Laut empirischer Erkenntnis pausieren Textproduzenten bei der Erstellung ihrer Texte bis zu 70 Prozent der Gesamtzeit – aber wie sähe wohl der Schreibunterricht in der Schule aus, wenn die Schüler 70 Prozent ihrer Zeit nichts täten und nur 30 Prozent der Unterrichtszeit schreiben würden? Manch Didaktiker, Bildungspolitiker und Lehrer mag sich so ein Szenario nicht einmal vorstellen, aus gutem Grund, denn es herrscht die absurde Vorstellung in unseren Köpfen, dass in der Schule am Ende des Tages nur die Leistung zählt und etwas auf dem Papier stehen muss – alles andere ist eine Sechs.
Schreiben in der Schule unterscheidet sich erheblich vom (beruflichen und literarischen) Schreiben außerhalb der Schule, das ist kein Geheimnis und auch keine Überraschung.
Mit der erworbenen Textsortenkompetenz kann man außerhalb der Schule in den meisten Fällen nur sehr wenig anfangen. Der schulische Schreibunterricht bereitet die Schüler nicht auf die Schreibanforderungen im richtigen Leben vor, weil dort Texte und Textmuster im Fokus stehen, mit denen außerhalb der Schule niemand kommuniziert bzw. die niemanden interessieren, d.h. im Klartext: »Adressatenbezug« und die »kommunikative Funktion« des Schreibens stehen in der Schule unter dem Verdacht, bildungs-, lebens- und praxisfern zu sein. Mit einer Erörterung über Die Leiden des jungen Werther von Goethe schafft es mit Sicherheit kein Schüler in die Spiegel-Bestsellerliste.
Die Ausbildung und der Erwerb von Schreibkompetenz finden zu einem Großteil außerhalb der Schule statt, wo Schüler Ideen entwickeln und ausreifen, sich Gedanken machen und über ihr Leben reflektieren. In der Schule müssen die Schüler liefern, d.h. die Schule ignoriert im Schreibunterricht die 70 Prozent, die den entscheidenden Teil der Textproduktion ausmachen, zugunsten der abfrag- und vergleichbaren anderen 30 Prozent.
Zentraler Ansatz dieser Arbeit ist deshalb die Frage, warum sich Schreibunterricht in der Schule so sehr vom tatsächlichen Schreiben außerhalb der Schule unterscheidet?
Ist Schreibunterricht in der Schule wirklich so realitätsfern und wenn ja, woran liegt es, dass zwar durch die Verdienste und Ergebnisse der Schreibforschung stetig neue Aspekte des Schreibprozesses erforscht werden, diese aber nicht in der Schule umgesetzt werden?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Schreibunterricht ist nicht gleich Schreibunterricht
1. Einführung in die Schreibprozessforschung
1.1. Die Entwicklung des Schreibens – eine Analyse von Carl Bereiters Modell
1.2. Bereiters Schreibmodell als Orientierung für den Schreibunterricht?
2. Die Grundproblematik im Schreiblernprozess
3. Institutionelle Schreibpraxis
3.1. Schreibunterricht in der Schule
3.2. Didaktische Grenzen des Schreibunterrichts
3.3. Fazit
Schluss: Die Zukunft des Schreibunterrichts – ein Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Diskrepanz zwischen wissenschaftlich fundierten Modellen des Schreibprozesses und der schulpraktischen Umsetzung des Schreibunterrichts. Dabei wird analysiert, warum schulischer Schreibunterricht oft als realitätsfern wahrgenommen wird und wie eine stärkere Berücksichtigung individueller Schreibprozesse sowie der Schülerautonomie zu einer effektiveren Förderung der Schreibkompetenz beitragen könnte.
- Analyse des Schreibkompetenzmodells nach Carl Bereiter
- Untersuchung der Grundproblematik zwischen Objektivität (Lehrvorgaben) und Subjektivität (individuelles Schreiben)
- Kritische Reflexion der Rolle von Lehrplänen und Literaturkanons im Schreibunterricht
- Diskussion über das Schreiben als fächerübergreifende Schlüsselkompetenz vs. fachinterne Gebundenheit
- Entwicklungsperspektiven für einen lernersensitiveren Schreibunterricht
Auszug aus dem Buch
1.1. Die Entwicklung des Schreibens – eine Analyse von Carl Bereiters Modell
Bereiter nennt in seinem Modell fünf Schreibkompetenzstufen, die einen Schreibnovizen von einem Schreibexperten unterscheiden bzw. die ein Schreibnovize durchlaufen muss, um zu einem Schreibexperten zu werden. Auf jeder der fünf Kompetenzstufen erwirbt der Schreiber neue Fähigkeiten, die zur Steigerung der Schreibkompetenz beitragen.
