennen, denn “Mißerfolge oder Teilmißerfolge kommen in der Regel nicht plötzlich zustande, sondern zeichnen sich über längere Zeit ab.”1 Dazu wurde in den Interviewleitfaden (siehe Anhang - Frage 13) eine entsprechende Frage aufgenommen: "Welche konkreten positiven oder negativen Auswirkungen hatte BRUCKER LAND bisher?" Die Antworten lauten (nach sinngemäßer Kategorisierung) in der Reihenfolge der Nennungshäufigkeit:

Positive Auswirkungen:

- Hohe Akzeptanz der Produkte (v.a. Milch und Brot), zufriedene Kunden, breite Zustimmung, breite Produktpalette, hohe Produktqualität
- Kontakte zu den Kunden, höheres Bewußtsein für die Herkunft von Lebens- mitteln, Bewußtsein um Zusammenhänge, Identifikation, einsetzendes Um- denken auch bei den Landwirten, wieder Bezug zur Region und zur Umwelt
- Stärkung der Region und kleiner Betriebe (v.a. Bäcker), Einkommens- sicherung bei den landwirtschaftlichen Betrieben (incl. der Erlöse aus Dienstleistungen), Schaffung neuer Arbeitsplätze
- Bekanntheitsgrad über 90 %, Medienpräsenz, PR-Arbeit, überregionale Bekanntheit, “es zieht Kreise”
- 1300 t Getreide pro Jahr, weniger Spritzmittel, Pestizide, Transporte, Emissionen, Energieverbrauch (vgl. Quantifizierung in Kap. 2.5) - Listung in den Supermärkten
- GmbH trägt sich selbst, Umsatzhöhe, kostendeckende Arbeit
- Vernetzung verschiedenster Gruppen, Solidaritätsbotschaft, Zuversicht (auch in anderen Regionen), Beweis der gemeinsamen Handlungsfähigkeit

Negative Auswirkungen:

- Polarisierung der Landwirte, Neider, “... eine ganze Reihe von Bauern fühlt sich indirekt diskriminiert”, Konkurrenz unter den Landwirten
- “unfaire Kritik von Bund Naturschutz und z.T. von den Grünen”, “überzogene Forderungen”, “Gegner, die man von vorneherein erwarten konnte”
- “bisher keine negativen Auswirkungen feststellbar”
- “Sachzwänge und Pragmatismus haben viel vom Öko-Gedanken gekappt”
- 'Me-too'-Effekte, “manche wollen's halt nur mitnehmen, weil's 'in' ist.”

3.2 KRITIKANSÄTZE

Regionalisierung ist volkswirtschaftlich ineffizient

Das Regionalisierungsprinzip steht auch in der Kritik; es verspiele, so die Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg, Effizienzpotentiale: “Eine stärkere Regionalorientierung führt ... zu einer geringeren Arbeitsteilung zwischen den Regionen. Damit können komparative Standortvorteile nicht mehr wahrgenommen werden, es kommt zu einer sinkenden Produktion und einem geringeren Einkommen. Durch den Ausfall anderer Anbieter auf dem regionalen Markt wird die Wettbewerbsintensität geringer. Dies bedeutet wiederum weniger Arbeitsplätze und eine geschwächte regionale Wirtschaftskraft.”1

Unter neoliberalen Prämissen ist diese Kritik durchaus berechtigt, weil sie aus der systeminternen Logik ökonomischer Wertneutralität entspringt. Diese ist allerdings mit dem durch willentliche Entscheidung zu akzeptierenden Konzept der nach- haltigen Entwicklung (im Sinne der Brundtland- oder Wuppertal-Definition) unvereinbar.