„Die jeweiligen Stufen unterschieden sich dadurch, dass erstens jeweils eine neue Kontrollebene in den Blick des Schreibers rückt und dabei zweitens neue Schreibziele ausdifferenziert werden. Die fünf Stufen sind nacheinander bestimmt durch die Dominanz der Aspekte Prozess, Produkt und Leser [...]“ (FEILKE 2003, 181).
1. Das assoziative Schreiben (Associative Writing) ist sehr stark von der Knowledge-telling-Strategie geprägt, d.h. bei dieser Strategie geht es um die bloße Wiedergabe von Wissen beim Schreiben (vgl. MOLITOR-LÜBBERT 1996, 1014). Am Anfang des Schreiblernprozesses ist es nicht wichtig, was der Schreiber schreibt, sondern einfach nur, dass er schreibt. Es kommt einzig und allein auf den Prozess an und es geht darum, dass der Schreiber solange schreibt, bis ihm nichts mehr einfällt. Diese Methode könnte man als Erweiterung des Freewriting (Automatisches Schreiben) aus dem Kreativen Schreiben verstehen, die dazu dient Schreibblockaden abzubauen und in einen Schreibfluss zu kommen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Schreibunterricht ist nicht gleich Schreibunterricht: Die Einleitung beleuchtet die Diskrepanz zwischen realer Textproduktion und schulischem Schreibunterricht und formuliert die zentrale Forschungsfrage nach den Ursachen dieser Entfremdung.
1. Einführung in die Schreibprozessforschung: Dieses Kapitel analysiert das Schreibmodell von Carl Bereiter hinsichtlich seiner fünf Kompetenzstufen und prüft dessen Eignung als didaktisches Orientierungsmuster.
2. Die Grundproblematik im Schreiblernprozess: Der Fokus liegt hier auf dem fundamentalen Konflikt zwischen der Objektivität normativer Vorgaben und der notwendigen individuellen Subjektivität in Schreibprozessen.
3. Institutionelle Schreibpraxis: Es erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit den realen Bedingungen des Schreibunterrichts in der Schule, insbesondere im Hinblick auf Curricula, Leistungsbeurteilung und die Verwechslung von Schreib- mit Literaturunterricht.
Schluss: Die Zukunft des Schreibunterrichts – ein Ausblick: Der Ausblick formuliert Anforderungen an einen zukünftigen Schreibunterricht, der Schreibkompetenz als eigenständige, aktive Problemlösungsfähigkeit versteht.
Schlüsselwörter
Schreibprozess, Schreibkompetenz, Bereiter-Modell, Schreibunterricht, Textproduktion, Schriftspracherwerb, Didaktik, Individuelle Handschrift, Schreiblernprozess, Lernerzentrierung, Institutionelle Schreibpraxis, Schreibforschung, Schreibfluss, Leistungsbeurteilung, Kompetenzstufen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen des Schreibens sowie die Probleme der schulpraktischen Umsetzung von Schreibdidaktik in Bildungsinstitutionen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Schreibprozessforschung (speziell nach Carl Bereiter), der Analyse des Schreiblernprozesses und der Kritik am aktuellen schulischen Aufsatzunterricht.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, warum sich schulischer Schreibunterricht oft vom realen Schreiben unterscheidet und wie der Schreibprozess effektiver gefördert werden könnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine modellbasierte Analyse, kombiniert mit einer kritischen Reflexion bestehender Curricula und bildungstheoretischer Ansätze.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von Bereiters Modell, die Erörterung der Grundproblematik zwischen Individualität und Norm sowie die institutionelle Kritik am Deutschunterricht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Schreibkompetenz, Schreibprozess, Individualität, Didaktik und der Gegensatz von prozess- und produktorientiertem Schreiben.
Warum ist die Anwendung von Bereiters Modell auf die Schule problematisch?
Das Modell ist deskriptiv angelegt und auf individuelle Lernwege ausgelegt, während Schule häufig an starren, normierten Vorgaben und einer produktorientierten Leistungsbeurteilung festhält.
Welche Bedeutung hat die "Individualität" in der Arbeit?
Die Autorin argumentiert, dass Individualität ein notwendiger Bestandteil des Schreibens ist, der jedoch im schulischen Bewertungssystem der Vergleichbarkeit geopfert wird.
Wie sollte Schreibunterricht laut dieser Arbeit gestaltet sein?
Er sollte als eigenständiges Fach oder zumindest fächerübergreifend agieren, Schreibern Raum für ihre eigene Individualität lassen und weniger auf reproduktive Aufgaben setzen.
- Quote paper
- B.A. Jan-Christian Hansen (Author), 2014, Schriftspracherwerb & Textproduktion. Die didaktischen Grenzen des Schreibunterrichts (und der Schreibwissenschaft), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272928