Ein sehr prinzipielles Gegenargument liegt in einer ganzheitlichen Auffassung des Effizienzbegriffes, der sowohl materielle als auch immaterielle Kosten und besonders Folgekosten berücksichtigt. Vor diesem Hintergrund argumentiert Haccius: “Was in der gewerblichen Wirtschaft sinnvoll sein mag - arbeitsteilig und in größeren Einheiten zu produzieren - stößt in der Landwirtschaft auf natürliche Grenzen. Bodenleben, Pflanzen und Tiere haben naturbedingte Ansprüche Die Folgen treten heute offen zutage:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ausgelaugte Böden, g e s c h ä d i g t e Pflanzenbestände, gequälte

Nutztiere und nicht zuletzt Landwirte, die in ihrem Beruf Sinn und Erfüllung nicht mehr finden.”2

Um Mißverständnissen vorzubeugen, sei betont, daß eine Regionalisierungsstrategie nicht die völlige Autarkie in jedem Wirtschaftssektor anstrebt. Es geht “nicht gegen Globalisierung, sondern um die Bedienung jenes spezifischen Marktsegmentes, das von globalisierten Unternehmen nicht abgedeckt werden kann”1, bzw. das gerade durch die Globalisierung erst frei wird.

BRUCKER LAND stabilisiert nicht-nachhaltige Strukturen

Eine ebenfalls von Dörner2 beschriebene Gefahr von Verbesserungsmaßnahmen besteht im “strukturstabilisierenden Effekt”. Dabei werden zwar schnelle Verbesserungen auf direktem Wege erreicht, dies aber um den Preis der Verunmöglichung der vollen Zielerreichung. Reales Beispiel ist die Einführung des Katalysators in PKWs. Dessen Effekte sind durch die absolute Zunahme des Straßenverkehrs bereits überkompensiert; gleichzeitig ist aber ein Argument gegen den motorisierten Individualverkehr (Schadstoffemissionen pro Fahrzeug) weggefallen.3

Im Kontext von BRUCKER LAND könnte dies bedeuten: “Der kontrollierte Anbau ist eine Sackgasse, da die notwendigen Maßnahmen zur Betriebsumstellung nicht getroffen werden."4 (siehe dazu auch unten). Sollte sich ein Landwirt durch BRUCKER LAND tatsächlich ermutigt fühlen z.B. in neue Groß-Stallbauen zu investieren, bestünde darin ein erhebliches Extensivierungshindernis, weil diese langfristige Festlegung des Kapitals eine möglichst hohe Auslastung des Investitionsobjekts erforderlich macht.5 Zur Vorsicht mahnen auch die empirischen Ergebnisse einer Untersuchung von Hensche, die nachweisen, daß gerade “gering qualifizierte Leiter kleinerer (landwirtschaftlicher; R.B.) Betriebe” vertragliche Vereinbarungen mit Marktpartnern scheuen.6 Es darf aber nicht nur die agrare Bildungselite von BRUCKER LAND profitieren. Konkret wird diesen Gefahren dadurch begegnet, daß auch unter Inkaufnahme eines höheren logistischen Aufwands die Roherzeugnisse von verschiedenen Landwirten bezogen werden, obwohl einige wenige Großbetriebe die Gesamtmenge problemlos liefern könnten.

Ähnlich ist mit dem Vorwurf umzugehen, daß BRUCKER LAND eines seiner ursprünglichen Ziele, die Schaffung von Einkaufsmöglichkeiten auf den Dörfern, aufgegeben habe. In der Tat setzt BRUCKER LAND auf den Vertrieb über Handwerksbetriebe und den Lebensmitteleinzelhandel statt auf eigene dezentrale Vertriebsstrukturen. Jedoch wird die Aufrechterhaltung der Versorgung mit Grundnahrungsmitteln in Peripherräumen indirekt über die Stärkung von Handwerksbetrieben auch in den Dörfern angestrebt, die fast das gesamte BRUCKER LAND Sortiment anbieten.

Ein weiteres wichtiges Bewertungskriterium in diesem Zusammenhang ist "das Ausmaß, in dem ganz andere Ziele bzw. Konzepte nicht behindert werden"1 Diesbezüglich müßte der Frage nachgegangen werden, ob bzw. inwieweit BRUCKER LAND Produkte Kaufkraftkapazitäten von Produkten aus rein ökologischem Anbau verdrängen. Denkbar wäre aber andererseits sogar, daß die durch BRUCKER LAND (mit-)bewirkte Sensibilisierung der Öffentlichkeit den nach AGÖL2 -Kriterien produzierten Lebensmitteln aus ‘rein’-ökologischem Anbau zugute kommt. Diese Frage kann nicht abschließend geklärt werden und bedarf weiterer Untersuchungen.

Der kontrollierte Anbau ist nur eine halbe Sache

Obwohl die ökosystemare Not- wendigkeit zur flächendeckenden Umstellung auf den ökologischen Landbau außer Frage steht,3 und obwohl die meisten Initiatoren von BRUCKER LAND dem ökologischen Landbau positiv gegen-überstehen (vgl. Kap. 5.1.4), ist er kein konstitutives Element von BRUCKER LAND. Dies hat besonders von Seiten des Bund Naturschutz deutliche Kritik eingebracht.

Die beabsichtigten Effekte können aber nur erreicht werden, wenn es gelingt, relevante Mengen abzusetzen. Denn es erscheint in der Summe effek-tiver, auf

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

möglichst vielen Feldern deutlich naturnäher zu wirtschaf-ten, als auf wenigen Feldern völlig ökologisch. Diese Optimie-rungsüberlegung zeigt Abbildung 3.2.1 schematisch.

Da sich jedoch die Einstellungen und Rahmenbedingungen sowohl nachfrage- als auch anbieterseitig ändern können, sollte BRUCKER LAND ein regelmäßiges Zielcontrolling1 durchführen, um Chancen auf eine weitere Ökologisie-rung der Anbaumethoden zu nutzen (graphisch: “wenn sich die rote Linie verschiebt”).

BRUCKER LAND mißachtet die Grenzen des Wachstums2

BRUCKER LAND versucht, seine Marktanteile auszuweiten, mehr Verbraucher zu erreichen, kurz: zu wachsen. Allerdings meint Herman E. Daly mit gutem Grund “The term ‘sustainable growth’ should be rejected as a bad oxymoron.”3 Es geht bei BRUCKER LAND aber nicht um Wachstum per se, sondern darum, jenes Umsatzsegment einzunehmen, das bisher von ‘globally sourcing’ Nahrungsmittelkonzernen besetzt ist. Dies ist nicht gleichbedeutend mit einem absoluten Summenwachstum, sondern mit einer Umschichtung von Marktanteilen.

Regionalisierung ist versteckter Protektionismus

Ein Kritikansatz an stärkerer Regionalorientierung von Produktions- und Konsumstrukturen postuliert einen Zielkonflikt mit der “verstärkten Öffnung der Märkte für Produkte aus Entwicklungs- oder Schwellenländer.”4 Auch hierin liegt eine Teilwahrheit, die nicht achtlos übergangen werden kann. Kaum ein Produkt von BRUCKER LAND konkurriert allerdings mit Erzeugnissen aus Entwicklungsländern. Auf jene Produkte, die durch Dritte-Welt-Importe substituierbar wären (z.B. Getreide aus Argentinien), trifft jedoch die Problematik des ‘cash-crops’ Anbaus zu, dessen Effekt zur Versorgung der eigenen Bevölkerung gegen Null geht. Im Gegenteil strebt BRUCKER LAND die Unabhängigkeit der Landkreisbauern von Futtermittelimporten (besonders Soja) durch die Etablierung einer eigenen Futtermittelmischung aus ausschließlich heimischen Pflanzen an. Die einschlägigen Zusammenhänge werden hier als bekannt vorausgesetzt.

Fazit:

Nach Sauerborn und Peters "kann dann von einem Potential für nachhaltige Entwicklung gesprochen werden, wenn sich Entwicklungsschancen in einem Handlungsfeld abzeichnen, bei denen positive ökonomische Trends mit positiven ökologischen Auswirkungen und positiven sozialen Effekten einhergehen können Als Minimalforderungen muß hier gelten, daß die Nutzung eines Nachhaltigkeitspotentials zu Verbesserungen in mindestens einer Dimension führen muß, ohne daß es dabei in den anderen Dimensionen zu Verschlechterungen kommt"1 und - so die Ergänzung des Autors - ohne daß nicht-nachhaltige Strukturen stabilisiert werden.

In diesem Sinne und nach obiger Diskussion kann also postuliert werden:

"BRUCKER LAND ist tendenziell mit einer nachhaltigen Entwicklung vereinbar."

Die Formulierung ‘tendenziell vereinbar’ besagt, daß BRUCKER LAND zwar in die richtige Richtung weist, daß es aber eines sehr sorgfältigen Monitorings bedarf, das Informationen für eine regelmäßige Zielkontrolle liefert, bei der die Ziele selbst ebenfalls überprüft und gegebenenfalls verschärft werden müssen.2 Denn "Sustainable development ist ein kontinuierlicher Suchprozeß."3

4 METHODIK

Obwohl Aufgabenbewältigung im Sinne der angewandten Geographie eigentlich "ein Prozeß ist ... mit dem man 'nie' fertig wird"1, gehört zur Methodik einer wissenschaftlichen Arbeit eine Rahmenplanung des Gesamt-Vorgehens. Die zeitliche und inhaltlich-logische Konzeption zeigt Abbildung 4.1.

4.1 METHODENENTWICKLUNG

Die Methodik einer wissenschaftlichen Arbeit ist grundsätzlich eine Funktion ihrer Fragestellung (vgl. Kap. 1.2). Sie wurde in vorliegendem Fall stufenweise ‘retrognostisch’ entwickelt. Denn die Bearbeitung der Haupt-Frage nach der Übertragbarkeit des BRUCKER LAND Modells setzt die Beantwortung einer voranzustellenden Frage voraus, welche selbst ebenfalls wieder auf einem zuvor zu erarbeitenden Teilergebnis basiert usw. Diese Vorgehensweise, die ein hohes Maß an Systematik, Zielsicherheit und Effizienz sicherstellen soll, wird in Abb. 4.1.1 graphisch rekapituliert:

Daraus wird ersichtlich, daß vier Dimensionen der Wirkungsfaktoren von Interesse sind:

- Bedeutung für den Erfolg
- Beeinflußbarkeit
- Grad der Raumspezifität
- Ausprägung in den Nachbarlandkreisen der Landeshaupstadt München

Die Synopse der verschiedenen Dimensionen zeigt folgendes Schema

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 4.1.1

Die Behandlung der verschiedenen Dimensionen erfordert auch unterschiedliche Methoden. So wird besonders die Dimension ï (Ausprägung in den Nachbarlandkreisen) operationalisiert und - soweit möglich - quantitativ bearbeitet. Eine Annäherung an die Dimension î (Raumspezifität) kann durch Plausibilitätsüberlegungen geschehen. Die Dimensionen ì und í verlangen jedoch sowohl nachvollziehbares Expertenwissens (Literaturrecherche) als auch die Berücksichtigung subjektiver Wahrnehmung der Vor-Ort-Akteure, um handlungs- relevant werden zu können.

Daher soll ein adäquater Methodenmix angewandt werden, der eine "Konvergenz quantitativer und qualitativer Ansätze"1 ermöglicht.

4.2 METHODENLEGITIMATION

Wie bereits dargelegt wurde, erscheint ein klassisches Vorgehen nach den Regeln des logischen Empirismus in manchen Phasen nicht sinnvoll, weshalb dort ein qualitatives, hermeneutisches Verfahren bevorzugt wird. Derartige Methoden waren und sind jedoch immer wieder mit Vorwürfen konfrontiert, wonach sie lediglich “opportunistische Plauderei”, “methodologische Anarchie”, “impressionistische Deskription mit postmodernistischer Beliebigkeit” u.ä. seien2. Aus diesem Grund sollen im folgenden wichtige wissenschaftstheoretische Aspekte apologetisch diskutiert werden.

Der logische Empirismus beansprucht die objektive Erkenntnis von Tatsachen anhand von Erfahrungen und bietet dazu "die Überprüfung von theoretischen Annahmen (Hypothesen) durch Induktion"1 an. Allerdings wird immanenterweise durch die in der Hypothese vorgenommene Problemdefinition die Realität auf ihre fallspezifisch-interessierenden Ausschnitte eingeengt. Dies kann bei einigen der vorliegenden Fragestellungen nicht problemadäquat sein.

Zudem hat das - bei im Vorfeld geführten explorativen Gesprächen gewonnene - Vorverständnis über BRUCKER LAND sehr schnell und deutlich gezeigt, daß im dortigen Wirkungsgefüge unmöglich von linearen Ursache-Wirkungs- Zusammenhängen ausgegangen werden kann. Zu viele Personenabhängigkeiten, Irrationalismen und subjektive Intentionen sind mit im Spiel. Deshalb müßte ein mechanistisch-quantitatives Herangehen an das 'System' BRUCKER LAND scheitern, bzw. würde zu pseudoquantitativen Ergebnissen führen, die eine nicht vorhandene Exaktheit vortäuschen.

Ein nomothetischer Anspruch, durch eine Analyse der möglichen Wirkungsfaktoren den Erfolg von BRUCKER LAND zu erklären, ist deshalb prinzipiell nicht einlösbar. Vielmehr muß es um ein idiographisches Verstehen gehen und darum, dieses zu kommunizieren. Dazu soll sich das (Vor-)Verständnis im Laufe des Untersuchungsprozesses durch permanente Reflexion und gegebenenfalls Revidierung in einem hermeneutischen Sinne ständig erweitern.

In der Sprache der bekannten 'Ruderbootanalogie' geht es in der vorliegenden Arbeit also nicht darum, "an einem unbekannten See seine theoretischen Netze mit einer bestimmten Maschengröße auszuwerfen, die passenden Details einzufangen, nach Hause zu tragen und zu verarbeiten"2, sondern darum "mit im Boot der Betroffenen zu sitzen - allerdings weniger als Ruderer, vielmehr als jemand, der sich die Schwierigkeiten beim Rudern aus nächster Nähe betrachtet - als auch wieder mit Abstand und Distanz die Sache vom Ufer aus zu betrachten."3 Dazu wurde als Methode die Form des Schlüsselpersoneninterviews gewählt.

Obwohl es die Schlüsselpersonen sind, die aufgrund ihrer spezifischen Wahrnehmung der Realität handeln und dabei vielfältige Erfahrungen gesammelt haben, können sie sich (auch kollektiv) täuschen. Dies verdeutlicht Abbildung 4.2.11

Die Bedeutung der Spalte 'Subjektive Wahrnehmung - ja' wird im ‘kommunikativen Paradigma’ von Niklas Luhmann2 beschrieben, der damit auch den gesellschaftlich konstruierten Teil der Wirklichkeit als 'real' akzeptiert. Da jedoch eine Divergenz zwischen Meinung und Tatsache stets möglich bleibt, kann dieser phänomenologische Zugang die Untersuchung von Tatsachen (durch Quantifizierung, neutrale Plausibilitätsüberlegungen, Literaturanalysen, ...) zwar nicht ersetzten, diesen jedoch erst Handlungslegitimation verschaffen. Entscheidend als Zeiger von überindividueller Handlungsrelevanz ist letztlich die "Schnittmenge der Sichtweise des Forschenden und der regionalen Akteure"3

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4.3 SCHLÜSSELPERSONENINTERVIEWS

In Abstimmung mit der Geschäftsführerin der BRUCKER LAND GmbH, Frau E. Seiltz, und mit dem Kooperationspartner, Herrn L. Karg (B.A.U.M. Consult München GmbH), wurden 29 im BRUCKER LAND aktive Personen als Schlüsselpersonen identifiziert. Es wurde versucht, durch entsprechende Schichtungskriterien einen repräsentativen Querschnitt der aktiven Personen zu erhalten. Dies gestaltete sich indes schwierig, da weder die Abgrenzung noch die wesentlichen Parameter der Grundgesamtheit bekannt sind. Es ist allerdings ohnehin davon auszugehen, daß die befragte 'Stichprobe' annähernd deckungsgleich mit dem 'besonders aktiven und/oder besonders wichtigen' Personenkreis von BRUCKER LAND ist. Deshalb ist der Befragung nahzu der Charakter einer Vollerhebung zuzusprechen.

Darüberhinaus wurden auch Passanten, Supermarktbesucher und auch solche Personen befragt, die aus verschiedenen Gründen zwar mit BRUCKER LAND zu tun haben, die aber nicht eigentlich als 'Schlüsselpersonen' zu bezeichnen sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 4.3.1

Aufgrund mehrerer ermutigender Hinweisen in der Literatur1 zur empirischen Sozialforschung wurden die Befragungen mit einem Kassettengerät aufgezeichnet. Dies stellte sich bei der anschließenden Auswertung als enorm sinnvoll heraus. Eine negative Beeinflussung des Interviews, etwa durch weniger aufrichtige Antworten, ist nicht wahrscheinlich. Meist war nach einigen Minuten lockeren Gesprächs die 'Anwesenheit' des Kassettenrecorders nicht mehr im Bewußtsein. Einige Male wurde aber auch vor 'heiklen' Aussagen um Abschaltung des Gerätes gebeten.

4.3.1 Strukturierender Leitfaden

Der erste Teil einer Befragung wurde als relativ freier, aber vorstrukturierter Dialog geführt. Denn "durch ein 'freies' Interview wird ... aufgedeckt, was die Interviewten denken und nicht, was ihre Meinung darüber ist, was der Interviewer denkt."1 Der dazu entwickelte Leitfaden (siehe Anhang) weist zwar Elemente eines standardisierten Fragebogens auf, er wurde aber kaum als solcher verwendet. Die darin formulierten Fragen sind vielmehr als Stimulus zu interpretieren, auf den der Befragte anschließend frei reagieren konnte. In Ausnahmefällen wurden sogar völlig offene ('narrative') Interviews geführt, wenn entscheidende Aspekte durch das vorab entwickelte Fragenraster ausgelassen zu werden drohten. Der Leitfaden fungierte also eher als 'Checkliste', um keine wichtigen Themenbereiche zu vergessen.

Die Hauptthemen des Leitfadens wurden so festgelegt, daß sich dadurch das eigene Vorverständnis über BRUCKER LAND systematisch weiterentwickeln konnte. Zudem sollten einige Leitfadenthemen Zusatzinformationen für das anschließend zu entwickelnde ‘multidimensional skalierte Diagramm’ (MSD) erbringen und fungierten somit als Referenz-, teilweise auch als Kontrollfragen. Diese Zusammenhänge der einzelnen Punkte des Leitfadens mit den Elementen des MSD bzw. zu allgemeinen Fragen zeigt folgende Übersicht:

Tab. 4.3.1.1 FRAGENNUMMER IM LEITFADEN

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 Keynes, J.M., Nationale Selbstgenügsamkeit (erstveröffentlicht 1933). In: Mattfeld, H., 1985, S. 152-161

1 Ausführlichere Informationen zu BRUCKER LAND siehe auch in: Brand, R., Publikation in Vorbereitung, 1998.

2 Seiltz, E., persönliche Mitteilung am 11.02.1997 - eine besonders prägnante Formulierung des BRUCKER LAND Ziels lautet daher "Über das Essen in die Köpfe kommen!" Seiltz, E., persönliche Mitteilung am 07.04.1997

3 BRUCKER LAND Solidargemeinschaft e.V., Satzung des e.V., § 2, 1994

1 vgl. Glöckler, T., 1995

2 Gerschau, M., Vortrag vom 6.11.1997

1 Vgl. Satzung des eingetragenen Vereins, § 2: BRUCKER LAND Solidargemeinschaft e.V., 1994

1 zu Charakteristika einer Genossenschaft nach dem Marktstrukturgesetz von 1969 vgl. Der Oberstadtdirektor der Stadt Münster - Umweltamt, 1996, S. 65

1 Zu Projektalgorithmen allgemein vgl. Schelle, H., 1996

1 Vgl. dazu Heiß, C., 1996 und Wagner, C., 1997

1 Klotz, befragter Vertreter des AEZ, persönliche Mitteilung am 28.05.1997

2 Fürstenfeldbrucker Tagblatt, 04.07.1996

3 Umweltentlastungsrechnung von Prof. Dippold (TU München), persönliche Mitteilung am 10.07.1997

1 Dörner, D., 1989

2 BUND, MISEREOR, 1996, S. 24-26

3 Peters, U. et al., 1994, S. 18

1 Bundesministerium für Umwelt ... - Agenda 21, 1994, Kap. 32.4.

2 Peters, U., Sauerborn, K., 1994, S. 10

3 Peters, U., Sauerborn, K., 1994, S. 9 vgl. auch Beck, U., 1996

4 Vgl. dazu die Ausführungen von Grossmann zu "Biodiversität als Metapher". Grossmann, W.-D., 1992

5 Bundesministerium für Umwelt ..., Agenda 21, 1994

1 Rohr, H., 1990, S. 182

1 Pfister, G., 1996, S. 66

2 Haccius, M, 1996, S. 6

1 Mickasch, R., BRUCKER LAND Schlüsselperson, Vortrag am 6.11.1997

2 vgl. Dörner, D., 1989

3 N.B.: Meyer-Stamer, J. unterscheidet zw. “inkrementellen” und “elementaren” Innovationen, Vortrag am 28.02.1997

4 Ruppaner, M., 1994

5 vgl. Der Oberstadtdirektor der Stadt Münster - Umweltamt, 1996, S. 86 und: Franzmann, A., Ebert, U., 1996, S. 31

6 Hensche, H.-U., 1993, S. 224

1 Rohr, H.-G., 1990, S. 166

2 Arbeitsgemeinschaft ökologischer Landbau

3 vgl. BUND, MISEREOR, 1996, bes. Kapitel 4.6.

1 im Sinne einer hermeneutische Annäherung an das Ideal

2 Vgl. Meadows, D., 1972 und 1993

3 Daly, H., zit. nach Busch-Lüty, C., 1992, S. 7

4 Kopfmüller, J. et al., 1996, S. 65

1 Sauerborn, K., Peters, U., 1995, S. 30

2 grundlegende Ausführungen zum Thema 'Ziel-Controlling' siehe bei Rohr, H.-G., 1990, S. 75 ff und 121ff und bei Schelle, H. 1996, S. 135-144

3 Bundesverband der Deutschen Industrie e.V., Position 01, S. 7

1 Rohr, H.-G., 1990, S. 10

1 Sedlacek, P., 1989, S. 14

2 Vgl. dazu Sedlacek, P., 1990, S. 11 und Girtler, R., 1992, S. 172

1 Rogge, K.-E., 1995, S. 34

2 Zang, G., 1981, zit. nach Pohl, J, 1989, S. 41

3 Wiegandt, C.C., 1989, S. 137

1 Vgl. dazu Beck, U., 1996

2 Vgl. Luhmann, N., 1984

3 Sauerborn, K., Peters, U., 1995, S. 30

1 Vgl. Girtler, R., 1992, S. 169 und Wiegandt, C.C., 1989, S. 140 und Niedzwetzki, K., 1984, S. 67

1 Girtler, R., 1992, S. 163

Ende der Leseprobe aus 214 Seiten

Details

Titel
Nachhaltigkeit, Regionalisierung und strategische Allianzen. Analyse von Erfolgsfaktoren und Übertragbarkeit des BRUCKER LAND - Modells
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt  (Lehrstuhl für Kulturgeographie)
Note
1
Autor
Jahr
1998
Seiten
214
Katalognummer
V2728
ISBN (eBook)
9783638116503
Dateigröße
3330 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Diplomarbeit untersucht die Erfolgsfaktoren der Regionalisierungsinitiative Brucker-Land und darauf aufbauend die Übertragbarkeit auf andere Landkreise Die Arbeit hat leichte Formatierungsfehler (durch Konvertierung aus verschiedenen Datenformaten) die die Lesbarkeit aber nicht beeinträchtigen.
Schlagworte
Nachhaltigkeit, Regionalisierung, strategische Allianzen, Agenda 21, nachhaltige Entwicklung
Arbeit zitieren
Dr. Ralf Brand (Autor), 1998, Nachhaltigkeit, Regionalisierung und strategische Allianzen. Analyse von Erfolgsfaktoren und Übertragbarkeit des BRUCKER LAND - Modells, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/2728

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